Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 31.8./1.9.1837 (Blankenburg)


F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 31.8./1.9.1837 (Blankenburg)
(UBB 39/38, Bl 122-126.121, Brieforiginal 3 B 8° 12 S., zit. Prüfer 1909, 45. Der Brief besteht aus dem eigentlichen Brief [UBB 39] und einer Beilage [UBB 38], im wesentlichen Abschrift F.s eines Briefs Wilhelm Clemens' an ihn. Die Zugehörigkeit der Beilage geht aus 125R hervor, außerdem ist das Blatt 121 links oben als 4. Blatt / Bogen und als 11./12. Seite markiert.)

Blankenburg bey Rudolstadt am 31 August 1837.·.


Mein theurer, lieber Langethal.

Du wirst Dich gewiß <höchlich> wundern schon wieder einen Brief von mir zu
erhalten. Der Grund dazu ist ein doppelter.
Zuerst war verflossenen Montag Dein Bruder aus Erfurt hier. Natürlich
war Dein Gesundheitszustand viel und fast größtentheils der Gegenstand un-
seres Gespräches; er zeigte mir nun denselben in einer Wichtigkeit, in welcher ich
ihn, ich gestehe es aufrichtig, bisher nicht gesehen hatte und machte mich dar-
auf aufmerksam wie sehr Du der ganz bestimmten Ruhe und Schonung zur
V vollständigen Herstellung Deiner Gesundheit bedürftest. Schon dieß bestimmte
mich deßhalb berathend mit Barop in Keilhau zu sprechen und Dir deßhalb offen
zu schreiben. Gestern Nachmittags kam nun Barop selbst hierher theils
mir Briefe bringend, theils ebenfalls in der Absicht mit mir Deines Gesund-
heitszustandes halber zu sprechen und sonst das Leben und seine Forderungen
zu berathen. Denn auch Barop war, wie ich erst durch Deinen Bruder auf
Deine Krankheit aufmerksam geworden und um darüber nun im klar[en] zu
werden war er sogleich Dienstags zu Herrn Dr Fleck nach Rudolstadt gegangen
um sich durch diesen vollkommen über die Forderungen Deiner Herstellung
zu unterrichten. Dieser hatte nun ganz einfach ausgesprochen, was Dir
wiederkehrend auch Deine S schweizer Ärzte gesagt haben werden, daß
Dein Gesundheitszustand sorgliche Pflege und vor allem Schonung und Ruhe
bedürfe als ganz wesentlich aber sprach er ganz besonders aus:
"Daß es zur Herstellung Deiner Gesundheit bey Deinem sonst
"kräftigen, gesunden Körperbau und besonders Deiner guten
"starken Brust - ganz wesentlich gut seyn würde wenn Du
"wenigstens ½ Jahr wieder in Deutschland leben könntest,
"die Luft in der Schweiz sey für einem [sc.: einen] Zustand wie der Deinige
"zu streng, zu scharf." pp.
Dieß nun bestimmte mich sogleich mit der nächsten, also der morgenden
Post deßhalb berathend an Dich zu schreiben. Denn einmal stellte
sich mir nun durch alles dieß die Kunde Deines Gesundheitszustandes
ganz anders, wozu noch kommt daß die Willisauer nach Keilhau geschrie-
ben haben: Dein Halsübel habe wieder einen Rückfall bekommen. An-
derer Seits habe ich das Gegründete und Wohlthätige des Rathes des Herrn
Dr Fleck an meiner Frau und ihrem Gesundheitszustande erfahren. Du
weißt in welchem so ganz hinfällig schwachen Zustande sich meine Frau in
Burgdorf selbst noch im Augenblick der Abreise befand, des Herrn Prof Vogt
Urtheil über den Gesundheitszustand meiner Frau ließ mir das Ärgste be-
fürchten, darum eilte ich um sie wieder deutsche und thüringische Luft athmen zu
lassen und siehe, ohngeachtet eines wirklich - (:bey der so sehr mangelhaften
Hülfe die sie hat) - wirklich angreifenden Lebens fühlt sie sich doch be-
deutend wohler und kräftiger als in Burgdorf, wo sie doch durch die töch-
terliche Hülfe Deiner treuen Frau so viel Ruhe und Schonung hatte. Ich möch-
te wohl wissen wie sich meine Frau jetzt hier befinden würde, wenn
sie jetzt hier die Ruhe u Schonung hätte welche ihr Burgdorf gereicht hat; denn /
[122R]
jetzt ist sie fast den ganzen Tag mit dem Hauswesen beschäftigt, wenigstens
von früh nach dem Frühstück bis gegessen ist, also bis gegen 2 Uhr ist sie
ununterbrochen in der Küche beschäftigt, und Nachmittags ist sie wieder ent-
weder in Vorsorge für den Winter oder für den nächsten Tag beschäftigt.-
Diese Erfahrungen nun von der Wirkung der Luft und des Landschaftlichen
verbunden mit der genauern und eigentlichen Kunde Deiner Krankheit
dieß bestimmt mich beachtend und aufnehmend auf einen in einem Deiner
jüngsten Briefe hingeworfenen Gedanken von Dir zurück zu kommen,
daß Du nemlich diesen Winter und wenigstens bis Ostern in Deutschland
und entweder in Keilhau oder bey mir hier in Blankenburg verleben möchtest.
