Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Emilie Frankenberg in Columbus (Ohio) v.<vor> 1.4.1838 (Blankenburg)


F. an Emilie Frankenberg in Columbus (Ohio) v.<vor> 1.4.1838 (Blankenburg)
(Autograph nicht überliefert, ed. Sonntagsblatt I (1838), 105-108,113-117 und Pösche 1887, 11-21. Beide Editionen nennen kein Briefdatum. Datierung nach SB-Nr. 14 v. 1.4.1838, auch Seitenangaben nach SB.) (Zeilenverhältnis nicht 1:1)

An Frau Emilie F. in N.A. [Nordamerika]


Geehrteste Frau!

Aechtes Familienleben, Pflege der Kindheit, Erziehung der Kinder verknüpfen schon durch sich selbst, unmittelbar das Sinnen und Wirken der Eltern mit dem des ausübenden Erziehers. Deßhalb, hoffe ich, wird es Ihnen gewiß nicht auffallen, vielmehr wird es Ihnen ganz in der Ordnung und den Forderungen wahrhaft menschlicher Lebenseinigung gemäß erscheinen, wenn ein Mann, welcher das Kindheit- und Jugendleben als den Keim ächten Menschheit-, als den Grund wahren Volkslebens in seinem Herzen trägt, welcher in der Kinder- und Erziehungsstube, als dem Heiligthume des Familienhauses sich heimisch fühlt, wenn dieser Mann, auch ohne Ihnen persönlich bekannt zu sein, bei Ihnen, der treusinnigen Mutter, brieflich vor- und einspricht. Doch es ist ja noch eine andere hohe und segnende Lebenserscheinung, welche mich in Ihr hoffnungsvolles und schönes Familienleben einführt; es ist dieß die Freundschaft, die Freundschaft Ihres so männlich und menschlich als väterlich gesinnten Gatten, und die der Glieder Ihres größeren Familienbundes, welche das gleiche erziehende Streben mit mir und meinem Kreise einiget. Und so hoffe ich auch wird es Ihnen, hochgeschätzte Frau! ganz in den Bedingungen eines in sich einig fortentwickelnden Lebens liegen, wenn diese unsere beiderseitigen Freunde mir zu gemeinsamer Erhebung dasjenige vertrauensvoll mittheilten, was Ihr tiefes Muttergemüth über Ihr Mutterglück und Muttergefühl denselben aussprach. /
[106]
Ja, geehrte Frau! es hat mich dieß so tief ergriffen als hoch erhoben; darum stand auch, im Gefühl der Dankbarkeit, sogleich in mir der Entschluß fest: Ihnen dasjenige brieflich auszusprechen, was durch Ihre so lebensvollen Mittheilungen in mir geweckt wurde; vielleicht daß Sie dann auch in demselben zugleich etwas zur Erfüllung Ihrer so rein mütterlichen Wünsche finden.
So bestimmt nun auch dieser Gedanke in meinem Gemüthe entstand, so sorglich ich denselben in mir pflegte; so war es mir dennoch seit Eingang und Mittheilung Ihres lieben Briefes bisher nicht möglich, denselben auszuführen. Doch erhebt sich derselbe von neuem in seiner ganzen Kraft, und fordert seine Erfüllung, indem ich vernehme, daß in Ihrem größeren, innig verschwisterten Familienkreise abermals ein neues, junges Leben, wie innig verknüpfend, so klärend und erhebend, erschienen ist; und so soll mich denn auch nichts länger von der endlichen Ausführung meines Entschlusses abhalten.
Ganz dem Lebenszuge Ihres lieben Briefes folgend, erlauben Sie mir, auch an des Kindes erstes Erscheinen anzuknüpfen, an
die Geburt.
