Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 4.9.1838 (Blankenburg)


F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 4.9.1838 (Blankenburg)
(UBB 62, Bl 194-195, Brieforiginal 1 B 8° 4 S.)

Blankenburg bey Rudolstadt am 4' Tage im HerbstMon: 1838


Gott zum Gruß Dir mein theurer Langethal,
Deiner geliebten Ernestine,
und durch Dich all den lieben Deinen:
so nenne ich alle Dir von Gott zur Pflege und Erziehung vertrauten Kinder.

Gern wäre ich gestern schon zur Feyer deines Lebensfestes bey Dir,
wenigstens schriftlich in Burgdorf eingekehrt, gern hätte ich we-
nigstens gestern einen freundlich Dich begrüßenden Brief an Dich geschrie-
ben; allein zu keinem von beyden wollten sich die Umstände günstig
zeigen, dennoch war Dein Lebensfest gestern früh mein erster Gedanke,
dennoch lebte die Erinnerung an Dein hingebendes Wirken, für die
aufblühende Menschheit in den Kleinen in meinem Gemüthe und Geiste
und floß durch die Feder aufs Papier, doch für Dich konnte ich keinen
Gruß keinen Seegenswunsch auf das Papier bringen, allein was schade[t]
es auch wenn wir nur in höchster Lebenseinigung, thätig gewesen sind,
gearbeitet, gebaut haben und das sind wir gewiß, das haben wir sicher;
der Morgen war einzig schön, klar ohne Wölkchen, der Abend durch
Farbengebung prachtvoll, dann der Spätabend rein, im hellsten Voll-
mondlichte; ich kam von Keilhau wo ich allen meine Seegenswünsche
zur Reise gegeben und ihnen Lebwohl gesagt hatte. Ist kein Hemmniß ge-
kommen so sind sie jetzt alle schon auf der Reise durch die Heide zunächst
nach Neustadt an d. O. dann über Weida nach Altenburg, Chemnitz,
Freyberg, Dresden über Leipzig nach Keilhau zurück.
Heut zur Nachfeyer Deines Festes hat sich der Himmel wieder in seine[r]
ganzen Klarheit geschmückt; die Mutter, meine Frau ist von der Heiter[keit]
der Wärme und dem wahren Frieden des Tages welcher über die ganze
Natur sich verbreitet, gestärkt und ermuthigt, allein nach dem Schwarz[a]-
thale, das ist nach dem Eingange in dasselbe, hinter dem Chrysopras
gegangen; ich sitze unter der Linde oder unter den drey Linden
nächst dem Lebensbaume im Garten um Dir zu schreiben, damit Du [sc.: Dir]
wenigstens der morgende Posttag Briefe und Festgrüße von uns
bringe; denn meiner Frau letzteres Wort gestern Abend war auch die
Frage an mich, nun du hast wohl heute auch oft unseres Lgthls gedacht?
Wie freut ich mich es bejahen zu können. So unser Leben Dir ein einiger
Festgruß.-
Schwerlich wird dieser Brief Middendorffen mit den Übrigen noch in
der Schweiz treffen; ich sage mir nemlich daß ihr in der Schweiz
nothwendig auch so himmlisch[e] Tage haben müßt, wie wir be-
sonders seit gestern und heute hier, und dann sage ich mir daß solches
Wetter wie Flügel an Geist u Gemüthe so auch an die Füße machen
muß alle denen welche nicht nur eine Erquickungs-, eine Erhebungs-
reise, sondern welche eine Reise in die alte Heimath erwartet[.]
Ja wahrlich: -
Wenn ich ein Vöglein wär
So flög ich selbst zu Dir. /
[194R]
so zieht mich selbst die Reine, die Bläue, die Tiefe die Eine, das Einige der
Natur; allein wie wohlthätig, wie beruhigend, wie Freude, und Frieden
gebend ist es hier, recht tief und lebenvoll das Einigende, ja schon
Einige des Gemeinsamen Lebens und Wirkens zu fühlen. Ja mein
theurer Langethal! worinn ist denn der Ausdruck des Friedens und der
Freude in der Natur begründet, worinn anders als in dem innig
Einigen das großen Zusammenwirkens, in dem großen innig einigen Zu-
sammenwirken für den großen unbekannten Zweck, für das unbekannte
Ziel!- Unbekannte Zweck?- und unbekannte Ziel?- Nein! für das
Ziel und den Zweck der Offenbarung alles Lebens, des Lebens jedes
einzelnen Wesens wie der Offenbarung der Lebenseinheit aller Wesen
alles was Leben ist. Nur so können wir ja jenen Frieden, jede Freude
auch in unserm Innersten empfinden, treu beharrend in unsern Wirken
