Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Julius Fröbel / Karl Fröbel / Theodor Fröbel v. 27.1.1838 (Blankenburg)


F. an Julius Fröbel / Karl Fröbel / Theodor Fröbel v. 27.1.1838 (Blankenburg)
(BN 438, Bl 1-13: undat. Entwurf Bl 1-5, 2 Streifen 8° und 2 B fol, 9 S.; dat. Abschr. Barops, Bl 6-13, 4 B 8° 16 S., Regest Barops KN 54,16 1 Bl 8° 2 S. - Die in der Abschr. enthaltenen Kürzel werden in der Transkription nicht wiedergegeben, das Regest nicht transkribiert. - Der Briefentwurf wird ab 2-3R zweispaltig geführt, links ”Stimmen VII Erziehung”(Zitate von Philosophen und Pädagogen für das ”Sonntagsblatt”), rechts die Auseinandersetzung mit den drei Neffen)

a) Entwurf

Meine lieben drey Neffen”
Ihr habt durch Euern ältesten Bruder an den verehrten ehrwürdigen Senior unserer Familie mein[en]
lieben u theuern
Bruder Christian geschrieben u in diesem Briefe
den Wunsch einer Ausgleichung und WiederVereinigung des Lebens ausgesprochen.
Es ist dieß ein Gedanke welcher
in seinem Wesen nach in der Natur des Menschen begründet ist u welcher jeder
Mensch in den größern oder kleinern Kreis in welchen Mißverhältnisse der Stöhrung
oder wohl
gar Trennung eingetreten ist, mit Euch theilt ja
es ist dieß ein Gedanke, welchen Ihr, als leider in
einem solchen Verhältnisse lebend eben auch als Glieder
der Menschheit mit allen Menschen theilet welche
zwar nicht in Euern Verhältnissen leben, aber welche sondern nur in reinem
menschlichen Interesse Euer Leben u
Euer Verhältniß zu dem Familienstamme anschauen; - theilet.
Also Euer Wunsch beruht abgesehen von aller Persönlichkeit und solchen Verhältnissen auf einem ganz
allgemeinen menschheitlichen Grunde, es
ihr habt, theilt u pflegt diesen Wunsch
indem Ihr zugleich wie Glieder einer bestimmten
Familie, d[urc]h diese eines bestimmten
Stammes u Geschlechtes, so Glieder
eines bestimmten Volkes u endlich
der ganzen Menschheit seyd. Dieß
ist das erste wovon Ihr die tiefe
Überzeugung in Euch finden, was voll-
ständige Anerkenntniß in Euch finden schauen
müßt, wenn Ihr – ich leugne es nicht
der schönen Hoffnung Raume geben wollt
daß sich die gestörten Familien Ver[-]
hältnisse ordnen, die getrübten klären
die gehemmten befreyen, die gefesselten
lösen, die getrennten auch bei unserm Leben einigen sollen.
Ihr müßt als nun gewiß Lebens[-]
Gemüths[-] u Geisteserfahrene Menschen
Jünglinge u Männer die tiefe tiefgegründete Über-
zeugung für in Euch finden,
daß obgleich die zwischen uns, so
zunächst mir u Euch Stattfindenden Ver[-]
hältnisse von der Person, von unsern
Personen ausgehen , d[urc]h die Personen, d[urc]h unsere
Personen hind[urc]h gehen, u sie so rein persönl er-
scheinen daß sie doch ganz allgemeine
Menschliche Bedeutung ja menschheitliche
Wichtigkeit haben, daß wir und
unsere Verhältnisse nie die Per[-]
sonen u das Gewandt ja nur der Stoff u die Form
ist [es sind] d[urc]h welche eine
allgemeine menschheitlich wichtige
Wahrheit sich nicht blos etwa willkührlich eigenmächtig persönlich sich offenbaren u kund
machen will nein offenbaren und kund machen soll.
Dieß ist also das erste worin
Ihr drey Brüder als ein Ganzes
in Euch vollkommen klar seyn müßt
wenn Ihr einer seegensreichen
Erfüllung Eures (wie ich gern Glaube)
des besten Wunsches in Euch
entgegen sehen könnt wollt.
Diese Überzeugung setze ich also
vorerst unbedingt voraus
wenn ich zu Euch weiter
spreche u könnt Ihre diese Über[-]
zeugung nicht gleich von vorn
herein mit mir theilen, so
ist das ganze Lesen dieses Briefes
völlig unnütz u es ist Zeit[-]
verlust für Euch; besser ist es
Ihr werft ihn sogleich ins
Feuer. –/
[1R]
[Text über Ball]
[2]
[linke Spalte]
Stimmen VII Erziehung
Söhne meines geliebten Bruders
Enkel meines verehrten Vaters meiner theuren Mutter,
mei ne lieben Neffen.

4. Anfang der Erziehung
1) Mit dem Leben des Menschen
fängt seine Erziehung an[.] Herder
2. Der ganze Mensch liegt also
in dem ersten Keime seines Beginns
im Mutterleibe, so daß ein höheres
Wesen die Individualität (Persön-
lichkeit, die Eigenlebigkeit, Sondersein)
behandelnd u zeigend dieses Menschen, die
Grundlage von allem seinem künftigen
Thun u Wesen
darin schauen könnte.
Die einzige wahre Erziehung ist
(also) die, welche von diesem ersten
Beginnen an, in continuirlicher
(stetig fortlaufender) Zeitfolge das
entwickelt, was nun zu ent-
wickeln ist, d.h. (das) was
in dem Keime vorgebildet ist
Oder platonisch ausgedrückt
sie führt die göttliche Idee
von dem Individuum in die
Wirklichkeit
Schwan
3) Schon mit der Geburt legt die
Erziehung Hand an, denn von jetzt
geht ihr Geschäfte an, welches man
Wirken u Pflege nennt Derselbe.
4. Die Erziehung.....zu seyn. J.M.Sailer
5. Sechswochen nach seiner
Geburt beginnt die Erziehung des Menschen.
H. Pestalozzi
[rechte Spalte]
Nun also indem Ihr hier weiter leset theilt Ihr meine Über[-]
zeugung u darum fahre ich fort. Zuerst stelle ich die Grundlage unserer
u meiner jetzigen Mittheilungen an Euch wie einen Würfel noch
einmal klar u bestimmt hinstellend:
Das zwischen mir u Euch jetzt bestehende Verhältniß, wie es
begonnen u wie es sich entwickelt hat ist kein einseitiges
persönliches, sondern es ist ein tief u allgemein menschheitlich be-
gründetes Verhältniß
und nun fahre ich fort.
eben weil mein Stehen u Verhältniß zu Euch ein solches allgemein
menschheitliches Verhältniß war u ist – was freylich
wie alles Allgemeine u Höhere, durch das Besondere u per[-]
sönliche hind[urc]h gehen mußte – weil aber dieß Verhältniß
nicht allgemein von uns allen als eben ein Ganzes nicht einmal in dem stillen Ahnen
des gläubigen Kindes[-] u Jünglingsgemüthes ungebrochen seine Anerkenntniß u Pflege fand
und gefunden hat, wo doch alles rein
Menschliche so leicht sein schützendes Assyl
gegen äußere Mißstellung u Verkrüppelung
findet u finden soll,
vielmehr gar nicht nur g[an]z mißgekannt, sondern
von Einzelnen, die sich doch als Glieder des Ganzen [erkannten]
vielmehr ganz mißgestellt wurde, darum nur einzig darum haben die
Stöhrungen Trübungen u Trennungen Eurer Verhältnisse als Glieder der
J. J. Fröbelschen Familie u so weiter <hindurch> ihren Grund[.]
Dieß ist das zweyte was Ihr anerkennen müßt, wenn Ihr Euch
der Hoffnung hingeben woll[t] Klärung u Einigung Eurer Familien Verhältnisse zu
erringen. Könnt Ihr es nicht so verbrennt ehe Ihr Euch unnöthig
erregt diesen Brief; denn wir müssen nun immer weiter in
das Besondere u einzelne herabsteigen
Ich fahre darum fort:
Das allgemein Menschheitliche eben als allgemeines Menschht muß dem
besondern u besonders Menschlichen kund thun u offenbaren; es kann
dieß aber nicht in allen Menschen einer Zeit gleich stark noch,
könnte ich auch dieses zugeben doch nicht bey allen in gleichem
Grade der Stärke, der Ahnung des Be[-]
wußtseyns, der Ausführungen statt finden, dieß ist
nun weder für den einzelnen ein Vorwurf noch
für den einzelnen eine Erhebung so wenig es für das Meer u die Luft
u die Wellen Vorwurf u Erhebung macht daß es Bewegungs[-] u
Schall wellen giebt[.]
