Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 23.10.1837 (Blankenburg)


F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 23.10.1837 (Blankenburg)
(BN 106, Bl 16, undat. Entwurf ¼ Bl fol ½ S.; UBB 44,Bl 143-144 Brieforiginal 1 B 4° 3 S.)

a) Entwurf

Einiges, junges frisches
thatkräftiges muthig u hoffnungsvolles MenschheitsLeben
begrüße Dich Lieber Langethal Deine Frau
u die übrigen Lieben unseres Kreises in Bur[g]do[rf] u Will[isau]
durch den Überbringer dieses Wilhelm Clemens[.]
*
Der Überbr Ich läugne nicht daß ich mich gar
sehr
der Überkunft dieses Jünglings zu Euch
sehr freue, er kommt unmittelbar von uns aus
unserm Leben u doch nicht von uns er kommt aus
einem g[an]z andern u fremden Leben, allein er
hat sich die Einigheit des Gemüthes, die Einigkeit
des Gemüthes u des Lebens bewahrt, er findet
in seinem Streben das unsere u meine u in meinem
die Stütze u die Förderung des seinen; Er trägt
mein u unser Leben pflegend in sich u doch
tritt er nicht unmittelbar in unsern Kreis
er tritt in einen <fremden> mir un[-]
bekannten in mir u äußerlich fremden Beruf u Wirksam[keit]
und doch wirkt er unmittel[-]
bar im Geiste unseres Lebens auch
in seinem Berufe und so ist sein Leben
ein einiges mit uns denn er hat
sich die Einheit
des Lebens u Handelns, des Erkennens
u Thuns Bewahrt.
*Ich freue mich nochmals ausgesprochen das [sc.: daß] unser Aller Blick sich sich [2x] am
solchen Punkt sich einige, in einen solchen Zukunftspunkt; das noch schwankende wird
hoffe ich sich stärken und das noch stöhrende sich abstreifen [.*]
Zwar ist er noch
nicht d[urc]h die Tage der Prüfung hind[urc]h allein
zunächst können wir doch alle Erkennen
daß eine solche Einigung des Gemüthes
u Lebens, der Befriedigung des besondern
u des allgemeinen Lebens wohl im
Menschen möglich ist; ungegründet freuen wir uns jetzt dieser
Erscheinung ohne uns jedoch bestimmter [Erwartungen hingeben zu können.]
Und im Gegentheil ist all unser Sicher[-]
Streben in die Zukunft u für Zukunft
unserer Kinder leer u nichtig mindest[ens] mandelt [sc.: mangelt] ihnen
ihr wahrer Beziehungspunkt
und Grund wenn wir nicht allem zu vor für ihre
Erziehung als Mensch Sorge tragen[.]
Im Gegentheil ist alle Sorge
für die Zukunft derselben unbegründet[.]
Wir erhoffen daß jedem die Überzeugung
u Lebenserfahrung hervorreife
das reine Gefühl der Gemeinsamkeit
ist die Menschlich stärkende erhebende
möglich machende
Erwartung für die Zukunft <hingeg[en]>. Vielleicht
ist es wesentl[ich] heilsam für ihn
daß wie er aus unserm Kreise u nicht auch
kommt so auch wieder in unsern Kreis
u nicht in unsern
Kreis tritt; vielleicht wirkt darum
das stöhrende alles erscheinenden Lebens um so
weniger trübend in das seinige ein u der
vielleicht ist es dann der reine allwaltende Geist der ihn
trägt u erhält ihn der seine Gesin[nun]g vor zwei der Er-
greifung des Zweifels sichert.-
Die Einigkeit des Naturlebens bewahre
ihn vor den Zweifel des Menschenlebens
u lasse ihn so auch die Einheit des Menschen[-] u
Menschheitslebens finden. - Du l.[ieber] L.[angethal] in Deiner
beachtenden Naturpflege kannst viel dazu
beytragen ich hoffe u erwarte es von Dir
doch weniger geknüpft an das Wort als an die
Sache u Erscheinung.
Empfiehl ihn als unsern meinen u unsern Sohn den Familien von E. u v. E.
nicht um ihn dad[urc]h der Erfüllung seiner thät <werkthätigen> Berufspflichten zu
entziehen, sondern um ihm dad[urc]h ein Mittel zu geben sich in allem guten u tüchtigen
zu stärken u alles stöhrende u fremdartige Entfernen [zu können], die Wirkung des <fr[ie]dlichen>
Familien[-] u edlen Frauenlebens wie mir das v. E.- sehr geschildert worden
[vermag dazu viel.] /
[16R]
Dieß Euch allen zur Begrüßung.
Nun L.[ieber] L.[angethal] an Dich [noch] einiges Besondere. Wilhelm hat einige wie überhaupt nicht gewöhnlich Anlage zur Zeichnung vermag dazu viel vom Leben so
früh Lust u Anlage zum Zeichnen persönlicher Darstellungen. Ich habe ihm nun meine Gedanken
wegen Zeichnen der elementen begründenden Körper Turnübungen als Bilderbogen für die Kinder
mitgetheilt er hat diesen Gedanken freudig aufgenommen u er meint dad[urc]h eine Abwechslung seiner Winterbeschäftigung zu erhalten. Ich wünsche mir L.[ieber] L.[angethal] daß Du [diesen Gedanken pflegend aufnimmst.]

