Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Amalie Müller in Döllstedt v. 25.3.1838 (Blankenburg)


F. an Amalie Müller in Döllstedt v. 25.3.1838 (Blankenburg)
(Briefrekonstruktion aus 2 Dokumenten: BN 576, Bl 4, Reinschrift/Fragment 1 Bl 8° 2 S. + Editionsfragment KG 23/1882, 51-53. - In „Kindergarten“ 1882 gesperrte Passagen sind hier unterstrichen wiedergegeben [so wohl im Orig.]. Das "ss" [fröbeluntypisch] statt "ß" geht mit Sicherheit auf die Zeitschriftenredaktion zurück. Redaktion des „Kindergartens“ vermutet in Fußnote ***) auf S. 52 einen Schreibfehler F.s, es müßte statt "S. 17" richtig "S. 28" heißen; "S. 17" ist aber richtig.
Begründung der Rekonstruktion:
Problem 1: Das Blatt BN 576, Bl 4 ist scheinbar eine vollständige Reinschrift. Aber: Dann hängt zumindest die Randnachschrift auf 4R, beginnend mit einem Bezugszeichen, inhaltlich "in der Luft".
Problem 2: Die Veröffentlichung ist sicher nur ein Teiltext, der sekundär auf "März 1838" datiert wird. Laut F. sind aber erst die ersten vier Nummern des Sonntagsblatts erschienen, was auf eine Briefdatierung zwischen dem 21.1.1838 (Nr. 4) und dem 28.1.1838 (Nr. 5) schließen läßt; jedenfalls steht Ostern (15.4.1838) noch bevor. - Aber: Der inhaltliche Beginn von BN 576, Bl 4 läßt keinen früheren Brief an Amalie Müller im Jahr 1838 zu, was auch durch Amalie Müller (Erinnerungen aus Blankenburg. In: Kindergarten 23 [1882] 53-55, hier: 53) bestätigt wird. - Schiebt man die Teilveröffentlichung zwischen BN 576, 4R und die Randnachschriften 4R/4V, so ergibt sich ein nahtloser Text. Der Umfang der Teilveröffentlichung im Vergleich mit dem erhaltenen Blatt läßt darauf schließen, daß das Manuskript ebenfalls ein zweiseitig beschriebenes Oktavblatt umfaßte. Das heißt: Der Brief bestand aus zwei Oktavblättern (oder einem Bogen, der durchtrennt wurde) mit vier beschriebenen Seiten. Der Vorgang ist wohl so zu denken, daß entweder schon bei Müller beide Blätter getrennt gelagert wurden oder daß im Zuge der Teilveröffentlichung des Briefs durch die Redaktion beide Teile getrennt wurden. F. hätte in diesem Fall entweder das letzte Wort ("Bruders") auf dem fehlenden Blatt als erstes Wort der Nachschrift wiederholt (auch anderweitig belegt), oder es ist im Editionsfragment unangemerkt inhaltlich ergänzt worden. Daraus folgt: Da zum Zeitpunkt 25.3.1838 schon mehr als vier Hefte des Sonntagsblatts erschienen sein müßten, wurden diese mit großer Sicherheit nachdatiert, so daß das aufgedruckte Datum nicht dem Erscheindatum entsprach.)

(BN 576,4)
Blankenburg bey Rudolstadt am 25 März 1838.


Mein geliebtes, theures Malchen.

