Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Alexander Roda in Willisau v. 16.3.1837 (Blankenburg)


F. an Alexander Roda in Willisau v. 16.3.1837 (Blankenburg)
(BN 612, Bl 10-12, Reinschrift 2 B 8° 5 ½ S. Das zweite Blatt des zweiten Bogens ist leer und nicht paginiert.)

Blankenburg bey Rudolstadt am 16 März 1837.·.


Lieber Herr Roda.

Auch ich danke Ihnen herzlich für Ihre so offene und ver-
trauende Antwort, wie Sie so freundlich waren es
für meinen aufrichtig und redlich gemeynten Brief
an Sie zu thun.- Ob ich nun zwar glaube, daß Sie eben
keine weitere Antwort auf Ihren jüngsten Brief
an mich von mir erwarten, so kann ich doch durch die
schlichte menschliche Sprache desselben bewogen mich
nicht entschließen denselben ohne Erwiderung zu
lassen, auch will ich in derselben eben so wenig - eben
aus wahrer Achtung für die Empfindungen Ihres Her-
zens, in dieselben eingehen als ich überhaupt durch
dieselbe stöhrend in die Entwickelung Ihres Lebens einzugreifen wünsche[.]
Ich komme jetzt blos in höherer allgemeiner Lebens-
und in Rücksicht auf Sie, in höheren BerufsBeziehungen
zu Ihnen; also gegenseitig auf gleicher Stufe der
Lebensverhältnisse, nur ich zufällig älter, einan-
der gegenüberstehend. Da erlauben Sie mir nun
Ihnen als Vater, Bruder, Freund, oder wie es Ihnen
sonst zu bezeichnen am zusagendsten ist, mit den [sc.: der]
aufrichtigsten Gesinnung und redlichstem Herzen
Ihnen aussprechen zu dürfen: daß Sie mit Ihrem
schnellen Austritt aus Willisau in Beziehung auf
die tiefere, gründliche und Ihnen ganz genügende Erfas-
sung Ihres eigenen Lebens einen zu voreiligen,
oder übereilten Schritt gethan haben. Ich sage /
[10R]
mit Bedacht nicht, unüberlegten; denn ich glaube
Sie ganz aus Ihrem Briefe in Ihrem Handeln zu
verstehen, und somit gebe ich Ihnen unbedingt zu,
daß Sie diesen Punkt unzähligemal von einer
Seite zur andern gewandt und immer als das gleiche
Ergebniß bekommen haben: - "nein, es geht nicht
länger, ich halte es nicht aus, ich muß fort!" - allein
demohngeachtet glaube ich war Ihr Austritt zu
übereilt. Mich dünkt nemlich die Gesinnungen
mit welchen Sie Ihren ersten Brief an mich schrieben
hätten Ihnen auch sagen sollen, daß ein wahres
Vertrauen in seinen Folgen sich weder so schnell
entwickelt, noch daß man es darum so schnell
abbrechen darf. Dieß dünkt mich hätte Ihnen auch
mein Brief bestätigen müssen, und so glaubte ich
und Ihre hiesigen Freunde gewiß, mein Brief würde
Ihren ersten Schritt aufheben; allein sagte ich es Ihnen
nicht Ihr Gemüth, Ihre eigene Lebensansicht, Sie selbst
sind es welcher sich dem Kreise erhält, oder sich ihm
nimmt, ich kann nicht nur wenig, nein, ich kann gar
nichts dazu thun, dem Geschehenen kann ich höchstens
meine Bestätigung geben; und so ist es auch jetzt,
Ihr Austritt ist von Ihnen geschehen, es läßt sich nun
auch nichts weiter darüber sagen, doch muß ich
Ihnen zeigen warum ich glaube, daß Ihr Schritt vor[-]
schnell war.- Aus meinem vorigen antwortenden
Briefe dünkt mich müßte Ihnen klar geworden seyn:
erstlich daß ich Sie in das Innere meiner gesammten /
[11]
und besonders persönlich eigenthümlichen Bestrebungen
einzuführen suchte weil Sie mir aussprachen Sie theilten
in sich den Geist derselben und damit Sie so Ihr Leben
und Ihre eigenen Bestrebungen nicht nur als ein
Ganzes, sondern auch in einem Ganzen und als
Glied eines Ganzen sehen möchten.
Zweytens, daß ich, gegründet auf das mir von
Ihnen über Lebensverständniß Ausgesprochene,
für Sie eine vielleicht nicht so gar ferne Wirk-
samkeit in meiner Seele trug und vor Augen
hatte, von welcher ich glauben mußte, daß solche
Ihnen, nach der nur von Ihnen dargelegten Lebens-
ansicht, Ihrem Gemüth und Ihren Bestrebungen
ganz genügen würde.
Drittens daß ich hier in Blankenburg nicht unthä-
tig bleiben, sondern eine neue Wirksamkeit begründen