Wie ich schon aussprach dieser Gedanke, mit all dem was sich in Beziehung
auf Burgdorf und Willisau daran anschloß und daraus hervorgieng -
erschien mir so abgebrochen, so außer allen äußern Lebenszusammenhange,
so hingeworfen und und als die Äußerung eines vorübergehenden Ge-
fühles, Wunsches, Herzensverlangens und Sehnsucht, daß ich darauf antwor-
tete wie ich antwortete. Doch jetzt sehe ich es handelt sich um die Herstellung
der Gesundheit eines Menschen und eines Mannes, es handelt sich um die
Verwirklichung von Lebensverhältnissen von welchen diese Herstellung nach
menschlichen Erfahrungen und Einsichten {wesentlich / einzig} abhän[g]ig ist dieß ändert wie den
Stand der Umstände so auch die Lebensansicht und die daraus hervorgehenden
Bestimmungen für das Leben ganz. Und in dieser Beziehung ist es nun zunächst daß
ich jetzt zu Dir komme. Also
1. erstlich ich gehe nicht nur darauf ein, so[ndern] ich stimme auch ganz bestimmt dafür
daß Du diesen Herbst noch und zunächst wenigstens bis Ostern nach Deutschland
zurück kehrest und wenn es Deinem gesammten Leben und dessen Forderungen
entsprichst [sc.: entspricht], Dich für diese Zeit bey uns hier in Blankenburg häuslich niederläßt.
Du sollst hier ganz der Pflege Deiner Gesundheit leben und keine Forderung an Dich
geschehen welche dieser im Wege stände, also zunächst alles nachtheilige Sprechen
ganz überhoben seyn.
2. Zweytens So wenig ich nun auch nach allen vor mir liegenden Lebensthatsachen Mid-
dendorffen
geeignet halten kann u darf, allen und den wesentlichen Forderungen
genügend, stellvertretend für Dich in Burgdorf einzutreten, so ist es etwas
ganz ander[e]s einen solchen Schritt mit freyer Selbstwahl u Willkühr und einen
solchen Schritt folgend der Nothwendigkeit der Umstände und des Schicksals zu
thun; denn es ist doch ohne Vergleich wichtiger daß eines Menschen u Mannes
Leben und Wirken dem menschlichen Leben und Wirken für höheren Zweck
überhaupt erhalten werde, als daß seine Gesundheit aufs Spiel gesetzt
werde um ein gewisses Verhältnisse [sc.: Verhältnis] und eine bestimmte Wirksamkeit
zu erhalten welche beyde so in Nichts zerfallen sobald eines Mannes und
dieses Mannes Gesundheit ihr nicht mehr Leben und Früchte geben können.
So habe ich denn auch in mir ganz und gar nichts dawider wenn Du <nach / auf>
persönlichem Vertrauen und in Übereinstimmung mit den Übrigen dabey
Stimme und Entscheidung habenden Middendorffen für einige Zeit Stell-
vertretend für Dich einsetzest. Nach den vorliegenden Briefen mag er
wohl in Willisau entbehrt werden können. Und was Keilhau betrifft so
wird man wohl seine noch längere Abwesenheit nachsehen indem sie in der Pflege und Er- /
[123]
holung eines Menschen, eines Mannes, eines Freundes Gesundheit gegründet ist.
Also auch in dieser Beziehung ist alles Deiner und Eurer Bestimmung anheim gegeben.
3. Drittens. Der wichtigste Punkt ist aber nun die Frage, die Beantwortung der
Frage vielmehr: Soll Ernestine, Deine Frau Dich nach Deutschland, für die Zeit Dei-
nes Erholungsaufenthaltes hier, begleiten oder soll sie während Deines hier[-]
seyns stellvertretend auch für Dich in Burgdorf zurück bleiben? Nach
einer ernsten Berathung zwischen Barop und mir in welcher wir alles gegen-
einander abwogen konnten wir gestern nur für das letztere sprechen und
stimmen. Würde Ernestine Dich nach Deutschland begleiten so erscheint uns Lange[-]
thal Dein Wirken in Burgdorf gänzlich gelöst und an ein späteres Anknüpfen
wie an Rückkehr Deiner dahin, wenn Gott Deine Gesundheit wiederherstellt,
was wir ja hoffen, ist dann nicht wohl zu denken. Ernestine ist auch mit
allen Verhältnissen mit dem Charakter und der Führung der Wirthschaft
wie der Kinder und namentlich der Mädchen so eingelebt, daß sie auf kurze
Zeit nicht wohl Jemand ersetzen, daß auch auf kurze Zeit, auf Zeit von
6-8 Monaten nicht wohl Jemand stellvertretend für sie eintreten kann.
So hülfreich auch wohl Elise für Ernestine seyn konnte in Gemeinsamheit
mit derselben so müssen wir doch fürchten daß Elise, schon als Mädchen
gar nicht im Stande sey Ernestinen, Deine Frau, und als Hausfrau, allein
und in deren gänzlichen Abwesenheit zu ersetzen. Also Barop und ich konnten
gestern zu keinem andern Ergebniß der Berathung kommen als daß Ernestine
sich entschließen müßte während Deiner Erholungsanwesenheit in Deutsch-
land stellvertretend und hausmütterlich in Burgdorf zurück zu bleiben.
