Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 10.8.1837 (Blankenburg)


F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 10.8.1837 (Blankenburg)
(UBB 36, Bl 112-118, Brieforiginal 3 ½ B 8° 14 S., zit. Prüfer 1909, 19. 26f [aus 115V/R].)

Blankenburg bey Rudolstadt am 10 August 37.


Dank zu Gott für Deine Genesung lieber Langethal, sey Dir
mein und unser aller Herzens Gruß.

Schon seit vorgestern lag das Papier zu einem Briefe und schon seit
mehreren Wochen waren die Mittwoche und Sonnabend[e] zum Ab-
senden eines Briefes an Dich, an Euch beyde bestimmt, gar sehr
aber freue ich mich nun, daß es wenigstens gestern früh nicht geschehen
ist wo ich Nachmittags Deinen lieben Brief vom 5. August also
am 5en Tage erhielt, denn das Kreuzen der Briefe ist mir immer unangenehm, er hat uns allen große Freude gemacht
ganz besonders auch meiner Frau, welche wegen Deiner Gesund-
heit gar sehr besorgt war und noch bis jetzt ist indem es ihr sehr
leid thut daß schon in wenigen Tagen Dich Deine vollen Geschäfte
rufen; nimm doch ja zunächst das Anerbieten der Behörde an zunächst
wenigstens noch längere Zeit blos führend und ordnend, bestimmend
da zu stehen. Nun erst noch einen Blick in die Vergangenheit.
Gegen Ende des Monat Juny, denke Dir! ist erst Gygers
Koffer endlich angelangt. Er ist wirklich schon in Blankenburg
am Harz gewesen; allein was fast eben so arg ist, von dort hat
man ihn erst wieder nach Braunschweig kommen lassen, statt
ihn gleich von Blankenburg über Nordhausen hierher zu senden.
Die Fracht betrug nahe an 27 SchwrzFrken über 11 <Rthlr> hiesige Wäh-
rung. Barop meynt einen Theil dieser Kosten müßte we-
nigstens der Spediteur tragen, durch dessen Schuld der Koffer diese
Irrfahrt gemacht hat; das ist nun wohl gut, allein welcher?-
und wie ist dieser ausfindig zu machen; jetzt werde ich nun
wohl die Hälfte der Fracht tragen müssen, welche kaum die Hälfte
hätte betragen sollen; denn wie kann ich solche Gyger ganz zu[-]
rechnen?- Wir sind nun zwar Herrn Buri für seine gefällige Be-
sorgung Dank schuldig, den ich ihm auch gern abstatte, allein ich kann
doch nicht wünschen daß je wieder von derselben Gebrauch gemacht
werde. Besser glaube ich, wie ich es auch schon schrieb, wenn Sendungen
nach Blankenburg durch Herrn Beyers Besorgung über Nürnberg
gehen.- Auch Dein Brief von Unterseen hat mit dem Koffer
gleiches Schicksal gehabt; auch diesen Brief habe ich von Braun[-]
schweig erhalten und ohngeachtet der richtigen Aufschrift und daß
Du ihn frey gemacht hast noch 10 Gr: sächsisch bezahlen müssen.
Barop wollte jedoch das Couvert des Briefes zur Post zurück geben
und das Postgeld zurück fordern; ob es geschehen weiß ich nicht.
Wenn Du also je wieder außerhalb Burgdorf Briefe an mich sen-
den solltest so schreibe Rudolstadt größer als Blankenburg.
Für Deinen lieben ausführlichen d.h. alle meine Fragen beantwortenden
Brief danke ich Dir nochmals gar sehr. Es ist einem gar sehr lieb wenn auch scheinbar
ja wirklich unbedeutende Sachen klar abgemacht sind man legt ihnen sonst
größeren Wert bey als sie verdienen und dieß wirkt immer hemmend, in- /
[112R]
dem man unnützer Weise sie beachtet wie z[.]B. Wunder in Carlsruhe.
Wie wäre es wenn Du in Sumiswald eine Linienziehmaschine für
mich machen ließest, viel könnte sie wohl nicht kosten; es bedürfte
vielleicht auch blos der rasteralartigen Vorrichtung, das übrige
ließe sich wohl nach Zeichnung und Beschreibung hier ausführen. Der
Grund warum mir überhaupt an der Sache etwas liegt ist der: - ich glaube
nemlich daß sich auf Papier auf welches die Netze lithographirt sind, nicht
so gut zeichnen läßt als auf Netze mit schwacher Tusche gezogen.-
Ich beabsichtige nemlich Figurenbücher für zu Familien- und Hausge-
brauch herauszugeben wo auf der einen Seite zur linken, die Bedingungen
und die Glieder stehen auf der anderen Seite zur rechten aber gleich das
Netz zur Ausführung. Dieß jedoch keinesweges als etwas Abgerissenes
sondern als ein Zweig des Ganzen. Nun so will ich Dich denn lieber
theurer Langethal auch gleich in die Mitte dieses ganzen [sc.: Ganzen] versetzen.
Beyliegend empfängst Du zum Dank für die uns übersandten lieben
Schweizerblümchen eine Knospe oder Blüthe, ein Saamenkörnchen, oder
eine Wurzelranke, wie Du es nennen und nehmen willst, des gro-
ßen Lebensbaumes welchen zu pflegen mein Leben jetzt ganz hinge-
geben ist. Nimm so klein es auch ist, so einzeln und unbedeutend es
jetzt noch zu Dir kommt doch sogleich beachtend, säend, pflanzend u pflegend
auf. Was nicht im Kleinsten und Unscheinbarsten, mit demselben,
und durch und als dasselbe, als das Unbdeutendste beginnt, das be-
ginnt gewiß nie.