Als wir Deinen so herzlichen als freundlichen, an meine Frau
überschrieben[en] Brief empfingen, war mein fester Vorsatz Dir
denselben sogleich in den nächsten Tagen zu beantworten; ja
ich hoffte, daß mein Brief noch als eine Neujahrgabe bey Dir
eintreffen sollte. Wie ich nun diesen Entschluß Deiner Base, mei[-]
ner Frau aussprach, wünschte S sie sehr, daß mein Brief nicht
allein zu Dir wandern, sondern daß auch dankende und herzliche
Zeilen von ihr, denselben begleiten möchten. Ihren Wunsch aber
sogleich auszuführen wollten ihr die, wenn auch kleinen, doch für
den Zustand ihrer Gesundheit und besonders leicht erschöpften Kraft,
anstrengenden Forderungen des Leben dort nicht erlauben; und
so sehe ich denn, zu meinem wahren Leidwesen, daß mit dem der stets
von einer Zeit zur anderen verschobenen Erfüllung des Vorsatzes
nun schon bald ein Vierteljahr verflossen. Da soll mich denn
nun aber auch nichts mehr abhalten, dem Zuge meines Herzens
zu folgen und Dir endlich auch sichtbar mit schwarz auf Weiß
auszusprechen, daß mich Deine lieben Zeilen an meine Frau
und der darinn auch für mich enthaltene G herzliche Gruß, recht
innig gefreut haben.- Seit Jahren - denn so viel Zeit ist verflossen
als seit ich Deinen letzteren, lieben Brief empfangen habe - habe ich mich
wirklich nach einen [sc.: einem] Brief von Dir gesehnt. Ich hoffte eine freund-
liche Antwort von Dir auf meine Zeilen zu empfangen, welche
ich Dir in Begleitung eines Briefes an Augusten von der Schweiz
aus nach Bergedorf sandte; doch meine Hoffnung sollte mir
nicht erfüllt werden; so freute ich mich denn recht herzlich, einstlich
endlich ein liebes Briefes [sc.: Briefchen] von Dir, bey uns einsprechen zu sehen.
Wie gerne wäre ich, als wir vor nun fast 2 Jahren in der Nähe
Döllstädts vorbey reisten, mit meiner Frau bey Euch eingesprochen
allein Du siehest leicht ein, daß sich mit einem großen bepackten
Reisewagen, welchen man überdieß nicht allein besitzt (- wie
dieß dortmals der Fall war) - nicht leicht ein Abstecher von
der großen Landstraße machen läßt, wie wenn man zu Fuß
geht. Wir waren aber während der ganzen Reise von Gotha nach
Erfurt in Gedanken bey Euch, und ganz besonders wünschte meine
Frau, Euch alle einmal, Ihr lieben Verwandte in Eurer Häuslichkeit
zu sehen. Um so weniger aber nun, so wohl durch die Entfernung,
als durch den, sich leicht erschöpfenden Gesundheitszustand meiner
Frau, jetzt dazu Hoffnung ist, um so mehr freuen wir uns, daß
Du uns die so schöne Erwartung giebst, Dich im Laufe dieses Jahres
noch hier bey uns zu sehen. Führe doch ja diesen schönen Vorsatz
aus und lasse Dich doch ja durch nichts daran verhindern.- /
[4R]
Elisen aus der Schweiz wirst Du dann wenigstens bey uns finden,
ohne Zweifel wohl auch Middendorffen; ob aber Ferdinanden
durch die Umstände erlaubt werden wird seinen und der Eltern
Herzenswunsch zu erfüllen und Keilhau und Blankenburg im Laufe
dieses Jahres zu besuchen; dieß ist noch ganz dem Schicksale dahin
gegeben; fast scheint es, als sollte es nicht möglich werden.
Daß Middendorff und Elise ich glaube nun fast schon ½ Jahr oder
gar länger (denn die Zeit eilt furchtbar schnell) zur Unterstützung
von Langethals, deren Wirksamkeit sich gar sehr ausgebreitet
hat,- in Burgdorf sind, wirst Du längst, von Keilhau aus er-
fahren haben. Beyde, Middendorff wie Elise, sind F fest in dem
frischen, frohen Leben gar sehr eingewachsen; besonders Elisens
Nähe für die Mädchen der dortigen Anstalt ein wahres Bedürf-
niß geworden, so daß es nicht leicht ist, sich aus jenen Verhält-
nissen wieder heraus zu versetzen; doch wünschen Elisens
Eltern die Rückkehr derselben zu bestimmt, als daß über dieselbe
und zwar im Laufe dieses Frühjahrs noch, ein Zweifel erlaubt
wäre.
Wir gehen überhaupt in diesem Frühjahr und Sommer einen [sc.: einem] großen
lebhaften Lebensverkehre entgegen. Jedenfalls kommen, wie
die Verhältnisse jetzt stehen aus der Schweiz zwey zurück.
