Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 18.4./20.4./21.4./22.4./29.4.1837 (Blankenburg)


F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 18.4./20.4./21.4./22.4./29.4.1837 (Blankenburg)
(UBB 30, Bl 89-93, Brieforiginal 2 ½ B 4° 10 S. - Aus dem Brief an Ernestine Langethal v. 29.4.1837 geht hervor, daß beide Briefe zusammen verschickt wurden. Die Blätter sind falsch foliiert, richtige Reihenfolge: 89-90,92-93,91)

Blankenburg bey Rudolstadt am 18en April 1837.·.


Alles Leben ein Einiges und
der Mensch ein Schöpfer.
Dir und Deiner Ernestine zum Lebensgruß.

Zwar wird das, Dir lieber Langethal! in den letzteren Tagen aus
meinem Gemüthe, Geist und Leben Mitgetheilte vielleicht erst
heute von Rudolstadt aus an Dich abgegangen seyn, dennoch dürf-
test Du, könntest Du sehen daß ich schon wieder einen mittheilenden
Brief an Dich beginne, Dich dennoch nicht darüber wundern, wenn
Du nur die Lebensforderung anerkennst <sieh> daß jedes ächte Leben sich
zum Ziele seiner Vollendung entwickeln muß ehe es wieder wahr-
haft Leben weckend, Leben entwickelnd und Leben pflegend und for-
dernd wirken kann und wirken soll.-
Ich habe nun in einer Reihe der letzteren Briefe nach der Schweiz (:der
Brief an Spieß so wie an die Willisauer gehört in gewisser Hinsicht auch
dazu:) besonders aber in den zwey oder drey jüngsten Briefen an Dich
begonnen mich über der Menschheit - (:also auch über des einzelnen Men-
schen:) - Wichtigstes, der Menschheit Wesen und dessen Erscheinung
mitzutheilen und ich fühle, daß ich die Mittheilungen darüber an
Dich, und durch Dich an die sie mit Dir beachtenden noch nicht abbrechen
darf, wenn ich das Ziel und den Zweck meines Lebens: Erhebung der
Menschheit; oder vielmehr der einzelnen Menschen auf die ihr nothwen-
dige und bestimmte neue und nächste Entwickelungsstufe ihres
Wesens und Lebens - oder vielmehr ihr Bewußtwerden auf und
in derselben und ein demselben gemäßes Leben; Wirken; Handeln
erreichen will.
"Leben:" ist die erste Ur- und S Grundwahrnehmung, "Leben" ist
die erste Ur- und Grundanschauung alles Lebenden; "Leben" ist
die erste Ur- und Grundempfindung alles empfindenden, "Leben["] ist
der erste Ur- und Grundgedanke alles Denkenden, und ["]Leben" endlich
die erste Ur- und Grundthat alles lebenden Lebens.-
Die Wahrnehmung "Leben" aber bis zu ihrer und in ihrer Vollendung
wahrgenommen; - die Anschau[u]ng "Leben" aber bis zu ihrer in
ihrer Vollendung angeschaut; - die Empfindung, der Gedanke, die
That "Leben" bis zu ihrer und in ihrer Vollendung empfunden,
gedacht und gelebt, zeigt das Leben nothwendig, thut das Leben
nothwendig als ein unendliches, als ein ewiges kund, offenbart
es als ein "Seyendes" an sich.
Was nun natürlich so von der Wahrnehmung, Anschauung rc, rc, rc.
des Lebens galt, gilt nothwendig auch von der Wahrnehmung, Anschauung rc /
[89R]
rc, rc des "Seyns", es ist ein Unendliches, ein Ewiges und da dieses und <per>
Eigenschaften schon des Lebens an sich sind, folglich auch ein Lebendiges, wie
ein Einiges, indem eben jedes S-eyn, Einheit in sich be-
dingt.
Was nun von den Wahrnehmungen, Anschaungen "Leben, Seyn",
gilt das gilt auch von der Wahrnehmung, Anschau[u]ng rc, rc rc
der "Einheit", sie ist ein Und Unendliches und Ewiges, wie ein Le-
bendiges und Seyendes; da aber unendliche, E ewige, lebendige
seyende Einheit {und "Einigkeit" ... / Einigheit u. so Einigeheit, Einigkeit} nothwendig ein Wissen
des eigenen Ein[s]- also Bewußtseyn
fordert und bedingt, so gilt ganz dasselbe was von "Leben"
vom "Seyn", von der "Einheit" und der "Einigkeit" in sich galt
auch vom "Be-wußt-seyn" vom Wissen des Seyns in allen Punkten
("Be"), Oder dasselbe anders angeschaut: Alles Leben, Seyn, Ein-
heit und Einigkeit fordert in seiner Vollendung nothwendig bewußt
seyn, Wissen von sich selbst, von seinem Leben; Seyn; seiner Ein-
heit und Einigkeit in sich.
Ewige, bewußte Einheit und Einigkeit in sich fordert aber und
bedingt nothwendig "Güte" "Gutheit" ((:Gotheit:) {Mutter, Bruder / Motter. Brother < ? >.}
Gutheit, Güte giebt aber als Erscheinung Tüchtigkeit.
(:Fug, fügig, Fügigkeit       :)
(:Tug, tüg(t)ig, Tüch(t)igkeit:)
Willst Du nun lieber Langethal
so kannst Du so von Güte, Bewußt[-]
