Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 30.11./6.12.1837 (Blankenburg)


F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 30.11./6.12.1837 (Blankenburg)
(Brieforiginal/Reinschr. 5 B 8° 20 S. priv. / 1933/45 im Besitz Halfters / Kriegsverlust?, Abschr. im Auftrag Otto Wächters KN 54,11 68 S; Auszüge der Reinschr. in referierendem Kontext bei Halfter 1933, 49-63, bes. 53-60. Text und Seitenangaben nach der Abschrift)

Blankenburg bey Rudolstadt am letzten Novbr 1837

In meinem Geschäftshause vor mir Gyger
und Friedrich B. [Bock] still und thätig arbeitend
und vor mir den Blick auf die hohen Keilhauer
Berge hinter dem rothen Hause zur
linken auf die alte Burg und in den, seit
langer Zeit einmal wieder heitern blauen,
nur mit leichten Wolken bedeckten Himmel,
bey einer frischen, doch milden
stillen Herbstluft draußen;

und so auch

mit freyem, klaren nur leicht bewölkten
Gemüthe und wenig umschleyerten Geiste,
dessen Trübung sich doch immer mehr und mehr
- wie draußen am Himmel das leichte
graue Gewölk - verzieht.

Des großen innern Lebenszusammenhanges

und

Einklanges
[2]

seelenvollen, einigen und immer mehr einigenden

Lebensgruß Dir

und durch Dich alIen mit Dir in froher
Lebenseinigung nach Darlebung reines
Menschheitlebens Strebenden und dafür

Wirkenden.

--------------x------------
Schon am 18. d. M. wo wir hier einen selten
schönen Morgen, heitern Himmel überhaupt
einen von denen das Gemüth so tief ergrei-
fenden und den Geist klärenden und hoch erhe-
benden Herbsttag hatten an welchem ich mich so
glücklich, ich möchte sagen jugendlich froh, frey,
muthig und heiter fühlte wie kaum seit den
jüngsten Jahren, schon dortmals wollte ich Dir
theurer Langethal und durch Dich in der verschieden-
artigkeit seines Inhaltes auch den mit Dir zu
einem Lebensganzen Geeinten schreiben, doch
das Leben in seinen Forderungen machte es
mir unmöglich und so freue ich mich, daß mich /
[3]
heute wo es mir durch den Gang der Geschäf-
te wieder möglich [wird] mich zur schriftlichen Unter-
haltung mit Dir an den Tisch zum Schreiben zu
setzen, daß mich da ringsum im Hause bey den
Geschäften wie draußen ein heiteres Leben
und klarer Tag umgiebt.
Doch wo und wie beginne ich nun in der
großen Menge dessen, was ich Dir mitzutheilen
habe? – Doch wohl mit dem was das thatsäch-
lichste äußerlich sichtbare Band zwischen Deinem
und meinem Leben und Wirken macht, ich meine
mit den Sendungen, welche durch die freund-
liche Besorgung Stauchs zu Volkstädt aber-
mals über Gotha durch Burgas und über
Frankfurt a/m. durch Valentin Meidinger
u.s.w. über Basel an Dich abgegangen sind.
Es sind dieß 2 Collis gezeichnet
<FrFrT> enthaltend 4 Exemplare vom gesamm-
ten sprechenden selbstlehrenden (mathematischen) Würfel,
soweit solcher bis jetzt gedruckt ist, nämlich /
[4]
V Hauptwürfel oder Gaben, jede zu 8 Theil-
würfeln; und
<FrFrT> enthaltend 100 Exemplare Sonntagsblatt
Nr. 1-5 nebst Beifügungen und 25 Epl.
Ausstechbücher von Nr. 1-4, jedes Heftchen
mit 6 Farben (3 Haupt- und 3 Zwischen-
farben) und
50 Exemplare von Nr. 1 u. 2 } mit weißem
25 Exemplare von Nr. 3 u. 4 } Papiere zum
nachherigem Malen,
nur mit einem
farbigen Blatt.
(: Also im Ganzen 250 Exemplare Ausstechbücher :)
Ich habe Auftrag gegeben und gebeten die
Beförderung nach Möglichkeit zu beschleunigen
damit die Sendung spätestens noch vor dem
Sylvester bey Dir ankomme. Da die Sendung
gewiß ganz auf demselben Wege wie die
früheren geschehen wird, so kannst Du ja wenn
Du sonst willst eine Zeile an dem Dir nun /
[5]
bekannten Commissionär in Basel schreiben
um die Absendung an Dich zu befördern.
Eines der Collis wiegt 30 <Pfd>, das andere
irre ich nicht 32 <Pfd> beyde zusammen wiegen in
Fracht ½ Ctr [Zentner] (die überschüssigen Pfund
werden gar nicht gerechnet.)
Bey dieser Gelegenheit muß ich doch meiner
Sendung <Wert> und die Fracht von 30 Btz.
dafür erwähnen. Erstlich was die Amballage
betrifft, so mußte ich solche etwas gewichtig
nehmen weil mir sonst der Fuhrmann
das ganze Packet gar nicht in Fracht ge-
nommen hätte, indem nach den bestehenden
Postgesetzen Fuhrleute nur Packete von be-
stimmten Gewicht fahren dürfen Packete
von geringerem Gewichte aber zur Post ge-
geben werden müssen. Bey der Fracht machen
aber, wie Du gleich eben siehest einige <Pfd>
auf oder ab gar nichts; denn Stauch sagte
mir ohne daß ich fragte, daß beyde Collis, ob /
[6]
sie gleich 60 und etl. <Pfd> zusammen wiegen,
dennoch nur für ½ Ctr in Fracht gerechnet
würden.
Da mir nun aber die Fracht für Nr. 1 30 Btz.
selbst unverhältnißmäßig vorkam so sprach ich
deshalb mit Stauch dieser wunderte sich nun
gar nicht darüber, sondern sagte mir, daß dies
erhöhte Frachtgeld immer bey kleinen Packeten
eintrete, weil sie dieselbe Schreiberey machten,
wie große und diese es eigentlich wäre was
die Sache vertheuere. Man muß Dir ja
von Basel aus eine spezificirte Frachtrechnung
zugesandt haben, darin mußt Du ja sehen kön-
nen inwiefern Stauch recht hat. –
Hast Du Nr. 2 erhalten was ich unmittelbar
von Ilmenau durch Besorgung des Druckers
an Dich habe abgehen lassen wie viel wog
es? – und was hast Du dafür bezahlt? –
Melde mir nur ja auch was Du für diese
beiden Collis Nr. 3 u 4, wenn solche ankommen /
[7]
Fracht bezahlen mußt; nun da es ½ Ctr
ist muß eigentlich die Fracht wenig von
der ord: abweichen, etwas trägt es immer daß
es zwey Collis sind; allein ich konnte es gar
nicht zu einen verbinden ohne befürchten zu
müssen daß das Gedruckte von dem Holzkasten
schaden leide; auch wollten sich die Formate
gar nicht fügen. Selbst bey Nr. 4 gieng <dieß>
sehr schwierig, deßhalb musste ich soviel Maku-
latur beipacken, doch darüber nachher. Jetzt nur
noch die Bemerkung Herrn Stauchs, er sagte:
”Wir wollen nun sehen was diese beyden Collis
”kosten, kommt es uns zu theuer, so können wir
”es ja künftig über Nürnberg schicken, dort-
”hin kommt es in Fracht etwas billiger, nur
”kommt es später in der Zeit am Orte seiner
”Bestimmung an, auch habe ich in Nürnberg
”keinen Spediteur und kenne auch dort keinen.”
Nun erinnere ich mich daß Herr Beyer
auf der Fabrik in Lochbach<börde> unsere /
[8]
Effecten über Nürnberg besorgen oder auch
mir die Adresse von Herrn Beyer seines Nürn-
berger Spediteur[s] geben wollte, ich bitte Dich
nun Dich mit Herrn Beyer in Verbindung zu
setzen, vielleicht kämen auch die Sendungen, be-
sonders in Quantitäten, billiger wenn die
Sachen unter der Adresse von Herrn Beyer hier
abgeschickt würden.
Es ist für die Zukunft wohl der Mühe werth
Dich mit Herrn Beyer darüber in klares Einver-
ständniß zu setzen. In Sachen welches in ihr
Geschäfte einschlägt habe ich diese Herren, -
wie auch hier unsern Herrn Stauch immer ge-
fällig gefunden. Also vergiß nicht mir nächstens
Herrn Beyers Spediteur in Nürnberg zu mel-
den.
Sobald nun unsere Unternehmung Fortgang
zu haben scheint, solltest Du Dir deßhalb ordent-
lich eine Art Büreau einrichten d.h. alles zu
Buch tragen, und wenn es möglich wäre Dir /
[9]
dazu einen Deiner Knaben anleiten, wie
in Keilhau früher Johannes und jetzt wieder
der Bauer[n]knabe Albrecht Hamel aus Zeigerheim,
oder sollte es gar nicht anders seyn, so könn-
te Middendorf[f] den Antonen dazu anführen,
die Ankommenden Waaren müssen ordent-
lich gleichsam in Einnahme, der Absatz in
Ausgabe gebracht werden, dann kommen
auch die Berechnung[en] des Verkaufspreises vor:
reiner Einkauf, Fracht und Auslage, noth-
wenige Provision zur Deckung des Ganzen,
aus welchen drey Posten dann der Ver-
kaufspreiß pro Dzd. [Dutzend] oder Stück berechnet
wird. Deine vielfache Bekanntschaft in Burg-
dorf im Handelsstande erleichtert Dir die
Kunde davon gewiß.
