Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 24.2.1837 (Blankenburg)


F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 24.2.1837 (Blankenburg)
(UBB 24, Bl 59-60, Brieforiginal 1 B 4° 4 S., ed. KG 1884, 169-172, mehrfach zit. Stöcker 1936, 59f.)

Blankenburg bey Rudolstadt am 24' Febr 1837.
L. Lgthl! Ich beginne sogleich mit dem Abschreiben dessen was ich Dir am
Schlusse des jüngsten Briefes versprach.


Anstalt
zur Pflege des Familienlebens u. zur Bildung für das Volks- u. Menschheitleben,
durch Pflege des Thätigkeits- des Forschens- und Bildungstriebes im Menschen,
im Kinde als Glied der Familie, des Volkes und der Menschheit; und so

Anstalt

zur Selbstbelehrung, Selbsterziehung und Selbstbildung des Menschen
durch Spiel, schaffende Selbstthätigkeit und freythätigen Selbstunterricht
für Familien und für Kleinkinderpflegeschulen, für Begründungs- u. Volksschulen.
     *
      Begründung des Ganzen:
der Mensch ein schaffendes Wesen; das Leben ein Ganzes.
Im Anfang des Daseyns jedes Wesens liegt die Entwickelung und Ge-
staltung seines ganzen künftigen Lebens begründet; von der Erkennt-
niß, Erschaffung und Pflege dieses Anfangs und Beginnes jedes Wesens
hängt ganz die Erschaffung und Form, die Wirksamkeit desselben ab.-
Der Mensch als Kind gleicht der Blume an dem Gewächse, der Blüthe an
dem Baume: wie diese in Beziehung auf den Baum, so ist das Kind in Beziehung auf
die Menschheit eine junge Knospe, eine frische Blüthe derselben, und als solche
trägt umschließt u. verkündet es immer wiederkehrend die Erscheinung eines
neuen Menschheitlebens.-
Wie die Blüthenknospe eines Baumes mit Zweig, Ast und Stamm, mit
der ganzen Wurzel- und Kronenverzweigung desselben verbunden und
so, durch diese doppelte Verzweigung mit Erde und Himmel ja dem
ganzen All zur Entwickelung und Darlebung seines Wesens in innigem
Zusammenhange und lebenvollen Wechselverkehre steht; so steht auch
der Mensch in allseitig entwickelndem Lebensverkehre mit Natur,
Menschheit und allen geistigen Wesen und Wirken, mit dem gemein-
samen Allleben.-
Von der richtigen Erfassung des Menschen als Kind, sowohl in seinem
Wesen als seiner Verhältnisse nach und von der entsprechenden
Behandlung des Menschen nach diesem Wesen und nach diesen Verhältnissen
hängt einzig die seegensreiche, die zur Vollkommenheit und Vollendung
führende Entwickelung des Menschen, die Befähigung zur Erreichung seiner
Bestimmung und so zur Erringung von ächter Lebensfreude und wahren
Lebensfrieden ab.-
Der Mensch aber ist Geschöpf und als solches ist er Glied und Ganzes
darum ein Gliedganzes; denn nach der einen Seite hin ist er als /
[59R]
Geschöpf Glied der Schöpfung; nach der andern Seite hin ist er aber auch Ganzes,
indem er eben als Geschöpf, das Wesen seines Schöpfers lebendiges
und schaffendes, lebenvolles u. lebenzeugendes Wesen, als ein in sich
Einziges, in sich trägt.-
Dieses Ur- und Grundwesen des Menschen, als Leben an und in sich und
darum wieder Leben gebend, offenbart sich aber, thut sich kund
in dem schaffenden Bildungstriebe des Menschen; schon {als / im} Kind in
dem beachtenden, zerlegenden und einenden, gestaltenden und
schaffenden Thätigskeitstriebe desselben.
Der Mensch als Kind erscheint aber bedingt und vermittelt
durch Vater und Mutter, durch Eltern.
Vater, Mutter und Kind bilden ein in sich dreyeiniges Lebensganzes,
die Familie; und der Mensch als Kind ist es eben, welcher in seinem