b) Reinschrift

Blankenburg am 23en Oktober 1837.


Junges, frisches und einiges,
Thatkräftiges, muth- und hoffnungsvolles Menschheitsleben
begrüße Dich lieber Langethal u. Deine Ernestine
so wie die übrigen Lieben unseres Kreises in Burgdorf und Willisau,
durch den Überbringer dieses
Wilhelm Clemens.

Ich läugne nicht, daß ich mich der Überkunft dieses Jünglings zu Euch gar sehr freue,
ob er gleich nur im Vorübergehen bey Euch einspricht und obgleich die Stufe seiner Entwicke-
lung und Ausbildung noch viel zu wünschen übrig läßt; er kommt unmittelbar von uns
und aus unserm Leben und doch auch nicht: er kommt aus einem ganz andern und uns fremden
Leben, allein er hat sich die Einheit des Gemüthes, die Einigkeit des Gemüthes und des Lebens
erhalten, er hat sich bis daher das Gefühl bewahrt die Rechtfertigung und Pflege des Gemüthes
auch in unserm und meinem Leben zu finden auch bey strenger Forderung und Anforderung
der Erfüllung der Pflichten im Einzelnen Besonderen und Einzelnen; er findet in seinem Streben
und Leben das unsere und das meine, und in meinem die Stütze und Förderung des seinigen.
Er trägt mein und unser Leben pflegend in sich und doch tritt er nicht unmittelbar in
unseren Kreis, wird kein unmittelbar wirkendes Glied unseres Kreises, er tritt in
einen mir fast fremden und unbekannten Beruf und solche Verhältnisse, dennoch wird sein
Leben in demselben noch ein einiges mit dem unsrigen seyn und er in dem Geiste desselben
schaffen und wirken, und so eint Wilhelm in sich und in seinem Leben die entschiedensten
Gegensätze und ihre Ausgleichung, denn er hat sich bis jetzt die Einheit des Lebens, des
Fühlens und Handelns, des Erkennens und Thuns gepflegt.
Nochmals ausgesprochen, ich freue mich daß unser aller Blick sich in einem solchen Punkte
einige; schauet in der Einigung des Gemüths und Lebens des Jünglings die Einigung des Ge-
müthes und Wirkens des Mannes, des meinigen; es wird zum Heil zur Erfrischung und
Belebung des Ganzen seyn. Wilhelm ist zwar noch nicht die Tage der Prüfung hindurch;
allein zunächst können wir doch alle in seinem Leben erkennen, daß eine solche von uns
angestrebte Einigung des Gemüthes und Lebens, der Befriedigung der Forderung und Pflichten des beson-
deren und allgemeinen Lebens im einzelnen Menschen wohl möglich ist. Freuen wir uns
nun jetzt dieser gegeng gegenwärtigen Erscheinung ohne uns jedoch bestimmten Erwartungen für
die Zukunft hinzugeben. Vielleicht ist es wesentlich heilsam für ihn, daß, wie er
aus unserm Kreise kommt und auch nicht, er nun auch jetzt wieder in denselben tritt
und auch nicht eintritt, in und für das Ziel desselben wirkt und doch auch wieder gar nicht. /
[143R]
Vielleicht wirkt dadurch nun das Stöhrende alles erscheinenden Lebens - (:obgleich
keine Geburt eines höherern [sc.: höheren] Lebens in <irdischer> Erscheinung ohne Schmerz und Widerwärtigkeit möglich ist:) -
um so weniger trübend und schmerzlich in das seinige ein, und vielleicht ist es
dann das reine Walten des einigen und darum wieder einigenden Geistes
der ihn im Leben und durch das Leben trägt und seine Gesinnung und sein Ge-
müth vor der Ergreifung des Zweifels sichert.-
Die Einigkeit des Naturlebens bewahre ihn vor dem Zweifel des Men-
schenlebens und lasse ihn so auch die Einheit des Menschen- und Menschheitsle-
bens finden. Du lieber Langethal, in Deiner treusinnigen beachtenden Na-
