Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Arnold Barop in Dresden v. 13.9.1838 (Blankenburg)


F. an Johannes Arnold Barop in Dresden v. 13.9.1838 (Blankenburg)
(KN 55,6, Brieforiginal 1 Bl 8° 1 S.+ Briefabschrift 2 ½ B 8° 10 S. Zum eigentlichen Brief gehört eine ausführliche Teilabschrift eines Briefs Hermann von Leonhardis an F. v. 8.9.1838. Die Teilabschrift ist zunächst (Bl 2V-5R) von anderer Hand, dann (Bl 6VR) von F.s Hand und wurde nach der Briefeinleitung vor dem eigentlichen Brief an Barop angefertigt. In seinem Brief bringt F. dann noch ein weiteres Zitat aus dem Leonhardi-Brief.)

Blankenburg bey Rudolstadt am 13n Septbr 1838.


Gott zum Gruß lieber Barop.

Gestern Nachmittags empfing ich von Leonhardi welcher sich noch in Frkf a/m
befindet einen ausführlichen Brief, wovon das vorstehende, das
wesentlichste in wörtlicher Abschrift enthält. Das folgende enthält
größtenteils Entgegnungen und Reflexionen, die ich Dir wegen ihrer
Eröffnung des Blickes und ihrer Vorbereitung Entgegnungen zu begeg-
nen Auch gern mittheilen würde, wenn ich Zeit hätte. Jetzt ist es
mir aber, soll der Brief noch heut abgehen, und Dich hoffentlich noch in
Dresden treffen ganz unmöglich.-
Ich glaube nicht daß ich ein Wort darüber zu sagen brauche, weßhalb
ich mich beeile Dir und Euch diesen Brief zu schicken: er soll Euch in die
Mitte des Ganzen versetzen und Euch für frisches Wirken beleben und
ermuthigen indem die Sache, nun an so manchem Orte angeregt doch
wo Wurzel schlagen oder der Geist gleichsam Feuer fangen muß; und
damit ihr [sc.: Ihr] also denen Euch theilnehmend Entgegen kommenden durch Na-
men und Thatsachen belegen könnet, daß sie nicht allein stehen; beson-
ders aber zur Betreibung von Familienprivatvereinen zur ersten
Kinderpflege gleich denen der Kleinkinder- pfleg[-] und bewahranstalten.
Noch schrei[b]t Leonhardi[:]
"Den Redacteur der Zeitung für die elegante Welt habe ich bey seiner
"Durchreise hier auch kennen gelernt (Kühne). Und ein mir Befreun-
"deter, der hier hierin arbeitet, und einen Aufsatz über die Beschäftigungs[-]
"kästen hineinliefern soll, werde ich hier sehen, wenn er von den Blät-
"tern hergestellt seyn wird, oder in Heidelberg vorher (Kreizenach)[.]
"Mönnich, der für Menzels Literaturblatt und für die Brockhaus-
"schen Blätter für literar: Unterhaltung schreibt, werde ich die
"Sache in Nürnberg persönlich bekannt machen. Ich bin seines
"herzlichen Eingehens im Voraus versichert."-
Ich theile Dir dieß aus doppelter Beziehung mit einmal um den [sc.: dem]
Buchhändler Dörffling zu zeigen, daß die Sache nicht isolirt und inte-
resselos dasteht; dann um womöglich das lebendige Intereresse [sc.: Interesse]
der andern, namentlich Vogels rc zu wecken.
Von Leonhardis vertraulichen Mittheilungen wirst Du natür-
lich nur mit Discretion Gebrauch machen.-
Leonhardi schließt. "Dein zu allem menschlich und mensch-
"heitlich Guten Dir und dem Kreise herzlich vereinter
H. Leonhardi.["]
Wiederkehrend schließe ich mit dem Wunsche: Gott möge in allen
unsern menschheitlichen Bestrebungen Deine Reise seegnen und Dich mit
allen gesund, wohl und vergnügt zurück führen. Dir und Ihnen [sc.: ihnen] allen
die herzinnigsten Grüße
DFrFr. /
[1R]
[leer]

[2]
Brief von Leonhardi
Abschrift.
Frankfurt a/m 8 Sept. 1838.
