Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 8.10.1837 (Blankenburg)


F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 8.10.1837 (Blankenburg)
(UBB 40, Bl 127-132, Brieforiginal 3 B 8° 12 S. Datierung: F. schreibt eindeutig "Septbr", von anderer Hand, vermutlich Halfter, nachträglich in ”Oktober” korrigiert. ”Oktober” ist aufgrund der anfangs genannten Bezugsdaten richtig, außerdem war der 8.10.1837 ein Sonntag, der 8.9. nicht.)

Blankenburg bey Rudolstadt am 8en Septbr [sc.: Oktober] 1837.


           Lieber Langethal.


Des Geistes einigen Gruß Dir und Deiner Ernestine zurück.


*
Es ist Sonntag, es ist Nachmittags 3 Uhr und alles um mich her ruhig
und still. Soeben habe ich das Manuscript zu der letzten zu der 5en No des
handschriftlichen Sonntagsblattes, welches die Darlegung des Planes und Inhal-
tes dieses Blattes enthält zum Druck (nach Ilmenau) befördert; eine Ar-
beit die ich längst beendigt wünschte und die durch die Keilhauer Kermse
(am 29 Septbr rc) und durch die hiesige (am 3en 8br) fast um 8 Tage verspä-
tet wurde ist abgethan ich fühle mich dadurch für einen Augenblick frey;
schon ist aber auch wieder die Wahl der nächsten Arbeit entschieden; es ist die
Be[{]handl / arbeit[}]ung aus der ersten Lieferung der wirklichen Kinderbeschäftigungsmittel,
des Balles und die Betreibung der baldigsten Erscheinung dieser Lieferung
und schon ordnet mein Geist die Materialien um sie dem Zwecke gemäß zu sägen
und zu gestalten zu vereinfachen und zu beleben, da gedenke ich denn auch Deiner
treusinnigen Mittheilungen und erinnere mich, daß ich gestern so abermals
einen Brief von Dir erhalten habe und schon einen vor mehr als 8 Tagen[.]
Das ganze Leben tritt so in dieser ruhigen Stunde vor meine Seele ich wünsche Dich in
meiner Nähe, ich sehne mich in die Deine denn ich hätte vieles, vieles mit Dir zu
besprechen; doch der Wünsche Erfüllung ist unmöglich und so ergreife ich die Feder um mich allem
zuvor Dir so gut es schriftlich gehen will mitzutheilen.
Zuerst aber ein Wort über Deine, Deiner Frau, der meinigen und allen die es gut mit mir
meynen wohlwollenden Anforderungen an mich einfacher, leichtverständlicher
kürzer zu schreiben. Glaubt mir Ihr lieben Niemand fühlt die Wahrheit u das Ge-
wicht, die Bedeutung Eurer Forderung mehr als ich selbst; allein Niemand kennt und
fühlt aber auch tiefer als ich die Hindernisse die der Erfüllung dieser Forderung entgegen
stehen und den harten Kampf den es kostet um sie zu erfüllen
"Aus grauser Tiefe trit[t] das Hohe kühn her empor;
"Der Schmerz ist die Geburt der höheren Naturen;
"Aus harter Hülle kämpft die Tugend sich hervor.["]
sagt Tiedge in einer andern Beziehung in seiner Urania. Dasselbe gilt aber
auch ganz von der Wahrheit; was aus grauser Tiefe hervortritt das kann
nicht anders seyn es muß auch etwas Graußiges noch an sich tragen, was
aus harter Hülle sich empor kämpft das kann nicht anders es muß auch etwas
Hartes noch an sich tragen: trägt doch das junge Wachtelhühnchen noch seine
harte Eierschale wie einen Harnisch noch mit sich umher wenn es schon nach
Futter läuft und den jungen Schmetterling preßt noch das harte Puppengehäus
in krausen Falten die schönen Flügel zusammen; selbst die starke Eichel steht
schon tief gewurzelt und die schwarze Kernschale preßt noch Herz- und Saa-
menblätter zwängend zusammen; allein laßt nun allen Zeit sie werden schon
das Harte abstreifen und das Krause ab- und ausglätten. Meynt Ihr daß ein
Mensch schlechter sey und weniger gut handle als ein Schmetterling, eine junge Wach-
tel und ein keimender Eichbaum?- Was war früher die unförmlichen Felsen Bette
oder die wohlgebildeten Krystalle?- Schieden sich die letzteren nicht erst aus und bilde[-]
ten sie sich nicht erst als jene zerklüfteten?- War in der Pflanzen- war in der Thier[-]
welt das und die Gebilde die ersten welche wir die schöngebildeten nennen oder die
mehr unförmlichen colossalen?- Wenn also Gott in seiner Wesenoffenbarung
durch das Unvollkommene hindurch gehen mußte, welcher doch allmächtig ist u
alles schuf, wie soll es dem Menschen seinem Geschöpfe, welches kein höheres
Ziel hat als Gottähnlichkeit besser ergehen?- Also Freunde durchs Harte,
durchs Rauhe, durch[s] Krause - Grauße muß es hindurch ehe das Schöne
erscheint, konnten selbst die zartsinnigen Griechen das Schöne anders erscheinen
lassen; darum helft mir nur das [sc.: , daß] erst das Harte, das Graußige u.s.w. ge-
boren werde, macht nur daß ich über dem Hervorfördern des Rohen
und Rauhen nicht den Muth verliehre. Schuf Gott nicht erst Gewürm
und Gewächse im Sumpf u auf Fels ehe er den Menschen die Krone u Blüthe
der Schöpfung schuf???- - - Nochmals soll der Mensch mehr können, mehr
leisten als Gott?- Gottähnlichkeit setze ich als das Ziel der Menschheit allein
ich sehe Gott nicht nur im Klaren sondern auch in Kraft, nicht nur im Ge-
bildeten u Gestalteten, sondern auch im Rauhen, Rohen, Krausen u Grausen
rc. Unsere Irreligiösität und unsere Gott‑losigkeit hat einen weit ein- /
[127R]
facheren aber auch tieferen Grund als wir alle meynen, in unserer eigenen Lebens[-]
Ansicht in unserm eigenen Bestreben hat es seinen Grund: überall nur
die Wahrheit im Gewand der Schönheit, die Einheit nur im Einfachen, das
Klare nur im Lichte sehen zu wollen rc rc rc. Ebenso suchen wir
Gott den Großen, den Allmächtigen, den Vollkommenen nur in dem Großen und Mächtigen, und Vollkommenen statt ihn auch
auch [2x] in dem Kleinen in dem
Schwachen, Unmächtigen und Unvollkommenen zu finden. Mein theurer
Langethal da nun Niemand ist der mich in [sc.: im] Innersten und Grundansicht des
Lebens versteht, noch weniger in sie eingeht und sie als die rein menschliche
also auch als die seine erkennt und pflegt, wie will ich erwarten, wie kann
ich erwarten daß ich in meinem Worten und Werken in meinem Gestalten
und in meinen Gestalten welche daraus hervorgehen verstanden werde?
?- Ich habe in dem letzteren Jahre meines Burgdorfer Lebens darauf Ver-
zicht geleistet und leiste es täglich mehr; doch kann ich anders und besser
thun?- Ich weiß recht wohl daß ich auch wohl jetzt noch ergrimme mit den
Zähnen knirsche, gar malme und hasse - doch nicht die Person aber die Hand-
lungsweise, freylich wer beyde itentifizirt da muß es - ich kann nichts
dafür, auch beyde treffen - wo andere lobeln und labeln und liebeln
ja anbethen. Einmal mein theurer Langethal muß es durchgekämpft
seyn nun nur ohne Verzug hindurch - wäre ich nicht ein Thor gewesen
und hätte ich mich nicht beym 26 durch das Geschrey der Thoren irre leiten
lassen - (allein es mußte so seyn um auch in der Thorheit Gott zu schauen)
so wäre es nun überstanden; ich bin jetzt mehr als 10facher älter bin
mehr als 1/10[tel] schwächer, habe mehr als 1/10 tel weniger Zeit und muß dennoch
hindurch; darum laßt mich jetzt nur ungestört schaffen Felsblöcke u Ge-
würm und Gestrüp[p], der Mensch wird schon auch schon noch kommen, in sei-
ner Herrlichkeit, in seiner Klarheit u Schöne wie ich ihn seit meinem Knaben[-]
Alter im Gemüthe tragen, und kommt er nicht in meinem Leben, so wird
er nach meinem Leben aus sich selbst hervorsteigen, allein laßt uns
laßt mich schaffen und W wirken daß er eine Erde fände, eine Welt um sich
fände, die, wenn auch Fels und Gestrüp[p] und Gewürm die dennoch ihm sage
daß sie eine einige sey eine Welt sey welche nach Ewigem Gesetz aus
der Einheit in die Mannigfaltigkeit aber in der Erscheinung aus der Unvollkomm-
menheit zur Vollkommenheit sich empor entwickele. Doch dieß verhindere
Euch nicht u halte Euch nicht ab mir zu sagen was ich schaffe - hindert mich
und hemmt u stört mich nur nicht fortzuschaffen.- Laß uns nur lieber
Langethal vor allem dafür Sorge tragen daß die Wahrheiten geboren werden
und sich gestalten, daß sie sich dann schön gestalten dafür lasse die Zeit und Zukunft
sorgen; so viel muß Dir nun wohl klar und unzweifelhaft vorliegen - eine
ganz neue Welt- Lebens- und Menschenansicht muß geboren werden, sie
gebiert sich, wird sich gebären und hat sich geboren ohne uns weder um
Erlaubniß zu fragen noch ohne uns zu fragen ob sie uns gefällt und ob
wir sie verstehen und ihr huldigen wollen oder nicht; allein daß die
Wahrheit da kommen soll, wirklich erscheine, daß das muß unsere größte Sorge
seyn. Ich wünschte nur mein lieber Lgethal daß Jemand wüßte wie es mir zu
Muthe ist wenn sich eine Wahrheit kund thun und offenbaren, kurz wenn sie sich
gleichsam gebären will; man fragt da nicht nach der Form wenn nur erst
die Wahrheit geboren ist, erscheine sie auch wie sie erscheine. Es ist mit der
Geburt der Wahrheit wie mit einer leiblichen Geburt, man kann nicht Zeit
noch Stunde bestimmen noch beschleunigen - Wahrheiten müssen durch Achtsam-
keit durch stilles sinniges Nachgehen, durch leises Vernehmen und Hören
und Beachten gefunden werden; Formen und Gestalten lassen sich erfinden
allein nicht Wahrheiten; hat man aber Wahrheiten einmal gefunden
so lassen sie sich in verschiedenen Formen darstellen, gleichsam darin kleiden
eigentlich ist dieß aber unrichtig ausgesprochen, sondern es muß heißen
- hat man die Wahrheit einmal gefunden so kann man sie in verschiedenen
Formen und Erscheinungen wieder schauen. So wenig sich nun mein l. Lgthl
die Wahrheiten erfinden lassen, so wenig lassen sie sich auch erschließen
und lassen sich Wahrheiten erschließen, d.h. durch den Schluß finden
so sind dieß theils keine ersten, keine Grund- und Urwahrheiten, theils
mangelt ihnen das praktische Interesse fürs Leben, der Reiz der An- /
[128]
wendung im Leben und aufs Leben, was aber ins Leben eingreifen, den-
noch einwirken soll muß aus dem Leben selbst hervorgegangen seyn.-
Siehe l. Lgethl darinn daß sich Wahrheiten nur finden allein nicht erfinden
lassen geht die Behauptung der Beschränktheit des menschlichen Geistes her-
des menschlichen Wissens und Erkennens hervor. Ich läugne schlechter-
dings solche Beschränktheit des menschlichen Erkennens und Wissens, nur
freylich können wir nicht eher sehen als unser Gesicht entwickelt ist ob wir
gleich Augen haben und nicht eher hören bis unser Gehör entwickelt ist, wenn
wir gleich Ohren haben; O, mein geliebter Langethal! ich habe an Wahrheiten
wohl 10 und 20 Jahr ja mein ganzes Leben gesucht, ich habe wohl gewußt,
daß sie da sind allein erschauen um mich konnte ich sie dennoch in der Er-
scheinung nicht bis sich mein innerstes und geistigstes Auge dafür erschloß.
Überall wo sich Leben kund thut sind die gleichen Gesetze des Lebens, darum
geht es mit der Geburt der neuen Wahrheit wie mit der ersten Geburt
des jungen Weibes: daß sie ein menschliches Wesen gebären wird weiß sie
wohl allein nicht wie es aussehen noch welches [sc.: welchen] Geschlechtes es seyn wird rc.
Hier hätte ich Dir zwey wichtige Lebensthatsachen mitzutheilen: - Siehe ich stelle
jetzt den Thätigkeitstrieb und dessen Pflege an die Spitze der Menschenerziehung
und mit tief begründeten Recht, denn Thätigkeit u Trieb ist Leben, und Gott
ist das Leben; als ich nun No 3 des S. B. zu schreiben begann da überstrahlte
diese Wahrheit das ganze Kindesleben und ich sahe nur Selbst- und Freythätig-
keit; doch bey der zweyten oder dritten Bearbeitung tratt [sc.: trat] mir auch die Gewohn[-]
heit, das Gewöhnen als nothwendige und wesentliche Erscheinung im Kindes[-]
leben und als in der Frey- und Selbstthätigkeit bedingt und mit derselben gegeben
hervor, so schloß ich No 3 und gab es in Druck in großer Freude in mir
über die lebenvolle Verknüpfung zwischen Freythätigkeit und Gewohnheit; doch
die Entwickelung war noch nicht vollendet, so sehr mein Blick auf die Vollendung
der Form gerichtet war, das dritte Glied fehlte mir, es heißt Nachahmen
es wurde mir geboren im Anschauen des Lebens und Spielens der kleinen
Adelheid siehe guter mein theurer Langethal so thut sich also, im Kinde besonders
        das Leben
in Freythätigkeit     in Gewohnheit       und im Nachahmen kund