Ihre vertrauensvollen Mittheilungen beginnen Sie damit, wie sich Ihnen stets an die freudige Hoffnung, einem neuen Menschenleben das Dasein zu geben, an den Gedanken der bevorstehenden Mutterfreuden, zugleich der Gedanke Ihrer persönlichen Vernichtung, der Ihres Todes angeschlossen habe. Diese Aeußerung, edle Frau! war mir so rührend, als sie einen hohen und wahren Gedanken, wie ein tiefes und natürliches Gefühl in sich schließt; ein Gefühl und einen Gedanken, welche wir in keiner unserer Lagen, wo es sich um Gestalten und Geborenwerden, um das Pflegen eines neuen, jungen Lebens handelt, zurück drängen, vielmehr ruhig in seiner höheren Bedeutung erfassen, und in seinen Forderungen uns zum klaren Bewußtsein bringen sollten, damit sie auch in keiner Lage unseres Lebens uns stören, trüben, ängstigen und schwächen, vielmehr erheben, befestigen und stärken. Denn, - erschrecken wir aber nicht, sondern weilen mit unserm sinnenden Blicke auf den Blumen der Flur – wo ist in der Natur wie im Leben das Erstehen eines neuen Lebens nicht an den Untergang, an die Vernichtung eines früheren geknüpft? –
Löset sich nicht das festgestaltete Samenkorn, um den in ihm schlummernden Keim zum Licht zu führen? Entblättert sich nicht die Blüthe, um die Frucht zu pflegen? Schwindet nicht die Jungfrau, um der Gattin und Mutter den Platz zu räumen? Tritt nicht das Leben der schönen Hoffnung zurück, damit das fruchtende Leben der oft rauen Wirklichkeit erscheine? –
Ist es aber nicht die Jungfrau, welche erhöht und verschönt in der Gattin; ist es nicht die Gattin, welche erhöht und verschönt in der Mutter entgegen tritt und stets entgegen treten soll; wie dieß so rührend und schön uns der Christenglaube darstellt, wo die Gattin ganz zurück tritt, damit die Jungfrau in der Mutter in so höherer, in höchster Klarheit erscheine? –
Was ist es aber, das sich an diese so unläugbare, als immer von neuem wiederkehrende Thatsache anknüpft: daß mit dem Kommen es einen, auch unmittelbar das Erscheinen des andern entgegentritt?
- Es ist dieß, daß in dem Wechsel das Beständige, in dem Erscheinenden das Sein, in dem Vergänglichen das Unvergängliche und in dem schwindenden Einzelnen das bleibende Einige wahrgenommen werde; daß nur schon mit der Furcht des Wechsels, des nur Erscheinenden, Vergänglichen und des schwindenden Einzelnen zugleich die Ahnung, das Gefühl, die Anschauung und der Gedanke des Beständigen, des Seienden, Unvergänglichen und bleibenden Einigen komme. Dieß ist aber auch für den Menschen die höhere und höchste Bedeutung der wechsel- und erscheinungsvollen Natur, der Natur voller Ver- /
[107]
gänglichkeiten und Einzelheiten. Ueberdem tritt das in Einigung mit der Natur und dem Naturleben Untergehende auf der nächstfolgenden Entwickelungsstufe mit Nothwendigkeit in höherer innerer Vollkommenheit auf. Darum nun, und in der Erfüllung dieser Bestimmung ist auch der Ausdruck der Natur doch so fried- und freudvoll.
Es war mir darum, hochgeachtete Frau, die gedachte Erscheinung in Ihrem hoffenden Leben ein sprechender Beweis, wie innig und allseitig Ihr ganzes Sein und Leben mit dem hohen Naturleben verwoben ist, und die höheren Naturgesetze unmittelbar pflegend in sich trägt. Und so soll es sein. Die zur beglückenden Gattin und glücklichen Mutter berufene Jungfrau soll sich nicht nur nicht scheuen, nein, es soll Ihr hohe heilige Pflicht sein, sich innig mit dem hohen und edlen Naturleben und dessen Gesetzen, durch die Gott selbst spricht und wirkt, geeint zu fühlen, allein nicht einseitig und abgerissen, sondern ganz und stetig; und je mehr sie dieß thut, und je mehr sie sich in der Mitte des großen Lebensganzen und als Gliedganzes desselben fühlt, um so mehr wird sie nicht nur glückliche, sondern auch weit um sich beglückende Mutter werden, wie sich dieß so ausdrucksvoll in der Geschichte der Menschheitsentwickelung an hohen Musterleben würdiger Frauen ausspricht. -
Glauben Sie mir, edle Frau! dieß durch Sie allen Jungfrauen, welchen der Eintritt in das eheliche Leben bevorsteht, allen Gattinnen, welche die schönste der Hoffnungen still im Gemüthe pflegen, zurufen, dieß in Ihrem Beispiele und durch dasselbe ihnen zeigen zu dürfen: - In sich wahrhaft treusinnig der Natur sein, dieß erzeugt Frische des Lebens und Gesundheit in allen Verhältnissen. Möchte keine Jungfrau diese volle Naturtreue in sich verletzten; möchte sie jede, wenn auch nicht durch Worte sich zum Bewusstsein bringen, doch durch das Gefühl allseitig in sich leben lassen, und durch die That im Leben beweisen.
