Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 14.10. /17.10.1837 (Blankenburg)


F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 14.10. /17.10.1837 (Blankenburg)
(UBB 42, Bl 136-140, Brieforiginal 2 ½ B 8° 10 S. Die Blätter sind teilweise
falsch paginiert: Auf Bogen 1/Bl 136+137 = S.1-4 folgt Bogen 2/
Bl 139+140 = S.5-8, dann Bl 138R= S.9 und Bl 138= S.10.)

1. [Bogen]
Blankenburg bey Rudolstadt am 14n Oktober 1837.


Des Lebens Dreyeinigkeit,
Gottheit in Menschheit, Gottheit als Menschheit
zum Lebens Gruß.
* * *
Du wirst Dich wundern schon wieder einen Brief und zwar vom heutigen
überschrieben von mir zu erhalten da ich erst gestern Freytags am 13en einen
Brief an Dich abgeschickt habe; allein wenn des Lebens Geister walten muß man
sie halten durchs Gestalten, oder will das Leben außer, um uns sich gestalten, muß
man es in seiner tiefsten Mitte suchen fest zu halten und vorher es klar dem Geistes
Aug’ entfalten; und so auch mit meinem und unsern Unternehmen und beson-
ders je großartiger und um- und erfassender es sich zu entwickeln scheint.
Blicke in die Geschichte und Du wirst in dem Leben aller der Menschen welche ge-
staltend in das Leben um sich und ihrer und der Folgezeit eingriffen, daß sie um
so seegensreicher und bleibender wirkten, als sie über sich über ihr Leben und das Leben
an sich, über ihre Ansicht, ihren Grundgedanken vom Leben klar, sicher und fest sind, und
je mehr es die sind, welche sich ihre Gehülfen, Freunde und Mitarbeiter am er-
kohrenen Werke sind. Das war der innerste Grund der Vermahnung und Anfor-
derung Jesu an seine Jünger, daß sie den Hauptort seines und ihres gemeinsamen
Wirkens, Jerusalem, daß sie sich unter einander nicht eher verlassen und zerstreuen
sollten, als ihnen die Einheit seiner Rede und seines Wirkens, die Einheit seines
Wirkens und seines Lebens im innigen Zusammenhange mit allem Leben u.
dessen Entwickelung und ganz namentlich im innigen Zusammenhange mit der
Entwickelung des Lebens ihres Volkes gekommen – bis sie den Grundgedanken Jesu
in sich selbst, und als den Grundgedanken ihres eigenen Lebens
und das Leben Jesu als die Darstellung desselben erkannt hätten. Diese Lebens[-]
einheit, diese erkannte Lebenseinheit, und so die Lebenswahrheit ist der Geist der Wahr-
heit und was, was ist tröstender als die erkannte Lebenseinheit, was ist leitender
als eben diese Erkenntniß der Einheit des Lebens, und das Kennen, das Anschauen
derselben.
Darum nun, lieber Langethal, und wegen dieser Auf- und Anforderung komme
ich schon wieder zu Dir, darum bemühe auch Du Dich, den Grundgedanken meines und
nun unseres gemeinsamen Lebens und Wirkens in Deinem Leben und in der
Gesammtheit alles Lebens zu finden und zu erkennen darum recht klar sicher
und fest in Dir darüber zu werden, ehe Du damit heraus trittst allein bist Du einmal klar
sicher und fest in Dir, ist Dein Leben eines mit diesem Lebensgrundgedanken
dann lasse Dich auch nichts in seiner Darstellung hintern [sc.: hindern] , kommst Du auch einmal auf
Irrwege, betrittst Du auch einmal Schaukelstege, laß Dich jenes leiten die Wahr-
heit auch da zu finden und zu nehmen, wo Du sie noch nicht ahndetest noch weniger
suchtest, laß Dir dieß Deinen Muth stärken auch da die Richtung der Wahrheit
und die Wahrheit fest zu halten, wo jeden Augenblick darüber der Boden unter
Dir einzusinken droht. Kurz suche die Wahrheit in Dir und durch Dich zu finden in
allseitiger Lebensprüfung.
Du hattest sonst - ich weiß nicht wie jetzt – eine sehr üble und höchst nachtheilig für
das Leben wirkende Gewohnheit – die Wahrheit und das Wahre – wie Du mir
ja selbst ganz bestimmt wiederholt ausgesprochen hast – dadurch zu erkennen
dadurch und daran zu prüfen, daß Du entweder die Opposition dagegen in
Dir hervorruftest, oder nur opponirtest um selbst recht klar und sicher zu werden
dieß[e] Handlungsweise hat aber nur in mehrfach enger Sphäre ihre Statthaftigkeit und außer
dieser Sphäre wirkt sie vernichtend. Die Wahrheit hat aber ihren Prüfstein in sich, rein in sich ohne
alle Fremdbeziehung, wie die Tugend ihren Lohn einzig in sich, die Religion so ihren Halt in sich
und das Leben einzig (als Leben) seine Quelle in sich selbst hat; wer dieß nicht erkennt und
anerkennt, also weis [sc.: weiß] und übt dessen Gut wird weder Wahrheit, Tugend, Religion noch
Leben werden. Wir aber suchen den Menschen, der Menschheit Wahrheit, Tugend, Religion
und Leben wieder zu geben, das heiß[t] sie alle in sich, in ihr selbst finden zu machen; Laß Dich
nun über dieß Streben, die Wahrheit, die Wege u die Mittel zur Erreichung seines Zieles nicht
erst durch Opponiren und durch die Hervorrufung der Opposition außer Dir belehren, sondern
suche die Wahrheit des Strebens, der Wege und der Mittel aus dem Streben also in Dir
selbst zu finden, zu prüfen, zu erkennen; Du mußt die Wahrheit fest u sicher, aber doch /
[136R]
stets beweglich fest halten, wie die Sonne und die Weltenkörper festen sichern
Gang haben aber doch mehrfach beweglich sind; aber hüte Dich dafür [sc.. davor] – wozu Du
mir wohl Neigung zu haben schein[s]t die Wahrheit erstarrend zu machen und
erstarrt hinzustellen.
Doch noch Eins was aus den Gesagten auch lebenvoll hervorgeht, wie es auch jetzt
in meinem Denken lebenvoll damit zusammenhing wenn es auch hier etwas
abgerissen steht.