Weil nun Dein ganzes Wirken nach Deinem jüngsten Brief dort
in so lebenvoller Entwickelung ist, so wollte ich doch nicht versäumen
Dich sogleich mit dem Stande meines hiesigen Wirkens bekannt zu
machen denn Dein jüngster Brief beweist mir wieder auf das klar[-]
ste und bestimmte wie sehr Dein Wirken in der Schweiz und meines in
Deutschland zusammen gehören wie sehr Burgdorf und Blankenburg ein
einiges Lebensganze sind, allein die gemeinsam einige Pflege fordert
darum auch die sinnigste hingebendste Beachtung und Sorgfalt. Darum
nun warte ich auch mit der Übersendung
des Sonntagsblattes
nicht bis ich Dir eine größere <S.> Anzahl davon übersenden kann, son-
dern ich schicke Dir sogleich das einzige Exemplar was mir in die-
sem Augenblicke zu Gebote steht damit Du sogleich dadurch in
den Stand gesetzt werdest seinen übrigen Genossen die ich Dir
nun ehestens zu senden gedenke einen nicht etwa nur freundlichen
sondern wurze[l]nden und später fruchtenden Willkommen zu be-
reiten. Im Laufe dieser Woche wird die Auflage der 1sten No ge-
druckt seyn und in 3-4 Wochen hoffe ich soll eine Anzahl
Exemplare zum Gebrauche für Dich bey Dir seyn.
Der Inhalt dieser No ist nun zwar für Dich nicht neu sondern viel-
mehr Dir schon wörtlich ganz bekannt; allein suche ihn Dir lebenvoll
zu eigen zu machen d.h. ganz aus Dir und Deinem Innern und Leben
und so als dem Eigenthum zu entwickeln, so kann und wird jedes /
[113]
Blatt welches Du verbreitest ein Saamenkorn zur Aussaat einer seegens[-]
reichen Ernte seyn, wenn es auch immer damit gehe, ja gehen muß
wie dem Sämann im Gleichnisse.
Erst nun das Äußere dann das Innere und Innerste.
Von diesem Sonntagsblatt gedenke ich 3-4 Nummern als Probe-
blätter und als Handschrift unentgeltlich nicht durch den allgemeinen
Buchhandel sondern durch persönlichen Lebensverkehr und regen
warmen Lebenverband oder vielmehr Lebensvereinigung und Lebens[-]
verständniß auszugeben um dem Blatte selbst, wenn es in seinem
festen Gang erscheint doch erscheint nun das Blatt selbst ungehemmt und
wenn es nur eine einzige es wahrhaft theilnehmend und pflegend auf[-]
nehmende Seele finden sollte. Wann der Zeitpunkt des geordneten
Erscheinens eintreten wird kann ich jetzt noch nicht bestimmen, jedoch
so bald als alles dazu vorbereitet ist, woran ich mit regem Eifer
arbeite. So wie die erste No gedruckt ist beginnt sogleich der Druck
der zweyten und so fließend fort der 3en und vielleicht 4en <Nu[mme]r>.
Ich halte es nun den gesammten Umständen und Lebenserscheinungen nach hier
und in der Schweiz und so weit mein und unser Geistes[-] und Lebensver-
kehr geht für wichtig, wenn das Blatt nach und nach zunächst an alle
die Punkte und Personen in der Schweiz ausgegeben wird wo
sich nur irgend je ein Anklang unseres ein[e] Theilnahme an meinem
und unserem Unternehmen in der Schweiz zeigte also den Kantonen
nach in Luzern und Bern; den Orten nach im Kanton Luzern, in Luzern
in Willisau, in Sursee, in Sempach, in Büren, in Holzkirch, in Hochdorf
in Dagmersellen, in Ruswyl, in Wohlhusen in <Ey[genthal]> in Knutwyler Bade
im Kanton Bern in Bern, Burgdorf, Sumiswald, Langethal, Langenau Lützel-
flüh
und überall wo von unsern bekannten Schullehrern wohnen und
wo Du jetzt wieder persönliche Bekanntschaften angeknüpft hast.
Es handelt sich zunächst in der Gesammtheit dieser Orte und Punkte
gar nicht darum, daß daraus eine zahlreiche und real Theil[-]
nahme an dem Blatte selbst hervorgehe, sondern zunächst darum
daß alle diese Personen wieder ein allgemeines durchgreifen[-]
des umfassendes Lebenszeichen, ein Zeichen eines solchen Lebens
und Daseyns unserer und meiner von mir und uns erhalte[n],
daß ihre Theilnahme ein sichtbares Zeichen unserer noch un[-]
vergessenen Anerkennung und sie so selbst wieder neue Belebung
Wahrung und Pflege bekomme, darum möchte ich wohl daß das
Blatt großen Theils von Dir persönlich als ein <achtender und achtender> Lebens- Freund-
schafts- und Herzensgruß von Dir, mir und uns an den be-
treffenden Orten ausgegeben werde. Mich dünkt <daß [sc.: das]> ließe sich
wohl auf einem Streifzuge machen.
In Luzern bey Schnyder, Baumann, Hunkeler Steiger rc würde ich
an Deiner Stelle benutzen ihnen zu zeigen - wie sich ihnen, wenn es
ihnen um zwey Sachen innerer tiefer Ernst sey - hier[-]
durch die förderliche Theilnahme an meiner und unserer Unternehmung die günstig-
ste Gelegenheit darbietet solche zu erreichen und zu fördern: erstlich /
[113R]
das Selbstdenken und so ächte Vernunftsbildung und wahre Aufklärung unter
und im Volke zu wecken und unter demselben keimen und heimisch
zu machen; zweytens wenn es ihnen ein Ernst sey zu diesem Zwecke
Willisau zu erhalten.
Wir lieber Langethal wollen aber in uns zunächst ganz zufrieden
seyn, wenn sie sich in Luzern von Seite des Regierungsrathes und
Erziehungsrathes wie bisher gegen unser früheres so nun gegen unser
neues Unternehmen duldend u schonend sich verhalten so daß sie ferner
wie bisher uns kein Hinderniß und Hemmniß in den Weg
legen; allein freuen (und ganz besonders besonde) soll es uns wenn
ihnen diese unsere neue frisch u kräftig erstehende Wirksamkeit
lieb und angenehm, wenn ihnen der Fortgang desselben in ihrem
Herzen erfreulich ist. Wie es Dir überhaupt Angelegenheit seyn muß
das Interesse von Meyer in Luzern und ganz namentlich des jungen
Petermann (Führer und <Compagnion> der Druckerey des Eidgenossen) in
Sursee für das Ganze zu gewinnen, so müßtest Du Dich dann
ganz besonders über die Veröffentlichung im Kanton Luzern ver-
ständigen. Ich glaube das [sc.: , daß] Petermann ein junger rüstiger selbst
in gewisser Beziehung unternehmender Mann dafür <richtiger / wichtiger> und
besser ist als Meyer in Luzern.
