Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 22.10./23.10.1838 (Blankenburg)


F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 22.10./23.10.1838 (Blankenburg)
(UBB 64, Bl 201-206, Brieforiginal 3 B 8° 12 S.)

Blankenburg bey Rudolstadt am 22en/X 1838.·.


*

Guten Morgen Dir mein treuer Langethal und Euch allen in der ersten Frühe
eines wunderklaren frühen Herbstmorgens.

*
Zuerst bin ich Dir wohl noch meinen herzinnigen Dank für die Mittheilung des Hym-
nus Deiner gänzlich wiederhergestellten Gesundheit schuldig. Du hast uns dadurch
alle hocherfreut. Dein Brief kam gerad an als Middendorff, Ferdinand, Barop und
seine Schwestern bey uns waren (sie kamen von einem Spaziergange nach
Schwarzburg zurück) und so verbreitete derselbe sogleich allgemeine Freude
indem sie sich auch alsbald ganz Keilhau dadurch mittheilte. Auch nach
Erfurt kam die frohe Kunde bald indem Ferdinand Dein Briefchen sogleich
zu sich nahm um es bey seiner Besuchsreise nach Döllstädt in den nächsten Tagen in Erfurt
persönlich abzugeben, was nun auch geschehen ist. So viel ich nun nach Fer-
dinands Rückkehr weis [sc: weiß], so ist auch in Erfurt alles wohl.
Und nun nach Eingang dieses lieben Briefes hast Du mich gestern (am 21en)
schon wieder mit einem freundlichen treusinnigen und lebensreichen Brief (vom
16en d.) erfreut; wie soll ich Dir dafür danken; er kam mir zwar ganz uner[-]
wartet doch wegen seines Inhaltes ganz zur rechten Zeit. Denn da ich hörte daß
Ferdinand schon am 23en oder 24n, also morgen oder übermorgen abreisen wollte,
so nahm ich den Brief sogleich und gieng damit nach Keilhau. Weil es gestern
ein krystallheller warmer Herbsttag war - (:Am Morgen von ½11-½2
war ich schon mit meiner l. Frau na[c]h der alten Burg gewesen wo Herz und Sinn
auch Eurer lebenvoll gedacht hatte:) - so war auch fast alles ausgezogen, nem[-]
lich Frankenbg welcher die Aufsicht hatte mit den Zögli[n]gen, Ferdin. Elisen, Albertin[en]
und der jüngsten Schwester Barops über den ehemal Schwarzischen Vogelherd und Tränke
nach der Blankenburg. Zu Haus traf ich Barop und den Midden-
dorff welcher abermals durch einen Zusammenfluß von Umständen seit mehreren
Tagen wegen seines bekannten Übels das Zimmer und Bett hüten mußte. Er
hat nemlich am 18n Oktbr besonders, wo es sehr frisch und zugig hier war einen
fremden - einen Dr Med: aus Bremen viel auf den Bergen herum ge-
führt und dabey viel gesprochen auch sich wohl erhitzt und wieder erkältet.
Dazu mag wohl kommen, daß er durch die neuen Verhältnisse in Keilhau
noch nicht durchdringen kann, genug er liegt zu Bett und wie ich seine Zu-
stände nun kenne wird er wohl noch einige Tage Bett und Zimmer hüten müssen[.]
Ich gieng sogleich mit Barop auf sein Zimmer. Nun war freylich der Zufall
Deines Briefes in Betreff Willisaus besonders, nicht geeignet ihn geistig und
gemüthlich zu erheben, doch was konnte es helfen, die Zeit drängte und so mußte
das wesentlichste der letzte Aufsatz im Eidgenossen mitgetheilt werden.
Daß dabey in mir ein Grundgefühl, und ein Grundgedanke wieder herrschend
wurde wirst Du natürlich finden. Der Gedanke sprach sich jetzt besonders von mir so aus.
Die Ereignisse und das Endergebniß in Willisau habe besonders darin[n]
seinen Grund daß Ferdinand als doch der bestimmte Mittelpunkt sich nie eigent-
lich als Erzieher gefühlt noch weniger einen bestimmten Erzieh[u]ngsgedanken in
sich festgehalten und ausgebildet habe; daß man also (und so zunächst Barop /
[201R]
und Middendorff) den Ferdinand den zu einer Selbstprüfung veranlassen solle:
ob er in sich mehr Beruf zum blosen Lehrer, oder zum Erzieher und erziehe[n]den
Lehrer oder lehrenden Erzieher fände. Hierüber, so sprach ich aus, denke
mich müsse Ferdinand ganz besonders klar in sich seyn ehe er in sein
neues Verhältniß in Willisau wieder eintrete: ob er nur Lehrer
der Kinder jenes Vätervereins zu Willisau - oder auch durch und in die[-]
sem Verhältnisse Träger Pfleger und Fortbildner eines bestimmten Er-
zieh[u]ngsgedankens se (zunächst sey es gleichgültig welches,) seyn wolle,
von diesem Stehen in sich hänge auch Ferdinands Stellung und Wirksam[-]
keit in Willisau ab. Ja sprach ich noch bestimmt aus: es sey sogar besser
wenn sich Ferdinand selbst als ein Gegner meines und unseres Wir-
kens oder wenigstens Erzieh[u]ngsgrundgedankens bestimmt ausspreche,
als daß er so halb und unbestimmt handle. Barop sagte: deßhalb sey
wohl das jetzige Verhältniß damit sich dadurch aufgefordert Ferdinand
in sich bestimmen und entscheiden müsse. Ferdinand sey <ja> gut; allein
noch überdieß dabey zu unbestimmt. Middendorff wies blos auf einige
Umstände in Willisau hin, wodurch das G[an]ze gekommen so sey, wie es jetzt
stehe besonders durch den großen Mißgriff, daß man den jetzigen Sekun-
darlehrer habe entfernen wollen dessen Bekannt- und Verwandtschaft
s nun das Ganze hintertrieben habe. Jetzt trat mein Bruder in das Zimmer,
es war spät, und ich mußte eilen u Barop so blieb es. Festgestellt wurde
daß mich heut Barop u Ferdinand hier besuchen wollte.- Barop begleitete
mich nun bis zum Brunnen bey Kl. Gölitz. Über der Steigerquelle kam
mir der Gedanke: Ferdi Da doch eigentlich von uns und von Seite des
Vereins aus: alles noch in Beziehung auf den Erziehungszweck bey
Allen stehe, da die Erziehungsanstalt und ihr Bestehen in sich und in ihrer
Wirksamkeit beruhe und da es zwar wahr sey, daß Willisau nach
außen hin allein nicht in sich zerfallen sey, so solle Ferdinand - ver[-]
steht sich in Übereinstimmung mit dem Vätervereine, aber schon von hier aus - in dem
Eidgenossen ganz einfach bekannt machen lassen: - "An diesen u. diesen
"Tag begänne der Unterricht in der unterzeichneten Erziehungsa[n]stalt
"welches denen die davon für ihre Kinder und Pflegebefohlenen Antheil
"nehmen wollten hiermit angezeigt würde um sie deßhalb zur rechten
"Zeit betreffenden Ortes zu M melden. Willisau am 24 Oktbr 1830 [sc.: 1838]
"die Erziehungsanstalt daselbst."