Bisher wurden höhere und menschheitliche Wahrheiten sehr häufig erst dann erkannt, aner-
kannt, angewendet und fortentwickelt wenn die Sprecher und Träger der Wahrheit
gestorben längst gestorben waren; es erschien gleichsam – und dieß um so mehr
als die Wahrheiten Lebens- und Menschheit wichtig waren, eine Bedingung ihrer
Anerkenntniß, ihrer Anwendung und Fortentwickelung zu seyn, daß das
Organ der Wahrheit, der Wahrheitssprecher, Träger und Verkündiger vorher
sterben mußte. Ja es erscheint sogar als ein unvermeidliches Schicksal, daß die
Persönlichkeit und Individualität des Organs der Wahrheit um so mehr zur
Bekämpfung der Wahrheit benutzt wurde als eben die Wahrheit eine mensch-
heitlich wichtige war. Es scheint, wunderbar genug, das individuelle persön-
liche Erscheinen der Wahrheit, selbst wenn sie sich in ihr, in der Erscheinung klar und
rein ausspricht – vermindernd, stöhrend für die Erkenntniß Anerkenntniß, mindestens
Anwendung und Fortentwickelung der Wahrheit zu werden, und
dennoch – dennoch kann Gott, Gott selbst die Wahrheit nicht anders als durch
individuelles Erscheinen, durch Erscheinen am Individuum; und durch das
Wirken durch das Individuum kund thun.
Deßhalb wünschte ich nun wohl gar sehr, daß wir in unserm Kreise und Wir-
ken uns endlich in der Anerkenntniß und die [sc.. der] Anwendung, die [sc.: der] Fortentwickelung
der Wahrheit über das Stöhrende der Individualität erhöben, und nur dadurch
werden wir die Wahrheit noch bey unserm Leben und durch unser Leben
siegend machen. Lassen wir uns durch den einen Tod, den ich freywillig schon
und aus den oben ausgeführten Gründen schon so oft wählte – durch die freywillige
persönliche Trennung genügen, und nicht erst fordern und veranlassen, d. heißt
nöthig und nothwendig machen, daß der leibliche Tod zwischen uns trete,
ehe wir für die Erkenntniß, Anerkenntniß, Anwendung und Fortentwickelung der Wahrheit
selber wirken, weil die unter persönlichen Bedingungen unter uns
wirkt. Laßt uns stets auch den Blick auf die Vergangenheit unseres begonnenen
Lebens fest halten, während wir die Gegenwart und den Blick in die Zukunft
fest halten: - Als ich 1831 nach der Schweiz gieng starb ich in mehrfacher Beziehung
und [um] meinen Tod ganz notorisch factisch zu machen, suchte mich, der Appenzeller
Trogener oder wer es immer war, moralisch todt zu schlagen. Da ergrifft[et] ihr
drey von einem großen Menschlichen und menschheitlichen Standpunkt aus die
Wahrheit in meiner Person und in meinem Leben, die Wahrheit meiner Person und meines Lebens
und dadurch ergrifft[et] ihr Euch, die Wahrheit und das Leben,
die Wahrheit Eurer und unseres Lebens und Strebens; schon dieß war etwas
großes ich möchte sagen in der dortigen Zeit Unerhörtes, daß Ihr mehr, dadurch fast
persönlich fast zu verliehren als zu gewinnen schienet, ja die unerfahrene erst
durch mich und uns geweckte und zu einer Person erhobene Jugend – Dein Bruder
und andere wenn auch dortmals weniger laut – machte[n] sogar den herangereiften Mann
und älteren Bruder – Dir- deßhalb ein Art Vorwürfe, und doch war jenes
so gewaltig es wohl wirkte dennoch immer nur ein Wortzeugniß, wie
man Euch ein Wort und Wörter dieser Zeugschaft bekrikelte oder sudelte,
doch ihr bliebt dabey alle drey auch nicht stehen – Und dieß factum habt
Ihr und hast Du wohl noch nicht so wie das erste und im Zusammenhange
mit jener Lebensthatsache beachtet – Ihr gienget weiter und gabt auch
augenscheinliches, thatsächliches factisches Zeugniß, indem Ihr alle drey
mir in Person nach der Schweiz folgtet. Es trat nun Personen[-] und Thatzeugniß
und Zeugschaft von Euch dreyen ein zur Bestätigung Eurer Wortzeugnisses. – (: Diese
Zeugschaft wurde geschwächt, es ist viel von mir besprochen worden, doch da
das wie und wodurch, wohl auch einmal im Leben wird klar von mir nachge-
wiesen werden müssen, um den Schein der Wahrheit als Trübes und die Lilien als Brenn-
[n]esseln aus dem Leben auszufegen, so will ich jetzt darüber schweigen, so große
Achtsamkeit es kostet, ja so unmöglich es seyn wird das Nachtheilige davon nicht
fortwirkend zu machen :) – Also ein Zweyfaches ein Doppeltes Zeugniß
und solche Zeugschaft habt Ihr abgelegt allein nun feh[l]t noch das dritte und letzte
Zeugniß, die dritte und letzte Zeugschaft; es ist dieß keine nicht
wie die beyden früheren, eine momentane, sondern eine fortgehende, sich /
[137]
bleibende, sich im Fortgehen entwickelnde; es ist die Zeugschaft des Lebens selbst.
Ja lieber Langethal dieser Zeugschaft ist es, welcher wir, welcher nun auch Ihr wie früher
in Wort und That, Person, so nun in und durch Wirken leben müßt. Auch auch [2x] diese dritte
höchste schwierigste aber auch letzte Zeugschaft scheint meinem Leben und Streben, unserm
Leben und Streben werden zu wollen, wie tief sie auch immer durch die, von mir in diesen
Briefen leider fast nur zu viel besprochenen Verhältnisse[n] und Erscheinungen getrübt worden sind.
Doch genug davon, ich kehre zurück zu dem, was ich sagen wollte und will und wozu
eigentlich dieser ganze Brief nur Einleitung war.
Schon im vorigen Briefe schrieb ich Dir, daß Wetzstein im Fluge mich besucht, daß
ich ihm im Fluge von meinem Leben und Wirken erzählt, daß ich ihm im Laufe
dieser Mittheilungen ausgesprochen:“ wie es schien, als wollte sich das alte Leben wie-
der einen [“] und wie ich ihm dafür einige Thatsachen vorführte; und wie ihm [sc.. ihn] dieser Aus-
spruch tief zu ergreifen schien.
Gestern erhielt ich nun einen Brief von Wetzstein; er ist an sich ganz unbedeutend,
allein da ich in ihm eine Bestätigung für meine Ansicht finde, so will ich ihn Dir
doch wörtlich mit Ausnahme des Wenigen gar nicht zur Sache Gehörigen mittheilen.
„Hof den 12 Oct. 1837
     „Geliebter Fröbel.