Geliebter Freund!
Wenn ich Dir, und Deinem ganzen dortigen,
durch mein Verweilen bei Euch mir und euch [sc.: Euch] per-
sönlich lieb gewordenen Kreise, meine Grüße von
hier aus auch erst spät bringe, so bin ich ihrer herz-
lichen Aufnahme doch allerseits gewiß. Auch wird,
was ich in unsern [sc.: unserm] gemeinschaftlichen menschheitlichen
Lebenszweck Einschlagendes mitzutheilen habe, die
befriedigende Erklärung meiner Zögerung geben. Ich
schreibe an Dich wenn gleich der Inhalt Allen gilt.
Sie werden darum, besonders Frankenberg und Ba-
rop
, mich keiner Vernachlässigung beschuldigen
und mit etwaigen Mittheilungen, die mich sehr
erfreuen werden, nicht warten bis ich Ihnen [sc.: ihnen] selbst
auf Papier geschrieben, was ich im Geiste mit Ihnen [sc.. ihnen]
denke und gesinne.
Ueber die Hinreise wirst Du durch Langethal, und
vielleicht auch schon durch Mathilde, Mehre[re]s erfahren
haben; ich erwähne darum nur, daß wir diese Tage
mit tiefergehenden Erörterungen in einer Weise zubrach-
ten, welche uns dieselben noch in Zukunft für un-
ser stets innigeres Vereinwirken, werth machen wird.
Hier angekommen war ich, so viel es meine dringendsten
eigenen Geschäfte erlaubten, meist Langethalen für
die gemeinschaftlichen Bestrebungen behülflich, und
habe auch nachher noch hier und da die Sache in An-
regung bringen können; so auch konnte ich sie /
[2R]
einem Durchreisenden, dem Redakteur des Freisehens [sc.: Freisehers]
Theodor Mundt empfehlen. Durch mehrere andere Frem-
de war meine ohnehin beschränkte Zeit sehr in An-
spruch genommen, und so konnte ich in der ersten
Zeit nach Langethals Abreise weder Schäfer noch Kosel
so ausführlich sprechen, als ich gewünscht hatte. Dabei
hatte Kosels Brief an Dich (der Dir doch endlich zuge-
kommen sein wird worauf aber noch Antwort erwartet
wird) das Unglück, nicht zur Post abgegeben zu werden.
In Folge dessen konnte bisher von Beiden nur Vorberei-
tendes gethan werden. Das Cirkulum ist noch nicht in Um-
lauf gesetzt, der Erfolg wird aber voraussichtlich genügen.
Da meine hiesigen Geschäfte mich dennoch länger in
Anspruch nehmen, so benutzte ich meine Zwischenzeit vom
25 Aug. bis 6 Sept. zu einem Ausfluge.
Ich war zu meinem Freunde Dr. Carl Röder in Gießen
eingeladen, um uns in philosophicis etwas näher
bekannt zu werden, als es bis dahin brieflich hatte
geschehen können. Dieß war der Hauptzweck, der
denn auch gefördert worden ist. Den ersten Abend
gleich hatte ich Gelegenheit seiner Frau, und dann auch
ihm u. Assessor Hille von Marburg die ersten Ga-
ben der Beschäftigungskästen vorzuführen, und er-
regte bleibendes Interresse [sc.: Interesse] dafür. Morgens
drauf fing Röders Söhnchen von kaum zwei Jahren an,
mit Ball und Würfel sich längere Zeit täglich selbst
zu beschäftigen, da er sonst der [sc.: die] Zeit der Mutter
oder des Kindsmädchens in Anspruch genommen.
