Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 19.10.1837 (Blankenburg)


F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 19.10.1837 (Blankenburg)
(UBB 43, Bl 141-142, Brieforiginal 1 B 8° 4 S.)

Blankenburg am 19en Oktober 1837.


Wahrheit und Klarheit, Festigkeit und Ausdauer zum Lebensgruß.
Langethal.

[Abschließend hinzugefügte Zeilen*-*]
[*] Als ich diesen Brief schrieb bewegte sich das Leben als ein großes Ganzes in mir daß ich hätte eine große Abhandlung
schreiben müssen um es zu erfassen; darum ist er schwer verständlich, doch ist er wahr, darum sende ich ihn Dir,
suche ihn Dir klar zu machen; abschreiben d.h. anders schreiben konnte ich ihn nicht und zurück be-
halten wollte ich ihn auch nicht, dazu war er mir ohngeachtet seiner Unvollkommenheit zu wichtig. – [*]
Ich halte es gerad jetzt, wo das Leben wieder in einer solchen Gährung und Entwicke-
lung ist auf das Höchste wichtig, daß Du mit dem Leben, der Entwickelung des Lebens
und des Grundgedankens des Lebens in fließendem Zusammenhange bleibest, so daß ich willig
und mit Überlegung und Überwindung ein großes Opfer bringe um Dich mit dieser sich
stetig fortentwickelnden LebensEinheit, nicht nur in äußerer Kenntniß, sondern auch in
innerer Einigung zu erhalten, ”ein großes Opfer bringe” sage ich, indem ich diese Zeit dazu,
der Zeit abbreche, welche der Darstellung eines großen aus sich selbst für Wahrheit
und Leben, für das Wesen der Wahrheit und die Gesetze des Lebens - sprechen sollen-
den Ganzen gehört; ich thue dieß Langethal, aus dem menschlichen Gefühl und Gedanken: -
der Mensch wird doch die Wahrheit mit Bewußtseyn und Klarheit fester halten und sie leben-
voller mittheilen d.h. hervorrufen und so fortpflanzen als die Sache und das Ding; wird
aber der Mensch hinter diesen Ahnungen, hinter diesen Gefühlen und Gedanken noch länger
zurück bleiben, so wird sich die Darstellung der Lebenswahrheit und der Lebensgesetze, oder
vielmehr die Mittheilung der Lebenswahrheiten und Lebensgesetze, ganz von dem Men-
schen zurückziehen und auf die Darstellung der Wahrheit und der Lebensgesetzte [sc.: gesetze] an und
durch den Gegenstand an dem und durch das Ding beschränken wodurch also der Mensch
also hinter die Sache und das Ding zurück gesetzt wurde; weil die Menschheit
noch ein unbekanntes in der Entwickelung begriffenes Unendliches ist, für welche
die Erkenntniß der Wahrheit und der Gesetze das Leben über allen Vergleich wichtiger
ist, als das Leben des Individuums, als das individuelle Leben des Einzelnen; dieses das Individuum bekommt auch von
einer andern Seite, nemlich von der Seite seines Strebens seine Rechtfertigung, wenn wenn auch gleich das menschliche
Individuum von dieser Seite der wirklichen klaren Darstellung der Wahrheit und der Gesetze des
Lebens, weit hinter der todten Sache, den sogenannt leblosen Dinge[n] zurück bleibt. Wenn das
nicht wahr wäre, lieber Langethal, so wäre die Zahl der Märtyrer der Wahrheit nicht
Legionen und es wäre nicht auf dem Gebiete der Menschheitsfortentwickelung durch
die Erscheinung eines Dinges und einer Sache, z. B. ein wenig Dampf oder einige Stäbe
durch deren Zusammensetzung man Bücher verfertigt mehr gewirkt als durch das Leben von Millionen von
Menschen, denke nur an die Afrikanische Menschheit (Neger) welche von der Ameri-
kanischen in Fesseln geschlagen worden; meynst Du nicht, daß da die edelsten menschlichen
Verhältnisse – Familienverhältnisse zu 100en im Laufe der Jahrhunderte vernichtet wurden?