Auch Albertinens gedachten wir wohl. Allein in Beziehung auf Al-
bertinens Überkunft nach der Schweiz hat Middendorff durch sein so ganz
verkehrtes äußerliches Auffassen und Behandeln von Barops vertrau-
licher Anfrage im verflossenen Frühjahr und durch die Mißgriffe in der
Behandlung seiner Verhältnisse - die bestimmenden Gemüther in Keilhau so
gestimmt, daß sich für jetzt von Albertinen gar nicht der Entschluß er-
warten läßt weder mit ihren Kindern und noch bey weitem weniger allein
nach der Schweiz zu gehen. Middendorff hat eine sehr große Verantwort-
lichkeit auf sich geladen daß er Barops Anfrage nicht wie es einem Mann
geziemte still männlich, innerlich und sinnig, sie vielmehr wie ein <Kaffeege->
spräch äußerlich behandelte. Die Folgen davon zeigen sich immer bestimmter und wenn
Middendorff in practischer Blindheit für die wirklichen Lebensverhältnisse sie nicht
sieht, so macht dieß die Verhältnisse nicht anders. Genug Albertine wird
sich jetzt nicht bestimmen nach der Schweiz zu gehen, und nochweniger würde sie
sich jetzt in der gesammten Gemüths- und Lebensstimmung finden um mit nur
regem Erfolge auch nur auf einige Monate stellvertretend für Deine
Frau, eintreten zu können.- Barop und ich konnten also gestern zu keinem
andern Ergebniß unserer Berathung kommen als daß Du l. Lgthl allein
zu Deiner Erholung hierher kämest, Ernestine aber, als würdige Stütze
und Stellvertreterin Deiner dort bliebe. Doch anders und Anderes
sehen die Männer und anders und Anderes sehen die Frauen. Als ich daß
Ergebniß unserer Berathung meiner Frau mittheilte sagte sie ganz
einfach: - gut, wer soll aber hier den Langethal pflegen? wer ist ihm /
[123R]
dazu näher, wer dazu geschickter als Ernestine, als seine Frau?- Du siehest leicht
ein mein theurer Lgthl daß ich darauf nichts antworten konnte, denn ich weiß
ja gar nicht welche besondere Pflege Dein Gesundheitszustand erfordert; nur
daß weiß ich, daß wenn diese Pflege mehr erforderte als die gewöhnliche
Beachtung eines Menschen und Mannes, mein häusliches Verhältniß wie
es jetzt hier in Blankenburg ist Dir diese nicht wohl reichen könnte. Also
ist nun auch dieser dritte Punkt ob Du allein, oder in Gemeinsamheit
mit Ernestinen auf einige Zeit nach Deutschland zurück kehren willst ganz
Deinem und Euern Ermessen überlassen. Ist es nothwendig daß Ernestine
Dich begleite so wird sie uns dann hier so willkommen seyn als Du.- Und
für Euch beyde wird unsere Miniaturwohnung gerad noch Raum haben, wenn
wir uns anders ein Wenig schmiegen, fügen und biegen.
4. Viertens auf diesen bestimmten Fall also, daß Du uns entweder allein
oder in Gesellschaft Deiner Frau besuchtest so habe ich noch folgenden Vorschlag
Dir zur Berathung vorzulegen. Ich habe schon gar langezeit gewünscht,
daß zu Deiner einstigen kräftigen Unterstützung und zur Förderung Eurer
Unternehmungen zur Hebung des Elementarunterrichtes in Burgdorf, -
daß auf Kosten der Stadt ein junger Mann, ein junger Schweizer von
Burgdorf hierher gesandt werden möchte welcher sich jetzt mit dem
Geiste und der Behandlung begründender Beschäftigungs-, Erziehungs-, Unter-
richts-, Bildungsmittel und solcher Spiele Bedeutung rc. rc. bekannt
mache; Wie wäre es nun wenn Du es möglich zu machen suchtest we-
nigstens einen solchen jungen Mann auf ½ Jahr mit Dir hierher zu bringen[?]
Baropen, welchem ich diesen Gedanken gestern Nachmittags mittheilte
war ganz darüber erfreut und fand ihn sehr wesentlich und seine Aus-
führung wichtig Du kämest dann mit wirklich mehr als verdoppelter
Kraft zurück. Da doch alles am Ende am Pecuniären hängt so will
ich Dir nach den vor mir liegenden Erfahrungen eine Berechnung der
Kosten und zwar im minimum u Maximum vorlegen.
1. Jährlich für Wohnung, Kost, Bette u 1. Doch er als Fremder müßte vielleicht
Waschen auch Sonntags Heizen Frken. 173. mehr zahlen und so rechne ich Frken 200.
(Friedr: Bock bezahlt Rth. 72 - ohngefähr (Wenn nicht eine wesentliche Verände[r]ung
die angegebene Summe.[)]vorgienge z.B. Ernestine mit käme, so
könnte der junge Mensch weder bey mir wohnen
noch essen.)
2. Für ihn als Taschengeld rc wö-2. Für ihn als Taschengeld
und andere Bedürfnisse jährl. - 100.
chentlich 1 Schwzrfrkn. 52.
3. Zur Vergütigung für mich 3. Vergütung für mich - 100.
mich wegen Unterricht 75.