Allein noch ein Zweites war es, was in Ihrem lieben Briefe bei der Sie durchwehenden Empfindung: die Erscheinung eines neuen Lebens möge Ihr eigenes Leben kosten! so rührend entgegentrat; es war dieß der sich dabei unmittelbar hervor drängende, sich daran anschließende Gedanke an das, Ihrem theuern Gatten alsdann ohne treue Mutterpflege zu schenkende neue Leben. Und noch tiefer erregend als das frühere Gefühl ist dieser Gedanke; denn es ist nicht die Sorge um das eigene Leben, welche er trifft, es ist die Sorge um ein Fremdleben, und nicht um ein Fremdleben, welches schon in der Außenwelt da ist, sondern es ist die Sorge um ein noch in Nacht und Verborgenheit, im Schooße der Zukunft schlummerndes neues und junges Leben. –
Durch diesen Gedanken stehen Sie, wie durch den früheren mit Natur, so durch ihn mit den Menschen und der Menschheit sich innig geeint fühlend da; es ist ein rein menschlicher Gedanke; es ist ein ächt menschliches Gefühl, dessen Einigungs- und Mittelpunkt Leben, Menschen- und Menschheitleben ist; es ist der sich im Kinde einigende Gedanke des eigenen, des Kindes- und Gatten-Lebens, welcher ganz in Ihnen lebt, in welchem Sie leben; alles findet sich Ihnen darin, alles geht Ihnen darin auf.
Wünschte ich nun schon, daß das vorige Gefühl alle hoffnungsreichen Gattinnen mit Ihnen theilen möchten; so ersehnt mein Gemüth, dass jeder derselben dieses Gefühl der Beziehungspunkt all ihres Denkens und Handelns sein, dass auch ihr Leben darin aufgehen, auch sie alles darin finden möchten. Würde jenes Gefühl der Einigung mit der Natur einem durchaus kräftigen und gesunden Geschlechte, so würde dieß Gefühl des sich im Kinde mehrfach einigenden Menschenlebens einem menschlich edlen Leben und Dasein geben. Das Menschengeschlecht würde neu erblühen, würden solche Gesinnungen mehr allgemein werden; o, möchten sie es. –
[108]
Doch noch Eins ist es, was in Ihren schwesterlichen Mittheilungen mich so innig bewegt hat; es sind dieß die Gesinnungen kindlicher Dankbarkeit, mit welchen Sie der hingegebenen Liebe und Sorge, ja der Angst und Mühe Ihrer schon geschiedenen geliebten Mutter gedenken, welcher auch Sie Ihr Dasein, Ihr Leben und so Ihr jetziges hohes Lebensglück verdanken. Wie soll ich die Steigerung der Empfindung wahr genug bezeichnen, welche diese Mittheilungen aus Ihrem Leben und Gemüthe in mir weckten? – Erkenne ich, wie Sie sich im ersten mit der Natur, finde ich, wie Sie sich durch das zweite mit dem Menschlichen und Menschheitlichen im Besondern, so sehe ich hier, wie Sie sich mit der Menschheit als einen zwar in Familien gegliederten, aber auch dadurch wieder zu einem, mit Bewusstsein geeinten höheren Ganzen verbunden fühlen. Aus der treuen Pflege des Familienlebens geht aber das ächte Volksleben und aus diesem die sich selbst bewußte Menschheit hervor. Würde darum von vielen Kindern die Gesinnung treuer Liebe und Dankbarkeit gegen ihre Eltern, besonders von den Töchtern gegen ihre Mütter bewahrt, und von ersteren wieder auf ihre Kinder, und so von Eltern auf Kind und Enkel übergetragen; so würde dadurch wie ächtes Volksleben tief gegründet, so wahres Menschheitleben gefördert und verbreitet werden. Deßhalb wünschte ich, jede, besonders hoffnungsreiche und von lieben Kindern umgebene Gattin, als Tochter, von jenen Gesinnungen bleibend durchdrungen, die sich in Ihren Mittheilungen so kindlich aussprechen; dann würden auch dankbare Liebe und Erinnerung, ächtes Volks- und Menschheitleben in jeder Familie ihre wahre Pflege finden, aus derselben stets verjüngt hervorgehen. Tiefgefühltes Menschheitleben aber verknüpft innig einig mit Gott.
