Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Ernestine Langethal in Burgdorf v. 29.4.1837 (Blankenburg)


F. an Ernestine Langethal in Burgdorf v. 29.4.1837 (Blankenburg)
(UBB 31, Bl 94-97, Brieforiginal 2 B 4° 8 S. Aus dem Briefbeginn geht hervor, daß der Brief zusammen mit dem v. 18.4.-29.4.1837 [UBB 30] verschickt wurde. Problem am Briefschluß: Der 2.5.1837 war kein Montag, sondern ein Sonntag, gemeint wohl: Montag, 3.5.)

              Blankenburg bey Rudolstadt 1837.·.
     am 29en Tage im Monat des prüfenden Wechsels.



Theure Ernestine.

Ich habe mich gar sehr über Deinen lieben einfachen Brief
gefreut welchen uns Herr Gyger von dir überbracht hat,
und da ich Dir gerne selbst einige Zeilen darauf antworten
wollte, so habe ich lieber die Absendung des beyliegenden Briefs
an Deinen lieben Mann verschoben. Ich freue mich gar sehr
Deines jetzigen inneren Stehens, Deines Lebens und Handelns
so weit es mir aus Brieflichen und anderen Mittheilungen
vorliegt. Offen und gern gestehe ich Dir, daß mir jetzt in Deinem
gesammten Wesen eingetreten < ? > und immer mehr einzutreten
scheint was ich früher und bisher wohl in demselben vermißte.
Ich finde zuerst daß sich Dein Lebensblick und Lebenssinn
mehr verallgemeinert; [{]früher / bisher} erschien er mir noch gar
zu sehr auf dem Einzelnen Getrennten, besonders auf
dem eigenen Persönlichen zu ruhen. Dieß hat mir früher
gar mannichmal Schmerz gemacht, besonders damit ver-
bunden, daß es mir erschien, Du gäbest Dich oft zu sehr
der einzelnen und vereinzelnden äußeren Verstandes[-]
Ansicht des Lebens hin. Jetzt erscheint es mir aber als
habe sich Dein früheres mehr vereinzelndes Verstandesleben in dem
mehr verallgemeinerenden Gemüthsleben gefunden und
beydes in Einigung erscheinen als leben- uns seelenvolles Thatleben. /
[94R]
Es scheint zwischen Dir und Deinem lieben Manne ein sehr
tiefer und eingreifender innerer Lebens- oder vielmehr
Wesens Austausch und umbildender gegenseitiger Lebenseinfluß statt[-]
gefunden zu haben und zwar zu Eurer
beyderseitigen Lebensgewinn nicht etwas nur für
Euch sondern für die Gesammtfrüchte Eurer Lebensthä-
tigkeit.
Schon das Leben eines einzelnen Menschen Ernestine wirkt unbewußt
sehr viel zum Wohle der Menschheit wenn er
für sich die Einigkeit von Kopf Herz und Hand gewinnt, wenn
er in sich die Einigung von {Geist / Verstand}, Gemüth und That erringt.
Und der Hingang eines solchen Menschen von vollendeter
Reife der Lebenswirksankeit ist schon für die Menschheit
ein wesentlicher schmerzlicher Verlust.
Findet sich, <h lebt>ein solcher sich so in sich gefundener
und geeinter Mensch zugleich in Einigung mit der Natur
und Leben, so ist seine wohltätige Einwirkung
auf das Leben noch seegensreicher und sein Sterben
vor erlangter Reife der Lebenswirksamkeit
ist für die Menschheit ein wesentlicher Verlust.
Finden Zwey Menschen gemeinsam und gegenseitig
in sich Verstandes- Gemüth[-] und That Einigung, so ist
ihr Leben weit um sie her beglückend.
Finden nun aber gar die sich so gefundenen und /
[95]
geeinten beyden Menschen in voller Einigung mit Natur und
Leben, mit Welt und Geschichte, so ist dadurch die erste Bedingung
zur Erhebung der Menschheit auf eine neue Entwickelungs- und
Bildungsstufe erreicht.
Bilden diese beyde[n] Menschen zugleich eine Familie, und
ist ihr Geist, sind ihre Gesinnungen zugleich der Geist, die
Gesinnungen, das Leben und Thun der ganzen, ihrer ganzen
Familie, so ist die selbst Erhebung der Menschheit auf eine
<neue> folgende Entwickelungsstufe erreicht, errungen.
Finden und einigen sich zwey Familien in diesem
Geiste und mit dieser Gesinnung wie unter und in sich, so mit
mit Natur u Leben, Welt und Geschichte, mit Gott
und Offenbarung, und die Erhebung der Menschheit
zu ihrer nächsten neuen Entwickelungsstufe <ihrem>
ist wie errungen so gesichert.