Aber das halte ich für ein Wesen menschheitl Wichtiges wenn
das rein menschheitliche Streben welches sich in allen Menschen u allen
menschheitl. Verhältnissen findet u kund thut in demselben zuerst
ahnend erkannt, dann pflegend festgehalten u endlich mit
Bewußtseyn ausgebildet u dargestellt wird.
Nun leugne ich aber nicht, sondern spreche es vielmehr als meine
ganz bestimmte Überzeugung, als die Überzeugung von mir aus in
welcher alles mein Handeln gegründet ist
Daß wie ich ein solches rein menschheitliches Streben seit
Jahrhunderten besonders in Europa u hier namentlich in den
Ländern deutscher u verwandter Zunge so besonders auch wieder in reichen vielen
Geschlechtern u Familien, u so auch unter andern seit einigen mehreren Menschen[-]
altern in unserer Geschlecht Familie ausgedrückt finde, so namentlich
u zunächst in dem Ges meinen Eltern Euern Großeltern u wie überhaupt in den /
[2R]
[linke Spalte]
Die Kunst zu leben die Kunst Mensch zu seyn. Goethe
1 Text 1 Text.S.141 Die Kunst zu leben ist die Kunst der Natur
zu folgen diese Kunst zu lernen dahin gehe dein Bemühn. Garv[e.]
Mittheilungen aus der Bücherwelt.
Wir haben uns (früher) <in der erhebenden Weise> erlaubt
Mittheilung aus der früher längst erschienen Bücherwelt zu machen
Jetzt erlauben und dem Leser dieses Blattes zum Dank hoffen wir
mittheilung aus einem noch nicht
erschienenen oder vielmehr so eben erst erscheinenden Werke zu machen[.]
Die ächte Kinderpflege hat es keinesweges blos damit zu
thun das Kind u den Menschen in seinem schon gesunden Zustand
angemessen entwickelnd zu behandeln sondern es ist zu erziehen
auch der ächten Kinder[-] u (besonders) der Menschheitserziehung d.i. der
Erziehung welche d Kind u den Menschen nicht nur als einzelnen
sondern als Glied der Menschheit auffaßt Pflicht, das in der
Kinderpflege auch <fast schon> die schon die ersten Bedingungs[-]
pkte zu beachten, aus welchen die Gesundheit des Kindes u Menschen
hervorgeht, dieselbe begründet sichert u befestigt. –
Eine Erscheinung nun welche die Gesundheit so
manchen fröhl. Kindeslebens frühe untergräbt sind die
Scrofeln, eine Krankheit welche oft das ganze geistige wie
das leibl. Leben gleich dem Leben mit ein[em] Netz <umstellen> /
[rechte Spalte]
Kindern meines Vaters, also auch in Euerm Vater.
Die Ahnung wie die Anerkenntniß dieses rein u ächt menschheitlichen Strebens
in unserer Familie war nun das mehr oder minder unbewußte einende Band unter uns
acht Geschwistern, so wie es die Unklarheit darüber war
welche die mannichfachen Trübungen u Störungen in unser seiner Grundlage nach
so rein als kräftig menschheitl. geschwister[-]
liches Familien leben brachte. Die Ahnung u Anerkenntniß
dieses ächt menschheitl Strebens unserer Familie war es besonders
welches dasselbe früh Euer Vater in mir pflegend machte es
war es was später das engere menschheitl u erziehende Band
zwischen ihm u mir u endl wie auch das äußere Leben sich wieder
näher rückte zwischen meinem ältesten Bruder jetzt dem Senior unserer Familie
u mir, dem jüngsten derselben bewirkte.
Dieß ist es nun wieder was Ihr mit mir als auch Eure Über-
zeugung anerkennen müßt, ehe wir in der Lebensprüfung u Lebens[-]
klärung u Wiedereinigung weiter fortschreiten können.
Als sich mir das rein menschheitl Streben in unserer
Familie immermehr klärte nach Zweck u Mittel einte, da erkannte
ich gleiches Streben in vielen vielen Punkten, in vielen Gliedern in vielen
Familien der Menschheit um mich, mit den reinsten allgemein
menschheitl Gesinnungen u Bestrebungen auch an einen dieser Punkt[e] an einen dieser
Glieder an einen dieser Familien anzuschließen war mein
Streben; da gab es mir Gott ins Herz bestimmten mich Schicksal u
Vorsehung mich an meine eigene Familie als Ausgangspunkt u
zur Vereinigung mit andern anzuschließen. Der Geist der Familie
rechtfertigte sich durch das Haupt unserer Familie unsern jetzigen Senior durch Euern
Oheim wurde mein Streben die Familie in ihrem Grundstreben
rein menschheitliches Leben in Ausführung zu bringen zu erfassen u dafür
auszubilden erkannt – Euer kindl. vertrauendes noch nicht den wenigstens
noch wenig von äußern Ansichten u Forderungen getrübter Sinn ließ Euch dieß
ahnen u so sahe ich bald zunächst die Kinder Knaben meiner beiden ältesten
Brüder um mich versammelt. Eure Jahre waren, Ihr selbst waret dadurch für den Weltsinn
das Weltstreben die Weltpläne
noch zuunbedeutend u so ließ die Welt unser Wirken unge[-]
stöhrt rein menschliches Streben sprach sich darin aus wie der
reinste Friede u die kindlichste Freude[.]
Es konnte nicht fehlen, was mir in Beziehung auf andere Freunde nicht mögl wurde, mußte von
andern mehr oder minder bewußt höheres Streben in sich tragenden
Familien geschehen, es mußten sich davon Glieder an mein Wirken
anschließen u so sahe ich den Kreis bald mit rein menschheitl gleich strebenden
Gliedern Freunden u Mitarbeitern u jenem Streben geweiheten Zögl[ingen] erweitert.
Ich selbst suchte in Familien in denen mir die allseitige Pflege des rein menschheitl
Streben zurück getreten schien, dasselbe die Pflege desselben wenigstens
einigen Gliedern wieder zu verschaffen so bildete sich der unser kleiner Kreis wie
ihn das Jahr =1818= fand, mit all seinem Frieden u all
seinen Gaben wie Ihr Euch dessen vielleicht auch aus den Jahren
Eures vollen mehr oder minder vorgerückten Knabenalters erinnert u wie es vielleicht
noch in Euerm Geist u Gemüthe lebt. – /
[3]
[linke Spalte]
Fortschreitende Bildung des Menschen
die Menschheit in ewigem Fortgang und Streben
die Perfectibilität
Text: 1 S.119 Herder S.114 Mendelsohn Zeile 6 v.u. (Wo wir) Und dieses Ziel wann wird es erreicht S.115 Wo wir Schranken sehen...Dieses endlose Bestreben
<?> Text S.130 Der Mensch ist einer unendl Veredlung fähig. Wieland
1 T. S.214 Ith Zu intellektueller Progression fähig
1 T. S.216 Lessing 1 T.216 Lichtenberg
1 Ausspr. S.403 Die Hoffnung 1 Ausspr. S.385 /86 Ith
[rechte Spalte]
Auch mit dieser Lebensdarstellung müßt Ihr einverstanden seyn,
wenn mit Erfolg darauf fortgebaut werden kann.
