Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Hermann v. Leonhardi in Frankfurt/M. v. <14.>9.1838 (Blankenburg)


F. an Hermann v. Leonhardi in Frankfurt/M. v. <14.>9.1838 (Blankenburg)
(Autograph nicht überliefert, ed. Hanschmann 1874, 295-297. Text mit Seitenangaben nach der Edition. Hanschmann bietet vier Abschnitte als Auszüge in Anführung. Briefanfang und -schluß fehlen. Weggelassene Abschnitte vermerkt Hanschmann mit [...]. Datierung: Hanschmann datiert „September 1838“. Die genauere Datierung ergibt sich aus F.s Briefen an Barop v.13.9. und an Langethal v. 15.9.38. Der Brief v.13.9. enthält eine Abschrift des Briefs von Leonhardi an F. v. 8.9.38. Der Brief v. 15.9. bietet gleichfalls diese Abschrift. F. spricht hier ferner von „meinem jüngsten Brief an Leonhardi“. Dieser Brief wird daher wohl nach dem 13. und vor dem 15.9. geschrieben worden sein.

Ueber die Nothwendigkeit von Klein-
kinderpflegeanstalten für wohlhabendere oder für Eltern aus den
sogenannten hohen Ständen
bin ich ganz Deiner Meinung und sollten
die Kinder wenigstens während zwei Stunden des Tages darin recht zweck-
mäßig beschäftigt sein. Sie würden dann auch durch ihre darin gewonnene
Spielfertigkeit u.s.w. Gemeinsamheit in das Familienleben bringen. Ich
habe mich darüber, und über die Bildung solcher Familienvereine für Kindheit-
pflege im Sonntagsblatte bereits sehr bestimmt ausgesprochen. Schäfer schreibt
in der allgem. Schulztg. bei Erwähnung des Frankfurter Frauenvereins: "Und
haben edle Frauen nur einmal erst angefangen, ihre Theilnahme den
Kindern zuzuwenden, so werden sie dabei nicht stehen bleiben: ‚die Sorge für die
Kinder wird ihnen den Weg zeigen zu den Müttern.‘ Dann aber wird um
so sicherer die erhebende Hoffnung sich in schöner That verwirklichen, daß von
den Kleinkinderschulen die sittliche Wiedergeburt des Volkes (Lebenserneuung)
zu erwarten stehe." So meine denn auch ich, daß vor Allem von der Aus-
führung von Familienvereinsanstalten zur Pflege der Kindheit ihrer Kinder
besonders die Wiedergeburt des echten Familienlebens ausgehen würde. -
Die Kinder würden keineswegs den Eltern oder Müttern entfremdet, sondern
ihnen geradezu zugeführt. Hätten Eltern oder Mütter Zeit, so könnten sie
ihre Kinder in den Vereinsanstalten besuchen, sich dort des Lebens derselben
erfreuen, ja selbst das Leben mit ihnen theilen, mit ihnen spielen; kämen nun
die Kinder nach Hause, so giebt es mannigfache Stoffe zu gemeinsamen Unter-
haltungen, wie für Eltern verschiedener Familien zu vertraulichen Mittheilungen.
Der Mensch in seinen höheren und höchsten Beziehungen würde nun wieder,
und zwar wieder in Beziehung auf seine Darstellung im Leben Gegenstand
des Gespräches; so würde das Leben selbst wieder ein höheres, neues werden,
und so könnte - so steht es meinem Geiste vor, so ruht es in meinem Ge-
müthe und so bezweckt es all mein Handeln - echte Lebenserneuung wieder
aus einer allgemein zweckmäßigen Kindheitpflege - besonders durch Familien-
vereinsanstalten erreicht werden. Also nicht Familientrennung ist mein Ziel,
sondern Familienvereinigung, nicht Kinderentfremdung, sondern Kindergemein-
und Vereinleben. Darum, th. L., bringe diesen Gegenstand, wo Du nur kannst, /
[296]
zur Verhandlung. Du machst Dich dabei gewiß für Familien- und so Mensch-
heitwohl unvergänglich verdient. - Auch die Bestrebungen Krauses bekommen
dadurch ihr wahres Fundament und ihren Lebenspunkt. [...]
- Und so gehe ich auch gern - wenn die Sache überhaupt zur Aus-
führung gebracht werden kann - auf Deinen Vorschlag ein, hier in Blanken-
burg zwei Bildungscurse zur Kindheitspflege zu errichten, einen kürzeren
für schon erwachsene und vorgebildete junge Männer und einen längeren
für noch junge und erst herauf zu bildende junge Leute. Was die augen-
blickliche Ausführung und Verbreitung betrifft, möchte ich die vor- und aus-
gebildetsten jungen und erfahrenen Männer haben, zunächst ein halbes Dutzend
Langethale; dann wollten wir uns wohl freudig fragen: - wie mag es doch
in 5 - 10 Jahren mit der deutschen Pflege der Kindheit, des Kindes- und
Jugendlebens stehen. Darum machst Du mich schon recht glücklich durch das,
was Du mir von Dir selbst schreibst: Du lebtest in Dir viel mit der Kinder-
welt und mit denen zu ihrer Pflege zu Bildenden. - [...]
Auch den Vorschlag nehme ich von Dir an, wenn er auszuführen wäre,
in irgend einem Seminar für Lehrerbildung, dessen Vorsteher und Director für
eine durchgreifende Lebenserneuung Sinn hätte, während einiger Zeit den
Bildlingen der Anstalt Unterricht in der Kleinkinderführung und –beschäftigung
zu geben. - Endlich und zuletzt weise ich auch den Gedanken, erwachsenen
Töchtern, wie man in der Schweiz sagt, Unterricht, Anweisung, besonders in
der Beschäftigung kleiner Kinder zu geben, nicht zurück. Nur würde sich dieser
Plan wenigstens in dem nächsten Jahre weder hier in Blankenburg noch in
Keilhau ausführen lassen. Dagegen aber hätte ich einen ganz anderen Vor-
schlag, nämlich den: - Sollte sich in irgend einer Stadt z.B. in Frankfurt
a. M. eine Anzahl theilnehmender Mütter und sonst menschenfreundlich ge-
sinnter Frauen und Jungfrauen, Mädchen oder Töchter, wie Du Solche
nennen willst, finden, denen die richtige Behandlung und besonders erziehende
und bildende Beschäftigungen der Kinder am Herzen läge, so könnte ich mich
wohl entschließen, dort für einige Zeit Unterricht darin zu geben, wenn mir
für den Zeitaufwand eine mäßige, billige Vergütung würde. Mit einem ein-
zigen Worte: ich weise nicht nur keinen wirklich ausführbaren und zum Ziele
echter Kinderführung und Beschäftigung führenden Vorschlag zurück, sondern
werde jeden, wenn er mir ernstlich gethan wird, der nöthigen Prüfung unter-
werfen und, wenn er dem Zwecke einer bleibenden Fortentwickelung genügt,
gern mit aller Hingabe für dessen Ausführung wirken, damit nur erst irgendwo
dafür ein fester Lebenspunkt sich bilde. [...]
Darum gebt mir Land, ich werde es gern beackern und besäen, wenn /
[297]
es mir vergönnt wird; gebt mir Stoff, ich werde ihn gern bilden; nur muß
mir Beides möglich gemacht werden. -