Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 17.10.1837 (Blankenburg)


F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 17.10.1837 (Blankenburg)
(KN 54,4, Brieforiginal 1 ½ B 16° 6 S.)

Blankenburg am 17 Oktober 1837.


Lieber Langethal.

Elise hat einen Brief zur Entschuldigung Middendorffs
und zur Beschuldigung Roda's an Barop geschrieben.
Wie ich von diesem höre kennst Du diesen Brief.
Sey nun so gut und sage Elisen so mild und schonend
als Du immer kannst wenn Dich meine Rede zu
hart dünkt. Elise habe einen sehr großen Mißgriff
gethan daß Sie diesen Brief geschrieben habe,
sie habe dadurch mehrfach nachtheilig gewirkt:
sie habe sich geschadet; sie habe Middendorffen
geschadet und habe dem Ganzen geschadet. Sie habe
sich geschadet, indem sie einen Brief geschrieben habe,
wie ihn ein Mädchen, eine Jungfrau nie schreiben
sollte; ohngeachtet der Brief nun schon geschrieben ist,
scheue ich mich aus Schonung, diesen Punkt weiter
auszuführen. Middendorffen habe sie ganz im gleichen
Maaße [geschadet], denn es ließe sich gar nicht entscheiden, wem /
[1R]
sie am wenigsten ob sich oder Middendorffen durch den
Brief geschadet. Wäre die Handlungsweise von Ro-
da wirklich so, wie sie dieselbe dargestellt habe, so
würde dadurch das Handeln von Middendorff noch in
bey weitem höhern Grade unverzeihlich, als es bis-
her von mir und uns gesehen worden wäre und
gerad zu strafbar; denn wäre das Betragen von
Roda wie der Brief es darstellt, was sollte und
müßte man von Middendorffen denken, daß er
noch kürzlich, wie ich Dir Langethal sogleich mitgetheilt
habe, kurz und klar schrieb: wir dreye Ferdinand
Roda und ich gehören eigentlich zusammen und er-
gänzen sich; und was wäre von Ferdinand als
Leiter der Anstalt zu denken welcher zu gleicher
Zeit schrieb: ich und Roda sind wohl genügend
wenn Middendorff abgeht Willisau als Anstalt
fortzuführen; wo nun Roda unaufgefordert und ohne alle
Einschränkung in solche Gemeinschaft gesetzt wird /
[2]
wer sollte da ein solches Betragen ahnen wie Elisens
Brief ihm zur Last legt; ist es aber dennoch gegrün[-]
det so fällt die Schuld doppelt auf Middendorffen als
Oberleiter und auf Ferdinand als Leiter zurück, daß
sie darüber schwiegen und nicht hätten wenigstens mit Dir,
von dem sie wußten, daß er unser Zutrauen besaß
darüber Rücksprache ne nahmen sollen. Jedes Wort in
Elisens Brief spricht das Urtheil über Middendorffen,
so wie der Brief schon als Ganzes und Erscheinung.—
Das [sc.: Daß] Middendorff sagt er wolle nicht schreiben oder
wie es heißt kein Wort weiter darüber verlieren
ist gerad zu strafbar, denn er steht nicht als Person
allein, sondern noch immer als Beauftragter vom Ganzen
dort. Der Brief sagt: "ich weiß daß der Oheim keinen
seiner abgefallenen Lehrer so schonend und tragend
behandelt hat, als Middendorff He. Roda." Wenn dieß
Middendorff eigenmächtig gethan hat und nicht in
sich fest überzeugt war, dadurch zu einem dem /
[2R]
Ganzen heilsameren Ziele zu gelangen so hat er sehr
Unrecht gethan den Eingebungen der Gutmüthigkeit
zu folgen, wo er hätte dem Ernste und der Strenge
des erfahrnen Mannes nachgehen sollen. Doch ich
will davon abbrechen ein Buch müßte ich ja darüber
schreiben. Nur mit wenigen Worten will ich berühren
wie Elise dem Ganzen durch diesen Brief geschadet hat. Wie
die Sachen stehen, müßte ich den, Rodas Betragen schildernden
Brief den Roda schicken zu seiner Rechtfertigung und, da diese
nach dem Briefe ihm schwerfallen würde, ihn stellen wie er es ver-
diene; wie geht dieß aber da Elise den Brief geschrieben
hat; dieser Brief hat also dem Ganzen in seinem Wirken
die Macht gebrochen, die Mittel genommen. Da aber Elise
ihre eigenen Mittheilungen selbst dadurch wieder schwächt indem
sie wiederkehrend hinzufügt: Marien sey nicht alles zu glauben rc
rc. so hat sie dadurch den Glauben und das Vertrauen auf die Wahrheit
innerhalb des Kreises geschwächt. Endlich stellt Elise meine Briefe als allein
aus mir hervorgegangen hin da sie doch das Ergebniß allgemeiner Berathungen
waren. Roda's, Elisens, Middendorffs Briefe sind hier allgemein mitgetheilt
worden, wenn sich doch nur eine Stimme für Middendorfen erhoben und dessen Handeln
in seinen Ausgangspunkten gebilligt hätte.- So bald ich kann erhälst Du alle Briefe Rodas in
Original. Jeder edle Mann muß auf den vorletzten Brief zu Roda sagen: — "ich würde handeln
wie Sie". Prüfe auch den Eindruck des Briefes auf Dich und ordne alles aufs beste; Dir liegt alles vor.
[Nachschrift auf den Rändern:]
Ich würde von Herzen gern grüßen; allein ich fürchte mich, ein von mir tief als Unrecht /
[2V]
erkanntes Handeln durch meinen Gruß als ein rechtes, mindestens als ein statt- /
[1R]
haftes zu besiegeln. Dagegen muß ich mich aber auf das strengste verwahren; doch /
[1V]
darf ich nur mich deßhalb anklagen, indem ich Lasten auf Schultern legte die sie nicht tragen
konnten, und so fällt alle Schuld auf mich zurück und wie ich so gern andere davon befreye, trage ich sie willig.
D. u E. FrFr. /

