Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 5.11./6.11./7.11.1837 (Blankenburg)


F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 5.11./6.11./7.11.1837 (Blankenburg)
(UBB 46, Bl 147-151, Brieforiginal 2 ½ B 8° 10 S., zit. Stöcker 1936, 60. Bei Stöcker 1936, 60 werden zwei Abschnitte diesem Brief zugeordnet, von denen aber nur einer aus diesem Brief stammt, der andere ist hier nicht verifizierbar.)

Blankenburg bey Rudolstadt am 5 Nov: 1837.


Klarheit, Wahrheit und so Einigung,
Kraft und Gesundheit, Muth und Ausdauer zum Lebensgruß

Gestern Abend war Frankenberg, dessen freundlicher Besuch meine Frau und
mich immer gar sehr erfreut auf einige Stunden hier. Da es sich noch nicht
hatte machen wollen, daß Deine beyden jüngsten Briefe in Gemeinsam-
heit hatten vorgelesen werden können, so machte ich mir die Freude ihm
solche zur freundlichen Gegengabe für die mannichfachen Brieflichen Nach-
richten welche er uns z.B. von seiner Schwester (welche jetzt in Goslar ist und
diesen Winter dort bleiben wird) von Leonhardi (welcher jetzt in Göttingen ist,
diesen Winter dort bleiben wird und sich in Erlangen häuslich niederzulassen ge-
denkt) - u. anderen brachte, mitzutheilen. Er hat sich gar innig der
Klarheit und Wahrheit und so Einheit und Einigung, der Kraft auch der
Gesundheit, des Muthes und der Ausdauer welcher sich uns von Dir
aus zum stärkenden und erhebenden Lebensgruß darinn ausspricht
so wie des geeinten und einigen frischen Lebens um Dir, in dessen schönen
Mitte Du stehest und welches von Dir ausgeht, welches als ein heiliges
Lebensfeuer von Dir gehütet und gepflegt wird erfreut. Und mich hat
es wieder gefreut, daß Dein Leben und Wirken, wieder auf den Kreis so seegens[-]
reich einigend und erhebend zurück wirkt und von demselben anerkannt wird.
Wir freuen uns alle auch recht herzlich und innig daß Middendorff und Elise
wieder in so unmittelbarer Einigung mit Dir und Deiner lieben Frau wirken.
Ja, nochmals, beachtet und pflegt Euer Leben und das daraus hervorgehende Wirken
wie ein heiliges Feuer und die lebenweckenden Strahlen die davon ausgehen,
beachtet Euer Haus Eure gemeinsame Wohnung wie einen Tempel im
reinsten Sinne. Ich leugne es nicht, nein ich gestehe es Dir und Euch gern, mein
Herz und meine Liebe, mein Geist u mein Wirken wohnt gern in Eurem
in Deinem Kreis und umfaßt Euch alle keinen ausgenommen mit gleicher
Liebe und Treue denn ich finde in Deinem Hause jetzt was mein Herz
und meine Seele immer erfüllte Handeln, Fühlen, Denken, Darstellen,
empfinden, erkennen innig geeint, ich sehe in Deinem Leben Wirken und
Kreis in Euerm gesammten Hause Ihr lieben Langethals erreicht was mein Herz
seit meinem ganzen Leben erstrebte, ich sehe eine Wirksamkeit und ein Leben
dessen Grundgedanke und Grundstreben der höchste Gedanke der Menschheit und
das Streben ihn darzustellen ist, ich sehe ihn festgehalten und dadurch nicht
nur nichts versäumt u vernachlässigt was das persönliche, die Person,
was das Haus, was der Beruf, was das Amt, was der Kopf und das
Herz und laß es mich nur auch rund aussprechen <von der> Leib und der Magen
fordert. Nichts hat sich, keines hat sich, wenigstens nicht dauernd, und die
Sache recht erkannt u recht zugewandt zu beklagen, so ersehnte es mein Ge-
müthe immer u immer- Gottes Seegen darum über Euch alle und über Dein
ganzes Wirken. Kann treusinnige Geistesnähe, kann die Nähe eines lebenden
treusinnigen Gemüthes wohlthuend und wohlthätig wirken, so sey der Nähe meines
Gemüthes und meines Geistes stets gewiß, denn nochmals wo ich Lebens u Gemüths- /
[147R]
und Geistestrennung nur ahne, da flieht ohne daß ich es aufhalten kann mein
Gemüth u Geist, wo es hierwiederum die Einigung von diesen dreyen hofft und
ahnet, da wird es wieder ebenso unwiderstehlich angezogen; Gott erhalte
Dir also erhalte Euch also diese Lebens- diese dreyeinige Lebenseinigung und
sie bilde sich immer klarer und bestimmter hervor. Wie freue ich mich, wie
bin ich so glücklich, daß Du so ruhig und fest wie Dein, wie unser Burgdorf
so auch Dein und unser Willisau ruhig festhältst. In dieser Eintracht
und Einigung
grüßt meine Seele mein Gemüth und Geist Euch alle[.]
