Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 12.4./16.4.1837 (Blankenburg)


F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 12.4./16.4.1837 (Blankenburg)
(UBB 29, Bl 79-88, Brieforiginal 5 B 4° 20 S. Der eingangs erwähnte letzte, umfangreiche Brief ist der v. 26.3.-1.4.1837. Dieser Brief v. 12.4./16.4.1837 wurde zusammen mit dem v. 11.4.1837 verschickt. Für den gemeinsamen Versand der Briefe spricht, daß Bl 79 links oben als Blatt / Bogen Nr. 2 numeriert ist.

Blankenburg bey Rudolstadt am 12en April 1837.·.


Alles Leben ein Einiges,
und der Mensch ein Schöpfer;
hierdurch Dir lieber Langethal und Deiner Ernestine der Seele Gruß.

Wundern wirst Du Dich gewiß, Langethal, schon wieder einen Brief
von mir zu erhalten indem Du erst jüngst einen Brief von mir
bekommen hast welcher noch überdieß sehr lang und ausführlich war[.]
Die Veranlassung nun zu meinem jetzigen Schreiben an Dich ist
eine Stelle Deines jüngsten Briefes an mich. Diese Stelle heißt:
"- Mir ist der Gedanke gekommen: was der Mensch aus inner-
"rer, klarer Überzeugung für eine Sache thut, das ist in Überein-
"stimmung des Ganzen gethan. Middendorff sagt, so gehandelt
"zu haben, und ich finde es nun so. Jedenfalls bewirkt die höhere
"Hand, daß was wir, wenn auch aus Unvollkommenheit unsers
"Gesammtstandpunktes, aber mit Überzeugung des Rechten thun
"zum Ziele führen; sey das Ziel nun innere Erkenntniß, und so-
"mit der Grund zur wahren Ausführung in That, oder die Erreichung
"der Sache selbst. Ich finde hier beydes, denn Middendorff hat Er-
"kenntniß bekommen, so wie wir alle größere Klarheit derselben
"und die Sache ist gefördert worden. Dieß letztere finde ich dad[urc]h pp pp"[.]-
- Ob nun gleich die Lebensansicht, die darinn keimende Gesinnung und
das daraus hervorgehende Handeln, welche in diesem Ausspruch liegt schon in meinem jüngsten Briefe
sehr ausführlich, wie mich dünkt, erörtert worden ist, so ist doch die
Sache viel zu wichtig als daß sie nicht auf das gründlichste und
ernsteste erwogen werden sollte und ich nehme mir die Mühe es
mit Dir mit größtem Mannes Ernst zu thun, weil ich in mir über-
zeugt bin daß Du es mit dem Leben ernst nimmst, und weil die
Vorsehung zur Ausführung Deines Vorsatzes Dich auch ernste Lebens-
wege geführt hat. Ich halte jenen Gedanken und besonders die Lebens[-]
ansicht aus welcher er hervorgeht der eindringlichsten Prüfung
nöthig weil er durch die Einfachheit seiner Form und den Ausdruck
der Wahrheit mit welcher [er] erscheint für Männer unseres Lebensbe-
rufes und besonders von Middendorffs Charakter vom Ziel abführend
mindestens schwächend und so immer höchst nachtheilig wirken muß.
Ich glaube auch - und wollte es wohl an der Handl[un]gsweise aller derer
die gegen uns und mich gehandelt haben von ihrem Standpunkte aus beweisen
daß durch das Ausgesprochene sich auch das Entgegengesetzte und das Ent-
gegenwirkendste, so wie ganz besonders jedes halbe Handeln und schwach
gut gemeynte Wirken - so z.B. auch das Handeln vieler Eltern u deren Stell- /
[79R]
vertreter gegen mich und unsere Anstalten rechtfertigen lasse, denn ich
hoffe mit Sicherheit daß ich durch alles dieß nicht vom Ziele ab, viel-
mehr demselben näher geführt worden bin. Soll dadurch nun ihr
Handeln gerechtfertigt seyn und werden?- Auch öffnet es der subjectiven
der individuellen Ansicht und einem Handeln darnach Thür und Thor, was
ja bey einem rein, und wahrhaft menschlichen gemeinsamen Wirken ganz
und gar nicht der Fall seyn darf, indem es dasselbe rein vernichtet
was ich und mein Leben ja oft tief und schmerzlich genug erfahren habe,
und gerad von denen mit erfahren habe die sich am meisten meine per-
sönlichen Freunde u regsten Mitarbeiter nannten. Ja wäre mein Wirken
und mein Lebens Ziel nicht so rein allgemein und unpersönlich menschheitlich
es hätte längst in diesem Lebenskampf - und bey der persönlichen Selbst-
teuschung
meiner sogenannten Mitarbeiter - untergehen und mein Lebens[-]
ziel verrückt, mir aus dem [sc.: den] Augen gerückt werden müssen. Daß im
Gegentheil alles Subjective und Individuelle - selbst in den Lebensansichten
untergeordnet d.h. im Ganzen gesichert seyn muß darüber dachte ich
könnten wir nun nicht nur im Wort sondern auch in der That längsten[s]
einig seyn; wie und auf welche Weise sollte denn sonst eben auch
das Einzelne und Persönliche darinn seine Sicherung Beachtung und Pflege
erhalten?- Also dadurch Langethal! daß Du sagst: - "die Höhere Hand
bewirke daß alles was wir thun zum Ziele führe" - dadurch hast
Du ganz und gar nicht anders gesagt, als was die Natur- und Welt-
entwickelung schon an- und für sich thut; dazu braucht es gar nicht das be-
stimmte, bewußte, förderliche Eingreifen des Einzelnen, sondern Du hast
dadurch Dich, Dein und unser Handeln ganz den unbewußten Natur[-]
gegenständen gleich gestellt, welche alle gemeinsam die Menschheit
zu ihrem Ziele führen, und so erringt denn die Menschheit auch ge-
wiß irgend einmal sicher ihr Ziel.-
Mein theurer Langethal!- Wenn es sich nur darum handelt daß (für
die Menschheit) überhaupt das Ziel und ihr Ziel erreicht werde, so war
und ist es ganz werthlos daß ich und Du und wir ein Märtyrerleben
gewählt haben und noch wählen, dann sind wir nicht allein mit Rechten
- wie es geschah u geschiehet als Schwärmer Ausspottens und Aus[-]
lachens, sondern weil wir den Unsern ohne ihre Schuld ein gleiches
Leben bereitet haben, der strafenden Verachtung werth.- Aber
zum Heile für mich und uns steht die Sache ganz anders[.]
Laße mich Lgthl! zu dem was ich zu sagen habe kurz durch einen
Ausspruch des in der Tiefe seines geistigen Schauens anerkannten
Herders den Weg bahnen.
Herder sagt nun: "Ach es muß ein Gott vom Himmel kommen, oder
"außerordentliche gute und große, das ist wahrhaft göttliche Menschen /
[80]
"finden oder die Verbesserung auf dem gewöhnlichen Wege der Zeit geht
"sehr langsam."-
Also lieber Lgthl! An der Verbesserung als solcher und deren Eintritt
irgend einmal daran ist selbst dem, der eine Geschichte der Mensch-
heit schrieb, daran ist selbst einem Herder kein Zweifel; die Ver-
besserung kommt gewiß aber wann?- Darum daß es in der Zeit
in einer bestimmten Zeit ja in unserer Zeit geschehe, daran theurer
Langeth[a]l! daran liegt es. Alle[i]n die Zeit verschwindet und die bringt
kein Gott zurück ist sie um oder falsch, oder auch nur halb, oder schwach
genutzt verschwunden; und keine Rechtfertigung eines Mid[d]endo[r]fen
und eines Langethal, oder wenn Du es lieber anders nennen willst
keine Beruhigung beyder, so ehrlich es beyde meynen mögen bringen
sie zurück. Du siehst also Langethal! Die Menschheit ist nicht zufrieden
beruhigt sich nicht bey und mit einer Entwickelung und Verbesseru[n]g
auf dem casuistischen oder casualen Wege der Natur- und allgemei-
nen Lebensentwickelung sondern sie fordert, fordert mit unausweich-
licher Strenge d.h. Sicherheit in sich den nothwendigen Weg der freyen
Geistesmacht und Geistesbestimmung. Siehe Langethal in dieser Forde[-]
rung der Menschheit hat (ihr) der Glaube an Offenbarung die göttliche
Offenbarung ihren Grund welcher dem Menschengeschlechte nicht zu rauben
ist.
