Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 25.8.1837 (Blankenburg)


F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 25.8.1837 (Blankenburg)
(UBB 37, Bl 119-120, Brieforiginal 1 B 8° 4 S., zit. Stöcker 1936, 61 [aus 120R])

Blankenburg bey Rudolstadt am 25. August 37.·.


Mein theurer Langethal.

Statt daß ich mich jetzt erst setze um an Dich zu schreiben und Dir die
beykommende 2e No des Sonntagsblattes zu überschicken hoffte ich <heut>
in verflossener <Woche> daß beydes Brief und Blatt heut schon in Deiner
Hand seyn würde, allein Nachlässigkeit und Willkühr der Postbeamten wie
sich jetzt so oft zeigt hat mir meine Erwartung vereitelt und so wünsche
ich wenigstens daß unsere Briefe sich nicht kreuzen mögen.
Zur Übersendung des beyliegenden Blattes habe ich Dir fast nichts zu sagen
als lies, prüfe, schreibe mir kurz Deine Ansichten und sonstigen Bemerkungen,
namentlich welchen Plan Du Dir zu dessen Gebrauch und Verbreitung gemacht
hast, wie viel Du dazu Exemplare zu haben wünschest rc, rc, rc. Auch schreibe
mir kurz Durckfehler, Nachlässigkeiten und sonstigen [sc.: sonstige] Verbesserungen die Du be-
merkest wenn ich solche natürlich auch beym Abdruck dieser handschriftl.
Probeblätter nicht <mehr> benutzen kann, so wird mir ihre Mittheilung doch zum
Abdruck für den Buchhandel, d.h. bey der wirklichen Erscheinung des Blattes
sehr lieb seyn.
Suche recht lieber Lgthal in das Wesen und den Geist der Menschen u Menschheit
und der Erd- Natur- u Weltansicht einzudringen welche dieses Blatt
zu wecken sich bemühet und theile mir dann <für> aus dem Reichthum Deiner
eigenen Lebenserfahrung, und der Fülle Deines Geistes und mit der Kraft Deines
Geistes mit wie Du findest daß dadurch dem ersten und Grundbedürfniß
der Menschheit u des einzelnen Menschen, wie der Familien u Völker ge-
<[ei]nigt> werde um dann zu gegebener Zeit von dieser persönlichen Überzeugung
wie später von mehreren der Art für das S. B. Gebrauch zu machen.
Bearbeite in Dir [sc.: den] günstigen und freyen Lebensstunden, < ? > im Geiste dieses Blattes
Dir wichtige Gegenstände des Lebens, besonders solche welche den Menschen
in seinem "autodidactischen" Wesen und Würde zeigen. Du wirst einsehen
mein th. L. daß mein Streben unverwandt dahin geht, den Menschen
in sich frey zu machen, den Menschen seine "innere Fr[e]yheit vor allem
zu verschaffen was ich nicht entsprechender bezeichnen kann als
"den Menschen sich selbst zu geben." Kannst Du mir nun im Geiste
dieses Strebens selbst Mitarbeiten liefern, kannst Du mir im Geiste
dieses Strebens die Mitarbeiten Anderer verschaffen so wird es
mir sehr lieb seyn, suche mein Streben Hans Schnell, Prof Voigt, dem <Kaufmann>
Fröhlich dem Turner Spieß nahe zu bringen ich suche vor allem die Theilnahme
der Naturforscher, der Künstler im ächten Sinn, ächter Erzieher; auch unser
Baumeister Roller soll sehr gute Gedanken über Selbsterziehung haben.
Wie Gott in der Natur sein Wesen, den Grundgedanken seines Wesens
auf die zahlloseste Weise ausspricht oder vielmehr darlegt, so soll
auch das S. B. den Grundgedanken des Menschenwesens und dessen
selbst- und fr[e]ythätige Darlebung auf die mannichfachste Weise darlegen.