Doch mein lieber Langethal von all dem was hier geschrieben steht wollte
ich Dir, als ich mich zum Schreiben an Dich niedersetzte, nicht ein Joda [sc.: Jota]
schreiben, allein es hat sich ganz unwillkührlich hervorgedrängt
und so ist mir dann auch recht lieb daß es steht, und ich nehme es
nicht nur nicht zurück, sondern ich bestätige es noch indem ich nun endlich
zu dem komme weßhalb ich eigentlich das Papier ergriffen [habe] um Dir zu schreiben.
Als ich nemlich Frankenberg Deinen letzten Brief vorlas sahe ich nemlich
daß die Sitzung Eures Vereines für element. Bildung erst am 25 Novembr
seyn wird; ich hatte bisher sonderbar genug immer gelesen daß sie am 25 7br.
gewesen wäre und dort jene Bestimmungen gefaßt worden wären welche Du
mir mittheilst, nemlich daß jedes Mitglied eine Arbeit liefern müsse solle.
Dan Dadurch kam mir nun der Gedanke wie wohl Deine erste Arbeit in dies[em]
Verein beschaffen seyn müsse und so kam mir der Entschluß Dir meine Gedanken
darüber mitzutheilen; dieß [ist] nun der Zweck dieses Briefes[.]
Zuerst dünkt mich müßte vor allem in Eurem Verein festgesetzt werden
was Ihr unter Elementar-Bildung versteht oder vielmehr was eigentlich
Elementar-Bildung an sich sey. Dieß scheint mir nun kann keine andere
seyn als die welche jeder anderer (besondere) Bildung zum Grunde liegt, sie
begründet. Elementare Bildung, begründende Bildung, allgemein mensch-
liche Bildung wäre also gleichbedeutend. Ich wähle nun das mehr positive
der Bezeichnung den mittleren Ausdruck; obgleich dem Wesen nach der
letztere, dritte der bezeichnendere ist.
Die Feststellung des Wesens des der begründenden Bildung muß also noth-
wendig, von der Erkenntniß und Anerkenntniß des Wesens des
Menschen als hervorgegangen aus dem Seyn, Leben und Wesen an sich,
also von der Gottheit der Menschheit ausgehen, einen andern Ausgangs-
punkt sehe ich nirgend[s], so lang dieß nicht in der Menschenerziehung - (:<und>
wenn alle einzelne Menschen und ganze Gesammtheiten einzelner Menschen
schlecht oder wie wir vielleicht besser sagen bös
[-] bös scheint mir mit <beisen>, bissen, <trennen> (Besen) mit Herniederziehen (bas, bassesse,) auch mit Buße zusammenzuhängen -
handelten:) - anerkannt
wird, so lang kann sie weder einen festen Ausgangspunkt und Grundlage
nach dem ersehnten seegensreichen Fortgang haben.
Ferner muß die Feststellung der begründenden Bildung nothwendig
von der Erkenntniß und Anerkenntniß der Bestimmung des Men-
schen aus erscheinen und erscheinend ausgehen. Die Bestimmung des Menschen
kann also im Allgemeinen (und dieß muß zuerst festgestellt werden)
keine andere seyn als die aller erscheinenden und erschienen[en] Wesen
oder anderer Geschöpfe (gleichsam aus dem Wesen an sich hervorgeschöpften
((schöpfen = sich öpfnen, sich öffnen; wie man sonst auch sagte Ampt: Amt.)) /
[148]
Die Bestimmung des Menschen kann also schlechterdings im Allgemeinen und zuerst keine andere seyn
als die aller anderen Geschöpfe nemlich:
das (innere) Wesen das Seyn, als Erscheinung (also Schein) nach
den im Wesen, im Seyn, selbst ruhenden Gesetzen, und unter
den allgemeinen Weltbedingungen äußerlich kund zu thun, zu
offenbaren, darzuleben, darzustellen, also wieder sich zu öffnen
also wieder zu schaffen, meinetwegen zunächst sich blos selbst.