“Von Dir an jenem Abend geschieden, begleitete mich und meinen Schwager
”Deine Güte und Freundlichkeit und wir liefen in der Dunkelheit der Burg hin-
”an als wenn wir den Abend noch in einem Laufe unsere Heimath erreichen
”wollten.....So kamen wir in <Buche> an....wir beschlossen daselbst zu bleiben;
”so kamen wir aber freudig und vom Morgen gestärkt in <Ziegenrück> bey meiner
”Schwester an....Ich mußte mich entschließen diesen Tag noch bey meiner Schwester
”zu bleiben so verfehlte ich Barop... Es können aber nicht alle Wünsche be-
”friedigt werden, grüße daher Barop und die andern Herren, sammt allen Zöglingen;
”ich muß halt ein andermal zu gelegenerer Zeit nach Keilhau kommen.”
..............
”Geliebter Fröbel, von Schweinfurt aus werde ich Dir wohl eher etwas schreiben
”können; doch erwarten mich dort so viele Arbeiten und zwar jetzt im Herbste und
”Winter, so daß Du mir wohl auch ferner Nachsicht wegen Schreiben wirst schenken
”müssen. –Dagegen weißt Du aber auch, daß ich Alles, was Euch betrifft von
”jeher mit Lebhaftigkeit ergriffen habe, und also schon in mir aufgenommen was
”ich von Dir aufs Neue gehört und gesehen.”
”Ungers (Arnolds) Mutter sprach ich erst gestern Abend; Arnold selbst hält
”sich seit einiger Zeit erst schon in Asch auf. Ich habe diesen Morgen einige Zeilen
”an ihn geschrieben, ohne Zweifel wird er Deiner Einladung: Dich einmal zu be-
”suchen, recht bald Folge leisten und Du sehen [kannst] ob? und was? mit ihm anzufangen [ist.]
”Es ist ihm sehr nöthig aus dem Schlamme des Weltlebens etwas heraus und so
”nach und nach wieder zur Besinnung zu kommen.”
”Nun wiederhole ich nur noch meine Bitte: daß wenn Ihr nach der Schweiz
”an Middendorff schreibt, Ihr Ihm doch sagen möchtet: daß ich noch in Schwein-
”furt wohne, und ich weiß er wird mich nicht vorbey gehen, wenn sein
”Weg nicht etwa unten am Rhein hinweg geht, um erst seine alte Hey-
”math zu besuchen.”
”Dir lieber Fröbel sage ich Dank für Deine mir bis heute bewährte
”Freundlichkeit und Güte, schenke mir sie auch ferner unter allen Um
”ständen.”
”Gottes unendliche Güte hat mir, wie Du gesehen hast wieder
”aufgeholfen, und mein früheres Leben und mich selbst nicht untergehen
”lassen; ich freue [mich] auch deß in jedem Augenblick und bin Gottes Gnade aufs
”Neue versichert.”
”Daß ich Dich und Deine liebe so sehr verehrte Frau und so unerwartet
”wieder gesehen, hat mich überaus erfreut. Erst nochmals Dank für
”Alles, und dann Dank zu Gott, der mir es vergönnte mich wieder von
“Deiner lieben, lieben Frau, die mir ja die Güte und Liebe selbst ist, mich
”wieder einmal bewirthet zu sehen. Sage der lieben, lieben Frau dieß
”noch mündlich von mir.”
”Ich grüße Euch Beyde u Alle und Jedes im alten Keilhau von Herzen.
”Gott der HErr erhalte Euch Alle gesund und freudig und bleibe mit
”uns Allen. Amen.”
”Dein Christoph Wetzstein.”
Siehe nun meyne ich auch lieber Langethal, solche Liebe und solche Treue
soll man pflegen und sie auch wieder mit der Liebe und Treue des Ganzen /
[137R]
umfassen; da Du nun für die Schweiz der Träger und Pfleger des Gesammt-
lebens bist, da es so schön und erfrischend, als stärkend und erhebend ist auch aus
der Ferne wieder vom Leben freundlich umfaßt zu werden, so meyne ich
ganz besonders solltest Du lieber Langethal ein Paar Mußestunden, welche Dir
die Forderung Dich jetzt noch still zu verhalten vielleicht leicht gewährt, dazu an-
wenden einige freundliche, herzliche und Leben zeugende wie Leben pflegende
und Leben zeigende Zeilen an Wetzstein zu schreiben; ich finde dieß in
seiner ganzen Lebensansicht wie auch selbst in der Lebensansicht seiner von
Dir begründet: Ihr steht jetzt beyde äußerlich getrennt, jeder in sich und
außer sich frey einander gegenüber und doch wieder einig und geeint
durch einen ebenfalls in sich freyen Gegenstand, Gedanken, Sache den <als> Dir Ihr
beyde achtet und liebt, mich dünkt dieß müßte in Einigung für das Leben einen
guten Sang und Klang geben und die Wirkung davon sich einen guten Rang
erringen. Er hat ja sehr früh schon wie gegen mich so auch gegen Dich oder Mid-
dendorff oder war es Barop, (: die Person thut nichts zur Sache :) geäußert: wie es
ihm leid thue so manches schlechte Buch mit verbreiten zu müssen. Zeige ihm
wie sich ihm durch Unterstützung unseres gemeinsamen Strebens, oder nenne es blos mein Streben, wenn Du glaubst, daß ihn dieß mehr anspricht und er sich darin leichter findet,
eine Gelegenheit zeige seinen uralten längst
geheegten Wunsch und sein innerstes Streben durch den Buchhandel nur das
Gute, das Beste und Tüchtigste zu befördern – sich selbst erfüllen könne.
Zeige ihm von Deinem Standpunkte und Deiner Lebensanschauung aus im Großen
Lebens Zusammenhang, zeige ihm wie durch die Pflege dieses als eines Ganzen
das menschlichste Streben in jedem Einzelnen seine ihm nöthige Pflege er-
hielte genug suche ihn als Mensch und – als Wetzstein zu erfassen. -
Middendorff wird dann wohl auch seinen Wunsch erfüllen und wenn auch nicht
persönlich doch schriftlich bey ihm vorsprechen. – Thut dieß beyde immerhin bald
und spätestens wenn Dir durch Mittheilung von No 5 des S.B. das Ganze
vorliegt. -
Lieber Langethal. Unser Wirken hat zwar in den letzteren Jahren an Exten-
tion gewonnen allein es hat bedeutend an Intensität verlohren (nur ich
der ich die Extention freywillig aufgegeben habe habe an Intensität gewonnen)
allein wir müssen nun auch Sorge tragen unserm Wirken als einem
Ganzen – bey Beybehaltung seiner jetzigen Extension seine vorige alte
jetzt noch seegensreich fortwirkende Intensive Kraft zu geben. -
Intensive und Extensive Ausbildung eines Wirkens muß immer gleichen
Schritt halten wenn dasselbe fortbestehen soll. Das [sc.: Daß] Willisau so gesunken
ist hat nur seinen Grund daß die Führenden z.B. Ferd.[inand] sich nicht ebenmäßig
intensiv wie es im Geiste des Ganzen liegt fortbildeten u.s.w. u.s.w.