Wirke vermittelnd wo Du kannst damit wieder ein einiges menschheit-
liches Leben sich erwecke.- Damit doch endlich der Stoff und die Masse /
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besiegt, eine schöne Form gewonnen und von dem einen Geiste alles
Lebens, dem einen einigen Geiste der Menschheit durchdrungen werde.
Jetzt muß zur Darstellung Eines <Lebensganzen> kräftig zusammengegriffen
werden oder wir zerfallen für immer in Trümmer und als Trümmer.
Du hast mir gütig den Titel eines Buches "Der Mensch" von ["]Burdach"
mitgetheilt; ich kannte es in seiner anempfohlenen Wichtigkeit
schon. Dennoch danke ich Dir sehr dafür. Schubert, der ehemal. <Prof>
in Erlangen hat es öffentlich empfohlen und ausgesprochen: "es würde
eine g[an]z neue Stufe der Menschenansicht rc begründen" ich habe
es noch nicht gesehen, weil mir das Erscheinen in einzelnen Lieferungen
nicht angenehm ist doch wird es hoffentl. bald mein Eigenthum werden.
Ich will Dir nun eine Gegengabe geben zwar nicht eine so
allgemein wichtige, aber genauso für uns nicht viel weniger
wichtig der Titel ist: "Der Gymnasialunterricht nach den wissenschaft-
"lichen Anforderungen der jetzigen Zeit v. J. H. Kunhardt Oberlehrer der Mathematik und
Physik am Gymnasium zu <Wittenberg> Hamburg bey Friedrich Perthes <1831>. 8°
mich dünkt das Buch müßte auch viel dazu beytragen können Dich mit Deinen Collegen namentlich
dem Sprecher Ries zu verständigen; ich glaube Du wirst ihn auch darinn finden.
Ich wurde durch unsern Barop darauf aufmerksam, welcher es als
Novität aus Rudolstadt erhalten hatte. Barop hat mir nun
nur die ersten Bögen mitgetheilt von welchen ich selbst wieder ohngefähr nur
3 gelesen habe, ich finde es aber ganz vorzüglich besonders das Vorwort
und den Eingang nicht etwa als wenn die darinn herrschende Lebensansicht
der meinen und unsern ident[.] sey, <nein> weil sie ihr oft schnurstraks entge-
gen ist, und dennoch auch wieder unendlich viel zusammenstimmendes; es
ist sehr einfach und klar geschrieben daß ich wohl selbst wünschte so ein[-]
fach u klar schreiben und darstellen zu können wenn es bey einem ganz
innerlich erfaßten Gegenstand gleich Anfangs m[ö]glich wäre so äußerlich
einfach u klar zu schreiben, ihn darzustellen.
Ich möchte Dich wohl bitten u veranlassen Dir das Buch und bald zu
kaufen wenigstens sogleich d[urc]h Huber & Comp. zur Ansicht kommen zu
lassen; es ist ein wahrer Prüfstein, ein ächter Spiegel für mein und
unser Streben, und zeigt uns recht klar unser pädagogisches u didaktisches
Verhältniß zur jetzigen Zeit; ebenso macht es uns auch klar in uns und
über uns; prüfe ob ich Recht habe.
Von Keilhau wirst Du über Willisau durch Barop Nachrichten haben[.]
Barop hat jüngst 2mal nach Willisau geschrieben hoffentlich werden
Sie [sc.:sie] Dir doch die Briefe mitgetheilt haben.- Denke! Willisau als
Erzieh[un]gsanstalt oder "Die Willisauer Erzieh[un]gsanstalt["] ist in einer in Gotha
herausgekommenen "mahlerischen Länderkun Natur- Länder[-] u Volkskunde["]
oder wie der bestimmtere Titel sonst heißt aufgenommen; eine Ehre
die noch nicht einmal Keilhau erfahren ist, kannst gelegentlich in
Willisau davon Gebrauch machen. Es wird doch nicht von übler Vor-
Andeutung für deren nahe Auflösung seyn?- Das Schweigen der
Willisauer läßt fast so was vermuthen.-
Das Neueste aus Keilhau, erst wenige Tage alt ist, das [sc.: daß] Luise
Frankenberg
am 1' Oktober von Keilhau ab, allein noch nicht zu
ihrem Verlobten als dessen Gattin, sondern erst zur Vorschule für
den städtischen Haushalt u solche Hausführung nach Lübeck, zu einer /
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ihrer Verwandtin[n]en gehen wird, zu einer Mutterschwestertochter.