und nun ist die Dreyeinigkeit der Lebenserscheinungen wieder ge-
schlossen und sie spricht sich als Gegenbild ganz herrlich

im Wort (κατεξοχην) [katexochän]
im LebensWort, im Wirkewort, im Verbum aus, als:
Herauswirken, Innenwirken und Einwirken[.]
Siehe mein l. Lgethal welch ein Lebensganzes und welch lebenvoller
Zusammenhang zwischen That und Wort; zwischen Leben und Sprache[.]

Setze damit nun noch in Verbindung die Zeit
Zukunft       Gegenwart      Vergangenheit

indem ein Herauswirkendes als ein Fortgehendes stets in der Zukunft lebt.
Das Innenwirkende aber ein stets Gegenwärtiges ist, und
das Einwirken ein schon Vergangenes voraus setzt;
so hast Du wieder ein 3 x 3 oder ein neunfaches Lebensganze[s], welches
es im Leben des Menschen und hier zunäch[s]t im Leben des Kindes ange-
schaut eine ganz neue Lebensansicht erzeugt, ja man könnte sagen
das Leben des Kindes und der Kinder zu einem ganz neuen Ganzen macht.
Wenn man mir nun, statt sich an meine[r] Sprache zu stoßen [(]ich rede nicht von Dir und Euch die Ihr es dabey so gut meynt u nur die Förderung der Sache im Auge habt) solche
Unvollkommenheiten der Darstellung, der Auffassung nachwies, so wollte ich
es mir gern gefallen lassen; denn dadurch wird die Sache gefördert[.]
Du siehst auch, so wie No 3, wenn Du es bekommst, einer ganz neuen
Bearbeitung entgegen geht und wie es, in dem Maaße es jetzt holprich [sc.: holprig]
erscheint dann lebenvoll auftreten wird. Siehe lieber Lgethal so
achtsam und so nachgehend muß ich seyn, denn das Leben ist ein
ewig fließendes ein stets schwindendes u wiederkommendes[.]
Das Zweyte was ich Dir schreiben wollte ist dieß: Das Ganze die Einheit aus welchem
die jetzt durchgeführte Entwickelungsansicht des Menschen hervorgeht war
mir vor 25 bis 26 Jahren klar; ich war froh wie ein Kind oder wenn
Du willst wie [ein] Jüngling der seine Liebe gefunden hat, ich schrieb es wieder und
theilte es auch meiner Liebe mit, man sagte mir daß man nichts damit
zu machen wisse, so steinern war es, ich nannte es auch μεταλλον, [metallon] /
[128R]
und dennoch ist das ganze Leben darinn verschlossen welches mir jetzt
aus der sechsblättrigen, aus der Lilienblume:

"Kommt, laßt uns unsern Kindern leben."
hervorblühen, duften und fruchten will.-
Siehe so meyne ich soll man das Harte, Rauhe, Krause rc.
wenn es nur leben enthält, pflegend beachten; so wünschte ich daß
diejenigen die sich meine Freunde, ja meine Mitarbeiter rc
nennen - die von mir in Härte, Rauhheit rc rc rc aufgestellten
aufgefundenen, ausgesprochenen Grundgedanken des Lebens be-
handeln.
Siehe lieber Langethal ich schreibe Dir dieß, damit auch Du der Du es
so treu und redlich meynest den Entgegnungen, den Abstoßungen entgeg[-]
nen könnest welche die Sache ihrer Form halber finden könnte,
und damit auch Du lieber Langethal immer tiefer und tiefer dienen
mögest, denn so ehrlich und treu Du es meynest, so darf und
kann mich dieß doch nicht hindern Dir auszusprechen, daß Du
in Beziehung auf die Grundansicht meines und unseres ge-
meinsamen Wirkens noch etwas stark {an / auf[}] der Oberfläche
schwimmest, denn nochmals gesagt Langethal es handelt sich um eine
(Noch Eins sollten alle die welche gegen meine harte und rauhe Sprache
auf)
ganz neue, um die Erschaffung einer ganz neuen Welt- und Lebens-
ansicht, die freylich in der Welt- und Lebensansicht Jesu ruht, mit
Nothwendigkeit aus ihr hervorgeht, wie die Welt[-] u Lebensansicht
Jesu aus der des Mose und Abraham, allein dennoch immer eine
Fortentwickelung der Welt- und Lebensansicht Jesu ist, die ja auch Jesu[s]
wollte; die er ja noch ehe er schied aussprach, ja gleichsam als ein
Testament der kommenden Menschheit hinterlies indem er ihnen die
Erscheinung un die Erkenntniß und Anerkenntniß der dreyeinigen Er-
scheinung des Göttlichen und der Gottheit in allem verhieß. Auf
dieses Testament müssen wir unser Wirken bauen wenn wir
die Menschheit fortentwickeln zu einer höheren geistigeren Lebens[-]
stufe entwickeln wollen; ich habe es ja Euch vor nun (fast) wohl
18 Jahren schon ausgesprochen; jetzt kannst Du die Wahrheit davon
bis ins kleinste von mir nachgewiesen sehen; und Du wirst nun
nach und nach selbst einsehen wie Du und Ihr die Euch so viel, so be-
stimmt und doch auch so vielgestaltig Euch ausgesprochenen Lebens-
gedanken hättet ganz anders ernster und eingehender behandeln
sollen als Ihr früher gethan habt; doch nun ist es gut, daß es so
geschehen ist, ich habe mich allein und in Opposition mit meinen
eigenen Mitarbeitern durchkämpfen müssen, und so hat die Wahr-
heit der Sache einen Beweis mehr für sich, wie S sie einen Beweis
für sich in der Härte u Rauh[h]eit meiner Sprache hat; mir liegt
nur allein zu vor ob die klare und einfache Wahrheit aufzu[-]
finden, wenn sie auch noch als eckiger plumper Würfel und noch
nicht als vielgerundte Kugel erscheint, liegt letztere doch in der
ersten; würde ich suchen durch die Form für mich zu gewinnen
zu gewinnen für die Sache, so könnte man an dem Inhalt
an der Wahrheit derselben zweifeln; allein da ich überzeugt
bin die Wahrheit wird nicht allein als solche sich Anerkenntniß ver
sondern sie wird sich auch schöne Formen verschaffen, so liegt es
mir vor allem ob, daß eben nur die Wahrheit als solche
zu Tage gefördert und ausgesprochen werde. Dieß Dir zum Gebrauch. /
[129]
Damit Du Anderen die sich an meine[r] Sprache stoßen gründlich begegnen könnest.
Dich und Deine l. Frau bitte ich jedoch Euch dadurch nicht abhalten zu lassen mir
alles zu schreiben was Ihr noch alles zu wünschen hättet; ich werde es immer
dankbar erkennen. Euch wollte ich nur durch das Ausgesprochene zeigen, daß
es weder in meiner Willkühr noch in meinem schlechten Willen liegt daß
meine Sprache noch bis jetzt so ist wie sie ist.
Nun zu Deinen lieben Briefen zurück.
Wir haben uns herzinnig gefreut daß es mit Deiner Gesundheit so leidlich geht
und daß Du nun Hoffnung hast eine genügende Hülfe zu bekommen. Möge nun
in Deinem Wirken sich alles zu Deiner Freude und nach Deinem Erwarten gestal-
ten. Auch daß Deine liebe Frau nun eine Hülfe nach ihren Wünschen, wie sie hofft
eine ganze Hülfe bekommt freut uns gar sehr, denn wir haben recht oft mit Sorge
daran gedacht wie so gar sehr angreifend und wirklich aufreibend die bisherige
Stellung Deiner Frau und die Anforderungen an sie waren indem Sidonie so ganz
und gar nicht Euren Erwartungen entsprach.- Ist nun die neue Hülfe schon eingetreten?-
Auch meine Frau hat, dieß will ich nur gleich bey der Veranlassung sagen auch
- wenigstens eine ältere Gehülfin als die ab[ge]gangene Malchen Henne; es ist
dieß Sidonie <Heller/Holler>, die älteste Tochter des verstorbenen Pfarrer <Heller/Holler>
zu Ludwigstadt, die älteste Schwester von Libussa und eine Nichte von
der Doris Kapp in Keilhau. Noch läßt sich jedoch sonst nichts über sie sagen
denn sie ist erst seit 8 Tagen im Hause, doch steht stellt sie sich meiner Frau gesel-
lig näher als die abgegangene; auch zeigt sie sich entschieden flinker als
die abgegangene besonders bey ihren Besorgungen in der Stadt, wozu jene gleich
Stunden bedurfte, so wenig auch zu besorgen war. Ich schreibe dieß besonders
um der besorgten Theilnahme Deiner lieben Frau willen.- Weil ich jedoch
bey solchen Nachrichten bin so will ich gleich sagen daß am verflossenen
Mittwoch also am 4' Oktober auch Luise Frankenberg über Erfurth, Gött-
tingen, Goslar nach Lübeck abgegangen ist, wo sie nun ohne Zweifel, bey
einer Verwandten, einer Mutter-Schwester-Tochter so lang weilen wird
bis sich endlich ihr Verhältniß mit Schäfer löst.-
Die Keilhauer Reisenden sind am Tage vor der Kirchwey von Ihrer [sc.: ihrer] Reise
über Sonneberg, Coburg, Bamberg, Erlangen, Nürnberg, Muggendorf, Bayreuth
Fichtelgebirg, Wunsiedel, Hof, Hirschberg, Ebersdorf und Obernitz nach
Keilhau zurück gekehrt. die Zahl der Reisenden war 20. Sie sind sehr zu-
frieden mit ihrer Reise angekommen. Barop wird Dir darüber so wie
über die Keilhauer Angelegenheiten mehr schreiben.- Zu Michaelis oder
vielmehr zum 11' Oktober werden 3 neue Zöglinge in Keilhau eintreten[.]
Ein Sohn des Dichter[s] Rückert bey Coburg.- Ein Wunsiedler (durch Brandenb[u]rg)
und ein Suhler.- Der Eintritt von irgend einem Lehrer durch die Prinzeß
von Bückeburg hat sich zerschlagen.- Herr Gascard ist jetzt zu Besuch nach
Eisenach zu seinem Bruder und Herr Hartmann mit dem kleinen Stark
nach Neujahr zu dessen Eltern. Sonst ist in Keilhau alles recht wohl, die
Kinder namentlich die kleinsten jauchzen und schreiben oft f vor Lust und
Wohligkeit.- Am ersten Kirmestag war ich und meine Frau zu Kirch-
weyh in Keilhau, sonst waren noch mit Stauchs Kindern 12 andere Per-
sonen da.-
Zur hiesigen Kirchweyh waren Mittags die Schwägerin, Albertine
Herr Gascard, Herr Ratzenberger, Herrmann Teske u Christianfriedrich
nebst einen [sc.: einem] Schweizer aus Rudolstadt, Herrn Borell hier. Nachmittags
kam noch Frankenberg mit der Schwester und 6 Jünglingen.-
Tags darauf wo früh die Schwägerin zurückgieng war[en] Mittags
Albertine mit ihren Kindern hier und Barop mit den seinigen und Christianfrdrich
Nach Abends ging Barop und Chrfrdrich zurück. Albertine blieb mit ihren Kindern
noch bis Donnerstags Nachmittags.
Ich will nur gleich bey den Mittheilungen des geselligen Lebens bleiben.
Montags vor Michaelis besuchte mich ganz unerwartet Wetzstein. Er
war frisch und schien noch ziemlich der Alte, doch etwas milder oder soll
ich lieber sagen schwächer?- Er nahm herzlichen Antheil an meinem Unter-
[richt und er] sprach mit Bestimmtheit und deutlich aus daß er tief von meinen flüchtigen
Mittheilungen darüber - (:denn er blieb wohl kaum 2 Stunden bey mir:) tief er-
griffen und erregt sey; forderte mich auf ihm gleich alles mitzutheilen wie
etwas fertig sey und nun wird sich zeigen ob eine Frucht aus diesem Wiederfin-
den hervorgehen wird; er freute sich wie ein Kind seiner alten Heimath Keilhau
und auch der hiesigen ihm so bekannten Gegend; er konnte nicht aufhören sie in ihre[r]
Schöne zu preißen und auszusprechen wie wohl ihm gewesen sey, als er sie wieder erblickt habe. /
[129R]
Dieß ist die Wirkung des Geistes Langethal welcher die Menschen unwillkührlich erfaßt
wenn sie ihm wieder nahe kommen. Im Laufe des Gespräches sagte ich: "Langethal
würde sich freuen wenn er Dich (Wetzstein) jetzt hier wüßte oder träfe!["]- Er er-
wiederte nichts und war still später als ich ihn begleitete sagte er mir: es
habe ihn recht gefreut als ich ausgesprochen hätte, daß Du Dich seiner Gegen-
wart erfreuen würdest.- Es war mir aber als ruhe noch ein früheres Miß-
verständniß zwischen Euch in seiner Seele. War es so, wart ihr [sc.: Ihr]
in Keilhau etwas getrennt von einander?- ich erinnere mich dessen nicht. Du
solltest ihm einmal ein paar Zeilen schreiben und Auskunft von Deinem ganzen
Leben und Wirken wenn das sich jetzt bestimmt gestaltet hat geben; ich glau-
be es würde gut seyn. Wilhelm Clemensens und Ernst Luthers Gesinnungen und
Stehen zu mir und dem Ganzen flüchtig erwähnend sagte ich ihm: - es schien als
wollte sich das alte Leben wieder einen und gestalten; dieß schien ihm or-
dentlich ein erquicklicher Gedanke zu seyn. Später sagte er mir jedoch, er ließ
das Leben an sich kommen, suche es aber nicht. Du siehst aber dennoch die Gewalt
zog ihn nach Keilhau wieder so, daß er es suchte. Denn er machte in einem Tage
den Weg von Ziegenrück nach Keilhau und Blankenburg und zurück um nur
kurze Zeit in Keilhau zu seyn. Darum meine Bitte: - schreib ihm bald einmal
wir er müssen nun beginnen das Leben wo es nur wieder keimet sorglich zu
pflegen. Ein Freund des schweizerischen Lebens oder wie er es nennt des schweize-
rischen Getreibes ist er jedoch keinesweges.- Habe ich Dir schon geschrieben,
daß vor wenigen Wochen Frankenberg auf Veranlassung der Prinzeß von Bücke-
burg und nach dem Wunsche der Fürstin Mutter selbst bey dieser war?- Schreibe ich
es Dir zweymal so hat es wohl auch sein Gutes: Die Fürstin hat sich gar sehr nach
Allem, und jedem Einzelnen so besonders auch nach unserm Wirken in der Schweiz er
und ganz namentlich auch nach Dir erkundigt. Im Laufe des Gespräches hatte
Frankenberg ausgesprochen, er liebe Dich. Die Fürstin Mutter hat dieß denn so
gleich aufgenommen und festgehalten indem sie erwiedert hat: - "es freut mich
daß sie mir das sagen man muß ihn auch lieben." Ich schreibe Dir dieß und theile
Dir es ganz offen mit um Dir Deine Stellung und Wirksamkeit in der Welt
klar erkennen und mit Sorglichkeit pflegen zu machen. Denn:
"Was Gutes Dir die Götter schenken, bewahr es treu in Deinen Händen."
Und werde es dazu an wiezu es Dir geschenkt und gegeben ist zum Seegen
und Heil der Menschheit. Verknüpfe damit was Ries Dir sagte: - Alles
ruht im persönlichen Vertrauen darum nochmals beachte und bewahre sorglich
Deine Stellung, Deine Gesundheit, Dein Leben, Dein Wirken zum Wohle der Menschheit
Du schreibst mir: Die Sache wird gut gehen, wenn auch die Form einige Schwierig[-]
keit macht. Beweise nun was unser Dichter, der deutsche Dichter Schiller sagt<:>
"Mit des Genius Kraft ist die Natur im ewigen Bunde, was die eine ver-