seyn Einheit rc leicht zu Liebe; Vernunft, Verstand rc rc über[-]
gehen.
Was wollte und will ich nun mein theurer Langethal! durch alles
für Dich und mich, für uns und die Menschheit sagen?-
Das will ich sagen, daß es für den Menschen als Einzelnes
und für die Menschheit als ein Gan
zes - (:eben weil alles
Leben rc rc rc. nur ein Einiges ist:) - nur eine einzige wahre
und ächte Grundwahrnehmung, solche Grundempfindung und solchen
Grundgedankens
bedarf und dessen - (wie ich hier nur unvoll-
kommen gethan habe:) - stetige Fortentwickelung und Ausbildung
bedarf um den Menschen im Wahrnehmen, Empfinden, Denken, Handeln
Wirken und Leben zur Vollendung zu führen. Mit dem Leben als Wesen ist aber zugleich auch das Schaffen als Erscheinung gegeben.
Nun bitte ich Dich lieber Langethal! nun vergleiche wie nun noch
täglich mit der Lieben Menschheit mit dem lieben einzelnen
Menschen groß und klein umgegangen wird; wie man recht be-
zeichnend sagt umgesprungen wird. Wie auch wir noch mit dem [sc.: den]
Menschen und Kindern umgehen und umspringen. Wie mit mir
umgegangen und umgesprungen ist, wie auch Ihr selbst mit mir
umgehen und umspringen wolltet.- Seht je mehr ich ruhig und unge- /
[90]
stöhrt den großen Gedanken "Leben" und "Alles Leben ein Einiges" denke,
und prüfend erwäge um so mehr wird mir alles klar, und - weil
Klarheit eines des Lebens wichtigsten Güter ist - so eile ich Euch was u
wie es mir klar ist mitzutheilen.- Wie man sich, wie Ihr Euch zu
<Neu[ei]ntritten> einer Grundwahrnehmung, zu einer Grundempfindung,
zu einem Grundgedanken des Lebens bekannt hattet, so forderte und er[-]
wartete ich nun daß ihr ein jeder auch wankel- und wandellos fest
halten sollte[t], aber mein Gott! welches Umhertanzen?!- Langethal!
theurer Langethal! ich meyne es nicht böse, allein ich muß den <Wüst->
<ern> Herzen und der Brust versprechen, daß mir endlich das Gemüthe u
der Geist frey u klar werde.- Wie die Kinder gebärdete man sich
welchem [sc.: welchen] die Eltern das Leben gegeben und die nun schreyen u Gott
weiß was alles thun, ja wohl gar schlagen - wenn sie des Lebens
Forderungen und Bedingungen erfüllen sollen - und doch wart Ihr
alle keine Kinder, wolltet nicht nur keine, sondern wolltet auch keines[-]
weges als solche betrachtet und behandelt seyn und ihr [sc.: Ihr] selbst wart <freywillig>
in den Kreis des neuen Lebens getreten: Eine Grundwahr[ne]mung, die ei[n]zig[e]
Grundwahrnehmung; Eine Grundempfindung und ein solcher Gedanke, die
einzige Grundempfindung der einzige Grundgedanke, sollte durchs Ganze
herrschen, aber welch ein Heer persönlicher Erscheinungen überall, dem
nur das Ganze dienen, dem nur die Einheit gleich einer der geringsten
Einzelnheiten sich unterordnen sollte! Das erfüllte meine Brust mit
stillem und lauten [sc.: lautem] Gram, auch wohl mit stillem u lautem Grimm.
Wie mir noch immer unheimlich wird, wenn es mir als vorübergegangene
Erinn[e]rung vor die Seele tritt. Siehe lieber Langethal, das war es was
mich nach Eurer Verheyrathung so lang, besonders unzufrieden auch mit
Ernestinen machte: es war mir die Wahrnehm[u]ng der Unterordnung des All-
gemeinen, der Forderung des Allgemeinen unter das Besondere u Persönliche,
und dieß <vormals / einma[l]s> bemerkt, so konnten die wiederholten Bitten und Vor-
stellungen meiner Frau, mein Gemüth nicht von einer Trübung befreyen
die sich nur erst später zerstreute. Jetzt habe [ich] Worte, Anschauung und
Nachweisung dafür und so gestehe ich es Dir unumwunden. Siehe l. L.!
jetzt hast Du und jeder der es sucht u will für die Gegenwart, Ver-
gangenheit u Zukunft den Schlüssel zu meinem den Menschen oft so
unerklärlichen und unbegreiflichen Erscheinungen meines Lebens. Ich
habe ein Ziel, das ist fern, man darf also die Zeit nicht vertrödeln u
ich habe ein Ziel es steht hoch; man darf also die Kraft nicht zersplittern;
ich habe ein Ziel es ist nicht gewöhnl[ich] und gemein; man [soll] sich also nicht dem Gewöhn[-]
lichen u Gemächlichen hingeben; ich habe ein Ziel es ist Leben u That, man soll also
nicht durch Wortklaubung u Theor[e]tisir[e]n u theoretischen Kram des Geistes- u Gemüthes-
richtung davon weglenken u weggleiten lassen; ich habe ein Ziel es ist allgemein /
[90R]