Wie mit Meyer in Luzern so kannst Du darüber mit Huber
& Comp. in Bern und wie mit Petermann in Sursee somit dem
etwas Buchhandel treibenden Buchbinder in Sumiswalde ver-
kehren, doch darüber weiter mehr wenn ich Dir das Material
dazu selbst übersende. Langlois ist zu träg und nichts von ihm
zu erwarten ob wir ihn gleich um wenigstens nicht unnöthig
Opposition zu wecken nicht übergehen und wenigstens auch spä-
ter den Volksfreund zur Veröffentlichung der Anzeigen benutzen wollen.
Wenn Du nun, mein lieber Langethal die Sache im Allgemeinen
überlegt hast so schreibe mir möglichst bald wie viel Exem-
plare (wie gesagt zur unentgeldlichen Vertheilung[)] ich Dir wohl
ohngefähr übersenden möchte; Du mußt zu Deinem Über[-]
schlag eine dreyfache Rubrick machen[.]
1. Hoffnungsvoller Gebrauch 2. zweifelhafter Gebrauch,
3. verlohrener Gebrauch z.B. Langlois, Helfer Müller rc
welche man wenigstens in negativer Beziehung nicht übergehen darf.
Ich habe oben schon Bern erwähnt, ohne nun weiter drüber jetzt ins Ein-
zelne eingehen zu wollen so will ich doch nur andeuten - was auch Dir
vielleicht gleich oben entgegen getreten ist - wie dadurch wohl auch
der von Fröhlich in Bern angeregte Gedanke, für welchen er Dich zu
interessiren suchte, Mittel- und Anknüpfungspunkt, und so
Aus- und Durchführung erhalten könnte. Darüber mehr
sobald Du mehr Stoff zur Prüfung und Bearbeitung hast;
dadurch erhielt meiner Ansicht nach Deine Meynung und Vor-
schlag daß die Einigung <aus> dem Bedürfnisse der Einzelnen
hervorgehen müsse, die schönste Gelegenheit sich zu verwirklichen.- /
[114]
Eine erfreuliche Erscheinung wäre es wenn Du die Männer und Familien
Voigt und Hundeshagen in Bern für die Sache gewinnen könntest;
es dünkt mich hierzu ganz besonders nöthig den Gegenstand
viel und lebhaft mit diesen Männern und vielleicht auch solchen
vermittelnden Personen wie Fröhlich zu besprechen. Eben so
erscheint mir Ries sowohl für Dein Wirken in Burgdorf als auch
wegen seiner Bekanntschaft mit dem von Erlachschen Hause und
der damit verknüpften Familien wichtig.
Doch ich habe Dir nun schon so sehr viel in Beziehung auf die Wirk-
samkeit in der Schweiz geschrieben ohne Dir eigentlich vorher zu
melden und darzulegen wie das Ganze überhaupt hier steht und
wie weit Einzelnes vorgerückt ist; ich hole dieß also damit
Du Dich möglichst in die Mitte des Ganzen versetzen und Dein Han-
deln darnach einrichten kannst nach.
1. Daß bey Gelegenheit der Confirmation von Rudolph Scheller dessen Vater
ich glaube angeregt durch Adolph Frankenberg Theilnahme an meiner Unter-
nehmung gewonnen, daß er dadurch bestimmt bey seiner Rückkehr auf einige
Stunden bey mir vorsprach wo ich ihm das was mir vorlag im Zusammenhang
vorführte, wodurch er so enthusiasmirt wurde daß er aussprach:- "es wäre
eine Sünde und Vergehen gegen die Menschheit, wenn dieß Unternehmen nicht
ausgeführt würde" so wie, daß er für seine Person z.B. durch Leitung
der Arbeiten und Arbeiter gern alles thun würde um die Sache förderlich
zu unterstützen und daß er zunächst deßhalb mit Meyer in Hildburghausen
sprechen würde; dieß alles habe ich Dir hoffentlich mitgetheilt.
[neben dem Absatz Einfügung ohne klaren Bezugspunkt:]
Barop war dabey zugegen.
2. Hierauf erhielt ich nach einiger Zeit nachstehenden Brief vom 27en Juny.
".... Erst gestern konnte ich mit Herrn Meyer Chef des Bibliogra-
"phischen Institutes hierselbst über die bewußte Angelegenheit
"schreiben. ... Herr Meyer ist sehr für die Sache eingenommen und
"wünscht nichts mehr als daß er bald das Vergnügen haben
"könnte mit ihnen zu sprechen. Suchen Sie sich wo möglich bald
"loszureißen und kommen Sie gefälligst hierher. Herr Meyer [und] ich
"erwarten Sie mit Sehnsucht."-
Hierauf reiste ich Anfangs July mit einer Auswahl der vor mir
liegenden Sachen in Begleitung von Barop nach Hildburghausen. In
einem großen viereckigen Zimmer fast 2 mal so groß als Deine ehema-
lige Lehrstube in Burgdorf ordnete ich das Ganze auf mehreren
größeren und kleineren Tischen nach dem innern Zusammenhang der
Gegenstände. Wie bestimmt erschien Meyer um 9 Uhr, es war
ein Sonntag in Begleitung von He[.] Scheller u einem Architecten <Bugy>.
Das Ergebniß war, daß alle 3 einstimmig sagten: die Sache sey
ihnen aus ihrem Innersten gegriffen.- (:mehr erwiderte ich wollte
ich durch diese Vorführung nicht erreichen:) - und sie müsse aus[-]
geführt werden u.s.w. u.s.w.