"spricht hält die andre gewiß."- [Gedicht Kolumbus, nicht wörtlich, richtig:
”Mit dem Genius steht die Natur in ewigem Bunde,
Was der eine verspricht, leistet die andre gewiß”]
Ich habe Dir gezeigt drehe die Sache um: mache, daß gerad die schwerfällige,
also schwere S Form, die Sache ihrem Ziel entgegen hebe. Ich führe Dich hier in
[die] geheimste Werkstadt des Geistes ein: - die Sachen nur in ihrer Klarheit und und Wahr-
heit zu erschauen, dann giebt sich alles.
"Gebt mir einen Punkt außer der Welt, (d.h. außer dem Raume) und ich bewege
die Welt." sagte Archimedes.
Gut was der Genius sagt muß wahr sein: das Gemüth, der Geist ist außer dem
Raume und über dem Raume; steige also in Dein Gemüthe, in Deinen Geist, sammle hier
Deine Kraft und Du wirst alle Hemmnisse überwinden welche sich Dir
auf dem Wege zum Wohle der Menschheit entgegen stemmen.
"Handle als Mann, entschlossen bekämpfe die Hindernisse die sich Dir auf dem
"Wege der Pflicht entgegen stellen und dann - traue der Vorsicht, sie leitet
"sicher zum Ziele"[.] So schrieb mir ein nun längst Verstorbener mich und
mein Wesen tief erfaßt habender, überdieß mein Bruder, und Du weißt
es schon die Stimmen Verstorbener gelten mir was: die Vorsicht, die
Vorsehung - das Bewußtseyn, das tiefe Durchdrungenseyn von der
Überzeugung - im Einklange ja im Zusammenhange mit derselben zu
handeln das, Langethal!- das ist der Punkt außer der Welt und außer
dem Raume[.]
Da ich soviel durch das sich Hervordringende daran gemahnt werde, so will und muß
ich mir [sc.: nun] wieder auf mein und unser Wirken zurückkommen.- Um Dir die
Sache und das Ganze ganz kurz mit einem jetzt gang-und-gebenen d.i[.] viel ge-
brauchten Worte zu bezeichnen, so handelt es sich ganz einfach um die völlige
und allseitige Emanzipation der Menschheit; aller Fesseln und Bande, aber
keinesweges ihrer Wurzeln, ihres Schwerpunktes soll sie benommen werden /
[130]
sondern die Fesseln, müssen sich in Fasern in Wurzeln, in Mittel zum Werden, zum
Fortentwickeln werden; die Bande müssen sich in Bänder, in Richtungen
der Anziehung, in Zeichen der Neigung, in Mittel der Einigung sich umwandeln.
(Siehst Du Langethal wie die Sprache und das Leben (die Natur) uns zur Seite geht?)
Lieber theurer Langethal! Ich habe es mit der Emanzipation E (laß mich nun
dieses Wort fortgebrauchen, es zeigt uns innere und äußere Freymachung,
äußere Freymachung durch Durchdringung und Belebung an.) Ich habe es also
mit der Emanzipation Einzelner versucht und begonnen; ist es mir gelungen?-
Du bist Du selbst, du kannst entscheiden; wäre Dein Wesen nicht treuer und
stärker gewesen als Deine Einsicht u Erkenntniß, als Dein Wille, wo würdest
Du jetzt seyn; und so gehe die übrigen alle durch. Hätte ich mich auf Eure
Person, Euren Willen verlassen, wo würde ich seyn; allein ich verließ
mich auf Euer Wesen, wie ich mich auf das Wesen der Mensch[h]eit verlasse.
Ich habe es mit der Emanzipation einzelner Familien versucht; ist
es mir nur mit einer gelungen?- Jetzt solltest Du den Bruder sehen er
ist theilnehmend und eingehend wie eine junge und erste Geliebte, allein
nun ist es zu spät, er ist zu alt, Kräfte und Sinne versagen ihm.
Ferdinand sollte daran ein Beyspiel nehmen; die Stärke des Rosses und die
Kraft der Beine allein macht es nicht sondern die Gesinnung und der Geist muß
hinzukommen. Ich habe es mit der Emanzipation einzelner Länder versucht
ist es mir gelungen?- Jetzt wünscht man z.B. sehr daß ich mich wieder in
das Hildburghausische oder Saalfeldsche wenden möchte; allein nun ist es zu
spät, eine große Entwickelungsreise ist abgebrochen. Ich habe es mit der Eman-
zipation eines Volkes, des deutschen oder wenn Du sie trennen willst
zweyer des deutschen u des schweizerischen versucht; ist es mir gelungen?-
Der Deutsche will nicht ächter und wahrer Deutscher, der Schweizer nicht ächter
und wahrer Schweizer seyn und keiner will es zuerst wagen Mensch
zu seyn, so kann weder der Schweiz allein, noch den Deutschen allein geholfen
werden, wie nirgends einem Volke allein; überschaue die Erde von
einem Pole zum Andern und vom Aufgang bis zum Untergange und wieder
zum Aufgange der Sonne; beachte und prüfe die Schicksale aller Völker
und die Ergebnisse aller Bestrebungen in der neueren und neuesten Zeit
-- nur der Emanzipation der ganzen Menschheit gilt alles was
sich regt und bewegt, wer mag in solchem großen Weltstreben kleinlich
und kindisch bey seiner Person stehen bleiben und sich unedel den Hof und die
Cour machen wie z.B. Middendorff wieder in seiner sogenannten jüngsten
Reisebeschreibung. Handeln gilt es zum Wohle der Menschheit u nicht <Contemplierung>
und Selbstbespiegelung; im Handeln zeigt sich der Mann und der Weise; des Mannes
Wort sey seine That.- Wird die Menschheit frey lieber Lgethal, dann werden
die Völker, die Länder, die Familien u auch der einzelne Mensch frey aber
nur dann; aber sagst Du wie soll das zugehen? - muß es denn nicht
durch einzelne Menschen, Familien, Länder u Völker hindurch gehen?-
Ganz Recht mein theurer Lgthl wohl durch einzelne Menschen, durch ein-
zelne Familien u durch einzelne Länder u Völker - aber nicht durch eben diese einzelne[n]
Menschen, durch eben diese einzelne[n] Familien, Länder
und Völker welche wir meynen, sondern das befreyende Element soll all-
gemein hingegeben werden wie das Sonnenlicht im Frühling damit es
jeder Einzelne, jede Familie u jedes Land u jedes Volk nach Maaßga-
be seines inneren Entwickelungs- und Bildungszustandes erfasse; wie die
Sonne des März Blümchen und das Schneeglöckchen noch unter dem Schnee
hervorruft, die Eiche aber erst Knospen macht wenn schon alles sonst
belaubt ist. Darum war immer mein Streben und ich sagte es Euch immer:
Ein Streben zur Entwickelung des Menschen muß großartig, aus- und weit[-]
verbreitet seyn muß allgemein seyn um jedem Einzelnen Zeit und Raum
Mittel u Gelegenheit zu geben sich nach Maaßgabe und nach Erforderniß
seines einzelnen Stehens entwickeln zu können. Allein da ich das Einzelne und
den Einzelnen dem Ganzen unterordnen wollte um diese Großartigkeit her-
vorzurufen in welcher sich jeder frey seinem Wesen gemäß bewegt haben würde
da schrie der Einzelne, wurde und zeigte sich ungebärtig, und jeder dankte
Gott wie er meynte seine kleine und kleinliche Persönlichkeit zu retten
nun haben aber auch alle und sind auch alle was sie wollten: - das
Kleine und Kleinliche. Allein - nur der ist der Menschheit würdig
der sich selbst vergißt um der Menschheit zu leben; dieß sollte Midden-
dorff bedenken der sich gern als Regent [(]der Regent ist bekanntlich ein großer u klarer Diamant[)] am Degenknopfe Napoleons oder
als Hauptstein am Collier, am Halsbande, seiner Frau {wünschte / sähe[}].- /
[130R]
Middendorff kommt mir mit seiner ewigen Selbstbrilliirung, dieß ist das
wahre bezeichnende Wort wie die Jünger vor welche ihrem [sc.: ihren] Meister fragen
wer ist der größte im Himmelreich und wie der Meister neben jene Männer
ein Kind stellte und sagte: "wenn ihr nicht werdet wie diese", so möchte ich
neben Middendorffs Edelstein und Krystall ein Klümpchen Erde, neben
seinen Thautropfen einen Tropfen Schlammwassers und neben seine Lilie
eine unscheinbare Korn- oder Kartoffel- oder ein[e] verschrumpfelte Apfel-
oder Birnblüthe stellen und sagen: wenn Du nicht wirst wie diese wirst
Du des Lebenspflege und das Leben selbst nicht erfassen und begreifen.
Weil mich denn dieser unangenehme Gegenstand immer wieder von neuem
so unangenehm hinsichtlich seines stöhrenden und hemmenden Eingreifens in
die Entwickelung unseres Gesammtlebens erfaßt und gar ruhelos läßt
so will ich nun gleich hier das was sich daran anknüpft festhalten damit
nur endlich die Sache abgemacht werde und dann für immer in [sc.: im] Grabe
ruhe. Es betrifft Willisau. Es betrifft das Fortbestehen der dortigen
Anstalt. Es betrifft die dafür arbeitenden Menschen; es betrifft zunächst
Ferdinand und Roda, letzteren eigentlich jetzt allein und ganz namentlich.
Nach den hier vorliegenden Thatsachen und Mittheilungen aller aus Willisau
und auch nach Deinen gesammten Mittheilungen über diesen Gegenstand, nach dem
Urtheile aller in Keilhau u hier in Blankenburg haben die Willisauer den
Roda und seine Handlungsweise besonders während des letzten Jahres ganz
unrichtig und fehlerhaft behandelt und aufgefaßt; auch Du lieber Langethal
scheinst Dich durch den Schein täuschen zu lassen und nach Deinem jüngsten
Briefe durch Middendorffs trübe und verschliffene Brille zu sehen; denn
die Sachen stehen gar nicht so wie Du sie in Deinem letzten Briefe uns
bezeichnest als so schwankend, launisch und vorübergehend in Rodas Leben
da, im Gegentheil liegt nach Empfang Deines vorigen Briefes, worin
Du glaubst daß alles nur die Wirkung einer vorübergehenden Erregung
sey - schon wieder ein frischer und jüngster Brief von Roda vor worinn
er ganz bestimmt auf Feststellung seines Verhältnisses drängt. Mein
Bruder, welchen Du in der Strenge seines Urtheils kennst und welcher alle Briefe
und Mittheilungen aus der Schweiz über diesen Gegenstand kennt sagt buchstäblich:
"Roda hat ganz Recht!" Meine Frau die ebenfalls alle Mittheilungen kennt und
nur nach den von den Willisauern selbst ausgesprochenen Thatsachen urtheilt
sagt, daß Middendorff in der Behandlung und Beurtheilung Rodas ganz mißgegriffen
habe, ja sie ist damit wirklich unzufrieden. Rodas Handeln und seine Äußerungen
erscheinen - ihn auf seinen Gesammtstandpunkt erfaßt - keinesweges
charakterlos, sondern wirklich charaktervoll, und charaktervoller als das Betragen
von Middendorff welcher rein vergessen hat, daß er sich in der Mitte zwischen
zwey majorenne Personen stellte wovon die eine volles und allgemeines Zu-
trauen aller besaß. Middendorff hat in der Sache ganz vergessen daß seine persönliche
und individuelle Ansicht der Sache keinesweges die Allgemeine, die Ansicht
aller wahr [sc.: war], Middendorff hat darum gehofft, daß er seine Einzelansicht als die
Ansicht aller hinstellte rc, rc, rc. Deine Mittheil Ja! wie das Ganze hier ich
aus sage nochmals, nach den Briefen der Willisauer selbst, vorliegt so hat
sich Roda mit Würde betragen Deine Mittheilungen lieber Lgthl seiner Be-
rathungen und seiner Gespräche mit Marien rc. können die Sache gar
nicht anders machen, haben hier auch gar nichts gegen Roda, wohl aber
für denselben gewirkt denn - so sagt hier j Jeder:"man stelle sich nur ganz
in Rodas Lage, was soll er thun?"- Sprechen muß doch der Mensch in sei-
ner Umgebung besonders eine Natur, eine gesellige wie die des Roda mit Je-
mand - wenn sich nun alle zurückziehen ja sogar Ferdinand, was soll
er thun - wer bleibt ihn [sc.: ihm] als Mensch noch in den Verhältnissen in welchen er lebt
übrig als Marie?- Sie stellen S sie doch alle in gewisser Beziehung als ein
Glied des Hauses hin und so ist es immer besser er theilt sich ihr mit als es er geht
irgend ins Städtchen und schlägt dort Lärm!
Kurz was fordert Roda und welche Forderung Rodas ist es die wir hier