Middendorff wird, dem Plane nach, über Westphalen reisen
und - läßt es sich ausführen - Barops Mutter und Schwester
zum Besuche mit nach Keilhau bringen. Sonst haben uns
noch manche alte und liebe Freunde in diesem Jahre einen Besuch
zugedacht und zugesagt, so z.B. unser alter Christian Langethal
aus Eldena bey Greifswalde, dessen Verhältnisse sich nun auch,
ziemlich gut für ihn entschieden haben.
Doch ich habe Dir zuerst von der Zukunft gesprochen, ob ich gleich
vorher hätte von der Gegenwart reden sollen.
In Keilhau zunächst ist alf alles ganz gesund. Daß den Barop
seine Emilie mit der schönen Hoffnung erfreut, ihn im Laufe des
Frühjahrs wieder zum glücklichen Vater zu machen wirst Du
längst von Keilhau aus wissen. Wie Gesundheit, Freude und
Frohsinn in der Familie, so herrscht solche auch in der Anstalt
und unter den Gliedern derselben. Stets sind alle Stellen
in ihr besetzt und, gehen Zöglinge ab, immer mehr Meldungen vor-
handen als Plätze frey sind.- Daß Louise Frankenberg als
Gehülfin in Keilhau vorig. Michaelis ausgetreten ist wirst Du auch
wissen, doch schwerlich, daß sie eben alle Vorkehrung trifft
in der Mitte des Monats April mit einen [sc.: einem] Bekannten Ihrer [sc.: ihrer]
Brüder nach NordAmerika zu reisen; indem sie es vorgezogen
hat ihrer Verheyrathung zu entsagen und lieber zu ihren Brüdern
nach Amerika zurück zu kehren. Welchen Entschluß wir alle
die sie achten u lieben, den Umständen nach, gar sehr billigen müssen.- /
[51]
(Kindergarten 1882, 51)
Von dem, was ich hier treibe, kann ich Dir freilich nicht mit so kurzen Worten Rechenschaft geben. Ich bezwecke die Ausführung von Spiel- und Beschäftigungsmitteln für die Kindheit und Jugend besonders zur Pflege des in den Kindern früh so sehr regen Beschäftigungs- und Thätigkeitstriebes. Diese Spiel- und Beschäftigungsmittel, welchen ich den Namen Spiel- und Beschäftigungskästen gebe, sollen nicht nur unter sich in lebenvollem, sich gegenseitig förderndem Zusammenhange stehen, sondern auch den Unterricht und die Lehre, besonders den ersten Unterricht vorbereiten. Zugleich bin ich, zur Einführung dieser Spiele und zur Darlegung der Grundsätze, von welchen ich dabei ausgehe, damit beschäftigt, eine Wochenschrift unter dem Namen Sonntagsblatt zu veröffentlichen.
Seit so langer Zeit, als die Probeblätter dieser Wochenschrift, - welche den Plan derselben - den Plan zu der jetzt ausgeführt werdenden "Anstalt zur Pflege des Beschäftigungstriebes der Kindheit und Jugend" - und als Probe eine Darlegung der Behandlung des ersten Kinderspiels enthalten - gegen den Schluss des vorigen Jahres er- /
[52]
schienen sind, liegt auch ein Exemplar für unsern lieben Ernst, deinen Bruder zum Absenden in meinem Pulte. Eins mit dem andern verhinderte oder vielmehr verzögerte deren Absendung, besonders wartete sie immer, um Dir, liebes Malchen, zugleich diesen Brief zu überbringen. Diese Probeblätter (Probeblätter hinsichtlich der Pläne und des Inhalts, nicht aber sowohl auf die Form) liegen nun hier bei, und ich bitte Dich, selbige nebst meinem herzlichen Gruße deinem lieben Bruder Ernst zur Prüfung, ja ich möchte - da er so viel mit jungen Kindern lebt - bitten, zur freundlichen Theilnahme und zu belehrenden, auf Beobachtung und Thatsachen aus dem Kinderleben gestützten Beiträgen, zu übergeben. Könnte es für Dich auch ein Interesse haben, zu sehen, wie ich die Spiele zu behandeln gedenke, so bitte ich Dich, in Nr. 4 des Probeblattes S. 17 zu lesen.