Diese Bestimmung theilt nun der Mensch mit allen Wesen im All
und so zunächst auf der Erde. Die Bestimmung des Menschen als Erd-
ner unterscheidet sich aber wieder von der Bestimmung jedes andern
irdischen Wesens nur dadurch: daß der Mensch sich im steigenden
sich auch sich selbst steigernden Bewußtseyn und Bewußtwerden,
<ein> steigendes Bewußtseyn und sich stets steigerndes Bewußtseyn
und unter dem Einfluße von steigenden Bewußtseyn und sich stets
steigerndem Bewußtwerden entwickelt.
Wenn man die Bestimmung des Menschen <fest> auf irgend eine
andere Weise festsetzt so greift man miß und verschreibt gleich
von allem Anfange alle Bedingungen einer seegensreichen Menschen-
erziehung und dieß ebensowohl wenn man einen Punkt ein Ziel
außerhalb des Menschen festsetzen wollte und festsetzt, z.B.
"Gottwohlgefälligkeit" oder der Bestimmung des Menschen innerhalb
seiner selbst eine besondere Bezeichnung einen besondern Ausdruck
giebt z.B. gut - oder tugendhaft - oder Glückseelig zu seyn und
zu werden.
Alles dieß oder vielmehr beydes Gottwohlgefälligkeit, wie
Menschenglückseeligkeit und alles andere, wie es nun immer be-
zeichnet werden möge wird durch die oben festgestellte ich
möchte sagen so einfache als natürliche Bestimmung des Menschen
erreicht.
Durch diese einfache Bestimmung Fest[st]ellung des Wesens und der Bestimmung
des Menschen bekommt die elementar[e] Bildung, die begründende
Erziehung des Menschen wie ihre wahre Grundlage so ihre rechte
Form, Gestalt und Gliederung ich möchte sagen sie bekommt Seele
und Leib, Kopf, Herz, Hände u Füße, sie bekommt Sinne Augen
Ohren, sie bekommt Gemüth u Geist, Verstand u Vernunft, kurz alles
was sie bedarf mit einem Worte die Erziehung des Menschen
wird so was sie seyn soll - menschlich sie wird aber auch was
sie weiter im Allgemeinen seyn soll - geschöpfig und schöpferisch
das ist, sie wird schaffend[.]
Wenn Du mich nun in meinen todten Worten verstehst l. Lgthl[.]
so mußt Du nun fühlen wie Dir Menschenbildung so lebendig
und lebenvoll, leben zeigend und Lebenzeugend wird und
wie sich alles so einfach als nothwendig und gesetzmäßig entwickelt
jede Willkühr verbannt, wie alles todte und somit tödtende
ausgeschieden.
Dieses Wesen der elementar[en] Bildung, und so mußt Du es Dir klar /
[148R]
machen und so mußt Du es hinstellen und festhalten l. Lgthl. sonst
haben unsere ErziehungsBestrebungen keine Grundlage, keinen Keim,
keine Entfaltungs- und Lebens- keine Gestaltungskraft. Du mußt
Dich nicht an das Geschrey der Thoren, an das philosophische
Gekläffe und Gebell stöhren finde, Entwickele die Wahrheit das Gesetz
in Dir in Deinem eigenen Wesen und Gesammtleben und dann halte
sie fest wie Du Dich selbst festhältst und nicht aufgeben nicht ver-
liehren magst.
Lasse Dich nicht stöhren wenn sich die Opposition immer stärker und stärker
oder immer härter und härter entwickelt. Denke an das was Schefer
sagt im Laienbrevier wo? - kann ich nicht gleich anführen: Allein
der Sinn ist - Wohl Dir wenn Du nur erst Feinde hast denn
Feinde müssen die seyn wer das Halbe wer das Eigensüchtige
will u.s.w. u.s.w.
Laß Dich Baumpfleger! Deine Bäume lehren jemehr sich in dem
Kerne Deiner Kirschen Deiner Pflaumen, Deiner Pfirsischfrucht
das Milde von dem Harten und umgekehrt das Harte von dem
Milden scheidet, jemehr sich das Schwache von dem Starken
in Deiner Frucht scheidet um so mehr reift ist [sc.: sie] zur fruchtbringenden
gesunden Aussaat.
Glaube fest an Gott und die Einheit des Lebens als eines göttlichen und
an Alles was daraus hervorgeht: Liebe darum die Menschheit wie Du
Gott und Dich selbst liebst; allein hoffe auch fest das [sc.: , daß] die Natur als die Offen-
barung Gottes durch That, Gestaltung und Leben, als die Offenbarung der
Gesetze des Lebens und der Gestaltung, Dir sinnbildlich Weg und Mittel zu einer
Gestaltung edlen Menschenlebens zeigen werde, wenn Du sie nur zu deuten
zu lesen verstehest.-
So lieber Langethal klar über das Wesen der Menschenbildung überhaupt
und über das Wesen der begründenden Bildung insbesonderen, muß ich
immer wieder darauf zurück kommen daß ich in Luzern als Canton vorwaltend
geeignet halte wo meine Grundsätze der Menschenbildung Wurzel
schlagen können. Versäume doch nicht, hast Du Gelegenheit Dich
dort oft den einsichtigen Regierungsführern darüber mitzutheilen.