Mich dünkt dazu müßten nothwendig auch die vereinten Väter stimmen
denn nur dadurch können sie einigermassen die auf sie kommende
Schmach abwenden - da ich mir nun schon vorgesetzt hatte Dir heut zu schreiben
so wollte ich daß Ferdinand schon heut die Anzeige beylege. Denn Du
müßtest es möglich zu machen su[c]hen, die Sache persönlich in W. durch[-]
zuführen weil jene Schwachmatici sonst alles gleich auf die lange
Bank schieben würden. Barop meinte heut würde dieß noch nicht mögl[ich]
seyn, da Ferdinand doch an den Dr B. schreiben müßte; auch müsse
er erst mit Ferdin. sprechen: ob und in wie weit das Schloss noch zur Ver-
fügung des Vereins und somit der Erziehungsanstalt sey. /
[202]
Im Ganzen freute sich Barop sehr über den Gedanken wegen der zu mach[-]
enden Anzeige; er sprach einigemale aus: es sey einem ordentlich wohl,
wenn man sähe daß eine Sache ihr Bestehen in sich habe und wenn sie
äußerlich als vernichtet da stände sie aus sich wieder hervortrete, es
sey als wenn Jemand vom Tode erstände. Ja mein theurer La[n]gethal
mich dünkt wir müssen an die Ausführung dieses Gedankens mit der größten
Sorgfalt arbeiten denn erstlich wirkt der Fall Willisaus höchst
nachtheilig auf Burgdorf; nun steht das zwar durch Deinen Eifer
und Deine Kraft in sich fest; allein man weiß ja wie Böswillige
alles zur Vernichtung des Bessern drehen. Dann wirkt aber auch dadurch
der Fall Willisaus auf Deutschland und selbst auf mein neues Unter[-]
nehmen zurück; indem man was Thatsache für Willisau ist, zugleich
als Thatsache für die g[an]ze Schweiz hinstellt. Doch dieß ist alles im Ganze[n]
und von mir oder uns aus an[ge]sehen wenig; es erscheint immer noch per-
sönlich und einzeln allein - wie Du so ganz tief erfassend in Beziehung auf
Wilhelm Cl: Handeln aussprichst - es prüft bey weitem tiefer und
allgemeiner Du verstehst mich wenn ich nur anführe, daß man
nun von deutscher Renomistern u deutschen Seifenblasen spricht. Siehe
so trifft unser Handeln unser Volk, den Charakter unseres Volkes, dieß
muß die Schuld davon tragen wie auf der andern Seite aber auch beyde
die Früchte unseres Handelns und Wesens ärndten würde, di[e]ß sollte freylich
jeder Deutsche wieder in sich fühlen und uns darum nicht so isolirt und
wenn es zur Hauptsache zur That kommt uns vereinzelt u einzeln stehen
lassen; diesen Ja mein th. La[n]gethal! zuletzt muß die Menschheit die Folgen
unserer Unkräftigkeit tragen indem man sagt: - die Menschheit ist zur
Ausführung solcher Gedanken rc zu schwach. Diesen Gedanken, die Fortwirkung
des Denkens, der Grundsätze und vor allem des Handelns des Einzelnen
auf ein Ganzes, diesen Gedanken den Du - nochmals gesagt - so klar in Be-
ziehung auf Wilhelm Clem: berührst, besprich Dich ja recht klar mit
Ferdinand; Ferdinand, welcher nun weder den Middendorff noch den Roda
(welcher ohne allen Zweifel in Rudolst. zurück bleiben wird) an der Seite
und so manchen Kampf aber auch doch manche Stütze weniger hat, tritt in
zu ein neues Verhältniß zu Dir, und durch Dich, zu dem Grundgedanken
unseres Lebens und Strebens; benutze dieß ja zum Seegen des Ga[n]zen
zum Heile der Menschheit. Daß der Nachtheil sich zum Vortheil, das
Hemmniß sich zur Förderu[n]g umbilde di[e]ß ist der Entwickelungsga[n]g
der Menschheit, laß uns ihn uns aneignen und so mit Bewußtseyn
und Freyheit durch Selbstwahl wahr machen: - denen die Gott -
- welche die Einigkeit u Einheit, den Einklang und so das Wahre, das Gute
wie das Schöne an sich lieben - müssen alle Dinge förderlich zur
Erreichung dieses Einklangs und dieser Lebenseinheit seyn.-
Nun dadurch zu Deinem Briefe im Allgemeinen: Alles was er
enthält im Einzelnen und Beso Ganzen, alles ist mir, wie ich schon im
Vorstehenden in Beziehung auf Wilhelm Cl: Handeln andeutete, wie
aus dem Herzen geschrieben. Allein Du siehst auch La[n]gethal, wie Du /
[202R]
und Ihr alle die stöhrenden, hemmenden und unangenehmen Erfahrungen wieder
durchmachen müßt, welche ich früher durchmachen mußte, vielleicht und
noch in meinem Handeln, in meinen frühern wie bleibenden Handeln zu
verstehen. Nichtwahr Du fühlst wie - mindestens genaus[o] - Wilhelms
unbedachtes Handeln jetzt wieder das Ganze trif[f]t, durch das Ganze,
dessen Stellvertreter Du in der Schweiz warest kam er in seine jetz[i]ge
Verhältnisse, dem Ganzen und so Dir dessen Stellvertreter in der Schw[eiz] hätte er vertrauend
sich mittheilen sollen ehe er seine Stelle verlassen hätte.- Du hast also
tief tief gegründet Recht wenn Du aufrufst: "Wüßten doch die ju[n]gen
Leute was sie durch ihr eigenmächtiges und willkührliches Handeln im Ganzen
und für ein Ganzes vernichteten." Du kannst Dir nur nicht eins denken
