Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Wilhelm Middendorff in Burgdorf v. 16.1.1838 (Blankenburg)


F. an Wilhelm Middendorff in Burgdorf v. 16.1.1838 (Blankenburg)
(UBB 50, Bl 160-161, Brieforiginal 1 B 8° 4 S., zit. Prüfer 1909, 37)

Blankenburg bey Rudolstadt am 16 Januar 1838.


Zum neuen Leben im neuen Jahre
Gott zum Gruß
Middendorffen und durch Dich all den Lieben Burgdorfs, Groß und Klein.

Mein Gruß zum neuen Jahr und zum Neujahr kommt spät zu Euch;
allein ich hatte am Ende des alten und mit dem Beginn des neuen
Jahres so viel zu bearbeiten in mir und außer mir daß ich gar
nicht zum schriftlichen, nicht einmal zum mündlichen Aussprechen meiner Her-
zens Wünsche kommen konnte; denn schon waren es gestern drey
Wochen daß ich nicht in Keilhau gewesen bin ihnen also noch nicht
einmal meinen Neujahrsgruß gebracht habe; allein, bin ich <fröhlich>
so eile ich in meinem Werke vorwärts zu kommen und ich möchte
sagen, und meinem Gefühl nach ist es wahr, jeder Athemzug, minde-
stens jeder Gedanke und jedes Wort thut mir leid was sich hervor[-]
drängt und nicht unmittelbar förderlich für das meinem Geiste
vorliegende Werk wirkt. Und darum auch jetzt gleich - nachdem ich Dir
nur gesagt habe, daß, nach der jüngsten Nachricht durch Frankenberg am
verflossenen Sonntage, - in Keilhau alles ganz gesund ist - zur Sache.
Die mir von Dir und Eurem Wirken für die Sache gegebene Nachricht, be-
sonders von Langethals unermüdlichem treuen Fleiß in der unmittelbaren
Thätigkeit für das Unternehmen, hat mich nicht nur gefreut, nein!- sie
hat mich gestärkt, erhoben, belebt. Dieß ist aber auch nöthig, denn meine
jetzige Wirksamkeit ist wegen ihrer oft ganz hederogenen [sc.: heterogenen] Art und ihrer
deßhalb sehr langsamen Entwickelung zum Product, oft unsäglich ermüdend,
alles muß hier geschoben werden, und was nicht geschoben wird, liegt gleich
fest wie ein Sack Sand.- Doch nein! Begeisterung ich begegne ihr oft genug
sie ist wie Strohfeuer auflodernd und verschwunden.-
Nur im Vorübergehen, in L[an]gethals Brief an Sillich höre ich etwas von
ihm über den "selbstlehrenden Würfel" - Ich hätte sehr gewünscht darüber
schon etwas mehr von Euch zu vernehmen, ich ersuche Euch deßhalb,
darum ja ich mache es Euch zur wirklichen Aufgabe, dieses Unterrichts-
mittel, auf die an Langethal bezeichnete Weise, wenigstens zunächst
unter Euch sobald als nur möglich ist zu prüfen und mir das
Ergebniß zu schreiben und ganz besonders zu melden:
"ob ich Euch zum weiteren Absatz noch Exemplare
und wie viel?- ich Euch senden soll["]
Denn zunächst wird der Druck dieses Werkes, welcher sehr schwierig
und theuer ist, nicht fortgesetzt bis ich aus dem Absatz der
ersten 5 Hauptwürfel ersehe ob das Ganze Beyfall findet;
außer den schon gedruckten 5 Hauptwürfeln sind noch 5 ganz
klar im Modell fertig und kann der Druck damit sogleich fort-
gesetzt werden. Ihr werdet finden, wie sich die Zahl der Haupt-
würfel mehrt, steigt auch die Wichtigkeit ihres Inhaltes und
die Zweckmäßigkeit der gewählten Darstellungsweise tritt dann
ich möchte sagen immer handgreiflicher hervor. Also schreibt /
[160R]
mir mit Bestimmtheit wie viel? ich Euch Exemplare des selbstlehrenden
Würfels zum nächsten und muthmaßlichen Bedarf schicken
soll (5 H[au]ptwürfel machen bis jetzt ein Exemplar.-
Beantworte mir diese Frage so schnell als nur möglich, wie auch die
folgende, warum?- wird dieser Brief bald sagen.
Zweitens beantwortet mir zugleicher Zeit: - Wie viel ich Euch
von jeder Nummer der Ausstechbücher, ebenfalls zum muth-
maßlich nächsten Bedarf auf Euer Lager nach Burgdorf
schicken soll. Nun wißt Ihr, jede Nummer wird in zwey-
facher Art angefertigt: einmal das ganze Buch oder das ganze Heftchen buntes
Papier ausgenommen 2 weiße Blätter;
dann das ganze Heftchen weißes Papier zum Malen, außer
einem farbigen Blatte. Weil ich nun voraussetze, daß jeder
zuerst von derselben No das Heftchen mit buntem Papier,
dann das mit weißem Papier nimmt, so habe ich den weißen
Heftchen jeder No keine Worte an die Eltern beygefügt.