Mich selbst aber gewann er sehr lieb, obgleich er, eben
in einer Zahnperiode begriffen, u. seit einiger Zeit,
wohl als Symptom seines leiblichen Uebelbe-
findens schüchtern, ehe ich das Kästchen herbei-
holte, sich, was sonst wenige Kinder thun, von mir
zurückgezogen. Es ist ein an Geist u. Körper sehr
kräftiges Kind von äußerst lebhaftem Temperamente /
[3]
der dabei, wenn man ihn freundlich anredet, aufs Wort
folgt, wo es ihm auch schwer wird, einer Neigung zu
wiederstehen [sc.: widerstehen], der aber unbeugsam ist, wenn er ange-
fahren wird. Er versteht Alles, was man ihm sagt,
selbst schwerere Begriffe, obgleich er erst wenige Wör-
ter spricht, u. für viele Dinge, die in ihrer Erscheinung
etwas Gemeinsames haben, sich seine eigene, für so
von ihm gemeinsam gebrauchte, Begriffswörter ge-
bildet hat. Sein Vater hat ebenso viel Talent im
Sprachstudium, als seine Mutter, eine sonst geistig
geweckte und gebildete Frau, weniges. In Gießen habe
ich noch bei He. Gymnasiallehrer, dem Philologen
Dr. Soldau, einem Schwiegersohn Ernst Emil Hoffmanns
in Darmstadt, ohne genauere Vorführung allgemein-
menschliches Interesse für diese Beschäftigungs-
weise erregt, eben so bei dem Institutsinhaber Dr[.] Nöl-
ker, u. seine[m] Hülfslehrer Cand. theol. et philol. orient.
Bauer (der zu Michaelis auf das Friedberger Theologischen [sc.: Theologische]
Seminar geht, und möglicher Weise übers Jahr als ein
eingehender und selbstthätiger Philolog für Keilhau
gewonnen werden könnte), dem ich Mehreres mittheilte,
zuletzt auch noch bei dem Sekretär (u[n]d Vorsteher) eines
Frauenvereins für Kleinkinderschulen, Professor der
Thierheilkunde, Vix. In Gießen machte ich auch die Be-
kanntschaft Direktor Curtmanns aus Offenbach, den
ich da noch aufsuche, u. Dir weiter unten ohnehin über ihn
berichten werde.- Mein Aufenthalt in Gießen war,
weil von vorn herein hauptsächlich den philosphicis
gewidmet, für die ich ebenfalls viel Anklang bei Professo-
ren und andern Gebildeten fand, zu kurz, um auch eine
Anzahl ausgezeichneter Frauen eine Familie, deren
Bekanntschaft mir Röder sonst verschafft haben würde,
kennen zu lernen. Ich bemerke über die dortige Bevölke-
rung nur, daß, wie die ungebildeten Stände nach noch
sehr landsmannschaftlich eigenthümlich, und auf neues
Besseres wenig eingehend sind (die Kleinkinderbewahranstalt
zählte lange nur 7 Kinder, u. erst einige mehr, seit man /
[3R]
anfing den Dahingehenden Schuhe zu schenken), so umgekehrt
die gebildeten Classen <lernfeste> u. auf alles Bessere
bedacht. Besonderes Lob sollen die Frauen verdienen, welche
gelegentlich eines früher einmal in Plan genommenen
"Mässigkeitsvereines" einen überraschenden, gefälligen, prakti-
schen u. vorurtheilslos das Vernünftige zählenden Sinn
beurkundet haben. Dieser Verein, der an dem Mangel
von Lebenkunst [sc.: Lebenskunst] u. an der ohne Herrschsucht einiger Män-
ner scheiterte, Müßiggang Mäßigung des Luxus, Höherbil-
dung des gefälligen Lebens, u. Abstellung alles bloßen
Vornehmthuns zum Zwecke haben.- Ich glaube, in
Gießen ließ sich darum, was wohl allen Städten
notthut, auch eine Kleinkinderanstalt für die ge-
bildeten Classen recht leicht herstellen. Ueberhaupt
ist es eine Einseitigkeit, daß man die Anstalten
gewöhnlich nur für arme Kinder empfiehlt. Sie dienen
den reichen oder wohlhabenden wenigstens in den Stunden,
wo sie sonst den Dienstboten überlassen würden,
eben so sehr. Und wollten aus Standesvorurtheilen, oder
aus anderen Gründen wohlhabende Eltern ihre Kinder
nicht in dieselben Anstalten thun, an welchen arme
theilnehmen, so mögen sie eigne errichten, zumal ohnehin
jede Stadt wenigstens zwei solche Anstalten bedarf.
Ich komme nun an Marburg, wohin ich mich den 1 Sept.
begab, und hier, die Förderung Deiner Beschäftigungs-
anstalt gleich zu meiner Hauptsache machend, bis
zum vierten blieb. Hier wird mein Bericht noch reicher.