alle (des Vaters: "Er hat Recht!" sprach ich Dir schon aus) billigen und ihm zu[-]
gestehen müssen?- Da er mit gleicher Hingabe, mit gleicher Aufopferung nicht
etwa blos wie Middendorff, sondern wie Ferdinand für das Bestehen von
Willisau also nicht als ein Miethling und ein Söldling sondern als ein Freyer
als ein das Streben der Anstalt Achtender gewirkt habe, so wünscht
er erstlich auch nicht wie ein Miethling u Söldling behandelt und bey den
Mittheilungen und Berathungen über das was die Anstalt betrifft - für die er ja eben
als Glied mitarbeitet - nicht außen hin gestellt zu wer sondern dabey zugezogen zu
 /
[131]
zu werden. Middendorffs Betragen ganz besonders hat sich hier in dieser Bezieh-
ung auch die größte Mißbilligung und Unzufriedenheit zugezogen; diese sie
machen Pläne auf die eingreifende Thatkraft eines Menschen und fragen
ihn gar nicht ob er auch seine Kräfte dazu hergeben will, sie behandeln den,
der ihr Gehülfe seyn soll als eine todte Maschine, sind das Glieder und Zöglinge
des Keilhauer Lebens die so handeln?- Meynt Middendorff er sey eine Duo-
dezausgabe vom Pabste oder wie es die Schwägerin bezeichnet ein Herrenhutsches
Orakel, daß er unfehlbar sey?-
Zweytens fordert Roda, das Bestehen von Ferdinand und von Roda Mid-
dendorff sey in dem Gesammtleben des Kreises gesichert, und so könnten sie
sorgenfrey alle ihre Kräfte auch leicht dem ganzen widmen; allein wie
namentlich ihn Middendorff und wie er überhaupt sich gestellt finde, so
müsse er nur sehen und glauben, daß man ihn nur so lange, gleichsam
nur dulden würde, als man ihn gebrauchen könne, dann aber, wenn er
seine edelsten Kräfte hier geopfert ihn fortschicken und seine Stelle durch
jüngere ersetzen würde, selbst das sociale Betragen mit welchem man ihn [sc.: ihm]
dann und wann entgegen komme oder begegne müsse er nur von dem Eigen-
nutze rc, rc vorgeschrieben finden; also fordert Roda, daß sein Betragen
Bestehen in die Zukunft durch unser Gesammtleben und Wirken ebenso ge-
sichert sey als das von Middendorff und Ferdinand.
Auch dieß müssen wir alle, nochmals ausgesprochen auch den Bruder
und Senior unseres Kreises mit eingeschlossen - dem Roda zugestehen.
Allein Middendorff durch sein einseitiges und persönliches selbststisches [sc.: selbstisches]
Betragen zwingt uns nun darüber irgend eine Art von Acte und
Dokument zugeben [sc.: zu geben] worüber Roda die unbezweifelbare Gewähr
in der Gesammtheit unseres Handelns gegen ihn hätte finden sollen,
wie jedem von Euch selbst Dich und Barop früher HErrn Karl nicht ausgenommen nie eine
andere Gewähr gegeben worden ist und Du bis jetzt
noch keine andere hast und selbst Barop, Middendorff und ganz na-
mentlich auch Ferdinand nicht ob er gleich Sohn vom Hause ist. Genug
aber eben darinn liegt ist es, da er natürlich dieß Gefühl nicht haben kann
und auch das was HErr Karl hatte und was Du in Dir festgehalten hast: -
daß der Geist des Ganzen auch ein, das Leben des Einzelnen mit Nothwendig-
keit und Sicherheit, tragender Geist ist, wenn der Einzelne sein Leben dem
Ganzen hingiebt.
Diese Wahrheit - das geben wir dem hochweisen Middendorff gern zu, hat
er nun den [sc.: dem] Roda einphilosophiren, einmoralisiren, in Säftchen und
Pülverchen wie kleinen Kindern wie einen Schlaftrunk eingeben wollen, aber
weder er noch Ferdinand haben diese Wahrheit dem Roda im Leben finden
und fühlen machen, wie ich solche Dir und Euch habe finden und fühlen machen.
Rufe Dir unser Leben zurück lieber Lgethal - wie unzufrieden, tief unzufrie-
den war ich oft mit Eurer Erfassung der Sache, habe ich aber in Euch da ihr [sc.: Ihr]
mir einmal die Gewißheit gegeben hattet, daß ihr [sc.: Ihr] nach Eurer Einsicht das
beste wolltet, habe ich je in Dir und Euch das Gefühl, die Gewißheit, die
Überzeugung verletzt Euer Leben würde von dem Ganzen getragen wer-
den auch wenn ihr [sc.: Ihr] dem Ganzen weit weniger und weit unvollkommener
gäbet als ihr [sc.: Ihr] ihm noch nicht gabet.
Hat doch Middendorff als Roda in unser Haus trat mir geschrieben "ein
zweyter Wilhelm erschien in ihm in seiner Milde["] rc, rc, rc. Warum baut
Middendorff nicht auf dieß Gefühl nicht fort warum rechtfertigt und be[-]
stätigt er es nicht da er es doch gewagt hat es einmal auszusprechen?-
Und wahrlich Roda hat zu einer solchen Pflege seines Wesens wie ich sie um des
Ganzen willen fordern muß in seinem Handeln viel Anknüpfungspunkte
gegeben. Nie hat er in Wort - Schrift - Briefen - und That so gehandelt wie
Langguth oder Carl, ja wohl auch Titus ob er gleich unter- und mit ihnen
und in gleich critischen Zeiten in Willisau lebs lebte; und dieß dünkt mich - ihn ganz
in seinem Alter, auf seiner Bild[un]gsstufe, mit seinem Talent rc erfaßt, alle
Achtung und Anerkennung von unserer Seite. Langethal stelle Dich nur ein-
mal ich bitte Dich darum ganz an seine Stelle mit seiner Stellung im Leben, mit
den Forderungen seines Talentes, mit den[en] seines Gemüthes, mit denen seines
Fortkommen[s] und Bestehens und nun so allein stehend, dennoch aber eine Achtung
und eine Anerkennung zu einem Kreise u einem Wirken in sich tragend
und treu bewahrend - (so ist es wirklich) - und sich nun von diesem so <fern>
gestellt ja abgestoßen und wenn auch nur scheinbar, nur fest gehalten weil man ihn nicht ent- /
[131R]
behren kann wahrlich da gehört Manneskraft, mindestens ein gutes Herz
reine Gesinnung und ein achtendes, liebendes Gemüthe (nimm das
Wort wie Du willst) hinzu, um da auszuhalten; dieß verdient
nach meiner und unser aller Ansicht daß man auch ihm freundlich und
männlich die Hand reiche. Wahrlich wenn wir es mit solchen Menschen
die sich so zeigen wie er sich uns gezeigt hat nicht noch versuchen
wollen sie durch menschliches und männliches, durch edles Betragen für
unsern Kreis und unser Wirken fest zu halten, so weiß ich nicht
mit wem wir es noch versuchen wollen.- Ich will nun weiter
gar kein Gewicht darauf legen, allein erwähnen muß ich es doch: -
was will den[n] Willisau und die Willisauer machen wenn Roda
fort geht?- Musik ist mit dem Fortbestehen von Willisau, wie die Sachen
vorliegen, so vereint daß das letztere ohne die Musik gar nicht mög-
lich scheint; wenn dem nun also ist wie will Willisau noch bestehen
wenn Roda fortgeht?- Von Deutschland und von uns aus kann
Willisau keinen Musiklehrer erwarten welcher förderlich in sein Wirken
eingreifen könne und bliebe und bliebe er Roda auch wirklich, wer
weiß durch was bestimmt, so könnte sein Wirken bey der Gestört-
heit seines Gemüthes und der Trennung seines Lebens in sich doch nicht
seegensreich für die Anstalt und noch weniger seegensreich für sie seyn
als er sich in sich wirklich mit derselben und dem Geiste derselben geeint
fühlt.
Unsere ganz entschiedene und klare bestimmte Meynung und solcher
Wille geht also von uns allen hier dahin: nach Rücksprache mit Ferdi-
nand, und wenn Ferdinand sich nicht bestimmt dagegen ausspricht, und wenn
Ferdinand nicht bestimmt erklärt, daß er allein, das heißt mit Hülfe
die er sich, durch die ihm zu Gebot stehenden Mittel und Wege verschaffen könne,
- Willisau erhalten und fortführen könne
erstlich dem Roda Antrag zu machen, daß er mit Ferdinand in Gemein-
samkeit die Führung von Willisau in ganz gleichen Rechten mit Fer-
dinand übernehme; und zwar so daß sie beide gemeinsam alles
was das Wohl und bestehen von Willisau betrifft, besprechen, berathen
bestimmen und festsetzen sollten. Fände es sich, daß sie beyde so ver-
schiedener Meynung wären, daß sie sich nicht vereinigen könnten, so
sollen sie sich zur Ausgleichung und Einigung an Dich - als Beauftrag-
ten und Bevollmächtigten vom Ganzen wenden, erschiene Ihnen [sc.: ihnen]
jedoch die Sache zu wichtig und Dein Ausspruch nicht entsprechend, so bliebe
jedem von Euch beyden Theilen die Zurückbeziehung auf mich und uns in Deutsch[-]
land und die Einholung unserer Entscheidung übrig.
Zweytens dem Roda zu erklären daß wir keinesweges gesonnen wären Willis[-]
au aufzugeben, sondern im Gegentheil fest entschlossen wären, es mit
all uns zu Gebot stehenden Mitteln festzuhalten daß wir auch tief in
uns überzeugt wären Willisau würde, trotz aller Schwierigkeit und
allen Hemmnissen so gut wie Burgdorf u Keilhau bestehen, wenn sein Be-
stehen nur mit Kraft, Umsicht, Einsicht Ausdauer überhaupt durch Männliches Betragen
wie das Bestehen von Burgdorf und W Keilhau gehandhabt werde.
Wie wir nun hofften und in uns überzeugt wären, daß so Ferdinands künf-
tiges Bestehen und Wirken gesichert sey, so hofften wir auch und wären
überzeugt daß auch Rodas Bestehen dadurch gesichert seyn würde, ja,
und dieß ist eine Hauptsache, wir würden sein Bestehen dort unterstützen
wie wir das von Ferdinand mit den uns möglichen Mitteln unterstützen
würden.
Drittens Sollte Willisau sich ja [sc.: je] gegen alles Hoffen und Streben auf-
lösen müssen, so würde von Seite des Ganzen ebenso bestimmt, treu
und hingebend für sein, für Rodas Bestehen gesorgt werden als für das
von Ferdinand; die Sache wäre jedoch weder, noch weniger die Form derselben bisher
zwischen uns zur Sprache gekommen; überhaupt wäre dieser Punkt
selbst 1829/30 zwischen uns nicht zur Sprache gekommen, wo es doch mit Keil-
hau so sehr mißlich gestanden habe, weil wir ebenso wenig an
den Untergang und die Aufhebung von Keilhau hätten denken können,
als ich jetzt die Aufhebung von Willisau für möglich hielte.
Ich werde nun mit nächstem Posttag an Roda alle diese Punkte auch schreiben
und ihm aussprechen, daß Du von uns beauftragt seyest alles entscheidend
mit ihm abzumachen. Du kannst Dir, um jede Doppelseitigkeit zu vermeiden, meinen Brief an Roda zur Grundlage Eurer Unterhandlungen geben lassen.- Freue Dich, daß Du ihm dazu einen brüderlichen Brief als Ein- /
[132]
leitung schreibest, lasse es Dich wenigstens nicht gereuen; ich und wir alle
glauben, daß Du ganz recht gehandelt hast. Wenn Du mit Roda sprich[s]t
so gebrauche nur so wenig als möglich Worte, suche Deinen Worten den
Ausdruck und die Gestalt von Thaten zu geben; Roda ist gegen die Rede
und das Wort durch Middendorffs Expectorationen so eingenommen wie
ein Kind was sich an Syrup oder Zuckerwerk überessen hat, gegen beyde[.]
Mich dünkt es wäre am besten Du ladetest Ferdinand u Roda einmal zu einem
Stell-dich-ein in Waltringen ein; dort lies [sc.: ließ] sich ungestöhrt alles besprechen
und Du wie sie, jeder desselben Tages in sein Haus und an seinen Beruf
zurücke kehren. Zeige und beweise Roda durch That u Leben Zutrauen u Offenheit.
Gut wäre es wohl wenn Du bald an Roda schriebest, denn er bittet um
und erwartet baldige Entscheidung. Auch glaube ich, wäre es zum Heile,
zum frischen neuen Leben in Willisau recht gut, wenn sich alles bald,
bald so klar als bestimmt entschied. Ich wünschte, daß Ferdinand u Roda
ihr gleichsam neues gemeinsames Werk, wie es Führern einer solchen
Unternehmung ziemt, mit Freudigkeit und Jugend Muth, Kräftigkeit u Hoffnung
beginnen möchten. Und nun über diesen Gegenstand Punctum.