" "Mußte denn nicht also geschehen? - und er legte ihnen die ganze
Schrift aus pp pp" " Dieses Muß aber schaut der Mensch. Jesus
unterwarf sich ihm. Wenn Middendorff sein Handeln rechtfertigen
will, wenn Du ihn rechtfertigen willst so müßt Ihr aus der Ge-
sammtheit der Umstände; wie sie vor seinem Handeln, gleichsam als
eine heilige Schrift vor ihm lagen, zeigen daß er schlechterdings
so handeln mußte. Ich will denn auch nicht etwa aus dem Erfolge
klug geworden [sein] sondern nur aus den vorliegenden Thatsachen zeigen
wie er handeln mußte, und der Erfolg entscheide auf welcher Seite das Muß
steht. Doch Freunde es handelt sich nicht um Rechthaben, sondern um
das Recht Handeln. Wie aber handeln wir recht und wie ergründen
wir das Rechthandeln, das rechte Handeln?-
Du siehst aus dem von mir andeutend Ausgesprochen[en] und noch mehr aus
all dem was sich bey Lesung desselben in Deinem Gemüthe in Deinem Herzen
und Gedanken entwickelt hat daß dieß auf dem Wege der gegenseitigen
Rechtsabwägung schwerlich geschehen wird. Es muß also nothwendig
dazu ein ganz anderer Weg <betreten [we]rden>, wie ich dieß auch schon in
meinem jüngsten Briefe gethan habe.
Vor allem muß zuerst die große und wesentliche Frage beantwortet werden?
"Handelt es sich um die Aus- und Fortbildung bestehender Verhältnisse /
[80R]
und was dem ganz gleich ist handelt es es sich um die Ausbildung und Ver-
vollkommnung innerhalb einer schon errungenen Entwickelu[n]gsstufe
der Menschheit, oder um die Hervorförderung noch nie dagewesener
ganz neuer menschheitlicher Verhältnisse d.h. um die Hervor-
rufung einer ganz neuen noch nie dagewesenen Entwickel[u]ngs-
und Bildungsstufe der Menschheit, um die Ausbildung, Darlegung
und Darlebung einer noch nie dagewesenen Lebensansicht?-
Du wirst Langethal! ohne die geringste weitere Auseinandersetzung
von mir, einsehen; wie ganz wesentlich verschieden das Handeln
in jedem dieser beyden Fälle ist. Das erstere fordert ein Nachgehen
nach den bestehenden Verhältnissen; das zweyte fordert unerläßl[i]ch
eine [sc.: ein] Vorgehen, ein Vorangehen in und für die neuen Verhältnisse
für das erstere kann man die Richtschnur außer sich und außerhalb
um sich innerhalb des bestehenden Verhältnisses der errungenen Lebens[-]
entwickel[u]ngsstufe finden; für das zweyte kann man die Richtschnur
unmöglich in alten abgelebten Verhältnissen und solchen Lebensansichten
suchen sondern man kann sie einzig - (die neue Entwickel[u]ngsstufe
ahnend in sich erkennend und anerkennend) nur in sich und so durch
sich in dem Überblick, in der Erkennung und Anerken[n]u[n]g der ver-
schiedenen nothwendigen Entwickel[un]gsstufen der Menschheit, ihrer Stufenfolge
und ihrer wesentlichen und charakteristischen Ver[-]
schiedenheit finden. Um nun zur Beantwortung der oben ausge-
sprochenen Frage kurz zu seyn; beziehe ich mich auf den Ausspruch
des Sehers Herder, oder ich lasse die Beantwortung der obigen
Frage Herdern aussprechen:- Die Fortbildung des Menschen[-]
geschlechtes, der Menschheit erfordert jetzt ein ganz neues
Verhältnisse erfordert eine ganz neue Entwickelungsstufe also
auch ein Vorgehen, ein Vorangehen in und auf derselben, oder wenn
auch erst zu derselben ein Weg-weisen, ein Weg-führen.
Die zweytgroße und wesentliche Frage ist nun:- Leben wir jetzt
schon in einer ganz neuen Entwickelungsstufe der Menschheit
oder was gleich ist, fordert die Menschheit jetzt das Empor[-]
gehobenwerden auf eine ganz neue noch nie dagewesene
Entwickel[u]ngsstufe ihrer selbst?-
Auch die Antwort hierfür liegt kurz in Herdersausspruch [sc.: Herders Ausspruch] mit Ja!
Es könnte diese Antwort auch auch [sc.: aus] der Grundanschauung abge-
leitet werden, daß jede Entwickel[un]gstufe schon in dem Maße
vorhanden ist als sie als fühlbar als nothwendig erkannt wird.
Die dritte große für mich und uns die Lebensfrage
ist weiter: - Glaube auch ich in meinem; glauben auch wir in un-
serm Innersten daran!- Hallt dieses Ja! auch in der innersten /
[81]
Tiefe meines und unseres ganzen Wesens wieder?- Finde ich finden
wir in diesem Ja! all unsere Wünsche, unser Hoffen, all unser Er[-]
warten, unser ganzes Streben wieder?- Kurz ist es eins, dieses Ja!
mit meinem und unsern, ganzen Leben?- Bestimmt dieses Ja!
eigentlich die Form und die Erscheinung meines Lebens aus?-
Wenn nun dieses mehrfache Ja, wie ich für mich durch mein ganzes
Leben und für Euch - (:um Euch keinesweges in Eurer freyen Selbst-
wahl und Selbstbestimmung zu beschränken:) - einstweilen,
voraussetzend thue, ausgesprochen und gegeben ist, so fragt es sich
nun endlich Viertens wie muß denn nun aber unerläßlich und
nothwendig, ja ganz unbezweifelbar und schwankenslos, nach
Maaßgabe der bisherigen Entwickelungsstufen der Menschheit
die neue noch nie, noch nicht dagewesene Entwickelungsstufe
der Menschheit beschlossen seyn wenn uns auch sonst nie und
nichts darüber ausgesprochen, d.h. wörtlich darüber ausge[-]
sprochen worden wäre?-
Ehe ich diese Frage beantworte oder vielmehr aus dem Entwicke[-]
lungsgange des Menschengeschlechtes selbst beantworten lasse,
vorher eine zweyfache Erörterung eine allgemeine und eine be-
sondere.- Die allgemeine:
Die Vorausbestimmungen wie Entwickelungsstufen der Menschheit,
sich kundthuend in einzelnen Völkern, Stämmen, Geschlechtern und
bis herab zu einzelnen menschlichen Erscheinungen beschaffen seyn
mußten, nennen besonders unsere Lebensbücher, unsere Geschichts-
bücher der innern menschheitlichen Entwickelung mit sichren äußren
Erscheinungen:- "Verheißungen." - und das, diesem Muß
gemäße Leben, die Forderung diesem Muß gemäß zu leben
wenn der Erfolg, die Entwickelungsstufe, die Erscheinu[n]gen der Ent-
wickelungsstufe eintreten soll nennen sie Bund, (:natürlich das
Verknüpfende wie in der Sprache die Conjunction und:) - oder auch
Testament, Willensbestimmung für die Zukunft Zeugschaft von der
und für die Zukunft.
Wenn nun aber die Entwickelungsstufen der Menschheit, durch das We-
sen der Menschheit, durch den Entwickel[u]ngsgang der Menschheit, und
so die späteren Entwickelungsstufen durch die früheren und in den
früheren schon mit Nothwendigkeit oder wie ich es kurz bezeichne
durch Muß bestimmt sind, so seht Ihr wohl ein daß es besonders
für spätere u weitere Entwickel[u]ngsstufen ganz gleichgültig ist
ob, und wie klar und in welchem Umfange das Muß als Ver[-]
heißung, als Bund oder wie man es sonst nennen will vorher
im Worte ausgesprochen worden ist, und man kann, wenn darüber /
[81R]
verschiedene Ansichten und Zweifel oder gar kein Glaube [{]mehr / wahr[}] an Vorher[-]
bestimmungen mindestens kein Verständniß derselben mehr ge statt-
fände - deßhalb ganz ruhig seyn; denn das Muß was sich aus
dem allgemeinen Entwickelungsgesetz überhaupt und aus dem bis-
herigen Entwickelungsgange im besondern mit Nothwendigkeit
ausspricht, muß jeden Zweifel und jedes Schwanken vermissen.
Nur eines müßte und würde dann aber auch nothwendig statt-
finden: daß wenn sich irgenwo wörtliche Vorausbestimmu[n]gen
der neuen Entwickel[un]gsstufe der Menschheit finden sollten und
man diese mit dem abgeleiteten Muß derselben vergleichen
oder das abgeleitete Muß daran prüfen wollte, daß sich dann
zwischen beyden nicht nur kein Muß, sondern wahrer Einklang
fände und dieß zwar um so mehr als man nach beyden
Seiten hin in der Prüfung tiefer <eindräng[e]> und gründlich gienge.
Also allgemeines Ergebniß: der Mensch kann zur Erkenntniß der Entwickelu[n]gs-
stufen der Menschheit und ihres Muß zunächst auf eine doppelte
Weise gelangen: durch hören u lesen, ich könnte auch sagen durch
Hören und Sehen oder Schauen, die dritte schwierigere Weise gar nicht
zu erwähnen.