Gleich Abends bei meiner Hinkunft legte ich die
Sache He. Prof. der Philos. Bayerhoffer ans Herz, der sie
auch als ein Allgemeinmenschliches erfaßte, und
bereit ist, sie in dem Allgemeinen Anzeiger der
Deutschen und in den Haller Jahrbüchern für deut-
sche Wissenschaft und Kunst anzuzeigen. Bayerhoffer
ist, schon früher einigermaßen mit Krauses Schrif-
ten bekannt, einer von den wenig[en] ehrlichen Literatoren,
die Krausen auch <nennen>. Er ist jetzt zieh ziemlich
hegelisch u. überzeugt, wird sich aber von neuem
ans Studium Krauses machen. /
[4]
Da Bayerhoffer in Kurzem zu Verwandten nach Schmal-
kalden und weiter reist, so hat er sich vorgenommen, Dich
in Blankenburg zu besuchen. Zunächst hatte ich bei Pro-
fessor Senglers, eines philosophischen Freundes, Kind, auch
einen [sc.: einem] Knaben, Gelegenheit ein Kästchen, das mit acht Bau-
hölzern in Anwendung zu bringen. Der Kleine uh unge-
fähr drei Jahr alt, beschäftigte sich die beiden ersten Tagen [sc.: Tage] u.
wird damit auch wohl noch einige Zeit fortfahren, nur damit, das
Kästchen zu öffnen, ein und auszuräumen u. wieder zu schließen.
Er schleppte es Tag und Nacht mit sich herum. Seine Mutter,
die es zu würdigen wußte, machte denselben Tag noch meh-
rere Besuchende damit bekannt, die ich zum Theil selbst ge-
sprochen, darunter Dr. Hehl nebst Frau, Professor d. Math u.
Phys. an d. polytechnischen Schule in Cassel, ebenso Fräulein
Koch, Inhaberin einer Erziehungsanstalt. Ferner führte sie
mich zu zwei Fräulein Milkens oder Wilkens [*Unsicherheit des Abschreibers*], Mitglieder des dortigen
Frauenvereins, durch welche ich mit der Vorsteherin desselben,
Frauen [sc.: Frau] <Dörnberg> bekannt werden sollte. Leider trafen
wir diese, als für alles Bessere sehr freigebig geschilderte Frau
nicht. Ich wohnte aber einer Sitzung dieses Frauenvereins
bei, u. trug daselbst die Sache vor. Man war sehr geneigt,
sich die ganze Folge der Kästchen, ferner das Sonntagsblatt
zugleich kommen zu lassen, u. wollte es nur nicht ohne die an-
deren Mitglieder des Vorstandes beschließen. Ich verwies
hier, wie überall an die Niederlage bei Schmerber u bei
Oberlehrer Schäfer. Auch hinterließ ich Deine Addresse.
In dieser Sitzung lernte ich noch Frau Prof. Kling u Fr.
Hofräthin Burger kennen, u. den Secretär des Vereins,
He. Consistorialrath Prof. Scheffer, der sich vor Allen für
diese Beschäftigungsmittel interressirte. Er wird an Dich
schreiben, u. Dich vielleicht bitten, den Jahresbericht des
dortigen Frauenvereins ins Sonntagsblatt aufzunehmen.
Ich konnte dieß nicht abweisen, u. Du wirst nun selbst
finden, in wiefern er in das[s]elbe paßt: Ist er als ganzer
Dir nicht genehm, so kannst Du ja <nur> eine Uebersicht des-
selben geben, u. Scheffern bemerken, wie es dem Zweck
des Frauenvereins entsprechender seyn möge, das Ganze
das Ganze [2x] in dem weit verbreiteten allgemeinen Anzeiger
der Deutschen zu geben. Jedenfalls ist es Dir eine Ge- /
[4R]
legenheit mit Marburg in nähere Verbindung zu treten.-
Durch Bayerhoffer ward ich noch mit der Familie seiner Braut
bekannt, welche selbst wöchentlich einen Tag in der Klein-
kinderschule zubringt, u. deren Mutter (Frau Oberconsistori-
alräthin Kreutzer) gleich interessirt ist für erziehende
Familienvereine u. für Kleinkinderschulen. Abends lernte
ich da auch noch eine Fräulein Theis aus Wetter (2 Stunden von
Marburg) kennen, u Frl. von, Merz die viele Tiefe des Ge-
müthes u. einen klaren Geist zeigte im Gespräche, das sich
in Marburg gleich höhern Dinge[n] zuwendet. Da
auch die n Nichtpietisten dort eine religiöse Richtung haben.
