Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 31.10.1837 (Blankenburg)


F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 31.10.1837 (Blankenburg)
(UBB 45, Bl 145-146, Brieforiginal 1 B 8° 4 S.)

Blankenburg am Jahresfest der Freywerdung des Menschen-
geschlechtes und zunächst der Deutschen in Wort und Schrift
am Jahresfeste der Reformation durch den Deutschen Luther.

Wie des Wortes und der Schrift, so vor allem der Stimme Kraft
Dir wieder als frisches GottesGeschenk zu Deinem seegensreichen
und mühevollen Berufe der Menschenerziehung; dieser Herzens
Wunsch Dir zum Gruß, lieber Langethal.
Du hast uns durch Deine zwey lieben Briefe aus Vevay und Brgdrf
gar sehr erfreut; Gott möge nur geben daß sich Deine Hoffnung
zu einer völligen Wiederherstellung Deiner Gesundheit recht bald
und zur vollkommenen Befriedigung bestätigen mögen. Können nicht nur
die besten Wünsche sondern auch das reinste Gebet etwas dazu vermö-
gen so kannst Du beydes von uns versichert seyn. Meine Frau be-
sonders denkt mit den heißesten sich im Gebet endigenden Wünschen
Deiner Gesundheit schon mit Beginn wie noch mit dem Schluß des Tages.
Beym Empfang Deines jüngsten Briefes an uns sagte sie: Langethals
Briefe aus Burgdorf sind mir doch die schönste Gabe hier in Blanke[n]b[ur]g.
Dieß als kleinen Dank für Deine fleißigen Mittheilungen.
Wir haben uns gar sehr, sehr erfreut daß es Dir auf Deiner Reise
so wohl ergangen ist möge sie Dir Gott sowohl in Beziehung auf Deine
Gesundheit wie in Beziehung auf Dein reges lebenvolles, eingehendes u.
hingebendes Wirken seegnen.-
Warum ich Dir nun heut schon wieder schreibe?- Der Grund ist
ein doppelter zunächst.
Erstlich erhalte ich so eben ein paar Zeilen von Deinem Bruder aus
E.- er schreibt mir:
"Von Berlin aus habe ich Nachricht von meinem Bruder Chr:
"welcher sich einige Tage dorten aufhielt, in 4 bis 6 Wochen
"soll seine Sache zu Ende seyn ob gut oder schlimm."-
Zwar hast Du kürzlich Durch W. A. ausführliche Nachricht
von Deinem Bruder G.- erhalten, doch glaubte ich, daß Dir viel[-]
leicht diese wenigen Zeilen zur Ergänzung lieb wären und so
wollte ich solche Dir so schnell als möglich mittheilen.
Weil ich nun einmal bisher Dir immer ein S. B. sobald mir selbst
ein solches zur Verfügung stand durch die Post unmittelbar mit-
getheilt habe, so wollte ich solches auch bey der letzten No nicht
unterlassen um Dich immer im lebenvollen Zusammenhange mit der Fortentwickelung
dem des Ganzen zu erhalten. Dieß ist also der
Z zweyte Grund warum ich Dir schon heut wieder schreibe. Da-
mit wenigstens Dir für Deine Person und für De[i]n unmittelbares
Wirken alle Mittel des Ganzen sogleich zu Gebote stehen so[-]
bald sie sich hervorgebildet haben.
Zu diesen letzteren bestimmt mich nun noch wie Deine jetzige Stellung
und Wirksamkeit überhaupt, so besonders Dein letzterer Brief[.] /
[145R]
Du beschäftigst Dich jetzt viel mit der Feststellung der begründenden
Kinderpflege, wozu Du jetzt als Mitglied nicht nur sondern wie ich
glaube als Mitbegründer des Vereines für elementarbildung [sc.: Elementarbildung]
sogar verpflichtet bist. Da ist es nun ganz vor allem wichtig daß
Du Dir recht klar machest was Elementarbildung sey und heiße und
wodurch sie ge- und begründet werdet [sc.: werde][.]