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Jährliche Ausgabe Frkn. 300 Jährliche Ausgabe Schwzrfrkn 400.
Reisegeld hin und zurück 40.Reisegeld hin u zurück 50
(Gyger hat herwärts 16 Frkn. gebr[au]cht)Fracht für Effecten 30
Fracht für 1 <Ar> hin und zurück 30.
--------------------------------------- ----------------------------------------------------------
Gesammt Kosten Schwzrfr 370 Gesammt Kosten Schzfrkn 480.
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Auf ein Jahr Aufenthalt.
Zwischen 4 und 500 würden Schweizerfrken würde[n] also die Aus- /
[124]
gaben betragen einen jungen Mann bey uns auf ein Jahr zu unterhalten,
nebst Reisekosten rc.
Ließe sich das Ganze ausführen so wäre es gewiß auch für Dein Ver-
hältniß zu Burgdorf sehr günstig indem Du durch diesen jungen Mann
und der Leitung seiner Beschäftigungen hier immer in einem gewissen
unmittelbaren und lebendigen Verkehr mit Burgdorf bliebest. Man
könnte auch gleich vom Anfang aus den Plan so machen, daß dieser junge
Mann jedenfalls Ostern nach Burgdorf zurück kehrte, auch wenn Du
ja wider Vermuthen durch die Pflege Deiner Gesundheit noch behindert
werden solltest selbst und persönlich wieder nach Burgdorf zurück zu
gehen. Die Hauptbeschäftigung des jungen Mannes würde eine doppelte
seyn erstlich sich mit dem Geiste der Bildungs- und Beschäftigungsmittel ihrem
Zusammenhang unter sich wie mit ihrem Eingreifen in das Leben und die
Erkenntniß der Natur bekannt dann zweytens sich vertraut zu machen
mit ihrem Gebrauch und denselben für sich einzuüben. Du weißt daß
dieß nicht so leicht ist. Zu diesem Ende und zur praktischen Nachweisung für jeden der es bedarf bin ich überhaupt Willens
nächsten Winter hier
wenigstens wöchentlich ein- oder ein paarmal eine Beschäftigungsschule
für kleine Kinder zu errichten.- Auch könnte der junge Mann viel-
leicht zu Zeiten einmal nach Keilhau gehen und dort die Behandlung des Un-
terrichtes sehen. Nun überlege es mit Dir und mit denen deren Bey-
stimmung förderlich seyn kann.
5. Fünftens. Die Willisauer haben endlich auch ihr Stillschweigen gegen Keil-
hau gebrochen und haben eine Darlegung der Verhältniße und des Standes
der Erziehungsanstalt und ihres Wirkens in Willisau (wie sie solches sehen)
nach Keilhau geschrieben, wie wenig sie aber sämtlich den Stand der Ver-
hältnisse recht erschauen Middendorff durch sein practisches Medium durch
welches er alles sieht und Ferdinand aus Lebensunerfahrenheit geht aus
einem Briefe Rodas hervor welchen mir Barop sogleich übergab,
als er mir die Willisauer Briefe oder vielmehr ihren Inhalt summarisch
mittheilte. Ferdinand schreibt schon jetzt Ich und Roda werden wohl - wenn
auch Middendorff abgehen sollte mit vereinten Kräften im Stande seyn
den Forderunge[en] der hiesigen Anstalt für die nächste Zeit zu genügen rc.
Middendorff schreibt wörtlich: - "Ich und wir wohl gemeinschaft-
"lich fanden das Zusammenseyn unserer drey Kraft die wir hier
"zusammenstehen, wegen der eigenthümlichen Hauptrichtung eines
"Jeden, wohl wichtig (ich meine Roda, Ferdinand und mich) den-
"noch bleibt in unserm engsten Kreise - da die vorliegenden
"Anforderungen durch die Rückbleibenden erfüllt werden können
"meine Rückkunft zur Wiedervereinigung mit meiner Familie
"für diesen Herbst fest gehalten." So der Brief zur Post gegeben 27/VIII [sc.: 17/VIII]
Was sollte hierauf um nicht an ein inniges sich gegenseitig
klares Verstehen und einiges Zusammenstehen und Zusammenge-
funden haben der drey Middendorff, Ferdinand u Roda, mindestens
von Ferdinand u Roda glauben, da sich ersterer getraut mit letztern /
[124R]
die Willisauer Lehranstalt fortzuführen, und siehe da, da kommt zugleich von Roda
ein Brief, zur Post gegeben am 21/VIII also 4 Tage später, an
welcher mir das bestimmte Austreten Roda's ausspricht.
Middendorffs Briefe <d.h.> seine Relationen vom Stande der Dinge
haben schon längst keinen Werth mehr, denn sie gleichen höchstens ge-
füllten Blumen, welche keinen Saamen tragen; allein sie verliehren
durch solche Lebensmißgriffe immer mehr ihre Bedeutung fürs Leben
weil ihnen der Kern des Lebens fehlt. Roda schreibt.