Durch die sogesteigerte auch äußere Entwickelung des G[an]zen wurde
dasselbe aber auch der inn[ern] Entwickelung wie der äußern Einwirkung
des persönlichen, des eigensüchtigen und des Weltsinnes hingegeben
es konnte nicht fehlen Eurem wie offenen Blumenkronen daliegen[den]
Gemüthe mußte konnte die Einwirkung davon nicht fremd bleiben ich
trauete u vertrauete hohen Kräften in der menschl Natur in
dem menschl Gemüthe, ich vertrauete der innern Wahrheit des
G[an]zen doch jene sie waren beide im Kreise wie hier diese außer theils war dem Kreise
noch nicht so stark entwickelt als ich im Glauben
u Vertrauen glaubte; die Erfolge waren die, welche sie
waren; allein es ist nöthig auf ihnen einige Zeit in ihrem
Wesen in ihren Folgen zu ruhen wenn Ein wahre u ächt[e]
Lebenserneuung – denn um diese handelt es sich ganz
allein nicht um das Aufflicken eines neuen Lappens auf
ein altes u veraltetes Gewand – unter uns wirklich
errungen werden soll.
Hier ist nun g[an]z vor Allem Freyheit u Unbef[an]genheit des Geistes
u des Gemüthes mitth in der Ansicht u Beurtheilung des Lebens
nöthig wenn Wahrheit des Charakters der Grundzug u das Wesen
des Ergebnisses seyn soll u wer sich diese Freyheit u Unbefangenh[ei]t
wenn Ihr Euch solche nicht zutrauet so ist es wieder um g[an]z
unnöthige Lebenserregung zu verleiden [sc.: vermeiden] am besten hier alle
Mittheilungen u Zwiegespräche abzubrechen.
Alles dreht u vereinigt sich hier um den Punkt einer verdrehten
Ansicht meines g[an]zen Lebens u Wirkens meines Strebens u des Zieles
u Zweckes desselben; alles nemlich handelt sich hier um die völlige
Umdrehung meiner allgemein menschheitlichen Gesinnungen in
besondere einzelmenschliche Ansichten, meines allgemein menschheitl.
Zieles zu besondern menschlichen Zwecke; welcher Ansicht es
wohl leicht geworden seyn mag war einen leichten erborgten Schein der Wahrheit zu geben
durch einzel Erscheinungen meines Handelns Wirkens, Sprechens
u Thuns zu geben indem ja eben alles allgemeine d[urc]h das besonde[re]
alles Einige d[urc]h das Einzelne in der Erscheinung, alles Unpersönl[iche]
d[urc]h das persönliche hind[urc]h sich kund machen muß wenn es eben sich
kund machen will u soll u jeder Natur[-], Lebens[-] u Geschäfts[-]
forscher wohl zu dem Endergebniß seines Forschens kommt
daß eben das allgemeinste u besonderste, das Einige u das
Einzelnste mit den schwächsten Grenzen von einandergeschieden
ist [sc.: sind]. Wer dieß sey es nun vom Gemüth, vom Denken oder vom Leben oder am schönsten von allen dreyen geeint aus erfaßt der hat den Schlüssel zu meinem Leben
in seinem Ersch Wesen u in seinem
Körper, in seinem Seyn u in seiner Erscheinung, in seiner innern Thatsache wie in
seiner äußern Beurtheilung. Deßhalb kann ich u muß ich /
[3R]
[linke Spalte]
Natur des Menschen
1 Text S.121 durch Triebe wird der Mensch geleitet. Jacobi
1 Text S.122 Worin menschliche Vortrefflichkeit besteht. Jacobi
1 Text S.126 Was ist der Mensch? Unendlichkeit. Tiedige
1 Text S.130 Die ganze Vollkommenheit des Menschen besteht Wieland
1 T 135 Ich ehre dich Mensch...u seyn wir Schreiber
1 T 142 Der Mensch hat 2 Seiten C C E Schmidt
1 T 161 Die ächte Weisheit die wahre Erziehung des Menschen gründet
sich in die Kenntniß des Menschen seiner Natur, seiner Anlage, seiner Bedürfniß u seiner Beziehungen Ehrenberg
1 T S.132 J.C.Lavater Wer sein Herz beobachtet
1 T Ausspr. 12 Gefährlich ist es Pascal
1 Ausspr S.20 J.J.Rousseau Was will ich damit sagen?
1 Ausspr 28 Die Natur fängt... Schiller 29 Der Mensch kann nicht seyn. Schiller
NB 1 Ausspr S.30 Ith S.35 Du o Mensch. Mendelsohn S44 Der Mensch enthält. Garve
1 Ausspr 43 Garve Jeder Mensch auch der geringste S.47 Mit Anlagen. Ronsard
S.50 Man betrachte Wieland
Ausspr S.553-54 Ja der Mensch. Iht.
[rechte Spalte]
wenn ich auch nicht wollte mein Leben wird wie es seine
Rechtfertigung Urtheil in sich trägt es so auch außer sich ausge-
sprochen finden; es wird ich weiß von diesem Standpunkt aus es seine Rechtfertigung außer
sich finden wie es solche in sich trägt.
Dem Kindl[ichen] dem jugendl[ichen] u dem Jünglingsgemüthe ist zwar die
Wahrheit nahe, in demselben ist das Gefühl derselben lebendig
allein wenn es noch nicht gekräftigt, noch nicht erstarkt in
sich ist, so ist auch nichts auf welches (aus dem vorhin ange[-]
geben[en] Grunde der zarten Grenzlinie zwischen Einheit u Einzelheit) das
Äußerliche, das Persönliche, das Einzelne u so das Eigensüchti[ge]
Selbstsüchtige einen tiefen Eindruck u mehr Einfluß und
Bestimmung hat als eben auf das kindl jugendl Gemüthe
Ich vertraute auch in dieser Hinsicht Euerm Gemüthe u mehr
noch als diesem dem Charakter u den Gesinnungen u Bestrebungen unser[er]
Familie jetzt wie es dem, wie jüngst ein Alter Zögl. unseres Kreises,
jetzt Alterserfahrener Mann den Geist u Charakter unseres Wirkens
als Charakter unseres Wirkens von sich sich [2x] aus so ausgesprochen hat: daß wir den Zögl[ingen] mit
Zutrauen entge[gen-] während ihnen andere mit Mißtrauen entgegen kämen.-
Genug ich vertraute der Kräftigkeit
ich vertraute Euer Gemüths Tiefe des Eindruckes des erfahrenen Lebens
ja Euerm eignen Urtheil u Einsicht; doch der Erfolg sprach gegen
mich. Der älteste, der bewußteste, der Geistes- u Lebenserfahrenste
unter Euch that den ersten Schritt zur Trennung, er that ihn mit möglichstem
Bewußtseyn indem ich ihm all die Folgen, mit dem einen Worte
Trennung” aussprach; doch welches Gewicht sollte das Wort eines
Mannes sollte mein Wort haben welchen man ihm mit den eigensüchtig[-]
sten u selbstsüchtigsten Zwecken ihn hingestellt hat.
Vermöge meines Strebens, vermöge des Strebens meiner
u unserer Familie, vermöge des eigentl. unerkannten, auch wohl mißkannten Strebens meines Volkes u dem der g[an]zen Menschheit als ihrem Glied mußte mir
die Erscheinung u noch mehr die Pflege jedes Halben also halbe Einigung, halbe Theilnahme
u.s.w. gerade zu ein Greuel seyn
denn aus dem Halben wird dem Einzelnen wie dem Ganzen, Völkern
wie der Menschheit das Verderben gebohren daher meine unver[-]
söhnliche Feindschaft gegen alles Halbe u mein erklärter Krieg gegen
dasselbe so lange ich athme, bis das Ganze die Einheit den Sieg errungen
denn nur dieses beyde kann der
Menschheit einstweilen wenigstens frommen bis das Ganze u die
Einheit der Sieg errungen hat, es kann nur wohlthätig seyn
segensreich seyn für das einzelne wie für das G[an]ze, u darin die
wahrhaft väterliche für Euch einzig segensreiche Festigkeit u Unbeugsamkeit meines Handelns gegen Euch.