Von dem Sonntagsblatte selbst Jahrgang 1838 sind jetzt die 4 ersten Nummern erschienen; ich würde auch diese für unsern lieben Ernst beigelegt haben, wenn ich nicht gefürchtet hätte, bei ihm als ein Zudringlicher zu erscheinen, und wenn ich mir mit Bestimmtheit hätte sagen können, dass die ganze Unternehmung dessen Interesse erhalten würde. Auch von den Spiel- und Beschäftigungskästen sind die ersten beiden Nummern "der Ball" und "die Kugel und der Würfel" erschienen.
Wundere Dich, liebstes Malchen, nicht, dass ich Dir hier von diesen Arbeiten spreche; allein ich wollte Dir doch gar zu gerne einige Kunde geben, wie ich hier beschäftigt bin. Zur Ausführung der Spiele, zur Anfertigung der Zeichnungen und zu sonstiger Hilfe habe ich zwei Gehilfen; der eine ist der Sohn des Schullehrers in Keilhau, früher Zögling in der Anstalt, Friedrich Bock, dann ein junger Schweizer aus dem Kanton Bern, Namens Gyger, welcher mich nun schon fast seit einem Jahre mit seiner Thätigkeit unterstützt.-
Siehe, mein theures Malchen, so ist mir die Zeit seit meinem Aufenthalte (hier) in steter Arbeit, oft mit sehr angestrengter Thätigkeit verflossen; denn es handelte sich nicht allein darum, diese neue Unternehmung hier in Blankenburg zu begründen, sondern auch die Verknüpfungen mit der Schweiz stets rege zu erhalten; ja, die Umstände erforderten es sogar, thätige Theilnahme in Nordamerika, welche sich durch die Gebrüder Frankenbergs dort anknüpfte, nach Mög- /
[53]
lichkeit zu pflegen: der Titel auf den beiden ersten Probenummern des Sonntagsblattes deutet darauf hin.
Verzeihe mir ja, liebstes Malchen, dass ich Dir so viel von mir und besonders von meinem jetzigen erziehenden Wirken schreibe; ich wollte Dir doch gern zeigen, was alles auf die verspätete Beantwortung Deines lieben Briefes mit eingewirkt hat.
Da sich mir entfernt die Hoffnung zeigt, dass ich Dich wohl und Euch alle, Ihr lieben Verwandten in Döllstädt, um die nächste Osterzeit auf einer Geschäftsreise werde besuchen können, so konnten wohl auch alle weitläufigen Mittheilungen von mir bis dahin aufgespart werden; allein da nur zu oft der Geist die Lebenswege wohl bedenkt, die Vorsehung ihren Lauf aber ganz anders lenkt, so wollte ich Dein kindlich treues Gemüthe doch nicht noch länger, und vielleicht gar vergebens auf Antwort und Nachricht von uns warten lassen.
Sollte nun aber wider Vermuthen sich meine Reise und so die Erfüllung der schönen Hoffnung zerschlagen, Euch alle, Ihr Lieben, einmal wieder in Eurem häuslichen Kreise, im vermehrten und verjüngten häuslichen und Familienleben zu sehen, so freuen wir uns doch gar sehr auf die Zeit, in welcher Du die uns gemachte schöne Hoffnung erfüllen und uns noch in diesem Sommer besuchen wirst. Vielleicht ist dann jemand von den übrigen lieben Verwandten so freundlich, Dich zu begleiten und uns die Freude seines Besuches zu schenken. Die herzinnigsten Grüße von meiner Frau und mir an Dich und durch Dich an alle unsere lieben Verwandten, zunächst an die liebe Familie Deines lieben Bruders. /
[4R]
(BN 576)
Bruders Ernst. Auch in Gotha gelegentlich die herzlichsten Grüße von uns und mir, Deinem Dich treu liebenden Oheim FrFr.
[4V]
Damit Du und besonders Dein l. Bruder sehen mag wie die Spiele in der Schweiz (durch Langethal) eingeführt wurden, so lege ich
eine mir jüngst von daher zugekommene Anzeige hier bey. Ich freue mich recht darauf Dir, bey Deinem Hierseyn, die Spiele vorzuführen.