"Wenn Sie mich gegenwärtig zu weilen beachten würden und an
"frühere Zeiten dächten Sie würden ausrufen: es ist der Roda nicht mehr,
"so habe ich mich seit Kurzem geändert, doch verändern müssen, denn wo die
"Sonne nur brennt statt zu erwärmen, wo die Sonne nur erstarren
"macht denn zu kühlen, wo das Wasser nur überschwemmt denn erfrischt,
"da lachen keine freundlichen Thäler, da welken die Blumen, da schweigen die
"Sänger und - ziehen von dannen. Lieber Herr Fröbel es ist wohl
"möglich, daß man Ihnen schon zu verstehen gegeben hat, daß eine Ände-
"rung mit mir vorgegangen ist, man teuscht sich nicht, wenn man das wahr-
"nimmt, seit 1837 bin ich so von mehreren Seiten unangenehm berührt
"worden, welche in mir eine Gleichgültigkeit gegen alle Lebenserscheinungen
"zurück ließen, in welcher ich mir bey reifer Überlegung oft selbst nicht ge-
"falle, ich kenne mich öfter selbst nicht mehr, ja es artet zuweilen in
"Leichtsinn aus, und wenn ich auch zuweilen mir vornehme, diese Gleich-
"gültigkeit zu verbannen, so ist es mir unmöglich, da ich mir sagen muß
"und kann daß meine frühere Art zu denken und zu handeln keines-
"weges angewandt war, ich nichts damit ausgerichtet habe, auf
"keinen grünen Zweig gekommen bin, ich habe mich gar zu oft geteuscht
"gefunden, die Menschen kennen gelernt welches mich ganz abgestumpft hat,
"für den Glauben an eine Menschheit, welche sich nicht des gegenseitigen
"Nutzens halber sondern Menschlichkeit wegen liebt und beysteht; die
"Triebfedern ihres Handelns in ihren guten und in ihren bösen Thaten fand
"ich beyderseits oft unedel und gestohlenes Zuckerwerk schmeckt doch
"nicht so gut, denn schwarzes Brot verdient im Schweiße
. Doch zur Sache
"lieber Herr Fröbel. Die Körperkranken pflegen Reisen in die Bäder
"zu machen, so glaube ich denn auch daß es demjenigen nicht zu verargen
"ist, welche zur Erheiterung zur Stärkung ihres Gemüthes eine Bade-
"cur unternehmen, welche darinn besteht Veränderung[en], die äußern
"Verhältnisse, Erscheinungen des Lebens, welche ihm seine Stellung in der er sich
"befindet, darboten mit einer andern Stellung zu verwechseln. Sie werden
"mich hoffentlich verstehen, ich halte es nemlich fest nach Michaelis
"auszutreten, da ich fürchte, daß diese Gleichgültigkeit in einen Leicht-
"sinn ausarten könnte welcher für mich von traurigen Folgen seyn kön[n]te[."]
u.s.w. u.s.w. u.s.w. denn dieß ist ohngefähr <1/5>tel des Briefes.
Zum Schluß schreibt er: "Deuten Sie es nicht übel was ich geschrieben habe.
"Lieber Herr Fröbel seyn Sie mir eher beförderlich als hinderlich aus-
"zutreten; ich schlage Herrn Albrecht in Rudolstadt an meine Stelle vor" pp. /
[125]
Von allem diesen schreibt nun weder Middendorff noch Ferdinand
ein Wort ja sie zählen beyde eine Kraft und auf eine Kraft
welche gar nicht da ist, ja sie zählen für Willisau als An-
stalt auf eine Kraft, die sie mehr oder minder wenigstens
durch die ganz falsche Stellung welche sie sich als Erziehungsanstalt
und als menschlicher Familienkreis, als Pfleger des Menschen-
und Menschheitslebens gegeben - selbst vernichtet mindestens
untergraben haben. Du siehst nun lieber Lgthl. wie sowohl
Middendorff als Ferdinand, (dem es jedoch in doppelter Hinsicht
gar nicht zuzurechnen ist, einmal wegen seiner Unerfahrenheit
dann wegen seines Kraftgefühles am Ende die Leistungen
von wenigstens zwey Menschen in sich zu vereinigen) - Du
siehest wie sowohl Middendorff als Ferdinand in Hinsicht ihrer
Führung der Anstalt auf Sand bauten. Wie will sich Willis[au]
nun, auch nur als Lebenskreis halten wenn ihm das musika-
lische Element fehlt?-
Dieß alles theurer Langethal <wendet> nun jedoch nicht im min-
destens von meiner und unserer Seite ab was ich Dir
unter 1 und 2 unter erstens u zweytens aussprach. Barop will
Dir das ganz gleiche in einem Briefe von unserer Gesammtheit
wie namentlich auch von Keilhau aus, aussprechen.
Wenigstens Deine temporäre Rückkehr nach Deutschland und in
unsern oder meinen Kreis müssen wir zur Pflege Deiner Gesund-
heit mehr als wünschen. Dich wegen Middendorffs Stellvertre-
tung Deiner mit den Burgdorfern und mit Middendorff zu ver-
ständigen müssen wir Dir überlassen, sowie welche Bestimmung
Du wegen Ernestinen ergreifen willst.- Wie die Sachen
nun in Willisau stehen, auch wenn ein anderer junger Mann
als Musiklehrer einträte, wofür wohl Sorge getragen werden
muß wenn man nicht Willisau gerad zu aufgeben will.