und unpersönlich man soll ihm also nicht durch Persönliches <Cursieren> und durch
persönliche Beziehungen seine wahre und tiefe Bedeutung u Wirkung rauben.
Jetzt, mein lieber Langethal! Da ich frey und unpersönlich; ohne alle
<beach[t]liche> Einzelforderung, jedem von Euch gegenüber stehe, jetzt kann ich mich
auch frey und unpersönlich - die Sache entweder nur als der Vergangen[-]
heit angehörend historisch oder in ihrer allgemeinen Forderung hin-
stellend < ? > darüber aussprechen. Um dieß zu kön[n]en, was gewiß
nicht nur für uns als Einzelne und jeden Einzelnen sondern auch für das Ganze so höchst wichtig ist
suchte ich die Stellung zu erringen welcher ich mich jetzt erfreue.
Und so nun Lgethl! laße uns wieder recht ruhig und klar auf dem
Standpunkt des Allgemeinen, uns stellen.
Also Entwickelung des Lebens aus Einer Ur- und Grundwahrnehmung,
einer solchen Empfindung oder solchem Gedanken das ist Grund[-]
forderung des Lebens zur Erreichung seiner reinen menschheitlichen Gestalt;
aber siehe was stürmt dagegen für ein grausiges u krauses Em-
pfindungs[-] u Gedankenheer was für ein Wahrnehmungs- u Anschauungs[-]
Wirrwar[r] auf uns als Kind auf unser Kind < ? ? > in Haus
und Schule; in Kirche und Leben ein? - kaum [{]ehe / daß} es noch von sich
selbst etwas weiß - Gespenst und Engel - Schwarze[r] Mann u liebe[r] Gott
Himmel u Hölle, Himmel u Erde, der Satan und unser Herrgott, der Teufel
u unser lieber Vater; Gott Vater, Gott Sohn u Gott Geist, des Lebenslust
u Ford[e]rung, des [sc.: der] Lebensentsagung u Verdammniß; die sündige Natur u die
Natur ein Werk von Gott. Der Mensch, das Kind ein[e] Gabe Gottes u im Bunde
mit dem Teufel - ("entsagest Du dem Teufel u all seinen Werken rc!["]) - das Kind was
Himmelsgeschenk u eine Lebenslast. Der Mensch mit seinem Erscheinen in Gegensätzen
mit der Natur sie ihm Futter; er ihr Herr; der Mensch der auf der Erde er[-]
scheinend schon dem Menschen elend machend u Vernichtend die Gattin verräth
den Gatten; der Bruder schlägt den Bruder Tod u der Vater will den
Sohn opfern, ein Leben - ohne Lebensziel, eine Erde ohne <innern> <Erde[n]zweck>
ein Tod ohne LebensAnfa[n]g u LebensEnde, die 10 Gebote, die 3 Artikel
die 2 Sakramente, die 7 Bothen von Heiden u Christen von Juden u Türken, von Lutherern u Catholiken Reformirten u Calvinisten, von Griechen u Griechenchristen rc. Ich kann, mag und wage gar nicht
alle das Quotlibet und das Ragout was aus süß u sauer: bitter
und lieblich was ein Kindesmagen - ich will sagen ein[e] Kindes<gemüthe> u Kindes
Geist bey uns verdauen und zu Einem gesunden Nahrungssafte
verarbeiten soll, in seinem widrigen Gemenge her zu setzen[.]
Wer konnte es <nun / nur> unternehmen all das Widersprechende
der häuslichen - bürgerlichen - kirchlichen - Schul- - und
öffentlichen Gedan Wahrnehm[un]g[e]n - Empfindung[e]n - Gedanken - An-
schau[u]ngen wie es wirklich statt findet zusammen zu stellen?-
Und alles das soll Ein Mensch in Einem Menschenleben soll sogar schon ein
Kind <verkrusten>, verarbeiten, verdauen?!- Langethal! wo sollen /
[92]
da ein einiger friedlicher, freyer gesunder Mensch im Leben zu erscheinen
möglich seyn? Langethal! Führe aus in Dir und aus Deinem Leben und dem
Leben derer welche Dir bekannt sind was ich nur schwach andeutete,
worauf ich nur zeigen wollte, Langethal! sollen wir da uns nicht
auf die Erde hinwerfen Gott in seiner Natur und d[urc]h seine Natur
und in unserm Gemüthe festhalten und bitten: "Erlöse <uns> erlöse
uns und unsere Kinder, das jetzige und künftige Geschlecht von
diesem graußigen Übel
!"- Vater! erlöse die Menschheit, erlöse die
Menschen deine Kinder von diesem vergiftenden lebenvernichtenden Bösen!
Ja Langethal! und Ihr andern alle die Ihr mit Ihm gleichgeeint gleich[-]
sinnig und gleichwillig dasteht ja lasset uns den großen Gedank[e]n
nicht nur mit Gott u durch Gott denken und erfassen, sondern auch
mit ihm als unsern Gott u unsern Vater festhalten und darleben
die Menschheit von diesem vergiftenden u vernichtenden Bösen
der widersprechenden Vielheit zu erlösen und ihr wieder ihre
Ur[-] und Grundanschau[u]ng, diese Empfindung, diese Ahnung u diesen Gedanken
zu geben: die Anschauung, diese Empfindung u Ahnung, diesen Gedanken