sondern mir nachfühlen wie es mir so mannigmal im Leben bey dem
eigenmächtigen und willkührlichen Handeln nicht nur junger Leute, sondern
der einsichtigsten Männer meines Kreises zu Muthe seyn mußte, um
so mehr schmerzlich u bitter zu Muthe seyn mußte als einmal diese
Männer meynten sie handelten nicht willkührlich sondern nach
höheren, allgemeingültigern Ansichten u Grundsätzen als ich, und dann
als ich selbst über das Einzelne in der Ausführung und Durchführung des Lebensgedankens auch
nicht so klar war, als jetzt. Allein Du siehst nun auch
mein prüfender La[n]gethal! wie nothwendig es ist wenn daraus hervorgegange-
nes Handeln wenigstens stets und fortgehend prüfend fest zuhalten. Ich spreche
dieß in Beziehu[n]g auf die 3 Fr in Zürich aus.- Middendorff sagt mir
"daß Du meinen Brief an sie in der Absicht zurück behalten hast um
"solchen ihnen gelegentlich mitzutheilen." Ich an Deiner Stelle würde es
nun nie thun, erstlich fehlt bey demselben die Ansicht Middendorffs
so wohl als Ferdinands; dadurch ist das Dokument mangelhaft und immer
könnten sie sich darauf zurückbeziehen daß diese und namentlich der
letztere, als mit ihnen doch auf früherer gleicher Stufe stehend, seine
Ansicht über ihr Betragen nicht ausgesprochen habe; denn zweytens
höre ich von allen Seiten wie Julius in seiner Ansicht versteint
ist eben so auch Theodor sehr fern u äußerlich steht. Wie Karl
in sich im Kampfe begriffen ist höre ich zwar auch, allein es ist besser
für den Einzelnen, wenn er den in sich begonnenen Kampf auch in sich
durchkämpft als wenn er, auf halben Wege darinn gestört
wird; auch wir, Jeder von uns auf seiner Weise muß seinen
Kampf in sich durchkämpfen oder hat ihn wenigstens durchkämpfen
müssen und Niemand hat ihn und konnte ihn davon befreyen; also
handle in Beziehung auf Deine gelegentlichen Mittheilungen an die 3 F. und
selbst an Karl weise und vorsichtig, damit Du nicht zu einem
Halben und somit zu einem noch schlechteren führst, was am Ende
doch noch hätte ein G[an]zes werden können und sollen. Karl will
künftiges Jahr nach Deutschland kommen, gut! Dann kann sichs zeigen[.]
Wir haben ja nun ein Beyspiel an Joh Schmidt, welcher sich auch in sich
durchgekämpft hat und selbst zu uns kam; aber ich sagte Dir auch, ehe
er noch zu uns und mir kam sprach er in Keilh. aus:- Was ich erreicht verdanke
ich Keilhau.- Hier ist doch Wahrheit, und darauf läßt sich fortbauen. /
[203]
In dem bisherigen nun sprach ich aus wie ich mit Deinem Handeln und Ansichten
ich auch übereinstimme nun muß ich aber auch gleich noch etwas und auch eines
hervorgehen wo dieß weder von mir, noch von meiner Frau der Fall ist
dieß ist Dein Brief an Niederer, wie ich aus Deinen Brief hervorgehend
nun nicht mehr in Yverdon sondern in Genf. Ein alter Weise sagt: - Man
soll eher glauben daß sich Berge versetzt haben als man glauben soll
daß ein Mensch seine Gesinnung verändert habe. Seine tiefliegenden,
ich möchte sagen vergiftenden, Entgegnungen hat aber Niederer, wie Du Dich
noch wohl erinnern wirst, so oft klar ausgesprochen als er nur leise
Gelegenheit hat; von einer Giftpflanze erwarte man aber so schön
und gesund sie auch aussehe - Wie kräftig steht nicht die Belladonna
auf unsern Colm! - nie gesund machende, Gesunden wohlthätige und heil[-]
same Früchte. Die Entgegnung Niederers liegt ungemein tief. Kein deutsche[r]
Erzieher billigt noch weniger achtet u ehrt er Niederers Betragen gegen
Pestalozzi. So erzählt mir Middendorff von dem erziehenden Wilbe[r]g
zu Elberfeld daß dieser gesagt habe: ein gewisser Ingrimm ergriff ihn
wenn er daran dachte wie Niederer Pestalozzis Wirken, Streben, Wollen
und Leben verhunzt und verkrüppelt habe. Ich bin aber auch deutscher
Erzieher Niederer kann darum nie Frieden mit mir schließen noch we-
niger in Einigung mit mir treten. Was er thut sind höchstens handlungen
von ächter Schlangenklugheit, die durch ein gewisses Eingehen nur Ge-
legenheit sucht uns und mir um so gewisser zu schaden. Denke Dir auch
nur das Ganze recht durch: - durch Zöglinge oder Töchter aus seiner Anstalt
muß sich nothwendig auch seine Entgegnung gegen mich und uns nach Deutsch-
land verpflanzen. Auf dem entgegengesetzten Wege - indem wir Kräfte
gegen uns erregen wodurch unsere Kräfte erhöht und gesteigert werden -
mögen wir dadurch vielleicht, vielleicht (?) unser Werk fördern allein nicht
auf geradem Wege. Meine Frau sagt daher ganz einfach ohne daß
ich mit ihr nur ein Wort darüber gesprochen hätte: - ["]ich an Lgethls
"Stelle würde nicht an N.- (ein Miterziehender) geschrieben haben;
"allein Langethal ist gar zu unschuldig." Nur die Unschuld schützt ja
so oft die Vorsehung, so möge auch Gott Dich für verderbliche Folgen schützen[.]