Zum Beweise wie das Leben wieder strebt sich wieder intensiv zu einigen
dünkt mich auch ein Brief zu gehören welchen ich diesen Morgen von Ernst
Luthers Frau erhielt; Ich theile Dir ihn deßhalb auch mit. Dieser Brief
scheint veranlaßt durch einen erwiederten mündlichen Gruß, welchen
ich Luthers und besonders Ernsten auf seinen schriftlichen – durch ein Frauen-
zimmer aus Salzungen die ich auf dem Wege meines jetzigen Berufes kennen
lernte – sagen ließ.
Der Brief selbst ist dieser.
”Salzungen den 11n Oktbr 1837.
Werther Herr Professor!*
Wir haben uns gefreut einen Gruß von Ihnen, Verehrungswür-
diger, durch die Jgfr: Wiprecht empfangen zu haben; und sind dankbar
für Ihr Andenken. Ich habe in Stunden die ich für meine letzten hielt,
gewünscht, daß Sie lieber Herr Professor und Ihre gegen meinen Mann
stets mütterlich gesonnene liebe Ehefrau den [dankbaren Gruß], ihn wiederum annehmen,
auf ihn einwirken, ihn lieben und seegnen mögten! –
Wir traten beyde ohne Überlegung in den ernsten Stand der Ehe und
glaubten: es würde sich alles auch nur so geben und finden. Mein Ver-
trauen auf Gott war mehr schwärmerische Überzeugung reizung, als kind-
liche Hingabe des Herzens an den himmlischen Vater Aller[.] Er hat
ge<zogen>, gewarnt, gestraft, geliebt, getragen ohne Aufhören, ist nicht
müde geworden des Erbarmens; und aus der heilsamen Läute-
rung ist für meine Seele Selbsterkenntniß hervorgegangen und
die Überzeugung aus Gnade täglich, stündlich, ja augenblicklich
Gnade zu empfangen! – ”
[Rand]* dazu hat man mich nemlich seit meiner Rückkehr aus der Schweiz sehr allgemein gestempelt./
[139]
2.[Bogen] ”Mein Mann ist thätig, er hat viel Arbeit, Anhänglichkeit an seine Eltern,
und gute Eigenschaften, die sich zur Aufrechthaltung des Haushaltes gebrauchen
lassen. Mein lieber Schwager Georg in Wittenberg lebt glücklich in seiner
Ehe leidet indessen unausgesetzt an Leberbeschwerden. Sein einziges
Töchterchen; 15 Monate alt, hat er dem lieben Gott wieder gegeben unter
unsäglichem Kampfe. Er schreibt höchstens zweymal im Jahre und klagt
über zu viele Geschäfte, da er 14 Filiale hat. Ich lebe ganz eingezogen;
ein Zustand, den mir mein geschwächter Körper, die Richtung meines
Gemüthes und die der gesellige Zirkel in Salzungen macht, recht nothwendig gemacht [hat].
Unser einziges Kind, ein wohlgebildetes Töchterchen rief der Heiland, der
ja auch den Kindern zu gute als Kind unter den Blumen von Margareth
spielte, im Jahre 1830 gleich nach der Geburt zu sich. – Mein Mann hat seit
zwey Jahren seiner ältesten Schwester Sohn, die Wittwe war, und bey
dem er Pathenstelle vertreten, als er noch in Cassel in der Lehre stand. Es
ist ein elfjähriger gesunder Knabe, ohne große Geistesanlagen, noch weniger
Trieb zum Lernen, jedoch einen Hang zu mechanischen Arbeiten.
Daß ich Ihnen lieber Herr Professor, so viel von mir erzähle , beweist wohl;
daß ich Sie für den geistigen Vater meines Mannes halte, der Theil an
uns nimmt Nachsicht mit uns hat und dessen christliche Fürbitte zum
Sonnenstrahl für unser Leben werden kann. Der Allmächtige seegne Ihr
gottseeliges Streben, als ein treuer erfahrner Weingärtner für die Auf-
erziehung und Bildung der Jugend. Er erhalte den Ihnen anvertraueten
Reben Saft und Kraft und lasse nicht zu daß auch nur Eine darunter
ganz ohne Früchte bleibe und verdorre!! – Daß mein Mann mir
nicht aufträgt zu schreiben, daß er nicht mitschreibt, finde ich unnatürlich
bin aber geneigt, es seiner Abneigung gegen das Schreiben, die eine
Familienkrankheit, zuzurechnen. Ich will und mag nicht glauben
daß ein Mann, dessen ganzer Beruf Liebe ist es einer Frau übel deu-
ten sollte, selbst ohne Mitwissen ihres Mannes, den Lehrer, den Beschützer,
den Freund seiner Kindheit, der noch dazu durch einen Gruß ihr den Muth
dazu gab (gewiß kein Zufall!) herzlich ja flehendlich zu bitten, wenn
Zeit und Gelegenheit sich ergeben, einige Worte aus Liebe, und in Liebe
an den jungen fast ungebrochenen (?) (oder soll es heißen umgebrochenen?) Mann zu richten, die ihn der Liebe
und <Schonung> erinnern dürfen.
Mein theurer in Christo Jesu gar sehr geforderter Bruder hat mir
sein Herz wie sein Gebet gewiß noch nie entzogen, aber ich habe nie gegen
ihn mich beklagt, ja mir ist so himmlisch zu Muthe als möchte ich auch jetzt
nicht klagen, als klagte ich nicht – wenigstens anklagen will ich nicht.
Die zerrissene Schrift, die ganz lose zusammenhängenden schlaffen Federzüge
- (: es ist eine männliche, gewaltige Handschrift ähnlich der, der Frau von
Heyden
wenn Du Dich derselben noch erinnerst doch nicht so scharf :) – dieses
Briefes sind einem Nervenzittern meiner rechten Hand beyzumessen,
das der Arzt für apoplektisch hält. Mein Herz weiß was es hält,
fest, fest halten muß und auszudauern und lieben zu können
bis in den Tod!
Leben Sie herzlich wohl. Ihrer würdigen Frau Gemahlin wünsche ich
von Herzen eine bessere Gesundheit und ersuche Sie mich Ihr zu empfehlen.
Mit Hochschätzung
       Ihre ergebenste Dienerin
       Charlotte Luther geb. Semler.