Dadurch, durch diese kleine Geschäfts-
führung bekommt aber Deine ganze
Erziehungsanstalt für die älteren und
ältesten Zöglinge wieder, ein ganz eigen- /
[10]
thümliches practisches und für das Leben
vorbildendes Interesse. Ich halte dieß gar
sehr wichtig. Und werde wenn Gott hier
mein Unternehmen seegnet dieß alles hier
in Anwendung bringen.
Nun gleich noch eines was ich auch bey dieser
Gelegenheit erwähnen will. Wenn sich der
Gebrauch und der Absatz der Beschäftigungs-
mittel bewähren sollte, würde es dann von
Dir und den Umständen abhängen, ob Du
es und wir es überhaupt am gerathensten
fänden manches erst in der Schweiz ausfüh-
ren zu lassen.
Doch müssten die Forderungen welche das
Begründen, das Bestehen und der Fortgang
der hiesigen Anstalt macht zuerst er-
füllt werden;
darum jenes nur zu einer vorläufigen
Andeutung möglicher Ausbildung.
Jetzt nur hinsichtlich des Zweckes weßhalb /
[11]
ich Dir diese in der Ausführung und für
die allgemeine Veröffentlichung noch unvoll-
ständigen
Sachen jetzt schon sandte. Dieser
Zweck war ganz einfach der daß Du nun
zu allernächst für Dich zum Gebrauche und zur
Anwendung in Deinen unmittelbar nächsten
und eigenen Verhältnissen, etwas handgreif-
liches und thatsächliches zu zeigen und vorzu-
führen habest.
Was ich Dir nun hierüber – indem ich immer
meine mir zur Seite Arbeitenden mit zu
besorgen habe – hier zerstückt und vereinzelt
mittheile wirst Du in Dir schon zu einem
Ganzen verarbeiten. –
Bey dem Gebrauche all dieser Spiel- und
Beschäftigungsmittel kommt es vor allem
darauf an den Grundgedanken an, aus welchem
sie hervorgegangen sind; - den Menschen durch
Selbst- und Freythätigkeit seinem ganzen Wesen
und der Gesammtheit seiner Lebensverhältnisse /
[12]
nach zu entwickeln, zu erziehen und zu belehren,
und daß diese wahre Entwickelung, Erziehung
und Belehrung eben - wie es auch im An-
fange aller Dinge und der Menschen war
(in welche Zeit wir die unmittelbare Gottes-
offenbarung setzen
) - immer und zuerst
von der Sache seIbst , von der richtigen Auf-
fassung und dem rechten Gebrauche der Sache
abhänge und davon ausgehe. –
Die eben gemachte Bemerkung, Lgthl [Langethal] ist
wichtig: - wie die Menschen sich unmittelbar
von den Sachen und Dingen selbst belehren
ließen, sagten sie und sagt man, wurden sie
unmittelbar von und durch Gott unterrichtet,
erzogen u.s.w. Sollten wir uns und unsere
Kinder nun nicht wieder gern unmittelbar
von Gott erziehen und unterrichten lassen? –
Also dieß eins das erste, dieß halte fest und
mache Dir lebendig lieber Langethal.
Zweytens. Die Wirkung welche die Sache /
[13]
auf andere Menschen machen soll, hängt ein-
zig davon ab: wie Du die Sache lebenvoll
in Dir trägst, Leben weckt wieder Leben.
Also allem zuerst mußt Du Dich mit kindlich,
einfach hingebendem Sinn von der Sache und
durch die Sache selbst belehren, unterrichten
lassen etc. Wie Schiller in einer ähnliche
Beziehung sagt: - ”Wie Du im Busen sie
trägst, prägst Du in Thaten sie aus.”
Also – ehe Du mit irgend Jemand über die
Sache verkehr[s]t verkehre Du vorher ganz allein
und ohne alle Störung mit den Sachen. Sind
die Sachen ganz in Deinen Geist und Blick Blut
übergegangen, d.h. hast Du die Sache selbst
in Deinem Geist und Leben gefunden und
erkannt dann theile Dich wieder andern da-
durch und darüber mit, allein auch hier wieder
denen von welchen Du das leichteste und ein-
gehendste Verständniß [er]hoffest. – Middendorffen
oder Antonen. /
[14]
Diese dürfen dann den ersten Versuch
wieder nur mit wenigen ja sey es nur
mit einem oder zwey Knaben machen von
welchen sie ein Eingehen versichert sind, und
zwar ohne daß dabey die Menge Zeuge sey;
denn von der ersten lebenvollen Einführung
unter der Menge und bey der Mehrzahl hängt
alles ab, allein eine gewisse Begeisterung muß
diese erste Einführung begleiten, damit sie
Begeisterung wecke. Du bist glücklich LangethaI
daß Du Deine ersten Mittheilungen darüber
sogleich an das lebendige Wort knüpfen kannst,
ich habe dadurch noch jederzeit die Wirkung der
regsten und freudigsten Begeisterung hervor-
gebracht: Meine Frau sagte noch gestern
zu mir (und Du weißt, wie sparsam sie mit
ihrem besonders beypflichtenden Urtheile ist) -
”Ich glaube Du weißt es selbst nicht welch
eine Macht Du hast und welch eine Wirkung es
in dem Andern hervorbringt, wenn Du Dich /
[15]
an der Hand Deiner Spiel- und Beschäftigungs-
mittel über dieselben mündlich aussprichst.[”] -
Dieß einst öffentlich zu können ist mir Wunsch u Streben. -
Was nun den Einzelgebrauch dieser 4 Ex[em]p[lar]e
betrifft, so bitte ich Dich eines davon als erste
Gabe unserer gemeinsamen Unternehmung
von mir und durch mich zum lieben Christ- oder
Neujahrfest anzunehmen. Ein zweytes Exemplar
gieb als dankbare Gegengabe für seine treu-
sinnige Thätigkeit bey der förderlichen Ver-
breitung der Sache unsern Antonen nebst
meinen herzlichen Gruß. Den besten und förder-
lichsten Gebrauch der beyden andern Exemplare
überlasse ich Dir ganz. – Glaubst Du daß es
gut ist wenn Du etwas vorräthig zum Vor-
zeigen hast, so kannst Du sie dazu behalten;
glaubst Du daß Du in Deiner Schule davon
Gebrauch machen kannst, nun gut so kannst Du
sie dazu anwenden, und Du kannst dann, ganz
nach Deiner besten Überzeugung, die Sache /
[16]
später entweder anrechnen oder wenn Du
es zweckmäßig findest von mir aus der
Waisenhauserziehungsanstalt als Festgabe
reichen : doch ist es dazu leider noch nicht voll-
ständig, findest Du es aber angemessen, so ist auch
hier Dein Wille der meine, denn ich habe gar
keinen andern Wunsch und Zweck als die Sache,
die Unternehmung lebenvoll zu fördern;
also todten oder vielleicht gar tödtenden und
nichtigen [Gebrauch] wünsche ich nicht davon zu machen.
Glaubst Du aber auch daß es für Middendorffen
nicht allein erfreuend, sondern auch dem
Ganzen förderlich und wohlthätig wäre, wenn
Du ihm ein Exemplar davon gäbest, nun so
ist mir auch dieß herzlich lieb.
Ich habe wohl auch an Willisau, an den
Gebrauch und die Anwendung in Willisau durch
Ferdinand gedacht, allein Ferdinand ist ohnge-
achtet seiner ausdauernden treufleißigen
Wirksamkeit im Lehren, wie mich dünkt doch /
[17]
noch zu wenig von dem Wesen, und den Bedingun-
gen und Forderungen rein entwickelnden,
ächt menschheitlichen Unterrichte[ns] durchdrungen
als dass ich mir gerad zu einen förderlichen
Gebrauche vom gedachten Würfel in seiner Hand
und in seinem Unterrichte versprechen könnte;
ob ich gleich, wie ich das Ganze in mir trage, be-
sonders bey der geringen Lehrerzahl in der
Willisauer Anstalt, ich den Gebrauch und die An-
wendung dieses Würfels nur als sehr zweck-
mäßig, oder wie man zu sagen pflegt als
sehr practisch denken muß. Nun alles dieß sind
nur Gedanken, welche Dir den freyen Gebrauch
davon nach Deiner eigenen besten Überzeugung
nicht im mindesten beschränkt [sc.: beschränken.]
Bei dieser Gelegenheit, und weil der Mensch
ja nicht weiß ob er morgen noch lebt, so will
ich Dir gleich hier einen ganz aIIgemeinen
Gedanken über den Gebrauch der in meinem
Geiste liegenden und theilweise schon ausge- /
[18]
arbeiteten Lehrmittel sagen. Ich halte nemlich,
wie ich das Ganze in mir trage, diese Anschau-
ungs-Lehrmittel besonders auch wichtig zum
Unterricht für Taubstumme, ja sogar für
Blinde; prüfe einmal in erster Beziehung beson-
ders den sprechenden selbstlehrenden Würfel, wenn nemlich
der Taubstumme schon lesen kann; ja auch densel-
ben Würfel für den Blinden, wenn der Lehrer
des Würfels stumme Wort- Schriftsprache zur lauten
Hörsprache umwandelt. – Ebenso halte ich um es
nur beyläufig auch sogleich zu erwähnen, das
Ausstechen und Ausstechbücher auch für Taub-
stumme wichtig; es beschäftigt diese besonders
denkend, empfindend, vergleichend.