Erscheinen und durch sein Erscheinen die Familie das Familienleben
schafft, wie dagegen auch des Menschen stetig fortgehendes Er-
scheinen auf der Erde unerläßlich an die Familie gebunden ist.-
Wie schon in seinem Urerscheinen in der Schöpfung (:auf der Erde:)
so erscheint auch der Mensch in der Familie wieder als wahrhaftes
Gliedganzes, indem er wie Ganzes in sich, so zugleich auch noth-
wendig Glied des Familienlebganzen ist.-
Als Familienglied nur wird dem Menschen möglich allseitig
wahrer und ganzer Mensch zu werden; ja die Familie als ein Gan-
zes ist selbst ein wahrer Ganzmensch, das Familienleben als ein
Ganzes ist wahres Voll- und Ganzmenschleben.-
Wie nun die Familie die Grundbedingung zur Erscheinung des Men-
schen und die Vermittlerin seines Daseyns ist; so erreicht auch
der Mensch als Kind nur einzig vermittelt und bedingt durch
die Familie vollkommen die Entwickelung seines schaffenden Bil-
dungs- und Thätigkeitstriebes; so wird ihm nur vermittelt
und bedingt durch das Familienleben vollkommene Darlebung desselben
möglich.-
An die stille Pflege dieses Thätigkeitstriebes in der Familie nun,
an die sinnige Entwickelung des Kindes zur Befriedigung desselben,
an die Befähigung des Kindes diesem Bildungtriebe getreu thätig zu
seyn, daran knüpft sich alle ächte Menschenerziehung und wahre
Menschenbildung und somit auch dieses unser Streben an.-
Unser Streben hat sich den großen Lebenszweck gesetzt dem
Menschen möglich zu machen sich von seinem ersten Erscheinen auf
der Erde an als ganzen Menschen: - als ein Ganzes in sich und
in Übereinstimmung mit dem Lebensganzen an sich frey und selbstthätig /
[60]
zu entwickeln zu erziehen; sich so zu belehren, zu unterrichten; sich so als bestimm[-]
tes Gliedganzes des Alllebens zu erkennen und als solches frey und
selbstthätig kund zu thun, zu leben.
Hierzu findet sich nun auch in der Familie, in dem Familienleben die
Ur- und Grundbedingung die Liebe, die Eltern- Kindes- und die
Familienliebe; und eben in der Nährung, Befähigung und Entwickelung
des schaffenden Thätigkeitstriebes im Kinde und durch dieselbe offenbart
sich die Liebe, die Vater- und Mutter- die Elternliebe in ihrem ganzen
Wesen. Die Pflege desselben ist ein Wecker und Stärker der Bruder-
und Schwestern-, gegenseitiger Geschwisterliebe; sie ist also um-
fassender Ausdruck wahrer Eltern- und Kindes- ächter Familienliebe,
sie ist Begründung dereinstiger thätiger Volks- und Menschheits-
liebe und so offenbart sie alle Liebe und das Wesen der Liebe, in-
dem sie ihr zugleich genügt.-
Es ist aber auch schon ganz uner(lässig)läßlich, also wesentlich nothwendig
den Menschen, und zwar schon in seinem ersten Erscheinen
als Kind und stetig in seinem ganzen Leben als schaffendes Wesen
zu beachten, zu behandeln und zum Selbstschaffen zu befähigen und
auszubilden; damit er schon von frühe an den Schöpfer, die Schöpfung
das Geschöpf und so sich selbst in dieser dreyfachen Beziehung und Ver-
knüpfung nach Maaßgabe der jederzeit und steigend in ihn [sc.: ihm] ent-
wickelten Fähigkeit finde und erkenne, verstehe und erfasse
und so erreiche was dem Menschen als Erdner Beruf und Bestimm-
ung ist: - Gott in der Schöpfung und in dem Geschöpfe, so im Menschen
und der Mensch in sich selbst, so Jedes in dem Übrigen und die Übrigen
in jedem Einzelnen zu erkennen und zu pflegen, darzustellen und
darstellend zu machen, zu schauen und schauend zu machen.-