Meines Mannes Adresse ist: An Ernst Luther
Maurer und Steinhauer Meister in Salzungen (im Meiningschen)
Bey einem Briefe aus der Schweiz wäre wohl noch hinzuzufügen
Zwischen Vach und Eisenach
Auch auf den Brief zu bemerken: - Über Frankfurt a/m. ”
Denn mein Gedanke ist der, daß in Rückbeziehung auf die früheren
Dir auch ausgesprochenen Mittheilungen von Wilhelm Clemens über Ernst
Luther, daß es gut für ihn sey wenn er nach all diesen Äußerungen
nicht nur von mir allein sondern vom Ganzen ergriffen werde,
und so meyne ich daß es in jeder Hinsicht sehr im Wohle des Ganzen läge
wenn er gelegentlich und jetzt wo Dir die Schonung Deines Halses noch manche
Zeit dazu lasse einige freundliche Worte aus der Schweiz und von Dir
erhielt. Hast Du ihn oder hat ihn Middendorff oder habt ihr ihn beyde in Sal-
zungen gesprochen? – Mich dünkt Du, und das wäre gut, denn Du könntest ihm /
[139R]
da Du jetzt in der Mitte des ganzen Lebens stehest, aus der Fülle desselben schreiben.
Wohl dünkt Ernst Luther fühlt daß er sein Leben durch seinen unüberlegten Streich
gebrochen hat, mich dünkt, sie fühlt es auch, und es mag wohl seyn, daß er es
ihr auch mannichmal fühlen läßt, dem sey nun wie ihm wolle; sie mögen
wohl wie es scheint nun beyde zur Besinnung gekommen seyn und so ist es nun unsere
Pflicht ist es möglich [sie] wieder geistig zu heben, denn Kraft hatte Ernst und scheint
sie noch zu haben; genug seine Frau hat Recht er verdient unsere Pflege als
zurückgekehrter Sohn des Ganzen. Ich hätte ihm schon längst geschrieben; allein
ich wollte ihm gerne auch etwas als Gegengabe für seine Zeichnungen schicken; so hat
sich mein Brief bisher verschoben doch werde ich ihm demnächstens schreiben,
und es wäre schön wenn dann auch bald darauf zu gemeinsamer Hebung auch
ein Brief von Euch aus der Schweiz an ihn ankäme. Du könntest Dich dann immer
auch auf mein jetziges Wirken, meine jetzige Arbeit beziehen und ihm zeigen, wie
auch er wohl in architektischer Beziehung förderlich hätte eingreifen [können], da Du Dir [sc.: Dich]
noch erinnertest daß er im baukünstlerischen Modelliren manchen Preis erhalten.
Weil ich nun schon in Mittheilungen von Briefen bin, deren Inhalt im All-
gemeinen wieder die Richtung zum Ganzen, die Neigung zum Ganzen und der
Mensch vom Ganzen als Glied des Ganzen anerkannt zu werden [hat]; so will
ich Dir doch auch ein Briefchen mittheilen welchen in diesen Tagen meine
Frau von Titus erhielt.
”Binnewitz den 5n Oktober 1837.
Geliebte Pflegemutter. (Du siehst der Oktober ist reich an solcher Rückkehr)
Wundere Dich nicht, daß Du noch ein Briefchen von dem erhältst, von
welchem Du es wohl nicht mehr erwartetest. Es ist vielleicht das letzte,
welches Dir Dein Pflegesohn schreibt, um Dir seine Betrübniß, wegen sei-
ner nicht beantworteten Briefe zu melden – (: Er hatte nemlich einmal
während seiner Reise von Dresden aus, und dann später nach seiner Ankunft
im elterlichen Hause an meine Frau geschrieben; ich war so sehr in meiner Arbeit
verstrickt, um ihm antworten zu können, meine Frau war angegriffen um
schreiben zu können so unterblieb es ohne trübe Absicht und Ursache :) -
Womit er das verdient hat, kann er nicht mit Bestimmtheit wissen, son-
dern nur vermuthen. Um so betrübender muß dieser Vorfall auf ihn
wirken, als er recht gut erkennt, daß er das was er ist, nur durch Euer
und Eurer Freunde Mitwirken geworden. Ja, es ist ihm schmerzhaft wenn er
bedenkt, daß er noch in den letzten Tagen seines Zusammenseyns mit Euch
das Vertrauen des Pflegevaters zu besitzen glaubte; und nun sieht
wie jetzt nichts weniger als dieß der Fall zu seyn scheint. Aber er glaubt
auch, daß er dieß Vertrauen auf keine Weise gemißbraucht hat. Die
Hoffnung dermaleinst gerechtfertigt zu werden giebt ihm Kraft, auch eine
abermalige Nichtbeachtung seiner Zeilen mit Gleichmuth zu ertragen. -
Daß ich Oheim geworden habe ich zwar schon Frankenbergen berichtet
aber nicht, daß ich es während einer Anwesenheit in Polen wurde.
Wie meine Freude nicht klein war meine Schwester nach so langer Zeit wieder zu sehen und kennen zu
lernen, so war dieselbe nicht geringer als sie
ihren Bruder noch während seines Dortseyns mit einem schönen Nichtchen
beschenkte. Das starke und große Mädchen brachte schon ein von Schorf
ganz freyes Köpfchen und mit zolllangen blonden Härchen dicht bewachsenes Köpf[-]
chen mit zur Welt. Ich hatte noch das Vergnügen meine
kleine Nichte Emma über die Taufe zu heben.
Lebe nun recht wohl liebe Pflegemutter, grüß meinen Pflegevater
herzlich von mir. Ich wünsche daß Du bisher einer guten Gesundheit
genossen haben mögest und Gott Dir dieselbe auch ferner schenke und erhalte.
Dein treuer und dankbarer Sohn
Titus”

Ist es nicht ein ganz eigener Geist der in diesem Briefe sich ausspricht? – mag es
auch ein etwas getrübter und gedrückter Geist seyn, so dünkt mich ist es doch
der Geist wahrer inniger und innerer Anhänglichkeit. Wie ich oder viel-
mehr meine Frau diesen Brief durch Frankenberg erhalten hat, so habe
ich ihm auch sogleich wieder durch Frankenberg geantwortet. Solche, wie
es mir scheint, nicht eben starken Gemüther , müssen besonders getragen
und gehalten werden. – Hast Du, Langethal ihm auf seinen Brief an
Dich hinsichtlich der <Bitte> geantwortet? – Wenn es noch nicht geschehen
ist so thue es doch. - Gern theilte ich Dir nun auch noch Rodas letzteren Brief
und die zweyte Hälfte des vorigen Briefes noch mit, wenn es mir nicht
gar zu viel Zeit kostete. Doch Du hast hier wenigstens die Person selbst vor Dir /

[140]
Am 15en Oktbr. Guten Morgen. Wo lebst Du? möchtest Du schöneres Wetter haben als wir hier.