Im Kanton Bern dünkt mich wirst Du mehr dort eine Art Opposition
im Kanton Luzern dagegen mehr Verhältniß- und Vorurtheil Ent-
gegnung finden; ich halte nun dafür daß sich letztere leichter durch-
dringen läßt als die erste, doch beyde aber gewiß durch Sachdarstellung
allein ich glaube aber auch der reinen Sachdarstellung liegt im Luzernschen
weniger Schwierigkeit im Wege als im Kanton Bern. Im
Kanton Bern dünkt mich herrscht mehr das Prinzip der Anwendung
der Nachahmung, <wo> ich glaube daß wo es einmal herrscht da ist, in
Luzern mehr das Princip der reinen Lebensgestaltung herrscht.
Doch <eh> ich will dadurch keinesweges Deinen Blick von Bern und
von Deinem Verein abbringen, welcher mir ja selbst jetzt Hauptsache
war und ist.-
So scheinen mir weiter Deine Verbindungen am Genfersee und <me[h]r> /
[149]
in Genf selbst wichtig. Es ist merkwürdig wie wir mit allen kirch-
lichen und religiösen Namen in Verbindung kommen. Bekanntlich
besitzt Genf seine eigene Kirche.
Wenn sich Dein <M.> Claparet für die Sache interessiren
könnte oder irgend ein Waadländer, so würde es mich freuen
wenn sich auf irgend eine Weise eine französische Bearbeitung
der Spiele vermitteln ließe, denn aus dem Leben aus dem häus-
lichen und Familienleben müßte sie hervorgehen, wie der "Ball"
Dir sagen wird. Doch das wird sich finden. Hast Du in Genf
nicht von einem deutschen Prediger <Wendt> gehört? - Auch er
steht, stand wenigstens <1830> einem Schulwesen in Genf, ich
glaube dem des Waisenhauses vor. Von Frankfurt a/m halte
ich Empfehlung von ihm.

---------
Wie meine Unternehmung in unserm eigenen Kreise Anklang zu
finden scheint muß ich Dir doch allem zuvor melden.
Gestern war ChristianFriedrich auf Veranlassung Barops hier,
um sich mit dem Ganzen meiner Spielmittel bekannt zu machen
für den Zweck der Anwendung zunächst bey Gertrud, Johannes
auch wohl Wilhelm u Alwina jedoch sind wenigstens die näch-
sten Spiele mehr für die ersteren beyden. Ob und welchen
Fortgang es haben wird, wird die Zukunft lehren. Ich bin ge-
stern "Der Ball als erstes Spielzeug des Kindes" mit ihm durch-
gegangen. ChristianFriedrich schien die Sache ernst frey- und selbst-
thätig in sich aufzunehmen. So habe ich denn gestern Sonntags am
5n Novbr. die ersten vier Spielkästen vom Balle ins Leben gegeben.
Ich wünschte nur ich hätte wenigstens ebensoviel gleich Dir mit-
theilen können. Wie sagt Dir die Behandlung des Balles zu?-
Ich wünschte ich hätte schon Deine Bemerkung darüber.