Ich glaube überhaupt nicht daß etwas aus dem Verhältnisse werden
kann, indem diese Art Menschen Forderungen machen, welche Herr <N.>
wohl nicht zu erfüllen gewilligt ist noch seyn kann. Also vor
Deiner Seite nur achtsam daß Dir N nicht Gift, nicht wenigstens einen
Stein statt Brot, nicht eine Schla[n]ge statt eines Fisches reiche, Du hast
das jüngste Beyspiel an R - t, welcher erst noch kürzlich zu Middendorff
sprach: wie durch Dich und Euch seine Ansicht meiner sich geändert habe -
und doch schreibst Du mir daß er in Beziehung auf unser jetziges Unterneh[m]en
gemein gehandelt habe. Also theurer Langethal! alle Kraft in sich gesammelt
gespart, von Außen kommt uns keine Hilfe. Was kosten Dir solche Briefe
wie zum B. an <Mr Appzt.> für Mühe u Zeit, lasse sie uns
auf die Durchdringung und Erfassung der Idee und auf ihre Ausfüh[r]ung
und Anwendung an die Kinder wenden!- Dein Waisenhaus, Deine /
[203R]
Kleinkinder- Deine Begründungsschule muß der Vocus [sc.: Focus] Deiner Wirksamkeit seyn, darinn
mußt Du unser Leben den Grundgedanken desselben in seiner Reinheit und in
seiner Fülle - wie Du auch wirklich nach den vor mir liegenden Thatsachen
thust - darzustellen und auszuführen suchen. Dieß ist Deine Festung, Deine
Burg und so unsere Festu[n]g unsere Burg worin sie Dich und uns nicht
schlagen nicht besiegen können. Hätte[n] Middendorff und Ferdinand
den Grundgedanken unseres Lebens wie Du von der ausführenden
und anwendenden Seite erfaßt ich kann mir nimmer denken daß
es mit Willisau so hätte kommen können wie es jetzt steht. Im Vor[-]
beygehen will ich nur noch erwähnen daß mir Ferdinands An-
zeige in dem Eidgenossen wichtig erscheint, weil der Eidgenosse durch
Schnyder in Frkfurt a/m gelesen wird.
Nun zu Middendorffs Handeln.- Als mir Middendorff sch bald nach
seiner Ankunft sagte, daß er Dir von Frkfurt nicht geschrieben hatte
war ich ganz erstaunt, doch Du weißt wie Middendorff gleich alles
zum Besten und als Nothwendigkeit hinstellt. Nach einiger Zeit, wo
ich denke daß er nun [an] Dich geschrieben, das heißt die schon fertigen Briefe
an Dich abgeschickt habe, bringt er mir solche erst zur Einsicht - wohl
schön, aber jetzt nicht mehr von der Zeit; da ich nun aus dem Briefe
sahe daß derselbe am 26 7br in Wupperfelde oder wie der Ort heißt
ganz beendigt war so mußte ich meine tiefe Unzufriedenheit ihm
aussprechen daß er den Brief noch nicht sogleich unmittelbar von
dort an Dich abgeschickt hatte, und was konnte er dagegen sagen?-
Daß er Dir zugleich auch die Entwickelung in Dortmund hätte schreiben
wollen; diese war aber was sie ist, für unsere Gegenwart ganz
und gar unwesentlich: was können uns ein paar gutgemeinter
Äußerungen helfen wie sie in Dortmund oder Brechten vorgefallen
seyn mögen; sie gehören der Zukunft wir aber haben die Gegenwart zu
pflegen; was kann es uns helfen ob seine Schwester ihre Tochter
ihn [sc.: ihm] zum Besuch nach Keilhau mitgiebt oder nicht, alles dieß nützt nichts
und Dich - Dich hemmt diese seine Zögerung im Handeln. Siehe so lebt
Middendorff, sobald er rein selbst, und freythätig ist in Gefühlen,
und darüber vergiß[t] und versäumt er alles, dadurch, darum schaut er
alles wie er Lust hat. Du wirst nun leicht sehen, daß ohngeachtet meines
reinsten, unverkürzten und unverkümmerten Vertrauens zu ihm, ich wenige
Hülfe an ihn, ich wenig Hülfe von ihm zu Erwarten habe: - Schon
ist er lä[n]ger als 14 Tage hier, noch könnte ich nicht sagen, daß etwas
geschehen ist. Von seiner Reise zum Singfeste nach Z- [sc.: Zeitz] hat er mir Kunde
gegeben, allein Wilh: Clem: Betragen wie ganz anders gezeigt als
sich aus Deinem Briefe ergiebt. Das Wichtigste was ich von und durch ihn habe sind
Mittheilungen von einem gewissen, schon erwähnten Wilberg in Elberfeld, welcher
dadurch daß er den Würfel zum Beginne des Zeichenunterrichtes. Benutzt und
deßhalb in der Stube aufgehängt hat und ihn von allen Seiten hat zeichnen
lassen sich von der Wichtigkeit und Nothwend[i]gkeit überze[u]gt hat: den Würfel
als Gegenstand des Unterrichtes von allen Seiten z betrachten zu lassen. /
[204]
Wilberg hat dadurch veranlaßt dem Middendorff d[en] Auftrag gegeben ihm alle
von mir ausgearbeiteten Spiele zu überschicken u.s.w. u.s.w. aber nun
liegt Middendorff in K. krank. In Beziehung auf unsere Stellung zu den
Menschen, auf unsere Erwartung von demselben, so namentlich auch in
Beziehung auf unsere nächsten Gehielfen mache ich Dich auf das aufmerks[am]
was Leopold Schefer in dieser Beziehung auf dem heutigen d.i. auf den 22/X
ausspricht.-
Groß ist die Anzahl dessen was - nach dem vor mir liegenden Notizblättchen - der
heutige Brief Dir noch alles aussprechen sollte, wie wird es mir die Zeit möglich
machen.- 1. Der Brief Ernestinens mit dem wunderlieblichen Kränzchen, welchen
Dein voriger Brief enthielt macht meiner Frau herzin[n]ige Freude, das Kränzchen
liegt immer vor ihr auf einem Buche, wandert darum wohl auch von einem
Tische zum andern.- 2., Der jüngste Brief von Leonhardi aus Frkf. meldet, daß
sich jetzt keine jungen Leute finden wollten, welche nach Blkbg zu schicken
wären. 3.) Die bisherigen Ergebnisse alles dessen was von Dir namentlich, von
Leonhardi, von Middendorff, ja auch von Frknbg und Barop in Dresden u Leipz[i]g
unmittelbar zur Förderung und Verbreitung der Sache geschehen ist, sagen
also bestimmt erstlich alles muß nicht allein persönlich angeknüpft, sondern
zweytens auch persönlich fortgeführt und zu {Ende / einen Ziele} gebracht werden, sonst
zerfällt es in sich und drittens was einer angeknüpft hat, kann