Da ich nun einmal den Gegenstand des Lebens, das Umleben und Gemeinleben, das
gemeinsame Leben, das Leben als ein Ganzes so weit mit Dir durchgesprochen habe, so
will ich Dir denn mittheilen was mir {dazu / darüber} noch vorliegt und ich als Pflicht in mir erkenne.
Je mehr sich mir das Leben als ein Ganzes entwickelt und als solches vorliegt, jemehr
muß ich immer wieder auf die Nothwendigkeit der richtigen Erfassung und Pflege Roda’s
zurück kommen; sie dünkt mich in allen drey wesentlichen Rücksichten wichtig und nothwendig
erstlich persönlich, wegen seinem Charakter, seiner Treue und seiner Ausdauer die er doch
gewiß bewiesen hat; zweytens menschlich, wenn ein junger Mensch sich so bürgerlich, ge-
müthlich und geistig allein stehen und hingestellt sieht, ein junger Mensch immer mit einem
edlen guten Streben, was ich nicht glaube das [sc.: daß] [es] ihm abgesprochen werden kann, dabey in mehr-
facher Hinsicht erfahrungslos, so dünkt mich ist es Pflicht das [sc.: daß] ein eingehendes, pflegendes
Leben ihm entgegen komme; drittens um unseres Ganzen willen. Wie mir das G[an]ze
vorliegt und ich es durch- und überschaue, so kann ein Mißgriff hier für das Ganze
nur in mehrfacher Beziehung dem Ganzen Nachtheil bringen. Ein richtiges Erfassen
und angemessenes Pflegen Roda’s Leben dünkt mich für Erhaltung, zur Feststellung
wie für Fortentwickelung und Ausbildung Willisaus ganz wesentlich: seine Personen- u
Localkenntniß, seine Gutmüthigkeit, seine Hingabe in musikalischer Hinsicht, seine Aus-
dauer, dabey seine musikalische Ausbildung im Ganzen für das Bedürfniß Willisaus – über-
dieß seine Achtung des Ganzen, seine Liebe, seine Anhänglichkeit an das Ganze – so
wie das Ganze vorliegt hat dieß alles keinen, den Gesammtverhältnissen nach, ein nachtheiliges
Licht auf ihn werfenden Grund: Ein Missgriff in der Behandlung Rodas dünkt mich, kann
nicht nur ein nachtheiliges Licht auf das Ganze werfen sondern muß sogar hinsichtlich der oben ausgesprochenen
Zeugschaft unseres Lebens für die Wahrheit und Reinheit unse-
res Strebens höchstlich nachtheilig wirken denn Ro und Roda fühlt dieß auch so
tief als wahr und hat es auch klar genug ausgesprochen, denn er ist einseitig
und persönlich behandelt worden und beydes wirkt - wie ja jeder weiß nachtheilig.
Wie ich die Beachtung und Pflege von Rodas Leben wesentlich halte, so achte ich theils in der-
selben, theils in anderer Rücksichtig die rechte Pflege von Wilhelm Clemens Leben, so
wie sein jetziges Kommen in die Schweiz für das Ganze für wesentlich. Jedoch
dünkt mich wird eben seine Pflege keine Schwierigkeit, ganz besonders nicht für
Dich haben – und dieß gewiß zunächst schon – denn er findet bey Dir sein Leben, seine
Blumen-, seine Pflanzen- und Baumwelt. Ich halte Wilhelm[’s] tiefe und starke Ge-
müthsanhänglichkeit , bey seinen [sc.. seinem] praktischen Lebenssinn, seine hohe Liebe für das Ganze
und zu dem Ganzen wichtig wegen dem Stehen seines Bruders zu dem Ganzen und
wegen dem Stehen der Züricher Fröbel zu dem Ganzen.
Wirst Du nun Langethal in dem Ausgesprochenen die Lebensgesetze zu erkennen und anzuschauen
suchen, so wirst Du finden
das Leben fordert:
genügende Ausbildung in sich, klare Darstellung außer sich, richtige Erfassung des Lebens um sich[.]
Die Ausbildung in sich muß wieder
persönlich – allseitig – die Einheit erfassend seyn[.]
Die Darstellung außer sich wieder
klar im Einzelnen – im Lebenvollen Zusammenhang in sich – die Einheit kund thuend seyn[.]
Die Erfassung des Lebens um sich
    Sie muß die Einzelnen in sich und als Ganzes und als Glied des Ganzen, als Gliedganzes erfassen[.]
      Sie muß das Ganze in seinem innern Zusammenhange erfassen[.]
         Sie muß die Einheit im Leben und des Lebens nachzuweisen, festzuhalten und darzustellen sich bemühen.
Aus dieser Erfüllung der neunfachen Forderung des Lebens geht nur die wahrhafte
Erneuerung des Lebens hervor; prüfe das Ganze was ich sagte in Deinem und an
Deinem eigenen Leben. Es entspricht dieß der früheren Auffassung der Pflichten gegen sich -
gegen Gott - gegen seinen Nächsten – aber wie bestimmter rc. alles! -
Wenn Du nun dem Leben treusinnig und treu nachgehender Langethal dieß so eben
Ausgesprochene mit dem oben Ausgesprochen[en] über die dreyfache Zeugschaft über
das dreyfache Zeugniß von der Wahrheit des Lebens Strebens vergleichst; -
wenn Du das [was ich] hier in diesem Briefe mit dem im vorigen Briefe Dir von
einer neunfachen Erfassung des ersten Kindeslebens schrieb zusammenhältst u
vergleichst, - wenn Du aus meinen Briefen lesen, in meinen Briefen
fühlen und schauen könntest, wie das, was ich Dir mittheile, m mit ent-
steht, gleichsam auf steht, ent-keimt, auf-keimt, so würdest Du finden
daß das Leben und alle Erscheinungen des Lebens nicht eher Ruhe haben, noch
das Gemüth und der Geist eher rastet [sc.: rasten] bis die Auffassung und Anschauung des
Gegenstandes in dieser neunfachen, erneuenten Beziehung vollendet ist.
Es ist dieß nie ein Gesuchtes – noch weniger ein Gemachtes – sondern
stets ein Entwickeltes, ein Gefundenes. Vergiß dieß ja nie. – Es ist dieß /
[140R]
ein Gegenstand welchen ich schon früher berühren wollte, welcher aber zurück treten
mußte, nemlich die große Verschiedenheit zwischen entwickelten und gefundenen
zwischen Erfahrungs- und Lebenswahrheiten – auf der einen Seite und zwischen
erfundenen, gleichsam gemachten, zwischen erschlossenen er-dachten (im
guten Sinne des Wortes) durch reines abstractes, abgezogenes Denken gefundenen Verstandes- oder
logischen Wahrheiten auf der anderen Seite. – Jene
greifen gleich förderlich ins Leben ein, während diese demselben gleichsam
wie Glas auf dem Acker demselben lange todt gegenüber liegen.