Die Stufe der menschheitlichen Bildung ist erreicht, diese Stufe der mensch-
heitlichen Bildung ist das Eigenthum der jetzt lebenden Menschheit:
”daß der individuelle Mensch, daß der einzelne Mensch, daß das
”menschliche Individuum nach Maaßgabe seines Strebens und Lebens
durch das Christenthum Rechtfertigung, Anerkenntniß, Trost, Beruhigung
”ja sogar seinen Lohn findet, welches Schicksal ihm <sonst> auch immer auf
”im und während seines Erdenwallens, und Erdenwirkens, Erden-
”strebens werden möge; das Christenthum reicht dem Individuum
”für alles Entschädigen für alles Krönen, verwandelt Dornenkronen
”in Lilienkronen und Undank in ein Erndten ohne Aufhören.”
Diese Stufe der Menschheitbildung – Langethal ist für das Individuum vollendet:
Jeder findet nach dem Maaße dessen was er ist
den Lohn in sich.
Langethal, diese Stufe der Menschheitbildung, der Menschheitentwickelung ist
vollendet, d.h. sie ist gefunden; jetzt bedarf es nur noch, nur innerhalb ihrer was in der Natur
der Sache liegt – Ausbildung, Vervollkommnung, Verbreiterung d.i. Verallge-
meinerung dieser Entwickelungsstufe.
Wer dazu Beruf in sich findet der gebe sich ihm hin, diese Berufe sind groß, edel,
er findet das Höchste, er reicht das Höchste – Lohn in sich. – Ja noch mehr, Ahnung
eines Lohnes der Einheit.
Doch Langethal! die Menschheit bleibt nie stehen, im Augenblick der Erreichung
steht sie schon wieder auf der Stufe der Fortschreitung.
Eine andere, und nothwendig die demnächst neue Entwickelung der
Menschheit ist die: Die Ansprüche des Einzelnen, Individuums, erheben sich zu Ansprüchen
des Ganzen, die Ansprüche des Menschen des Einzelnen, erheben sich zu Ansprüchen der Menschheit. Also:
Die Erkenntniß, die Anerkenntniß,
der Menschheit, als eines Einigen, die
Rechtfertigung, also die Wahrheit, des Mensch-
heitlichen Lebens, der menschheitlichen Lebens[-]
gesetze. -
[Rand] * Alles kommt also auf die Erkenntniß an die sich als Können zeigt; merkwürdig ist der sprachliche Zusammenhang von kennen, und können z.B. er kannte die Sache u er kann die Sache pp pp /
[141R]
2. Wer nun aber als EinzelMensch auf diese ganz neue – noch nie dagewesene
durch mich und in mir zuerst ins Bewußtseyn
tretende Entwickelungsstufe der Menschheit
tritt,
tritt, [2x] der muß auch die Folgen dieses Trittes, das Loos dieses Schrittes tragen
können; Er darf sich hier nicht mit Unkunde, nicht mit Unwissenheit entschuldigen
denn ich trage viele Jahre von ihm die Folgen und das Loos, welches mit diesem
Schritte, mit diesem Tritte verbunden, unmittelbar verbunden sind; Es ist aber
keinesweges nicht nöthig, daß ihn wirklich diese Folgen und dieß Loos treffen, er
kann Folgen und Loos wenigstens in gewissem Maaße entgehen; wenn er ent-
weder den Anschauungen der höheren und menschheitlichen Lebensgesetze, die ich ihm gebe
prüfend und eingehend nachgeht, oder wenn er den Rath, den ich ihm in Einzelnen
Fällen gebe, befolgt [sc.: folgt] ; hält er sich aber schon selbst für weise, und er folgt nur
einem persönlichen Gefühl und will dennoch nun meinem in einem höheren
ganz allgemeinen Leben begründeten Handeln folgen, so muß er auch nicht brummen
klagen u mürrisch, rc rc seyn und werden, wenn ihn gleiches Schicksal wie mich trifft[.]
