Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 23.6.1837 (Blankenburg)


F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 23.6.1837 (Blankenburg)
(UBB 35, Bl 110-111, Brieforiginal 1 B 8° 4 S. Der Anfang gibt zu erkennen, daß der Brief zusammen mit dem v. 18.6./23.6.1837 an Langethal verschickt wurde.)

Blankenburg bey Rudolstadt am 23 Juny 1837.·.


Gruß Dir und Euch allen in Ihr Lieben zu B[u]rgdorf.

Wie gar sehr freue ich mich daß meine Zeilen welche in wenigen Stun[-]
den zur Post abgehen sollten noch hier sind indem ich soeben Deinen
lieben Brief von 9.-14. Juny empfange, und sich also unsere Briefe
nicht kreuzen. Denn ob mich zwar Dein Brief in Hinsicht auf He. Gygers
Koffer seine Harzreise betreffend beruhigt, so ist es doch auch
gut daß Du sogleich erfährst, daß derselbe weder hier noch in
Keilhau bis jetzt angekommen ist. Dieß dünkt mich nun ganz
unverhältnißmäßig lange, selbst <u. sgl [sc.: sogleich]> die Verspätung wegen
vergessener Declaration mit eingerechnet. Du und Herr Buri
werdet nun wissen was Ihr zu thun habt. Wir haben und ganz
besonders ich einen großen Fehler gemacht daß ich die Sache nicht
habe durch die gefällige Vermittelung d[es] He. <Beyer> auf dem <Loch>
<bachbade> über Nürnberg gehen lassen, wir hätten nun gewiß
die Sachen wenigsten[s] schon seit 4 Wochen und ich bin überzeugt
<um> wenigstens ein Viertel billiger. Dieß zur Nachachtung wegen
der Zukunft. Doch nun genug hierüber.
Daß ich wegen Wilhelm Cl. wenigstens Nachricht habe. Freuen würde
es mich gar sehr wenn sich eine Ausstellung auf dem von Erlachschen
Gute noch vermittelte, indem ich einmal von dem von Erlachschen
Hause so viel Gutes gehört habe und indem zweytens Wilhelm
in mehrfacher Hinsicht sehr empfehlungswerth ist und drittens
er dann in die Nähe Burgdorfs und Berns und so gewiß in manche
ihm sehr heilsame Lebensverbindung käme.- He. Prof. Voigt
könnte mir wohl in Deutschland z.B[.] nach Heidelberg für den jungen
Menschen keine Addresse und empfehlendes Wort geben?-
Ich wünsche ihn [sc.:ihm] schon um seinetselbstwillen einen fortbildenden
Platz aber auch weil ich in etwas die Hoffnung in mir trage er
Wilhelm könne wohl durch seinen Beruf und durch seine hohe Liebe
zu demselben wie zur Natur überhaupt noch einmal und
vielleicht schon nach einem oder höchsten[s] 2 Jahren ein wirksames
Glied hier wird eines der Erhebung der Menschheit, durch innige Einigung
mit der Natur geweyheten Lebens und Kreises werden.-
Es dämmert mir jetzt von neuem die beglückende Hoffnung leise und
schwach herauf daß sich mein großer Lebensplan, wenn auch nur
der Anlage nach, wohl noch verwirklichen könnte. Vielleicht in
14 Tagen drüber mehreres.
Auch der Fortgang Deines und Eures gesammten Lebens in Burgdorf
freut mich; es ist doch wenigstens ein kräftiges Regen und dieß
ist schon genug; möge Euch Gott nur vor Dämmern u Schlafen,
ganz besonders vor Dämmern und Schlafsucht bewahren; es dauert
nachher gar zu lange ehe wieder etwas Tüchtiges zum Vorschein
kommt ja das ganze Leben läuft Gefahr zu vergehen wie dieß
jetzt in Willisau der Fall zu seyn scheint. Allein Willisau /
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hat nie meinem ernsten Vaterwort hören wollen. Daß es ganz allein
der Geist der ächte weise Geist und ein demselben ganz entsprechen-
des Handeln ist welches da lebendig macht und Lebensgestalt
schafft deßhalb bin ich mit Ferdinand und Middendorff wenn
auch nach verschiedenen Seiten gleich tief und gleich stark un[-]
zufrieden. Der eine hat ihn verachtet mindestens nicht geachtet
und der andere hat ihn in die Fesseln einer dogmatischen Lebensan-
sicht geschlagen. Er wird aber das vernichtendste Hinderniß und
Hemmniß die Entgegnung und Widerwertigkeit im eignen Kreise
überwinden sich wie ein Phönix aus der Asche empor schwingen
und dann werden eben alle jene vernichtenden Schwierigkeiten
eben so viel Zeugen und eben so starke Zeugen seines Wesens
seyn.
Warum schreibst Du mir l. Lgethal ganz und gar nichts über
den Stand in Willisau?- Middendorff[s] Handeln in Beziehung
auf die von Rodasche Beschenkung wird in Keilhau ohne alle
Ausnahme gemißbilligt, sogar die Schwägerin sagt es käme ihr
ganz herrenhuthisch vor; Du weißt was das hier heißen soll.
Mein theurer Langethal! Wie sehr freu ich [mich] daß Dir endlich
die Überzeugung nicht nur dem Verstande u dem Worte, sondern
dem Gewisse[n] und dem Leben und der Lebensansicht u Lebenser-
fahrung nach - kommt, daß das Leben in seinem Geiste, wie in
seinen Erscheinungen wie in seinem Lebensziele u Lebenszwecke