Die Vorführung dauerte von 9 Uhr Vormittags bis gegen 2 Uhr Nachmittags.-
Meyer beschied uns Montags früh wieder zu uns, wo er nach
mehreren allgemeinen Bemerkungen sich dahin erklärte, daß die
Sache seine ganze Theilnahme erregt habe, daß er sie aber erst /
[114R]
in sich verarbeiten und dann mir seine bestimmte Ansicht über
die beste Förderung derselben aussprechen wolle.
Beyläufig muß ich nur bemerken, daß Meyer sonst fast gar
Niemand vor sich läßt, noch weniger Jemanden außer seinem
Geschäft so viel Zeit widmet, als er uns schenkte. Er war
ungemein herzlich und ich fühlte mich ihm sogleich lebenvoll geeint;
Es ist ein sehr lieber noch junger so ruhiger als kräftiger u sinniger
Mann. Die Bekanntschaft mit ihm, nur als Mensch gehört für mich
zu den schönsten Erscheinungen meines Lebens.
Nach vielleicht 14 Tagen erhielt ich folgenden Brief von ihm.
Hildburghausen 27. July 1837.
"Ich harre vergeblich auf eine nicht freye, doch ruhigere
"Stunde. Es läßt nicht nach das Wogen, und die heitern (?) Sorgen
"und Beschäftigung[en] plagen u treiben mich sonder Rast. Da müssen
"Sie wohl nachsehen und mit ein paar magern Zeilen vorlieb
"nehmen.
"Mein aufrichtiger Rath ist:
"Veröffentlichen Sie Ihr System zuerst unter dem Titel:

"Spiel- und Beschäftigungskästen für Kindheit und Jugend
"Erste Folge, Erste Stufe pp.
"Mit erläuternden Zeichnungen und Texte[n].
"Die Herstellung für die Beginnnummern sind leicht gefunden. Lyth:
"Presse ud dazu gehörige Steine kaufen Sie für 120-130 rth. ....
"....... Haben Sie 500 Exemplare der ersten Stufe fertig dann will ich
"Ihnen ein paar Hundert solide Debit-Adressen geben und
"weitere Anleitung zum vortheilhaftesten und gefahrlosesten
"Vertrieb. Im schlimmsten Falle verlieren Sie wenig Capital
"findet aber (und ich glaube daran!) das Unternehmen An-
"klang, dann ist die weitere Ausführung desselben schon ge-
sichert. rc. rc. .....
"Mit größter Hochachtung rc. Meyer."
So wenig Du nun hier Worte findest so bedeutungs[-] oder
richtiger so werthvoll möchten Sie [sc.: sie] aus dem Herzen und der
Feder eines solchen Mannes seyn, deßhalb habe ich solche
Dir, so gut ich solche selbst an ein paar Stellen mit Mühe lesen
konnte, buchstäblich mitgetheilt.
Das Ergebniß ist<:> Er nimmt lebhaften förderlichen Antheil.
Er giebt den aufrichtigsten Rath und will ihn ferner geben.
Verspricht den soliden Vertrieb von ein paar Hundert Ex:
der ersten No der Beschäftigungskästen.- Er, ein Geschäftsmann
glaubt an den Anklang des Unternehmens.
Gestern hat mir nun Barop nachstehende Zeilen von Scheller
aus Hildburghausen, welcher wie ich Dir wohl schon früher schrieb
der Capitalist der Meyerschen Unternehmung ist - mitge-
bracht.
"Hildburghausen, den 6. August. 37
["]...... Indem ich Ihnen für alles dieß meinen verbindlichsten Dank /
[115]
"sage wünsche ich nur daß Ihr Vorhaben recht bald ins Leben treten
"und mit dem besten Erfolge gekrönt werden möge. Gewiß
"wird diese neue Lehrmethode überall Eingang finden und
"künftig sie als die bevorzugteste bestehen. Herrn Meyer
"habe ich Ihren Brief mitgetheilt, wie er mir sagte hat er
"auch bereits an Sie geschrieben. Seiner Meynung daß Ihr
"Werk nicht zusammen oder auf einmal, sondern in Ab-
"theilungen erscheinen möchte, weil er glaubt daß Sie da-
"durch ein größeres Publikum bekommen würden, pflichte
"ich zwar ebenfalls bey; doch müssen auch hierin Ihre be-
"reits gemachten Erfahrungen der beste Leitstern seyn."- Scheller
So wenig nun dieß auch zu sagen seyn [sc.: scheint] so wirst Du darinn
doch die Theilnahme und das hoffnungsvolle Vertrauen eines Geschäftsmannes finden wie uns sol-
che noch nicht zu theil
wurde. Deßhalb und zur Nährung und Befestigung Deines eige-
nen Vertrauens habe ich Dir die wörtliche Mittheilung dieser Zeilen
nicht vorenthalten wollen. Du siehst also wir sollen endlich Keimboden
und Ankergrund in der Geschäftswelt und zwar in
der menschlich gesinnten finden, woran es uns bisher immer
fehlte. Also "nur immer fort und frisch gegraben" und uns
dieses Vertrauen und seine Früchte als eine Zugabe zu den un-
mittelbaren Ergebnissen und Früchten unseres Wirkens und
Schaffens betrachten lassen.
Was ist nun fertig[?]
1. Mehrere Tausend Würfel rc zu den ersten Beschäftigungs[-]
kästen.
2. Die Zeichnungen zu zwey Lieferungen sind ganz fertig; die
Zeichnungen zu mehr als ½ Duzzend der folgenden sind
fast fertig und wird stets daran gearbeitet. Gyger
und Friedrich Bock arbeiten ununterbrochen daran.
3., Zu der begründen[den] Anschauungsraumkunde sind sind [2x] 12
Stufen, Gaben oder Hauptwürfel im Manuscript und im
Modell fertig. Für 2 Stufen oder Gaben wird der Druck
der ganzen Auflage in dieser Woche fertig und in 4
Wochen längstens wird hoffentlich der Druck von 5 Gaben
oder Hauptwürfeln beendigt seyn u. dann geht es zum Zusammen[-]
ordnen der einzelnen Theile.