Pietisten giebt es da bekanntlich viele, früher sehr ge-
pflegt durch Minister Hassenpflug; - das reine Gegen-
theil von Gießen, wo zwar eine schön menschliche Rich-
tung ist, aber das kirchliche Element so vernachlässigt
wird, daß für eine zieh ziemlich gleiche Einwohnerzahl in
Gießen nur Eine, meist leere Kapelle Kirche ist, für welche in
Marburg vier nöthig sind. Professor der Pädagogik Koch,
den Bruder einer [sc.: eines der] eben erwähnten Fräulein, hatte ich nicht
mehr Zeit kennen zu lernen. An dem Abend bei Kreutzers
hatten wir es besonders mit dem ungetheilten Würfel zu
thun, wo denn die Erwachsenen sich überzeugten, einen
Würfel bis dahin nicht gekannt zu haben. Bis hier hin,
siehst Du, hatte ich das Glück, lauter Solche zu treffen,
die entweder sogleich ganz in den Geist der Sache eingingen,
oder doch nichts Wesentliches dagegen hatten, sondern
höchstens bemerkten, daß es immerhin auch Kinder gebe,
deren Individualität sie für derlei Beschäftigungen we-
niger empfänglich mache. In Friedberg fand ich auch noch
vielen Anklang, doch auch ebenso viel Abneigung und
z. Th. leidenschaftliche Widerrede. Doch ehe ich noch <weiter> Mehre[re]s
berichte, noch einiges Allgemeine.
Ich mußte fast bei Jedem, dem ich von den Beschäftig-
ungsmitteln sprach, od. dem ich ich Einiges vorführte, an-
ders ausholen, u. ich war darin meist glücklich; theils d[urc]h
eigne Bemerkungsgabe, theils vorher auf die Hauptrichtung
u. die Vorurtheile der zu Gewinnenden d[urc]h freundliche
Mittheilungen aufmerksam gemacht. Bei denen, die
harmonischen Sinnes mitten im Leben stehen, bedarf es
keiner vorBemerkung, die bei Andern auf die verschieden-
ste Weise sehr gewählt sein muß, u. was da dem Einen /
[5]
die Sache empfiehlt, das nimmt den Andern gerade dagegen
ein. Ich werde Bestimmteres bei den einzelnen Persönlichkei-
ten zur Sprache bringen.
Mir selbst sind die Sachen durch das vielfache u. verschiedene
Darstellen sehr lebendig geworden, u. im Geiste lebe ich
ganz mit der Kinderwelt; eben so auch im Gemüthe der von
Dir auszubildenden Lehrer oder Lehrerinnen.- Fast allge-
mein wird [sc.: wurde] mir sogleich, wenn man sich von der Vorzüglichkt.
Deiner Beschäftigungsmittel überzeugt hatte, das Bedürfniß
ausgesprochen eines Lehrers oder einer Lehrerin, die dazu
besonders ausgebildet wäre, u. so kam das Gespräch von
selbst auf Deine zu errr erichtende Ausbildungsanstalt.
Consistorialrath Scheffer meinte, es eigneten sich dafür beson[-]
ders solche, die hernach in ein Schullehrer-Seminar treten
sollten. Ich stimmte ihm bei, sofern bei solchen die Empfäng-
lichkeit des Sinnes noch am größten u. also brauchbare
Subjekte unter ihnen am häufigsten zu treffen seien. Denn hier
wie überall im Leben erleidet das reine Ideal d[urc]h die
gegebenen Umstände manche Beschränkung. In Churhessen
haben die künftigen Volksschullehrer das Landesseminar
drei Jahre lang zu besuchen. Würde man auch nun für Ein-
zelne Ausnahmen gestatten, so würde es doch nicht leicht
möglich sein, für sie die Mittel zu einem mehrjährigen
Studium außerhalb des Landes aufzubringen. Ihnen aber die
ganze, vom Staate geforderte Bildung in 1 bis 1½ Jahren
zu geben, wird, da derselbe gegen die z.B. in der Schweiz gefor-
derte, eine weit umfassendere ist, nicht leicht möglich sein.