Alles dieses lieber Langethal ist sehr wichtig und forderte noch eine
bey weitem größere Ausführung als ein Brief erlaubt und als ich mir
doch schon erlaube meinen Briefen an Dich dem Umfange und der Zahl
nach zu geben.
Mein ganzes Leben, und so das unsere in so fern es aus dem meinen
hervorgegangen ist und hervorgeht – ist darum ein Product, ein Erzeug-
und Ergebniß der von mir ausgesprochenen Lebensgrundsätze wie es selbst
die Prüfung und Bewähr dieser ist.
Ich weiß z.B. gar sehr wohl das Viele das, von mir als Erzeugniß des Lebens und
als Ergebniß der Lebensbeachtung Gefundene auf dem Wege der Erschließung
der Combination, der An- und Auswendig–Lernung sich angeeignet
haben[d]; aber wie steht auch ihr Gelerntes Auswendig am Leben und
demselben todt gegen über. Sieh nur L.L. wie allwege die Sprache für
mich ist: Auswendig – Lernen ein Lernen welches nur nach
Außen gewendet ist, während mein Lernen ein Lernen welches
nur äußerlich, auswendig am Gegenstand ruht, den Gegenstand
nur von außen erfaßt, während mein Lernen den Gegenstand
im Innern und von Innen erfaßt, ein rechtes Lernen aus dem Innern
der Sache heraus , also immer wahre Kundmachung, Offenbarung ist.
Alle meine Mittheilungen an Dich und Euch – das wirst Du gar nicht in Abrede
seyn [sc.: stellen] können haben daher immer den Ausdruck eines sich offenbarens.
Nun lieber Langethal – nach allen diesen vielen Mittheilungen noch ein besonde-
res Wort zu Dir! – Nach allen Mittheilungen welche nun wohl seit einem
½ Jahr oder länger von mir Dir vorliegen von mir an Dich geschehen sind, siehest
Du daß ich Dir wo möglich, und was <möglich> gleich alles mittheile was und
wie es in mir entsteht und lebt – alles Dir mitzutheilen ist nicht möglich
wäre auch nicht gut wenn es wenigstens immer sogleich möglich wäre, wäre
eine schlechte Zeugschaft für den Umfang und die Erfassung meines Lebens -
Darum weil ich Dich gleichsam als geistigen Erben sogleich alles Lebens
mache, wie es in mir selbst ein äußeres d.h. gegenständliches wird
und Du diese Lebensmittheilungen auf- und annimmst, so gehst Du darum
auch stillschweigend in die Verpflichtung ein diese Lebensmittheilungen zu
pflegen fortzubilden, fortzuentwickeln. Ich spreche Dir dieß aus nicht etwa
weil ich daran zweifle noch weniger aber um es Dir dadurch zur
Pflicht zu machen, sondern nur um es auszusprechen d.h. zwischen Dir [und mir]
zu einem Wissen und erkennen zu erheben und Dein L. unmittelbares
Handeln und Wirken zu einem klar bewußten zu steigern, denn der
klar bewußte Mensch soll auch alles mit Klarheit des Bewußtseyns thun.
Ich spreche Dir dieß aus weil Du nächst mir der Älteste – Senior des
Kreises bist; - Ich spreche Dir dieß aus damit Du und auch Deine Erne-
stine sehe wie sich im Leben alles ausgleicht; Keiner und keines von
allem mich hier Umgebenden, und am allerwenigsten Barop – welchem
die Sorgfalt für Keilhau keine Muße gönnt Mittheilungen von mir Gehör
zu geben und der stets nur auf einen Flug und unmittelbaren augenblick-
lichen Lebensforderungen genügend – keinem von dem mich hier Umgebenden
liegt also mein innerstes Leben in seinen Entwickelungen auch nach Außen
hin so offen als Dir vor obgleich Du Tagreisen und Meilen von hier
und mir entfernt bist. Ein Hauptgrund ist aber auch der – und dieß bitte
ich Dich und Deine Ernestine ja fest zu halten; ihr könnt auch meine Mit-
theilungen mehr pflegend, beachtend und vor allem entwickelnd und an-
wendend aufnehmen denn ihr habt nicht so mit unmittelbaren Sorgen
um das Bestehen des Lebens zu kämpfen wie die Keilhauer. Dieß sage
Deiner treuen Ernestine, möchte sie ja bedenken, wenn die Häuslichkeit sie
dort oft etwas hart angreift. –
In Beziehung auf die in diesem Satze ausgesprochene Stellung Deiner
Langethal zu mir und dem Ganzen will ich nun noch eines aussprechen /
[138R]
3) es ist so wie mir die Sache jetzt vorliegt, das letzte was ich Dir jetzt auszusprechen
habe.
Du hast Dich mir in einem Deiner vorigen Briefe sehr vorzüglich über den Prof.
Hundeshagen in B. [sc.: Bern] ausgesprochen. Du hast mir gesagt daß er ein vorzüglicher Mensch
sey wie ich durch Dich oder anderswoher gehört habe daß er auch [ein] sehr tüchtiger Theolog
sey. Ihr scheint Euch einander und zwar auch wieder doppelt und dreyfach ver-
mittelt durch die Familie des HE Pr. V. – durch HE Fröhling und durch seinen
nach Amerika gegangenen Bruder – [in] Freundschaft gegenüber zu stehen; alles
dieses nun dünkt mich sehr wichtig um der sorgfältigen Pflege zu verdienen [sc.. dienen]
und zwar zunächst in einer doppelten bringe ich Bern selbst mit in Anschlag, in
einer dreyfachen Rücksicht.
Erstlich als Mensch und zugleich als Theologe. Du solltest doch sehen ihm [Hundeshagen] den Geist
und den Grundgedanken meines und unseres Strebens nahe zu bringen
und einsichtig zu machen um zu sehen wie er das Ganze in sich aufnimmt und
beurtheilt, freylich mußt Du in dieser Beziehung sorglich seyn, denn er ist Professor
der Theologie und von dieser Seite muß man leider immer Befangenheit des Urtheils
voraussetzen – damit Du durch nicht gehörig vorbereitete Mittheilungen nicht seinem
freundschaftlichen Verhältnisse zu Dir schadetest. Aber immer bliebe und wäre
es nicht unwichtig das bestimmte, klare Urtheil auch eines solchen Mannes
zu wissen, nicht um mein und unser Urtheil dadurch bestimmen zu lassen, son-
dern [um] ohngefähr zu sehen ob man, bey öffentlichem Auftreten in diesen Wirkungs-
kreisen unter Menschen dieses Berufswirkens wohl auch beystimmende oder nur
entgegenstimmende Meynungen und Ansichten zu hoffen hätte. Eben in dieser Be-
ziehung halte ich auch Deinen Verkehr mit dem HE Pfarrer Stähli in Langnau
über diesen Gegenstand nicht unwichtig.