4. Zu dem sprechenden u Sprachwürfel, wie ich ihn nenne sind
auch 6 Gaben oder Hauptwürfel im Manuscript und Modell
fertig und zwar bis zur Anschauung der Verknüpfung der
Wirkung oder Handlung mit der Zeit, oder bis zur Darstellung
der Wirkung in ihrem 12fachen Verhältniß der Zeit u der Dauer[.]
Der Druck auch hiervon wird ehestens beginnen. Die viele[n]
andern Beschäftigungen haben ihn mir bis jetzt verhindert.-
5. Zu den geordneten und in sich <fortschreitenden> Legespielen sind < ? >
in <großem / größtem> Maaßstabe, die fast im Maaße der Legesteine /
[115R]
selbst gegen 3/4 Hundert große Royalbogen Zeichnungen fertig, als
Original Manuscript wonach nun die Zeichnungen zu den Kästen gefer-
tigt werden.
6. Ein Hundert und sechs und dreyßig verschiedene Figuren zu eben so viel
verschiedenen Ausstechbüchern sind fertig und zwar 100 zu aus
geraden Linien und 36 aus Kreisen und Kreisstücken.
Ein Duzzend Zeichngen davon als erste Gabe oder als die 2 oder 3 <ers[te]n>
Gaben sollen, wie ich nun Zeit bekomme, wie die Zeichnungen zu den
beyden ersten No der Beschäftigungskästen an den Lithographen
abgegeben werden.
7. Überdieß sind Manuscripte nach verschiedenen Seiten hin fertig und
so zunächst für die 3-4 ersten No des Sonntagsblattes.
Beyläufig ein Wort über das Sonntagsblatt. Sonntagsblatt
nenne ich es, weil es Sonntags wo möglich bey den Eltern und
Kinderpflegern erscheinen, d.i[.] einsprechen soll, damit er wieder
ein wahrer Sonn- ein Lichtungs- und Erleuchttag, d.h. ein Tag
ächten Familien- wahrhaften Pflegelebens der Kindheit und
Jugend werde.
Wenn es möglich ist so sollen 2 Monate vor Weyhnachten
Beschäftigungskästen versandt werden.
Nun ließ nach all diesem das Sonntagsblatt und den Eingang
oder den Beginn diese Briefes noch einmal und mache Dir danach
nun einen Geschäftsüberschlag einen Wirke- und Thätigkeitsplan[.]
Fest kannst Du Dich darauf verlassen und darauf bauen, rastlos
wird fortgearbeitet und wenn sich auch keine Spur der Theil-
nahme zeigte, so lange als meine Mittel u Kräfte reichen.
Friedrich Bock wird ohne Zweifel nächstens ganz nach Blanken[-]
burg ziehen und sich in der Stadt in Kost geben und dort wohnen.
ChristianFriedrich wird Mittwoch u Sonnabend zur Hülfe
herüber kommen.
Einen 13-14[jährigen] Knaben aus der Stadt habe ich welcher mir
jetzt täglich 3 Stunden die Tafeln zur Anschauung der
Zahl zeichnet, vorerst in Concept.
So geht alles so rach vorwärts als ich ganz allein es be-
treiben kann. Könnte ich nur am Morgen früher aufstehen, allein
ich bedarf l wegen der unausgesetzten Beschäftigung am Tage
einer langen Nachtruhe.
Somit nun zur Beantwortung Deines jüngsten lieben Briefes.
Aus allen meinen Mittheilungen wird Dir hoffentlich ohne
den mindesten Zweifel die Überzeugung hervorgehen wie noth[-]
wendig und wichtig, wie hochwichtig für die Begründung eines
ganz neuen erziehenden Lebens jetzt Deine Gegenwart
und Dein Wirken - also auch zunächst Dein ganz unver[-]
rücktes und ungestöhrtes Bleiben in der Schweiz und in
Burgdorf ist. Dieß ist auch Barops klare, entschiedene Ansicht. /
[116]
Deine aus persönlichen Ansichten und Wünschen hervorgehende jetzige
Entfernung aus Deiner Wirksamkeit würde für unser gesammtes
Wirken auch wenn die Entfernung nur für Monate berechnet wäre
einen Schlag hervorbringen welcher größer in seinen Folgen seyn würde
als alles was wir bisher erlitten hatten haben. Jetzt gilt es für
uns drey für Dich, Barop und mich daß wir wankel- und wandellos
in unseren Wirksamkeiten bleiben; wir gleichen von einer Seite
den drey Seiten eines Gedrittes, die Veränderung des Verhältnisses und
Wirkens eines von uns Drey[en] würde unser Gesammtverhältniß als ein <G[an]zes>
wohl in seinem innersten Wesen umgestalten.- So sehr es für meine ge-
sammten allein immer nur persönlichen Verhältnisse wünschenswerth
sey Dich und Deine Frau recht, recht bald hier zu sehen, so muß ich doch
wenigstens noch für diesen Winter darauf Verzicht leisten und
dem Ganzen dieß wirkliche Opfer bringen. Denn sage selbst wenn
wir beyde gemeinsam und noch so vieles und noch so vollkommenes ar-
beiteten und ausführten, hätten wir für unsere Thätigkeit und für die
Früchte derselben einen unmittelbaren Beziehungs- und Zielpunkt,
hätten wir einen immer bereiteten Acker in welchen wir sogleich
die reifen Saamen ausstreuen eineggen und schützend pflegen könnten?
- Das ist eben das so Große und Wichtige was wir in der Schweiz und
durch die Schweiz errungen gaben, und nun steht uns die Vorsehung
leitend und schützend zur Seite daß wir auch mit diesem Pfunde
wirken mögen. Siehe Langethal Du schreibst alles so klar und so wahr
allein halte auch für Dich selbst fest, was Du schreibst und sprichst.