schwierig von einem Anderen beendigt werden. 4. Du weißt nun, und
ich habe es Dir wenigstens angedeutet, mich dünkt aber durch die wörtliche
Abschriften aus den Briefen Barops u Frkenbegs aus Dresden u Leipzig
an mich mitgetheilt, welchen lebenvollen Ankla[n]g mein Unternehmen
in beyden Orten gefunden hat. Nach diesen Mittheilungen nun, welche Barop u Frkenbg
nach ihrer Rückkehr noch mündlich ergänzt haben, und nach den Ergebnissen
in Frkfurt kam mir, indem man gewünscht hatte daß Frkenbg zur Vor-
Durch- und Einführung des Ganzen sogleich in Dresden bleiben möchte, sogleich
der Gedanke selbst persönlich nach Dresden zu reisen und dort die Sache
unmittelbar in die Familien zu bringen, ja so lange persönlich dort zu
bleiben bis sich nicht nur ein bestimmtes Ergebniß zeige sondern bis es
auch so im Leben sich gestaltet habe, daß es ein bleibendes sey. Die Mütter
die Familien, durch das Bedürfniß der Kinder und Mütter zugleich getrie[-]
ben müssen für die Sache unmittelbar gewonnen u festgehalten werden;
kommt das Ganze erst in die Hand der Männer, besonders der Lehrer und
Schulmänner so scheidert [sc.: scheitert] das lebenvolle Werk sogleich an deren Architek-
tonik und Systematik oder wie Du es nennen willst. Meine Frau
wie Barop denen ich diesen Gedanken mittheilte stimmten auch sogleich für
die Ausführung desselben. In allseitigen Beziehungen fanden sie denselben
angemessen; es war nun nur nöthig Middendorffs Ankunft abzu[-]
warten. Diese kam, und nach seinen Erfahrungen konnte er nicht anders
er mußte auch für die Ausführung dieses Gedankens stimmen, und mit Herz
u. Sinn stimmte er dafür, denn dadurch werden wir ja unmittelbar in
das Innerste in das Lebens versetzt - Middendorff von Valentini in
Dresden eingeladen - bekannt mit der Ausführung vieler Bewegungsspiele
soll mich zur Ausführung im Einzelnen begleiten, wie ich das Ganze lebenvoll /
[204R]
vorzuführen mich bemühen werde. So Lgthl steht jetzt die Sache; Du führst in gewisser
Hinsicht ein Neues, ein ganz Neues, und doch immer das Eine und das Alle,
nur steigen wir immer tiefer in das Leben in dessen ersten wirkenden
Punkt und dessen Einheit, in das Leben der Familie, in das Leben der Eltern,
in das Leben der Mütter und in das Leben des Kindes und der Kindheit nie[-]
der. Gott seegne mein und unser Streben sey mit uns und leite u führe uns.
Zur Ausführung dieses neuen Planes nun muß und müßte mehreres anders
gestellt. Wenigstens für einige Zeit muß und müßte meine persönliche Abwe-
senheit von hier möglich gemacht und so zunächst für Gyger eine neue Wirksam[-]
keit gefunden werden. Diese zeigte sich denn auch nach Rücksprache mit Barop
und seinen Dir selbst ausgesprochenem Wunsche gemäß bald in Keilhau,
wo er zunächst bis Ostern als Elementarlehrer eingetreten ist, er hat
dort die kleineren Zögl. treibt Außenweltsbetrachtung, Sprach- und Mathem.
Würfel rc. Seit den 28' Oktober wohnt er g[an]z in Keilhau. Nun ist sind
noch zwey Punkte Friedrich Bock u Unger. Letzterer wird so wie ich
meine Reise antrete auch nach Keilhau gehen und dort theils einst[-]
weilen Steine zeichnen, theils wird er 2 mal 2 Stu[n]den wöchentl. aus-
führend Zeichenunterricht in Keilhau geben. Nach meiner Rückkehr von
der Reise werden wir sehen was für wir für das gerathendste finden.
Friedrich Bock wird ohne Zweifel zurück zu sei[n]en Vater gehen. So scheint
sich alles - was Gott geben möge - gut und angemessen zu ordnen.
4.) In Keilhau sind sonst noch gar manche Veränderungen vorgegangen, welche Dir
wohl Ferdinand am besten auseinander setzt, doch will ich solche bewirken.
Damit Du den Ferdinand daran erinnern kannst: erstl. An die Stelle Hart-
manns wird ein gewisser Lomatsch Sohn einer Superintendenten Wittwe
in Dresden oder Leipzig [treten], vielseitig empfohlen, auch auf der jü[n]gsten Reise wieder
in Leipzig. Zweytens ist aus Bückeburg ein junger Mensch ich glaube [1]9 Jahr alt, wel-
cher in Bückebu[r]g seine Abgangs Examen gemacht hat, als lehrender Zögling nach
der Bestimmung der Prinzeß zu Schaumburg-Lippe (sogen: Pri[n]zeß von Bückebu[r]g)
eingetreten; die Prinzeß zahlt Rth 100 für ihn. Drittens Herr Gascard
wird wöchentl. 2 mal nach Rudolstdt gehen und dort Stunden geben, dieß
soll ihm wöchentl. 3 rth. bringen. Wie lange Zeit sich das Verhältniß für
Keilhau angemessen zeigt wird die Erfahrung lehren. Jetzt steht das Verhält[-]
niß mit Gascard so daß er künftige Ostern auszutreten wünscht.- Vier[-]
tens: Nach der Rückkehr von Elisen haben Stauchs in Volkstädt wiederkehrend
den Wunsch ausgesprochen daß ihre älteste Tochter Meta ganz nach Keil[-]
hau kommen möchte. Barop hat den Gedanken als für Elisen, für Allwine
ja für alle Mädchen selbst die kleinsten sogleich festgehalten. So wird
dann Allwine g[an]z aus dem oberen Hause herab kommen, was sehr heilsam für
sie seyn würde. Auch sollen die Mädchen wie Elise an der fünftens in Keil[-]
hau zu errichtenden Kleinkinderpflegschule Antheil nehmen. Frankenbg
nemlich und auch Barop selbst welche beyde durch die neuen Einrichtungen mehr
frey werden sollen und wollen solche ausführen. Barop hat sogar den Ge[-]
danken ein paar Kinder aus dem Dorfe dazu zu nehmen. Möchte doch
das Ganze zum Wohle des Ganzen regt [sc.: recht] genügend und erfassend zur
Ausführung kommen. Man hätte dann auch dafür einen Wegweisenden Punkt pp.- /
[205]
Du siehst daraus mein l. Lgthl daß es scheint als wolle sich endlich alles zu einem
in sich einigen sich stetig aus sich fortentwickelnden Leben einigen. Möge es Gott geben.