Nun die besondere Erörterung als das Ergebniß und die Nutz[-]
anwendung des bisherigen auf und für uns, namentlich in Beziehung
auch auf meine Mißbilligung Middendorffs <jüngstem> Handeln; von welcher
er sich frey g meynt und Du ihn frey zu glauben hinstellst dann über
in ein wesentliches und tief bestimmend eingreifendes Verhältniß meiner zu meinem und unsern [sc.: unserm] Kreise, besonders auch in Beziehu[n]g
meines Stehens zu Dir.
Wie ich soeben sagte, so glaube ich an eine neue, noch nie dagewesene Ent-
wickelungsstufe der Menschheit und ich schaue sie, ich glaube daher daß
wir jetzt schon begonnen und beginnend in derselben leben, wäre es
auch erst indem es jetzt ausgesprochen wird, wie ich es doch, wie ich es
doch schon oft wiederkehrend ausgesprochen habe. Nun habt aber auch
Ihr, und zunächst Du und Middendorff[e]n ausgesprochen, daß auch Ihr
mit Euerm innersten Leben daran glaubt, und habt diesen Glauben
für Euch Lebensbestimmend [sc.: lebensbestimmend] seyn lassen. Wenn nun dieß Deine und
Seine noch fortgehende innerste Überzeugung ist, so dünkt mich
sollte Euch auch nicht der leiseste Zweifel kommen daß es ganz und
gar unstatthaft und fehlerhaft ist: sich für ein Verhalten und Handeln
innerhalb und für die neue Entwickelungsstufe, innerhalb u für
die neuen Lebensforderungen, sich weg-fragend an die alte
Entwickelungsstufe an die alten Lebensforderungen zu wenden[.]
<So> hat aber Middendorff gehandelt wo kann denn da nur leise Recht[-]
fertigung Statt finden?- Du Langethal weisest, um diese zu begründ[e]n /
[82]
auf den Erfolg hin. Der Erfolg kann in dem vorliegenden Fall ganz und gar
nichts über das angemessene und zweckmäßige noch weniger über das
Nothwendige des Handeln[s] entscheiden; der Erfolg könnte und würde
dann entscheiden wenn er als nothwendig vorher ausgesprochen min[-]
destens erkannt, gefühlt, nur als Ahnung im Handeln als Ziel desselben
in [sc.: im] Auge gehabt worden wäre, so aber entscheidet er nichts und wäre
er noch glänzender und wichtiger.
Hier nun lieber Langethal ist überhaupt die todte gleichsam vom
Schlage gelähmte und lähmende Stelle unseres gemeinsamen Lebens
und Wirken[s], der dunkle nächtliche Punkt innerhalb desselben aus welchen [sc.: welchem]
so vieles Irren und Wirren, so vieles Herumtappen und Schwanken
Mißgreifen u Mißverstehen in unserm Kreise bisher entstand, es ist
die gespenstige Nachtgestalt die I immer von neuem Trennung bewirkt
mindestens wie Nebelschatten unterhält, es ist dieß auch der zwischen
Dir und mir noch nicht ganz geklärte und frey belebte Punkt. Möchte
es mir endlich gelingen ihn aufzuklären und als lebentrennend zu beseitigen[.]
Wenn Du mir lieber Langethal in dem bisherigen treu gefolgt bist, und mich so
verstanden hast und nun einen Blick in das Leben unseres Kreises rein
also auch in das Deine thust, so wirst Du finden es herrscht in unserm Kr[e]ise
in den Gliedern desselben noch ein sehr bestimmtes Schwanken ob wir uns
und ob jeder einzelne sich auf die alte und zur alten, oder auf die neue
und zur neuen Entwickelungsstufe der Menschheit wenden soll, d.h.
es herrscht in Gesinnung und That in einzelnen Fällen noch die Frage ob wir
Ausbesserung oder wenn Du auch willst Verbesserung und Vervollkomm[n]u[n]g
der alten zurückgelegte[n] Lebensstufe der Menschheit, w oder ob wir
Lebenssteigerung zu der neuen Entwickel[u]ngsstufe der Menschheit und
Lebenserneuung und Lebensverjüngung auf derselben und innerhalb
derselben wollen. Weder Middendorff noch Du scheint über diesen Punkt in
Euch recht klar zu seyn, ja Ihr scheint mir gerad zu sehr häufig in Euern Han-
deln und Ansichten diese beyden Punkte zu verwechseln wie es denn auch frey[-]
lich wohl von der einen Seite ganz verzeihlich ist denn es kostet viel Mühe
das alte was mit unserm Fleisch verwachsen ist auszuziehen, wir ziehen
uns damit unser eigen Fleisch und unsere eigene Haut ab. Doch erinnere
Dich darüber eines zwar sehr ernsten aber ruhigen Gespräches in B[u]rgdorff; Und
je mehr mir Midd[end]orff[s] einzelnes Leben und Handeln nahe tritt um so mehr muß
ich auch darinn für das eben von mir Ausgesprochene die Beweise find[e]n. Du
wirst nun aber, auf welche Stufe Du Dich auch in diesem Augenblick stellen willst,
gewiß mit mir erkennen, wie viel aus einem solchen unbestimmten u unkla-
[ren] Stehen Unbestimmtheit u Unklarheit mit all seinem gespenstigen Gefahr ins Leben
kommen muß, um so mehr freue ich mich Dir dem Naturfreunde u Naturbeobach[-]
ter durch zwey Naturanschauungen den Unterschied zwischen Vervollkomm[n]u[n]g /
[82R]
innerhalb einer früheren alten und Erringung einer völlig neuen Entwickel[un]gsstufe
zeigen zu können. Siehe einmal die Raupe: wie oft häutet sie sich
immer schöner und vollkommner, doch hier entsteigt der Schmetter[-]
ling der Puppe! dort.- E Vervollkomm[n]u[n]g innerhalb einer frühern
hier Erringung einer neuen Entwickelungsstufe, allein auch ihre
Vervollkommnu[n]g innerhalb der neuen Entwickel[u]ngsstufe, siehe das
zitternde Ausbilden und sich Vergrößern der Flügel. Oder gehe
in Deine Baumschule. Wiederkehrend treibt Dein junges Bäumchen
während der neuen Laub- und Blätterstufe seines Lebens frisches Laub immer
mehr in Form u Bau dem Blatte des ausgewachsenen Baumes
gleich; doch aus vorher noch nie dagewesener Fruchtknospe treibt es
treibt es nun seine Blüthenknospen und Blüthen hervor; dort
Ausbildu[n]g, vervollkomm[nun]g [sc.: Vervollkommnung] auf älterer innerhalb früherer Entwickel[un]gsstufe,
für ganz neue Entwickel[un]gsstufe u Ausbildu[n]g und Vervollkomm[n]ung inner[-]
halb derselben. Ferner siehst Du Langeth[a]l! Wie aus dieser unklaren
Scheidung und somit nothwendigen Verwechselung beyder Entwick[e]l[un]gs[-]
stufen die Leistungen der einen an den Forderungen der andern ge-
prüft werden, und wie, was noch nachtheiliger und schwächend ist: stell
die Fragen was auf, in der und für die neue Entwickelu[n]gsstufe zu
thun. sey. innerhalb und aus den Forderungen, aus dem Wesen
derselben zu beantworten und so Weg-weisend, Weg-führend
aus sich selbst hervorzusteigen, wie man sich da Wegfragend
an die alte Entwickel[u]ngsstufe wendet.- Dieses Umhertappen
dieses Schwanken vom Neuen zum Alten dieses nicht Festhalten des Neuen
al[s] eines Einigen zur Klärung und Gestaltung aus sich, wie Jakob
die Himmelserschauu[n]g im Traume festhielt sagend: ich lasse Dich nicht Du
seegnest mich denn, dieses Wechselkehren vom Einigen zum Einzelnen
dieß hat mich be ganz besonders in der früheren Zeit als ich noch un[-]
mittelbar in unserm Kreise und er noch weniger vom Gewöhnlich[e]n ergriff[e]n da stand, oft tief u schmerzlich ergriffen und
hart und lähmend
niedergedrückt. Was mich früher so hart allein drückte, dieses Zwitter[-]
stehen auf den zweyen und zwis[c]hen den beyden Lebensstufen und das Be-
urtheilen der Erscheinu[n]g[e]n der E einen von dem Standpunkte der
andern das erfährt jetzt der Kreis als ein Ganzes und so ganz
namentlich Keilhau in den Handl[u]ngsweisen der beyden Frauen
von A. und von Ah - und der Herren v. W u Pf. L. - u.s.w.[.] Ich
wünschte das [sc.: , daß] Keilhau Zeit hätte Euch die Handl[un]gsweisen dieser 3, 4
mehr Menschen im Zusammenh[a]ng vorzuführen, und ich Zeit hätte im
Sinne des Vorstehend[e]n den Commentar dazu zu machen. Mich dünkt
es sollte ein scharf u glatt geschliffener Spiegel werden und uns unzwey[-]
deutig zeigen und auffordern, daß, jeweniger die andern die neue /
[83]
Stuf[e] des Menschheit[s]lebens für sich und ihre Kinder und Pflegbefohlenen durchdringen und festhalten
wir es um so mehr für uns und unsere Kinder thun mögen.