Das Ausgestochene aber dünkt mich selbst für
Blinde zum Unterricht in der Formlehre in der
Kunde des Linienraumes und des Raumes der
Flächen der Ebenen wichtig indem sie die Blinden
und durch das Erhabene der Stiche die Form und
Gestalt der Linien und Flächen oder Ebenen /
[19]
fühlen oder vielmehr tasten können. Durch
diese Vielseitigkeit der Anwendung selbst
bey den, des Gebrauchs mehrerer oder eines
ihrer Sinne beraubter Menschen, beweisen
die aufgestellten und nun zu veröffentlichen[den]
Bildungsmittel das allgemein menschliche ihrer
tiefen Begründung. Doch jetzt will ich nur bey
einem stehen bleiben es ist dieß der Gebrauch
bey Taubstummen, als für uns in der Gesammt-
heit unserer Verhältnisse wichtig. Ich meyne in
Beziehung auf Willisau und Luzern überhaupt;
dort müssen wir unsere erziehende Wirk-
samkeit, wie Willisau sinkt nach andern
Seiten hin eingreifend machen, damit man
sieht, dass wir noch lange nicht todt ge-
schlagen sind und, tritt die eine Wirksamkeit
zurück, sogleich wieder mit einer andern er-
scheinen. So meyne ich denn, weil jüngst Willisau
durch seine Musik mit der Taubstummen-Anstalt
zu Menznau in Verbindung gekommen ist, /
[20]
diese Verbindung – um von anderen Seiten
her selbst wieder unter Geistlichen im Luzern-
’schen für sich zu gewinnen – entweder durch
Mittheilung des selbstlehrenden Würfels oder
mindestens einiger Ausstechbücher, rege und
lebendig zu erhalten.
Vielleicht wäre auch selbst der Gebrauch und
die Anwendung einiger Ausstechbücher in Willisau
in diesen Festzeiten besonders auch zur häus-
lichen
Beschäftigung der Kinder zweckmäßig.
Ohne mich jetzt weitläufig über den
Gebrauch dieser Ausstechbücher einzulassen
will ich nur sagen, daß sie im Allgemeinen
das Elementarzeichnen vorbereiten, das
Erfinden von Figuren und Gestalten wecken
sollen, überhaupt aber sonst noch gar viel-
seitig wirken sollen, so unter andern auch
den erdkundlichen Unterricht begründen
sollen wovon ich Dir in einem früheren
Briefe Andeutung gemacht habe. Ich meine nun, /
[21]
daß z.B. die von den sehenden Kindern
ausgestochenen Karten selbst wieder für die
Blinden zum Unterricht dienen könnten.
Siehe Langethal! so lebt alles gar vielseitig
in mir fordert aber der tiefern Begründung
der allseitigen Darlegung. Weil ich und weil
wir nun aber keine großen Mittel noch we-
niger so große Mittel besitzen als die Aus-
führung einer solchen Unternehmung fordert,
so müßen wir suchen solche sobald und so weit
und umfassend als möglich ins Leben einzu-
führen um wieder Mittel zu weiterer Dar-
stellung und Ausführung zu erhalten. Zu diesem
Zwecke theile ich mich Dir um so weitläufig
mit um z. B. dahin zu wirken, daß diese Aus-
stechbücher als Vorbereitungen (wie ich schon
sagte) zum Zeichnen, zur Formen- selbst zur
Größen- und Zahlenkunde; aber auch der
Sprache in Kleinkinderbeschäftigungsschulen
einzuführen, Du weißt selbst wie gern /
[22]
unsere kleinen Zöglinge Knaben u. Mädchen
früher ausgestochen und wie gern sie dann
wieder das Ausgestochene gemalt haben,
während dem ihnen angemessenes vorgelesen
wurde. Denke nur an das Leben, welches
einmal als Herr <Bremser> bey uns war im
großen Saale Statt fand? – u.s.w. Ich denke
dabey auch an Deine Kleinkinderschule zu
Genf und an Deinen Mr Claparet. Wenn Du
meynst – und ich werde es wohl demnächstens ver-
suchen – werde ich auch die kleinen Erklärungen
bey den Ausstechbüchern französisch machen,
doch vielleicht findet es dort aber auch Anklang,
wenn die wenigen näheren Bezeichnungen
eben deutsch sind. Irre ich nicht so habe ich
Dich schon einmal darauf aufmerksam ge-
macht Du solltest Deinem Mr Claparet oder
vielmehr durch ihn dessen Vater für unsere
Unternehmung zu interessiren suchen; denn
wenn sich Franzosen und Engländer einmal /
[23]
für eine solche Sache persönlich interessiren, so greifen sie auch
ausdauernd durch. Ich theile Dir alles so
unmittelbar mit, wie es in mir soeben ent-
steht, weil Du mit mir in unserm gemeinsamen
Leben die Erfahrung hast, wie leise Lebens-
berührungen im Laufe der Jahre sich oft
Lebenumfassend entwickeln; denke nur z. B.
an Krauses leise Aufnahme meines Wirkens
und an Jahns Bekanntmachen Deiner mit mir.
Nun auch noch ein Wort über den nächsten Gebrauch
der Ausstechbücher. Zuerst habe ich dabey na-
türlich an Deine Wirksamkeit Deiner Kinder
gedacht. Du schreibst mir Du hättest 100 Kinder.
Anfangs dachte ich freylich nur an die Kinder
im Waisenhause selbst, einmal als Gabe von
mir und als Andenken an mich und als Ver-
knüpfung mit mir, da aber diese Kinder
wenigstens einige davon auch mit den Kindern
Deiner Schule in Verbindung kommen, und
die Lust an etwas Fremden und Neuen leicht /
[24]
um sich greift, so dachte ich daß diese Ausstech-
bücher vielleicht zu einer lebenvollen Ver-
knüpfung der Schule mit der Familie dienen
könnten; 8 brauchbare Blätter enthält jedes
Buch, dieß ist hinlänglich für jedes Kind zu Gaben
an Eltern und Großeltern, Basen und Oheime,
Pathen und andere Hausfreunde.
Um nun persönliche Beziehungen in das
Ganze zu bringen kann man z.B in Nr. 1
in der Mitte des Gegenvierecks einige Linien
weglassen und anstatt deren einige Buchstaben
oder beyde Glieder der Figuren mit einander
verknüpft vielleicht selbst ein Paar Worte
hineinbringen und ausstechen lassen z.B.
EUCH zur FESTGABE, oder blos
AUS LIEBE, oder blos DANK oder
FREUDE EUCH – SEEGEN DIR u.s.w.
Unten habe ich mit gutem Vorbedacht das
farbige Papier noch größer gelassen; es
kann darauf mit leichter Mühe mit wenig /
[25]
Oblate noch ein weißes Papierstück[ch]en fest-
gemacht und es können darauf gerad 3
Reihen Geviert gezogen werden, worein
der Name des Gebers geschrieben werden
kann, nemlich so [Zeichnung der Notenlinien mit Name]
______________
I______________
I H E I N R I C H 
I______________
Ich erlaube mir Dir dieß anzudeuten weil
in solchen Momenten wenn die Sachen an-
kommen man nicht gleich alles so bedenkt; ich
will Dir wohl, wenn ich es anders nicht vergesse,
die Größe der Gevierte bey<geben> damit Du einige
1/8 oder ¼ Bogen mit entsprechenden Gevier-
ten beziehen lassen und dann nur die ange-
messenen Streifen davon abschneiden lassen
kannst. Ob Du jedoch in diesen von mir ange-
deuteten Gebrauch eingehen willst und kannst;
d.h. für gut häl[t]st wird ebenfalls ganz von
Dir abhängen; ich wollte Dir nur meine Ansicht
aussprechen. Willst Du aber auch, die Aus-
stechbücher bis zu ihrer Vervollständigung /
[26]
durch Gebrauchsanweisung rc. bis zu ihren
allgemeiner Veröffentlichungen bey Dir
liegen lassen, so ist mir das alles recht, u ich ver-
traue Dir ganz, daß Du in jeder Hinsicht das dem
Ganzen förderlichste erwählen wirst. -
Willst Du diejenigen [Ausstechbücher] welche Du nicht unmittel-
bar
für die Kinder des Waisenhauses brauchst
- um wenigstens der Unternehmung die
Auslage wieder zuzuführen in Baar um-
zusetzen, so werde ich Dir, wenn auch heute
nicht, doch in einem der nächsten Briefe und
immer noch zur rechten Zeit die Preis[-]Be-
stimmung von hier absenden, wozu Du dann noch
das Nöthige für Porto rechnen und hinzufügen
kannst. Eins muß ich aber doch noch <nach> er-
wähnen. Erstlich 4 Exemplare liegen bis auf
die noch hinzu kommend müssende Gebrauchsanleitung ganz voll-
ständig bey wie ich solche auszugeben geden-
ke; nemlich mit Umschlag und sowohl weicher
als harter Unterlage damit das Kind sogleich /
[27]
auf jedem Tische sogleich sein Ausstechgeschäft
beginnen kann. Ich habe Dir diese 4 Exemplare
in doppelter Beziehung beygelegt einmal,
damit Du siehest wie ich das Ganze in die
Familien einzuführen gedenke, dann damit
Du – wenn Du vielleicht zu Festgaben in
irgend einer Kinderfamilie von den Ausstech-
büchern Gebrauch machen willst Du mehrere
Exemplare darnach von Deinen Pappfertigen
Knaben anfertigen lassen kannst. –
Darf ich Dir nun auch Dir eines von diesen
4 Exemplaren als Festgabe anbieten und
willst Du es von mir annehmen, so ist es mir
schon ganz recht und lieb.