denn am Ende beharrt ja auch alles und jedes in der Natur in seinem Wirken
d.h. es folgt ergebungsvoll der Entwickelung desselben und darum -
darum der hohe Friede, die beglückende Freude in der Natur. Und
so denn auch die heute, heute und immer diesen beseligenden Frieden
jene erhebende Freude.-
Doch unsere Reisenden wollte ich mit Dir auf ihrer Heymathsreise be-
gleiten zwar werden sie wohl schon abgereist seyn, doch ists ja auch
möglich nicht und so denn Einiges was vorliegt.
Zuerst finde ich es mit Dir wesentlich daß Middendorff über Heidelberg
reise, würde er es nicht thun, so könnten wir nur die Sache als abgebrochen
achten, denn was jetzt nicht persönlich fortgeführt wird, ehe es die
Person schon ganz selbst ergriffen hat, das geräth gewiß in[s] Stocken, das
sehe ich jetzt rund um mich alles schweigt. Gut ist es daher das beyläufig
gesagt daß Barop und Frankenbe[r]g jetzt wieder nach Leipzig reisen
möchten sie doch nur in Deinem Geiste mit Deinen Gesinnungen und Deiner
hingebenden Wirksamkeit reisen. Ebenso wichtig ist es daß Md.
jetzt nach Frankfurt a/m und vorher nach Heidelberg gehe; vielleicht ist
es auch gut die nur im Fluge angeknüpfte Bekanntschaft mit Dr Herrmann
weiter zu fördern, doch Du wirst gewiß Middendorffen mit allem
reichlich ausgestattet haben, was nur immer einen seegensreichen Er-
folg erwarten läßt und ich hoffe daß ihn der Geist ächt förderlicher
Wirksamkeit etwas einig durchdrungen haben wird.
Nun aber ein Wesentliches was Du nicht wissen kannst. Hartmann[s]
Stelle will sich bis jetzt nicht zweckmäßig besetzen lassen. Nun weißt
Du wie v. Leonhardi (von welchem ich beyläufig gesagt noch kein Wort
wieder gehört habe) über den Dr Engelmann denkt, nun hast Du ja
wie ich aus Deinem Brief von Mannheim ersehe dießmal etwas
mehr mit ihm verkehrt als früher. Nun was meinst du könnte
er für Keilhau seyn; würde er nach Keilhau gehen?- gern sehr
gern hätte ich gewünscht daß sich Middendorff mit Dir darüber be-
sprochen hätte; nun entwickelte sich aber hier alles so spät und am
Sonntag wo vielleicht noch die letzte Zeit dazu gewesen wäre hätte Barop /
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zum Schreiben Zeit gewinnen können, doch wollte ich es Dir wenigstens
noch aussprechen indem ihn vielleicht noch ein paar wichtige Worte dar-
über in Frankfurt a/m ein holten.
Nun wäre ich eigentlich mit allem zu Ende was ich Dir zu schreiben hätte.
Von Leipzig bis jetzt, alles still.- Von Frankfurt a/m, alles still.-
Hierherum, bis jetzt alles still; von Seite der Prinzeß z. SchaumbgLippe
scheint sich ein thätiges Interesse leise durchzuziehen, ich will sehen ob,
es mir zu nähren möglich wird. Führte sich der Plan mit Frankfurt
aus so wäre wohl kein Zweifel daß sich auf unserm Walde auch ein
junger Mensch für das Bedürfniß von Rudolstadt fände; so läßt mir
wenigstens d[er] He[rr] Sup. Lunderstädt sagen.
No 25. des S Bl. ist unter der Presse No 26 u 27 theils auf dem Papier
theils im Kopfe so wäre dann
das erste Halbjahr des Sonntagsbl. geschlossen
denn aus 27 No muß dieß bestehen, weil ich mit dem letzten Dzbr
v. J. begonnen. 27 nach der einen Seite hin = 9 nach der andern =
33 wäre äußerlich ein gutes Zeichen wenn das menschliche Handeln
damit zusammentreffen wollte. Es ist jetzt auf das allerhöchste für
mich zu wissen nöthig ob und wie viel sich Abonnenten in der
Schweiz - ja auch in Frankfurt a/m dazu finden. Ich möchte jeden Post-
tag von Dir darüber bestimmte Nachricht haben, so wie von Frkfurt.
Wir müssen nothwendig all unsere Kraft zusammennehmen die Sache
auch ökonomisch zu halten; allein vermag ich es nicht: ich vermag
nur wenn mir Geist, Gemüth u Hände frey werden zu arbeiten zu
arbeiten für Product, für preiswerthes u preiswürdiges Product
und das will ich herzlich gerne. Auch scheinen sich dazu nach und nach die
Kräfte zu einen wenn wir nur im Stande sind sie zu erhalten, zu un-