Hier drängt sich nun die Zwischenfrage auf und ein: - Ist es denn aber
auch wirklich wa[h]r daß sich das Menschheitsleben Stufen- und Grad-
Steigerungsweise und nicht vielmehr gleichmäßig nach und nach stetig
entwickelt?- Das Menschheitsleben ist entweder nur ein besonderer
Ausdruck eine Einzelnerscheinung des Lebens an sich, oder es ist die allge[mei-]
ne Erscheinung des besondern Einzelmenschenlebens, das Menschheits[-]
Leben muß in seinem Erscheinen also auch nothwendig die Eigenschaften
die Doppelerscheinung des Lebens theilen. Nun mögen wir uns aber in
der Erscheinung hinwenden wohin wir nur wollen überall sehen wir
das Leben sich in Stufen und Graden nach dem Gesetz der Steigerung sich
ausbilden: Saame, Keim, und Wurzel, Stamm, Herzblatt, Knospe, - Blätter-
bildung - Blüthenbildung - Fruchterzeugung.- Fest, flüssig, gasförmig; selbst
in dem stetigen Denken als ruhige Aufeinanderfolge tritt die Steigerung hervor


[* es folgen vier mathematische Reihen mit Zahlen und Buchstabensymbolen *]

Also großes Naturgesetz: überall wo stetige und nicht gehemmte unterbroche[-]
ne Entwickelung ist, da ist Stufige, Stufenmäßige, Steigerungsentwickelu[n]g.
Nun ist aber alles Leben, von welchem das Menschheitsleben nur eine
Erscheinungsweise ist - ein Stetiges, eben als Leben (<üben>) folglich muß
es sich auch auf dem Steigerungswege folglich in Stufen und Graden
entwickeln.
Nenne ich den Menschen = a, so sind seine Steiger[u]ngsstufen a1, a2, a3, a4 = 2; 4; 8; 16....
Nenn ich ihn aber = 6 so sind nach obig[e]n seine Steigerungsstuf[e]n b1, b2, b3, b4 = 3; 9; 27; 81....
Also mit dem individuellen Wesen sind auch die individuellen Steigeru[n]gsstu[-]
fen nothwendig zugleich gegeben; wiederum ein so G großes als allgemeines
Natur[-] u Lebensgesetz. (:NB ein Gesetz was der Erzieher tief zu beachten hat:)[.]
Merkwürdig ist hierbey und soll einstweilen nur beyläufig bemerkt werden
daß a0 = 1; ebenso b0 = 1; weiter c0 = 1 ist u.s.w.. Jedes ungesteigerte
Wesen ist also immer = 1 oder was wohl gleichviel ist, alle ungesteigert[e]n gleichsam noch nicht erschienene[n]
Wesen sind in sich gleich.
Da wir hiernach nun erkannt haben und wissen, daß das Menschheits-
wesen, die Menschheit, sich in Steigerungsstufen und zwar in solchen sich
entwickelt, welche in ihrem Wesen selbst mit Nothwendigkeit gegeben
sind so können wir nun auch zur Beantwortung der vierten Frage
kommen: Wie muß denn nun aber die neue Entwickelungsstufe der Menschheit
beschaffen seyn?-
Mein voriger Brief hat sich nun zwar schon mit der Beantwortung dieser
Frage besch zum großen Theil beschäftigt und ich hoffe daß aus jenen Be-
trachtungen schon die Antwort klar und bestimmt hervor getreten ist, dennoch /
[83R]
will ich die Frage im Zusammenhange mit dieser Darstellung nochmals zu be-
antworten suchen, denn natürlich ist es wohl wer darinn weg weisend
vorangehen will und soll, der muß vor allem darüber zuerst klar
seyn, also der Erzieher als solcher, der Erzieher an sich. Wie nun sich dar-
über vollkommen klar zu machen die natürliche ganz unerläßliche Forderung
an jeden ist welcher für hervorforderung [sc.: Hervorförderung] der neuen Entwickelungsstufe der
Menschheit wirken will, so ist es denn auch meine unerläßliche Forderung an Euch,
an jeden der bewußt und mit Selbstwahl mit mir daher Mitarbeiter seyn will.
Darum mein nochmaliges Aufnehmen dieser Frage und dieser Beantwortu[n]g hier.
- Diese Frage als Lebensfrage nicht nur des einzelnen Menschen, sondern
der ganzen Menschen, ja Lebensfrage zuletzt für alles was neue Lebens-
spur in sich trägt indem es auf die Beurtheilung und Ansicht aller
Erscheinung des Lebens zurück wirkt und zurück wirken muß; - diese
Frage muß sich auf einen [sc.: einem] dreyfachen Weg beantworten lassen
erstlich auf dem Wege des Gemüthes, der Empfindung, des Gefühles
zweytens: auf dem Wege des reinen Denkens, durch Grund Folge Schluß Urtheil
drittens; auf dem historischen Wege, auf dem Wege der bisherigen
geschichtlichen Entwickelung der Menschheit.
Den ersteren Weg hier zu betreten kann mir nicht Absicht seyn, jeder be-
tritt ihn am besten allein, er erfordert blos klare lebenvolle, gestaltete
Hinstellung des Ganzen und Beachtung der Wirkung auf das, der Rück-
wirku[n]g des Gemüthes, und der Wirkung von beyden auf das Leben.-
Den zweyten Weg habe ich schon in einem meiner früheren Schriftchen betreten
wo ich zur klaren Erkenntniß des Verhältnisses zwischen Geschöpf u Schöpfer,
Gott und Mensch, wo ich die denkende Anschau[u]ng ein[e]s plastischen Menschenleben u
Menschenwesen darstellenden Menschenkunstwerkes hervorhebe und
sinnend frage: - Wenn nun ein solches Kunstwerk, sich seiner selbst, seines
Wesens bewußt würde, könnte dieß Wesen ein anderes als das reine Mensch[e]n
Wesen seyn?- Wenn nun also der Mensch als ein Geschöpf von Gott
sich klar seines ganzen Wesens bewußt wird, welchen Wesens als
seines Wesens, kann sich nun hiernach der Mensch anders bewußt
werden als - göttlichen Wesens?- Ja unter jener ersteren
Voraussetzung ließen sich sogar mit Nothwendigkeit der Gang, die
Stufen und der Charakter der verschiedenen Stufen bestimmen
in welchem sich das Kunstwerk zum Selbstbewußtseyn entwick[e]ln
würde und müßte.- Ebenso lassen sich auch von der Überzeugu[n]g
ausgegangen: der Mensch ein Geschöpf von Gott, oder Gottes mit Noth-
wendigkeit der Gang und die Stufen, ja der Charakter und die Eigen[-]
schaften derselben ableiten auf welchem der Mensch zum vollendet[e]n
Bewußtseyn seiner selbst gelangen müsse.
Ich aber betreten [sc.: betrete] in diesem Brief wieder, wie in dem vorigen nur den /
[84]
dritten, den historischen Weg, weil die Thatsachen dafür allgemein offen vor-
liegen. Der erste selbstständige Gedanke welcher nun hier in dem Beginne des
Menschengeschlechtes entgegentritt, ist der der Göttlichkeit des Lebens an und
für sich und der Gedanke der Göttlichkeit des Menschenlebensinsbesondere
welcher gegenständlich entgegen tritt.- Diese Erschein[u]ng gleicht ga[n]z den
Keimen des Saamenkorns welches aus sich hervortritt, um außer sich
einen Grund und Boden zu suchen und zu finden um Wurzeln zu treiben um aus sich selbst hervorzu[-]
treten um zuerst ein Herzblatt nur treiben zu
können. Sage nun, kann von Leben, sich selbst erfassend als erster Gedanke
ein anderer Gedanke erfaßt u gedacht werden als eben der Gedanke Leben? -
und läßt der Gedanke Leben in seiner leisesten Festhaltung eine andere Entwickelung zu, als die des
ewigen, des schaffenden Lebens?- Ist nicht der Ge-
danke Leben, ewiges und schaffendes Leben eine eben so unzertrennliche <Einsicht>
als die 3 Punkte in jeder Linie? u.s.w. Allein der Gedanke: unendliches
Leben in der endlichsten Erscheinung gedacht ist der Gedanke des blende[n]st[e]n
Sonnenlichtes [{]für / vor[}] welches welchem der Mensch, wenn es er unwillkührlich hinein
schaut ebenso unwillkührlich die Augen schließt, Verbergung sucht. Du
kannst die Erscheinu[n]g bey jedem Kinde u kindlichen Menschen finden, wenn
ihm ein Gedanke, eine Empfindu[n]g, eine Begegnung kommt welche ihm über seiner
jetzt schon errungen[en] Entwickelu[n]gsstufe liegt, es ist dieß die Schamm [sc.: Scham].