der LebensEinheit, der LebensGöttlichkeit.

Aber mit zerstreuenden und so zerstörenden Einzelgedanken geht jetzt die
Jungfrau zur Braut über, tritt diese ins Brautgemach und mit solchen
Einzelgedanken der Bräutigam zur Braut, mit solchen Gedanken wird das
empfangene neue Leben getragen u gepflegt; mit solchen Gedanken wird es
geboren und auf der Erde bewillkommnet; mit solchen Gedanken wird d[a]s
Kind behandelt, erzogen und belehrt.
Sag lieber Langethal! ist es weniger als ein Wunder wenn ein Mensch
durch diese Leben vernichtende labyrinthisch widersprechende Vielfalt
sich zur LebensEinheit u zum Lebensfrieden, zur Lebensfreude durcharbeitet.
Wie erhebt sich nun aber der einzelne Mensch, wie erhebt sich die Menschhei[t]
dahin? - durch Weckung und Pflege des Lebens Ur- und Grundanschau[un]g.
Nun lieber Langethal! sind wir, in der Festhaltung dieses, über Alles und
Jedes im Einzelnen und im Ganzen im Besonder[e]n und im Allgemeinen <klar>


"Einiges Leben muß dem Menschen dem Kinde sein Daseyn geben<!>"-



"Das einige Leben was der Mensch das Kind in sich trägt muß es in sich fest[-]"
haltend zur eigenen Anschauu[n]g in äußerer Mannigfaltigkeit (aber"
nicht Vielerleyheit) ungestört darstellen."


"Das einige Leben muß es <erneut> zugleich auch als ein schaffendes, als ein schöpferisches erkennen."