- Doch wohin verlaufe ich mich, ich wollte ja eigentlich nur ein Wort zur Entschuldigung
sagen, daß schon wieder nicht nur ein Brief, sondern auch in der Anlage ein Exem[-]
plar des S. Blattes folgt, um Dich mit der Fortentwickelung dieses Unternehmens immer
im Zusammenhang zu erhalten. Allein ich sehe und fühle gleich alles so tief in das Leben ein-
greifen, so daß ich mich dadurch sogleich in das Tiefste der Lebensbeziehungen hineinversetzt sehe.
Ich wollte Dir nur weiter aussprechen, wie Du Dich ja hüten möchtest, bey den jetzt
abermals sich wieder in so hohem Grade zeigenden starken Lebenserregungen in
unserm nächsten Lebenskreise, diese Erscheinungen persönlich und individuell an-
zuschauen; nein, Langethal! sie sind in sehr tiefen Lebensgesetzen begründet wovon
sehr viele klar und deutlich vor mir liegen und die ich Dir wohl alle aussprechen
möchte, wenn ich nur Zeit hätte; allein suche diese Gesetze zu erkennen, zu erfassen,
hüte Dich einseitig auf der Oberfläche zu bleiben wie Middendorff, welcher demohn[-]
geachtet glaubt er sey allgemein; ja in der Beziehung ist er allgemein, daß er Forderung[en]
andern und für von andern für sich macht, die er selbst nicht erfüllt. Doch was habe ich
es mit der Person zu thun; zwey Wahrnehmungen wollte ich Dir aussprechen[:]
Erstl. Wiederkehrend sehe ich bestätigt daß Lebensverbindungen – welche
sich leicht u schnell von Gemüthe aus anzuknüpfen scheinen, später
einer sehr harten Lebensprüfung entgegen gehen; - wie dagegen
andere Lebensverbindungen, welche vom Anfange mit einer gewissen
Entgegnung oder Stöhrung zu kämpfen haben, sich später um so fester und
klarer entwickeln. Anschauungen; Lebensanschauungen und Commenta-
re zu diesem Satze, brauche ich nicht hoffentlich Dir nicht zu geben.
Zweytens. Daß, wie eigentlich alles im Leben im Gemüthe seinen Grund, seine Quelle
hat, so auch nichts nachtheiliger wirkt als Gemüthstheilung oder gar Ge-
müthstrennung. Es darf eine Gemüthstheilung eine Gemüthstrennung nur scheinbar
da statt finden, wo eine höhere allgemeinere Geistes[-] und Lebenseinigung statt-
findet; wie dieß z.B. so schön die Doldengewächse zeigen: [Zeichnung] a und b stehen
einander getheilt gegen über, allein sie sind im allgemeinen c verbunden;
a, b steht dem a, b getrennt gegenüber, aber sie sind in x geeint[.]
Hättest Du nun zwey solche Leben z.B.
a b c, a,b,c und x – und a’b’c’, a’, b’, c’ [und] x’ [Zeichnung]; ich will einmal das erste
Dein Berufsleben als Vorsteher im Waisenhause z. Burgdorf und das
zweyte Dein Vereinsleben mit mir und meinem jetzigen Unternehmen
<-> nennen und annehmen, so mußt Du für beyde ein höher liegende
Allgemeines ξ aufsuchen; nur auf diese Weise kann Getheil-
tes und Getrenntes nebeneinander bestehen.
In den Punkten x und x’ und ξ mußt Du Dich
mußt Du Dich aber vor jeder Zertheilung hüten, sonst
zerfällt das Leben; oder wo zwey Leben
a b c a b c } x und a’b’c’ a’b’c’}x’ einander getrennt
und fern gegenüberstehen – wie z.B. Dein
Berufs[-] u Amtswirken als Vorsteher rc in Burgdorf meinem freyen
Wirken und freyen Erzieher Leben hier in Blankenburg ganz getrennt und
fremd gegen über stehen, da muß ein höherliegendes nicht nur theoretisch
aufgestellt, sondern auch practisch nicht nur im Gefühl u Gemüthe, sondern
auch im Leben gepflegt werden. Was nun diesen zweyten Punkt betrifft da hat
Middendorff so tief, tief gegen seine Familie gefehlt; darum trifft ihn, was ihn trifft. /
[142]
Middendorff ist überhaupt in Beziehung auf das Leben zu sehr Theoretiker [.]
