Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 29.5./30.5.1837 (Blankenburg)


F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 29.5./30.5.1837 (Blankenburg)
(UBB 33, Bl 107, Brieforiginal 1 Bl 4° 2 S.)

Blankenburg {Montags am 29 May / Dienstags am 30 May} 1837.·.


Ein <herrlich> schöner lauer Mayenmorgen begrüßet Euch und uns
und so sey des Briefes Schluß uns zuerst ein froher Lebensgruß.

Dein letzter lieber Brief Langethal ist vielseitig Gegenstand
gemeinsamer Mittheilung gewesen am Sonntag nach Pfingsten wo Dein
Bruder aus Erfurt hier war in Keilhau, und am letztern Freytag
den 26' als am hiesigen Bustage wo mein Bruder hier war. Herz-
innigen Dank für die freundlichen ausführlichen Mittheilungen, der Inhalt
des Briefes hat allgemein Freude gemacht, denn Gott <segne[t] / sey in> Dein und
Euer Wirken!- Barop hat sich ganz besonders auch der Mittheilungen
gefreut welche Du uns als Auszug aus Euerm Bericht an die Schulkommission
mitgetheilt hast. Auch ich freue mich gar sehr desselben wenn ich aber in
dem folgenden einen Gegenstand daraus zu einer mehrseitigen besonderen
Betrachtung herausgehoben habe, so ist der Grund davon der, daß
wir uns nicht mit Allgemein und auch wohl augenblicklich Zusagenden
genügen dürfen, sondern daß wir die Sache der Menschenbildung um
die es sich handelt so tief und umfassend als nur möglich erfassen
sollten. Darin hat alles Nachstehende seinen Grund, daß wir vor
allen uns jeder Einzelne von uns in sich und wir uns als eine Gemein-
samheit über den letzten und wichtigsten über den Anfangs- und Schluß-
punkt der Menschenbildung verstehen.- Nun prüfe selbst.
- Am Bustag war wie ich schon sagte der Bruder hier, ich theilte ihm
mehreres von meinen Arbeiten mit und sie schienen ihm sehr
zuzusagen. Nachmittags kam Barop und holte ihn ab.-
- Am Sonnabend Nachmittags kam die Schwägerin, Sonntags Nach-
mittags kam Albertine um sie abzuholen, sie aber ließ es sich bey uns bis
gestern Abend gefallen, wo sie eben von uns aufbrach als ich diese Zeilen
beginnen wollte.- Unserm gesammten Leben scheint eine große Verän-
derung bevorzustehen. Die Mutter wünscht sehnlichst (Albertine) Elisen
zurück. Der Vater welcher sich eben so sehr nach einer mündlichen Mit-
theilung mit Ferdinand sehnt hat letzteren geschrieben im Monat Septbr[.]
Elisen nach Deutschland zurück zubegleiten, er soll dann während seiner
Anwesenheit in Keilhau sehen wie sich die Sachen in Willisau entwickeln.
Middendorff soll zu diesem Ende, so sind der Eltern u besonders des
Vaters bestimmungen [sc.: Bestimmungen], in Willisau einstweilen um von dem Stand
der Verhältnisse klare Kunde zu geben <wie> sich dann entscheiden
soll und wird ob Ferdinand nach der Schweiz zurück kehrt. Die
Eltern und besonders die Mutter wünscht, daß Ferdinand auch hier
bleiben und die Besorgung der Feldwirthschaft übernehme indem der
Vater sehr alt u stumpf wird und die Wirthschaft der ernstesten
Führung besonders der scharf um sich blickenden bedarf. Ich wünschte
den <Frieden> der Eltern u freue mich wenn sie einen Plan ausführen der /
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endlich ihre Gemüther u ihr Leben ganz beruhigt. Ich habe nun das Aufgeben
oder Festhalten von Willisau in mir ganz in die Hände der Willis-
auer und Keilhauer gelegt. Mit der Pflege meines Lebensgrundge-
dankens werde ich mich immer mehr auf mich ganz zurück beziehen.
Wie ich sehe daß sich das Leben der Menschen um mich beruhigt, so bin ich auch
in mir beruhigt über das was ich glaube das hätte geschehen können
und sollen und nicht geschehen ist.- Seit Ihr in Burgdorf, sey Du nur <rein>
recht treu in der Pflege des Lebensgedanken welcher jetzt mehr oder
minder unbewußt der Lebensgrundgedanke der Menschheit ist suche
ihn auf das klar[ste] zu verstehen auf das reinste zu erfassen auf das
einfachste auszuführen u darzustellen. Allein theurer La[n]geth[a]l
laß Dich nicht verführen durch den äußern Schein des Fortwirkens
daß der Lebensbaum der Menschheit nicht ins Holz schieße statt
Knospen treibe, daß er nicht blos Laub- u Blätter, sondern beson-
ders Blüthen- u Fruchtknospen treibe. Gott schenke Dir Klarheit
des Geistes, einen wahren Blick für das Leben an sich, das Bleibende.

Gegen 9 Uhr Morgens. So eben haben wir hinter einer schönen Lindenlaube
seit 5 Jahren zum erstenmale wieder im Freyen gefrühstückt mit der Aussicht auf eine Lichtung Birnbäume und ins Schwarzathal. Meine
Frau sagte: "Es ist doch gar zu schön, wenn
"ich es meiner Ernestine schreibe, so wird
"sie doch ein Wenig die Sehnsucht nach der Heimath bekommen." So lebt
meine Frau immer mit Euch u mit den Deinigen.
Langethal! Wir fürchten daß Herrn Gygers Sache[n] nach Blankenburg
in den Harz gegangen sind; denn noch nicht nach 7-8 Wochen sind
sie hier angekommen. Du mußt doch wohl durch Deinen Herrn Spediteur
anfragen lassen wie es damit steht.- Es wäre freylich am besten
gewesen wenn die Sachen durch Herrn Bayer in Lochbach und über Nürn-
berg hierher besorgt worden wären. Man denkt u schreibt und
zuletzt vergißt man doch das Beste. Hieher nach Blankenburg ist dieses
der beste Weg.- Am Sonnabend war ich mit Barop u Gyger in Ranis
bey Pösneck [sc.: Pößneck] wo ernste Rücksprache mit Drucker u Lythograph genommen
wurde. Du hast Recht der jüngste Spieß wäre auch mir zu solchen Besorg-
ungen sehr lieb u nützlich gewesen, allein so ist es, der Mensch ver-
schließt sich durch halbe Lebensverbindungen den Weg zu größerm ge-
einteren Wirken für Menschheitswohle.- Ich beabsichtige zugleich
mit meiner Unternehmung die Herausgabe eines Zeitblattes
"Der Autodidaktiker"
Du kennst den Ausdruck in seiner Vielseitigkeit u wirst ihn nochmals
durch diesen Brief kennen lernen. Hast Du und Deine Freunde
Aufsätze dafür so wird es mich freuen sie gelegentlich zu bekommen.
Nun lebe recht recht wohl. Nochmals Gottes Seegen Deinem u Eurem
Wirk[en], von uns allen die herzlichsten Grüße besonders auch von meiner
Frau mit der es schwach u leidend doch leidlich geht. DFrFr.