Daß Du da von dem Wesen des Menschen nicht von dessen Erscheinen
und dessen Verhältnissen, und von dem [sc.: den] mit dem Wesen des Menschen
nothwendig gegebenen Entwickelungsgesetzen, Bedingungen und Forde-
rungen ausgehen müßest brauche ich Dir nicht zu sagen und will es
Dir hier nicht sagen. Ich an und für meinen Theil will Dir nur alle
die mir zu Gebot stehenden Mittel mittheilen damit Du Dir darüber
so klar werden mögest, als es Deine jetzige gesammte Entwickelungs-
stufe nur immer möglich macht; dann wollte ich Dich aber beson-
ders auffordern, wenn Du klar und sicher bist, doch ja um alles
in der Welt Dich vor Accommodation zu hüten sondern fest und
gerad, das heißt nicht starr, durch zu gehen. Durch Accommoda-
tion weil sie immer nur ein unmerkliches kleines [sc.: Kleines] fordert kommt man
auf solche Abwege in ein solches Labyrinth in solche Untiefe daß
man sich zuletzt gar nicht mehr halten kann. Halte, um alles
in der Welt halte Dich in Deiner Stellung frey als Mann u vergiß
nie, bedenke es stets nur der freye Mann kann für Freymachung
und Freywerden wirken.- (:Middendorff z.B. (ich muß Beyspiele
aus der nächsten Nähe wählen[)] war und ist ein GemüthsUnfreyer
und darinn ist das Wirren begründet in welchem er sich seit länge-
rer Zeit befindet; ich wollte ihn frey machen allein er glaubte mir nicht
warum?- weil ich kommen sehe was nun alles gekommen ist und ich
tief im Gemüthe davon ergriffen war und mich so ergriffen ihm dar[-]
über aussprach. Studiere Middendorffs innere Geschichte der letzten
zwey Jahre sie ist wichtig[.]:) - Halte Langethal die Wahrheit fest wenn
Du so glücklich gewesen bist sie zu erkennen allein nicht in Starrheit
und Erregtheit sondern in Milde wie das Licht - der Wahrheit Bild
die Hellung und die Farben. Euer Verein den Dir Gott gab muß
Dir wie ein Acker wie ein Garten seyn.- Arbeite, wende das
Wenige was ich Dir mittheile sogleich entweder für Dich allein
oder im Kreise Deiner Vertrautesten oder im Kreise Deiner Kinder
an, damit Dir der Geist dessen was ich Dir mittheile auch kund
werde und über Dich komme. Ich sage Dir nur daß er ein überschweng[-]
licher ein all erfassender, ein alles deutender, ein alles <durchtragender>
alles durchlichtender ist, könntest Du doch nur 1 Tag mit mir arbeiten
denn ich kann noch immer nicht genug meine Kraft vervielfältigen
um ihn zu gestalten um ihn festzugestalten zu krystallisiren.
Langethal nie muß[t] Du in Deinem Vereine blos reden, hüte Dich
dafür wie vor dem griechischen Feuer; immer muß ein Apparat
zu Deiner Seite stehen an welchem und durch welchen Du gleich
alles gestaltest, schaff[s]t, zeigst, wie ein Magiker. /
[146]
Das erste können die Andern bis auf einen gewissen Punkt - (:
nemlich bis auf den Punkt des Fühlens und der Er- und Durchlebt[-]
haben dessen was wir sprechen:) - besser als wir vom letzte[-]
ren aber verstehen sie nichts; Also Langethal nie ohne Sach-
Darstellung und am besten nie ohne Handgreifliche Belege etwas
vorgeführt oder mitgetheilt.