Wenn ich nun die gesammten Empfindungen, welche bis zum Dasein des beglückenden Kindes Ihr mütterliches Gemüth, hochgeehrte Frau, bewegten, in ihrer Einheit und Verschiedenheit ins Auge fasse, so finde ich, daß es Liebe, Hoffnung und Glaube sind, welche das Neugeborne ins Dasein begleiteten. Mit Liebe zu seinem Leben und Wesen begrüßten Sie es! Sie begrüßten es mit dem schönen Glauben, daß das Wesen seines Vaters, seiner Eltern, so das seines Volkes und der Menschheit: das der Einheit und Quelle alles Lebens in Klarheit und Fülle in sich einige; wie mit der freudigen Hoffnung, daß dieses in Gesundheit, Kraft und Allseitigkeit sich aus ihm kund thun und offenbaren werde. Und so sollte denn auch jede beglückte Mutter die ihr geschenkte Gottesgabe mit dieser dreifach einigen Gesinnung ins Dasein einführen, im Dasein begrüßen.
   Wie schön reihet sich nun das, was Ihre Güte uns über
die Taufe
des jungen, neuen Erdenbürgers mittheilt, an das Bisherige an, welche stetige unmittelbare Lebensfortsetzung gewährt es. /
[113]
Wie so tief bedeutungsvoll ist es, daß Sie uns da wieder in die Familie, in die Familienstube führen! – Die Familie soll der Träger und Pfleger des reinsten Menschheitlebens, die Vorbilderin zum ächten Weltleben, und die Familienstube gleichsam das Allerheiligste sein, worin der Mensch zu beiden entwickelt und erzogen werde. Doch auch die Familie und die Familienstube erscheint nach Ihrer schönen Schilderung der Taufe nicht vereinzelt und vereinzelnd, nicht durch die vier Wände von dem allgemeinen Natur-, wie nicht von dem höhern Menschheitleben getrennt, sondern vielmehr alles innig einigend. Der Geschäftsschrank des Hausvaters, wie der Schrank für Häuslichkeit ist geschlossen, und statt der Erscheinungen des häuslichen und Geschäftslebens verbreiten Blumenganze den Frieden ihres Stilllebens und die Freude ihrer Schönheit von den Räumen beider. So ist die blumenreiche Natur eingezogen in die häusliche Stube, hat gleichsam die Grenze zwischen dieser und sich aufgehoben, sie zeigend als das lebenpflegende Heiligthum, welches sie ist.
Allein ihre ganze Bedeutung bekommt die Stube erst durch das mit lilienweißem Gewebe bedeckte Arbeitstischchen der Mutter, auf welchem zwischen einem Kranze von Rosenknospen das glänzend weiße kreisrunde Kümpchen (Becken) durch goldene Reifchen geschmückt, und gefüllt mit klarem perlenden Wasser steht. Es ist dieß die Stätte der höchsten Lebensweihe des jungen Erdenbürgers und Menschheitsgliedes, die er jetzt, umgeben von den ihm auf des Lebens Wege mitzugebenden Freunden, durch die Religion des dreieinigen Lebens empfangen soll.
Wie so hochbedeutend und tief ergreifend ist alles und jedes, was Ihre Mutterliebe davon mittheilt, und ich im Geiste so klar schaue. Wie könnte ich es alles /
[114]
erschöpfen von dem weißen rosenbekränzten Gewebe an, dem Sinnbilde des reinen, klaren, mit Rosen der Liebe zu bekränzenden Lebensgewebes, bis zu dem durchsichtigen, auf jenem ruhenden Wasser, dem Sinnbilde des klaren Gemüthes und hellen Geistes, welche wirkend über dem Leben schweben sollen? –
Als Glied der Natur und des Naturlebens, als Glied des Menschen- und Menschheitlebens, als Glied des gesammten aus Gott entsprossenen und in Gott ruhenden Seelen- und Geisteslebens empfängt so der Neugeborene seines Daseins höchste Weihe. Die Liebe, der Glaube und die Hoffnung, welche ihn ins Dasein einführten, führen ihn auch in die höchste und allseitige Lebensverknüpfung, in die mit dem Urgrunde und der Quelle alles Lebens, mit Gott ein. Und nochmals, wer fühlt und spricht hier die sinnbildliche Bedeutung aus, in welcher hier, wie das der stets fließenden Quelle entnommene klare Wasser, so im Verein mit ihm alles Uebrige erscheint? –
Wer könnte und sollte nun aus einer solchen klaren und innigen Lebenseinigung und hohen Lebensweihe nicht, klar und einig in sich, in
das Leben
selbst eintreten? – und Sie, glückliche Mutter! Führen auch uns Ihren neu- und Erstgebornen so schön in dasselbe ein und in demselben vor.