Er hat versäumt von seinem Erzieher Berufe aus thatkräftich
und von seinem häuslichen Familienleben aus lebendig das Dritte, Einende, ich nenne
es c oder x oder ξ zu entwickeln und so steht aus seiner, und durch
seine eigene Schuld und weil er mir dem Lebens- und Gemüthserfahre-
nen nicht gefolgt hat [sc.. ist] – sein häusliches u Familienleben, und
sein Erzieher[-] u Berufsleben
sich, ich will nicht gerade zu sagen feindselig, aber oft fremd und entge[g]-
nend gegen über und zu seiner Unklarheit bringt er noch die Thorheit
darüber gereizt u empfindlich zu seyn rc rc.
Middendorff hat frühe versäumt als Gatte u Mann sich mit Albertinen in Be-
ziehung auf Lebensanschauungen auszugleichen, noch weniger sich zu einen. Der
thörichte Mensch hat von andern dieses verlangt. Als wenn dieß Menschenmög-
lich wäre. Wenn Middendorff nicht seinen tiefen Lebensmissgriff fühlte
wenn Du ihm mit Deiner Ernestine als ein sich gefundenes, <-> ausgeglichenes
und einiges Ein, wo zwischen Euch beyde nichts steht, als was eben wieder
Euch beyde Einigt ein c oder x oder ξ – ich sage, wenn Ihr ihm nicht sein
Unrecht fühlbar nicht nur, sondern einsichtig und ablegend macht, so kann
er noch lange Wimmern und noch viele Elisen können ihn rechtfertigen wollen
und nichts wird, kein Gott kann ihn retten vom Widrigen des Lebens. –
Noch Eins Langethal, - ich habe gesagt ein c oder ein x oder ein ξ
muß das Einigende Vermittelnde seyn; allein es darf nicht wieder
ein a oder ein b, ein a oder b, rc seyn, d.h. es muß eine höherliegende
Allgemeinheit seyn.
Bin ich Unklar? – Nun so will ich recht klar seyn denke Dir
einen Vater, Mann u Frau. Die Frau suche Vermittelung zum Leben
des Mannes. Nun habe ihnen Gott einen Sohn gegeben. – Der Sohn,
als Kind, ist natürlicher Vermittler zwischen Mutter u Vater, Gattin
und Gatte, Frau u Mann. Nun wollte aber die Mutter, die Frau den Sohn als ihren
Geliebten lieben; was meinst Du? habe die Frau
die richtige oder habe sie die unrichtige Vermittelung ergriffen? –
Lieber Langethal, die Anschauung ist hart, aber sie ist wahr und findet
im Leben in und außer dem häuslichen seine Anwendung. Ist die Ver-
mittelung recht, auch wenn die Mutt Frau sage: ich liebe im Sohn den Mann? -
Alles dieß, lieber Langethal, soll Dich nur ein Wenig vorsichtig machen, damit
Du nicht mit Deinem Urtheile auf die Nase fallest d.h. Dich in Deinem Urtheile nicht zu Deinem Nachtheile irrst.
Noch Eins was uns beyden näher liegt – Du bist jetzt Vorsteher,
oder wie Du Dich selbst nennen willst, in Burgdorf - Ich bin allge-
meiner Menschen- u Menschheitserzieher -
Du - hast einen besondern Beruf,
ich – habe einen allgemeinen Beruf, ein allgemeines Wirken
das Allgemeine steht theoretisch über dem Besonderen;
was würdest Du u Burgdorf dazu sagen, wenn ich Deine Burgdorfer
Wirksamkeit meinem allgemeinen Wirken unterordnen wollte? -
Mein Langethal! mein Streben muß, wenn es ächt ist, dahin gehen
zu machen, daß Du in dem Kleinsten Deines besondern Berufes
das Beste meines allgemeinen Wirken beförderst. Können wir beyde
das nicht, so handelt einer von uns beyden oder wir beyde schlecht.