Langethal Ihr wollt so gern daß ich wahr sey wahr bin und bleibe
und Ihr habt Recht; sinkt und schwindet meine Wahrheit, so
wankt für einige Zeit wenigstens die Eurige und dieß ist schon Nach-
theils genug; darum macht nun auch das [sc.: , daß] meine Rede Wahr
sey d.h. zeigt sie in ihrer innern Wahrheit. Ich habe Dir schon einmal
die Stelle im Laien Brevier Nov: 2. S[.] 241 im 2en Halbjahr
mitgetheilt, lies sie jetzt nochmals Du kannst sie nicht oft genug
lesen, nicht oft genug durchdenken, nicht oft genug anwenden,
d.h. nicht oft genug wahrmachen[.]
Sohn oder Freund das ist zwar eines doch findest Du
darinn noch einen Unterschied so füge noch hinzu:
"So sagt der Freund auch recht zu seinem Freunde."
Nun habe ich gesagt und oft gesagt:
Wenn nur erst zwey Menschen gleich von der Wahrheit
durchdrungen, gleich von der Wahrheit belebt, gleich für die Wahrheit
schaffend thätig sind, so ist es schon gut, wenn nur erst das einge-
treten ist, so ist die Offenbarung, die Gestaltung der Wahrheit, ihre
Enführung ins Leben ihre Wiedereinkehr bey den Menschen schon
gewiß. Mach daß dieß Wort lieber Lgthl durch Dich und mich
Wahrheit werde. Wenn Du nur den so einfachen Gyger sehen
solltest so würdest Du die Wahrheit darin leibhaftig sehen.
Mein theurer Lgethl ein Wort im tiefsten reinsten menschlichen
Vertrauen: - Wolle ja nicht gleich alles besser machen als
ich; trage es wie ich geduldig wenn man doch wegen der unvollkomm[e]-
nen Darstellung muckt; ich weiß die Unvollkommenheit so gut wie
die welche mich mucken, wenigstens fühle ich sie schmerzlicher als
sie, aber mache nur von allem mit mir schaffe nur vor allem
mit mir daß die Sache steht ich weiß nicht ob Dir der Thüringsche
Ausdruck bekannt ist von gesetzten Pflanzen: - mache nur
zuerst daß sie <bekleibt> die Wahrheit, d.h. daß die Pf[l]a[n]ze
selbstthätig Nahrung an sich zieht Wurzel schlägt rc.-
Zum besser Machen liebster Lgethal giebt es später Men-
schen genug wenn nur erst die Sache um die es sich handelt selbst
da ist. Siehe lieber Lgthl wenn an einer jungen Wahrheit gleich
Anfangs von ihren Bekennern so vieles verbessert wird, so geht
es damit wie einer Pflanze welche <mann> eben wenn sie zu grünen
beginnt aus dem Boden ausreißt und in einen bessern verpflan[-]
zen will, sie vergeht zuletzt; oder es geht damit wie mit
einem Zögling welchen die Eltern immer aus einer Anstalt in
eine andere thun es wird zuletzt ein Nichts daraus. Unser /
[146R]
Leben kann Dich lehren: - Wie unvollkommen war Wartensee
allein ich hielt es fest. Wie unvollkommen war Willisau
allen wir halten es fest - und - Burgdorf erkeimte. Darum
laß Dich nur nicht durch das Geschrey der Unvollkommenheit stöhren
<Begreife> Lgthl - die Unvollkommenheit ist die Bürgschaft der
Vollkommenheit da wo der Geist es ist der wirkt.
"Im Anfang schuf Gott Himmel u Erde,
"Und die Erde war wüste und leer.
     (Und danach war Gott der Schöpfer)
"Und der Geist Gottes schwebete auf dem Wasser.["]
Wie sich nun dieser Geist der Schöpfung in den Wassern, auf den
Wassern, über und unter den Wassern, in der Erde recht[-]
fertigte und bethätigte, so wird sich auch der Geist des Vertrauens
rechtfertigen welcher Dich in Beziehung auf das Ganze durchdringt.