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Am 9n September habe ich Dir Langethal über Gotha und Frankfurt a/m
von No 1 und 2 des Sonntagsblattes von jeder No 100 Ex. gesandt; ich
wünsche daß Du sie schon erhalten hast; ich habe sie an das F rachtspe-
ditionbureau des Valentin Meidinger in Frankfurt a/m
gesandt, soll-
test Du sie wider Vermuthen noch nicht erhalten haben so müßtest Du Dich
an genanntes Bureau wenden, das Colli wog 8 [Pfundzeichen] und ich habe Auftrag
gegeben es Dir durch Eilfracht, deren Wagen Tag und Nacht gehen, zu senden
so daß Du es nach meiner Meynung am 25 Septbr, als Du Deinen Brief
absendetest schon hättest haben müssen. Schreibe mir doch ja wie lange
Zeit das Packet gegangen ist und was Du hast dafür bezahlen müssen?-
Bitte Dich gar sehr mir beyde Fragen zu beachten und zu beantworten.

---------
Was ich zu dem was Du mir als Gerücht von Christian Deinem Br[u]d[e]r schreibst
sagen soll weiß ich nicht; er würde dann College von Herzog werden, irre
ich nicht und meine Frau meynte, ohne daß sie dieß wußte, ob wohl nicht das
Ganze auf Veranlassung von Herzog geschehen sey.- Vergißt Du es nicht so
schreibe uns darüber ein Wort.