terhalten zu ernähren; darum muß alles angewandt werden für das
Product das Bedürfniß zu wecken noch mehr es zur Einsicht zu bringen,
das Bedürfniß ist da, ist ich möchte sagen schreyend da; allein es muß
sowohl in seinen Forderungen als in den daseyenden Mitteln ihm entgegen
zu kommen erkannt werden. Vor mir liegt wieder dafür ein Beweis
und ich werde durch denselben Veranlassung haben mich in dem S. Bl.
darüber auszusprechen.
Allein auch für da erste für d[a]s Ein[i]gen und Zusammenfinden der Kräfte
li[e]gen die Beweise vor. Arnold (eigentlich Friedrich) Unger ist seit
Freytags der vorigen Woche hier. Vom Sonnabend bis zum Sonn-
tage war er in Keilhau. Er hat dort wie bisher hier nicht mißfallen
ja ich könnte sagen, er hat in gewisser Beziehung manche Stimme für sich
gewonnen, so meine Frau, so Barop und das dünkt mich immer etwas
wenn auch ihre Stimme kein ganz unbestimmtes für ausspricht. Auf
jeden Fall scheint Unger noch bey weitem mehr Grund, Grund des Gemüthes
Grund des Geistes und selbst LebensErfahrung und somit überhaupt
sittliche Tüchtigkeit zu haben als aus Wetzsteins Brief hervorgieng.
Doch es war ja, auch nicht sein Urtheil was er aussprach und ebenso /
[195R]
wenig ein Urtheil sonst von moralischem und erfahrungsgewichte. Und so
will ich denn, im reinen Gottvertrauen, im reinsten einzigen Gottver-
trauen einen Versuch mit ihm machen. Ich werde ihn morgen nach
einer lithographischen Presse ausschicken - sie steht in Ranis bey einem
meiner Drucker[.]- Macht sich, wie mir der Besitzer angetragen
die Versetzung derselben leicht, so will ich sie in meinem Wohnhause
in einer Kammer unten beym Eingang im Hause links aufstellen
lassen und einen Versuch versuchen. Unger hat sich bey Vorführung
des Vorhandenen menschlich außerordentlich theilnehmend und ein-
gehend, ja davon belebt ich möchte sagen begeistert gezeigt; ich habe ihm
wiederholt die Schwierigkeiten gezeigt die sich uns entgegen stellen,
er hat mir wiederkehrend darauf geantwortet: "ich glaube es
"wird durchgehen; wenn ich einmal Vertrauen zu einer Sache habe,
"so zweifle ich nicht an dem Gelingen, ich denke gar nicht daran daß
"es mißlingen könne, sondern ich denke nur, es muß durchgehen."
Also Gesinnung, Wille, Kraft, ja selbst Ausdauer spricht sich aus[.]
Vielleicht zum Beginn genug wer mag und kann auch gleich alles
verlangen; das Vollendete giebt sich schwierig dem erst beginnen-
den hin. Wenn ich nun nur erst Briefe von Dir und Middendorffen
hätte damit ich wüßte wie es stünde; Wenn nur erst Midden-
dorff hier wäre und er seine Gesinnungen gestaltet hätte, damit
ich sie und seine Thätigkeit einordnen könnte; So viel ist Gewiß
wir sehen einer vielseitigen neuen Lebensgestaltung entgegen. Beach-
tens werth ist es immer:
"Arnold Unger ist der erste unserer eigentlichen Zöglinge welcher
"sich vertrauend und helfend mit Anerk[ennu]ng des Lebensgedanken
"des Ganzen, d.h. mit (stillschweigender) reger Gemüthsanerkennung des-
"selben zum Ganzen zurück wendet["] - Möge, Möchte Gott diese
Rückkehr seegnen; es ist dieß eine Thatsache aus welcher vieles
Heil, aus welcher Heil für Viele entsprimgen könnte.-

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Nun noch ein paar Fragen die ich wohl beantwortet wissen möchte. 1.) Etwas aus dem
Gespräche mit Schnyder. 2.) Das Wesentlichste besonders das Ergebniß deines Ge-
spräches mit H[an]s. Schnell. 3, Hast Du ein Ex S. Bl. an Herrn Männy besorgt?-
Ich sehne mich außerordentlich nach einem recht ausführlichen Brief von
Dir über den gesammten Stand der gegenwärtigen Verhältnisse zu Burgdorf.
Verzeihe meine Unbescheidenheit Dich zu bitten ja die erste Freyzeit dazu
zu benutzen.
Am Sonnabend also am 1 Sptbr sind Eduard, Heinrich u Cathrinchen nach Erfurth.
Hat deine Frau die Reise nach der Rigi mitgemacht?-
Nun nochmals des Lebens einigende Grüße.
DFrFr.