Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an August Busse in Neu-Vorwerk bei Obernick im Großherzogtum Posen v. <12.> 12.1837 (Blankenburg)


F. an August Busse in Neu-Vorwerk bei Obernick im Großherzogtum Posen v. <12.> 12.1837 (Blankenburg)
(BN 707a, Bl 22; 22R kommt vor 22V, undatiertes Reinschriftfragment 1 Bl 8° 2 S. ohne Adressatangabe. Hoffmann hält Hermann von Arnswald als Adressat für möglich. Es handelt sich aber eindeutig um A. Busse, ehemals Keilhauer Zögling. Briefpartner, Adresse und Datum erschließbar aus den Briefen Fs. an Langethal v. 30.11./6.12.1837, 58-64 und v. 12.12. /26.12.1837, 158V.)

[22R]
Wie Gott sein Wesen in der Schöpfung und als Schöpfer offenbart, so
thut der Mensch und die Menschheit ihr Wesen durch das Kund was
sie thut und schafft, daher ist die Kindheit und Jugend in ihrer ersten und reinen Erscheinung fast nur Schaffen u. Thun. Die Pflege des schaffenden Thätigkeitstriebes in dem
Menschen, von seinem ersten
Erscheinen an und stetig
angemessen fortschreitend, muß also nothwendig die Darlebung reines
Menschenlebens reiner Menschheit mit sich führen. So müssen für Menschen
und Menschheit, eine Menge trauriger Begleiter auf seinem Erden[-]
weg z.B. das Mißverständniß pp pp aber auch vieles Lastende
und Hemmende muß schwinden; indem es - wie z.B. gleich die
schaffende Arbeit u Thätigkeit, - als ein gottähnliches Wirken erbaut
- und, eben als Mittel zur Darstellung des eigentsten Men-
schenwesens, erkannt und anerkannt wird.-
Meinem Geiste und Gemüthe liegt es daher vor, als müsse die
ächte Pflege des schaffenden Thätigkeitstriebes in Kindheit und Jugend
einen ganz neuen Abschnitt des Menschheitslebens auf der Erde
herbey führen. Eltern[-], und Kinder- und Jugendpfleger suche ich
darum durch den bleibenden Zuruf, gleichsam den Wahl- und Denk[-]
spruch meiner Unternehmung: - "Kommt, laßt uns unsern Kindern leben!" hin-
und zurück zu führen. Alles was wir
für uns und unsere Kinder bedürfen und ersehnen wird uns
dadurch gereicht werden. Ich habe diese Gedanken in einigen
Bogen Druckschrift, welcher ich außer jenem Stirnspruch, noch
dem [sc.: den] Namen "Sonntagsblatt" gegeben habe, anzudeuten ver-
sucht. Der Gedanke ist dem Leben noch zu fremd, muß sich darum
auch selbst durch zu vieles fremdartige hindurch winden,
und so erscheint er selbst nicht immer dem Lesenden - so sagt
man mir - klar; doch ist er W wahr. Darf ich mir Deine
Erlaubniß versprechen, so schicke ich Dir vielleicht jene Bogen
einmal; jetzt mag ich es nicht thun, um das Eingehen
dieses Briefes bey Dir nicht zu verspäten.
Daß nun diese Anstalt, an deren Begründung nur zunächst,
und dann an deren Ausführung ich jetzt arbeite, eine Un-
ternehmung ist welcher vieler rüstigen frischen Kräfte bedarf,
wi das heißt solcher eingehenden Arbeiter und Lebensge-
nossen bedarf, welche in der Unternehmung den Grundgedan-
ken und das Streben ihres eigenen Geistes u Gemüthes, das
Leben was sie selbst ersehnen ausgeführt, wenigstens ange-
strebt finden, das wirst Du leicht einsehen; da nun dieß
hier in Blankenburg noch unvollkommen der Fall ist, so wird
es Dir auch gar nicht sonderbar erscheinen wenn ich Dir
sage, daß die Unternehmung in ihren Erzeugnissen nur
erst sehr langsam fortschreitet; (:Außer den oben gedach-
ten vorbereitenden Blättern, erscheint in ohngefähr 14 Tagen
zuerst das erste "Kindheitsspiel" der Ball, als das Unter-