Den Rath von <Roda oder Fröhlich> später durch jede Zeitung und namentl[ich]
durch die Schulzeitungen für Verbreitung unserer Bestrebungen zu wirken
erkenne ich zwar dankbar an allein unser Wirken und Bestreben kann
nicht durch gelehrte und am wenigsten durch die Schulzeitung Einigung und
Verbreitung verschafft werden, sondern dieß muß durch Familien im
Volke und aus dem Volke selbst geschehen. Verbreitung in <gel. [sc.: Gelehrten-]> und Schul-
zeitung[en] bewirkt sogleich die <Zunft->Opposition. So ist z.B. schon die
Schulzeitung das Organ der von einer Gesellschaft von Gelehrten und
Erziehern herausgegeben werdenden ["]Beschäftigungen" auf welche
Du mich schon aufmerksam machtest welche ich schon früher besaß
und noch besitze und die sich auch Keilhau angeschafft hat. Der
so viel genannte und viel bekannte auch von uns so viel gelesene
Prof <pp von Schubert> in München steht an ihrer Spitze. Aus Bern
ist <Hugendubel> Mitglied dieser Gesellschaft. Wie sich nur aber das
Leben so wunderbar verknüpft. In Erlangen ist noch ein gewisser
Dr Leutbacher Mitglied dieser Gesellschaft. Dieser Leutbacher giebt
nun aber auch mit Leonhardi vereint die Krauseschen Schriften [heraus,] /
[149R]
so erscheint jetzt Krauses Ästhetik von ihm. Hierdurch veranlaßt
hat nun Frankenb[e]rg diesen Leutbacher auf ihrer jüngsten Franken-
und Fichtelgebirgsreise in Erlangen aufgesucht, bey seinem Jüngsten
Besuche hier erzählte mir nun Frankenberg wie dieser Leutbacher
ihn aufgefordert habe für Begründung und Ausführung eines Er-
zieherVereines zu wirken. Ich fragte Frankenberg: was hast Du
darauf erwiedert? er antwortete mir unbestimmt; ich sagte: Du
hättest sogleich ganz bestimmt erklären sollen ein solcher Verein
bestände factisch unter uns schon lange Zeit, wenn er Lust hätte
sollte er sich an uns anschließen. Frankenberg erwiederte mir hierauf
doch etwas schwach, das habe er auch gethan, allein ich glaube daß Frkberg
nicht eben sehr bestimmt aufgetreten ist, das ist aber nun gegen solche
Herren nöthig damit sich nur endlich die Scheidung klar zeige sonst
ist an kein frisches gesundes Leben und Wirken zu denken. Auch
hat Herr Leutbacher den Frankenberg zur Theilnahme an einem grö-
ßeren Pädagogischen Werke eingeladen, Frankenberg meynt es
seyen eben "Die Beschäftigungen" gewesen.
Du wirst aus allem diesem sehen Langethal, wie sehr ich will
keinesweges sagen mein sondern unser Unternehmen selbst
bis auf die Erscheinung des Sonntagsblattes hier gefördert wird.
Alles was diese Herren geben ist nur Wiedergeben schon oft da-
gewesenen nur anders gekleideten und alles so nur Compilation
nirgend ein Ganzwesen, nirgend ein einiger und einigender
lebendiger Geist. Barop hatte mir zur Einsicht die ["]Beschäftig-
ungen["] gebracht weil er nicht wußte, daß ich sie selbst besaß da
erblickte und durchblickte sie meine Frau, die sogleich bemerkte
daß ja dieß wieder ein Einzelnes und Aneinandergereihetes
und nicht einmal das, sondern blos lose Nebeneinandergestelltes
sey.
Mich dünkt es wäre nun ganz an der Zeit - denn man sucht doch nur
hinter Vereinen und Gesellschaften das Einige in sich, d.h. das Einige
im Geiste und durch den Geist und das Leben - ich meyne es wäre
jetzt ganz an der Zeit daß auch wir wieder - nachdem der Kreis
von neuem ein Prüfungs- und Läuterungsfeuer durchgangen ist - als
ein einiges Ganze als eine Gemeinsamheit aufträten und
dazu dünkt mich gebe uns die Herausgabe der Spiele und Beschäf-
tigungsMittel, die Verbreitung und Anwendung derselben und die Herausgabe des S. Blattes das
beste Mittel, die schönste Gelegenheit.
Ich habe [wie] Du siehst auf No 1 und 2 des SonntagsBlattes den Haupttitel
desselben angegeben, später habe ich ihn zur Ersparung des Raumes und sonst
aus Gründen weggelassen, allein mich dünkt er
müsse als Haupttitel wenn anders das Blatt selbst sein
Bestehen hat zunächst wenigstens in Beziehung auf die Familien
in der Schweiz und in Deutschland festgehalten werden. Was
meynet nun Ihr Du u Middendorff dazu?- Sprich und sprecht
Euch g[an]z bestimmt darüber aus damit auch die Keilhauer Eure Ansicht wissen[.] /
[150]
Ich habe Dir früher schon den Umschlagstitel zu den Spielen zur Prüfung
mitgetheilt, jetzt will ich es auch hier mit dem Haupttitel thun.