Denn Ihr hattet durch Euer unüberlegtes Euch hinreißen lassendes
Handeln nicht etwa schlecht gegen mich ferverfehlt, nein! Ihr
hattet Euch dad[urc]h gegen Einander selbst, gegen Eure Familie
gegen unsere Familie nicht allein gegen all die strebenden Familien von welchen sich /
[4]
sich Glieder in unserem Kreise befinden sondern gegen alle
strebenden Familien ja gegen das Streben unseres Volkes ge-
fehlt
vergangen, indem Ihr die Thatsache rein allgemeinen menschheitl
uneigennützigen uneigensüchtigen unpersönlichen Strebens
zum Segen aller festgehalten in ganzen Familienreichen – verneint, negirt
habt, Ihr habt Euch doppelt u vielfach dagegen vergangen ja die Vorsehung in
ihr L
[Randnotiz*-*] [*] In Deinem Leben Wie im Krystalle sich schön des klaren Lichtes Farben mahlen So soll in Deinem Leben stets des höhern Lebens Frieden strahlen [*]
indem ihr [sc.: Ihr]– die ihr [sc.: Ihr] gewürdigt
worden waret in die Mitte eines solchen Kreises auf[-]
genommen worden zu sein, dessen Einwirkung ihr [sc.: Ihr] sogar die
Entwicklung Eurer freyen Denkkraft u die Mittel sie gegen
Euer in höherm u höchsten Sinne väterliches u menschheitl.
Haus zu kehren verdankt - indem ihr diesem den rücken [sc.: Rücken]
kehrtet u um dieses Euer Rück[en]kehren vor der Welt zu besch[önig]en
ausspracht daß es ein Haus der Eigen[-] u Selbstsucht, des Eigen[-]
nutzes, der Tyranney eines Einzelnen sey u.s.w.
Neffen! Ich will weil ich Euer Oheim bin, weil Euer Vater
mein in seinem rein menschlichen Streben anerkannter Bruder u Euer
Großvater dem Wahrheit und Streben für Wahrheit das höchste galt mein Vater war, ich will um aller dieser und um Euch selbst willen glauben daß Ihr noch keinen Augenblick Eures
Lebens so über Euer Handeln nachgedacht habt aber wahr
ist es Ihr wolltet u solltet entweder nach dem Willen anderer
oder nach Euer eigenen nicht wissen was ihr thut die edelsten
Knospen aus den Baum meines, und so unseres, und so
des Lebensbaumes vieler Familien deren Glieder mir und
uns und sich gegeneinander vertrauten – ausbrechen, nur damit ihr
sagen konntet: seht es ist ein Wetterbusch! – Doch Neffen
habt Ihr noch nicht darüber nachgedacht so denkt nun darüber
nach nicht mich trifft Eure Verunglimpfung ob sie gleich mir
gelten sollte, nein sie vergiftet das edelste Streben in allen
Familien Eures Volkes, ja ihr habt ja in Eurem Handeln gegen
mich Eurer Eigen[es] menschheitl Streben – an welchem ich als Euer Oheim in seinem
innern u äußersten Einig[en] aber selbst noch unver-
borgenen Quellpunkte nicht zweifle – vergiftet, denn was
glaubet u meynet ihr wohl – wird Jemand wird unser Volk wird die Menschheit um die es sich ja am Ende handelt und in welchem jedes Einzelne jeder Einzelne schwindet werden diese Euren mensch[-]
heitlichen, der Reinheit, der Kraft dem Muth der Ausdauer, der
Beharrlichkeit Hingabe Erscheinungen
Eures menschheitl. Lebens mehr Glauben beymessen als dem
meinen welches Ihr – unbedacht
verlästert u in den Koth zu ziehen suchtet – als das meine
u das unsere dessen Z was ihr u Niemand ändern kann – dessen
Zöglinge u Schüler ja geistige Söhne ihr doch einmal seyd – was wird
Eurer Versicherung daß ihr es besser edler mit mehr Kraft
u Mittel besitzt als ich u wir Euch helfen? – Nichts – denn
Ihr habt d[urc]h Euer Handeln das Glauben an Eure Werte ver[-]
nichtet – Man wird Euch vielleicht alles veranlassen zu /
[4R]
– aber nicht den jüngsten Erfolg zu gestehen – denn
der Erfolg macht alles – und wie der Erfolg seyn wird
kann nur der Erfolg beweisen u so werde[t] Ihr
– denn kein allgemein deutsches ja menschheitl. Streben erkämpft
jetzt wie in den Tagen des deutschen ja menschlichen Freyheitskampfes
die Herzen u Kräfte mehr zu deutschen u menschheitl Großthaten
– bey wegen günstigern äußeren Mitteln Umständen der Zeit mit gleich großen Schwierigkeiten zu kämpfen haben.
Doch ich wollte damit nur sagen daß Ihr in Eurem unbedachten
Handeln – nicht etwa gegen mich – denn die Menschheit deren
Wohl ich im Busen trage u für dessen Erreichen ich mein Leben
einsetze wird mich rechtfertigen – sondern nicht etwa blos
gegen die <strebenden> Familien gefehlt ha[b]t aus welche[n] Glieder sich vertrauend
an unser Streben anschlossen sondern wie gegen Euch selbst wenn
wahrhaftes Streben ihr hegt so gegen alle strebenden
Familien Eures Volkes u so gegen dasselbe u die Menschheit
selbst gefehlt habt.
Doch wie gesagt ich glaube gern daß Ihr über alles dieses
noch gar nie nachgedacht habt ob Euch gleich das Schicksal
dazu nun Zeit genug gegeben hat u daß ihr immer nur bey
Abwägung u <Er[w]iderung> unwesentlicher Äußerlichkeiten stehen
geblieben daß Ihr nur überrascht seyd und so will ich wenn Ihr anders Euren Fehl
gegen das Ganze ein seht kein Hinderniß seyn seyn [2x] daß ihr Euch
wieder vertrauensvoll zu dem Kreis wenden möget, daß
Euch der Kreis wieder als Glieder u Söhne aufnehmen
möge – denn gegen mich habt ihr nicht ge persönl kann Eu[er]
Handeln nich[t] treffen wie ich die Rechtfertigung desselben von
der Menschheit derselben gehört es zu seiner Zeit erwarte.
Doch hütet Euch Euch [2x] zu dem Kreise zurück zu kehren
ohne Eure ganze Ansicht von demselben von dem Geiste
u den Gesinnungen die ihn beleben zu ändern; Es könnte Euch
dieß nicht nur nichts helfen sondern würde Euch nothwendig
später schaden. Wolltet ihr mit Euren alten einseitigen Ansichten
zu dem Kreise wieder einigen statt ihn g[an]z in der Reinheit seines
Strebens anzuerken[nen] so würde Euch das nur Krieg statt die
äußere Ruhe u Bequemlichkeit geben in welcher Ihr lebt[.]
Darum bedenkt wohl was Ihr thut.
Ich gehöre mir selbst nicht ich gehöre der Menschheit wie dem Kreis
indem ich aus dem Grundgedanken durch den Entwicklungsgang desselben auf natürl Weise
die Mitte u den Geist desselben repräsentire
Da wir alle g[an]z der Menschheit gehören so kann eine äußerliche bü[r]g[er]l.
conventionelle verwandtschaftl Einigung mit uns welche nicht auf der Basis rein
menschheitl gemeinsamen Strebens ruht auch zu gar nichts führen, denn Ihr
würdet nichts an uns wie wir nichts an Euch haben, gegenseitig aber nur stöhrend
in das Leben eingreifen, rein menschheitl Leben zu verwirklichen strebt
wie wir nun über unser menschheitl Streben nicht nur denken
sondern auch vor unserm Volke aussprechen so theilen
wir Euch mit was wir in dieser Beziehung dem Volke
mitgetheilt haben. Eure Stellung dazu ist uns ebensowenig unbe-
kannt -
Unser Kreis besteht jetzt aus mehr als 12 Gemüths[-] Geistes[-]
u Lebenserfahrenen, also wie Stimmberechtigen so Stimmfähigen
freyen Menschen, diesen werde ich diesen Brief an Euch da sich es
hier ganz und gar nicht um etwas persönl sondern rein um
ein Gemeinsames u nichts äußeres vergängl, sondern um Inneres
um Gesinnungen u deren Anerkenntniß handelt – zur Prüfung mit[-] /
[5]
theilen, jedem ist nicht nur erlaubt seine Stimme u Ur-
theil ob ich das G[an]ze richtig aufgefaßt u dargestellt habe
auszusprechen oder aussprechen zu lassen sondern er
ist hierdurch sogar dazu aufgefordert u ich persönlich
mache dabey keine andere Bedingung als [daß] mir jeder
sein hier nachfolgend abgegebenes Urtheil u Stimme
eben so mittheile als ich es hier thue
Sollte es sonach nun Eure reine Gesinnung u Wunsch seyn wieder zu
den Gliedern den Söhnen des Kreises gezählt darin auf[-]
genommen zu werden so seht ihr daß die Erf[üllun]g dieses
Wunsches nicht von mir nicht vom Kreise sondern von
Euch u Euern Gesinnungen abhängt, daß sich die Forderung u der Geist
dieser Gesinnungen aber nicht von Einzelnen sondern vom Ganzen
von dem Streben unseres Volkes u der Menschheit selbst aussprechen[.]