Du schreibst Dein jetziges Übel habe Dich auf Dich u <in> Dein Inneres in das
Innere des Lebens zurückgeführt, dieß l. L. ist das größte Glück was
Dir begegnen konnte[.] Siehe l. L. offen und unumwunden als Mann dem
Manne gegen über<:> es fehlt Dir am großen umfassenden Weltüberblick und an tiefem
das Innerste erfassenden Lebenseinblick. Es fehlt Dir an der richtigen
Erfassung des Weltganzen und der Weltentwickelung und der klaren
Anschauung unseres und meines Verhältnisses - und so ganz besonders
auch Deines Verhältnisses zu uns und zu jener und jenem. Du
bist noch zu gefesselt in Dir um Dich der Idee, dem Gedanken der großen
Lebensentwickelung u seiner Forderungen kindlich vertrauend ganz hinzugeben ihr zu dienen
und bist in Dir noch nicht klar genug um die Idee u den Gedanken
der Welt- Lebens- und Menschheitsentwickelung selbst und freythätig zu
erfassen und - ihr Organ, ihr Werkzeug, ihr Vertreter zu seyn. Du
verwechselst sehr häufig noch Willkühr und freyes Wollen, Freyheit[.]
Weil Du nun <in> Dir Willkühr oft an die Stelle der Freyheit setzest,
so siehst Du häufig in der Freyheit anderer Willkühr, wenigstens
war es früher oft so; der Freye - welcher einmal gewählt hat
entschieden hat, kann nicht mehr wählen wollen, will nicht mehr
wählen. Alle Wege führen zum Rechten zum Wahren zum Guten
ja zum Schönen denn sonst könnte die Welt nicht bestehen, sonst herrschte in der Welt
nicht Güte, Gerechtigkeit rc rc allein sie müssen nur ganz unverrückt gegangen
und all die Folgen
muthvoll und still /
[116R]
ausdauernd ertragen werden und gehe der Weg selbst durch die Hölle
hindurch; wer nicht so steht der ist nicht frey und kann positiv, direct
nicht befreyend wirken. Du schreibst mir daß Dein Aufenthalt
in Bern im Voigtschen Hause Dir diese einige Doppeleigenschaft gegeben
habe. Deine jetzige Stellung und <Wirksamkeit> in der Schweiz
und in Burgdorf, Deine jetzige Stellung zu uns und zu dem Ganzen,
die Gelegenheit zum Wirken und zur Wirksamkeit welche Dir der
Eingang dieses Briefes vorführt und welche Dir mein und unser
neues frisches, junges Unternehmen biethet ist die schönste und beste
die erfreulichste, seegensreichste welche Du Dir zur Ausübung dieser
Doppeleigenschaft wünschen kannst, benutze sie. Du willst Lange-
thal d.h. Du möchtest wohl das Höchste u Beste festhalten, gestalten
allein Du willst nicht daß das Höchste u Beste Dich festhalte und
gestalte und so kommst Du bey all Deiner Kraft, der Reinheit
Deiner Gesinnungen Deines Lebens u Strebens nicht zu dem höchsten
Lebensziele zu dem Du Deiner Bestimmung nach wohl kommen könntest
ja < ? > solltest.
Auf Dich Langethal paßt was Göthe in seinem Torquato Tasso
die Prinzessin sagen läßt:
Wohl ist schön die Welt
Es bewegt sich so viel Schönes und Gutes in ihr
Ach daß es doch immer nur um einen Schritt von uns ent-
fernt scheint rc. (Lies es im Göthe nach)
[T. Tasso III,2,v 1900-1903. Das korrekte Zitat lautet:
”Wohl ist sie schön, die Welt! In ihrer Weite
Bewegt sich so viel Gutes hin und her.
Ach, daß es immer nur um einen Schritt
Von uns sich zu entfernen scheint” ]
Und dieser Schritt Langethal ist der Schritt in uns, daß wir
die Welt wie sie wirklich um uns ist, in uns finden rc so-
mit wir uns in der Welt finden, d.h. unsere Stellung pp. in ihr
finden.
Du schreibst mir nun in Deinem jüngsten Briefe wieder l. Langethal
eine Stelle, von welcher ich nur den Schluß als zu dem was ich zu
sagen habe heraus hebe.- ... "daß wir vielleicht am Rande
"einer dritten Weltperiode stehen, durch welche die Idee der Wahrheit
"in der Erkenntniß vollkommen dargelegt werden soll."
Durch dieß bezeichnest Du nun gerad das was ich <was> oben sagte. Du mit
noch anderen im Kreise stellt Euch - was unstatthaft für uns
ist die Welt gegenständlich objectiv gegenüber, statt Euch in
die Mitte der Welt und ihrer Erscheinungen zu stellen, oder die
Welt in Euch anzuschauen. Seit vielen Jahren habe ich Euch dieß
durch die Rede deutlich zu machen gesucht es gehe Euch wie dem
Aeneas nach seinen Irrfahrten. Ihr befindet Euch im Vaterlande
und erkennt es nicht. Dieß ist nun eben mein Schmerz und mein
Trauern welchen Ihr früher so oft so unangenehm empfunden habt.
Wir sind Glieder der neuen Zeit, wir tragen als solche die neue
Zeit in uns, wir sind <wahr> aber als Menschen und <bewußtere>
Menschen tragen wir die neue Zeit mit Bewußtseyn in uns
sollen sie wenigstens mit Bewußtseyn in uns tragen und
so Organe derselben, die Bothen derselben, nicht nur die Ver- /
[117]
kündiger, sondern die Bringer, die Darleber und so Verbreiter derselben seyn.
Diesen unseren hohen Beruf erkennen wir nicht, leben demselben
wenigstens nicht hingebend, nicht stetig ausdauernd getreu, halten
ihn erkennen ihn mindestens nicht klar genug, halten ihn nicht bestimmt
genug fest.
Prüfe nun theurer Langethal mein ganzes jetziges Streben welches
ich in dem Wechselzuruf


"Kommt laßt uns unseren Kindern leben."

zusammen fasse und Du wirst das Daseyn, das Beginnen und
Begonnen haben der dritten Weltperiode (:welche beyläufig
gesagt von vielen Sehern auf sehr viel verschiedene Weise
vorausgesagt und verkündigt worden ist:) darinn und dadurch
erkennen, oder wenn Du lieber willst - die Begründung derselbig[en.]