Sollte Elise in ihrer Stellung zu den Kindern
von einem Exemplar Gebrauch machen können
und wolltest Du ihr eines geben, so soll es
mich freuen. Ein Exemplar dächte ich gäbest
Du aber bestimmt als Gegengabe für ihr
Serviettenband an Lisi und ein zweytes/
[28]
Exemplar an Karoline, die dadurch diese
Kinderbeschäftigung mit ihrem Mädchenkreis bey
Beiers [sc.: Beyers] einführen könnte.- Zu den Ausstech-
büchern mit weißen Papiere hätte ich gern wenig-
stens die 3 Hauptfarben, woraus sich dann die
Zwischenfarben mit Leichtigkeit mischen lassen,
auch wohl Pinsel beygelegt, allein das Wetter
war gar zu schlecht um nach Saalfeld zu gehen
und zuletzt übereilte mich der Tag des
Abgangs (: nemlich Sonnabends am 25. Novbr.
ist alles von Volkstädt abgegangen :) Bis nach
Mitternacht haben Gyger und ich gearbeitet
um die Sache Morgens ½ 5 Uhr von hier abzu-
schicken. Machst Du also von diesen Sachen
bey den Kindern als Festgabe Gebrauch so
sage ihnen mit meinem herzinnigen Gruße,
daß jedes Stück viele male durch meine Hand
gegangen sey und daß ich dabey oft an sie ge-
dacht habe; es möge ihnen wenn sie es erhiel-
ten, Freude machen.
[29]
Zweytens habe ich noch ein Wort über die
Beylage mehreren gefalteten Makulatur-
papieres zu sagen. Einmal bedurfte ich vieles
Ausfüllungpapieres weil sich sonst die Packete
der Ausstechbücher gar nicht gefügig und ange-
messen mit den übrigen Drucksachen verpacken
lassen wollten, dann dachte ich, es sey auch recht
gut, wenn [Du] beim Gebrauche in Deinem Hause
und in Deiner Schule gleich alles möglichst
bey der Hand hättest; so hätte ich sehr gern auch
sogleich Ausstecher mit hinzugefügt, allein die
Zeit war zu kurz es ließ sich nicht mehr her-
stellen. Jedoch soll in Zukunft dieß alles
vollständig geliefert werden. Nr. 5-8 der
Zeichnungen, die senkwagrechten Linien und die
senk- und wagrechten Linien enthaltend
sind beym Lithographen. Wie das Ganze jetzt
vor mir liegt so hoffe ich daß die Lieferungen
der Zeichnungen nun schnell nacheinander,
wenigstens von 4 zu 4 Wochen immer /
[30]
4 Zeichnungen folgen sollen. –
Theile mir nun nach Prüfung über alles
so offen - allein kürzer als ich hier mir Deine
Meynung und Ansicht über alles mit.
Über den eigentlichen Gebrauch und die An-
wendung des selbstlehrenden (mathematischen)
Würfels habe ich nun noch einiges Dir auszu-
sprechen, weil Du ihn hier noch ganz ohne
erklärende Mitgabe bekommst.
Er soll das ganze Gebiet der begründenden
Raumeskunde in aufsteigender Betrachtung des
Würfels enthalten.
Jeder Hauptwürfel enthält im ganz
Allgemeinen einen Hauptgegenstand der
Betrachtung. Dem Zögling von welchem vor-
ausgesetzt wird, daß er mit Verständniß
lesen kann wird immer nur ein einziger
Theilwürfel, deren [bei jedem Hauptwürfel] jederzeit 8 sind zur
Betrachtung gegeben.
Die Betrachtung beginnt jederzeit mit Fläche 1 /
[31]
und schreitet dann den Würfel langsam von
der rechten zur linken Hand drehend zu
2, 3 u. 4 fort; von 4 zu 5 wird der Würfel
jederzeit abwärts gegen die Brust und
von 5 zu 6 wieder ganz auf[-] oder überwärts
gedreht. Man muß dem Schüler früh an-
gewöhnen, den Würfel leis zwischen den
Daumen und Mittelfinger der linken Hand
zu halten und auf die angegebene Weise
leise mit den Daumen und Zeigefinger der
rechten Hand zu drehen. Dieses muß ordentlich
eingeübt und vorgezeigt werden, damit
Ordnung, Stetigkeit und Ruhe in die Betrach-
tung komme.
Nach dieser kleinen Vorbereitung giebst
Du den Würfel (jedoch ohne diesen, also
seinen Namen auszusprechen) dem Schüler
und sagst: betrachte was ich Dir hier gebe und
sage mir was es Dich lehrt oder gelehrt hat.
Sind es mehrere Schüler, welche Du zugleich /
[32]
beschäftigen willst, so sprichst Du nicht sage mir,
sondern blos: siehe, was rc..".
Wenn er sagt ich weis [sc.: weiß], so sprichst Du zu ihm
"reich den es weiter und giebst ihm den folgenden
Würfel mit vorheriger Aufforderung und so
mit 2,3,4 Würfeln wie Du es für nach Zahl Deiner
Schüler für gut findest. Ist das geschehen, so
nimmst Du den ersten Würfel in die Hand und
frägst: "Was lehrt Dich dieser Gegenstand ? –
einer oder mehrere: "er sey ein Würfel."
Was ist also das: Im Chor oder gemeinsam:
"Das ist ein Würfel!" - Nun auf vom Würfel
weg auf andere nahe seyende Gegenstände
deutend.
Was lehrt Dich nun dieser Gegenstand, oder was
sagt dieser Gegenstand daß er sey?- "Ein
Tisch" Dieser? "ein Ofen." u.s.w. Im Chor wieder-
holt: Tisch rc. Nun nimmst Du den 2. [ Teil-] Würfel
und fragst nun was lehrte Dich der
WürfeI ferner? -Einer oder Mehrere:
"Der Würfel hat Flächen" Im geeinten Chor /
[33]
wiederholt: "Der Würfel hat Flächen". Nun
fragst Du weiter: hat der Tisch auch Flächen? -
Einer, Mehrere: [”]Der Tisch hat auch Flächen"
Im Chor wiederholt. Eben so beym Ofen u.s.w.
So gehst Du also nach und nach alle Eigenschaften
des Würfels durch, wie es der Würfel selbst
lehrt.
Was tritt hierdurch entgegen u was giebt
diese Lehrweise ? - Frage Dich u beantworte
Dir diese Frage ehe Du meine Antwort
liesest – Der Würfel zeigt u giebt dem
Schüler vor allem eine Normalanschauung
einen NormaIen Gegenstand um damit in
der betreffenden Beziehung die übrigen ihn
umgebenden Gegenstände zu vergleichen. -
Langethal, Langethal! – Dieß ist etwas über
allen Vergleich Wichtiges und noch gar nicht im
Unterricht Dagewesenes als jetzt Daseyendes.
Man spricht immer von Normal u. Normal
und hört nur von Normal-Schulen, Normal- /
[34]
unterricht, Normalcurse und giebt doch
den Schülern u Lehrern gar nichts absolut
Normales, wenn es aber Normalschulen,
Normalunterricht, Normalcurse u.s.w. geben
soll u geben kann so muß es auch Etwas Nor-
males für jeden Unterricht und hier zunächst
für den Gegenstand mit welchem wir uns be-
schäftigen für die begründende Raumeskunde
geben und dieß ist der Würfel, die Kugel.
Da nun Deine Kinder und Schüler (ich will hier
nur bey diesem Gegenstande dem Raume stehen
bleiben) einen vergleichenden festen, klaren
bestimmten Beziehungs- und Mittelpunkt
in der Anschauung bekommen, nun sollst
Du einmal sehen wie auch all ihre Erkennt-
niß in dieser Beziehung zunächst nur hervor-
gehoben eine klare bestimmte, feste werden
wird, welche Sicherheit, Freudigkeit und All-
seitigkeit in diesen Unterrichtsgegenstande
kommen wird, die VergIeichung mit andern /
[35]
umgebenden Gegenständen muß aber immer
festgehalten werden und führt gewiß zu
höchst wichtigen Ergebniß für die Ausbil-
dung der äußern u. innern Entwickelung
des (Kindes) des Schülers; denn von Kind kann
im beschränkten Sinne [des Wortes hier] nicht mehr die Rede
seyn; sondern der Schüler steht jetzt, Knaben
u Mädchen mit eingeschlossen, auf der Stufe
der Puerescentia.