Und somit ist alles in Euer Herz Euern Geist Eure Ges[innun]g
u Euer Leben gelegt u Ihr Ihr würdet mir wie auch Euer
Entschluß ausfalle weder vertrauen noch Euch in mir
achten können wenn ich auch anders unterzeichne
als
Euer
in Gesinnung u Handeln
immer gleichsinnigen immer sich gleicher väterlicher Oheim
u Pflegevater

b) Reinschrift

Blankenburg bei Rudolstadt am 27. Jenner 1838.


Meine lieben Neffen

Ihr habt d[urc]h Euern ältesten Bruder an den ehrwürdi-
gen u verehrten Senior unserer Familie, meinen
theuren Bruder Christian, Euern Oheim, geschrieben
u in dem Briefe den Wunsch einer Ausgleichung u Wie-
dervereinigung des Lebens ausgesprochen. Es ist dieses ein
Gedanke, welcher seinem Wesen nach in der Natur des Menschen be-
gründet ist u welcher jeder Mensch in dem größeren oder klei-
neren Kreise in welchen Mißverhältnisse, Störung
ja wohl gar Trennung eingetreten sind, mit Euch theilt,
ja es ist dieß ein Gedanke, welchen Ihr, als leider in einem
solchen Verhältnisse lebend, eben auch als Glieder der Menschheit
mit allen Menschen gemeinsam habt, die zwar nicht in Eurem
Verhältnisse leben sondern nur in reinem menschl[ichen] Inter-
esse Eurer Leben u Eure Verhältnisse zu Eurem
Familien Stamm anschauen.
Euer Wunsch beruht also, abgesehen von aller
Persönlichkeit u solchen Verhältnissen auf einem ganz
allgem menschheitl Grunde, welcher aus der Einheit, Einigkeit
u Stetigkeit des Wesens der Menschheit hervorgeht u Ihr hab[t]
theilt u pflegt auch den Wunsch, indem Ihr, wie Glieder einer
bestimmten Familie, dadurch die eines bestimmten Stammes u Ge-
schlechtes, so wie Glieder eines bestimmten Volkes u endl /
[6R]
der ganzen Menschheit seid. Hiervon müßt Ihr die tiefe
Überzeugung in Euch finden, wenn Ihr der – ich gebe es gern zu
schönen Hoffnung Raum geben wollt, daß sich die gestörten
Familienverhältnisse ordnen, die getrübten klären, die ge-
hemmten befreien, die gefesselten lösen, die getrennten auch bei un-
serm Leben einigen sollen. Ihr müßt sonach als nun
gewiß Lebens-, Gemüths- u Geistes erfahrene Menschen u Män-
ner die tief gegründete Überzeugung in Euch finden, daß,
obgleich die zwischen uns, zwischen mir u Euch statt findenden
Verhältnisse äußerlich von der Person, von unsern Personen
aus, durch die Personen, durch unsere Personen hindurch gehen,
u sie so rein persönl erscheinen, sie doch ganz allgem.
menschl Bedeutung, ja menschheitl Wichtigkeit haben, sodaß
nie u unsere Verhältnisse, nie die Personen u das Gewand, nie der
Stoff u die Form [es] sind, durch welche eine allgem. menschheitl wichtige
Wahrheit u nicht blos etwa willkührl eigenmächtig u un-
berufen persönl offenbaren u kund machen will,
nein mit Nothwendigkeit offenbaren u kund machen soll.
Dieß ist also das erste worin Ihr drei Brüder als ein
Ganzes in Euch vollkommen klar sein müßt, wenn Ihr einer
seegensreichen Erfüllung Eures (wie ich gern glaube) besten
Wunsches entgegen sehen wollt.
Die[se] Überzeugung setze ich daher unbedingt in Euch voraus, wenn
ich zu Euch weiter spreche; u könnt Ihre diese Überzeugung nicht gleich von vorn
herein mit mir theilen, so ist das Weiterlesen dieses Briefes/
[7]
völlig unnütz u es ist Zeitverlust für Euch; besser ist es, Ihr
werft ihn sogl ins Feuer. –
Nun also in dem Ihr hier weiter lest, theilt Ihr meine
Überzeugung, u darum stelle ich die Grundlage unserer u mei-
ner jetzigen Mittheilungen, wie einen Würfel gl[eich] einmal
klar u bestimmt vor uns hin:
Das zwischen mir u Euch bestehende Verhältniß, wie es
begonnen u wie es sich entwickelt hat, ist kein einseitiges
persönl, sondern ein tief im allgem. Menschl u Mensch-
heitl begründetes.
Und nun fahre ich fort:
Eben weil mein Stehen u Verhältniß zu Euch ein solches allgem
u rein menschheitl war u ist – aber nicht allgem. von uns Allen
als eben ein Solches, nicht einmal in der stillen Ahnung des
gläubigen Kindes[-] u Junglingsgemüthes (wo doch alles
Rein menschl so leicht sein schützendes Asyl gegen äußere
Mißstellung u Verkrüppelung findet u finden soll) –
ungebrochen seine Anerkenntniß u Pflege fand, vielmehr nichts
nur ganz mißkannt, sondern sogar von Einzelnen, die sich doch
als Glieder des Ganzen erkannten, ganz mißgestellt wur-
de, so haben nur einzig darin die Störungen, Trübungen u
Trennungen Eurer Verhältnisse, als Glieder unserer Fa-
milie ihren Grund; oder kurz u anders ausgesprochen:
man machte Euch mein Verhältniß zu Euch als ein isolirt
persönl u äußerl sehen, wo[ge]gen es doch ein allgemein u /
[7R]
tief begründetes menschl u menschheitl war u ist. –
Dieß ist das zweite was Ihr anerkennen müßt, wenn Ihr
Euch dHoffnung hingeben wollt Klärung u Einigung Eurer
Familienverhältnisse wieder zu erringen. Könnt Ihr
es nicht, so verbrennt, ehe Ihr Euch unnöthig erregt diesen
Brief; denn wir müssen nun immer weiter in das besondere u
Einzelne herabsteigen.
Ich fahre darum fort:
Da nun das allgem. Menschheitliche, eben als Allgemeines sich im
besonderen u besonders Menschlichen kundthun u offen-
baren muß, dieß aber nicht in allen Menschen u – allen Verhält-
nissen einer Zeit gl[eich] stark geschehen kann; (: was jedoch für
den Einzelnen als Erscheinung weder ein Vorwurf, noch für
den Einzelnen eine Hervorhebung ist, so wenig es für das
Meer, die Luft u die Welle selbst ein Vorwurf od. ein Vorzug ist
daß es Bewegungs[-] u Schallwellen u hier Erhöhungen u
Vertiefungen, Ausdehnungen u Zusammenziehungen
giebt:) so ist es darum ganz besonders menschheitl wichtig,
wenn das rein menschheitl Wesen u Streben, welches sich zwar in
allen Menschen u menschl Verhältnissen eben als solchen
findet u kund thut, irgend wo aber zugl nichts nur früh ah-
nend erkannt u anerkannt, sondern auch gleich bleibend besonders
pflegend im Leben festgehalten u endl mit Bewußt-
sein ausgebildet u dargestellt, wenigstens nach reiner
Ausbildung u klarer Darstellung im Leben mit Bewußt- /
[8]
sein, in Stetigkeit u Ausdauer gestrebt wird.
Dieß nun prüfend u erwägend recht festzuhalten, bitte ich
Euch meine Neffen um Eurer selbst, um Eures Volkes, um
der Menschen überhaupt u um Menschheit willen; dieses Erkennen;
Anerkennen u Festhalten des nothwendig Einigen u Steti[-]
gen
in der menschl Entwicklung ist der einzige Schlüssel zur
richtigen Erfassung meines Lebens im Allgemeinen, so
wie meines bestimmten Verhältnisses zu Euch, was von jenem
nur ein Theil u nur mit demselben u d[urc]h dasselben gelöset
u verstanden werden kann.