nehmen eröffnend:) denn alle jetzt mit mir zu Er[r]eichung eines /
[221V]
Gemeinsamen, eines einigen Lebenszieles Geeinten, haben, jeder für
sich eine Wirksamkeit, welche ihn fast ganz in Anspruch nimmt.
Barop ist noch als Führer der Anstalt in Keilhau. Ob ihm gleich
vier Lehrer und einige helfende Zöglinge zur Seite stehen, so
ist er doch bey dem Zutrauen dessen sich die Anstalt erfreut
(zu Michaelis traten 4 neue Zöglinge ein) so beschäftigt, daß er
nur selten mich besuchen kann.
Langethal ist, wie schon erwähnt, in Burgdorf ganz in meine
Stelle getreten. Seine Wirksamkeit hat sich ungemein aus-
gebreitet, so daß er als Vorsteher der Waisenhauserziehung[s]-
anstalt, mit welcher jetzt auch der begründende Unterricht
für die Kinder der Stadt verbunden ist, für den täglichen
Unterricht von mehr als 100 Kindern zu sorgen hat. Ob er
gleich, gleich vom Anfange schon, einen sehr vorzüglichen,
eingehenden Gehülfen hatte, so ist doch Middendorff, we-
nigstens für einige Zeit, zu ihm auch als Hülfe gegangen,
indem Ferdinand Fröbel in Willisau nun auf eigenen
Füßen sich zu stehen und den Forderungen Willisaus mit
einem Gehülfen, einem Mitlehrer zu genügen getraut.-
Elise ist ebenso, wenigstens für einige Zeit als Hülfe zur
Frau Langethal nach Burgdorf gegangen.
Von Willisau ist auch schon im Frühjahre vor. J. ein gewisser
Frankenberg zur Hülfe Barops uns als Mitarbeiter nach
Keilhau gegangen, durch welchen sich besonders ein sehr reger
Lebensverkehr mit NordAmerika (indem er Vier Brüder dort
hat) angeknüpft hat; dessen Entwickelungen jetzt eben zu
beginnen scheinen.
So scheint überhaupt unser gesammtes Leben mit kom-
menden Frühjahr einer neuen gesunden und kräftigen Ent-
wickelung entgegen zu gehen, namentlich in Beziehung auf
hier und die hiesige Unternehmung, jedoch läßt sich von
dem Wie? - fast noch ganz und gar Nichts ahnen; alles ruht
in dunkler Nacht und schläft den stillen Winterschlaf
wie die Saat, welche der Landmann im dunkelen, nächtlichen
Schoose [sc.: Schoße] der Erde barg.
Ich freue mich daher ganz ungemein darauf, daß Du uns
die Hoffnung machst uns und, so hoffe ich, auch mich hier im
künftigen Frühjahre hier mit Deinem Dir und darum auch
mir und uns lieben Freunde zu besuchen. Vielleicht bist
Du dann gerad Zeuge neuer, und so Gottes Vaterliebe es giebt,
wohlthätiger und eine seegensreiche Zukunft versprechender
Entwickelungen. Langethal ist dafür noch in der Schweiz - ich
kann es nicht treffender bezeichnen, wie ein treuer Naturbe-
walter (Ökonomieverwalter) thätig. Du mußt also Deine Reise
zu uns ja in Ausführung bringen, dann wollen wir mit einander
in dem, dann aufgeschlossen vor uns liegenden Buche der Natur
und in dem Buche des Lebens lesen, was dem Ganzen und dem Einzelnen zu thun obliegt.-
[am Rand:]
Willst Du Dir nun während des Winters Dein innerstes Auge für den Blick in Natur und Leben stärken, so kann ich Dir dazu ein 1) /
[Rand 22R]

1) mir sehr theures liebes Buch empfehlen es heißt: "Novalis Schriften" kommt jetzt in der dritten vermehrten Auflage bey Reimer in Ber-
lin heraus. Dieses Buch erschloß mir in dem mir wichtigstens [sc.: wichtigsten] Lebensmoment, welchen ich in diesem Briefe gedachte, mich selbst, die Natur und das Leben. Bestelle 2' [Text bricht ab]
[Die Ziffern 1 und 2 sind wohl Leseanschlußzeichen, nach "2" folgte wohl noch etwas auf einem anderen Blatt]