Wenn Du mit Scheffern in Briefwechsel trittst, so wirst Du
erfahren, was zu thun ist, um die Regierung od. d. Gemeinde
zu bestimmen, damit man Dir eine größere Anzahl künf-
ftiger Seminarbesucher schicke. Kosel hält es vorzüglicher,
daß bereits ausgebildete Seminaristen zu Dir kämen
weil sie dann mit der Weise der Begeisterung, die Du
zu erregen wissest, unmittelbar ins Leben überginge[n].
Auch diese Meinung hat vieles für sich. Er fügt noch
hinzu, ein ganz junger Mensch, der das Seminar noch nicht
besucht habe, kenne sich u. das Leben zu wenig, um beurtheilen
zu können, in wiefern er später geneigt sein werde, sich
längere Jahre ganz kleinen Kindern zu widmen, er könne
sich dafür auch nicht im Voraus < ? > verpflichten, was doch bei
einem solchen, für den die Bildungsmitel d[urc]h Subscription
zusammen kommen sollten, nothwendig sei. Für Solche nun
ist dieß allerdings eine Rücksicht; aber nicht für die
Andern, auf die doch auch Bedacht genommen werden muß, /
[5R]
I ich erachte es sogar für einen Vortheil, wenn recht viele bei Dir
Gebildete, u. hernach ein Landesseminar Besuchende sich nicht
Kleinkinderschulen, sondern Elementar- und Volksschulen
widmen, da sie dann den lebendigen Geist auch da geltend zu
machen wissen werden. Die Vereinigung der sich theil-
weise widerstreitenden Interessen möchte darin zu
finden sein, daß in Blankenburg doppelte Kurse einge-
richtet werden, einmal für Solche, die nur kurze Zeit,
dann für solche die länger dableiben können u. wollen.
Würde dieß nicht herzustellen sein, od. würden sich zu We-
nige dorthin zusammen finden, so daß der Mittelaufwand
Deinerseits größer, als der mögliche Erfolg wäre, so wüßte
ich, falls Du bald einen größern Wirkungskreis Dir zu
eröffnen, u. der Sache Verbreitung zu geben beabsich-
tigtest, keinen andern Rath, als von den bereits be-
stehenden größeren Seminarien, das zu wählen, welche[s]
dem Geiste der Lebenserneuung am offensten stände,
u. für einige Zeit am Orte derselben Deinen Curs zu er-
öffnen, bis die Sache sich solche Anerkennung ge-
wönne, daß Du Dir nun den Ort, abgesehen von diesen
Rücksichten, wählen könntest.- Noch muß ich ver erwähnen
daß hier in Frankfurt sowohl, als andrer Orten das
Bedürfniß, Mädchen mit diesen Beschäftigungsmitteln be-
kannt zu machen bereits schneller sich ausspricht, als dort
Lehrer zu bilden. Ich glaube, daß eine hinreichende An-
zahl von Mädchen sich weit schneller finden würde. Für
männliche aber eben sowohl für weibliche Ausbildungen
erscheint mir die Rücksicht, die man gern nimmt; daß sie aus
dem Ort oder Land, in dem sie wirken sollen, gebürtig sein
(weil man am leichtesten für Einheimische Geld d[urc]h Unterzeichung
zusammenbringt) weniger richtig u. bindend. Denn die urtheils-
fähigen Menschenfreunde wissen immer zu gut, wie schwer
es ist taugliche Subjekte zu finden, u. sie heißen solche wo
immer für willkommen. In Marburg ist man um eine zweite
an der Kleinkinderanstalt Anzustellende in Verlegen-
heit, u. bat mich, wenn mir eine bekannt würde, sie zu em-
pfehlen. Die bisher einzige Angestelle soll ein sehr kind-
liches Gemüth u. lebendig erfassenden Geist haben. Meine
Zeit war zu kurz um sie kennen zu lernen. Sie ist auf Kosten
des Frauenvereins in Kaiserswerth bei Bonn, eine Bildungs-
anstalt für Kindwärterinnen, Krankenpflegerinnen u.s.w.