In Keilhau ist man wie ich höre nicht gesonnen ihre Stelle durch eine
Fremde zu ersetzen.
Mit meiner treuen Frau geht es immer auf gleiche Weise.
Das Emser Wasser scheint ihr bekommen zu seyn, ob sie es gleich
nicht mit der gehörigen Ruhe trinken konnte. Ich bin dem He. Prof.
Voigt noch tausend Dank dafür schuldig, daß er uns mit dem Gebrau[-]
che desselben bekannt gemacht hat, sprich es ihm gelegentlich nebst
meinen [sc.: meinem] und unsern [sc.: unserm] beyderseitigen achtungsvollen Gruß aus.-
Deinem Bruder habe ich Deine letzteren Nachrichten von <Dir> mit-
getheilt ich habe schon wieder Antwort von ihm worinn er mir
schreibt wie er wegen Christian noch immer ohne Nachricht ist.
(:Nach den Zeitungen würde er durch die Gnade des Kriegs statt 10
Jahr ohnegefähr 2 Jahr Arrest [erhalten] und dieß in einem provinzial Orte wenn
es nachgesucht würde haben:) Wegen Dir scheint <Gottlob> in
großen Sorgen, ich verstehe seinen Brief in dieser Hinsicht nicht recht,
schreibe ihm doch bald einmal. Seine Worte heißen:
"Ich danke Ihnen recht sehr für die Nachricht von meinem Bruder,
"allein ich fürchte es siehet nicht gut mit ihnen aus.-"
Von Erfurt schreibt er: "Es gleichen unsere Felder einem <Treibhause>[.]"
Nun noch eines:
Frage doch l. L. vielleicht bey Huber & Comp. in Bern an wer
ihr Commissionär in Leipzig sey und ob sie dergl. vielleicht in
Nürnberg oder Frankfurt a/m haben und ob durch diese vielleicht
Drucksachen gegen die Gebühr an Dich besorgt werden könnte[n][.]
Mit der Post kommen solche Packete zu theuer und für die Fracht[-]
fuhr sind sie zu klein.
Auch kannst Du Langlois fragen ob der vielleicht einen bestimmten
Commissionär in Leipzig hat, doch dieser erhielt seine Sachen, wie
es mir schien immer sehr unordentlich u spät.
Es wird mich gar sehr freuen etwas Bestimmtes von Dir über
Hundeshagen in Amerika zu hören denn ich habe Amerika bleibend
als die Fr[e]ystätte neuen und reinen Menschheitslebens im Auge
was man auch sonst darüber sage. Theile Dich doch auch Hundes[-]
hagen in Bern über unsere Bestrebungen mit.-
Am Sonntage war ich mit meiner Frau auf Einladung
zur Aufführung des Sommers von Hayden [sc.: Haydn] in Keilhau, wir
kehrten erst zwischen 11 und 12 in zurückgeschlagener Chaise
nach Hause zurück, denn es war eine in diesem Jahre so sehr
seltene klare und milde Mondscheinnacht. Noch hat meine
Frau aber keine ältere, erfahrene Gehülfin was mir ein
rechtes Leid, ja Sorge und Kummer ist. Gott stärke die
Schwache. Sie denkt Eurer unzählige Oft in Liebe und Treue
und so von Ihr [sc.: ihr] die herzlichsten Grüße.- Auch die gütige
Schwägerin aus Keilhau war in voriger Woche wieder /
[120R]
von Sonntag bis Donnerstag bey uns. Mittwoch ich glaube
es war der 15. August waren wir die Schwägerin meine Frau
und ich in Schwarzburg; wir machten einen großen großen
Spaziergang vom Gasthause <Füsken> dem Schlosse hinweg durch
den ganzen Thiergarten der Schwarza entlang auf einem
<friedlosen> Wege zur bis zum <Wildthore> unten bey den