turpflege kannst viel dazu beytragen und ich hoffe und erwarte es von Dir
doch weniger geknüpft an das Wort als an die Sache und das Leben. Bewahre
mir und uns einen Sohn es wird Heil und Seegen bringen, wir wollen nicht ab-
warten wem und nach welcher Seite hin am meisten. Lasse Dir die jüngsten
Mißgriffe im Kreise, welche Du selbst erkanntest, belehrend seyn.
Empfiehl lieber Langethal, den Wilhelm als meinen und unsern Sohn den Familien
von E. und v. E., nicht um ihn dadurch der Erfüllung seiner werkthätigen Berufs-
pflichten zu entziehen, sondern um ihm dadurch ein Mittel zu geben, sich in allem
Guten und Tüchtigen zu stärken und alles Stöhrende und Fremdartige aus seinem
Leben zu entfernen; die Wirkung des einfachen menschlichen Familienlebens,
und des edlen Frauenlebens wie mir das v. E.- sehr geschildert worden, ver-
mag, Du weißt es aus eigener Erfahrung dazu viel. Mache unserm Wilhelm
diesen Seegen gar theilhaftig.-
Dieß Dir und Euch allen zur Begrüßung.
Nun lieber Langethal an Dich noch einiges Besondere.
Wilhelm hat, wie überhaupt nicht gewöhnlich Anlage zum Zeichnen, beson-
ders zum botanischen Pflanzenzeichnen, so auch Lust und wohl auch Anlage zum
Zeichnen persönlicher Darstellungen. Ich habe ihm nun im Laufe unseres Gespräches
und der Versicherung meiner hiesigen Thätigkeit, noch meinen Gedanken wegen
Zeichnen der begründenden Turnübungen als Bilderbogen für die Kinder mit-
getheilt; er hat diesen Gedanken selbst zur Ausführung für sich freudig ergriffen[.]
Er meynt dadurch eine Abwechslung seiner Winterbeschäftigung zu erhalten[.]
Ich wünschte daher l. L. daß auch Du diesen Gedanken pflegend aufnehmest.
Wenn auch die ersten Ge Darstellungen sehr unvollkommen wären, die Kunst
wächst, übt, bildet sich dadurch, wie sich der Gedanke klärt[.] Du müßtest nur sehen /
[144]
wie Du H. Spieß für das Ganze g und besonders für Wilhelm persönlich gewännest.
Doch ich habe mich Dir darüber schon im jüngsten Briefe darüber ausgesprochen; allein ich glaube
es wäre gut, wenn Wilhelm eine solche besondere Verbindung mit uns behielt; Du sagst
ja selbst: wir gewinnen lieb, für was wir thätig seyn können.-
Da es sich um Einigung Klärung und Feststellung des Lebens handelt, so benutze
ich diese Gelegenheit Dir l. Langethal hier alle die Briefe zu überschicken, welche
ich Dir schon in einem meiner vorigen Briefe versprach; möge ihr Studium
dazu dienen das Leben in seinen besondern und allgemeinen Forderungen zu erfassen
zu verstehen und zu rechtfertigen; dazu beytragen können sie gewiß wenn man sie
nicht nur als eine vorübergehende, sondern als eine vielfach tiefbegründete Erscheinung betrach[-]
tet.
Zunächst empfanget sie als ein Zeichen der Lebenswahrheit und als Gruß von mir.
Friedrich Fröbel

+

Eben jetzt wo Wilhelm aufbricht und man ihm, wie jedem Scheidenden gern et-
was aus dem Leben zum Abschied und zur innern Lebensverknüpfung giebt,
fällt mir ein, Du l. Langethal könntest ihm die "Grundzüge der Menschen-
erziehung" und die "Menschenerziehung" von mir und in meinem Namen zu-
gleich als eine Gabe von Dir zum Andenken geben; man weiß ja nicht wo
und wie einmal der Mensch in sich selbst greifen, sich selbst und die Menschheit
in sich ergreifen und sie und ihr Wesen festhaltend, aus sich selbst sie pflegend
hervorleben wird.-
FrFr.
[144R]
[leer]