Zweytens halte ich es für wirklich wesentlich durch den HE Prof. Hundeshagen
mit seinem Bruder in NAmerika in einem Lebensverkehr zu bleiben,
denn beyde sollen wieder sehr gemüths- und Lebensgeeint seyn. Und NAm.[erika]
besonders das westliche NAmerika muß ich bleibend in mehrfacher Hinsicht
für unser Streben wichtig halten; auch wieder angeregt durch neuere Nach-
richten die ich in den Zeitungen las. Im westlichen NAmerika, am Mississippi u
Mis[s]uri nemlich soll sich immer mehr ein deutsches Leben mit Bewahrung deutschen
Geistes bilden, man sucht sich dort zu einigen, eine Zeitschrift ”Der westliche
Adler” herausgegeben von Wesselhöfft sucht dieß besonders zu erreichen. So sollen
nach der gedachten Nachricht dort ge in St. Louis zwey deutsche Buchhandlungen
errichtet werden besonders – um deutsche Schul- und Lesebücher einzufüh-
ren. Unser und mein Streben fiel also mit diesem als gleichzeitig zusammen.
Auch halte ich NAmerika sonst dafür günstig – weil man dort den Sonntag
so streng feyert, wenig weiß was man an demselben zu thun hat, so wäre
es etwas unaussäglich glückliches – wenn man dort den Sonntag zur
Pflege des Kindheit[-] und Jugendlebens gewinnen und in Anspruch nehmen
könnte. Auch liebt man ja in NAmerika den anschaulichen und praktischen
Unterricht; überdieß giebt ja auch das mehrfach gesicherte Leben Zeit u Muße
zur Kinderpflege.
Im östlichen NAmerika z.B. im Staate Ohio in Columbus muß ich auch schon an
den Frankenbergs sehen wie das Englischamerikanische Leben das deutsch-
amerikanische Leben verschlingt; ich glaube kaum, daß sich diese [sc.: Frankenbergs] , wie die Sache
vorliegt, ihr deutsches Leben und immer nur auf eine sehr dürftige Weise erhalten werden
es ist alles da zu sehr auf das äußere Bestehen, durch den Besitz, durch das Eigenthum
und durch das Vermögen, nicht aber auch auf das Bestehen durch die Gemein-
samheit, durch den Lebensverkehr, den freyen und durch den Geist und durch das
Leben selbst berechnet. -
Drittens endlich wäre wohl das Verständniß mit Hundeshagen auch
zu einer größern Wirksamkeit einer Einigung des Berner Lebens wichtig.
So ist, Dir denn nun Langethal das Leben abermals in vielfachen
Beziehungen im Zusammenhange und zur Beachtung und Pflege vorgeführt.
*

Blankenburg am 17n Oktobr. Nicht nur der noch freye Raum, welcher mir leid thut, ihn unbe-
nutzt fort zu senden, sondern noch eine bestimmte Frage welche mir schon seit Langem
auf dem Herzen liegt macht daß ich nochmals die Feder ergreife.
Die Kinderspiele nemlich denke ich unter folgenden Titel zu veröffentlichen:
Denke Dir als Format einen gewöhnl. 1/8° Bogen. /
[138]
[Zeichnung des
  Deckblatts der Broschüren der Spielgaben, links Schema, rechts
  Kommentar]
[Deckblatt-Schema]
Kommt und laßt uns unsern Kindern leben.
Ein Ganzes
von
Spiel- u. Beschäftigungskästen
für
Kindheit und Jugend
*
Mit erläuterndem Texte und Zeichnungen
”Gar hoher Sinn liegt
oft im kindschen Spiel”
1 Folge
1 Reihe
1 Gabe. Der Ball als erstes
Spielwerk des Kindes
Blankenburg u. Burgdorf
Die Anstalt
zur Pflege des Beschäftigungstriebes
der Kindheit und Jugend.
Dieser Umschlag meine ich soll nun auf
den beyden innern [Seiten] und auf der Rückseite
den Plan
der Anstalt
wie ich ihn im Sonntagsblatte mitge-
theilt habe enthalten
Was meynst Du dazu? -
Doch noch die Hauptfrage: -
Könnte es wohl nach irgend einer
Seite hin gut und zwar namentlich ganz
besonders auch für Deine Verhältnisse
in Burgdorf und für den Eingang und
die Verbreitung der Sache dort wohl
thätig wirken wenn ich auf den Titel
auch Burgdorf (Scil: das Waisenhaus
daselbst :) setzte, wie ich es hierneben
gethan habe? –
Schreibe mir doch Deine bestimmte
Meynung darüber; ich will nichts
Nachtheiliges, allein ich möchte auch
das Beste ergreifen.
Oder soll ich im Beginne blos setzen?
        Blankenburg rc ?
Anfangs ehe sich Willisau so auflösete
dachte ich um der Sache auch dort einen
festen Fuß zu geben zu setzen
Keilhau, Blankenburg – Willisau, Burgdorf
oder
Blankenburg, Keilhau – Burgdorf, Willisau.
Freylich läßt sich dieß nicht thun ohne Rücksprache
in Burgdorf mindestens mit der Schulcommission, oder der Armen[-]
commission, der Waisenhaus Behörde, und
in Willisau mit dem Vereine, oder auch mit Baumann, Steiger
und Schnyder in Luzern.
Nun liegt auch in dieser Beziehung das Ganze zu Deiner Prüfung vor.
*
In Beziehung auf Willisau wirst Du Hinsichtlich Roda’s mit Ferdinand
- wie ich schon im vorigen Briefe bestimmt hervorhob – das Beste be-
rathen u. bestimmen.
Höre auf die Urtheile vom Herrn Sextar Hecht – denn dieser kennt und weiß
davon habe ich mich früher schon überzeugt alles; höre Frau Wechsler welche
eine einfache gerade Frau ist. Höre selbst den Dr. Barth oder noch
besser Dr. <Girsler> von welchem ich höre daß er zur Schulkommission gehöre.
Gott befohlen zur Wahl des Rechten im Fühlen, im Denken wies im Thun. –
D.u E. FrFr.

Wie ist Dir Deine Reise nach Genf bekommen? -
           Gott gebe, gut! - -