Wie rührend ist es zuerst, wo Sie der Schmerzen und Leiden gedenken, welche das Dasein des kleinen Lieblings Ihnen kostete, und doch auch sogleich entgegnen: „aber das Leben eines so lieben kleinen Kindes macht alles vergessen!“
Wie rührend ist es, wo Sie der neuen Lebensseiten und Wirksamkeiten gedenken, welche der kleine Liebe in dem Leben des Vaters entwickelt; wo Sie wegen der dadurch demselben kommenden Last ihn bedauern, und sich doch auch freuen, daß er alle diese neuen pflegenden Seiten, dem neuen Lebensverhältnisse entsprechend, in sich entwickele. – Denn wie erschließt sich Ihnen dadurch die innerste Tiefe seines edlen männlichen, seines ächt menschlichen Wesens; wie erscheint Ihnen hier selbst das Geben Ihrer persönlichen Liebe so wenig, wenn Sie ihm nicht mehr zu geben hätten, Ihr und sein, Ihr gemeinsames Kind? Welch ein Liebes- und Lebensband! –
Wichtig ist die Bemerkung: wie die Forderung neuer Lebenspflege in Liebe und durch Liebe erkannt und erfüllt, zugleich auch neue Lebenskräfte, Fähigkeiten und Mittel im Menschen entwickelt; und so in dem Maße, als es Forderung an ihn macht, und ihm etwas nimmt, zugleich wieder Höheres durch ihn selbst ihm gibt. Ja, klar erschaute Lebensforderung weckt in lebenstreuen Menschen neue Lebenskraft, neue Fähigkeit! –
Möchten wir, möchten besonders alle jungen Männer dieß große Lebensgesetz in allen Verhältnissen und bei allen uns neu entgegentretenden Lebensforderungen ganz erkennen und ganz erfüllen! – Möchten solche Lebensbeachtungen, solche vergleichende Lebensblicke Sie in Ihrem Leben, besonders als Mutter und Gattin, immer begleiten! –
In solcher Obhut, an solcher Hand und unter solcher Leitung fühlt sich gleichsam selbst schon das jüngste Kind stark. Wie hat es uns darum mit einer ganz eigenen Freude erfüllt, als Sie uns erzählen, wie der Kleine schon als ein erst 5 Wochen altes Kind im schützenden Arme des Vaters ruhend, begleitet von der liebenden Sorgfalt der Mutter, mit beiden zugleich einen Ritt ins Freie, in Gottes heitere Natur macht. Dieß alles kann, in Verbindung mit dem Früheren und so eintretend in den Tempel der Natur, nicht anders als wohlthätig auf die Gesammtentwickelung des Kindes zurück- und einwirken, muß die heilsamsten Folgen und Eindrücke in dem Kinde zurück lassen. Dieß beweist auch die freundlich menschliche Theilnahme, mit welcher der junge Erdenbürger auf dieser seiner ersten Wanderung begrüßt wurde, das geäußerte Wohlgefallen der Vorübergehenden.