Ich glaube nemlich wenn den äußeren Gesellschaften und Vereinen
die Familien und Familiengemeinsamheiten gegenüber-
treten. Und sich so überhaupt die innere Lebensansicht, der äußern
Ansicht vom Leben bestimmt gegenüberstelle. In all diesen Beziehungen
erschien mir Nachstehendes als Haupttitel zweckmäßig:
Vorher will ich nur noch sagen daß ich den Wechselzuruf
"Kommt laßt uns unsern Kinder leben."
für einen rein menschlichen und menschheitlichen aller Zeiten und aller
Völker angehörigen halte, für den menschlich und menschheitlich
einigentsten welchen es giebt, denn das Menschengeschlecht und so die
Menschheit als Erscheinung besteht aus Kindern und besteht durch Kinder
in der Reinheit der Kinder, in dem Leben der Kinder ist das Leben
der Eltern, wie der Älteren, der Geschlechter wie der Völker ge-
sichert, darum erkenne ich keinen Wechselzuruf der so durch alle
den Zeiten und alle Völker töne, dem jedes Herz und Gemüthe
so bald es nur eben ein menschliches ist, sich öffne, als den:
"Kommt laßt uns unsern Kinder leben."
Darum wählte ich diesen Zuruf welcher aus der Vergangenheit zu
uns tönt, welchen wir jetzt hören und welcher tönen und immer
lauterer harmonischer silberstimmiger tönen wird je länger die
Menschheit auf der Erde lebt, so ist es ein Wechselzuruf:
"welcher die Menschheit einigt."
Schon um nur diesen Wechselzuruf in aller Menschenherzen
tönen und wiederhallen und mir Bewußtseyn beachten zu ma-
chen sollten also die sich Menschen nennen mein Bestreben unter-
stützen, ich kenne keinen solch rein menschlichen Zuruf weiter
sage ob ich recht habe; frage in dieser Beziehung auch andere.
Wie durch diesen Zuruf allein, habe ich dem rein Menschheitlichen
meiner Bestrebungen ein unsterbliches Dokument gegeben.
Siehe, prüfe! in ihm ist alles zur Einigung und so zur Erlösung der
Menschheit gegeben; dieser Ausruf oder vielmehr Gegenseitiger
zuruf      eint: Raum, Zeit und Leben
      er     eint: Gegenwardt, Vergangenheit und Zukunft
      er     eint: Einheit, Einzelheit und Allheit.
Dieses Neunfache eint er wieder als ein Ganzes zu einem Ganzen
      er eint weiter:   Gatte, Gattin u Kind.
      er eint:             Familie, Volk u[n]d Menschengeschlecht
      er eint:             Kindheit, Mannheit u[n]d Menschheit.
Und so hast Du wieder ein 3 x 3 und so Neunfaches welches er
als Ganzes in sich trägt.
Es ließe sich weiter von ihm aussprechen
      er eint:     thun - fühlen - denken
      er eint:     Trauen, Treue Vertrauen u Zutrauen
      er eint     Glaube - Liebe - Hoffen.
Alles dieß /
[150R]
wirst Du leicht darinn finden und so hast Du ein drey (treu) mal
Neunfaches Ganze; also 3 mal 3 mal 3 fache Prüfung und <Gewähr>[.]
Denke Dir nur l. L. ich bitte Dich recht sehr darum, denke Dir nur ein einziges Elternpaar daß [sc.: , das] ganz
von diesem Gedanken
durchdrungen ist, denken Dir dieses Elternpaar <[als] ein> Führer der
Erziehungsanstalt in Willisau, was meynst Du wohl könnte Wil-
lisau das Schicksal haben was es hatte? Und könnte dieß nicht
in Gott- Natur- und Menschheitsvertrauen nicht möglich seyn? -
es ist nicht genug: ich will meinen Kindern leben, nicht genug:
leb Deinen Kindern ja selbst Deiner Kinder leben, nicht genug
wir wollen, sollen unsern Kindern leben. Nein! Auf, auf

"Kommt laßt uns unsern Kindern leben"
Du bist jetzt Gatte, höherer Vater, denke Dir nun l. L. daß
dieser Wechselzuruf Eure Morgenbegrüßung, Euer Gruß
wenn Ihr Euch nur begegnet, und so die That Eures und
Deines Lebens, Deiner Familie Deines ganzen Hauses sey
wie bey den Catholiken der Gruß:
Gelobt sey Jesus Christus[.]
(Durch all unser Thun, durch all unser Fühlen, durch all unser Denken).
Nun denke Dir davon die Wirkung!!! Die menschheitliche Wirkung!!!
Denke Dir nur L. L. die Begrüßung
"Kommt laßt uns unsern Kindern Leben" sey
der Wechselzuruf in That, Fühlen und Denken, der Lebens
Zuruf der nur der drey Familien:
der Baropschen, der Langethalschen u der Middendorffschen[.]
Was meynest Du wenn wir nur dieß erreicht hätten, was müßte
da für eine menschheitliche Wirksamkeit hervorgehen!!??-
Aber nicht theoretisirt, nicht <practisirt>, nicht philosophirt sondern
empfunden - gedacht - gethan.