Wie also die Sachen in Willisau stehen so meynt Barop daß
Elise zur Wirthschaftsführung für 2 Menschen (Ferdinand und
der Musiklehrer) dort nicht nöthig sey und daß wohl die da-
seyende oder vielleicht die Wartenseer Marie diese Wirth-
schaft führen können. Wie nun aber von Keilhau aus über Elise
bestimmt werden wird wirst Du von dorther durch Barop
hören, welcher zugleich mit meinem Brief einen für Dich und
die Willisauer an Dich abschicken wird. Barop wird ohne
Zweifel heut nach Rudolstadt gegangen seyn um sich dort /
[125R]
wegen des von Roda vorgeschlagenem Stellvertreters seiner,
He. Albrecht zu erkundigen.
---------
Nun endlich zu dem zweyten Hauptpunkte dieses Briefes.
Er betrifft die von Dir dem Wilhelm Clemens vorgeschlage-
nen und wie Du aus seinem abschriftlich hier ganz mitfol-
genden Briefe ersehen wirst - von ihm eingenommenen Stelle
als Gärtner bey der Mutter der Frau von Erlach, der Frau
von Escher wie Du meynest daß sie heiße.
Ich habe ihn dem Wilhelm, wie ich Dir glaub ich schon schrieb
Deinen Brief in Betreff dieser Stelle wörtlich treu ganz
mitgetheilt. Wie er dieß Verhältniß und seine ganze
von demselben erwartende Stellung ansieht wirst Du klar
aus seinem ganzen Briefe an mich, welchen ich Dir eben deßhalb
unverkürzt mittheile erfahren. Mich dünkt er konnte
schlechterdings nicht anders handeln u entscheiden als er that:
hätte er anders entschieden und gehandelt so hätte er Miß-
trauen in seine Kraft in seine moralische wie seine
Thatkraft gesetzt und daß [sc.: das] wäre für einen Jüngling seines
Alters ein schlechtes Zeichen gewesen. So dünkt mich nun
aber auch müssen wir als seine treuen väterlichen Freunde
dahin wirken daß er die Stelle nun bald bekomme, ihm
aber in Zukunft auch in der Ferne durch Freunde z.B.
der Frau von Erlach u Ries vermittelt als treue
helfende u schützende Genien zur Seite stehen. Empfiehl
mich durch He. Ries oder d[urc]h Fr: von Erlach der Frau von
Escher und sage ihr, daß ich ihr in Wilhelm Clemens gleichsam
einen eigenen Sohn in die Dienste gäbe und daß ich
ihn als <ab> einem gutartigen, reinen, kräftigen u strebenden
und arbeitsamen fleißigen Jüngling ihrer Mütterlichen
Sorgfalt u Obhut empfehle, denn ich wüßte gar wohl
wie heilsam solcher Schutz solchen Jünglingen wie Wilhelm
Clemens sey. Schreibe nur bald wann er eintreten
kann, ich hoffe ja daß nichts versäumet ist. Wilhelm
malt, besonders botanisch Blumen und Gewächse sehr schön
und er hat wirklich dafür Talente[.] Proben davon <selbst [wirst] / sollst>
Du künftig bekommen oder er bringt sie selbst mit.
[Randbemerkung ohne Bezugszeichen, inhaltlich hierhin gehörend:]
Vielleicht ist es sehr zweckmäßig wenn Du mehreres aus Wilhelms Briefe der Fr. v. E. <mdl [sc.: mündlich]> mittheilst.

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Endlich noch einige nothwendige Bemerkungen im Fall Du
bald zu uns nach Deutschland zurück kehrtest hinsichtlich /
[126]
unserer Unternehmung.
Wie froh bin ich daß ich Dir alles gleich mittheilte wie es mir
eben möglich war, so hast Du nun doch vielleicht Gelegenheit gehabt
manches vorzubereiten was während Deiner Abwesenheit aus
der Schweiz durchgeführt werden kann. Freylich ist es sehr zu bedauern
daß Dir wohl ganz das Sprechen untersagt seyn wird allein manches
läßt sich doch vielleicht auch brieflich <übernehmen> so z.B. <mit Petermann>
oder überhaupt der Redaction des Eidgenossen. Nach alle dem
was ich wieder von dem festen ruhigen Vor- und Fortschreiten der Lu-
zerner Regierung höre so müßte ihr es nothwendig erfreulich seyn
ein Unternehmen wie das meinige jetzt zu unterstützen, d.h. es
wenigstens gern sehen wenn Unternehmer wie z.B. <Sirser>
Schnyder u Petermann und in Luzern Meyer dasselbe förderten. Es ist
wahr, es ist ein eigenes und schwer zu verstehendes Geschick daß Du
gerad jetzt krank und besonders in Gebrauche Deiner Sprache gehemmt
werden mußtest. Kann nun vielleicht Antonen, oder Ries, oder
<Langhans>, oder <Huber> und <Campe / Comp.> etwas zur Verbreitung der Probeblätter
thun denn die Auflage von No 1 liegt hier, die von No 2 muß mir in
nächster Woche gesandt werden wenn nur alles schon bey Dir wäre.
Auch durch dieses Blatt könntest Du und Dein Wirken in einem leben-
vollen Verkehr mit Burgdorf und dem Cantonen Bern <u> Luzern blei-
ben während Du in Deutschland bleiben mußt.
Sey nur so gut und schreibe mir <bald>, wenn auch nur mit wenigen
Worten, wie Du alles einzurichten gedenkest, damit auch hier alles
demgemäß besorgt werden kann.