Beachte die Scham im Jüngling, in der Jungfrau, in dem Kinde ja selbst in den [sc.: dem]
fast noch Säugling seyenden, ist es nicht vielleicht das Eintreten der Scham
in den kleinsten Kindern - (:wenn die Mutter nach einem offenen
Blicke des Kindes sagt: ["]ach es schämt sich das Kind!"-:) ist es da nicht
vielleicht die Bezeichnu[n]g der Grenze zwischen Säugling u Kind, die Be-
zeichn[un]g des Übergangs vom Säugling zum Kinde?- (:Wichtig ist darum
schon die erste Erscheinung der Scham im Kinde und dessen sorgliche Pflege:) Ich muß
dieß Deiner vergleichenden Durchführu[n]g ganz überlassen. Sagen könnte ich noch:
verbirgt sich nicht der Keim des Saamenkorns selbst in Dunkelheit u Nacht?-
Eines muß ich nur als wesentlich noch hervorheben - der Grund der Scham
der Gedanke, die Empfindu[n]g, die Erschein[un]g welche sie hervorruft liegt nicht
außerhalb der Entwickel[un]gsreihe des sich schämenden Gegenstandes so[n]dern
nur über der {schon / noch[}] errungs errungenen Entwickel[un]gsstufe.
"Die Jungfrau wogt [sc.: wagt] den süßen Namen "Kind"
"Kaum auszusprechen; sie erröthet". (Laien Brev.)
Und doch ist sie zur Kindesgeberin zur Kindespflegerin bestimmt.
Du wirst mich hoffentlich nun verstehen, der zuerst blendend gewirkte Grund
darum zurück u in Nacht gedrängte Grund- und Voll-Gedanke tritt nun allmählig und
gegliedert hervor.- Der Mensch sucht nun durch Arbeit
und Dienen sich wieder dem Göttlichen, und das Göttliche sich zu nähern
welches ihm in und aus seinem Innern und als eigenes Wesens mit blendenden /
[84R]
Sonnenlichte entgegentrat, zu nähern. Es gleicht dieß dem ausscheidend[en]
erscheinen [sc.: Erscheinen] des ersten Herzblättchens, dem sich völligen unbedi[n]gt[e]n
Hingeben der Einwirk[un]g, der Entwickel[un]g des Sonnenlichtes; und wenn
Du willst so kannst Du bey dem ersten Herzblättchen, der Erschein[un]g
der ersten Knospe, Blätterknospe des Bäumchen zwischen ihm
und der Sonne ganz dasselbe Zwiegespräch wie zwischen Abraham und Gott u das hören und
dieselbe Handl[un]gsweise schauen
welche der erstere zeigt.
Abraham näherte als Einzelner durch Dienen u Gehorchen einem erkannt[e]n
neueren Gesetze dem Göttlichen u das Göttliche sich, suchte von Außen
durch Gesetz u Gehorsam sich dem Göttlichen, das Göttliche sich,
und ewig bleibendes, zahlos erscheinendes Leben - Saamen, Nachkommen
- schaffendes Göttliche sich zu verbinden.
Was nun Abraham in Beziehu[n]g auf sich als Einzelner thut, daß [sc.: das] sollte
und wollte nun Moses in Beziehu[n]g auf ein ganzes Volk thun:
dort ein Gott durch Gesetz und Gehorsam, durch Dienen u Ausscheiden
sich nähernder, sich einigender, das Göttliche so sich u sich so dem Gött[-]
lichen nahebringender Mann u Mensch
hier bey Mose ein Gott, durch Gesetz u Gehorsam, durch Dienen u
Ausscheiden sich nähernders, sich einigendes, - das Göttliche so sich
und sich so dem Göttlichen nahebringendes Volk.
Beachte dieß ja recht lieber Langethal es ist, <dieß> in seinen Folgen
für uns auf das höchste Wichtig [sc.: wichtig]: - Was erst Einer, Ein Mensch
besessen das sollten nun Viele, das sollte ein Volk besitzen und
zwar auf dieselbe Weise u nach demselben [sc.: denselben] Bestimmung[e]n wie es
vorher der Einzelne besessen hatte.
Moses wollte eigentlich aus jedem Israeliten
einen neuen und zweyten Abraham, also
ein Volk [aus] lauter Abrahams bilden.
[Randergänzung * hierhin, Wiederholung des vorherigen Satzes, der nachgetragen ist:]
D.h. Moses wollte eigentlich aus jedem Israeliten einen neuen Abraham und so ein Volk aus lauter Abrahams bilden (NB!)
Dein[e] Gewächs- und Baumkunde kann Dir hier ein recht klares An-
schauungsmittel reichen.
Das erste Menschenpaar, gleicht der Keimperiode der Menschheit u des Menschheitlebens
Abraham und dessen Leben gleicht dem Treiben des ersten Herzblatts
Mose in seinem Streben und die ganze Erscheinung des israelitisch[e]n
       Volkes, gleichen der Laub- und Blattbildung des Baumes[.]
Dieß Bild ist außerordentlich sprechend, bezeichnend, tritt aus jeder
Blätterknospe der neue Zweig nicht wie die Herzblätter aus dem
Saamenkorn hervor? ist jede Blätterknospe in Beziehung auf den
Zweig nicht wie ein Saamenkorn?- Die Israeliten theilten sich später
in zwey große Theile in Samariter und Juden wie die Knospen
am dem Fruchtbaume sich später in zwey Arten in Blätter u im [sc.: in]
Blüthen- oder Saamenknospen theilen.
Genug, ich wollte hier nur den Satz zur historischen Anschauung bringen
Was vorher ein Einzelgut war, sollte nun Gemeingut werden; - gleicht ist
nicht jeder Zweig gleichsam ein junges Stämmchen?- /
[85]
Also bis hierher durchweg der Grund- und Lebensgedanke des Menschengeschlech[-]
tes in seiner vollkommendsten Erscheinu[n]g: - Verwandtschaft des Gött-
lichen und Menschlichen; Verknüpfung und Vereinigung des Göttlichen
und Menschlichen, allein von Außen, durch äußere Mittel u Bedingungen
und durch den Gebrauch jener Mittel und die Erfüllung dieser Bedingungen.
Wer ein Auge dafür hat, wem es Bedürfniß und nothwendig ist kann dieß
alles in der Blatt- und Laubbild[un]gsperiode des Baumes, vor Eintritt
der Bildu[n]g der <Trag-> der Blüthenknospen lesen:
Großer Abschnitt der MenschheitsEntwickelung.
Streben nach Näherbringung des Göttlichen u Menschlichen von Außen
a) Streben es in dem Einzeln[en] und des Einzelnen, es zu erreichen
b. Streben es, in einem ganzen Volke und durch ein g[an]z[e]sVolk es zu erreich[e]n
Neuer Licht- und LebensAbschnitt der Menschheit:
Streben nach Einigung also Einheit des Göttlichen und Menschlichen im Innern
also im Leben und durch das Leben selbst, durch den Willen, durch
die Festhaltung der ursprünglichen Einigung; des ursprünglichen Einsge-
wesenseyns und noch unzertrennten Einsseyns, somit durch die
Liebe.
a. Streben es in dem Einzelnen zu und des Einzelnen es zu erreichen: Jesus!
Bist Du mir nun lieber Langethal! in dieser, freylich etwas weit ausgeholt[e]n
und sprungweisen Darstellu[n]g ruhig gefolgt, so wirst Du leicht einsehen
und klar finden daß dadurch somit auch die neue Entwickelungsstufe
der Menschheit bestimmt gegeben ist, und sie sich durch sich selbst
ausspricht ohne daß ich sie eigentlich nur durch das Wort zu bezei[c]hn[e]n
brauche: Was in Jesu als Einzelgut und Einzeleigenschaft erscheint
wie früher in Abraham, soll nun Gemeingut, Menschheitsgut,
soll als gesammt Menschheitseigenschaft erkannt und gepflegt werd[e]n
ferner wie früher der Fortbild[un]gsgang von Einzelnen zum Volke
so soll nun die Fortbildungsstufe vom Volke zur Menschheit seyn
a) Gottheit und Göttlichkeit des Menschensohnes, im Menschensohne:
b) Gottheit und Göttlichkeit der Menschheit, in der Menschheit.-
Und so ist denn hoffentlich so klar für Dich als für mich die vierte Frage beant-
wortet: worinn die neue Entwickelungsstufe der Menschheit bestehe
was in a) als das Leben und Streben des Einzelnen erkannt wurde, soll
nun jetzt b, in der neuen und auf der [sc.: den] neuen Entwickel[un]gsstufen als
das Leben und Streben als das Wesen der Menschheit, jedes
ihrer Glieder also jedes Menschen erkannt, gepflegt
anerkannt und dargelebt werden.