Dieser Unterricht fällt freylich wie ich ihn
Dir [hier] mittheile etwas mit der Thür ins Haus,
weil er hier durch die ihm im Laufe der Ent-
wicklung vorhergehenden Spiel- und Beschäftigungsmittel
noch nicht genug vorbereitet
erscheint; dieß thut aber für Dich und zunächst
für Deine eigentlichen Waisenhauszöglinge,
(mit welchen Du nothwendig zuerst beginnen
mußt) nichts; diese sind durch alles bisher
mit ihnen Geschehene hinlänglich für diesen
Unterricht vorbereitet. –
Dieser Unterricht soll, wie ich schon oben aus-
sprach das ganze Gebiet der begründenden /
[36]
Raumeskunde umfassen und ganz entgegen-
gesetzt mit dem bisherigen mathematischen
Lehrgange von der Stereometrie zur Plani-
metrie
und Longimetrie, vom Körper, zur
Fläche zur Linie herab und von dieser dann
später wieder zu FIäche und Körper hinauf
steigen, und so innere Anschauung [möglich machen], zur Durch-
schauung
des Körperlichen führen. Ich habe schon
so gegen 10 Hauptwürfel bearbeitet von welchen
jetzt schon 5 gedruckt sind welche [Reihe bis auf den noch nicht
versandfähigen fünften] Du eben erhäl[t]st.
Auch die Sprache habe ich so, geknüpft an
die Normale Anschauung des Würfels, und
so als sprechenden oder Sprachwürfel be-
handelt. Es wird jetzt daran gesetzt und ich hoffe
daß die 5 Hauptwürfel bis und mit Neujahr
fertig werden <würden>. Auf diese Arbeit
lege ich als ächt Normal ganz besondern Werth;
ich führe dabey den WürfeI was ich ebenfalls
für wesentlich halte, durch die ganze Sprache /
[37]
hindurch von sich und mit dem beachtenden
Schüler sprechend durch. Ich bin auf die Wichtigkeit
des Selbstsprechens des Würfels erst später
aufmerksam geworden als ich schon den mathe-
matischen Würfel zum größten Theil ausge-
arbeitet hatte und habe dort nur den ersten
Theilwürfel selbst u von sich sprechend einge-
führt, gleichsam nur als Versuch. Soll Später werde
ich mich bey Veröffentlichung dieser Lehrmittel
wenn auch nur andeutend darüber ausspre-
chen. Dir sage ich jetzt, soll die alte Gott-
offenbarung durch die Dinge und Sachen
wieder eintreten, so muß man die Dinge wie-
der von sich sprechend ins Leben einführen, we-
nigstens in das Kinder- und Jugendleben wie
ja dieß auch das Kind noch jetzt so gern thut
indem es in die todten Gegenstände Leben
u Bewußtseyn setzt. In Beziehung auf die
Erwachsenen thut es ja noch bis jetzt das Mähr-
chen
und darum wirkt es ja auch so tief /
[38]
erfassend auf den Menschen, auf Alt wie
Jung.
Wie nun aus dieser Behandlung des begründen-
den Unterrichtes für jeden einzelnen Unter-
richtsgegenstand eine NormaIe Anschauung
zur als fester Vergleichungspunkt zur Auffassung
desselben hervorgehen soll, so soll die Behand-
lung der verschiedenen Erkenntnißgegenstände
zugleich ein Mittel zur klaren Anschauung
und Auffassung nicht allein von Lebensgesetzen
und Lebenswahrheiten überhaupt, sondern
auch von den Gesetzen der Sittigkeit, der
sittlichen (moralischen), ja sogar von den
reIigiösen Wahrheiten geben; überhaupt soll
aus dieser Behandlung und Auffassung der
bisher als unbedeutend, kaum beachteten
Gegenstände, die Anschauung und Auffassung der Gesetze
der Lebensweisheit - die ächte
Lebensweisheit und ihre Forderungen selbst
hervorgehen. Ich deute Dir dieß hier an, daß
Du wo Dir leise Hinweisungen dazu entgegentreten, /
[39]
Du solche sogleich festhaltest und im Ge-
spräche mit, in Mittheilungen an Andere
Du Dir diese Anklänge klärst und festhaltest.
Mir treten sie häufig entgegen, leider
muß ich sie jetzt in mir noch immer zurück
drängen.
---------------------
Ueber den Gebrauch der wieder an
Dich abgesandten 100 Expl. S.B. habe ich mich Dir
zum Theil schon im vorigen Briefe ausge-
sprochen; jetzt nur noch einiges. 25 Exempl.
schreibst Du mir bedürfest Du wenigstens
noch für Dich, dabey lese ich aber nicht daß Du
zugleich noch eine besondere Rücksicht auf den
Bedarf des Kantons Luzern, auf Solothurn
(durch Herrn Pf. Stähli in Langenau) genommen
hast. Schulbehörden aus Solothurn nahmen
einmal lebhaften Antheil an den Burgdorfer
Wiederholungs- oder Fortbildungscursen. Viel-
leicht kannst Du die besondern Personen durch /
[40]
Herrn Pfarrer Steinhüsli in Ättigen [Steinhäuslin/Aetigen] er-
fahren; er hat Verwandte in Burgdorf und kam
früher zum öfteren dahin. Einer dieser Ver-
wandte[n], ich glaube sogar Schwager (irre ich
nicht Namens Kupferschmidt) wohnt dem Stadt-
haus gegenüber wir waren einmal in diesem
Hause zu einem Begräbniß; auch bey Fr. Hopf
glaub ich kannst Du diesen Herrn Pfarrer er-
fahren. Ihm wenigstens könntest Du ein Exempl
des S.B. als Gruß von mir geben; er sprach
sich mir zum öftern sehr theilnehmend aus.-
Nun giebt mir auch unser Frankenberg
einige freundliche Zeilen für Dich, worinnen [er]
besonders wieder unsere Luzernerischen Ver-
hältnisse und so mehrere früher sehr eingehende
Männer und Orte namentlich hervorhebt, so
dachte ich denn, daß es ganz wesentlich wäre
Dir für diese Punkte wenigstens auch 25 Exempl.
beyzulegen. Lieber Langethal! wenn es diesen
Menschen auch nur ein Sachgruß ist wie eine /
[41]
Hand die man reicht, wie einen Kuß den man
giebt durch die Erinnerungen, die sich daran
gleichsam wie aus einer schönen früheren Vergangen-
heit knüpfen, erwärmt, belebt es doch wieder
von neuen, und nährt, befestigt, ja entwickelt
u fördert auch wohl weiter die alte Bekannt-
schaft.
Petermann in Sursee und Meyersche
Buchhandlung in Luzern will ich nur im Vorbey-
gehen wieder erinnern, durch diese erfährst Du
vielleicht manchen Geistlichen oder Schullehrer
dem das Blatt durch diese Buchhandlung mitzu-
theilen wäre zB. einem gewissen Suppieser.
Wenn die Mittheilungen auch weiter gar nichts
wirken, so sagen sie doch thatsächlich: wir sind
noch da, wir halten unser Ziel noch fest und
wirken ausdauernd u lebenvoll für das-
selbe fort; dieß dünkt mich ist zunächst wenig-
stens Etwas.
Drittens bringe ich Dir 25 Ex. für Hundeshagen /
[42]
nach Neuorleans oder vielmehr St. Louis wieder
in Erinnerung. Wir müssen nothwendig sehen
uns mit dem westlichen Theil von NAmerika
in bestimmten Lebensverkehr zu setzen. Die
Zeitungen bringen immer von Neuem wieder
Nachrichten von den unausgesetzt regen Bestre-
ben der dort eingewanderten Deutschen, dort
im Westen von N.A. deutsches Leben von
Neuem zu begründen, zu pflegen, zu entwickeln;
so war in einer der jüngsten Nr. unseres
Hanauer Zeitungsblattes wieder eine Anzeige
des Planes und dem Streben in dem Westen von
NA. eine neue Universität von Deutschen und
für Deutsche in ächt deutschen Geiste zu stiften;
Rotteck rc. rc. wurden dazu als Professoren
vorgeschlagen.
Doch auch im Osten von NA. findet unser
Streben - wie ich mir gar nicht anders denken
konnte - Theilnahme und Anklang, so schreibt
Louis Frankenberg in seinem jüngsten Briefe /
[43]
an seine Geschwister in Keilhau: - ” Eure
”Gesellschaft erregt unter den Gebildeten hier
”lebhafte Theilnahme, als etwas sehr Edles aber
”bisher Unerhörtes; leider giebt es diesen Gebil-
”deten nur noch zu wenige in diesem Theile von
”Amerika, um einen Pflänzling der <ersten> gehörig
”pflanzen zu können. Herr Schmidt (: Du Langethal
wirst Dich dessen gewiß aus früheren Mittheilungen
erinnern; unserm Hundshagen gab ich an ihn
und an Jucksch einige Zeilen mit :) ”Herr
”Schmidt [sc.: Schmid], einer der Gebilde[t]sten und gewiß der
”Einflussreichsten der hiesigen Gegend, wird,
”um seinen Vater hierher abzuholen und anderer
”Geschäfte halber nach Teu[t]schland reisen und
”zwar sehr bald und wird wenn es ihm irgend
”die Zeit erlaubt auch nach Keilhau kommen
”um die Lehrer und die ganze Einrichtung der
”Anstalt genau kennen zu lernen.” –
Dieser Herr Schmid ist nun wirklich schon in
Deutschland in seiner Heymath angekommen /
[44]
und haben [sc.: hat] eben den gedachten Brief [von] Louis
mitgebracht und aus seiner Heimath nach Keilhau
gesandt. Louis Frankenberg theilt uns seine
Adresse mit sie ist
Wilhelm Schmid Seminardirector und
Prediger (in Columbus im Staate Ohio)
gegenwärtig in Dunsberg bei Kirchberg
im Fürstenthum Hohenlohe im Königreiche
Wirtenberg.