gebildet, auf Kosten des Marburger Frauenvereins. Ich
bemerke hierbei, daß in Gießen die beim Volk wie gesagt
noch wenig Anklang findende Kleinkinderanstalt hin-
sichts der Geldmittel d[urc]h die Freimaurerloge garantirt
wird. /
[6]
In Gießen könnte die Theilnahme an dieser Anstalt vielleicht am besten
dadurch erzielt werden, daß sich die Eltern überzeugten, wie ihre Kinder da
mit etwas beschäftigt werden, was ihnen eine gute Vorschule Vorschule [2x]
für ihr späteres industrielles Leben giebt; - und das gilt gewiß von den Beschäfti-
gungskästen.- Nach Kaiserswärth [sc.: Kaiserswerth], wo Fliedner ich glaube Vorsteher der Bil-
dungsanstalt ist, werden wohl öfters für Kleinkinderanstalten bestimmte
Mädchen geschickt. Würde es bekannt, daß sich in Blankenburg eine empfehlens-
werthe Anstalt befände, so würde man sie gewiß Dir zuschicken; so wie
man sie, wie auch Lehrer von Dir sich empfehlen lassen würde, wenn Du
welche in Vorrath ausbildest. Wo Dir also ein tauglich Subject vorkommt,
da merke es Dir, und nimm Rücksicht darauf.-
In Friedberg besuchte ich zuerst den Director des Theol: Seminars Krößmann[.]
Dieser hatte gerad nicht in günstiger Weise Dein Unternehmen erwähnen hören.
(Durch Kurtmann aus Offenbach ?), oder wenn ich ihn recht verstanden,
es erwähnt gefunden in einer Zeitung oder Zeitschrift. Ich vergaß ge-
nauer zu fragen, und konnte bis jetzt einen solchen Artikel nicht finden.
Der Inhalt seyen etwas spottende Bemerkungen über einen zu sehr geringer
Erbauung der Zuhörer über allerhand Kästchen Vorträge haltenden
Schweizer Lehrer. Krößmann wünschte nun um so mehr, daß der üble Ein-
druck einer solchen Nachricht durch eigene Ansicht der Sache wieder verwischt
werden möchte, und nannte mir die, welche ich vor allen besuchen sollte,
und charakterisirte mir sie. Ich gieng demgemäß zuerst zu Prof: Dieffenberg,
welcher jene Charakteristik noch vervollständigte oder berichtigte. Er selbst
ist früher Prinzenerzieher gewesen, und ist jetzt Vorsteher oder Anreger des
Friedberger Frauenvereins für Kleinkinderschulen; ein Mann der für das Höhere
lebhaft sich interessirend vielleicht den Fehler hat, sich nicht hinlänglich der Empfäng-
lichkeit seiner Schüler anzubequemen. Er billigte die Beschäftigungsmittel sehr,
und wünschte blos ein Urtheil des Pfarrer[s] Spieß in Sprentlingen (der eben
selbst eine Anweisung zu Beschäftigung oder Unterricht (?) kleiner Kinder
ausarbeitet[)], zu hören.- Ich hatte bereits den Wagen mit dem ich gekomm-
men, weiterfahren lassen, und hatte nun den ganzen Nachmittag und Abend
vor mir. Zunächst gieng ich in die Taubstummen Anstalt. Roller war
gerad über Land. Ich wohnte dem Unterrichte bey. Es war Zeichenstunde.
Die beyden noch sehr jungen Lehrer: B- und E- sind in ihrer Methode
noch nicht weit vorgerückt, allein wie es mir scheint für das bessere empfänglich.
Ich zeichnete einem Kinde, da ich meine mitgenommenen Kästchen bereits
verschenkt hatte, acht Vierecke in verschiedenen Schönheitsformen auf die
Tafel. Bald versammelte sich die ganze Schule, etwa 40 um mich. Den
Kindern kamen die vielen Veränderungen wie eine Zauberey vor, und
die Lehrer erkundigten sich, als ich nun die lithographischen Abbildungen hervor-
holte mit großem Interesse nach dem Ganzen, für das sich, wie sie meynten
auch Roller interessiren würde. Die Kinder zählten nun die Figuren nach
und zählten auch immer acht. Ich bin überzeugt, daß wenn ich wieder
einmal hinkomme, sie mir alle entgegen schreyen und jauchzen werden.