Langethal! werde klar - scheue Dich nicht Klarheit u Licht zu schauen.

[*Lücke*]
Nun sind noch zwey wesentliche Punkte Deines Briefes zu beantworten.
Da Barop bey der Ankunft desselben gerad hier war, so geschieht es aus
dem Munde desselben:
Erstlich was Elisens längeres Verweilen bey Euch als Gehülfin Deiner
Frau betrifft, so sagt Barop er müsse wiederholen was er in dieser
Beziehung schon früher ausgesprochen habe: Elise müsse sich mit ihrem
Wunsche unmittelbar an ihre Mutter wenden, jedoch ließe sich nicht vor-
aus sagen was der Erfolg davon seyn würde.
Was nun aber Deinen und Middendorffs Wunsch daß auch er einige Zeit
bey und mit Dir wirken möchte betrifft, so finde dieser im Ganzen
ja nicht einmal sein Aussprechen im Keilhauer Kreise die leiseste Zu-
lässigkeit; ist Middendorffs Anwesenheit in der Schweiz nicht mehr zur
förderlichen Pflege und zur wahren Stütze von Willisau nöthig und
kann somit seine Abwesenheit von Keilhau nicht vom Ganzen aus
mit innerer Nothwendigkeit gefordert werden, und kann sie somit
vom Ganzen aus und durch das Ganze nicht mehr getragen und
gerechtfertigt werden, so ist auch seine längere Entfernung von seiner
Familie ganz unstatthaft und unzulässig, und Middendorff muß
baldigst seiner Familie zurück gegeben werden; es ist ganz wunder[-]
bar wie dieß die Menschen hindurch und herausfühlen. Sie fühlen
es durch das [sc.: , daß] Middendorffs Wirksamkeit u Stellung in und für Willisau
nicht eine solche ist, wie die Deine für Burgdorf, und so wirkt sein
längeres Außenbleiben was nicht einzeln auszuführen ist, mehrseitig
unangenehm; es ist nur ein Gefühl<:> wie die Sachen in Willisau jetzt
stehen und wie sie ja unter Middendorffs leitender Hand und leitendem Geiste selbst geworden
sind, so gehört Middendorff nun seiner Familie
wieder, seine Familie gehört ihm wieder. Middendorff hat sich selbst
in der Gesammtheit seiner Verhältnisse, rein aus sich eine so < ? > eigene /
[117R]
Stellung gegeben, welche so daß <nur> durch die Einigung mit seiner Familie sein Leben wieder
Halt bekommen kann.
Seine noch kurze unbestimmte Trennung von seiner Familie kann nur
unter den Umständen vom Ganzen gerechtfertigt werden.
Wenn Ferdinand in diesem Herbste zum Besuche zu seinen Eltern
kommt, also mit ziemlicher Gewißheit voraus zu sehen ist, daß
er noch in diesem Herbste nach Willisau zur Führung der dortigen
Anstalt zurück kehren, also diese noch ferner bestehen wird,
und so von uns aus für dieß Bestehen, diese Fortführung
von uns aus und für die Rückkehr Ferdinands zu diesem
Zwecke, dem Verein in Willisau eine Art Bürgschaft zu
stellen ist; auch um in diesem Fall den lebendigen Verkehr
mit dem Vereine und Keilhau zu vermitteln; nur auf diesen
einzigen Fall kann seine jedoch auch nur noch kurze Entfernung
von seiner Familie vom Ganzen getragen werden; allein jedes
Treten in irgend ein neues Verhältniß und auch sein Gehen zu Dir
ist von der Gesammtheit des Lebens aus ganz unstatthaft.-
Dieß von Seiten Middendorffs; allein eine noch ganz andere Seite
der Betrachtung ist die von Dir und von Deinem Wirken Deiner Stellung
aus: - Auf das höchste unerwartet u auffallend war es mir
daher in Deinem Briefe die Stelle zu lesen:- "Er wird es ge-
"schrieben haben wie ich es sehr gewünscht, daß er bis Ostern an
"unsere Stelle treten möge, wo dann hätte weiter entschieden
"werden können." Nur durch Dein inneres rein persönliches zu[-]
neigendes Stehen zu Middendorff läßt sich diese Stelle erklären
und - rechtfertigen mindestens entschuldigen; denn diese
Stelle beurkundet eine völlige Unkunde mindestens Unklarheit Deiner
über Middendorff als Führer und Vorsteher, ja nur als Leiter
eines erziehenden Wirkens. Deine Urtheile über Middendorff
als unmittelbarer Mitarbeiter an einem größern Wirken und
in einer ihm entsprechenden Stelle ganz unbeschadet so fehlen
dem Middendorff die wesentlichsten Eigenschaften zur unmittelbaren
ja nur Stellvertretenden Führung und Leitung eines größeren
zusammengesetzten Wirkens. Ich bin fast erstaunt und erschrocken
daß Du dieß in Deinem bisher so nahem Verkehr mit Midden-
dorff nicht selbst gefunden hast. Denn Du stehst könntest dadurch
in Gefahr kommen durch persönliche gutmüthige Zuneigung in
kurzer Zeit und in schnellerer Zeit eine Deine Wirksamkeit
vernichtet zu sehen, als sie begründet und erbauet wurde.
Middendorff ist eine auflösende, zerstreuende, allein nicht samm-
melnd pflegende Natur. Er steht den Menschen nicht männlich
menschlich, sondern mit dem todten Gesetz hart fordernd mora-
lisirend gegenüber; so löst er menschliche und natürliche Bande
und hat nicht die Kraft sie von einer anderen Seite aus sich wieder
fest zu binden, er will dem Lebensroß den Sattel der Ortho[-]
doxie auflegen, der Lebensorthodoxie, was doch dem Leben wider[-]
spricht.- /
[118]
Ich habe es ihm und Euch oft genug ausgesprochen er lebt nur in der Per-
son und von der Person wie eine Schmarozerpflanze - ich kann dieß
Seyn für einen edlen Menschen gar nicht stark genug bezeichnen.-
Darum wird auch er von der Person entweder gehoben, getragen oder
hernieder gezogen, er aber kann nie die Person erheben; reizen erregen
anspannen kann er sie wohl, aber dieß ist kein Stärken, kein Erheben.