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Daß die Sache wegen des kl. Heinrich wenigstens für diesen Winter noch
zurückgesetzt werden mußte ist glaube ich gut. Er soll ein sehr schönes
Leben mit seinen jüngern Geschwistern führen hörte ich schon früher; mit
seinem ältern Bruder könnte er dagegen wohl leicht in kleinen Krieg kommen;
doch ist Eduard von allen Lehrern, Schülern u Genossen in Keilhau gar sehr
geliebt, so geliebt, daß die Lehrer als Dein Bruder aus ökonomischen Gründen
demselben nicht erlauben wollte u konnte, daß er die Reise mit machen möchte
erklärten, sie wollten gemeinsam die Reisekosten für ihn tragen. Das
war nun wohl sehr schön, möge es nur dem kleinen Knaben keinen Wahn
beybringen sondern ihm Sporn u Hülfe zum zur S steigenden Tüchtigkeit werden. Mit
Heinrich Röttelbach ist man dagegen in vielen Rücksichten gar sehr
unzufrieden; ich habe schon oft daran gedacht ob es nicht heilsam für den
Knaben wäre wenn Du ihn nach Burgdorf nä[h]mest, in Keilhau geht es ihm
zu wohl, er meynt der liebe Gott müsse ihm gnädig seyn und ist - um es
gelind auszudrücken die P personificirte Gleichgültigkeit gegen alles Tüchtige.