Die Hemmung, Stöhrung, Vernichtung solcher Menschen, Ver-
bindungen, Einigungen und Verhältnisse ist für die Menschheit
ein unersetzlicher, ein bleibender Verlust.
Wenn Du mir nun liebe Ernestine auf diesen Treppchen
von wenig Stufen, auf diesen Leiterchen von wenig
Sprossen folgen kannst - was ich gewiß glaube - so
wirst Du auch mit mir einsehen, daß zuerst alles
von dem Stehen eines Menschen in sich von seiner Einigung
in sich, von sic dem Frieden in sich, nicht aber von seiner /
[95R]
Zufriedenheit mit sich abhängt. Du hast mir oft ausge-
sprochen daß Du nie geglaubt hättest es könne so <schwierig>
seyn ehe sich auch nur zwey Menschen verständen als Du nun im Leben <fändest> hier
hast du ein kleines Pröbchen.
Um diese Kleinigkeit um des Findens und Anerkennens
der Verschiedenheit zwischen Einigung Frieden in sich und
Zufriedenheit mit sich habe ich seit nun 20 Jahren ge-
kämpft. Weil ich glaubte daß ich an die welche sich
mit mir zu gleichem Werke fänden, <unerläßlich>
gleiche Grundforderung, also Einigung Frieden in sich fordern
müßte so hat man mich mit Eigensucht, Zufriedenheit
mit sich bald zu Tode gequält; so daß ich mich nicht an-
ders als durch Austretung und Ausscheiden retten konnte.
Wenn man es nun auch zunächst mit der Menschheit um sie
auf die ihr jetzt bestimmte neue Entwickelungsstufe zu b erheben
nicht weiter bringen kann als jene Vermengung und
Verwechselung zu verhüten, so muß man wenigstens in
diesem Kampfe nicht ermüden, denn ohne Klärung über
diesen Punkt ist an gar keine wahre Lebenserneuung, Lebens-
verjüngung, Lebensfortbildung zu denken. Ohne dieß ist alles
was geschieht nur Lebensverbesserung, oft eine Lebensverän-
derung auf früherer, alter Stufe. Daher kannst Du nun
wohl einsehen meine liebe Ernestine, wie ich, wenn ich
den genannten Punkt auch in Mittheilungen an Deinen /
[96]
lieben Mann <berührte>, bisher so leicht bitter und stachlich werden
konnte denn es handelte sich ja um die Hervorrufung der ersten
Grundbedingung, um die Erfüllung der ersten Grundforderung
durch Mehrere und in Mehreren. Ich freue mich nun gar sehr
aus Deines Mannes jüngsten Briefen und aus dem Deinen
zu sehen, daß es Euch endlich gelungen ist den Grund da-
von einzusehen und Du und Ihr werdet nun die weitere
Erfahrung machen, daß <wie> man den Grund einer Sache
nahe einsieht man auch auf dem Wege ist die Sache selbst
sich anzueignen, die Sache selbst zu bekommen, aus sich
zu entwickeln. Und so hoffe ich denn auch daß die, in dem
hier an Deinen lieben Mann mitkommenden Briefe, et-
was durch die <Erwiderung> unwillkührlich wiederge-
kehrten unheimlichen Empfindungen und deren Aus-
druck Dich wie Ihn nicht vom betretenen, vom gefunde-
nen Wege ab, sondern sich vielmehr immer sicherer u.
freudiger auf demselben fortführen werden, da Ihr
nun einseht und wißt, wie jene Empfindungen und
ihr Ausdruck tief in der Sache und in dem Stehen zu
der Sache um die es sich handelte und noch handelt ge-
gründet sind oder waren; weil Ihr nun gewiß durch-
fühlt, ja erkennt wie ihr Erscheinen und Hervortreten
eben der unzweydeutige Ausdruck der so hohen als sichern
Erwartung ist, daß das neue Menschheitsleben nicht allein /
[96R]
und vor allem blos in Euch, sondern auch überhaupt durch
Euch erstehe und erscheine.
Willst Du nun theure Ernestine aus einem dritten Munde
durch eines Dritten Mund klar und wahr hören warum ich
in meinen Forderungen im engsten Leben so streng und
unbeugsam in der Erinnerung an die so oft von mir
vermißte Erfüllung derselben so bitter, trüb und hart
bin, - so ließ [sc.: lies] im Laienbrevier Monat November II.