Auch daß Wilhelm Clemens ohne Zweifel nach der Schweiz kommt
ist mir wie er in sich steht gar sehr lieb, nun kommt doch wieder
ein lebenvolles, treusinniges und that- und willenskräftiges Ge-
müth nach daher wenn Du zurück kehren mußt, wenn auch in
einem andern Canton wie auch unter andere Verhältnisse
er hält doch den Gedanken eines einigen und gemeinsamen Lebens in sich
fest. Daher wird es Dir auch aus einem höhern allgemeinen
Gefühlspunkt wichtig seyn ihm die sich dargebothene Stelle bey der
Fr. v. E. seinem Wunsche gemäß zu verschaffen. Auch gegen Karls
und der Übrigen Wirken ist er ihr kräftiges Gegengewicht, denn
ein solches Gemüth wie das Wilhelmsche vermag viel, wenn
es in frey thätiger Wirksamkeit kommt. Betrachte nur sein Wirken im Hause
des Ernst Luther in Salzungen und dessen Ergebniß. /

[126R]
Freytags am 1 Septbr. Es ist bald 4 Uhr und Barop
welcher kommen wollte um seinen Brief mit dem mei-
nen zur Post zu schicken ist noch nicht da, ich sende also
den meinen allein ab damit Du nun weißt wor-
an Du bist. An Roda habe ich auch mit der heutigen
Post geschrieben, daß ich sogar mit dem was er mir
alles darüber schreibt seinen Austritt billigen muß,
und daß wir suchen werden seine Stelle zu ersetzen.
Barop selbst sagte: - "Nein! wir können den Roda
nicht halten; es ist nicht möglich."- Barop wollte [sich] darum
schon gestern in Rudolstadt wegen des vorgeschlagenen
Albrecht erkundigen und heut deßhalb Nachricht bringen.

---*---
Nun sey Gott empfohlen mit Deinem Gesundheitszu-
stand, schone Dich so viel als möglich, damit Du nur nicht
mit verschlimmertem Übel nach Deutschland zurück kehrst.
Jetzt ist in Elgersburg bey Ilmenau ein Wasserkur[-]
Ort angelegt ob diese Dir wohl zusagt?- Frag doch <Rieß>.
Will es sich nicht machen daß die Vogtsche Tochter als
Gehülfin zu Deiner Frau komme?-
Ich darf es meiner Frau gar nicht sagen daß ich an Dich
und Euch schreibe, sonst würde sie untröstlich werden,
daß sie keine Zeilen an Deine Frau - durch das Leben
und seine Forderungen verhindert - beylegen kann.
Laß Dir und Deiner lieben Frau mehr seyn als
der sehnlichst u herzlichst ausgesprochene Gruß.
Gott stärkt u beschützt Dich und Euch
D.Fr.Fr.

Grüße herzliche an Antonen - Spieß u die Kinder rc.
Spieß Vorübungen zum Turnen möchte ich gerne ausge-
führt von Kindern durch Zeichnung zur <Verdrängung>
der Bilderbögen der <leeren> und schlechten und zur
Verbreitung eines bildlich anzuschauenden besseren
Geistes und kräftigeren Jugendlebens darstellen lassen;
frage ihn ob er nicht selbst die Zeichnungen machen könnte.
Meyer in Hildbghn war sehr für diesen Gedanken.

Beilage:

[121]
Abschrift des Briefes von Wilhelm Clemens an mich.
"Eisenach am 27 August 1837:."
"Lieber Pflegevater"
"Ich war hoch erfreut als ich heut früh Deinen lieben Brief erhielt; Du glaubst
"vielleicht nicht wie ich an Dir und der Mutter, so wie an Keilhau hänge.
"Deine Bemühungen, für welche ich Dir recht herzlich danke, haben mich zu Thränen
"gerührt, und ich sehe immer deutlicher, wie gut und redlich Du es mit mir meinst.
"Die Stelle, welche Du für mich ermittelt, scheint mir, nicht nur nicht ungünstig
"sondern für meine fernere Ausbildung äußerst günstig und vortheilhaft. Ich
habe mehreren Sachverständigen einiges aus dem Briefe (:die Bedingungen:) an-
vertraut, welche mir alle gerathen haben, die Stelle anzunehmen. Ich selbst habe
folgende Gründe: -
Im Winter (:in der edlen <Gaumerzeit>:) kann ich nichts im Garten machen, u. habe
also um so mehr Gelegenheit mich in allen theoretischen Fächern der Gärtnerey aus[-]
zubilden.- Es wäre eine neue Flora für mich, die Alpenpflanzen, welche jeder
Gärtner jetzt kennen sollte, und aus welchen wir nur sehr wenige <Bruch->
stücke in unsern Gärten besitzen.- In der großartigen Schweizernatur könn-
te man sich manches schöne Bild sammeln, und es wäre auch für den Land-
schaftsgärtner wichtig dahin zu reisen, damit er in unsere deutschen Gär-
ten, von denen viele so trocknen Geschmackes sind, mehr Leben brächte: -
Man hat auch in einem solchen Privatgarten viel mehr Zeit zu seiner Ausbildung
als in einem herrschaftlichen Garten; denn die Hofgärtner sehen immer mehr
auf ihr Interesse als auf das Wohl ihrer Lehrlinge, denn nur wenn der Garten
schön im Stande ist und wenn es im selben schnell vorwärts rückt, machen
sie sich bey ihren Herrschaften beliebt, wobey keiner nach den Lehrlingen oder Gehül-
fen fragt, ob sie weiterstrebend sind oder nicht, und ob dieß ihr Streben beför-
dert wird oder nicht, welches wir sogar auch hier leider! erfahren.- Auch
fürchte ich mich nicht im Geringsten einen solchen Garten zu besorgen; obgleich
ein Gärtner nie auslernen kann, so glaube ich doch so viel zu können einem
solchen Garten vorzustehen.- Hierzu kommt nun <noch / auch>, daß in den meisten Hof-
gärten weniger bey den Lehrlingen und Gehülfen auf die Landschaftsgärtnerey
gewirkt wird, als auf die Pflege der Topf- und Zierpflanzen, welche letztere
wir hier im Karthause [sc.: Karthäuser ?] Garten schon ziemlich geübt haben.- Ich werde bis
zur Annahme dieser Stelle noch mehrere Bücher welche über Obstkultur u.