Denn ich läugne es nicht nur nicht, sondern spreche es vielmehr als
meine ganz bestimmte Überzeugung aus, in welche auch alles
mein Handeln gegründet ist:
Wie ich ein solches rein menschheitl Streben seit Jahr-
hunderten bestehend in Europa, u hier namentlich in den Ländern
deutscher Zunge, in vielen Geschlechtern u Familien, u
hier seit mehrern Menschenaltern in unserm Geschlechte
u Familie ausgedrückt finde, so fand u finde ich es
namentl auch in meinen Eltern, Eurern Großeltern,
wie überhaupt in den Kindern meines Vaters, also auch in
Euerm Vater. Darum hoffte ich denn auch später von
seinen Söhnen, rein von ihrem Gemüthe aus, ohne alles Hin[-]
zuthun eines Fremden, in dem Geistes meines Handelns
unmittelbar erkannt zu werden; wie denn im ächten Sohn
seinen Vater in seinem Streben unmittelbar vom Ge- /
[8R]
müth aus verstehen soll u wie das Leben beweist wirklich ver-
steht.
( Was ich nun hier von meiner Familie ausspreche, das überlasse
ich unverkürzt jedem auch von sich u seiner Familie aus[-] u durch dieß
nach zu weisen; ja es sollen u müssen es recht viele so von sich
u ihren Familien aus nach weisen, damit endlich die Menschheit sich wie
als Einiges u Stetiges, so als Einheit fühle, erkenne u darlebe.)
Die Ahnung u Anerkenntniß dieses rein u ächt menschl Stre-
bens in unserer Familie war nun auf der einen Seite das mehr
od. minder unbewußt einende Band zwischen uns Geschwistern,
so wie es auf der andern Seite die Unklarheit darüber war, welche man-
nigfaltige Trübungen u Störungen in unser, seiner Grundlage
nach so rein als kräftig menschheitl u geschwisterl Familien-
leben brachte.
Die Ahnung u Anerkenntniß des ächt menschheitlichen Strebens un-
serer Familie war es besonders, deren Pflege nun frühe
Euer Vater in mir merkte; dieß war es, was später das enge-
re menschheitl u erziehende Band zwischen ihm u mir, u wie
auch das äußere Leben selber wieder näher rückte, zwischen meinem
ältesten Bruder, jetzt dem mündigen Senior unserer Fami-
lie u mir, dem jüngsten derselben bewirkte.
Dieß ist es nun wieder was Ihr mit mir auch als Eure Überzeu-
gung anerkennen müßt, ehe wir in der Lebensprüfung u Lebens-
klärung zur Lebenswiedereinigung weiter fortschreiten können.
Als sich mir durch mein menschheitl Streben in unserer Familie
immer mehr klärte, nach Zweck u Mittel einte, da erkannte /
[9]
ich gl[eiches] Streben in vielen vielen P[un]kten, in vielen Menschen u
Familien; mich mit den reinsten, allgem. menschheitl Ge-
sinnungen u Bestrebungen nun an irgend einen der Punkte an zu schlie-
ßen war mein Streben, da funkte es in meinem Gemüthe
auf, da bestimmte mich Wahl u Schicksal, mich an meine eigene
Familie als natürl u rein menschl Ausgangspunkt u zur Verei-
nigung mit andern Familien anzuschließen. Der Geist der Familie,
mein Vertrauen zu ihr, meine Hoffnungen von ihr rechtfertigten sich
durch den Senior unserer Familie, denn von diesem, durch Euern Oheim, wurde
mein Streben die Familie in ihrem Grundzuge – rein mensch-
heitl Leben in Ausführung zu bringen – zu erfassen, dafür zu er-
ziehen u auszubilden, erkannt u anerkannt. – Euer durch kind-
vertrauendes Gemüth, Euer durch nichts oder mindestens durch wenig von
äußern Ansichten u Forderungen getrübten Sinn, ließ auch
Euch dieß ahnen, u so sah ich bald zu nächst die Knaben meiner
beiden ältesten Bruder Euch mit Wilhelm u Ferdinand um
mich versammelt.
Eure Jahre waren, Ihr selbst waret dortmals für den Weltsinn
das äußere Streben, für die Pläne die Eigensucht noch zu un-
bedeutend, u so ließ die Welt unser Wirken, vielleicht auch
aus noch andern Gründen ungestört; rein menschl Streben
sprach sich darin aus, wie der reinste Friede, die kindlichste Freude
u wie überall, wo rein menschl Gesinnung waltet, die edelste Frei-
heit.
Es konnte nicht fehlen, durch von andern mehr oder minder bewußtes
höheres menschheitl Streben in sich tragenden Familien mußten
sich die in sich bewußtesten Glieder an mein Wirken anschließen /
[9R]
u so sahe ich den Kreis bald mit menschheitl = strebenden Gliedern
Freunden u Mitarbeitern u jenem Streben geweihten Zöglingen
erweitert. – Ich selbst suchte in Familien, in welchen einst rein mensch-
heitl Streben so kräftig hervorgetreten war, die Pflege der-
selben wenigstens in einigen ihrer Glieder wieder allseitig
zu erschaffen, u so bildete sich unser kleiner Kreis, wie ihn das Jahr
=1818= fand, mit all seinem Frieden u all seinen Gaben, wie Ihr Euch viel-
leicht noch dessen aus den Jahren Eures mehr oder minder vorge-
rückten Knabenalters erinnert, u wie es vielleicht noch in Euerm
Gemüth u Geiste lebt. – Auch mit dieser Lebensdarstellung müßt
Ihr einverstanden sein, wenn mit Erfolg darauf fortgebaut wer-
den soll.
Durch die sogesteigerte auch äußere Entwicklung des Ganzen wurde
dasselbe aber auch, der innern wie der äußern Einwirkung des per-
sönl, des eigensüchtigen, und des Weltsinns hingegeben; es konnte
nicht fehlen auch Eurem, wie offenen Blumenkronen daliegen-
den Gemüthe konnte die Einwirkung davon nicht fremd bleiben; ich trau-
te u vertraute hohen Kräften in der menschl Natur, in dem
menschl Herz u Gemüthe, ich vertraute der innern Wahrheit des
Ganzen wie des menschl Geistes, doch sie waren beide im Kreise
wie außer dem Kreise noch nicht allgemein so stark entwickelt,
als ich im Glauben u Vertrauen voraussetzten; die Erfolge
waren die, welche sie waren. Es ist nothwendig hier einige Zeit
zu ruhen, um eine wahre u ächte Lebensänderung – denn
um das handelt es sich ganz allein, nicht um das Aufflicken eines
neuen Lappens auf ein altes u veraltetes Gewand – unter
uns wirklich errungen werden soll.
[10]
Hier ist nun ganz von Allein Freiheit u Unbefangenheit des Gei-
stes u des Gemüthes in der Ansicht u Beurtheilung des Lebens nöthig,
wenn Wahrheit des Charakters, der Grundzug u das Wesen des Ergeb-
nisses sein soll; wer sich nun diese Freiheit u Unbefangenheit, wenn Ihr
Euch solche nicht zutrauet, so ist es wieder um ganz unnöthige Lebens-
erregung zu vermeiden am besten hier alle Mittheilungen u
Zwiegespräche abzubrechen.
Alles wendet u vereinigt sich hier um den Punkt einer verdrehten
Ansicht meines ganzen Lebens u Wirkens, meines Strebens
u des Zieles u Zweckes desselben; alles nämlich handelt sich
hier um die völlige Umdrehung meiner allgem. menschheitl Ge-
sinnungen in besondere einzeln[e] menschl Ansichten, meines allgem.
menschheitl. Zieles zu besondern menschl Zwecken; welcher alles
verdrehenden Ansicht es wohl leicht geworden sein mag ei-
nen leichten erborgten Schein der Wahrheit der Einzelnen
Erscheinungen meines Handelns, Wirkens, Sprechens u Thuns
zu geben; indem ja eben, wie schon mehrmals heraus gehoben wor-
den ist u heraus gehoben werden mußte, - alles Allgemeine durch das
Besondere, alles Einige durch das Einzelne in der Erscheinung, alles Un-
persönliche durch das Persönliche hindurch sich kund machen muß, wenn es
sich überhaupt kund machen will u soll, u jeder Natur[-], Geschäfts[-] u Le-
bensforscher wohl zu dem Endergebniß seines Forschens kommt,
daß eben das Allgemeinste u das Besonderste, das Einige u Einzeln-
ste mit den schwächsten Grenzen von einander geschieden sind.