Lieber Langethal! ich halte die Überkunft
dieses Mannes gerad in der jetzigen Zeit für
unser gesammtes Leben wie auch insbesondere
für mein und unser jetziges Unternehmen auf
das Höchste wichtig. Ich bin ganz erregend davon
ergriffen worden als mir Adolf Frankenberg
die Nachricht davon brachte und mir obiges
mittheilte, was ich darum auch wieder so
vollständig an Dich geschrieben habe. Ich habe nun
zunächst unsern Frankenberg gebeten dem Herrn
Schmid nicht allein zu schreiben und ihn besonders /
[45]
zu uns einzuladen, sondern ihm auch zunächst
wenigstens die Probenummern des S.B. zu schicken.
Ich habe ihm sogar durch Frankenberg – wenn es
dieser anders besorgt hat – schreiben lassen, er
möchte Dich (weil es uns jetzt in Keilhau gar zu
sehr an lebendiger lebenvoller Anschauung
einer freyen Jugendpflege fehlt) er möchte
Dich in Burgdorf besuchen. Ich halte die Pflege
des Lebensverkehres mit diesem Manne so wich-
tig, daß ich Dich, wenn Du nicht so sehr an Deinen
Beruf und an Deine Wirksamkeit örtlich gebun-
den wärest auffordern und bitten möchte: -
kann Dich Herr Schmid nicht in Burgdorf besuchen,
so mache Du es möglich ihn vor seiner Abreise
dort in Dunsberg zu besuchen. Auf jeden Fall
dünkt mich müssen wir alles anwenden um durch
diese Gelegenheit – welche mir wie gerufen
kommend
erscheint – in persönlich erziehenden
Verkehr mit NA., wenn auch zunächst nur
mit einem Punkte im Osten desselben zu kommen; /
[46]
Ebensowenig wie wir es versäumen dürfen
den uns durch Hundeshagen in Westen gegebenen
Punkte zu pflegen. Theile die zwey ersten Zeilen
der Frankenbergschen Mittheilung auch an Spieß
und Ferdinand mit um ihnen fühlbar zu machen
wie ein einigender und lebendiger Geist auch ohne
irgend etwas anders als die einfache historische
Mittheilung davon schon in die Ferne Lebens-
weckend und Lebeneinigend wirkt; damit sie
endlich einmal den eingehenden Leben weckenden
Geist unseres Wirkens erkennen und anerkennen
mögen, Dir und Euch allen jedoch, jedem für seine
Ausdauer und Treue auf seiner Stufe der Er-
kenntniß und nach Maaß seiner Kraft dieses
schreiben zu können, macht mir hohe Freude, denn
sie können nun doch alle mit Dir und mir ahnen,
was nach wieder 10 Jahren der Früchte die Blüthen,
wenn auch nur <nach>, und der Umfang unsers
Lebens – bei fernerer und weiterer Ausdauer
und Treue sein wird. Ich selbst danke Gott dafür /
[47]
möchte es uns nur aber auch zu einen recht ein-
gehenden innigen Zusammenhang beleben. Ich danke
Gott dafür daß jemehr sich auch erst nur in
Anerkenntniß schon unser Wirken ausbreitet,
ich dadurch schon der Entwickelung und den individu-
ellen Forderungen der Einzelnen Glieder des Kreises
- ohne von den begründenden Forderungen des
Ganzen selbst unausweichbar gedrängt zu werden
- mehr nachgehen kann. Das war es immer was
mein Gemüth und Geist ersehnte und erstrebte,
daß wir alle ohne rechts u links ohne auf und
ohne nieder zu schauen wie Ein einiger Mann
nur erst für das Keimen und Einwurzeln und
dann für das Verzweigen des Ganzen wirken
mögten. Hätte man mir in Keilhau früher in
dieser Beziehung vertrauen können und mögen
jetzt schon hätte Jeder mehr als sein Gemüth
geahnt das rein Menschlichste was es bedürfte.
Doch Gott hat alles zum Besten gewandt und
Ihm sey Preiß, Dank, Ruhm u Ehre. Ich freue /
[48]
mich Gott befreyt meinen Geist und Gemüthe
immer mehr und mehr von persönlicher Trübung
von Trübung, dem Trübenden des Persönlichen, und
so grüße ich Dich und durch Dich alle die Deinen in
Euern frohen thätigen Lebenskreis Deiner Ernestine
den Middendorff, den Spieß, die Elise, den Andere Antonen
und all Deine Kinder! –
Du mußt nun schon diese Abschweifung verzeihen:
Wenn in dem Gemüthe die frohe Hoffnung einer
endlich möglichen Allseitigen, er- und umfassen-
den Leb, Jedem genügenden, Jedem was er bedarf
gebenden Lebensentwickelung auftaucht, so
knüpft sich daran ein gar zu wohlthuendes be-
glückendes Gefühl, daß man unmöglich jenen
hoffnungsvollen Gedanken sogleich wieder zurück
drängen kann, ja in jenen Gedanken fühlt man sich
und lebt ganz als wahrer Mensch in jenem Gedanken ist der
Mensch – bin ich wenigstens – fühle ich mich in der
Sphäre meines Lebens. Werde ich noch einst in
einer solchen Sphäre, einer solchen allseitigen
er- und umfassenden Lebenssphäre heimisch werden, /
[49]
dann werdet Ihr erst sehen wem Ihr
eigentlich im Leben vertraut habt und was
dieser eigentlich zu Eurem eigenen Heile von Euch
gefordert hat. -
Nun nochmals, ich weiß nicht wie sich dieß soeben
aus dem Gemüth hervorgedrängt hat; allein
es steht nun einmal nun so mag es stehen.
Mein Zweck war eigentlich jetzt blos die that-
sächliche Lebensmittheilung zu machen.
Schon vor mehreren Monaten machte der ehe-
malige Erzieher des Herzogs von S.[Sachsen] Meiningen
Mosengeil, jetzt geheimer Kabinets Sekretär
des Herzogs auf Befehl desselben die Anfrage
wegen den Bedingungen rc. zur Aufnahme
von Zöglingen in Keilhau.
Der Brief war in seinen Forderungen und
Fragen ganz allgemein, und ob gleich der Brief
unter meiner Adresse als Vorsteher der Anstalt
ankam, so beantwortete ihn doch Barop nach
Rücksprache als Führer der Anstalt mit seiner /
[50]
Namensunterschrift.
Vor einigen Tagen erhielt nun wieder
ich unter meiner Adresse und als Vorsteher
nachstehenden Brief von Mosengeil.
”Auf Befehl Sr. Durchlaucht des Herzogs von
”S. Meiningen
soll ich in weiteren Verfolge der
”zwischen uns stattgefundenen schriftlichen Verhand-
”lungen die fernere Anfrage an Sie stellen ob wohl
”die Aufnahme mehrerer armer Waisenkinder
”in Ihre Erziehungsanstalt zu ermöglichen seyn
”möchte.”
Dabey muß ich jedoch bemerken daß für solche
”Kinder nur eine geringe jährliche Unterhaltungs-
”summe gezahlt werden könnte, etwa 100 fl.”
( = 150 Sch[wei]z[e]rf[ran]k[en]).
”Ich soll Sie bitten, Ihre Ansicht hierüber gü-
”tigst mittheilen zu wollen. Mit vollkommenster
”Hochachtung”            ”J. Mosengeil”
”Meiningen,                   G. Kab. Secr.
”den 17 Novbr.1837. /
[51]
Nach Rücksprache nun mit Barop und nach
gemeinsamer Überzeugung daß Keilhau
schlechterdings keinesweges auf diesen Antrag
eingehen kann habe ich nun von hieraus darauf
folgendes geantwortet: -
”Sr. Wohlgeboren dem Herrn Geheimen
Kabinets Sekr. Mosengeil in M.”
” Als Antwort auf die vertrauensvolle An-
”frage, welche Ew. Wohlgeb. Auf Befehl Sr.
”Durchlaucht des Herzogs von S. Meiningen an mich
”gethan haben, muß ich erwiedern, daß es nicht
”möglich zu machen ist in meine Erziehungsanstalt
”zu Keilhau weder eines noch mehrere arme
”Waisenkinder unter den angedeuteten Beding-
”ungen zur Erziehung aufzunehmen; indem
”einmal: der Wirkungskreis, welchen sich die
”Anstalt nehmen jetzt gesetzt hat, die Aufnahme solcher
”Kinder und unter den angebornen Bedingungen
”keinesweges gestattet, und indem zweytens auch
”noch überdieß die Stellen für die Zöglinge /
[52]
”in diesem Augenblicke in der Anstalt so
”besetzt sind, dass selbst zur Aufnahme mehrere
”Zöglinge unter den bestehenden Bedingungen
”kein Raum mehr übrig ist.[”]
”Um jedoch Vertrauen mit Vertrauen zu
”erwiedern will ich mir erlauben für Sr. Herzogl.