Von dem mein theurer Langethal was schon vor 12 oder gar 16 Jahren
von einer ganz andern Seite der Betrachtung aus <gegen> ausge-
sprochen wurde, daß alles in der Festhaltung des Vertrauens
kann auch jetzt nach 12 oder 16 Jahren von der größten Allge-
meinheit aus nicht nur ein Jotta abgegangen werden: Aller
Beginn eines neuen Menschheitslebens im <be-> und gegründet
im Vertrauen und dieses Vertrauen hat Anfangs schlechter-
dings - eben weil es eine neue noch nicht daseyende Lebensgestaltung
begründet - gar nichts für sich als die Wahrheit des Gedankens,
wenn sich nun aber die Wahrheit des Gedankens einmal nicht allein
in Gestaltung sondern in klarer Gestaltung kund gethan hat, so
ist das Vertrauen zu, auf und an den Grundgedanken keine
Kunst mehr, aber dann möchte man sagen bewirkt dieß Schein[-]
Vertrauen keine Lebenserneuung, Lebenserzeugung und Lebenssteigerung
mehr wie wir am Judenthum, Christenthum und Protestantismus sehen.
Darum mein theurer Langethal fordert die Lebenserneuung nicht
ich, daß das Vertrauen, feste, geprüfte, bewährte Vertrauen
früher da sey als die Gestalt und noch früher als die klare Gestalt.
Daraus siehst Du daß die scheinbaren klugen Räthe gar vieler
nur leeres Gewäsch ihres V vertrauensleeren Gemüthes ist. Du
siehst l. L. ich unterliege mit meiner ganzen <rauhen> Darstellung einer
höhern Welt- und Lebensforderung, sie heißt:
Faßt v Vertrauen zu dem Geiste zu dem Leben
haltet Euch mit Euerm Vertrauen nicht fest an der Form, Gestalt pp.
Von dieser Bewährung des Vertrauens zu dem Geiste kann ich die nicht
lossprechen welche[n] es um Lebenserneuung zu thun ist, denn würde ich
sie davon lossprechen so würden S sie ja ihr Vertrauen zum Geiste
nicht nur nicht gewinnen, sondern verliehren indem ich es zur
Gestalt u Form hinführte. Durchdenke dieß.- Nun noch zweyes.
[Einfügung, sachlich hierhin gehörend:]
Wenn die Menschen nicht zur rauhen Sache Vertr: fassen können so hat ihr
nachhiniges Vertr: auch keinen Werth.
Es will mir gar nicht gelingen hier einen Lithographen zu bekommen, ich
wollte Du könntest mir einen wie Gyger <hat> eingehend aus der Schweiz
senden. Zweytens[:] Siehe doch ob Du den [sc.: dem] <M. Chaperet> ein werkthätiges förder[-]
liches Interesse für die Sache beybringen kannst. Es liegt sonst im Wesen dieses Menschen.
(Nachschriften an den Rändern)
NB Lghtl. in dem Dir übersandten Packet ist auch No 2 des S. B. suche nur recht nach. Es ist gerad die 2e Hälfte des Packetes. /
[146V]
L. L. Wir bitten nur recht herzlich daß Du Dich schonen mögest. Was ist gewonnen wenn Du Dich jetzt hinrichtest; überlasse /
[145R]
so viel als es geht andern die Ausführung. Es ist gut wenn sie selbstständige Erfahrung bekommen.- Denkst Du noch an Friedrich Bock?- /
[145V]
Die herzlichsten Grüße an Deine liebe Frau. Mit der meinigen geht es jetzt viel besser. Gott stärke sie ferner.
Du kannst Middend. und Elisen zu ihren [sc.: ihrem]
neuen Wirken bey Dir, von mir Gl. u Sg [sc.: Glück und Segen] wünschen.
[keine Unterschrift]