Indem Sie so Ihren lieben Kleinen schon mitten im /
[115]
Leben, wie mitten in der Natur erblicken, erwacht in Ihrem Mutterherzen die Sorge um die entsprechende, und die naturgetreue Führung desselben im Leben, denn „gut soll das Kind werden“, das ist, wie Ihr bester mütterlicher Vorsatz, so Ihre schönste Hoffnung, und Sie schauen sich, „damit Sie zu diesem Zwecke nichts verfehlen mögen“, um nach Rath, wenden sich bittend hin um Rath, wo Sie solchen am nächsten außer sich erblicken. Doch so nah der Rath auch außer Ihnen immer sein mag, so ist doch einer Ihnen, wie jeder Mutter die ihn hören und beachten will, näher: es ist dieß der Rath des eigenen Herzens, des eigenen Gemüths, des eigenen Geistes; zwar durch des Lebens widrige Einwirkungen, Vorurtheile, Gewohnheiten und Herkommen oft tief verschüttet, verunstaltet und geschwächt; allein doch immer noch vernehmbar dem treuen Muttersinn; oft zwar wohl sich geradzu durch die Stimme des Herzens und Gemüthes ohne alle Einkleidung und ohne allen Umschweif aussprechend, oft aber auch erst wahrnehmbar durch den vergleichenden Blick, wie in das Leben und die Forderungen des Kindes, so in das eigene Leben und in das Leben der Natur; wahrnehmbar durch den Blick in die Mit- und Vorzeit, wie in die Zukunft. Das Gute und Wahre thut sich zwar stets auch im Innern des Menschen zuerst kund, wird aber nicht nur geklärt, sondern auch aus der Tiefe geweckt durch den beachtenden vielseitig vergleichenden Blick in sich und um sich, vor allem in die Lebensverhältnisse und in das Gemüth des Kindes, und besonders in die Forderungen seines Thätigkeitstriebes. Denn durch die treue, sinnige, das Kind in seinem ganzen Wesen erfassende Pflege des Thätigkeitstriebes desselben wird gewiß mehr Gutes in ihm, als auf irgend eine andere Weise gepflegt, mehr Fehlerhaftes, als sonst je möglich ist, in demselben und in seiner Umgebung vermieden. Vergessen Sie dabei nicht und suchen Sie es sich recht durch vielseitige Natur- und Lebensanschauungen klar und einsichtig zu machen: Alle gesunde und frische Lebensentwickelung und Gestaltung geschieht an der Grenze gleichsam in der Mitte zweier Welten. So z.B. der Baum und alle ähnliche Gewächse gründen mit ihren Wurzeln in der dunkeln nächtlichen Erde, und streben ihre Krone, Zweige und Blätter in den hellen, sonnigen Luftkreis. An der Grenze und gleichsam in der Mitte zwischen dem Erd- und Luftreiche, der Nacht- und der Lichtwelt entwickelt der Baum wie die ganze Gewächswelt die Schönheit ihrer Blüthen, den Reichthum ihrer Früchte. Hell und dunkel, Tag und Nacht, starre Erde und fast geistiger Hauch der Luft sind Gegensätze, die das Kind und den Menschen nicht allein überall außer sich umgeben sondern die der Mensch selbst in seinem eigenen Leben und Innern erkennen und anerkennen muß; denn sie sind unausweichliche Bedingungen, an welche das Bestehen und die Fortdauer alles Daseienden und Erscheinenden in der Natur, und so vor allem zuerst das Bestehen alles Daseienden auf der Erde geknüpft ist. Die Erkenntniß aller Dinge, und selbst des Geistigen, wird durch die rechte Erfassung dieser Gegensätze klarer und bestimmter, wie die Entwickelung des freien Menschenwesens selbst freier, ja wahrhaft frei. Denn erhöht nicht in erster Beziehung (in Beziehung auf die Umgebung des Menschen) die richtige Vertheilung von Licht und Schatten den Ausdruck und die Schönheit jeder Landschaft und Umgegend? Und klärt und befestigt sich nicht in der andern Beziehung (was das innere Leben des Menschen betrifft) die Einsicht in das Bleibende und Beständige durch den uns stets umgebenden Wechsel und das unaufhörlich Schwindende? – Erhöht sich uns nicht das Gefühl und die Nothwendigkeit der geistigen Einheit alles Wesens bei dem Blick auf die äußere Getrenntheit und Einzelnheit? –
Darum, edle Mutter, tragen Sie mir Sorge, daß, wie alle Gegensätze in Ihrem einenden und einigen weiblichen Gemüthe und Sinne ihre Auflösung /
[116]
und Einigung finden, daß so auch Ihr Liebling diese Freude bringenden und Friede reichenden Schätze in seinem einigen Sinn und Gemüthe durch Gefühl und Uebung wahrnehme. Des Kindes Leben, des Kindes gemeinsames Leben mit der Mutter gibt früh, sehr früh dazu Veranlassung und Gelegenheit, so wie Ihr vielseitiges Beschäftigtsein mit Natur und Leben.