Vergleiche nun, lieber Langethal! mit diesem Ergebniß dieser Anschauu[n]g und
Darstellu[n]g die neuen und jetzigen Entwickelungsstufe[n] der Menschheit
Alles und Jedes was Dich umgiebt; alle Erscheinungen der moralischen, po- /
[85R]
litischen und religiösen Welt, die Erscheinungen der Bürgerlichen und der
Häuslichen; der öffentlichen und der Familienverhältnisse, und siehe ob Du irgend[-]
wo mit dieser Darstellung, Anschauung und Auffassung Widerspruch, ob
Du nicht im Gegentheil damit überall Einklang und dadurch Klärung der
Irren und Wirren des Lebens findest. Tritt ganz besonders damit in
den engeren Kreis unseres besonderen eigenthümlichen, und siehe ob sich nicht
alle Erscheinu[n]g unseres Kreises seit seinem nun mehr als 20jährigen
bestehen [sc.: Bestehen] dadurch klären und lösen?- Siehe ob die scharfe und ganz
bestimmte Erfassu[n]g und Hinstellu[n]g der neuen Entwickel[u]ngsstufe der
Menschheit nicht wie eine aufgegangene Sonne erscheint welches alles
durchlichtet und durchleuchtet, und jedes an seinem rechten Orte zei wie
in seiner rechten Gestalt zeigt?-
Ist es nicht eben die Unklarheit über die alte und neue Entwickelu[n]gs-
stufe der Menschheit; einmal die Ungeschiedenheit, die unbestimmte
Geschiedenheit, dann die Verwechselungs beyder welche uns so viel
Wehe und Leid brachte?- Ist es nicht das Unbestimmte und schwanken[-]
de Festhalten dieser Entwickelungsstufen und bald das sich stellen [sc.: Stellen] von
einer auf und in die andere, das sich Stellen bald auf diese bald auf
jene Stufe was in unser Leben so viel Stöhrung brachte wie von
unserer Seite so auch ganz namentlich von Seite der Eltern und deren
Stellvertreter[n] mit welchen wir verkehrten?- Ist es nicht das:
die contrahirenden Theile oft auf den verschiedenen Entwickel[u]ngsstuf[e]n
der Menschheit und dadurch gegenseitig an einander widersprechende
Forderungen machten gegenseitig von einander widersprechende Erwartung[e]n
hatten und sich dadurch gegenseitig geteuscht fühlten indem z.B.
der eine Theil nur Ausbesserung und Vervollkomm[n]u[n]g innerhalb
der Grenze der alten
zurück gelegten Stufe der Menschheit forder[-]
te, während der andere Theil nur Erfassu[n]g und Darstellu[n]g der
neuen Entwickel[un]gsstufe im Auge hatte.
Du siehest lieber Langethal! wie diese neue Lebens- und Menschheitsentwicke-
lungsstufe die Ansicht aller Dinge und Erschein[un]gen des Lebens verändert
wie so das Leben nach allen Seiten hin in sich und außer sich wirklich
völlig neu macht, wie sie aber auch an jeden die Forderung steigert
welcher sich auf diese neue Lebens- und Menschheitsentwickel[un]gsstufe
stellt, dahin erhoben, dahin erhoben sey u werden will.
Aber ganz besonders erfreut es mich für Dich und für Euch alle, für
meinen und unsern Kreis als ein Ganzes und für jedes einzelne
Glied desselben, daß Du, daß Ihr, daß sie alle jetzt oder künftig
früher oder später durch sich oder Euch einsehen müssen, wie mein
Streben von jeher ein rein unpersönliches, ein rein menschheitliches
war und ist, und daß ich es mit Millionen Lebenden, Gestorbenen u /
[86]
noch Geborenwerdenden theile, ob ich gleich unter den ersteren keine sehe die es klarer
und bestimmter in sich tragen, und lebenvoller und ausdauernder für Darstellung, ja nur gleich
wie ich festhalten; würde ich irgend wo einen solchen er-
kennen so würde ich sogleich meine junge Kraft ihm zum Dienste anbiethen.
Was ich auch schon früher und schon so oft ausgesprochen habe; so werden sich
dadurch auch Dir und Euch all meine früheren Aussprüche rechtfertigen und lösen
so wie Du und Ihr überhaupt dadurch den Schlüssel habt mein bisheriges Leben
in all seinen bisherigen Forderungen zu verstehen durch die Grundforderung
zu verstehen: Die wenn auch nur eben erst in der Ahnung ergriffene
sich auf der, wenn auch nur durch Seelenahnung gestellten neuen Ent-
wickel[u]ngsstufe der Menschheit wandellos und schwankungslos fest
zu halten. Und somit übergebe ich alles Einzelne in dieser Beziehu[n]g
Deiner und Eurer persönlichen besonderen Prüfung.-
E[s] wäre nun noch die Beantwortu[n]g einer fünften und letzten Frage für
uns übrig die: wie hat der Mensch auf dieser neuen Entwickel[un]gsstufe
der Menschheit für sich und Andere zu handeln?- Die Antwort
darauf ist sinnbildlich so leicht als erfassend und genügend gegeben:-
Wie Maria vom Augenblick der Begrüßung des Engels bis zum
Abschiede Jesu: "Siehe Mutter den Sohn! Siehe Freund die Mutter" u. weiter.
Ich wollte Dir lieber Lgthl! erst auch noch mehreres über die Wirksamkei[t]
über den Charakter u die Form der Wirksamkeit auf der neuen Entwicke-
l[u]ngsstufe u für dieselbe, schreiben; doch der Brief ist durch die Unterbrech[-]
ungen so schon länger geworden als ich glaubte und so mag es denn für
dießmal ganz genug seyn nur zwey wichtige Bemerkung[e]n will
ich mir erlauben: Luzern strebt unbewußt zu einer neuen Ent-
wickelungsstufe der Menschheit (wie überhaupt die Schweiz im ganz
Allgemeinen). Bern giebt sich dagegen mehr einer Verbesserung inner[-]
halb der alten zurücktretenden Entwickel[un]gsstufe der Menschheit
hin. Burgdorf dagegen macht davon wieder eine Ausnahme
und neigt sich mehr zur Erschwingung der neuen Entwickel[un]gsstufe
d. Mht. [sc.: der Menschheit]. Könntest Du, könntet Ihr B[u]rgd[o]rf g[an]z dafür gewinnen
so wäre viel gewonnen. Du siehst überh[au]pt Lgthl wie die Schw[ei]z
in ihrem Entwickel[un]gsgange sehr sorgsam beachtet werden muß
uud ich hoffe daß auch dieser Brief wieder Dir sehr den Blick ge-
schärft und die Mittel u Wege dazu gezeigt hat.

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Am 16en April. Als ich das Vorstehende beendigt hatte, war ich sehr müde,
auch hatte ich schon während des Niederschreibens schon gar Vieles zur
Seite gedrängt um nur wenigstens zu dem; zunächst mir vorge-
steckten Ziele zu gelangen. Da nun aber der Brief, wie ich Anfan[g]s
wohl wünschte, morgen doch nicht zur Post kommt, indem ich ihn gern /
[86R]
noch, wie auch die frühern an Barop und Frankenberg in Keilhau mit-
theilen möchte, ich mich auch in mir zur weiter[en] Mittheilung aufge-
fordert fühle, so will ich dieß doch wenigstens nicht in Beziehung auf
einen höchst wesentlichen Punkt unterlassen welcher nach einer Seite
hin gleichsam den Schluß dieser Mittheilung und Darlegung, nach der
andern Seite hin aber auch die Verknüpfung mit allem früheren
von mir Ausgesprochen ausmacht, so wie auch besonders die Erklärung.
zu einer mehrmals wiederkehrend gemachten Forderung giebt.
Um mir zu dem was ich Dir zu sagen habe den Weg zu bahnen
bitte ich Dich, Dich zu erinnern
daß der jetzt regierende König von Preußen nicht nur die völlige
Herstellung des Domes von Köln, sondern auch die gänzliche
Ausbauung desselben also ganz namentlich auch die Auf- und Aus[-]
führung des noch fehlenden zweyten Thurmes wünschte und zu
diesem Ende einen [sc.: einem] namhaften sehr berühmten Berliner Baumeister
den Auftrag machte gab, ihm, dem Könige wenigstens einen vor-
läufigen allgemeinen Kostenanschlag zu machen worauf dieser
in seiner Kunst eingeweyhete und von derselben ganz durchdru[n]gen
sie beherrschende Baumeister dem Könige zur Antwort gab:
Die Fortführung und Ausbauung des Domes von Köln wäre beym
Aufwande auch der größten Summen mit den jetzt lebenden Bau[-]
künstlern, Bauhandwerkern u Bauarbeitern und durch dieselben ganz und gar nicht
möglich; wenn der Dom von Köln in völlige
Übereinstimmung und im Einklange mit dem schon erbaueten
fort und zu Ende gebaut werden sollte so erforderte dieß
die Überlegung einer ganz eigenen durchgreifenden
Bauschule ganz im Geist dieser (:goth[i]schen) Bauart
so daß alle daran arbeitenden Künstler,
Handwerker und Arbeiter ganz von diesem Geiste
belebt und durchdrungen, gleichsam selbst von diesem
Geiste getrieben wurden, nur in demselben handelten.