Dazu kommt, daß vieles was im Zufall u Umständen gegründet
war, was durch Nothwendigkeit u Schicksal geboten wurde, als von
meiner Willkühr ausgehend angesehen wurde. Dieß nun muß
mit all dem bisher Ausgesprochenen vom Gemüthe, vom Denken /
[10R]
oder vom Leben, oder am sichersten von allen dreien geeint
erfaßt u fest gehalten werden, soll mein Leben seine richtige Be-
urtheilung finden; doch es wird, wie es sein Urtheil in sich trägt, sol-
ches zu seiner Zeit ganz außer sich ausgesprochen finden; es wird, ich weiß
es von diesem Standpunkt aus seine Rechtfertigung auch außer sich finden, wie
es solche in sich selbst hat.
Mein gesammtes Leben ist ein Kampfplatz des allgemein u rein
Menschheitlichen, in sich einiger Menschheit mit dem besondern getrübten
Menschlichen, mit dem persönlichen, dem Einzelnen auch wohl eigen-
süchtigen Streben des einzelnen Menschen, einzelner Menschen.
Dieser Kampf, dieser Krieg mußte u muß irgendeinmal im Leben
aus[-] u durchgefochten werden; da nun aber die reine Menschheit in dem In-
nersten des Familienlebens ihre Quelle, ihren Schutzort, ihr
Heiligthum hat, so mußte jener Kampf u Krieg sich nothwen-
dig in dem Innersten einer Familie seinen Kampf- u Wahlplatz
bereiten, welche in sich die reinste Menschheit zu bewähren wie auch äu-
ßerlich darzustellen strebt.
.Dem Kinde, dem jugendlichen u dem Jünglingsgemüthe ist nun
zwar die Wahrheit nahe, im demselben ist nun zwar das Gefühl derselben leben-
dig; allein wenn es noch nicht gekräftigt, noch nicht erstarkt in sich ist, so
ist auch nichts auf welches – aus dem eben vorhin angegebenen Grun-
de der zarten Grenzlinie zwischen Einheit u Einzelheit – das
Äußerliche, das Persönliche, das Einzelne u so das Eigensüchtige
einen tiefen Eindruck macht u mehr Einfluß hat als eben
auch auf das kindl u jugendl Gemüth u solchen Geist. – Hier nun
aber u in den Beziehungen war es, wo ich Euerm Gemüthe u Geiste
u mehr noch als diesem, dem Charakter, den Gesinnungen u Be-
strebungen unserer Familie vertraute; wie es denn auch /
[11]
jüngst ein alter, sein Leben ganz unabhängig von dem unsrigen
entwickelt habender Zögling, jetzt ein Lebenserfahrener Mann den
Geist u Charakter unseres Wirkens, als Ergebniß langjähriger
Prüfung in sich, rein von sich aus so ausgesprochen hat: daß wir den Kin-
dern, den Knaben, den Zöglingen mit Zu- u Vertrauen entgegen
kämen, während andere in gleichen Verhältnissen sie mit Mißtrau-
en empfingen.
Genug! Ich vertraute nicht sowohl der Tiefe des Eindruckes des von Euch
durch u in dem Geiste der Einheit, Einigkeit u Stetigkeit der menschheitl Ent-
wicklung gelebten Lebens, als vielmehr Euerm eigensten inner-
sten Bedürfnisse u so Euerm eigenen, dem einfachsten Kindes[-]
gemüthe möglichen Urtheile. – Doch die Erfahrung sprach der Erscheinung
nach gegen mich: der älteste, der bewußteste, der Geistes- u Le-
benserfahrenste unter Euch that – es läßt sich leicht erklären -
den ersten Schritt zur Trennung, er that ihn mit möglichstem Bewußtsein
u Selbstbestimmung, indem ich ihm alle die Folgen, ja die einzige ganz
natürliche Folge desselben mit dem einzigen Worte aussprach:
-”Trennung.” Allein welches Gewicht sollte das Wort eines Mannes,
sollte mein Wort haben, welchen man ihm mit den eigensüchtigsten
Zwecken, mit den selbstsüchtigsten Absichten u mit dem willkührlichsten
Handeln hingestellt hatte, u so mehr als ja Trennung von einer
Seite Einigung auf einer anderen Seite mit sich führt u ja eben
der Charakter u die Farbe dieser Seiten verdreht war.
Vermöge meines Strebens, vermöge des Strebens meiner u
unserer Familie, vermöge des eigentlich unerkannten, auch wohl
mißkannten Strebens meines Volkes u dem der ganzen
Menschheit mußte mir als auch einem ihrer Glieder, die Erschei-
nung u noch mehr die Pflege jedes Halben also halbe Einigung, -
halbe Theilnahme u.s.w. geradezu ein Gräuel sein /
[11R]
denn aus dem Halben wird dem Einzelnen wie dem Ganzen, Völkern
wie der Menschheit das Verderben geboren; daher denn meine unversöhnl
Feindschaft gegen alles Halbe u mein offener, erklärter Krieg
gegen dasselbe, so lange ich athme; denn nur dieß beides kann die
Menschheit einstweilen frommen, bis das Ganze u die Einheit den Sieg
davon getragen hat; es kann nur wohlthätig, ja seegensreich sein
für das Einzelne, wie für das Ganze u darin hat die wahrhaft
väterliche, für Euch einzig seegensreiche Festigkeit u Unbeug-
samkeit meines Handelns gegen Euch einzig ihren Grund. Denn Ihr
hattet durch Euer, wenn auch äußerl von Euch noch soviel über-
legtes, dennoch in seinem innersten Wesen unbedachtes Handeln, zu
welchem Ihr Euch hattet hinreißen lassen, nein! Ihr hattet Euch
dadurch, wie aus der so offenen als einfachen Darstellunglegung klar
hervorgeht, gegen Euch u gegen einander selbst, gegen Eure Familie, gegen
unsere Familie u nicht allein gegen alle die strebenden Familien
je gegen das Streben unseres Volkes vergangen, indem ihr die
Thatsache rein u allgem. menschheitl uneigennütziges, uneigensüchtiges
u unpersönl Strebens zum Seegen des Ganzen u des Einzelnen
in ganzen Familienreichen festgehalten – verneintet, indem
Ihr dadurch die Einheit, Einigkeit u Stetigkeit der menschheitl Entwicklung
welche auch als äußere anschauliche Erscheinung nachzuweisen u
darzulegen der Menschheit über alles wichtig ist, - vernichtetet.