Und noch Eines, geehrte Frau, erlauben Sie mir daran anzuknüpfen: In Natur und Leben, in den Erscheinungen der Natur und des Lebens spricht sich das ewige Walten des Geschickes aus. Wir als Christen sagen, die ewige Fügung und Führung der Vorsehung; und geeint mit dem Ausspruch unseres Innersten vernehmen wir dadurch und darin zu unserm Heile die Stimme wie den Willen Gottes, die Offenbarung Gottes in Natur und im Leben.
Wie nun den Erwachsenen das Leben und die Natur umgeben, so umgeben das Kind die Thaten und das Leben der Eltern.
Sie selbst geben in Ihren so einfachen, wie mütterlichen Bemerkungen den Beweis dazu, indem Ihre mütterliche Freude schreibt: „Der Kleine fängt (kaum 2 Monate alt) schon an, sich ein wenig zu benehmen, als wenn er sprechen wollte; er zieht den Mund spitz und breit; und es scheint, als verstände er schon wenn ich mit ihm spreche.“ Wohl versteht der Kleine Sie, sinnig achtsame Mutter; Ihr Auge und Blick ist ihm fast mehr, als den ersten Menschen der Anblick der lichten Sonne und des leuchtenden Mondes; darum schaut auch das Kind so gern in das elterliche und mütterliche Auge und hält den Blick desselben fest. In Ihrem Angesichte lieset er, auf seiner und für seine Entwickelungsstufe, was der denkende Erwachsene in der sternhellen Nacht am klaren Himmelsgewölbe: die Verfinsterung des Gesichtes macht auf ihn den Eindruck, wie wenn sich uns der heitere Himmel in Wolken hüllt; die Klärung des Gesichtes, wie wenn die strahlend wiederkehrende Sonne auf die neuerwachte Erde blickt. Wie der Ausdruck in der Natur dem sinnvoll beachtenden Menschen wahre Gottesoffenbarung ist, so ist dem Kinde der Blick und die Erscheinungen, das Thun seiner Eltern höhere Lebensoffenbarung. – Tragen wir darum Sorge, dass auch das Kind darin früh das feste Walten des in sich ruhenden und wirkenden Geschickes, eine über seinem Leben schwebende wandellose Vorsehung, und, vereint mit dem ungestörten Ausspruche seines Innersten, zu seinem Heile die Stimme und den Willen Gottes vernehme! – Dann wird auch der einzelne Mensch zum Ziele seiner Menschheitbestimmung gelangen, und wenn im Einzelnen auch irrend und strauchelnd, doch auf dem ihm angewiesenen Wege; wie die Menschheit schon theilweise zur Erreichung ihrer Bestimmung gelangt ist, und immer mehr gelangen wird durch den Gang Gottes in der Erziehung derselben. –
Warum aber, wird Ihre weibliche Bescheidenheit und mütterliche Einfachheit wohl fragen, warum diese offene Beantwortung schwesterlicher Mittheilungen, welche mehr ein reiner Erguß des frohen Gemüths, als ein für weitere Bekanntwerdung bestimmter Brief waren? – Deßhalb, geehrte Frau! weil die in Ihrem schwesterlichen Briefe dargelegten Empfindungen gewiß schon in vieler edlen Mütter Herzen gelebt haben und noch leben, und eben darum, weil sie dem reinen Mutterherzen ganz natürlich sind, wieder in ihrer ruhenden Einheit und nach ihren vielseitigen höhern menschlichen Beziehungen erkannt und im Bewußtsein festgehalten, wie deßhalb weiter auf das sorglichste gepflegt zu werden verdienen. –
Daß ich nun so durch Sie, sorgsame Mutter, zugleich zu mehreren mit Ihnen gleich empfindenden edlen Müttern über einen menschheitlich wichtigen Gegenstand gesprochen habe, wird darum auch vor Ihrer strengsten weiblichen Bescheidenheit gerechtfertigt erscheinen, mindestens Nachsicht erhalten.
Daß sich Ihr liebes Kind in der Zeit seines /
[117]
Bewußtwerdens, wie als leben- und seelenvolles Glied seiner Familie, so seines Volkes und der Menschheit fühlen, daß es sich früh im Gemüthe und durch dasselbe wie als Natur-, so als Menschen- und Gotteskind finden möge: dieß der herzliche Wunsch, mit dem ich diese Zuschrift, welche ich offen an Sie zu senden mir erlaube, unter der herzlichsten Begrüßung Ihres theuern Gatten und Ihrer hochgeachteten Familie schließe.
Fr. Fr.