Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 14.3.1837 (Blankenburg)


F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 14.3.1837 (Blankenburg)
(UBB 25, Bl 61-62, Brieforiginal 1 B 4° 4 S., ed. KG 1885, 9-12; zit. Prüfer 1909, 19f.)

Blankenburg ohnweit Rudolstadt am 14n März 1837.·.


Gott zum Gruß lieber Langethal.

Du wirst Dich gewiß wundern schon wieder einen Brief von mir
zu erhalten: doch der Grund davon ist ganz einfach. Ich warte we-
nigstens seit 8 Tagen auf bestimmte Antwort von Spieß ob er
und sein Bruder in meinen Antrag eingehen kann und ob letzterer
in nächster Zeit zu mir nach Blankenburg kommen wird. Die
Zeit flieht und mich drängt auf das Ernsteste die Ausführung
meiner Unternehmung; vor allem rückt auch Ostern heran
wo sich Gyger wegen seiner Zukunft entscheiden muß; und
wie ich Dir schon in meinen früheren Briefen aussprach ich möchte
den Gyger sehr gern für meine Unternehmung behalten wie
ich ihn sehr ungern für solche verliehren würde. Da ich nun
seit ohngefähr 14 Tage[n] oder 3 Wochen durch Mithülfe von Friedrich
Bock
, welcher wöchentlich 3 Tagen (immer über den zweyten) von Keilhau
hieher kommt, die Vorarbeiten mit allem Eifer betreibe, so ergreift
mich immer mehr der Geist welcher sich aus demselben ausspricht und
der lebenvolle Zusammenhang welcher sich in demselben mir kund thut,
da möchte ich nun freylich immer zweyerley einmal daß die Sache
nun auch lebendig vorwärtsgehe und allseitig ohne fernere Stöhru[n]g
aus sich allseitig gleichzeitig hervorwachsen könne. Dann aber auch daß ich das Ganz[e]
mit Männern, theils von Einsicht in die Sache
wie z[.]B. Gyger, dann mit Männern von Lebenserfahru[n]g wie ich
mir sowohl Spieß denke als den Gyger schon kenne, bearbeiten
könnte, denn das wirkt doch gar sehr zur klareren und bestimmteren
als besonders auch schnellern Darstellung wenn einmal das Ganze
allseitig durch- und überdacht ist:
Ich habe mir darum die Sache vielseitig überlegt. was [sc.: Was] gesch[e]h[e]n
soll muß bald in schneller Folge und mit Vielseitigkeit geschehen
darum komme ich zu Dir und [sc.: um] Dich zu bitten dem Gyger nun mit
völliger Bestimmtheit den Antrag zu machen zu mir nach Deutsch[-]
land und nach Blankenburg als Mitarbeiter an meiner neue Unter[-]
nehmung zu kommen und ihn zu fragen Hinsichts [sc.: hinsichts] des Reisegeldes
so wohl als hinsichtlich des Jahrgehaltes. Spieß Bruder mag
nun kommen oder mag nicht kommen. Will er kommen so können
sie ja die Reise gemeinschaftlich machen. Will oder kann er erst
später kommen, so ist es mir lieb wenn Gyger je eher je lieber
bey mir eintreten könn[e]. Wegen des Reisegeldes bestimme noch beson- /
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ders ob er es auslegen kann und will und ich es ihn [sc.: ihm] hier zurück zahlen
oder in der Schweiz auszahlen lassen soll. Da irre ich nicht sehr
Buri Zahlungen in Sachsen zu machen hat; so gienge es vielleicht
daß Buri das Geld in Burgdorf auszahle und er mir Anweisu[n]g
gebe wohin ich es hier zurück zu zahlen habe. Oder wie ist es mit
preußisch. Cassenanweisung[e]n, werden sie in der Schweiz z[.]B[.] in Bern
angenommen und wie hoch? - eigentlich müßte sie nach Schweizer
Curs 26 Batzen stehen denn hier stehen sie 26 gl[sc.: Silbergroschen] und auch etwas
höher wohl z[.]B[.] in Saalfeld 26¼ gl und 12 Xr. machen doch
hier 3 gl wie in der Schweiz 3 Batzen.