Das für mich in der inneren Fortentwickelung Wesentlichste habe ich in dieser Beziehung
Dir von mir selbst zu schreiben. 5., Du schreibst mir in Beziehung auf Deinen Brief
an Kosel: "Mein Brief war vom 10/X und an dem selben Tage fortgeschickt,
"um möglichst noch einen AnStoß zu geben, daß mit der 25jährigen Siegesfeyer
"der Leipziger Schlacht ein Grundstein gelegt werde. Gott möge seinen Seegen geben."
Was nun in dieser Zeit und auf Deinem Brief in Frkfurt a/m geschehen ist kann
ich Dir zwar nicht melden, allein ich will Dir sagen was an diesem Tage in mir
entkeimt, sich entfaltet und entwickelt hat und ich glaube daß dadurch wenigstens
Dein Wunsch und Deine Hoffnung erfüllt ist daß zur Feyer dieses Tages ein Grund[-]
stein zu einem menschheitlichen Werke gelegt worden ist, wenigstens ein Sach-
kern dafür gekeimt hat. Wie beginne ich?- Zwey, drey Thatsachen liegen mir vor. Zu-
erst die daß ich mehrmals nach Außen hin Etwas suchte und dann dagegen in mich
und zur Einkehr in mir hin geführt wurde. Ich habe Dir und Euch einzel[-]
ne Nachweisungen mehrmals ausgesprochen z.B. bey den Einzelnen Gedanken durch[-]
greifende Erziehung rc. Selbst bey dem was ich später als Grundzüge drucken
ließ. Dieß führt mich zur 2en Thatsache in mir: Fast in jedem Jahre ergreift mich
mehr und minder stark in der Zeit wo die Bäume ihrer Früchte beraubt werden
und ihr Laub fallen lassen ein Gefühl großer Lebensbeklemmung, Lebensdruckes
und Lebenskampfes, auch gestalten sich demgemäß gewöhnlich auch die Verhält[-]
nisse äußerlich um mich, und selbst was sich günstig zu entwickeln schien wen-
det sich ungünstig. Dieß steigt gewöhnlich bis Mitte Octbr, wo sich dann
das Leben wieder in mir zu lösen zu klären, zu gestalten, ja auch wohl zu be-
leben beginnt. Auch in diesem Jahre trat alles wieder so wie gewöhnlich ein
ob ich gleich, auf Frankfurt blickend, glaubte dießmal würde sich doch wohl ein 
mal das Leben anders zeigen. Doch mit Annährung des Alles zerfielen die Hoff-
nungen in Frkt a/m. Das innerlich und äußerlich kämpfende Leben begann, nichts befreyte
mich da wurde mir ein Buch gegeben, eine Erziehungsschrift, ein Werk von einer Frau
welches ich nachher noch erwähnen werde, ein Buch was mich in das Innerste des Lebens
und meines Lebens, in die Mitte und Einheit alles meines Strebens und Wollens
einführte. Besonders fest hielt mich das Buch wegen des Einklangs im Streben, wenn
auch von einem anderen Punkte - und doch auch nicht - ausgehend in der Mitte
dieses Monats; da wurde mir dann als ich vorher schon mit Middendorff
annähernde Gespräche geführt hatte, mein Streben, mein Wollen u Sollen, das
Ziel und der Weg, wie die Art u Weise meines Strebens, meines Wollens und
Sollens recht klar. Es war mit dem 18 Oktbr. Vorher hatte ich nemlich mit
Middendorff darüber gesprochen, daß die Ausdrücke: Erziehen, Unterrichten
selbst entwickeln, entfalten, treiben, anregen, ja auch lehren, eine von
Außen kommende Thätigkeit bezeichneten wenigstens schon Etwas als ein Äußer[-]
lich {Daseyendes / Äußeres} Voraussetzten und darum eigentlich dem was wir und ich
suchten und wollten nicht entspräche und so kam mir das Wort
keimen, keimenmachen, entkeimenmachen, gleich entfunken, also das
Hervorrufen eines noch Reinen, Ursprünglichen bezeichnend. Du wirst mich durch
die Worte, in welchen die Einheit durch den Ton bezeichnet ist, verstehen. Er-
ziehen bezeichnet die Umkehrung (ie) von (ei) keimen. So arbeitete er still /
[205R]
und fast unbemerkt in mir fort: - Wenn nun Etwas keimen, sein Wesen klar
entkeimen pp soll, so muß es in ungestörten Zusammenhang mit dem ganzen
All, so muß es in Einklang mit allen Kräften und sich rc stehen, es muß nicht
nur in [sc.: im] äußern, sondern auch im innern Zusammenhange mit dem All-
Einleben sich befinden; nur so kann es im Einklange in sich, wie in Überein-
stimmung mit der Außenwelt sich darstellen, aus sich hervorsteigen. So
also auch nur der Mensch, das Kind. Es kam mir daher mit dem 18' Otbr
die klare Anschauung; die von mir und uns besonders auch jetzt wieder
angestrebter Menschen- und Kindererziehung müsse also eine Veranstaltung seyn
und werden: zur reinen Entkeimung des Kindes wie zum Einklange in sich zum Selbstleben, so
zur Übereinstimmung mit dem Umleben und zur Einigung mit dem
Quelleben, also eine Pflegeanstalten zur des Menschen und Kindes zur
Einheit, zum Einklang, zur Einigung, zur Übereinstimmung, zur Harmonie pp
und zwar so, daß alle Umgebung, alle Auffassung, und Betrachtung und
Beachtung derselben, daß alle Umstände und Erscheinungen wie solche das Leben
nach jeder Seite hin nur immer giebt in That, Wort, Lehre, Beyspiel, Nachwei-
sung zur Darlebung und Auffassung jener Einheit u Einigung, jenes Ein[-]
klanges benutzt werde. Die Spiele geben dazu mit dem Ball den ent-
sprechenden Anfang, die genügendsten Wirke. Vor allem müssen die Familien
durch die Mütter zu solchen natürlich und ursprünglichen, aber auch die
Kleinkinderpflegschulen zu solchen ächten Kinderlebanstalten erhoben
werden. Nochmals gesagt: alles, alles was sich nur im Bereich und in
dem Fassungs- und somit Lebensgebiete des Kindes zuträgt nur es sey
so angenehm oder so unangenehm, so fördernd oder so hemmend in seiner
Erscheinung als es wolle, alles muß zur Nachweißung, zur Erkennt[niß]
wie ganz besonders aber zur Durchfühlung, zur inneren Wahrnehmung
der Einheit, des Einklanges, der Übereinst[i]mmung alles Lebens
beachtet und benutzt werden.