”Durchlaucht Ihnen eine andere Mittheilung zu
”machen.”
”Seit Langem von der hohen Wichtigkeit der
”angemessenen Kinderbeschäftigung von der
”ersten Selbstthätigkeit der Kinder an, tief über-
”zeugt, bin ich [in] Verbindung mit der von mir
”gegründeten Erziehungsanstalten und andern
”erziehenden Freunden damit beschäftigt
”eine Anstalt zur Pflege des Thätigkeits-
”und Beschäftigungstriebes der Kindheit
”und Jugend”
”zu begründen und in Ausführung zu bringen.”
”Der Zweck dieser Anstalt ist nun ein
”doppelter: einmal die Veröffentlichung zweck- /
[53]
”mäßig geordneter, das Kind in seinem ganzen
”Wesen und in der Allseitigkeit seiner Verhält-
”nisse erfassender Spiel- und Beschäftigungs-
”und so Bildungs- und Belehrungsmittel.-
”(: Wollen Sich Sr. Herzogl. Durchlaucht die Mühe
”machen Sich von dieser Seite von dem Wesen
”der Anstalt näher zu unterrichten so erlaube ich
”mir in dieser Beziehung einige Druckblätter
”beyzulegen : )
” Dann hat aber die Anstalt noch den besondern
”Zweck: Durch die Hervorbringung und Aus-
”führung jener Spiel- und Beschäftigungsmittel
”besonders ärmerer Kinder, indem sie arbeiten
”und schaffen zugleich unter meiner und meiner
”erziehenden Gehülfen Leitung zu erziehen und
”zu unterrichten.”
”Jedoch konnte es in dieser Beziehung bis-
”her keinesweges meine Absicht seyn solche
”Kinder zugleich als eigentliche Zöglinge zu
”mir ins Haus zu nehmen, sondern meine /
[54]
”Absicht gieng blos dahin Kinder aus der
”mir ganz naheliegenden Stadt zu dem ange-
”gebenen Zwecke täglich, bestimmte Zeiten
”in meinem Arbeitshause zu beschäftigen.”
”Sollten es nun Sr.Durchlaucht der Herzog
”von S. Meiningen angemessen finden in eine
”solche unmittelbar unter meiner Leitung und
”persönlichen Mitwirkung stehenden Beschäfti-
”gungs- und so Erziehungsanstalt, arme Waisen-
”kinder unter der Grundbedingung <festzustellen>
”daß die eine Hälfte des Tages der schaffenden.
”zugleich aber erziehend und unterrichtend wir-
”kenden Thätigkeit und Arbeit, der andern
”aber dem bestimmten Unterrichte und der Er-
”holung gewidmet sey, so müßte ich mir, ehe ich
”mir, ehe ich von meiner Seite über die jähr-
”liche Unterhaltssumme und sonst etwas
”bestimmtes aussprechen könne vorher eine
”nähere Erklärung ausbitten
”1.) Wie groß die Anzahl der eintretenden /
[55]
”Kinder seyn würde? -
”2.) Welchen Geschlechtes die Kinder seyn würden
”und in welcher Verhältnißzahl? –
”3.) Wie alt die eintretenden Kinder im Allge-
meinen seyn würden?
”am besten wäre es die Jahre mit Bestimmt-
heit anzugeben.
”4.) Wie lange Zeit die Kinder der Anstalt
”überlassen bleiben würden? -
”5.) Ob die austretenden Kinder immer
”wieder ersetzt werden würden? -
”6.) Mit welcher Ausstattung von Kleidern,
”Wäsche pp. die Kinder übergeben werden
”sollten? –
”7.) Genau zu bestimmen was für die vor-
”läufig genannte jährl. Unterhaltungssumme
” von etwa 100 fl. Für jedes Kind von der
”Anstalt aus demselben zu reichen sey oder was
”eigentlich unter dem Ausdrucke ’jährliche Unterhaltung’
”für jedes Kind gefordert werde.”
”Über alles dieses müsste ich mir Erklärung /
[56]
”ausbitten um daraus zu ermitteln ob das
”Ganze in sich bestehen könnte und besonders
”um für die auf[zu]nehmenden Kinder hier die
”nöthige Wohnung rc. zu ermitteln, indem sich
”mir dazu hier wenig günstige Aussicht biethet.
”Ew. Wohlgeboren ersuche ich nun ergebenst das
”Ganze Sr. Herzogl. Durchlaucht zu Höchsteigener
”Prüfung vorzulegen und die deßfallsige Ent-
”scheidung mir gütig möglichst bald mitzutheilen;
”indem ich täglich fortschreitend mit der Ausbil-
”dung meiner Anstalt beschäftigt bin; ich gleich
”beym Beginn derselben das Beste ergreifen
”möchte rc. - FrFr.
[Randnotiz*-*]
[*] Allen reiche ich die Hand zum neuen frischen
Lebensbund, im Geiste und in der Wahrheit in
der Liebe in der Treue, auch dem Ferdinand
wenn er sie will. [*]
Ich theile Dir lieber Langethal dieß aus mehr-
fachen Rücksichten so ausführlich mit, einmal wie /
[57]
altes Leben und altes Zutrauen, selbst wider
Willen der vermittelnden Personen jetzt wieder
auftaucht. In Mosengeils Innern ist noch die
alte Position, dieß drückt sich ganz deutlich aus
in dem Beginne des Briefes ”Auf Befehl pp”
als in dem Schlusse desselben ”Dabey muß ich jedoch
bemerken pp”. Dennoch muß er (”Ich soll”) ”bitten”
u.s.w. Zweytens: wie es mir um so wenig
möglich ist, diesem neuen Vertrauen wieder
entgegen zu kommen, und wie dagegen nun ich fordernd
und bedingend auftreten muß. Allein war es
nicht zu meinem zu unserm Heile daß es so kam? -
Was könnte mir jetzt der Herzog v.S.M für
Burgdorf und selbst für Willisau, das doch so zurück
getretene biethen, wenn ich es als nicht hervor-
gekeimt machen könnte und sollte? –
Wenn nun auch aus der neuen Zuwendung von
Meiningen zu uns gar nichts hervorgeht, so be-
stätigt sich doch dadurch für uns, daß in meiner frühe-
ren Hinwendung nach Meiningen und zum Herzog /
[58]
v. S.M. innere tief begründete Wahrheit lag;
dieß ist aber für mich und mein Leben schon hin-
länglich genug.
Nun habe ich Dir und Euch und besonders auch
unserm Middendorff, dem es, wie ich aus dem Ganzen
vermuthen muß – besonders persönlich mit angeht
ein neues Zuwenden alter Liebe und Treue zu uns [zu]
melden, es ist dieß unser August Busse. Vor mir
liegt ein, sein jüngster Brief von ihm geschrieben
Neu-Vorwerk bei Obernick (im Großherzogthum
Posen) den 8. Novbr. 1837 beginnend: ”Meine lieben
Lehrer Freunde und Freundinnen!”
Gern theilte ich Dir und Euch eine vollständige Abschrift
dieses Briefes mit und es wäre wohl auch wichtig für
Euch und Ihn [sc.: ihn], allein er ist so groß u so eng ge-
schrieben daß wenn ich ihn Euch wörtlich mittheilen wollte
ich wohl 2 solche ¼ Bogen damit ausfüllen müßte.
Zuerst spricht er seine fortdauernde innigste, seelen-
und lebenvollste Einigung mit dem Ganzen mit
uns aus geknüpft an die Wirkung eines Briefes von /
[59]
Keilhau an ihn im April 1835 und wie es scheint
mit einer ”ziehenden Taube” versiegelt, und nun
spricht er sein festes Streben nach dem Besten aus:
”Standhaft aber habe ich die Mauer die mich gleichsam
”von meinem eigensten Selbste trennte, durchbrochen,
” – auf einen rauen Pfade bin ich zu dem Menschen
”zurück gekehrt, der ich eigentlich seit meinem frühe-
”sten Erwachen seyn wollte und der zu werden ich in
”meinen kühnsten Phantasien geträumt habe.”...
”Den Himmel sei Dank Preis daß ich wieder auf
”dem Wege bin, auf dem ich der menschlichen Ge-
”sellschaft mit Leib und Leben nützlich zu werden
”gedenke!”...
Nun beginnt August mit der Vorführung seiner
innern und äußeren Lebensgeschichte deren gleichsam
ersten Abschnitt er mit den Worten schließt: -
” Ueber das Nähere sey der Schleyer des Schwei-
”gens so lange gedeckt bis ich Euch kommenden Früh-
”jahr selbst sehen werde, da es mein Entschluß ist
”in Gesellschaft meines Freundes eine Reise durch /
[60]
”das südliche Deutschland zu machen.”...