Also mein theurer Langethal! die geschicktesten Baukünstler und Bauarbei-
ter weder irgend einer neuern Bauart noch einer der älteren z.B. der
römischen oder griechischen sind im Stande an diesem Baue ihn zur Voll[-]
endu[n]g zu führen fortzuarbeiten obgleich nicht nur der Bauriß aus
der alten Zeit noch vorhanden sondern gar vieles gleichsam schon im
Modelle vorgearbeitet ist und ob es gleich nur eine äußerliche
mechanische Arbeit erscheint, warum? - weil ihnen der Geist
die Gesinnung die ganze Denk- und Lebweise nicht inn- und
beywohnt in welcher ein solcher Bau nicht nur ausgeführt sondern
auch empfunden seyn will; und nun nochmals so ist dieß doch nur ein /
[87]
äußerliches und mehr mechanisches Werk, wie vielmehr muß also bey
einem so rein geistigen und innerlichen Werke als die Erziehung,
das Erziehungsgeschäfte ist, zur glücklichen Ziel- und Zweckerreichung
der Geist, und die Gesinnung alles machen?-
Was will ich nun lieber Langethal mit all diesem sagen?-
Wenn nun da nicht blos bey der Er- sondern blos nur bey der Ausbau[un]g
eines Domes für alle und jede Mitarbeiter und Ausführer an dem-
selben eine völlig einige Durchdringung von dem einen reinen Geist
in welchem das Werk aufgeführt werden soll gefordert wird -
wie vielweniger dürfen also die Erzieher die Mitarbeiter zur Erziehung für die neue für die neue [3 Wörter 2x] und auf der
neuen Entwickelungsstufe der Menschheit noch ein Stück von der römi-
schen oder griechischen, oder hebräischen oder irgend einer dogmatisch[e]n
Bildung und solchen Geistes in sich tragen und wären sie in dieser Be[-]
ziehung die Gebildesten, wären sie auf diesen Stufen die geistreichsten
rc, rc Männer, so würden sie doch zu Erziehern und Mitarbeitern
für die neue Entwickel[u]ngsstufe der Menschheit ganz untauglich
seyn d.h. mit kurzem [sc.: kurzen] Worten es würde mit ihnen gar nicht möglich
seyn das Geschäfte der Menschenerziehung für die neue Entwickel[un]gs-
stufe der Menschheit zu unternehmen. Geht Dir lieber Langethal nun
ein Licht auf über eine Summe meiner Forderungen von, meiner Anfor-
derungen an Euch und Dich und worüber Du und auch wohl Andere oft so <un->
<glücklich> unwillig, ja wild gegen mich waret?- Doch darauf wollte ich
jetzt nicht ruhen ich durfte es aber doch auch schlechterdings im Vorbeygeh[e]n
nicht unberührt lassen denn die Wahrheit kann man den Menschen
gar nicht oft und eindringlich genug sagen. Es ist jetzt ein ganz anderes
was ich herausheben und worauf ich ruhen will und zwar ein Zwey-
faches. Vor das erste siehst Du nun und würden alle die welche dieß <w[er]de[n]>
lesen oder hören mit mir zweifellos einsehen:
daß es dem Menschen auf das allerhöchste zu wissen wichtig ist
ob wir jetzt im Beginne einer neuen Entwickel[u]ngsstufe der Mensch-
heit leben und, wenn dieß unbezweifelbar erkannt ist, -
wie denn die neue Entwickelungsstufe der Menschheit ihrem Geiste
ihrem Wesen, ihrem Ziele und Zwecke nach beschaffen ist
für uns also, als Erzieher für die neue Entwickel[un]gsstufe der Menschheit
die wir sie erkennen und anerkennen, ist es also daher ganz unerläß[-]
lich uns auf das innigste mit dem Geiste und dem Wesen, dem Ziele
und dem Zwecke und somit mit den Forderungen der neuen Entwicke-
lungsstufe der Menschheit bekannt zu machen und von dem er-
sten recht durchdringen zu lassen.
Das zweyte ist die, besonders auch in den jüngsten Jahren und kürzlich wieder-
kehrend von mir ausgesprochene Forderung: - wenn es nur erst /
[87R]
zwey Menschen giebt nur erst eine Familie welche in Gesinnung und
That wie Ein Mensch einig {ist / sind[}] über das Wesen und die Forderungen
der neuen Lebensstufe der Menschheit dann ist für die Darlebung
derselben das Wesentlichste gewonnen. Diese beyden Menschen als
Ein Mensch gleichen dem Herz u Geist eines Menschen und wärest
Du Astronom so würde ich Dir sagen sie gleichen den beyden Brenn-
punkten einer Elypse durch welche die Bahnen der Weltkörper bestimmt werd[e]n.
In Beziehung auf das Leben und die Wirksamkeit Jesu ist diese Zweyhei[t]
als Einheit wichtig in der Maria u Elisabeth - In Jesu und seiner
Mutter - In der Familie Jesu und der Familie des Lazarus rc.
Der Ausspruch des Berliner Baumeisters nun, in Verbindung mit den
mancherley angedeuteten Lebensthatsachen wird Dir hoffentlich
nun die tiefe Begründetheit u Wahrheit jener Forderung darlegen.
Noch wäre es wichtig die Stellung des individuellen Menschen zu der neuen
Stufe der Menschheitsentwickelung zu erörtern. Ich habe darüber schon
im Vorstehenden etwas angedeutet, ich muß mich dabey begnügen was ich
dort über mein persönliches Verhältniß festhielt, ich kann dieß auch da mein
Verhältniß zur neuen Menschheitsstufe dem anschaulich mathematisch klar
vorliegt und mit Nothwendigkeit aus der Sache selbst dem hervorgeht,
welcher meine innere Entwickel[u]ngsgeschichte mit den Bedingungen und For[-]
derungen der neuen Entwickel[un]gsstufe der Menschheit vergleicht und dem
welcher die allgemeinen und besonderen Lebensthatsachen scharf ins Auge
faßt und in ihrem innern Lebensvollen Zusammenhange erkennt; so daß
also eigentlich von mir darüber gar nichts auszusprechen nöthig als höchstens
die Festhaltung jener Lebensthatsachen welche aber an und für sich schon der Geschichte
angehören.- Die Forderung steht fest: alle Dunkelheit, Unklar- u Unbestimmtheit
alles Schwankende nach jeder Seite hin soll schwinden, Bewußtsseyn spross[e]n.
Bey dieser Gelegenheit muß ich Dich doch auf eine gerade in diesen Tagen sich zeige[n]den
Erschein[un]g meines Lebens aufmerksam machen: Es wiederholt sich nemlich ganz das
Leben wieder wie vor 20 Jahren nur eben gesteigert auf der Stufe des Bewußtse[yns]
Im Herbst (13. Nov. 16) kam u begann ich in Griesheim, im Herbst (10 Nov 36.) begann <eig[en]t[lic]h>
schon mein Eintritt in Blkbg. Im Winter 1816/17, arbeitete ich allein. Im Winter 1836/37
gleichfalls.- Doch ich hätte eigentlich noch früher anfangen sollen: Ende 7br 1816 gieng
ich von Berlin zur Begründ[un]g eines reinen Lebens ab.. Ende 7br 1836 reiste ich zu gleich[e]m
Zwecke von Berlin nach Thüringen. Nun oben weiter. Im Winter 1816 verkehrte
ich und we[c]hselte Briefe um eine 2fache Hülfe (dazu Mdffn)[.] Im Winter 1836 verkehrte
ich in gleicher Absicht wieder mit Dir. Einer trat nun in [sc.: im] Frühli[n]g <1817> ein; Einer
tritt nun im Frühling 1837 ein. Der eintretetnde [sc.: eintretende] war mein Schüler - der Eintre-
tende war u ist mein Schüler. Jener trat 1817 nach meinem oder um die Zeit meines Geburtst[a]g[es] ein,
dieser tritt 1837 nach meine[m] oder um die Zeit meines
Geburtstages ein.- Das Haus in Griesheim lag wie das Haus in Blankenbu[r]g nach Süden
dort an einem Fluß der in die Saale u Elbe floß (die Ilm) diese an einem gleichen Fluße die Schwarza /
[88]
Jener (M) kam von Dir und brachte mir Deine Grüße, dieser (G.) kommt
vor Dir und bringt mir Deine Grüße.- Dort bezweckte ich einst neues
Erzieh[un]gsunternehmen; jetzt bezwecke ich ein neues Erzieh[u]ngsunternehmen.