Die Bestimmung des Reisegeldes sowohl als des Jahrgehaltes überlasse
ich Dir ganz und gar, denn wenigstens ein Jahr muß ein ernst[-]
licher Versuch gemacht werden und an diesen beyden Bestimmung[e]n
darf weder das Ganze scheidern [sc.: scheitern] ja nicht einmal die Unterneh[m]u[n]g
in ihrem frischen Beginne gehemmt werden. Doch habe ich auch
das feste Vertrauen zu Dir daß Du thust was billig und recht
ist um die Geld Ausgaben nicht gleich Anfangs zu stark auf
den [sc.: dem] Ganzen lastend zu machen; denn jeder Mitarbeiter muß
bedenken, daß er als solcher ein ganz neues so tief in sich selbst
begründetes als allseitig fruchtbringendes Unternehmen in
seine Hand bekommt; und daß jeder so wie ich und Du,
wenn er eingehend ist die rein menschliche Sicherung seines
Lebens begründet.- Allein 100 oder 200 Schwe[i]zerfranken dürfen
die Unterneh[m]u[n]g in ihrem frischen und gesunden Ausf Beginne ni[c]ht
hemmen noch weniger sie ganz scheidern [sc.: scheitern] machen.- Nun dünkt
mich hättest Du meine Bestimmung klar genug um mit Entschieden[-]
heit handeln zu können. In Beziehu[n]g auf Spieß - wenn er sich noch
zum Eintritt bestimmen wollte schreibe mir auf: ob ich, in zur [sc.: zu]
übertragender Geschäftsführung mich ganz auf seine treue
und sorgliche Ausführung so gut wenigstens verlassen kann
als wenn ich solche für mich selbst besorgte. Sprich darüber
auch mit unserm Burgdorfer Spieß. Dieser Punkt ist mir
aufs Höchste wichtig damit ich so viel als möglich der geistigen
Vor- und Ausarbeitung [widmen] kann und in mir sicher bin jene werde[n]
eben so treu und sorglich der äußeren Ausführung und Darstellu[n]g
leben.- Nun vom gegenwärtigen und nächsten.
In der hiesig[e]n Umgegend herrschten bisher viele Krankheiten, besonders
die sogenan[n]te Grippe, wenigstens sehr starker Husten und Schnupfen.
Auch in Keilhau mußten sie ich glaube alle ohne Unterschiede durch
und mußten sogar einige Tage das Haus hüten.- Doch höre /
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[ich, es ] soll jetzt alles wiederhergestellt seyn. Aber besonders war unser
Barop nicht unbedeutend an Brustbeschwerden krank, ohnzweifel von
zu großer Anstrengu[n]g denn er hatte wöchentlich nahe an 40 Stunden Un[-]
terricht zu geben; dabey ein[-] 2mal in der Woche und alle 3 Wochen
Sonntags die Aufsicht außerdem noch die große Last der Geschäfts[-]
führung und des Briefwechsels. Doch geht es auch Gott sey Dank mit
ihm etwas besser, besonders da er jüngst einige Erleichterung be-
kommen hat. Du hast vielleicht schon von Willisau aus gehört, daß
nun seit 14 Tagen ein gewisser Candidat Hartmann aus Schwarza
dort als Lehrer besonders für die classischen Sprachen angestellt ist; er
bekommt jährlich nebst freyer Statio[n] Rth. 60.- Daß Titus Pfeiffer
aber sich hier und in Keilhau 3 Wochen gefallen hat, wirst Du ebenfalls
von Willisau gehört haben; er war zu 3 verschiedenen malen und
2 mal jedeszeit [sc.: jederzeit] 2 Nächte fern. Wir haben viel uns mitgetheilt; er
schien eben so eingehend als anerkennend, und mit s[o]lchem Einblick in
das Leben und mit solchem Überblick über dasselbe habe ich noch keinen
aus unserm Kreise entlassen. Besonders haben wir sein eigenes
Familienverhältniß und desse[n] der Familie Verhältniß zu uns
und zu mir mehrfach bespro[c]hen; es ist wahr es hat sehr viel eigenes[.]
Titus schied kindlich und gerührt und ich bin wirklich erwartungsvoll
ob etwas menschheitlich Erspriesliches aus seinem Leben hervorgeh[e]n wird.
Gestern war hier ein schöner Frühli[n]gstag da ist denn meine Frau zum
erstenmale, seit wir hier in Blankenburg wohnen aus dem Hause
gekommen und nach Tis[c]h einige Hundert Schritte mit mir vor dem Hause
hin[-] und hergegangen. Es ist wahr unser Häuschen liegt zum freyen.