Gemüsebau handeln durchstudiren, damit ich es an gar nichts fehlen zu
lassen bräuchte.- Auch kann man in einem Privatgarten mehr Versuche
machen als in einem Herrschaftlichen, und Versuche sind mit die Hauptsache bey
der Gärtnerey.
Die Besorgnisse welche Langethal für die Wintermonate hatte, halte ich für
grundlos bey mir, da ich mein Ziel fest vor Augen habe und mir an meiner Fort-
bildung viel zu viel liegt, als daß ich mich von diesem Wege sollte abziehen
lassen. Der Gedanke Dich einstens zu unterstützen und Dir in Deiner Nähe
helfen zu können, macht mich glücklicher als wenn mir einer alle Ver-
gnügen bereitete, welche ich mir erdenken könnte. Ich hänge so an Dir, daß
ich lieber, wenn es verlangt wird mit Dir die größte Noth ertragen
will, als mich einem andern Leben anschließen.- /
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Mein Wunsch ist also, die Stelle anzunehmen, und habe ich diesen eine Zeitlang
gedient, so kann ich mich dann immer nach einer andern von dort aus eher
umsehen, als von hier aus. Auch könnte vielleicht Christian mitreisen,
wenn nicht, allein.
Ich bin mit einem meiner Collegen am vergangenen Sonntage in Sal-
zungen bey Ernst Luther gewesen, von welchem ich ein besseres Bild mit weg-
nahm als ich brachte; er befindet sich mit seiner Frau wohl und hat 16 Ge[-]
sellen. Er denkt jetzt anders gegen Dich als früher, und beyde wollten es sich
für das größte Glück schätzen, wenn Du sie einmal mit einigen Zeilen be-
ehrtest. Der Brief soll seinen Platz in der Bibel haben, sagten sie. Er zeich-
net und mahlt sehr viel und schön, ist auch Zeichenlehrer in der dortigen Ge-
werbschule, aber nicht im freyen Handzeichnen. Er gab mir die beyden
beyfolgenden Vögel für Dich mit, es waren zwar nicht seine besten Stücke,
er will Dir aber den Salzunger See aufnehmen und dann nach Blankenburg
schicken. Außer vielen Grüßen an Dich und die Mutter, so wie an alle
Keilhauer, trug er mir auch auf Dich zu bitten, daß Du doch einige Zeilen
durch mich oder an ihn selbst schicken möchtest; er wollte deßhalb den Anfang
nicht machen, weil er befürchtete Du möchtest nicht so gegen ihn gesinnt seyn
wie er wünschte; doch habe ich ihm viel von Dir erzählt und ihm gesagt wie
Du so treu und redlich gegen alle handeltest, sogar gegen die welche sich so
schlecht gegen Dich benommen. Da waren sie ruhiger und wollten die Antwort
abwarten.-
Ich habe wieder eine merkwürdige Monstrosistät [sc.: Monstrosität]. Einen Rosenkönig von
sonderbarer Form, welchen ich morgen abmalen will um ihn Dir zu schicken.
Ich male auch in Öl wovon Du allernächstens eine Probe erhältst. Da
ich den Brief heut auf die Post schicken will, so muß ich schließen. Ich schicke
Dir (ganz zum Geschenck bald wieder einen Transport Zeichnungen.
Auch die vorigen sind Dein und alle nach der Natur gemalt.
Lebe wohl und behalte lieb Deinen treuen Sohn Wilhelm Clemens.
N.S. Doch wünschte ich, daß doch Langethals Wunsch in Erfüllung geht
und ich den Kammerdiener nicht mitzunehmen brauche.
Auch bitte ich Dich zu fragen wann ich die Stelle antreten soll.
(In Eil geschrieben)
Wilhelm Clemens["]
(:Dieß Wilhelms Brief an mich.:)

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Ernst Luther schreibt über die mir geschickten beyden Vögel wobey,-
wie mir so eben merkwürdiger Weise auffällt - ein Schwan
(Du kennst die doppelte Bedeutung: Reinheit u Sinnbild Luthers?[)]

"Zum Gedenken <von> an Ihren treuen Eluther".-