Darum soll auch einer nicht, in Sorgfalt für seinen häuslichen Beruf, sein allgemeines
Wirken – und nicht bey seiner Sorgfalt für allgemeines Wirken,
seinen häuslichen oder besonderen Beruf vernachlässigen.
Kann ich gar nicht klar werden? –
Wie handelt nun der, der in ein solches Wirken, was nur Männer
mit dem Seziermesser ihres Verstandes klar machen können, der in
ein solches Verhältniß weibliches Leben u weibliches Gemüth, über[-]
dieß jungfräuliches Leben u jungfräuliches Gemüth einwirkend macht
macht – nicht nur blos einwirken läßt? – Sapienti sat. [sc.: Der Eingeweihte weiß Bescheid] –
[Rand*-*] [*] Ich habe Dich und Euch l. L. oft darauf aufmerksam gemacht, daß mein Denken und Erkennen obgleich ein ganz persönliches, individuelles doch in seinem Wesen und in seinem Gegenstand allgemein menschheitlich sey; so eben liegt als Beweis vor mir. Der Gedanke der Selbsterziehung, Selbstbildung, Selbstbelehrung, wie er sich in der jetzt von mir begonnenen Anstalt ausspricht, ist ein reines Product meines Geistes. Und jetzt sehe ich daß ein Marburger Prof. eine Vorlesung hält: Über die Grundsätze der Selbstbildung im wissenschaftlichen Berufe. Du siehst wie mein Gedanke diesem begründend <ist.> [*]
*
Wilhelm Clemens ist am 18en Oktober hier eingetroffen um von hier nun
an den Ort seiner Bestimmung abzugehen; ich denke er wird den kommenden
Montag oder Dienstag also den 23en oder 24n dieses von hier abreisen und so hoffe
ich er wird noch vor dem 10n Nov wenigstens bey Dir im Burgdorf ein-
treffen; er könnte freylich sogleich in sein künftiges Verhältniß eintreten, wenn /
[142R]
er den Namen der Familie genau und ganz besonders den Wohnort
derselben wüßte.
Es ließe sich dieses nun wohl herstellen, wenn Du die Adderesse in einem
Briefe ”An den Kunstgärtner Wilhelm Cl. Post restante nach Schaffhausen
sendetest. Allein Wilhelm wünscht Dich vorher zu besuchen und ich halte dieß
auch in vielen Beziehungen für das Beste, er könnte dann sogleich mit ein Paar
Zeilen von Ri[e]s eingeführt werden; bewegte sich wenigstens einen Tag bey
Dir frey in einem schweizerischen Leben; knüpfte ein inneres Lebensband
mit Dir an; besuchte vielleicht auch die Fr: v. <Ertich> [.]
Ich glaube, daß es gar sehr wichtig ist das Leben Wilhelms bey seiner großen
Anhänglichkeit an das unsere zu pflegen, er kann nicht nur durch seinen Stellung nach
gar vielen Seiten hinausgleichen, vermittelnd, klärend oder wie Du es sonst nennen
willst, stehen; sondern er kann sogar durch sein praktisch wirksames und wie
ich hoffe sittlich festes Leben ein mehr als nur redender, eben ein wirksamer
Beweis für unsere Strebungen seyn.
Wichtig halte ich auch seine Neigung zur Kunst, zur zeichnenden Kunst, durch
diese Neigung wie durch seine Fertigkeiten zur Befriedigung dafür dünkt mich
könnte er vielleicht schon jetzt wirksam in [sc.: für] unser allgemein menschliches Leben
Unternehmen: zur frühen Pflege des Thätigkeitstriebes im Menschen im Kinde
werden. Ich meyne so[:]
Er ist nemlich nicht ohne Anlage zum Zeichnen von menschlichen Figuren; er
hat mir hier einen kleinen Beweis gegeben den er Dir vorlegen kann.