[3]
       Blankenburg am 17 Oktober 1837.

Nachschrift.
Als ich die vorstehenden Zeilen besonders in Be-
ziehung auf Elisens Brief vom 12-15 Septbr.
mehrere Stunden beendigt hatte finde ich zu-
fällig und ganz unerwartet eine Fortsetzung
von Elisens Brief vom 19en Septbr, welcher
fast beginnt ..... "ich sehe daß das, was ich ge-
"schrieben habe noch nicht genug ist." ..... Ich muß
aber, lieber Langethal, nachdem ich nur einen
Blick in das Folgende that mich überzeugen
daß ich schon im Vorhergehenden ganz genug
ausgesprochen und geschrieben habe. Ich weiß
gar nicht mein lieber Langethal wie Jemand
so aufs Höchste leidenschaftlich erregt werden
kann wenn man, nach vorhergegangenen
Lebensbedingungen, ich will das schwächste Wort
sagen: ihn [sc.: ihm] ein angemesseneres und entsprechende- /
[3R]
deres [sc.: entsprechenderes] Betragen zu gemuthet, ja von ihm erwar-
tet hat, kann er nun aber andern ja auch nur
sich selbst beweisen daß er in dem fraglichen
Falle edel und seiner selbst würdig gehandelt
habe, so bin ich es ja herzlich gern zufrieden und
ich ziehe mein Urtheil zurück.— Noch vor zwey
Jahren ich gestehe es Langethal, würde ein solches
Betragen einer Anfeindung wegen einer Sache
die nur den reinsten Menschen Dank verdiente
mich selbst tief erregt haben, doch jetzt bin ich still
und ruhig da ich wiederkehrend sehen muß, daß
es so Naturgesetz mindestens Weltlauf ist
und ich es unmöglich erscheint irgend Jemand
nur über das Gewöhnliche geschweige zum Höchsten
zu erheben, welcher sich nicht selbst erhebt.
Merke Dir Langethal f als letzte traurige Frucht
eines unangenehmen Geschäftes diesen Satz und diese Wahrheit
für Dein ganzes erziehendes Wirken, dieser Satz kostet einem
Manne ein halbes Menschenalter, kostet mir die Auf- und
Hinopferung von mehr als 1/3el meines Lebens und zwar des kräftigsten
Theiles deßselben, doch wird mich dieß nicht hindern meiner Überzeugung getreu für die
Menschheit zu wirken. D. u. E. Fr Fr
Du Langethal, wirst in Zukunft des Herrn Auge (Du kennst die Fabel) in Willisau seyn.