Nun schreibt mir doch ob Euch diese ganze Einrichtung zusagt,
ob die Heftchen die rechte Stärke haben?-
Ferner schreibt mir: ob ich Euch von jeder Nummer gleich
viel weiße und bunte Heftchen oder in welchem andern
Verhältnisse ich beyde Heftchen Euch zu senden soll[.]
Drittens schreibt mir: wie viel ich Euch ganz fertige Unterlagen
bestehend aus Umschlag, Pappdeckelstück und 1 Bogen Fließp[a]p[ier]>
senden soll?- Oder ob Ihr diese dort anfertigen lassen
wollt?-
Viertens schreibt mir: ob ich wieder Fließpapier allein zur
Unterlage mit verpacken soll und darf, wie ich es das
letztere mal aus Nothwendigkeit gethan habe?-
Fünftens schreibt mir ob ich Euch Ausstecher mitschicken soll.
Sechstens ob Farben und Pinsel, versteht sich mittlere
güte [sc.: Güte] 3 Stückchen von dieser Größe [*Zeichnung:
                    Rechteck*] ohngefähr 8 Dz und
das Duzzend Pinsel ohngefähr zu 5 <gl>[.] Ich kann freylich auch
noch billigere Pinsel nehmen das Dzzd zu 3 <gl> diese dünken mich
aber zu schlecht.
Diese Fragen beantwortet mir in Hinsicht der Ausstechbücher.
Schon seit 14 Tagen ist der erste Spielkasten "Der Ball["] zum
Absenden fertig; allein ich warte mit demselben bis auch die
ersten zwey Hauptwürfel "des sprechenden oder des
Sprachwürfels["] fertig waren [sc.: werden].
Vorgestern Mittag habe ich nun 6 Ex: als Probe erhalten
davon sollt Ihr nun wieder 4 Exemplare - gleich den
selbstlehrenden Würfel zur Prüfung erhalten also ein
Exemplar Antonen u.s.w. S
So soll nun künftigen Sonnabend wieder eine Sendung
an Euch abgehen enthaltend: /
[161]
75 bis 80 Ex. Spiele und Beschäftigungskästen 1 Gabe
4 Ex. sprechender oder Sprachwürfel
Dann wird noch, zwar zunächst für Herrn Langethal, jedoch zu Eurem
gemeinsamen Gebrauche von Frankenberg beyliegen:
"Krauses Abriß der Ästhetik von <Butbecher>"[.]
Bis jetzt bin ich noch unschlüssig ob ich das Packet über Gotha oder über
Nürnberg senden werde, weil nun No 3 u 4 (:No 2 wurde nicht
von mir, sondern von Drucker in Ilmenau aus besorgt, indem wir
hofften, daß es noch schneller als von hier aus bey Euch ankommen
würde:) weil nun No 3 u. 4 doch in nicht längerer Zeit als 4 Wochen
von hier aus bey Euch angekommen ist, so bin ich doch fast Willens
dieß Packet auch wieder über Gotha gehen zu lassen.
In drey Wochen vom künftigen Sonnabend an denke ich dann
das 6e Packet an Euch mit einer Anzahl Sp. und Besch: Kästen
"Zweyte Gabe"
an Euch abgehen zu lassen.- Bis dahin wünsche ich nun ganz
bestimmt Nachricht und Antwort von Euch auf die oben von
mir aufgezählten Fragen zu erhalten. Wenn Ihr mir daher
demnächstens als Antwort auf diesen Brief schreibt, so legt
diesen Brief neben Euch und beachtet Frage für Frage; damit
ich dann wo möglich in einer ordentlichen Sendung Euch schicken
kann was Ihr bedürft.
Ihr hättet diese zweyte Gabe wohl jetzt schon wenigstens gewiß
14 Tage früher von hier ab bekommen; allein als die Zeichnung bis
zur Schrift auf dem Stein war und der erste Probedruck ge-
macht werden sollte zersprang er, und so mußte die ganze
große Platte noch einmal gezeichnet werden; mir außer
dem Zeitverluste noch deßhalb gar sehr leid, weil die zweyte
Zeichnung gewiß nicht so bestimmt und schön als die erste aus-
fallen wird. So giebt es in der Ausführung überall Hinderniße
man weiß nicht woher sie alle kommen.
Am verflossenen Sonnabend ist eine Kiste von cca ½ Ctr
mit Erzeugnissen der hiesigen Anstalt - Sonntagsblättern -
(die Probeblätter) - Spielkästen 1 Gabe - Ausstechbücher -
und selbstlehrender mathematischer Würfel - als Probe-
sendung nach Amerika an Ernst Frankenberg über Göttingen
von hier abgegangen. Möge Gottes Seegen auf dieser ersten
Sendung ruhen.