"Das einige Leben muß ihn, in seinem innern Lebenvollen Zusammenhange"
zur äußeren eigenen Anschau[u]ng, zur Anschauung und Auffassung im
eigenen Gemüthe gebracht werden."


"Durch die eigene Lebenseinheit u Einigkeit und durch die Lebenseinheit u <Einih Einigkeit> seiner
Schöpfung[e]n, erkennt der Mensch die Lebenseinheit u Lebenseinigkeit der
Schöpfung und des Schöpfers."


"Und so erkennt der Mensch die Lebens Einheit u Einigkeit Gottes u der Menschheit - als Mensch"- /
[92R]
Nun lieber Langethal! wissen wir ganz klar
was wir thun sollen
wie wir es thun sollen und
warum und wofür wir es thun sollen.
Nun hast Du, nun haben wir aber auch einen sichren Prüfstein für und
zu allem was vor uns und was zu unserer Zeit und jetzt zum
Wohle zur Erhebung der Menschheit geschiehet oder geschehen ist und
in Beziehu[n]g auf die Zweckdienlichkeit desselben. Ein Wesentli[c]hes
hierin ist dieß:
Erstlich will der Mensch und die Menschheit nur die Wecku[n]g des
Grundgedankens, wie das Weib die Wecku[n]g des neuen Lebensfunken[s];
die Pflege und Entwickelu[n]g und Ausbildu[n]g desselben auf ihre Weise
und von ihrer Persönlichkeit aus soll ihr überlassen bleiben.
(:Sokrates hatte 3 Schüler: Platon - Aristoteles - <Xenophon> - allein
wie verschieden prägten S sie jeder Sokrates Gedanken aus:)
(:Jesus hatte verschiedene und zunächst 3 Jünger. Petrus - Paulus [-]
      Johannes und wie verschieden die Ausprägu[n]g des Lebensgedan[-]
      ken Jesus:).
Darum ganz vor allem klare bestimmte Hinstellu[n]g des Lebens
neuen Grundgedanken und zwar in höchster Einfachheit gleich einem Saamenkorn aus welchem
sich nun unter Gottes- und des LebenAlles Schutz u Seegen der
neue Lebensbaum oder vielmehr der Lebensbaum zu neuer
Lebensstufe entwickelt.
Zweytens fordert der Einzelne Mensch ein klares und anschauliches, ge-
staltetes Musterleben in welchem des neuen Lebens Grundgedanke
oder des Lebens neuer Grundgedanke möglichst einfach, klar und
doch allseitig und bestimmt dargelebt mindestens dargelegt
sei zum prüfenden Spiegel.
Drittens aus- und durchgeführte philosophische Systeme können als
Vorschrift nicht im Geiste der fr[e]yen MenschheitsEntwickel[un]g liegen
und um so weniger Totalaufnahme finden als sie in sich und an sich das Ge-
präge der vollendete[n] vorschreibenden Durchführung tragen. Erst
nach Jahrhunderten, ja nach Jahrtausenden können solche Werke, wenn
sie wirklich das Wesen der Menschheit erfassend sind, und sich so
die Menschheit in einer gewissen Beziehu[n]g als Masse (wie z.B. jetzt in
gewisser Beziehu[n]g auf die griechischen Philosophen) zu ihrem Verständ-
nisse durch Selbstbildu[n]g erhoben hat - können sie dem Menschen als ein Spiegel dienen.
Solche Werke und Unternehmen haben alle wohl
für die Menschen u Menschheit critischen, allein einst eigentlich all-
gemein menschheitlich[e]n befruchtenden Werth. In Beziehung auf den einfachen Urgedanken, die Uranschauung
welche[r] er zum Grunde liegt haben sie wohl befruchtenden Werth
jedoch nur für den einzelnen welcher ihn aber sicherer im Leben als im Buche findet rc rc.
Viertens Jeder Wirkende prüfe sich darum genau wohin er sich wenden will nur
verwechsele, noch weniger vermenge er beyde Zwecke.- /