Zweytes Halbjahr S. 241. Dort, in diesen Worten findest
Du zugleich die Auflösung für alles das was man mir
im Leben aufbürdete; ob man es mir nun wohl gleich,
wenigstens in diesem Maaße nicht mehr aufbürdet,
so ist es doch gut wenigstens die Auflösung des früher
Aufgebürdeten zu finden.- Wie überhaupt das
Layenbrevier nach allen Seiten hin mein Leben in
seinem wahren Lichte zeigte, - mein Streben darlegt.
Auch Du und Ihr werdet Euer Leben <darum>, und darinn
gerechtfertigt findet [sc: finden] wo in allen Punkten nur Euer Leben ein
menschliches, ein menschheitliches war, und ich freue mich
dessen freue mich innig dessen; denn es ist mir ja Beweis
gemeinsamer Zielerreichung, und wie wäre dieß möglich
wenn die Lebensentwickelungen, die Bildungsgänge, die Grund[-]
bedingung der Lebensentwickelungen sich fern und fremd, wenn
sie in ihrem Wesen verschieden wären?- /
[97]
Da ich den Brief doch nicht so gerad zu abbrechen kann und ich noch
dieses schöne Blatt habe, will ich Dir doch auch noch einiges aus
unserer Häuslichkeit schreiben. Gestern ist unser kleines Stückchen
Land welches wir <vom> Hauptgarten haben, so wie unser klei-
nes Vorgärtchen zurecht gemacht worden. Neben dem
ersteren in dem Hauptgarten steht eine Laube aus drey Linden
welche sehr schön dicht im Dache zu werden scheint; freylich
sind die Seiten ganz laubig offen; dicht dabey soll, weil es da
selbst schattig ist, ein Aurikelbeet angelegt werden. Zur lin-
ken Seite der Laube, oder nach Osten stehen zwey dichte in
einander verschlungene große Lebensbäume,
ich habe mich recht gefreut als ich es nach unserm Einzuge
zum erstenmale bemerkte; sie stehen gerad emporstre-
bend wie zwey Fichten - das Vorgärtchen wird blos
zu einigen Blumen benötigt werden, und zu einer kleinen
Bank Raum geben.- Dein lieber Lgthl. theilt uns mit wie er
früher sich gern im Anschauen der Gärten hier geweilt und sich
derer erfreut habe; es ist mir dieß sehr erfreulich und
zur Dankbarkeit will ich Dir und ihm etwas aus meiner
15 oder 16jährigen Jugend mittheilen. Ich war dort oft
wandernd vom Voigtland (Hirschberg) nach Thüringen
[(]Oberweißbach) da kam ich dann oft vor manchen schönen
Landsitz im herrlichen Buschwerk und zwischen kräftigen
Bäumen vorbey. Hoch schlug mir da immer das Herz: /
[97R]
"Welch ein reines friedliches Leben muß hier heimisch
"seyn; könntest du doch bey diesen Menschen leben wohnen
"mit ihnen leben wie herrlich müßte das seyn".
Selbst einst in einer solchen Wohnung zu wohnen war der Laut-
und Wortlose Wunsch meines Herzens. Daraus
sieht man wie der Mensch durch die ihn umgebende
Natur wieder, auch andere erzieht und erhebt.
Dieß war der stille Gedanke bey all meinen Anlagen
in Keilhau. Darinn hat es vielleicht auch seinen
Grund daß die Mitnachbarn in K. uns die <Flur> so frey gaben.
Doch nicht von Keilhau sondern von Blankenburg will
ich Dir erzählen.- Seit 8 Tagen ist es mir durch Acht-
samkeit und Vergleichung gelungen allen Rauch aus
der Küche selbst beym ersten Einheizen zu entfernen.
Jetzt ist es wahr jetzt ist die kleine Küche ganz wie
das <erstbeste> Stübchen.- Die Gehülfin welche meine
Frau hat ist sehr jung, das ist wahr, kaum 15½ Jahr alt
also in vielem sehr schwach so daß meine Frau den
ernsten Vorsatz hatte und wohl noch hat, mit einer er-
fahreneren Person gegen sie [zu] wechseln; allein Malchen
so heißt sie hat sonst so viel Gutes daß sich meine Frau
schwer dazu entschließen kann: immer willig, nie
verdrossen, bey Verweisen auch keine Spur von <Mucken>.
So hat die Mutter von dieser Seite viel Freude, und so doch einen
kleinen Ersatz für dein Töchterliches Eingehen dessen sie immer dankbar gedenkt.
Nun habe ich doch kaum noch Platz Dir Lebe wohl zu sagen. FrFr
[97]
Möchtest Du meiner Frau herzinnigen, seelenvollen Gruß in jedem Worte lesen.-
[96R]
Herr Gyger hat eine recht nette Wohnung. Mondtag am 2/V wird er einziehen.-