Darum Langethal wenn alles mich und Dich verlacht, verspottet
wenn Niemand mit uns Hand ans Werk legen will, so
halte Du diesen Lilienzuruf nur in Deinem Herzen u Gemüth
in Deiner Familie und in Deinem Kreise u Hause fest er wird
Dir reichen Seegen bringen.
Einen Lilienzuruf nannte ich ihn ja er hat
6 Worte wie die Lilie 6 Blätter u 6 Staubfäden[.]
Und siehe nur, ich will nicht sagen wie wunderbar, sondern wie
sinn- und bedeutungsvoll - (:In Beziehung auf das was ich oben
vom sinnbildlichen Erfassen der Natur sagte welches uns Lebens-
Wege und des Lebens Mittel zeige:) - Wie bedeutungsvoll
sagt nicht in der Lilie die Wurzel, jede Wurzelknolle
zur Andern K. l. u. u. K. l.? - sagt nicht so ein Blatt
an der Lilie, sagen nicht so alle Blätter an der Lilie so zu-
einander? - sagt nicht so der Stengel zu den Blättern? -
sagen so nicht die Staubfäden unter sich und zu den <Staubwegen>
sagen nicht die Blumenblätter so unter sich und zu den Staubfä-
den - in Beziehung - auf den Saamen - ihrer aller Kinder??? /
[151]
Theurer Langethal Du Pfleger und Beachter der Bäume und Gewächse
sagen nicht am Baume alle Wurzeln zu einander: Kommt laßt
uns unser[n] jetzigen und künftigen Kindern unsern Knospen und Blüthen
und Saamenkörnern leben?- Sagt nicht so der Stamm zu den
Wurzeln zu den Ästen, Zweigen u.s.w.? - sagen nicht so die
Zweige die Äste, die Blätter, die Blüthen alle und alle wechsel-
seitig so zu einander? -- sagen nicht in jeder Blüthe wieder alle
einzelnen Theile in Beziehung auf den Saamen so zu einander?-
Also, Also L. L. über das Menschengeschlecht und die Menschheit
hinaus in der Natur und im All ist der Wechselzuruf
K. l. u. u. K. l. nicht nur wahr, nein! nein! er ertönt
sogar in der Natur.
Wie freue ich mich daß mein Columbus Schillers sich auch an
mir bewährt: mit des Genius Kraft ist die Natur im <ewigen>
Bunde was der eine verspricht hält die andere gewiß[.]
Siehe nun l. L. wenn die Menschen meinen Zuruf nicht hören
wollen siehe, so erfüllt ihn doch die Natur, erfüllt ihn der
Baum, die Eiche der Baum der Deutschen, wie die Lilie die
Blume der Christen und der Menschheit.
Darum l. L. halte ihn nur fest diesen Zuruf in Deinem Hause, mache
ihn festhalten und erfüllen Deinen Gehülfen und Freunden; mache
ihn endlich klar lebenvoll - aber auch nicht blos dogmatisch erfüllen
den Middendorffen in Beziehung auf seine Gattin und Familie[.]
Macht ihn Euch Ihr drey Familien untereinander erfüllen und
ich kann sogleich mit dem Bewußtseyn sterben, nicht nur, nicht ohne
Seegen, sondern wirklich seegensreich gelebt zu haben.-
L. L. Nun noch Eins - halte Deinen mir versprochenen Auf-
satz nicht zurück sende mir ihn wie Du kannst. Hast Du
oder Middendorff Zeit fühlt Ihr dazu Aufforderung und Beruf
in Euch, so bearbeite einer von Euch beyden diesen Gegenstand
nach den angedeuteten Rücksichten, d.h. in Hinsicht auf
den Inhalt und Umfang diesen Zuruf für das S. Blatt wenn
es wie ich glaube fortbestehen wird.-
Ein gewisser Herr <Laporte>, Vorsteher der Volksschule
in Saalfeld durch dessen Güte ich die Bälle für meine Spiel-
kästen erhalte und welcher mich jüngst mit noch 2 oder 3
Lehrern aus Saalfeld besuchte welchen ich dann im Überblick
einiges vorführte - dieser Herr <Laporte> schreibt mir so eben:
"Ich glaube daß Ihr großes und menschenfreundliches Unter-
nehmen hier viel Anklang finden wird. Hierüber mündlich
mehr."
Siehe theurer Langethal mit all den lieben Deinen. Siehe so
lebt es wieder auf. Darauf Darum nun nur jetzt fleißig und treu.