Sobald als die 2e ["]Gabe" fertig ist, werde ich und zugleich den
"sprechenden oder den Sprachwürfel" beyfügend eine zweyte
Sendung nach Columbus abgehen lassen.
Unser Adolf Frankenberg giebt sich - so viel er den Umständen
und seiner Stellung in Keilhau nach kann - viel Mühe um die
Verbreitung der Sache, er hat schon geschrieben: an <Butbecher>
nach Nürnberg Erlangen; an einen gewissen Lindemann (prakti-
scher Erzieher rc) in München; ich glaube auch an einen Krause in /
[161R]
München; an Leonhardi gegenwärtig in Göttingen; an einen ge-
wissen Schumacher in Göttingen; an seine Schwester gegenwärtig in
Goslar; an ihren Verlobten Schäfer in Ülzen. (:Lindemann Inhaber einer privat Lehranst[alt] zu M[ün]ch[en]
hat eine kl. Schrift geschrieben
Unsere Zeit vom Standpunkt der Erziehung und Andeutungen zum
Besserwerden. Aus der bayerschen Nationalzeitung u dem Allgem.
Anzeiger besonders abgedruckt. München 1837. Dieß Schriftchen
hat schon in seinem ersten Abdruck in dem Allgem. Anzeiger in
Keilhau gefallen und gefällt wegen ihrer seiner einfachen Sprache
jetzt meiner Frau, welche es schon ganz gelesen hat.-
Sieb[t]ens Schreibt mir doch auch wie viel sich jetzt schon ohngefähr Abo[-]
nennten wirklich bey Euch gemeldet haben oder im G[an]zen bey Euch
gemeldet sind.
Wenn die erste Gabe bey Euch angekommen ist, könnt Ihr davon wieder
eine kurze Anzeige in dem Volksfreund machen. Allein ein Wichtiges
müßt Ihr Euch ein für allemal, bey allen Sachen welche ich Euch
sende, festhalten:
ehe Ihr außer Eurer Person davon Gebrauch macht, ja ehe
Ihr nur davon zu Andern sprecht, noch mehr ehe Ihr eine öffentliche
Anzeige macht, müßt Ihr unter Euch, Euch
in die Sache recht kindlich hingebend einzuleben suchen;
wenn Ihr so das Ganze lebendig in Euch tragt, wenn
Ihr die Wirkung auf die Kinder selbst empfunden habt
dann wirkt Euer Wort und Euer Reden electrisch und
magnetisch, sonst aber ist es leeres, todtes Wortwerk.
Auch dürft Ihr zum ersten Gebrauch ja nicht gleich jedes Kind
nehmen; je einfacher desto besser z.B. Henriettli der
könnt Ihr sogleich - wenn sie den Gebrauch in sich spiellebig
aufnimmt - ein Ex: des Balles schenken.-
Freunde u Brüder, Kinder, ächte Kinder mit kindlicher Sprache kindlichem
Gemüthe, kindlicher Lust, kindlicher Ansicht aller Dinge müßt
Ihr seyn und werden wenn Ihr diese Spiele ins Leben einführen
wollt. Vom Leben müssen sie ins Leben eingeführt werden;
fortführen dafür sorgt nicht. Beschäftigt Euch nur recht viel
mit der Sache, studirt sie, wie die Sache in Eurer Hand durch
vieles Brauchen warm wird, wird Euer Herz warm werden
und Licht Liebe u Leben wird sich aus demselben um Euch verbreiten
warum ist es mir nur nicht vergönnt Euch all die wahrhaft
erleuchtenden, beglückenden und erhebenden Erfahrungen mit zu
theilen welche ich in mir gemacht habe seit ich mich damit be-
schäftige?-- warum?-- damit Ihr solche in Euch selbst
macht. Wie aus einem einzigen Eichkern ein ganzer Eichbaum und
aus diesem ein ganzer Götterhayn hervorgeht, so geht aus
der deutschen Erfassung des Balles u der Kugel, aus der Pflege des
Balles und der Kugel in dem u vom deutschen Gemüthe glaubt es mir ein ganz neues deutsches
deutsches [2x], ja Menschheitsleben hervor. /
[160V]
[Briefschluß am Rand:]
Sonnabend am 20' Januar wird die Kiste, wie ich es hier jetzt nochmals am gerathensten halte, über Gotha abgehen. D. u. E.FrFr.
[161V/160R]
[Postskriptum an den Rändern:]
NB. Bemerken will ich nur zur vollständigen Übersicht des Ganzen, daß ich Willens bin im Fortgange der Entwicklung später eine Ausgabe der Spielkästen ohne Vor- und ohne Nach- blos mit dem Mittelworte, das h. blos mit der Anleitung z. Gebr[auch] herauszugeben.