großem Bäumen an der Straße nach Sitzendorf, denkt
Euch. Aber es war auch ein wunderschöner Tag die Natur
so frisch alles so grün, die Luft so rein, der Fluß so
stark u so klar, wir haben Euer viel gedacht.-
Wegen Wilhelm Clemens, da ich nun auch Nachricht von Jena
in Ansehung Heidelbergs habe, wo es Nichts ist - habe ich
heute ihm selbst geschrieben. Ich habe ihm ganz offen und
vertrauensvoll das wirklich mitgetheilt was Du mir über die
schweizerischen Aussichten für ihn ausgesprochen hast und unsere
meine und meiner Frau übereinstimmende Meynung mit Deiner
Ansicht der Sache hinzugefügt und ihm selbst nun das Ganze
nach Selbstprüfung zur Selbstentscheidung vorgelegt, da ja in
jetziger Zeit es einmal Forderung an den jungen Menschen ist
sich früh aus sich selbst, über sich selbst zu bestimmen. Noch
habe ich ihn [sc.: ihm] Deinen Wunsch ausgesprochen bald zu schreiben und
meine Bitte deßhalb hinzugefügt.-
Friedrich wohnt nun seit Anfang verflossener Woche hier; er
ist sehr mit seinem Haus- und Kostwirth zufrieden. Ich habe ihm
Dein bleibendes Vertrauen zu ihm ausgesprochen; als Zeichner
bin ich fortdauernd mit ihm zufrieden, sonst kann ich ihm [sc.: ihn] nicht viel
auf andere Lebensverhältnisse prüfen, er ist still und ausdauernd
fleißig.- So wüßte ich Dir nun nichts w Wesentliches mehr zu <schreiben>[.]
Meine treusinnige Frau hat mir auf die beykommende 2e
Nummer des S. Bl. welche ich ihr zur Durchsicht gab folgende
Randbemerkung mit Bleystift geschrieben:
"Ein leichter Sinn erfaßt es nicht-
"Ein stiller Sinn der haßt es nicht,
"Ein lauter Sinn verlacht es nur;
"Ein tiefer - folgt allein der Spur."
Ich wünschte mehr solche Randbemerkungen und ich bin Willens
diese in dem letzten Probeblatte abdrucken zu lassen; was meynst
Du dazu; ich glaube daß so etwas am ersten bestimmt anregt.
Ist nun kein Brief von Dir an mich unter Weges, so sey so gut
mir recht bald auf diesen zu antworten besonders auch um
uns <zwey> wegen Deines Gesundheitszustandes zu beruhigen.-
Lieber Lgthl ich bin auch Willens einmal in dem S. B. von Deinem
Urtheile über meine Unternehmung wie Du solches im vorigen Jahre an Ad.
Frankenberg
nach Will. geschrieben hast und wo Du es an Comenius Be-
streben anknüpfest mit Deiner Erlaubniß und ich dächte gerad zu unter
Deinem Namen bekann Gebrauch zu machen. Sprich Dich mir darüber bestimmt
aus. Jetzt lebe recht wohl von allen an allen [sc.: alle] die herzlichsten Grüße DFrFr
[Nachschrift an den Rändern von 120RV/119RV]
Immer mehr mein lieber Langethal und immer in allen Lebenserscheinungen wiederkehrend muß ich finden wie viel von der Treue oder Richttreue eines Menschen /
in [sc.: an] die Festhaltung eines menschheitlichen Lebensgrundgedanken für den Fort- oder Rückschritt der Menschheit abhängt wenigstens wenn auch nicht so wohl im /
Ganzen als für den Fort- oder Rückschritt des Lebenden Menschengeschlechtes und ganzer Völker; der Verlust eines Menschen ist unersetzbar, darum - sey treu.