[93]
Am 20sten April. Als Ergebniß einer langen Anschauungs- und Denkreihe
sprech[e] ich auf vorstehender Seite aus:
"Der Mensch und die Menschheit will nur die Weckung des Lebens[-]"
"grundgedankens, wie das Weib die Weckung des neuen Lebensfunkens"
"die Pflege, Entwickelung und Ausbildung auf ihre, der Menschheit["]
"und der Menschen Weise muß ihnen, muß ihr überlassen blei[-]["]
"ben; eben wegen des schöpferischen, des göttlichen Wesens der["]
"Menschheit und des Menschen.["]
Ferner sage ich: "Fordert der M einzelne Mensch - (:und mehrere Men-
"schen gleichsam als Ein Mensch auf einer und ebenderselben Bil-
"dungsstufe stehend:) eben als ein Daseyn und als Erdner (=
<Uerdner>, Werdner:) erschienenes Wesen, ein klares und an-
"schaulich gestaltetes Musterleben ein welcher des neuen Lebens
"Grundgedanke, oder des Lebens neuer Grundgedanke, oder der
"Grundgedanke des Lebens an sich auf der ihm entsprechenden Bil-
"dungsstufe, möglichst einfach, klar und doch allseitig erfassend
"dargelebt, mindestens dargelegt sey zum prüfenden Spiegel,
"für <ihre> den einzelnen Menschen, der Mehrheit als ein Ganzes.
Hieraus geht also ganz klar hervor es muß für den einzelnen Menschen
wie für die ganze Menschheit und jedes einzelne Menschengeschlecht
einen ebenso nothwendigen, untrüglichen und natürlichen Weg der
Weckung (und Empfängniß) des An- und Grundgedankens der Menschheit
geben, als ein solcher Weg in der Natur durch die Befruchtung, im
lebendigen Leben durch die Begattung und im menschlichen Leben durch
die Ehe gegeben ist. Wenn es einen solchen Weg nicht gibt, so ist alle Lebensforschu[n]g
ganz <unnötig>.
Der Auffindung und Feststellung, der klaren Hinstellung und Anschauung dieses Weges
ist nun, für mich als und zu einer Feyer dieses Tages, diese heutige
Mittheilung an Dich gewidmet. Folge ihr, Langethal! mit der
tiefen Sammlung in Dir, welche sie fordert und verdient.
Es giebt nun eine Urwahrnehmung für alles Lebende, es ist die
"des Lebens." an sich. Ich habe dieselbe zu Eingang dieses Briefes wie in
ihrer weiteren Entwickelung angedeutet.
Dieses Leben wird aber ganz nothwendig und - natürlich
     in sich empfunden und gefühlt,
     außer sich erkannt und
(einseitig oder gegenseitig) anerkannt[.]
Mit der Wahrnehmung, mit der Empfindu[n]g mit dem Gedanken "Leben"
ist also ganz unerläßlich und unumgehbar nothwendig eine
dreyfache Wahrnehmung des Lebens gegeben. Diese nothwendige
Dreyfachheit läßt sich natürlich und nothwendig wieder auf verschie[-]
dene Weise von verschiedenen Anschauung[e]n aus aussprechen und muß es. /
[93R]
So einmal als ein empfundenes, ein geschautes, und ein gedachtes Leben,
als ein inneres, ein äußeres, und ein verborgenes Leben,
als ein unsichtbares, ein sichtbares u. ein verschleyertes (unsichtbarsichtbares)
Leben,
als ein einiges, ein getrenntes u. ein gemeinsames (verzweigtes)
Leben,
u.s.w        u.s.w.        u.s.w.
Dieses Dreyfache, Dreyfaltige ist aber ewig ein in sich Einiges, ein
Dreyeiniges, wie dieß nunmehr unzählich oft von mir in Wort und
Schrift nachgewiesen worden ist; das Innere oder Unsichtbare aber zu einem
Äußeren und zu einem Sichtbaren geworden erscheint allemal als ein
Mannigfaches, als ein Vielfaches, und das Äußere und Sichtbare zu einem
Unsichtbaren und Inneren geworden erscheint immer als ein Einfaches und
Einiges. Hierinn liegt nun alles Geheimniß der Lebensweckung, der Lebens[-]
auffunkung ((:Geheimniß; niß, nux, Nuß = Einigung, Zusammenfassu[n]g
Geheimniß = Einigung u. Zusammenfassu[n]g dessen wo ich daheim bin, (Heimlich
Heimeli[c]h (schweizerisch) Heimisch, Heimchen. - Geheimniß vom Leben = Kennt-
niß vom Leben da wie ich im Leben und mit dem Leben daheim bin, natürlich im Leben selbst:))).
Wäre nun aber das Leben < ? > an sich, kein eben als
Leben, kein Dreyeiniges und kein Geheimniß, - (d.h. wäre es nicht
die Einigung dessen wo eben jedes Leben, recht daheim ist) - so könnte ganz
und gar kein Leben geweckt und aufgefunkt werden.
Wie wird nun aber das Leben in der Dreyeinigkeit seines Wesens
immer von neuem geweckt und auf- und hervorgefunkt?-