ein ganz neues noch nie da gewesenes
werden soll und werden muß, aber auch seinem Wesen
nach eben jetzt frey aus sich werden will; nur müssen
Menschen wie wir es nicht willkührlich hemmen und eben
sowenig gängeln wollen.
Das <-> ganz neu[e] Leben welches hervorbrechen will
verhält sich zu dem bereits schon im Schwinden ja Scheiden
begriffenen wie die Frucht zur Blüthe. Ich dächte doch
Langethal dieß wäre klar u deutlich gesprochen, wie oft ist
dieß nun schon in unserm Kreise geschehen, dennoch sind
wir trüb. Das Fruchten ist aber ebenso eine neue Lebens- also
Gottoffenbarung wie das Blühen, das Blattknospen und Keimen;
darum ist auch ebenso das jetzige Leben die Zeit einer neuen Lebens[-]
und Gottoffenbarung wie die zur Zeit Jesu. Wir aber glauben nicht
daran und beachten und bewalten wenigstens nicht das Leben
nach dieser Überzeu Forderung. Haltet und halte doch nur das Natur[-]
Bild und Gleichniß fest welches ich so eben gab und es wird Euch
und Dich alles lehren aber höret und beachtet eben auch die Lehre im
Leben. Wäre doch nun Einer unter uns welcher die Zeit, das Leben
das Leben auf seiner jetzigen Entwickelungsstufe aber auch ganz und einig er[-]
faßte und so erfaßt im wirklichen Leben in Empfindung Gedanken Wort, That ganz
fest hält. Wir sind, wie oft soll ich es noch
aussprechen, wie Äneas in seinem Vaterlande, wir sind mitten in der- [sc.: der] /
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neuen Zeit und erkennen sie nicht. Möchte nun Deine Krankheit
- an welcher wir als Krankheit recht innig bedauerlichen An-
theil nehmen, möchte sie beachtend und erkennend Dich in die
Erkenntniß des innersten Wesens des Lebens einführen. Ich
bitte Dich lies wiederkehrend meine Brieflichen [sc.: brieflichen] Mittheilungen der
letzten Zeit an Dich und möchte dann durch dieselbe[n] ein Licht zur
ächten wahren und E erfassenden Lebensanschauung aufgehen.-
Alles Leben ist Dir und Euch allen noch gar zu sehr ein objectives
gegenständliches - oder wie ich es auch nannte dämonisches,
als daß Ihr es als ein eigenes selbstiges wahrnehmen, em-
pfinden und fühlen solltet. Doch dieß alles kann nicht gegeben,
zwar wohl geweckt entwickelt, aber muß dennoch immer in sich selbst,
als Selbst gefunden werden,
Nun noch einiges wegen einen etwa künftigen nöthigen Gehülfen[.]
Weißt Du daß <Arn> schon verheyrathet ist, und kannst Du, da
er dieß ist noch auf ihn Rücksicht nehmen?-
Gyger meynte <Kessi> vielleicht.- Hast Du aber vielleicht
selbst an Gyger gedacht?- So zufrieden ich mit ihm bin, so will
ich doch auch seinem ökonomischen Fortkommen nicht hinderlich seyn.
Doch noch eins wenigstens zur prüfenden Beachtung: - Der
Herr Schullehrer Bock in Keilhau wünscht daß sein Friedrich
nach der Schweiz und besonders zu Dir käme. Wie wäre es
wenn Du auf ihn Rücksicht nähmest?- Er hat wegen seiner
großen Indolenz, so scheint es jetzt, viel gegen sich, allein
wer weiß ob dieß nicht schwände wenn er - was bey dieser
Art Leute nur einmal so viel vermag - in eine ihm [sc.: ihn] ökono[-]
misch so gut stellende Lage käme. Bey Wenn er bey mir ist
so ist er mit Ausdauer (zei[c]hnend u schreibend) thätig. Über[-]
lege doch die Sache mit Barop. Es ließe sich vielleicht auch hier
auf seine künftige Wirksamkeit bei Dir Rücksicht nehmen. Ich
verliehre ihn auch nicht eben gern, allein ich freue mich innig