- Dort hatte ich besonders die Erhebung des Familienlebens im Auge; jetzt
habe ich besonders die Erhebung des Familienlebens im Auge.- Dort wohnte
ich zur Miethe; jetzt wohne ich zur Miethe[.]- Dort bildete ich in Griesheim
mein selbstständiges Haus, jetzt bilde ich hier mein selbstständiges Haus.-
Dort hatte ich besonders und zunächst die Einigung, die Erhöhung, die innere Erhebung der
Glieder meiner Familie im Auge; jetzt habe ich die besonders und zu[-]
nächst, das höhere geistige Verständ[ni]ß, die höhere geistige Einigung und inner[-]
ste Erhebung meines gesammten Lebenskreises im Auge.- Dort be[-]
gann ich ganz still und namenlos mit den [sc.: dem] Kreis von Freunden, jetzt
beginne ich ganz still u namenlos in dem Kr[e]ise von Freu[n]den, rc.
Doch wie verschieden sonst alles u welche Gegensätze: dort Hülfe
auch [sc.: aus] [{]gleichem / heimschen>} Lande hier, jetzt aus fremden Lande.- Dort Hülfe, aus
mehr aus Norden, jetzt Hülfe mehr aus Süden. Dort Anfangs nur eine
engere hier eine weitere allgemeine Wirkungssphäre im Auge. rc rc rc.
Solche Vergleiche sind höchst wichtig im Leben und der Mensch sollte sie
viel anstellen; ich habe es besonders früher sehr viele [sc.: viel] und stets
zu großem Seegen für mich gethan.- Wenn ich so jetzt auf unser
Stehen und Wirken in der Schweiz hinblicke so ist es als hätten wih wir
ein neues Land in dieser Zeit entdeckt und hätten wir es in Besitz
genommen und dort angesiedelt, dort eigentlich erst Grund und Bod[e]n
für unser Wirken gefunden: Ich möchte Schillers Kolumbus welcher
mir so häufig im Leben Wegweisend vorleuchtete bestätigt darinn,
finden.- "Steure muthiger Segler! Es mag der Witz Dich verhöhnen
      Und der Schiffer am Steuer senken die lässige Hand.-
Immer, immer nach West! Dort muß die Küste sich zeigen,
      Liegt sie doch deutlich und schimmernd vor Deinem Verstand.
Traue dem leitenden Gott und folge dem schweigenden Weltmeer,
      Wär sie noch nicht, sie stieg jetzt aus den Fluthen empor.
Mit dem Genius steht die Natur im ewigen Bunde.,
      Was der eine verspricht, leistet die andre gewiß.

---*---

Sonntag am 16 Apr. Ich habe heute frühe zur Frühstückszeit Deinen Brief
von heut vor 8 Tagen also am 9[.] d. M. durch die hiesige Blankenburge[r]
Post (welche alle Woche einmal und zw. Sonntags von Saalfeld nach Keilh[au]
und zurück geht merke Dir dieß!) bekommen[.] Zuerst Dank, herzlich[e]n
Dank für denselben und für alles Freundliche was er mir wieder von
Dir und Deiner Freundschaft schreibt. Wie freue ich mich nun daß mein
Brief noch nicht abgegangen war und sie sich <auch so> durchkreuzten! Vom
Sonntag zum Sonntag ist also auch nun ein festes klares Postband /
[88R]
von Dir zu mir unmittelbar hierher gewonnen. Wenn Du an den
übrigen besonders ersten Tagen der Woche an mich schreibst so thust Du wohl mei[-]
ne Briefe nach Keilhau zu überschreiben
denn dann werden sie auch nach Keilhau gesandt und da
Friedrich Bock wie Du weißt gewöhnl[ich] Mondt[a]g - Mittwoch u Fr[e]yt[a]g
von dort hierher geht, so kann ich sie immer von dort erhalten. Macht
es sich gelegentlich so schreibe mir auch einmal an einem Freytag oder
Donnerstag gerad nach Blankenburg ich will dann sehen ob ich ihn den Brief Mittwochs darauf
durch die Bothenfrau erhalte.
Dein lieber Brief bestätigt nun wiederkehrend die tiefe Bedeutsamkeit der
Schweiz und namentlich auch Deiner jetzigen Burgdorfer Verhältnisse;
Es ist darum für Dich gar sehr wichtig daß ich gerad in dieser Zeit auch be-
stimmt wurde über die Entwickelungsstufen und besonders über die jetzig[e]
Entwickelungsstufe der Menschheit zu schreiben. Ich muß Dich darum gar
sehr auffordern alles Dir von mir über diesen Punkt Mitgetheilte
ja recht gründlich ernstli[c]h u reiflich zu erwägen und Dir darüber
Geschichte, Natur und eigenes Leben zum Documentator dienen zu lassen.
Etwas sehr beachtungswerthes muß ich Dir doch in dieser Beziehu[n]g noch
mittheilen. Im Jahr 1833 wird es wohl gewesen seyn als ich von dem
Verein für christl. Volksbildung von Sumiswald wegen der dort zu errichte[n]d[e]n
Armenerzieh[u]ngsanstalt zu einer berathenden Versamml[un]g eingeladen
wurde; dort draf [sc.: traf] ich einen jung[e]n Berner Geistlich[e]n, ich glaube er war
Helfer oder Vikar zu Wasen oder wie das Örtchen hieß oberhalb Langnau[.]
Nach der Berathu[n]g trat er zu mir und erklärte mir ohne große Einleitu[n]g
- Er freue sich gar sehr mich persönlich kennen zu lernen denn durch eine mei[-]
ner Schriftchen welche ihm mitgetheilt worden sey, wäre er darauf
aufmerksam gemacht worden daß wir jetzt in einem neuen Ab-
schnitte der Menschheitsentwickelu[n]g lebten; so wenig er nun auch
früher darauf aufmerksam geworden seye, so fände er es jetzt
doch sehr tief und wahr begründet, und er freue sich dieser ihm durch
mich gewordenen Einsicht.- Du siehest also l. L. daß nun schon für die
Schweiz erreicht ist, was ich oben freylich in noch tieferer Erfass[un]g sagte,
wenn nur erst Ein Mensch mit uns ganz auf derselben Entwickel[un]gs[-]
stufe steht; Wenn Du nun auch niemals diesen jungen Mann kennen lern[e]n
wirst, ich ihn schwerlich wieder erkennen werde, so ist es doch für uns und g[an]z
besonders für Dich wichtig daß nun schon ein Mann, ein in gewisser
Hinsicht als Geistl. erziehender Mann mit Dir zugl. im Kanton Bern
lebt welcher in einem der wichtigsten Punkte in seiner Überzeugu[n]g mit
mir u Dir übereinstimmt, denn dadurch ist schon die Möglichkeit gegeben
daß es auch noch mehrer[e] geben kann und die Aufforderu[n]g sie auch zu
suchen. In dieser Beziehu[n]g ist mir nun Dein und Euer Ries einge- /
[Nachschriften an den Rändern; Reihenfolge aufgrund Durchnumerierung:]
eingefallen [sc.: fallen], theile ihm doch vielleicht auch einmal jenes Schriftchen in einzelnen Sätzen oder anderes mit vielleicht gelegentlich auch etwas /
[88V]
Zweckmäßiges und Erregendes aus meinen Briefen an Dich z.B. meine Ansicht der Schweiz und Schweizer mit wenn er Dich vielleicht /
[87R]
gerad beym Lesen meiner Briefe trifft.- Auch empfehle ich Dir doch gar sehr den Verkehr mit d[em] He. Pfarrer Stähly in Langnau. /
[87V]
Langnau. Ich wünschte gar sehr daß Du ihn einmal auf einer Turnfahrt mit den Kindern /
[86R]
besuchtest und ihm mehreres aus meinen Briefen mittheiltest. Es bleibt immer ein geistiger und wenigstens gemüthlich[-]
erregbarer und eingehender Punkt; mit großen allgemeinen Lebensansichten[.]
- Endlich das Letzte; Hat Dir Roda bey seiner Anwesenheit in B[u]rgdorf gar nichts über
<seine Noten> und seine Verhältnisse in Willisau mitgetheilt?- Midden-
dorff
behandelt ihn ganz falsch, ich
wünschte daß er Ver-
trauen zu Dir faßte.-
Mit seelenvollsten [sc.: seelenvollstem] Gruße. Leb wohl. FrFr. /

[86V]
Langethal! Euer und Dein Kampf in Burgdorf kommt mir vor wie der Kampf früher in Willisau u Luzern. Funke ist der Herr[.] /
[85R]
Decan en miniature. Euer Sieg wird für B[u]rgdorf wichtig seyn wie der Großrathsbeschluß für Luzern. <Sob.> war auch mein erstes in der Schule zu Frkfrt [sc.: Frankfurt]
wandelnde Classen einzuführen.- /
[85V]
Aussprechen muß ich Dir doch auch noch, daß ich Dich noch nie so wie jetzt als einen Gesandten für reines Menschheitsleben in der Schw[ei]z geschaut habe, als jetzt.