Dadurch daß Empfundenes Geschautes, und Geschautes Empfundenes
und die Einheit, der Einklang rc. von beyden wahrgenommen, erkannt, wird.
Dadurch daß Inneres (Innerliches) Äußeres (Äußerliches) und Äußeres
(Äußerliches) Inneres (Innerliches) und das gleiche Leben in beyden ge-
funden wird.
Dadurch daß Unsichtbares Sichtbar [sc.: sichtbar], und Sichtbares unsichtbar und
der Eine Geist in allem beachtet, festgehalten wird.
Dadurch daß Einiges Getrenntes und Getrenntes Einiges und der
Eine Geist, das Eine Wesen, das Eine Leben in beyden erfaßt, aufgenommen
und festgehalten werde.-
Daß nun hiermit die Bedingung der Erscheinung des Lebensfunkens
in ihrer innersten Tiefe erfaßt ist, daß [sc.: das] kann wenigstens nun nicht
mehr dem Gatten dunkel, zweydeutig und ungewiß seyn.
Du siehest hieraus l. L. wie wahr und tief erfassend es ist als
ich im vorigen Jahre in der Darlegung der Forderungen der Lebenser-
neuung die Familie als GanzMensch und das Familienleben als
Ganzmenschleben hinstellte.-
Siehe l. Lgthl, ich entwickele immer selbstständig und selbstthätig mein
Leben in mir fort, unbekümmert, arg- und angstlos ob ich mit früheren /
[91]
Lebens[an]schauungen und Lebensforderungen in Einklang oder Mißklang.
<können> nur nach Erringung des in sich Ewigwahren gerichtet; und
Du siehst, und wirst je mehr Du prüfst, desto mehr nach jeder Seite der
Prüfung hin finden daß ich nie mit mir und der Sache im Widerspruch
gekommen bin, und wie im Gegentheil immer das Frühere in
gesteigerter Klarheit, Entwickelung, Lebensfülle, LebensEinheit
und Lebenseinklang wiederkehrt. Vergleiche z[.]B. das Schriftchen
"an unser Volk", - das Schriftchen "durchgreifende Erziehung" pp "in einzelnen Sätzen"
rc. rc. rc bis herauf zur "Lebenserneuung" und der seit jener Zeit Dir
gemachten Mittheilungen. In mittlerer Beziehung fällt mir namentlich eine
Stelle in den erziehenden Familien ein. Du weißt daß ich darinn die Spiele
und Beschäftigungen der Kinder in ihrer innern Bedeutung auffassen und dar-
stellen wollte; so versuche ich es dort mit dem "Spiel", und der Beschäftigung der
Kinder am Wasser. In jener Auffassung und Darstellung drängt sich nun die Anziehung und
die Wirkung des Lebens hervor und es mag wohl in jener
kurzen Darstellung das Wort "Leben" ein paar Dutzend mal vorkommen,
indem ich es schrieb ist es mir gar nicht auff aufgefallen, später hatten sich
Herzog und Schönbein darüber lustig gemacht und nun erschien es mir äußer-
lich angeschaut selbst zu viel. So wirst Du Dich auch erinnern wie sich Nonne
und Mosengeil in Meiningen u Hildburghausen, über das im Verkehr mit ihnen
und dem Herzog von Meiningen so oft gebrauchte Wort "Leben u Streben" lustig
machten. Ächtes Leben und Streben ist aber nicht gut zu trennen: Du siehest hier[-]
aus wie sich früher die Beachtung des "Lebens" als erste und einfache Begründ[un]gs-
Auffassung hervordrängte.
Wie aber erstarkt, entwickelt sich, wächst das geweckte Leben?-
Das Mittel zum Schlagen ist der Schlägel, der Schlegel
das Mittel zum Wachsen wäre hiernach also der Wächsel, der Wechsel.
Es wäre hiernach das Räthsel (von rathen) gelöset und die gute und so mit
innere menschheitliche Bedeutung gefunden warum die Menge den
Wechsel sucht, warum die Menge der Wechsel erfreut; er [sc.: es] wäre hier-
nach die Kinder- und Jugenderscheinung (die Erscheinung in der vorwaltenden
Zeit des Wachsens) der stetige Wechsel, die Liebe zum Wechsel in ihrer
Begründung im Wesen des Menschen und in seinem Leben selbst erkeimt.
Es ist auch ganz natürliche ja nothwendige Forderung daß man mit den großen,
die Menge unbewußt beherrschenden Lebenserschein[u]ngen im Einklang, sie in
seine Gewalt bekommen und so selbst beherrschen muß d.h. sie zu Dir von
der Menschheitsentwickelung ihrem, der Menschheit höchsten Ziele entgehen-
machen muß. Mich dünkt daher im[m]er ein glückliches Ergebniß und
Ereigniß des Strebens und guter Vorbedeutung voll, denn es ist immer
traurig in seinen [sc.: seinem] besten u höchsten Streben gar keinen Einwirk[u]ngspunkt auf
die Menge zu finden und diese immer so ganz ihren Weg gehen lassen zu müssen.
Schluß am 20sten Abends.