wenn sich eines Leben förderlich entwickelt. Auch würde
er sehr gern zu Dir gehen. Wie gesagt ich verliehre ihn nicht eben
gern, wenn er auch noch unvollkommen ist, so ist er bey mir sehr
still und fleißig fortarbeitend; allein von Hause sagt Barop müßt[e]
er [fort] weil er sich da auf die faule Bärenhaut legt; deßhalb suche ich
selbst es möglich zu machen ihn ganz nach Blankenburg zu
nehmen und ihn irgendwo in Kost u Quartier zu geben; besser
für ihn wäre es gewiß in Bgdorf in Verein mit Antonen
unter Dir u Spieß. Nochmal überlege es ernstlich. Der
Vater hat uns doch so lang vertraut, vertraut uns noch und
treu, ja treu glaube ich ist Friedrich u würde es Dir in jeder Hin[-]
sicht seyn.-
Nun noch einige Bitten welche deren Beantwortung ich
aber gar sehr von Dir wünsche.
1. Ist keine Nachricht von den jungen Hundeshagen da?- /
[11R]
Ich möchte gar zu gern hören wo er gienge und wie es ihm
gienge und auf welchem Wege man sich vielleicht ein-
mal schriftlich gegenseitig mittheilen könnte.
2. Kannst Du mir nicht durch Spieß Nachricht von seinem
Milchbruder, ich glaube er heißt Wunder aus Frankfurt
geben, welcher im vorigen Jahre in dem polytechnischen Insti-
tute zu Carlsruhe Zögling war. Er wollte Euch in diesem
Jahre in der Schweiz besuchen. Ich wäre sehr begierig zu
wissen ob er nicht für ein solches artistisch literarisches
Unternehmen wie es in meiner Seele ruht und wie es sich jetzt
zu gestalten beginnt zu interessiren wären [sc.: wäre]; der Gedanke
freyer Menschenentwickelung; Menschenwürdige Erziehung und ein solches Wirken, solcher Beruf des
des Menschen schien seine ga[n]ze
Seele zu erfüllen; darum ist mein Andenken an ihn so fest.-
3ns Warum schreibst Du mir gar nichts vom Herrn Pfarrer
Stähli
zu Langnau? - hast Du gar nichts von ihm gehört?-
Hattest Du nicht Gelegenheit ihm Grüße u Nachrichten von mir
und uns mitzutheilen?-
Alle die andern Bitten
3. Wegen Emme Karte - 4.) Wegen LinienziehMaschinen wie-
derhole ich -
An Dich liebe Ernestin Nun hat meine Frau an Dich l. Lgthl
noch ein bestimmtes Wort: sie meynt die Reise würde gewiß
nicht so heilsam für Dich als eine wirkliche Cur in Interlaken
seyn, denn Du würdest Dich auf der Reise (was ja nicht zu
vermeyden sey[)] gar zu leicht erhitzen und wieder erkälten.
Du möchtest also doch ja wenn es möglich wäre ja die Cur
gebrauchen.
Auch an Dich h liebe Ernestine noch ein Wörtchen. Unsere
liebe Mutter ist nach ihrer Weise immer still für sich leidend, ganz wohl
nur schwach; doch hat sich sie seit einigen
Tagen ihrem Zustande gemäß bedeutende Spaziergänge
selbst nach den Anhöhen gemacht, freylich wohl mit 3fachem
Zeitaufwand aber dennoch zu ihrer großen Freude, zu
Lebensgenuß und auch wohl zur Erquickung mit mindestens
Erfrischung. Die hiesige Gegend ist wunderschön, <u.> mindestens
gar sehr lieblich und voll reizender Abwechslung; es ist ganz
merkwürdig wie wir 16 Jahr in Keilhau seyn konnten und
doch die schönsten und ganze nahe Punkte für uns fremd bleiben
konnten. Meine theure liebe Seele, so werden wir einmal
wenn die Schuppen von unsern Augen fallen über unser jetziges
Leben urtheilen, ganz nahe um uns, in uns ist das himmlische
das Göttliche und wir - wir sehen es vor uns selbst willen
nicht. Gott seegne Dein u Deines Mannes Leben u Wirken und
stärke d seine Gesundheit wie Er die Deine stärkte.
Mit herzlicher Liebe           DundEFrFr.