Sehen, Erkennen, Schauen u.s.w. aber erfordert und be-
dingt Licht.
Aus der genügenden Pflege des schaffenden und beachtenden
Thätigkeitstriebes im Menschen entwickelt sich ihm also wie Er-
kenntniß so Licht, Licht in ihm und um ihn; es offenbart sich uns
daraus des Menschen Bestimmung und Beruf Licht in sich zu seyn, wie
im Lichte zu wandeln, zu leben; wie ihm so auch möglich wird dieser
Bestimmung zu genügen.-
Wir sehen also den Menschen gleich von seinem Ersten Erscheinen
auf der Erde, von seinem ersten Auftreten in der Familie an sich
in einem dreyfachen, aber in sich innig Einigen, in einem in sich Drey-
einigen und durch dasselbe sich bewegen: in Leben
und durch Leben, in Liebe und durch Liebe und im Lichte, im Sehen, /
[60R]
Schauen, Erkennen und durch Licht.-
Als Leben aber zeigt sich Gott in der Natur; als Liebe und in Liebe
offenbart sich Gott in der Menschheit und als Licht und im Lichte thut
sich Gott in der Weisheit im Geiste kund. Und so ist Gott das Leben
die Liebe und das Licht und in solcher Dreyeinigkeit erscheint er
als Schöpfer in der Schöpfung und im Geschöpfe.
In Leben, Liebe und Licht und als Leben, Liebe und Licht thut sich
also auch das Seyn und Wesen des Kindes, des Menschen als daseyend
kund, offenbart es sich als erschienen und erscheinend.-
Durch das Leben erscheint das Kind, der Mensch, geknüpft an die
Natur, an das All, durch die Liebe erscheint es geeint mit
der Menschheit und durch das Licht erscheint es einig mit der
Weisheit mit Gott.-
Der Mensch als Geschöpf ist also in seinem Erscheinen auf der
Erde in der Allseitigkeit seiner Beziehungen gleichsam als ein
dreyfaches Kind; aber als Kind in drey, - freylich dem Wesen nach
in sich einigen - Rücksichten zu betrachten, zu beachten und zu pflegen
als Naturkind, als Menschenkind und als Gotteskind; d.h. ein-
mal seinen allgemeinen irdischen Bedingungen und Verknüpfungen,
seinem Leben nach - dann seinem besondern menschlichen Daseyn
seinem Lieben nach, - endlich seinem ursprünglich geistigen Wesen
seinem Schauen nach: in erster Beziehung als ein gebundenes,
gefesseltes, unbewußtes den Trieben unterworfenes sinnliches,
nur als lebendes Wesen - in letzter Beziehung dagegen als
ein freyes, nicht nur des Bewußtseyns fähiges, dazu bestimmtes
sondern schon im Ahnen seines Wesens bewußtes, darum
höherer Lebenseinheit aus eigenem Wollen folgendes,
sinniges, schauendes, geistiges Wesen; und in der mittleren
Beziehung, als ein vom Gebundenseyn und der Fessel nach Freyheit,
von der Einzelheit nach der Einheit und nach Bewußtseyn ringendes
einem steten Streben hingegebenes sehnendes, in der Ahnung
zu findender Einheit, liebendes Wesen.
Nur wenn der Mensch, das Kind gleich durch die gesammte Pflege seines
Lebens, seines schaffenden Thätigkeitstriebes, so, in der Dreyeinig-
keit seines Wesens, in der Einheit seines Lebens in der Allseitigkeit
seiner Verhältnissse und Beziehungen, als Erdner gleichsam
seinem Seyn, seinem Haben und seinem Werden nach
erfaßt u behandelt wird, so kann er sich als das was er ist, als das
mehrseitige und gegliederte Gliedganze des Alllebensganzen
seiner Bestimmung, seinem Berufe getreu u gemäß entwickeln.-
So bekommst Du also doch schon mit der heutigen Post was Dir erst die nächste bringen sollte. /
[59V]
Du und Spieß habt doch meine jüngsten Briefe erhalten?- Meine Frau ist Ihrem Zustande nach ziemlich wohl, sie grüßt.-