Ihr habt Euch doppelt u vielfach dagegen vergangen, indem Ihr –
die Ihr gewürdiget waret in der Mitte eines solchen, so u dahin
strebenden Lebens u Kreises aufgenommen zu sein, dessen Ein-
wirkung Ihr sogar die Entwicklung Eurer freien Denkkraft
u die Mittel verdankt, sie selbst gegen Euer in jedem wie in höherem
u höchsten Sinn väterl u menschheitl Haus zu kehren, -
indem ihr diesem unwürdig den Rücken wieset u um dadurch /
[12]
Euer Rückenkehren vor der Welt zu rechtfertigen zu beschönigen
aussprachet, daß es ein Haus der Eigen- u Selbstsucht, des Eigen-
nutzes, der Tyranney u.s.w. eines Einzelnen sei. –
Neffen! – ich will, weil ich Euer Oheim bin, weil Euer Vater
mein, in sich rein u ächt menschl Streben anerkannten Bruder, u
Euer Großvater, dem Wahrheit das Höchste galt, mein Vater
war, ich will um aller dieser u um Euer selbst willen gern glauben,
daß Ihr auch keinen Augenblick Eures Lebens so, wie eben durchgeführt;
über Euer Handeln nachgedacht habt; allein wahr ist es: - Ihr
wolltet u solltet entweder nach dem Willen anderer, und auch Eurem
eigenen, nicht wissend was Ihr thatet, die edelsten Knospen
ja den Gipfel [sc.: Wipfel] aus dem Baum meines u unseres Lebens, u so aus
dem Lebensbaum vieler Familien, deren Glieder mir,
uns u sich gegen einander vertrauten – ausbrechen, nur da-
mit Ihr sagen könntet, damit Andere, gerechtfertigt durch die
Erscheinung selbst sagen könnten: seht, es ist ein Wetterbusch. –
Doch Neffen, habt Ihr auch nicht darüber nachgedacht, so thut es jetzt,
es handelt sich um nicht Persönliches, um nicht Vorübergehendes;
nicht mich trifft daher Eure Verunglimpfung, ob sie mich gleich treffen
sollte, nein sie vergiftet das edelste Streben in den Familien
Eures Volkes, ja der Menschheit, u Ihr selbst habt in Eurem Handeln
gegen mich Eurer eigenes Streben, wenn Ihr anders dabei ein
ächt u allgem. menschheitl Ziel – woran ich als Euer Oheim
nicht zweifle, fest ins Auge faßt u im Auge behaltet -
vergiftet; denn nicht nur wecktet sondern auch erhöhtet u nährtet Ihr
den in des Menschenbrust schon tief genug ein gewurzel-
ten Zweifel gegen das uneigennützige Hingeben u Hingegeben-
sein des Einzelnen, der Lebens[-] u Thatkraft des /
[12R]
Einzelnen zum Wohle u zum Heile des Ganzen, sondern Ihr störtet dadurch auch
den Glauben, vernichtetet mindestens die Ahnung u hemmtet die Darlebung
einer höheren, inneren Lebenseinheit, die Einheit, Einigkeit u Stetigkeit
der Menschheitsentwickl[ung], in dem der Menschheit an der Nachweisung derselben durch Dar-
lebung alles gelegen ist. –
Könnt Ihr nun, meine Neffen, auch dieser ganz einfachen Darstellung
des Innern unseres Verhältnisses u der Feststellung des richtigen Stand-
punktes, von welchem aus es einzig ins Auge gefaßt u geprüft
werden muß – in Euch Euren Fehl gegen das Ganze einsehen,
so will ich, wenn es rein menschl Bedürfniß Eures Gemüthes
ist, Euch wieder vertrauens- u zutrauensvoll zu dem Stamm Eu-
rer Familie, zu mir u uns, u zu dem ganzen Kreise zu wen-
den, welcher mit demselben in dem u durch den Geist ein in sich einiger
ist, weder Hinderniß sich noch Hinderniß machen, dieß aber auch so
dem Raum der Familie, der Stammfamilie u des in Geist u Leben, in Über-
zeugung u Handeln, im Denken u Streben einige Ganze, Euch
wieder vertrauensvoll u zutrauensvoll als Söhne u Glieder
erkenne u aufnehme. –
Doch hütet Euch zu dem Ganzen, zu dem Kreise zurück zu kehren
ohne Eure Ansicht von demselben von dem Geiste u den Gesinnungen die ihn
beleben, wie Ihr solche bisher gezeigt habt, in Euch geändert zu haben.
Ohne, mit kurzen Worte von der rein menschheitl Grundlage
unseres Lebens u Strebens durchdrungen zu sein, welche auch das einfachste
u gewöhnlichste Kind in sich <Natur> achtend u pflegend anerkennt.
Es könnte Euch sonst Eure äußere Rückkehr zu uns u mir
nicht nur nichts helfen, sondern müßte u würde Euch nothwendig später
schaden. Wolltet Ihr Euch mit Euren alten einseitigen Ansichten
zu dem Kreise als einem Ganzen zurückwenden, anstatt ihn ganz
in der Reinheit seines Strebens anzuerkennen, so würde Euch dieß
nur Kämpfe statt die Ruhe geben, in welcher Ihr vielleicht jetzt lebt. /
[13]
u.s.w. Darum bedenkt was Ihr thut! - Denn da wir alle als ein Gan-
zes mit unserm Leben u Streben d Menschheit gehören, so kann auch eine
blos äußerliche, bürgerliche, conventionelle u verwandtschaftl Wieder[-]
vereinigung mit uns, eine Vereinigung welche nicht auf der Basis rein mensch[-]
heitl gemeinsamen Strebens ruht, d.i. eines Strebens ruht, welches
ein in Gemüth[-] u Geisteseinigung ächt menschl Lebens zum Ziele hat,
auch zu gar nichts führen, da Ihr nun Ihr wieder nichts an u in uns haben,
wir nichts an Euch, gegenseitig aber störend in dLeben eingreifen,
ob auch Gebirge u Ströme zwischen unserm äußern Leben liegen. –
Um nun aber das ganze Verhältniß zu einer allseitig vollkommnen
Klärung zu bringen u jeder Einseitigkeit u Eigenmächtigkeit von
mir zu entheben, werde ich diesen Brief an Euch allen Gemüths[-], Geistes-
u Lebens erfahrenen Gliedern unserer höheren Familiengemein-
schaft zur Prüfung mittheilen u sie auffordern, daß jeder von seinem
Standpunke aus seine Ansicht u sein Urtheil über meine Auffassung u Darstellung
frei u offen ausspreche, u Euch so das Innerste unseres Verhältnisses, von
dessen richtiger Erfassung alles abhängt, zur allseitigen Prüfung vorzulegen.
Ist es nun auch all die Eure reine Gesinnung u Euch [sc.: Eurer], in Eurem Gemüthe
tiefgegründete Wunsch, Euch wieder ganz als ächte Söhne u lebendige
Glieder unserer Stammfamilie u von der aus unsere im Geist
u Leben einigen Familiengemeinschaft fühlen zu können, er-
kannt u anerkennt zu sehen, so seht Ihr wohl, daß die Erfüllung
des Wunsches nicht von mir, nicht vom Kreise, sondern einzig zuerst
von Euren Gesinnungen u Überzeugung, Euerm Willen u Euren
Bestimmungen selbst abhängt.
Zum Schlusse muß ich nur noch eins bemerken: Ihr spracht
von Dank; auch Du Julius sprichst in Deinem jüngsten Briefe
nach Keilhau wieder davon. – Ich für meine Person, u ich
bin in mir fest überzeugt, alle Glieder unseres erziehenden /
[13R]
Kreises, wir haben alle bei unserm Wirken nie Dank im Auge
gehabt, nie darauf Anspruch gemacht, also auch u bei Eurer Er-
ziehung; allein ich finde es unumwunden, offen u bar ausgesprochen
rein unnatürl. d.h. widernatürl <ergenug> nicht Dank gegen den
Grundgedanken, mindestens Anerkenntniß desselben zu empfinden
u pflegend sich zu bewahren, <welcher, dem die Verhältnisse in welchen der
Mensch lebte, ihm die beste Erziehung u die besten [?] nicht gab, welche auch
menschliche Einsicht für ihn nur mögl war>, u dieß um so mehr, als
jener Grundgedanke ein reiner allgem. menschheitl war, u sich im
Fortgang der Lebensentwickl[ung] immer mehr als ein solcher bestä-
tigte u rechtfertigte, die dankbare Erinnerung, ja d Pflege des
Grundgedankens dünkt mich, sollte diesen Menschen heilig sein. –
Du Julius hast gezweifelt ob die Begrüßung von meiner
Frau u von mir an Euch, welche Euch der kindl u treusinnige
Wilhelm Clemens überbrachte, auch wirkl von uns sei; ich
wünschte, daß Ihr schon um des Gemüthes des Überbringens willen
kein Zweifel darein gesetzt hättet; jene Begrüßung war
eben so gewiß von uns, als jetzt hier der aufrichtige
Gruß von meiner Frau u von mir an Euch.
Und somit ist alles in Euer Herz, Euern Geist, Eure
Gesinnung u Euer Leben gelegt von mir
Eurem
In Gesinnung u Handeln
wie in Liebe u Treue
immer sich gleiche väterl Oheim
u Pflegevater

Friedrich Fröbel.