Jetzt fährt er mit der Vorführung seines Lebens fort
in welchem ihm er sich sehr verkannt u gedrückt
fühlte, und in welchem er nur ”den Trost der
schönen Natur und den seines einzigen Freundes
genoß” bis es endlich zu einem völligen Bruch
mit seinem (Stief-)vater kommt. Er steht
allein, ganz allein, doch hier wendet sich das Schick-
sal günstig zu ihm und bald sogleich hat er einen
Principal von welchem er schreibt:.... ”Nach einem
”Vierteljahr gab mir mein Principal, sondern sein Vor-
”werk (Neuvorwerk) zur Verwaltung und ich
”darf sagen, daß ich mir nicht allein das Ver-
”trauen und die Zuneigung meines Principals,
”sondern seine Liebe erworben habe. Ich bin
”selbstständig und der Himmel gebe, daß ich jetzt
”unverrückt dem Ziele entgegen stürmen könnte,
”das einzig und allein meinen Gesichtskreis be-
”schäftigt.”
Weiter schreibt er nun wie es ihm bisher
”unmöglich war uns zu schreiben – daß /
[61]
”eine fürchterliche Macht seinen Arm ge-
”fesselt hielt, wenn derselbe auch schon die Fe-
”der zu diesem schönen Gespräche ergriff, wenn
”auch wirklich Titus schrieb ihm in seinen Feuerlettern
”zurief: - Bist Du in etwas schwankend, so
”weißt Du wo Du Dir den besten Rath holen
”kannst. Nur diesen Augenblick” (fährt er
unmittelbar fort) ”war dafür geschaffen
”Euch mein Herz, so voll es immer ist, auszu-
”schütten, und Euch um Euer Gesammturtheil
”zu bitten, das mich nur erhöhen wird und mich
ӟberzeugen soll, ob alle diese Handlungen
”in Euerm Geiste geschehen. Ich erwarte von
Euch Allen Antwort.”
”Wie geht es den Schweizerhelden! An
”meinen Pflegevater denke ich jedesmal, wenn
”mir der Muth sinkt eine rauhe Klippe
”im Leben erklimmen zu können, und sein
”Vorbild giebt mir Kraft, wie die sanfte Nacht
”der schlummernden Natur, die desto herrlicher /
[62]
”am Morgen wieder ersteht und ihre schönen
”Kinder gleichsam zum Danke für den Schöpfer
”wieder erschließt. An ihn sind meine Zeilen
”mit gerichtet. – Allen Unbekannten die Eurer
”Familie auch zugewachsen seyn mögen drücke
”ich freundschaftlich die Hand.” Nun kommen
die besondern Grüße.
”Müller ist bey seiner Mutter und ohne
”seine Einwilligung bringe ich Euch Allen seinen
”Gruß. Erfüllt meine Bitte und antwortet mir
”sobald als es Euch nur möglich ist; und in dieser
”Hoffnung lebend, Euch nochmals grüßend blei-
”be ich Euer Euch stets liebender Zögling, Freund
”und Genosse!
”J.A.Busse.”
Weil ich nun einmal viel aus dem Briefe geschrieben
habe, so will ich doch besonders um Middendorff
willen auch den Anfang desselben hersetzen:
”Lange meine Lieben ist es schon her, daß Eure
”ermuthigend freundlichen Zeilen mich zum /
[63]
”letztenmal begrüßten, und immer macht ihr
”tröstender Inhalt einen ebenso gleichen Eindruck
”auf mich, wie es in dem Monate April des
”Jahres 1835 der Fall war. Die ziehende Taube
”bringt mir noch heute in den Zeiten der Bedräng-
”niß ebenso Muth und ist mein Führer auf den
”schwankenden Pfaden durch mein buntes Leben,
”wie sie es damals that.”
Du und Ihr seht daraus wie es nach allen
Seiten hin viel des Lebens zu pflegen giebt; ich
wollte der Brief läge als Ganzes so vor Euch,
namentlich auch vor Middendorff dann wollte ich
Euch mit ihm recht herzlich bitten, Ihm [A.Busse] doch ja und ja
recht bald ein tröstendes und ein, mich und uns
doch ja im künftigen Frühjahr zu besuchendes einladendes
Wort zu schreiben. Ich halte dieß für sehr
wichtig, denn er schreibt unmittelbar nach den
Worten: -”nützlich zu werden gedenke” -
”Zwar bin ich selbst noch nicht im Klaren da-
”rüber wie und auf welche Weise und durch /
[64]
”welche Weise sich das Leben zu höheren
”Gängen Bahn machen wird, aber ruhig werde
”ich meiner Bestimmung nachleben und jenen
”Moment, den das Schicksal mir weislich wie der
”Herr einem seiner Knechte, die nähere Ausführung
”und die genauere Uebersicht eines seines höhern
”Plänen vorenthält, verbirgt, abwarten.” –
Wollte[t] Ihr ihn hiernach und besonders Middendorff,
welcher ihm den gedachten Brief im April 35
geschrieben zu haben scheint einige Worte der
Ermuthigung und der Ausdauer schreiben, so
wäre es wohl sehr gut, besonders ihn in dem
Vorsatze zu befestigen mich und uns doch ja
künftiges Frühjahr zu besuchen, wo sich dann
das Leben weiter klärend und befestigend
überblicken ließ. Der Brief müßte aber
wohl durch Einschluß über hier gehen, weil man
vielleicht Briefe aus der Schweiz in das Herzog-
thum Posen nicht uneröffnet eingehen läßt. -/
[65]
Jetzt noch einige Geschäftsfragen. Schreibe
mir doch l. Lgthl: Wie viel Exemplare ich
Dir ohngefähr von der ersten Lieferung der
Spiel- und Beschäftigungskästen: ”Der Ball
das erste Spielzeug des Kindes” – senden soll.
10 oder 20 Exemplare mehr als Du Absatz
vermuthest macht ja nichts aus. – Antwor-
te mir darauf mit der nächsten Post ich hoffe
Dir die Sachen dann sogleich nach Eingang des
Briefes abschicken zu können. Vielleicht kann
ich dann auch wieder Ausstechbücher Nr.5 -
8 incl. beylegen und es wäre gut wenn Du
wenn Du mir auch da im Allgemeinen be-
stimmen könntest wie viel Exemplare ich
Dir von jeder Nr. oder Zeichnung theils mit
farbigen, theils mit nur weißem Papiere
zum Malen überschicken soll. – Gut wäre
es freylich wenn dorten das die seit gestern vor
8 Tagen von hier an Dich abgegangenen Collis
auch schon bey Dir angekommen wären und /
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Du mir sodann auch gleich schreiben und mel-
den könntest, ob Du vielleicht, wenn auch
nur zunächst für Burgdorf oder Willisau
einige Exemplare vom selbstlehrenden Würfel
bedürftest. –
Habe ich schon erwähnt daß unser Gyger
abermals einen auffordernden Brief an einen
seiner Bekannten an den Lehrer Gnüge in
Obern ohnweit Büren beygelegt hat.
Antonen wird ihn in Makulatur eingeschlos-
sen finden, welches ein Gruß von Gyger
an ihn umschließt.
Auch dem Antonen sage, daß Herr Gyger
hier unermüdlich treu und fleißig sey und er
sich der Förderung der Sache nach allen Kräf-
ten angelegen sein lässt; Sage Antonen
daß Gyger bey allem was er thäte immer die
Erhebung und Förderung seines Vaterlandes
unverrückt im Auge habe.
------------ /
[67]
Wegen Deines Pathen und Neffen Heinrich
Röttelbach, theile ich ziemlich Deine Ansicht. Ich
wollte mein Wirken wäre mehr vorgerückt, er
wäre älter und ich könnte ihn beschäftigen, es
würde glaube ich gut sein. Er könnte sich so selbst
einen angemessenen Wirkungskreis für die
Zukunft bereiten. Ich wollte nur Dein Bruder
Christian, könnte in der vor uns liegenden
Ausführung unsers Lebensgedanken auch den
Grundgedanken seines Lebens finden und er-
kennen, so zeigte sich ihm hier eine seltene Ge-
legenheit eine große innigeinige und doch
auch wieder viel verzweigte Jedem das seine
reichende Familienwirksamkeit mit uns zu be-
gründen, und auch er würde für alle seine Ta-
lente in der Ausführung des Ganzen genügende
Befriedigung finden. – Wird er ehe er nach der
Schweiz geht uns hier in K – wohl besuchen! –
Nun lebe recht wohl. Beruhige uns bald, recht
bald ganz hinsichtlich Deiner Gesundheit, welche Gott /
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Dir hinlänglich mehr stärken möge.
D.E. FrFr.

Weißt Du denn Langethal, dass Dein letzter
Brief an uns schon vom 4. Nove[m]b[e]r. ist ? –
Du hast uns etwas verwöhnt, wir sehen
sehnsuchtsvoll einer neuen Mittheilung von Dir
und Euch entgegen. Besonders ist meine Frau
wegen Wilhelm Clemens wirklich besorgt ob er
auch glücklich bey Euch angekommen ist; sein
letzter Brief ist, wie ich Dir schrieb, am 4[.] Tage
nach seiner Abreise aus Bamberg geschrieben,
und doch versprach er uns bald aus der Schweiz
von sich Nachricht zu geben. Beruhige uns doch
darüber, wenn es noch nicht geschehen ist, mit
nächster Post, besonders seine Pflegmutter. –
Abgesandt am 6. Dezember 1837.