-----*----- /

[91R]
   *
*    *
Am 21sten April.
 Begrüßung des 18 21/IV 37 von Keilhau. 
Auf der festen starren Erde,  Noch bedeckt mit Schnee und Eis,
Ruft der Frühling laut sein Werde, Blümchen kommen hold und weiß.
                      *
Winterruh ist nun vergangen,Wunderbarer Kräfte Wehn
Lasset ohne Furcht u BangenLicht und Leben auferstehen.
                      *
                           Auch der Menschheit Neuverjüngen Rufet mächtig jetzt hervor.
                           Kräfte, welche Seegen bringen, Ziehn zum Himmel uns empor,
                      *
Daß wir auch den Blumen gleichen, Frühling wallt in unsrer Brust
Liebe, Licht und Leben r[ei]chenAuf der Erden HimmelsLust.
         (Beg)
* *
*

Am 22sten Apr: Auf dem Wege von Blankenburg nach Keilhau.

Alles Leben ein einiges, darum ein Göttliches;
darum Gottheil [sc.: Gottheit] die Menschheit.
Was aber in dem Wesen lebt, lebt daraus hervor;
(Was das Wesen ist, das lebt es)
darum eine Schöpfung;
darum der Mensch ein Schöpfer, ein schaffend sein (Ur)Wesen,
das Wesen der Natur und die Einigung von beyden zu finden.
zu erkennen, darzuleben.-


*

Sonnabends am 29en Apr. Seit mehreren Tagen sieht dieser Brief seinen [sc.: seinem] Schluß ent[-]
gegen. Gygers Ankunft, die Beschäftigung seit derselben und der Vorsatz einige
dankende Zeilen an Deine liebe Ernestine zu schreiben, verzögerten ihn.
Gyger trat gerad am 23' Apr. wie Middendorff vor 20 Jahren zu mir also
eine weitere Bestätigung zu dem oben ausgesprochene[n]. Auch werde ich künftigen
Mondtag mit ihm allein eine Arbeitswohnung beziehen, sie hat den Blick
nach Keilh. gerichtet wie unsere Wohnung nach der Schweiz.- Schon haben
wir zu arbeiten begonnen; er zeigt rege Theilnahme, festen Willen u
Vertrauen, so wird es wohl gut gehen. Er ist sehr billig gereist, denke
er hat nur 16 Schwfrk gebraucht und dennoch meynt er, er habe, wenn er
gewollt habe noch billiger reisen können. Also mit 16 Frken reist man von
Dir zu mir! - und in 13 Tagen.- Nun noch etwas Lebens Wichtiges. Spieß
gab mir voriges Jahr einen Brief an seinen Freund u Milchbruder glaub ich war
es in Carlsruhe in der politechnischen Anstalt mit, irre ich nicht so hieß der junge Mensch - ein gebor[e]ner
Frankfurter - Wunder - dieser Junge [sc.: junge] Mann, ein Kaufmann in spe, hat mich
gar sehr angesprochen, sey doch so gut Dich bey Spieß nach ihm zu erkundigen, und
mir Kunde von ihm zu geben. Er wollte in diesem Jahre die Schweiz besuchen, dann
wünschte ich daß Du viel
mit ihm verkehrtest und ihn mit meinem jetzigen Streben bekannt machtest.
[keine Unterschrift]