werde. Daß aber wo ich, und natürlich, auf welche Weise
es auch sey, erziehend wirke, daß da stets die Musik
auch ein wesentlicher Gegenstand meiner sorglichen
Pflege sein wird.
Für diese neue Wirksamkeit nun, so sehr sie sich auch
im Äußern von meiner bis jetzt begründeten unter[-]
scheiden wird, bedarf ich wegen der Gründlichkeit
und Allseitigkeit welche ihr Ziel ist - um mit Ihrer
Erlaubniß mich Ihres Wortes zu bedienen - eines
Priesters der Cecilie, welcher, wie es ja eben als
solcher gar nicht anders seyn könnte, durch die Ton-
kunst nicht nur die Menschen zu erfreuen, sondern /
[11R]
sie auch zum Gefühl und Bewußtseyn reinen
Menschheit zu erheben, ja zur Darstellung dersel-
ben zu beleben und zu bekräftigen strebt.
Da hätte ich nun gern, in Voraussetzung <eines>
Lebensverständnisses, welches mir Ihr Brief
ja hoffen ließ Sie gern zum Mitarbeiter
und zum Ausführer dieser Seite der Menschen-
bildung gehabt. Obgleich wir beyde es in Hinsicht
auf die Ausführung nur mit einander zu thun gehabt
hätten, so würden Sie doch wie ich hoffen darf in einen
Ihnen zusagenden Kreis von Menschen getreten seyn,
ja sich selbst denselben so schaffen und ausbilden ge-
konnt haben, welcher Sie nicht allein theoretisch und
praktisch als Musiker befriedigt sondern Ihren
Gesinnungen und Herzen wohlgethan haben würden
denn die Darstellung reines, einfachen Menschenlebens
wird das Streben und Ziel des Einzelnen wie des
des [2x] Ganzen seyn.
Da sich nun aber meine Verhältnisse hier lang-
sam, wenn auch um so sicherer entwickeln, so
wollte ich Ihnen um nicht zu voreilig zu seyn,
Ihnen dieses im vorigen Briefe noch nicht aus-
sprechen, indem ich wenigstens ein Halbjahr
bedarf um das Ganze so weit zu entwickeln
daß ich an die Einführung der Musik in die neue
Unternehmung denken kann.
Darum nun wünsche ich, Sie lieber Herr Roda,
möchten nur noch ein Jahr, vielleicht auch nur /
[12]
noch ½ Jahr in Willisau bleiben, damit sich das Leben
hier sowohl hinsichtlich seiner Forderungen als seiner
Leistungen hier erst noch mehr entwickeln könnte.
Allein Sie wollen jetzt schon von Willisau und
aus unserm Kreise austreten, dagegen läßt sich
nun als fester Entschluß nichts mehr sagen; doch
wollte ich nicht unterlassen Ihnen auch noch das,
was bey meinen letzteren Brief noch im Hinter-
grund liegen mußte auch auszusprechen, im
Fall Sie vielleicht bey Ihrer fernern Lebens-
Entwickelung darauf Rücksicht nehmen wollen.
Ich erwarte in einiger Zeit einen oder zwey Mitar-
beiter aus der Schweiz, dann soll es mit großem
Ernste ans Werk gehen; und Sie sollen
dann auch, wenn ich mich nur bleibend
überzeugt halten kann, daß die Pflege einer rein
menschlichen Unternehmung und der höhern Men-
schenbildung auch von Seite[n] der Tonkunst Ihrem
Lebensziele entspricht und wenn ich weiß wohin
ich Ihnen solche senden kann bald von dem Fort-
gange der Unternehmung Nachricht erhalten.
Wünschen Sie von mir zur Klärung Ihrer Lebens[-]
bestimmung einige nähere Auskunft von der Wirk-
samkeit welche ich von einem musikalischen Mitar-
beiter erwarte so fragen Sie nur bestimmt an.
Zunächst wünsche ich, daß sich Ihre Verhält-
nisse und besonders Ihre nächste Wirksam-
keit ganz zu Ihrer Zufriedenheit entwickeln möge /
[12R]
und daß Sich sich, in Rückerinnerung einiger Mit-
theilungen Äußerungen von mir, immer mehr von meinen
stets aufrichtigen und freundschaftlichen
Gesinnungen für Sie immer mehr überzeugen
mögen. Nehmen Sie lieber Herr Roda, beym
Austritt aus der Anstalt und aus unserm Kreise
meinen so aufrichtigen als herzlichen Dank für
den Fleiß, die Ausdauer und Hingabe, ja für alle[s]
das Förderliche in Ihren Gesinnungen und Leben mit
welchen Sie für das Bestehen, wie für die festere
Begründung und weitere Ausbildung von der Willisauer
Erziehungsanstalt besonders durch Ihre Musikpflege
gewirkt haben.- Leben Sie wohl!
Mit Achtung

        FriedrichFröbel.