Ich gieng darauf zum Seminardirector, Oberconsistorialstudienrath Roth, /
[6R]
einen würdigen, hochalten Mann, der zwar sehr wandelnd in seinen Mey-
nungen seyn soll, weßwegen auf sein Eingehen mit voller Seele weni-
ger zu rechnen seyn dürfte, dem aber das Motto: "Kommt l. u. u. K. l."
die Sache besonders empfahl, da er fast einseitig gegen Schulen, beson-
ders Privaterziehungsanstalten eingenommen ist, die er kaum als
Sorrugat [sc.: Surrogat] mangelnden Familienlebens gelten läßt.- Von nun
aber kehrte sich das Blatt, u. ich stieß fast auf lauter Widerspruch. Einige
andere Herren die ich aufsuchte, Professor Sell am Lehrerseminar,
an den mich Dieffenbach gewiesen, und Prof: Tartsch (??) Theologen, den
ich in philosophischen Beziehungen aufsuchen wollte, traf ich nicht. Von den
Inhabern einer Privaterziehungsanstalt war Wagner nicht zu Haus,
ich traf ihn aber bey seinen [sc.: seinem] Collegen Buchhold. Hier trug ich wiederum
die Sache vor, fand auch vielen Anklang bey einem gerad anwesenden
Candidaten der Theologie, (Matthias) aus Oberingelheim, und einige bey
dem gleichfalls anwesenden Advocaten Trapeitler (??) Wagner zeigte
sich als blinder Gegner. Da ich nun seinen <scheelsten> Einwänden z.B.
das Gemüth der Kinder bleibe ohne Nahrung, es werde blos die Erkenntniß
und zwar sehr einseitig ausgebildet; unsere Vorältern seyen viel einfacher erzogen
worden pp, in einer Weise widersprach, die die überlegtere Erwiderung des
viel gewandteren Buchhold aufforderte, so wurde es fast unartig. Buch-
hold der weder ihn noch sich blamiren wollte, widersprach ihm nicht direct, mach[-]
te jedoch auch keine directen Zugeständnisse, und vermied es ebenso, in Ge-
genwart der beyden Besuchenden sich gegen ein offenbar Gutes sich eigen-
sinnig verschließend kund zu thun geben. Er sagte, in ihrer Anstalt
würden sie zwar keinen Gebrauch davon den Beschäftigungskästen machen können, aber für
Familien halte er es sehr empfehlenswerth.Sie selbst hätten bereits ihnen genügende Methoden. Das relativ
bessere werde, wenn die Individualität verhindere sich ihm mit
ganzem Geiste hinzugeben, ein weniger Gutes.-
Ich kam nun zum Prof[.] der Mathem: am Lehrerseminar Solden Vet-
ter des Gießner Solden; dieser war auch sehr wenig eingehend. Er
meynte diese Beschäftigungsweise sey zu einseitig, die Natur müsse
die Lehrerin der Kinder bleiben pp. Wir waren zu kurz beysammen,
um ihm, soweit seine offenbare Beschränktheit erlaubte zu erwidern,
was auch bey Leuten, die wie er, Wagner und Roller, der praktischen
Richtung anzugehören scheinen, insofern überflüssig ist, als sie auf
Gründe nicht eingehen wollen. Selbst als Mathematiker erschien
mir Solden etwas zu sehr Fachmensch. Daß Mangel an Phantasie-
bildung so vielen die Stereometrie unzugänglich mache, wollte er
nicht bemerkt haben. Er sagte, es komme nur darauf an, mit der
Perspektivzeichnung bekannt zu machen, wenn überhaupt Talent zur
Mathematik vorhanden sey. Diese Äußerung charakterisirt wohl
hinlänglich seinen Stand am meisten. Ein speculativer Mathematiker
weiß, daß die Mathematik keine besondere Anlagen bedarf er-
fordert, sondern daß es auf den Unterricht ankommt, um sie allen zugänglich zu machen.-