Naturgenuß gar lieblich und was die nä[c]hsten Umgebu[n]g[e]n betrifft
schöner als noch je ein[e] Wohnung welche wir in Deutschland und der Schweiz
gehabt haben, denn nicht allein empfängt einen wie man aus der Wohnung
tritt gleich die freye wirklich reiche Natur sondern was für meine
Frau so höchst wesentlich ist: - gleich gerade gebahnte Wege nach 5 und
mehr Richtungen hin. Meine Frau erfreut sich alles dieses recht dank[-]
bar und ich habe nun wieder Hoffnung daß sie sich auch aller dieser
Schönheiten in ihrem Frühlingsschmuck erfreuen wird.- Anfangs die-
ses Monats war die theure Frau aber ganz besonders kränkig,
zwar ohne bettlägerig zu seyn jedoch auf das höchste schwach und an[-]
gegriffen, jetzt geht es aber wieder etwas besser, so daß doch Hoff-
nung ist bey den nun bald kommenden schönen Frühlingstagen wird
sich ihre Kraft wieder stärken und ihre Gesundheit sich bis zum frohen
Lebensgenusse wieder erholen. Wenn ich nur eine erfahrene und zugl[e]i[c]h
töchterliche Gehülfin für sie finden könnte: eines ohne das andere /
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fände sich wohl. Doch da wenn einmal beydes nicht geeint sein soll,
so wird sich meine Frau wohl an das letztere wenden und auf
das erstere Verzicht leisten; da ist uns denn mehrseitig auf
die menschlichste Weise ein junges, freylich erst im 15en Jahre
stehendes Mädchen empfohlen worden. Eine Waise von Vater
Seite, d welcher Cantor in Saalfeld war. Und meine Frau, zu
jungen Töchtern leicht Vertrauen fassend, allein freylich auch
für ihre jetzige Kraft sich leider oft zu viel bietend, wird es
<demnach / dennoch> wohl mit dieser versuchen. Mir ist es freylich bang, und
ich weiß nicht was es werden soll wenn wir täglich noch
einen oder gar 2 Kostgänger bekommen; doch weiß sie das alles
so gut wie ich und ich kann nicht zureden, sich zu der Erfahrung
zu wenden, denn wer weiß wie diese dennoch beschaffen
wäre, und Ihr wißt was meine Frau dort zwar nicht der Masse
aber der Pünktlichkeit und Sorglichkeit nach fordern würde.-
Meine Frau hat in diesen Tagen und bey diesen Veranlassungen
besonders auch mütterlich viel der Deines Deinen und ihres töchterlich[en]
Sinnes dankbar gedacht.-
Der von mir zu begründenden Anstalt werde ich den Namen
Autodidaktische Anstalt
geben. Vieles bestimmt mich dazu. Jedes deutsche Prädikat, welches
ich der Anstalt welches ich der Anstalt um der Kürze der Bezeich[-]
nung willen doch geben müßte ist mir immer einseitig und dann
für mich wesentliches nach einer andern Seite hin ausschließe[n]d.
Allein ein Autodidaktus dieß schließt Selbstthätigkeit im Erkennen
und für Erkennen wie im Darstellen und für Darstellen und Können
ein, drückt mir <recht / wohl> in Beziehung auf den Menschen das Selbstwach-
sen, Selbstblühen und vor allem Selbstfruchten des Baumes aus.
Dieß das eine, dies zweyte nicht minder, ja gleich wesentliche ist daß
ich so ein Wort s eine Bezeichnu[n]g habe welche im Englischen und Franzisch[e]n [sc.: Französischen]
so wie in jeder ähnlichen Sprache ganz die gleiche Bedeutung hat
und weder umschrieben zu werden braucht noch unvollständig
übersetzt werden muß. Kurz ich möchte es ein Cosmopolitisches,
weltbürgerliches Wort nennen denn [sc.: dem] so überall in Amerika
Asien, wie in Europa der Eingang verstattet ist. Was meinst
Du dazu?- Ich hätte Dir noch mehr darüber zu sagen doch kannst
Du es selbst finden z.B. es ist wie eine Blume, ein Crystall eine Festge-
stalt welche durch ihre Erscheinu[n]g selbst spricht; es verbindet mit dem
Classischen wie mit dem praktischen Leben, worinn es besonders in Deutschla[n]d
viel bekannt ist und bezeichnet besonders das Erfassen und Pflegen von
Naturbedingungen.- Nun lebt alle recht wohl von allen die herzlichsten Grüße[.]
[Nachschrift auf den Rändern von 62R/62V/61R/61V:]
Der Herr Pfarrer in Eichfeld ist wieder recht krank gewesen und man meynt daß er lange hier sein Amt nicht werde besorgen können. Seine Krankhei[t]
ist die frühere. Du weißt daß er mit Gustav Hübner u jetzt Carl Wedemeyer eine Art Filial Anstalt errichtet hat. Man meynt er habe das Nürnberger
berühmte Instrument erfunden, was denn auch wirklich der Fall seyn soll; aber man sieht um welch theures Gut!- Nun seyd Gott befohlen EFrFr.
Wie steht es mit Willisau?- Ich wollte ich hätte schon einen großen Vorrath an Arbeiten, dann wollte ich gleich zeigen wie ich wegen des Canton Luzerns und
wegen Willisau denke, doch dazu muß man sich ja den Weg offen und gebahnt erhalten.-