Nun halte ich die Mittheilung von Spieß (Elementen) begründenden Körper[-]
Übungen; begründendem Turnen durch Zeichnungen und Lithographien zugleich
zur Verdrängung der leeren Bilderbogen als etwas sehr Wesentliches fest.
Alles muß nun vom Kleinen und Unbedeutenden Unvollkommenen besondern
ausgehen damit es nur erst erscheine und das Vollkommene möglich werde.
Wie wäre es nun wenn Wilhelm versuchte unter Spieß Leitung
einige von diesen begründenden ersten Turnübungen zu zeichnen? -
Wilhelm ist gar sehr geneigt dazu; er hätte dann für den Winter in
seiner Einsamkeit eine angenehme Beschäftigung, denn die in Burgdorf
gemachten Skizzen könnte er in seinem Wirkungsorte auszeichnen;
er gewönne so ein Streben lieb, welches einst in der Zukunft von Seite
der Natur sogar sein eigenes werden könnte u.s.w. und so weiter; Du müßtest freylich dem
Wilhelm gleich vom Anfange herein so stellen das [sc.: daß] Spieß nicht
eine vorgefaßte Meynung gegen ihn fasse, wegen der Unvollkommenheit
seiner jetzigen Leistungen. Du müßtest dem Wilhelm erst Gefallen und Lust
an diesen ersten Übungen selbst beybringen und dadurch den Spieß für ihn,
und für den Dir angedeuteten Gedanken gewinnen. Nun überlege es. -
Wilhelm hat sogar einige Kenntnisse vom Zeichnen auf den Stein.
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Nun Mittheilungen aus dem Kreise.
Am 18 Oktober war wie gewöhnl Feuer auf dem alten Steiger. Es waren
6 oder 7 Gymnasiasten aus Rudolstadt mit aller hand Schießgewehr da[.]
Und als Barop: Allen den Männern und ihren Mannen, welche vor uns
für Freyheit gekämpft haben ein donnerndes Lebehoch brachte wurde eine
allgemeine Salve gegeben. -
Gestern ist in Keilhau der 3e Zögling für dies Halbjahr aus Wunsiedel
eingetreten. -
Allein über eines werdet Ihr Euch gar so sehr wundern als es Euch
alle überraschen wird: - Laura Bähring in Eichfeld ist Verlobte
Braut von dem HE Pfarrer Graf oder Graff in Engeroda, 2 Stunden
unter Rudolstadt im Altenburgischen. Die Hochzeit soll seyn ehe die Frau
Pfarrerin Eichfeld verlassen wird, also spätestens zwischen hier [sc.: jetzt] u Ostern.
Diese Verlobung bringt ein großes Gemisch von Gefühlen mit sich. DHE Pfarr[er]
wird als ein sehr geachteter Mann genannt. Es gieng aber doch alles für
mich doch gar zu schnell; verflossenen Freytag war Verlobung. Laura ist
sehr glücklich; sie soll sogleich beym ersten Anblick eine starke Neigung für ihren
jetzigen Verlobten gefaßt haben, welchen sie jedoch erst mehrere Wochen nach ihres
Vaters Tode u er [sie] vor wenigen Wochen zum ersten male sah; wo [er] in der jetzt er-
reichten Absicht gerad zu zu Pfarrers (vermittelt d[urc]h den Schullehrer) kam. -
Wüßten wir doch nur erst mit welchem Erfolge Du von Deiner Reise zurück gekommen.
Gott gebe mit dem gehofft Besten! –
Durch Wilhelmen wird meine Frau an die Deine schreiben. Jetzt grüße sie wir sind
nur glücklich daß sie und Du durch Elisen u Middendorff jetzt so kräftige Hülfe habt. Gott befohlen Fr.
[Rand*-*] [*] Durch den Drucker dem zwey Druckwalzen nach einander barsten, bin ich fast um 14 Tage zurückgekommen; Auch der Lithograph hat mich aufgehalten. – [*] /