Allein es lebt auch still fort. So sagte mir Barop habe
Ferdinand Brandenburg in Wunsiedel zu ihm gesagt: - er
finde den Unterschied unserer Kinderführung und Erziehung /
[151R]
daß in unserer Erziehung und Kinderführung das Zutrauen und Vertrauen
zuerst sey, daß wir unsern Kindern und Zöglingen mit Zutrauen
und Vertrauen entgegen kämen, es ihnen bewiesen, während
die andern Erzieher u Erziehungsanstalten von Mißtrauen ausgingen
zuerst Mißtrauen in ihre Schüler u Zöglinge setzten, ihnen zuerst
mit Mißtrauen entgegen kämen, sie mit Mißtrauen behandelten.
Siehe Lgthl[.] wie kurz bestimmt, einfach und wie wahr. Du weißt
L. L. wie sehr ich dieses meines Zutrauens zu Kindern, Zöglingen und
Menschen gespottet u gegeiselt worden bin. Siehe jetzt treibt es
Keime wo Niemand mehr daran gedacht. Darum nur treu fort
gepflegt so ist nun dem Volke ein großer trauender und dadurch
erzeugender belebender erneuernder S schaffender Gedanken geugeben
      Vertrauensschulen       -        Mißtrauensschulen
Erziehung des Zutrauens -      Erziehung des Mißtrauens[.]
Und die ersteren rief Keilhau ins Leben und Daseyn, rief ich durch
Keilhau ins Leben und Daseyn; so wird sich auch der von mir
gebrauchte und gegegen [sc.: gegen] mich gewandte Ausspruch rechtfertigen
"Unsere Kinder werden unsere Richter seyn.["]
Wäre Wilhelm Clemens noch bey Dir so könntest Du ihm dieß
mittheilen; es würde ihn freuen und ein so kindliches treues Ge-
müth bedarf noch solcher Pflege, solcher Rechtfertigung. Wilhelm
wird Dich wohl bey Ankunft dieses Briefes schon wieder verlassen
haben sonst könntest Du ihn auf das freundlichste von mir und
uns grüßen und ihm sagen ich habe gestern Sonntagsfrüh zum
Morgengruß seinen lieben Brief aus Bamberg erhalten; er habe
uns gar sehr erfreut; sein Bruder sey gerad hier gewesen und
so habe auch dieser seinen Gruß ganz frisch erhalten - Du kannst
ihm vielleicht auch sagen warum ChristianFriedrich hier war.
Zum Schluß und zur Vervollständigung des Ganzen was ich Dir
gleichsam über das Grundthema des S. B. und der Spielkästen
aussprach muß ich doch noch dieß hinzufügen.
Der Satz K. l. u. u. K. l. ist gleichsam ein Gleichheitssatz, ein
Paralellsatz [sc.: Parallelsatz] mit dem "Trachtet am ersten" pp. und so schließt
auch der erste Satz recht erwogen den Schluß und die Folge
des zweyten in sich: - "so wird auch das Andere alles zufallen".
Prüfe einmal Langethal wenn Du den ersten Gedanken voll-
ständig aussprichst, ganz ausdenkst, ob dann nicht als Nach-
satz, als Folgesatz nachhallt, wie so eben ausgesprochen worden
ist und wie jener schließt welcher uns auffordert zuerst nach
dem Wesen der Dinge zu trachten zu streben.-
Und somit sey denn meine jetzige Mittheilung an Dich endlich
geschlossen; ich hoffte nicht, ich erwartete dießmal nicht daß sie
so lang werden würde; ich müßte mir aber auch wirklich des-
halb Vorwürfe machen, indem mir dieser Brief fast einen
ganzen Tag, und mehr wohl von meinem Beruf nahm, wenn
ich nicht die Überzeugung in mir trüge: Jedes gute Wort das ausgesprochen
brechen sich ein Saamenkorn auf und in gutes Land.- Somit denn, unter herzlichen Grüßen an alle Gott befohlen. FrFr. /
[Rand 151V]
Sobald Du mit Middendorff Rücksprache genommen hast theile mir sogleich Deine und Eure Ansicht, wegen des ["]Beysatzes von einer Gemeinsamheit pp" mit; daß er nemlich auch Wahrheit
enthält. Vergeßt doch nicht Du oder Middendorff an Wetzstein zu schreiben.- Sprecht ihm klar Eure Überzeug[un]g über das Zeitgemäße der Unternehmung aus. /
[Rand 147V]
Nach Nachricht am gestrigen Wird heut Dienstag am 7n Nov: No 3 No 4 und No 5 des Sonntagsblattes nebst Beylage mit Frachtfuhre über Gotha (durch <Burgas>)
und über Frankfurt a/m durch Valentin Meidinger und von da durch Eilfracht an Dich abgehen. Sollte es zu lang bleiben könntest Du in Basel anfragen.