Ich hoffe theurer Lgethal Du wirst mich verstehen; ich bin leider
jetzt in mir indem ich dieß niederschreibe zertheilt. Was ich jetzt
sage u will, was ich erkannte erhebt alles was wir bisher thaten
zur letzten Einheit, giebt ihm seinen Schlußstein, erhebt es zur kla-
ren Einsicht und zum Bewußtseyn. Es ist wie das gefundene
und bewußte nachweisliche Centrum im Zirkel, man schaut ihn
wohl im Allgemeinen, weil auch im Allgem. seinen Ort zu bestimmen
allein ganz anders ist es wenn er nun mathematisch, für das
äußere, wie für das innere Auge unbezweifelbar gewiß ist.-
Also ächte Erziehungs- ächte Kinderpfl[e]ganstalten = Anstalt zur Entkei[m]ung
des Menschen, des Kindes zur Einheit, zur Einigung zum All-Einkl[an]g.
Dieß mein Grund- und Lebensgedanke zur Feyer des 25jährigen Sieges-
festes und so Erfül[l]ung dessen was Dein Herz ersehnte, bedurfte.
6, Das Buch was mich dahin führte und dessen ich <eben / oben> erwähnte ist: -
"Briefe über Erziehung von Elisabeth Hamilton. Aus dem Englischen ((:auf
"Veranlassung der Prinzeß zu Schaumbg Lippe:)) von Dr Fr. Karl Maier
"Privatdocent in Jena (jetzt Prof. in Giessen) 2 Theile kl. 8. Jena 1832 bey Friedrich
"Frommann." Dieß Buch ist für mich eines der wichtigsten das ich kenne; ich wünschte Du hättest es
schon.- /
[206]
Ich hätte Dir über dieß Buch allein einen ganzen Brief zu schreiben. Es führt auf eine
sehr einfache, klare mir ganz genügende Weise den Beweis des V Einkla[n]gs
der Vernunft, (auch Natur,) und geoffenbarten Religion. E Ich halte
diese Schrift für uns alle, für unser ganzes Streben, so aber auch ganz
besonders wichtig für Dich, für Dein Wirken für Deine Verhältnisse,
ganz besonders auch wegen der Vielen Beziehungen in welchen Du zu Pfarre[r]n
kommst, aber auch zur Klärung und Einung in Dich Dir und für Dich, sowie auch
mit Deiner Ernestine. Genug ich kenne für uns jetzt kein wichtigeres
Buch als dieß. Könnte ich es nur augenblicklich bekommen um es Dir sogleich
durch Ferdinand zu schicken. Ich habe durch dieß Buch in mir alles gefunden
was ich noch suchte und bedurfte. Mir ist in mir wohl, freudig beruhigt
einig, kann ich damit nun noch das äußere Leben und Wirken in Einkl[an]g
bringen, was Du siehst daß ich anstrebe und wie ich es anstrebe, so hoffe
ich noch auf der Erde Tage wahres Seelen- und Lebensfriedens zu verleben.
6.. Was Du mir vom Pf. Bitzius und überhaupt von Deiner Pflege des
Familienlebens schreibst ist mir natürlich, nach Vorstehenden nun höchst
wichtig. Gott gebe Dir in nächstem Winter recht viel Gelegenheit und Ge[-]
sundheit dazu. Ich hoffe daß Dir meine Mittheilungen nun zugleich Andeutungen
geben wie Du dazu die Familie und das Familienleben als ein Ganzes
zu betrachten, besonders aber auch zu erfassen hast. "Alles was mit
den Kindern geschieht, was ihnen begegnet, was sie sehen und hören, ja was sie
denken und empfinden muß ihnen des Lebens Alleinkla[n]g zeigen, muß sie zur Wahr[-]
nehmung desselben in sich und außer sich führen."- Grüße den Pfarrer Bitzius freu[n]dlich
von mir; ich hatte ihn immer lieb. Du weißt vielleicht er schrieb mir auch ein
sehr eigenthümliches, anerkennendes Stammbuchblatt! Es that mir immer leid
daß das Leben zu keinen Ergebniß kommen solltest. Doch Du nimmst alle
Lebensfäden sorglich auf und pflegst sie.- D[em] He. Pf. Stähli in Langnau
gleichfalls meinen Gruß; auch ihm müßte der Lady Hamilton Buch gewiß
sehr merkwürdig seyn, vielleicht ihn von Seite des Predigers mehr zum Ein[-]
greifen bestimmen. 7. Noch soll eine sehr merkwürdige Erziehungsschichte
von Madame Neckar-Sanssure (irre ich nicht einer Tochter der Mad:
Staël-Hollstein) erschienen seyn; noch habe ich es aber nicht zu Gesicht
bekommen können; ein Fremder der bey uns war, sprach es uns aus ein
gewisser Dr Steuber jetzt in Zeitz früher Prof am Gymnas. in Dortmund.