Langethal, Langethal! gutmüthiger Langethal! wie konntest Du
nur den Gedanken haben Middendorffen auf ¼ oder ½ Jahr stell-
vertretend <in> Deine Stelle nach Burgdorf zu setzen. Ostern würde
in Beziehung auf Dich und uns, Burgdorf das Schicksal haben und den Blick
biethen welchen jetzt Willisau giebt. Wenn es nicht schon Gefahr
brächte, so würde ich Dich um meine Aussprache zu prüfen auf-
fordern Deinen Wunsch da oder dort in Burgdorf auszusprechen
wo man Middendorff wohl achten und lieben kann, und dann den
Eindruck im Innersten zu beachten. Ja Langethal, die Schweiz
wäre für uns verlohren, wie jetzt Willisau für uns verlohren
scheint wenn nicht die unsichtbare Vaterhand es nur auf einige
Zeit in Nebel treten läßt um es kraftvoll und lichtvoll, leben-
voll wieder zu erheben.- Schreibst Du mir nicht Fk. habe in
Deiner Abwesenheit geteufelt?- Was würde er jetzt und in
Middendorffs Abwesenheit thun. Middendorff kann Männern
und solchen Männern wie F.- die aus böser Absicht Jagd auf
Schwächen und schwache Seiten machen, nicht siegreich und haltbar
gegen über stehen.
Theurer Langethal! das Bestehen einer menschlichen Anstalt, einer
Anstalt mit menschlichen Zwecken ist so wichtig wie das Leben
eines bewußten eines im Streben nach Bewußtseyn stehenden
Menschen; vor ihrer Entfaltung und Reife ist der Verlust uner-
setzlich. Denn was kommen kann ist nie das was da war und
wenn es sonst ident[.] wäre, wie Werden nicht gleich Seyn ist.
Das mittelmäßige Thun ist besser als das tausendmal bessere
Thunkönnen. Langethal laß uns streben unsere Stellen und Verhält[-]
nisse zu erkennen, festzuhalten und auszufüllen nur dadurch
wird die Eiche die Eiche, bleibt die Eiche, das geschlossenen Ei in sich
nimm es weg so zerfällt sie in Gekräut und Moos.-
Noch eins: - Middendorff sucht die Idee, den Gedanken durch die
Person und in der Person festzuhalten; statt daß er streben
sollte die Personen durch die Idee fest zu halten.
Mein und unser Leben und Schicksal ist an ihm ohne Frucht u Er-
folg vorüber gegangen. Sein Leben kann nur einzig wie dadurch
wieder allgemein menschheitliche Bedeutung und Wichtigkeit be-
kommen, daß er menschlich edel seiner Familie lebt.-
Du schreibst in Deinem vorigen Briefe: "Ich habe darum v. Will.
"einen Brief an Barop geschrieben den Du nun wohl gelesen haben
"wirst pp." Dieser Brief ist nun ebenso wenig in Keilhau ange-
kommen als ich ihn gelesen habe. Daß ihn die Willisauer nicht abgeschickt
haben daran haben sie sehr unrecht gethan.- /
[118R]
Wegen Wilhelm Clemens wirst Du nächstens Nachricht bekommen
die vier Gaumen Monate und die darinn geforderte Aufsicht
machen den Antrag sehr bedenklich, wie Du ganz richtig bemerkst.

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Dein Bruder aus Erfurth welcher sehr freundlich gegen uns
ist hat uns kürzlich geschrieben und sich beklagt daß er
so lange Zeit weder Nachrichten von Dir noch Nachricht von
Christian habe. Das lange Hinziehen ehe sich Christians
Schicksal klar und bestimmt entscheidet macht ihn sehr un-
glücklich. Ich werde ihm nächstens von Dir melden was
Du mir geschrieben hast. Daß seine Frau mit einer klein[en]
Eugenie niedergekommen wirst Du wissen.-
Gestern Abend hat die liebe Mutter von ½7 bis ½10
ihren langgeheegten Wunsch ausgeführt einmal wieder
die alte Blankenburg zu sehen.- Es kostete ihr viele
Anstrengung ihren Vorsatz auszuführen, sonst geht es ihr
leidlich auf die bekannte Weise. Ihre Füße bringen ihr
jetzt viel Weh und Sorge.

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Die schönen von Dir der l. Mutter geschickten Bilder
des Staubbaches und der Wetterhörner rc schmücken
jetzt nebst vielen andern schweizerischen Gegenden unser klei[-]
nes Zimmer.
Ist Urechs oder Urichs Ansicht von Burgdorf mit den
Alpen im Hintergrunde noch nicht fertig? Frage doch
Spieß. Diesem nebst allen Lieben in Burgdorf unsern
herzlichen Gruß.
Meiner Frau thut es besonders leid, daß sie nicht im
Stande ist, ihren Herzenswunsch zu erfüllen und an Er-
nestinen zu schreiben, allein das fatale Kochen; alles
alles muß sie selbst thun, dieß raubt ihr den Tag bis
2 Uhr Nachmittags dann ist sie müde; dann kommt schon
wieder die Sorge für den Abend.
Gott stärke und gesunde Dich l. Lgthl immer mehr
und mehr<;> schreibe uns ja recht bald ob Du <ganz> ganz
hergestellt bist. Meine Frau bittet Dich gar sehr Dich
doch ja und ja zu schonen.
Von mir und ihr die herzlichsten Grüße an Dich u
Deine l. Frau. Grüße freundlich die Kinder.
D und E FrFr

Schreibe mir doch recht offen alle Deine Bemerkungen auch
Ernestines über das Sonntagsblatt.-
Schließlich nur noch: - Alle Leser sollen wenn sie wollen zugleich
daran Mitarbeiter seyn, in allem was Selbstlehre
betrifft. Nächsten[s] darüber mehr.