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Du könntest ihn in Burgdorf bey weitem mehr zusammennehmen und ihm Feuer
unter die Sohlen schüren; mich dünkt man müßte es Dir ohne Kostenerheb[un]g ge-
statten da Du ja keine Kinder hast und wäre es auch eines, doch davon nicht
mehrere hast. Bedenke es; auch die Turnzucht wäre [für] ihn heilsam.-

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Noch habe ich einen mir wesentlichen Punkt zu berühren, sie er knüpfte sich mir
an die Namen Luzern und an den des jungen Mannes welcher Interesse an
meinen Schriften und Wirken nahm; es ist diese Bemerkung. Für Freyheit
des Menschen und der Menschheit eintretende Menschen, Regierungen und
Völker sollten ganz vorallem mein Unternehmen befördern und unter[-]
stützen, vorallem Regierungen welche mit Pfaffentrug, Nacht u List im
Kampfe stehen wie namentlich die Regierung zu Luzern, denn S si es
mein Unternehmen bringt Wahrheit ins Land wie der Sonnenschein /
[132R]
sie lehrt dem Menschen die Wahrheit schauen wohin er blickt und in allem
was er thut; sie macht den Menschen die Wahrheit einahtmen [sc.: einatmen] wie die
Luft und den Äther und wie das Auge das Licht einfängt und das Ohr
den Ton vernimmt, wer es mit der Wahrheit nicht unverfälscht und unge-
trübt und ohne Eigensucht gut meynt der ist mir natürlicher Feind;
aber die Wahrheit sagt das Buch und das Wort des Lebens wird uns
frey machen; wer also ächte ungefärbte und ungetrübte Freyheit nicht
will und nicht wünscht der muß wieder mir natürlich Feind seyn.
Wo aber ächte Freyheit ist, da ist wahre Freudigkeit des Lebens wahrer Bruder-
sinn; wer also ächte Freudigkeit des Lebens und Brudersinn als Lebens-
thatsache will, der muß wieder Freyheit u Wahrheit lieben und dem muß
so ein Unternehmen wie das meine und nun unsere eine persönliche
Erscheinung seyn welche zu fördern ihm wahren LebensGenuß geben wird.
Nun weißt Du wohin Du Dich zu wenden und was und wen Du
zu meiden hast, jedes Halbstreben nach Wahrheit, Freyheit u Brudersinn[.]
Wo aber ächte Wahrheit und Freyheit, reiner Brudersinn festes ernstes
Streben ist, dahin reiche die Hand und ich zweifle nicht man wird Dir den
Arm reichen. In Luzern hebe heraus und mache einsichtig und fühlbar
wenn Du dort ächtes Streben nach Wahrheit finde[s]t, und das Streben, daß [sc.: das] die
Wahrheit frey machen möge. In Burgdorf hebe heraus und mache fühlbar
was ich sagte wenn Du dort irgend wo ungefärbtes Streben nach ächter
Freyheit findest. In Bern hebe heraus und mache einsichtig was ich sagte
wenn Dir B dort ächter Brudersinn entgegen kommt. Menschen welche Dir
aussprechen sie fänden die Wahrheit des von uns Ausgesprochenen in ihrem
eigenen Leben nur haben sie noch nicht darüber nachgedacht - die halte
pflegend fest. Gott! wie viel mal ist mir dieß schon von den erfahrensten
Männer ausgesprochen worden allein - sie besitzen wahrlich die
Kraft nicht, die Wahrheit festzuhalten, nochweniger fortzubilden, noch
weniger im Leben anzuwenden; sobald man ihnen nicht gleich alles fer-
tig und gemacht in die Hand geben kann verlassen sie die Sache wie man
sich von ihnen dreht.-
Lieber Langethal wo Du Eltern bey ihren Kindern siehst beachte gleich die
Kinder, deute die Erscheinungen die Du in ihrem Kinde findest gleich aus dem
Zusammenhange unserer Bestrebungen suche die Eltern durch ihre Kinder
besonders durch ihre jüngsten zu gewinnen. Habe immer in Zukunft
ein Ballkästchen, ein kleines Würfelkästchen ein Ausstechbuch in Dei-
ner Tasche, zeige den Eltern gleich wenn es Dir als Bedürfniß erscheint
wie man damit spielen und es zur Beschäftigung des Kindes gebrauchen
kann; oder nimm das erste beste was Dir zur Hand ist mache es gleich
zum Spielzeug und zeige dann wie bestimmte dazu angefertigten [sc.: angefertigte] Spiel-
mittel den Zweck und die Absicht besser erreichen machen würden rc.

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Ich wollte erst diesen Brief heut zur Post geben; allein es war mir nicht mög-
lich und nun ist es mir lieb denn so eben erhalte ich ein paar Abdrucke von
No 3 des S. B. so will ich Dir denn doch einen beylegen, Du kommst so nach und
nach ins Ganze, ich weiß wohl der Brief kostet Dir [sc.: Dich] viel, aber lieber Lgthl
sage was erhalten wir was uns nicht viel koste, darf, kann ich sagen
was mich ein solches Blatt kostet?- Niemanden darf ich es sagen denn
es wickelt sich gar zu leicht ein Butterbrot hinein.-
Eben schreibt mir der Drucker: "Ende dieser Woche wird No 5 fertig". Du
wirst nun also wohl die 100 Ex. von No 3. 4 und 5 nicht vor 4 Wochen
durch Frachtfuhre erhalten ob ich gleich die Absendung nach Möglichkeit
beschleunigen werde.
Du schreibst mir lieber Lgthl im vorigen Briefe: "man muß selbst in
und an der Sache arbeiten wenn man sie lieb gewinnen und in sie
eindringen will["], darum war es ein Lebensgedanke die Leser u Theil-
nehmer des Blattes zu Mitarbeitern zu machen, verbreite nur
diesen Gedanken recht und schaffe mir recht viel Mitarbeiter jeder
Art - denn auch die kleinsten Bemerkungen aus dem Kinderleben
in einigem Zusammenhange als Thatsachen aufgefaßt sind mir
lieb, ihr sicherer Sinn soll sich uns bald erschließen. Alle Autodi-
dakten
die Du kennst und kennen lernst muß[t] Du von ihrem Standpunkt aus
zu Mitarbeitern auffordern Spieß ist mir ein solcher selbst Hans Schnell[.]
Deine Frau hat doch den Brief von meiner Frau durch Einschluß von Keilhau erhalten?- Mit den herzlichsten [Grüßen] von mir u meiner Frau Euch Lebewohl FrFr. /
[127]
(linker und unterer Rand)
Irre ich nicht sehr so habe ich die Erziehungskunst nach folgendem Maaßstab an die Schullehrer verkauft: Ladenpreiß = 2 rth sä[ch]sisch à 27 Batzen = 54 Batzen davon 2/3 = 36 B[a]tzen; doch eben
fällt mir ein daß ich dann wohl 2 Bat[ze]n Porto u Fracht berechnet habe, so wirst Du also mit 38 Btz Recht haben.
[129R, Rand]
[*] Auch den Middendorff und die Willisauer hat Wetzstein aufgetragen zu grüßen.