8. Wir haben in dieser Zeit sowohl in Keilhau als auch ich hier sehr
viele Freunde gehabt aus Bremen, Bückeburg, Zeitz, Göttingen, Jena auch Professor Rückert, der Dichter, aus Erlangen; wir reichten uns die Hände; alle
nehmen auch und oft recht regen Antheil an meinem Unternehmen, sechs
Spiele kamen dadurch in Umlauf d.h. sie wurden gekauft, so stirbt doch immer
das Leben nie ganz ab und {lebt / entwickelt} unter der Schnee- und Eisdecke des Lebens
sich fort.
9. Der Pfarrer Spieß schreibt Dir von einem zu errichtenden großen Verein
"zur Hebung des deutschen Schulwesens."- Dieser Mann kommt mir merkwür[-]
diger Weise immer wie ein Gedanken Jäger vor und wie mein Nachtreter[.]
Wunderlich ist es immer wie er nun schon einigemal mit denselben Ideen
bald darauf hervorgetreten ist, als ich sie unter uns besprochen oder sie eben
erst damit öffentlich dargelegt hatte.- So z[.]B[.] mit den Kl.-K[i]nder Beschäftigungen.- /
[206R]
Gewähren muß man ihn lassen, ihn auch sonst eine gewisse Pflege geben,
denn er vorbereitet und verbreitet wenigstens gewisse Ideen. Hast
Du darum Zeit so ist es immer gut wenn Du ihn einmal auf seine Zeilen
antworten und ihn so auf das Wesen um welches es sich handelt hinführen
kannst. Später veranlasse ich vielleicht selbst den Middendorff zu ei[n]en
solchen Brief von hier aus.
10. Du schreibst und fragst: Sind Elisens Sachen gut angekommen und wie seit [sc.: seid]
Ihr mit diesem Wege zufrieden?- Noch sind (heut am 23 8br) we-
der die Sachen noch der Avis zugekommen; auch wirst Du aus frühern
Briefen von mir und Middendorff ersehen haben, daß mit dem Dampf-
bote noch bis jetzt (ich weiß zwar nicht warum, ich glaube wegen des
Duanenaufenthaltes) keine Frachtgüter befördert werden, so also
muß alles noch den Landweg gehen, wenn es nicht mit gewöhnlichen
Schiffen oder Boten Langsam gehen darf.-
11. Wegen des uns zu sendenden Bettes werde ich Dir noch schreiben.
NB NB NB Wenn Du es aber schickst so vergiß doch ja nicht nachzu[-]
sehen, es muß bey unserer Abreise und später bey Absendung der
Sachen an uns eine Holzschachtel zurück geblieben seyn worin
mehrere Kleinigkeiten meiner Frau so auch Briefe von ihr
sich befinden, diese Schachtel vergiß doch ja und ja nicht beyzupacken.
In dieser Schachtel muß unter anderen auch eine Dose mit dem Namens[-]
zuges meines verst. Schwiegervaters von Perlen seyn, und in dieser
Dose muß sich meine Denkmünze von 1812/13 nebst Band befinden.
12. Auch Ferdinand will zugleich mit dem Bette Noten rc zurück
senden.
13., Dank für Deine Vignette auf dem letzteren Briefe, Du machst mir
durch solche, darf ich sagen, Klei[n]igkeiten gar große Freude, der Frau
und mir. Bitte wiederhole sie. He[.] Lauenberger habe ich in seiner
vollen Stattlichkeit mit Bart u allem erkannt. Überhaupt sey so
gut und schreibe mir so oft Du nur kannst. Deine Briefe sind mir
die einzige nachhaltige Herzensspeise (ich möchte sagen Lebensöl, alles
andere verflüchtigt sich so unglaublich leicht, daß am Ende nichts bleibt.[)]
Ich will aber nicht aussprechen daß ich mich nach Deiner Nähe und Mitwir[-]
kung herzlich sehne, denn es wäre ja Unrecht, Dein Wirken se[e]gnet ja
Gott daß es wächst, blüht grünet u fruchtet. Gott seegne es weiter.

14.) Gestern Abend (Ich schreibe dieß nemlich heut dienstags am 23 8br) war
Ferdinand hier um uns und namentlich seiner Base Lebewohl zu sagen, auch Deine
Mittheilungen aus der Schweiz u Willisau wörtlich zu vernehmen. Ich benutzte
diese Gelegenheit um als Mann gegen über dem Mann offen mit ihm zu reden; ihm offen
zu sagen was ich in seinen Leben vermisse: Anerkenntniß also Bewußtseyn und Pflege
eines klaren bestimmten Lebensgrundgedanken besonders als Erzieher. Er war sehr ge-
rührt und sprach mir aus: ob er mich gleich nicht in allem Verstände, so ginge er doch g[an]z
anders nun in die Schweiz zurück als er sie verlassen pp. pp. Es war für mich ein
wirklich heiliger Augenblick. Ich sprach ihn noch aus in innerste Lebenseinigung mit Dir zu
treten, und so bitte ich denn auch Dich sein Leben zu pflege[n], es ist eines reinen kräft[i]gen
gesunden, jungen Mannes Leben. Doch ich weiß Du thust es so.- So wäre ich nun wohl zu
Ende, daß ich den Brief nun zur Post bringen kann. Mit Gruß u Kuß DFrFr.
[Nachschriften an den Rändern von 206R/205RV/204RV/203R:]
Ferdinand wird unmittelbar an den Verein nach W. schreiben; er fand auch die Anzeige als die beste Antwort. Ich hoffe doch noch!!!
Wir haben ganz prachtvolles Herbstwetter. Gestern gieng ich mit m: Fr. bis über die erste H[au]ptkrümmung im Schwarzethal; es war wunderlieblich
die Färbung des Laubes außerordentlich schön: O! wenn doch nur m: Ernest: bey mir wäre, sagte diese, die würde sich doch auch recht freuen.-
Wenn Du etwa gelegentlich dem Wilhelm Clemens wieder schreibst, so sprich ihm doch aus: Ich hätte gehofft er würde einst mit mir und uns
die Gärtnerey (die Gewächspflege pp) als eines der ersten Erziehungsmittel der Kindheit, der und des Menschen, als eine wahre
Gottesoffenbarung an die Menschen zur Erri[n]gung ihres Lebensfriedens bearbeiten; das habe ich von ihm gehofft, somit eines des Höchsten.