Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Henriette Wilhelmine F. in Blankenburg v. 12.12.1838 (Dresden)


F. an Henriette Wilhelmine F. in Blankenburg v. 12.12.1838 (Dresden)
(Autograph nicht überliefert; ed. Rhein. Blätter 1878,147-152)

Dresden, am 12. December 1838


Meine theure Frau!

Möchte doch Gott geben, daß Dich dieser Brief in einem leidlichen, auf dem Wege der Besserung und Erstarkung begriffenen Gesundheitszustande träfe! Möchte im Augenblick meines Wegganges die allbelebende und erfrischende Hoffnung bei Dir eingekehrt sein! - Welch' ein wunderbar gewaltiges Gefühl der Einigung und des Einsseins knüpft sich doch an die Trennung! - Warum ist dies Gefühl nicht auch das alles durchdringende und allbelebende in der Zeit des wirklichen Zusammenlebens? - Wie zieht mich nun die Sehnsucht wieder zu Dir, so zu Dir, daß ich mich augenblicklich auf den Rückweg machen und zu Dir zurückeilen könnte, wenn mich nicht wirklich die Pflicht zurück hielte. Doch wie in diesem Augenblick sich die Verhältnisse hier machen, so scheint es, als wolle mir Gott wirklich hier etwas, sei es auch auf die kürzeste Zeit, zur Pflege anvertrauen.
Doch ich will nicht vorgreifen, sondern zuerst meine kleine Reiseerzählung geben. - Wie Du aus meinem Zettelchen von S -- -- aus ersehen haben wirst, fuhr nach einem für mich langweiligen Aufenthalte die Post erst nach 5 1/4 Uhr von Saalfeld ab. Erst ging es nach Pösneck, und zwischen 9 und 10 Uhr kamen wir nach Neustadt an der Orla. Hier wurde zuerst etwas Festes gegessen. Nun ging es die Nacht hindurch nach Mittelpölnitz und Gera; hier kamen wir zwischen 3 und 4 Uhr Morgens an. Da wir ein wenig kalt hatten und man an den Ofen in der Passagierstube daselbst eine gute Quantität Holz gelegt hatte, so hielt uns die dadurch erregte erquickliche Wärme in der Stube fest,
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besonders unsern Frankenberg, so daß wir, als wir eben ein sehr einladendes Kaffeefrühstück in einem benachbarten Gasthof zu uns nehmen wollten, demselben, ohne es nur anzurühren, den Rücken kehren mußten. - In Altenburg wurde jedoch in der Stadt Gotha das Versäumte nachgeholt. Doch war auch dazu für uns eben nicht viel Zeit; allein der schöne Puffer mußte uns doch erquicken, und er that es auf das Angenehmste. Schnell wurde nun auf die Plattform nächst dem Schlosse geeilt, um nur einen Gesammtblick auf die Stadt zu erhalten; die vorher gehandelten Überschuhe von Filz wurden für mich von Frankenberg abgeholt, und so war 12 Uhr, die Zeit der Abfahrt aus Altenburg, herbeigekommen. - Jetzt galt es eine große Station von 3 1/2 Meile bis Rochlitz. Da die Pferde aber auf die Hälfte derselben in Roth oder Roda (einem Dörfchen) etwas zur Stärkung erhielten, so hielten wir für gut, auch unserem Körper etwas zu geben. Ein dörfliches Essen, kaltes Schweinefleisch und Gurken, sollte uns diese geben, und Frankenberg hielt es für gut, darauf eine Tasse Kaffee zu trinken, und ich lud mich gern bei ihm zu Gaste, d. h. ich war es zufrieden, daß er noch eine zweite Tasse kommen ließ. In Rochlitz, einem sehr schönen Landstädtchen angekommen, eilten wir, die - den Thurm ausgenommen - uralte Kunigunden-Kirche wenigstens von außen zu sehen; doch die Luft war feucht, kalt, und so konnten wir das ehrwürdige gothische Gebäude nur mit flüchtigen Blicken schauen, was mir gar sehr leid that; in das Innere zu gehen, war es zu spät; doch rathe ich jedem, der Rochlitz einmal passirt, dies, wenn es möglich ist, ja nicht zu versäumen. Die Kirche soll von der Kaiserin Kunigunde erbaut und so über 1000 Jahre alt sein. Zur Post und in der Passagierstube - welche zugleich die Haus- und Wohnstube des Herrn Postmeisters Hauptmann von Baltlar war - zurückgekehrt, nahmen wir den Vorschlag und Antrag desselben an, uns durch ein echtes und reines Glas Forster zu erquicken. Wunsch und Sehnsucht, ja mehr als dies - in der Tiefe des Gemüthes auftauchende Freudigkeit führte ihn zu den Lippen. - O! möchten die Gefühle, die mein Gemüth durchströmten, gleich in der folgenden Nacht Dir einen recht erquicklichen Schlaf und /
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Stärkung am Morgen herbeigeführt haben! Unsere Flasche, der nun wohl bis zur Hälfte zugesprochen wurde, erquickte uns so, daß aus einem Glase Wein für jeden 2 wurden; der Wein war aber auch selber gut. Zwischen dem Main und dem Rhein am Fuß und den Vorbergen des Taunus geboren, vereint er die Eigenschaft beider Gewächse. - In Waldheim, der Grenzstation, wurde zu Nacht gegessen, und gegen Mitternacht ging es nun über Nossen an der Freiberger Mulde (Rochlitz liegt an der weißen Mulde) nach Dresden.-
Hier kamen wir Morgens, ich glaube zwischen 8 und 9 Uhr an. Der Kofferträger führte uns in das große Rauchhaus, von welchem er uns sagte, daß es zwar etwas alterthümlich, aber sonst ein gutes Gasthaus sei. - Unser Herr Houpe sagte gestern Abend: Hier sind Sie gut aufgehoben, Sie sind wie in einer Familie, und die Leute sind wirklich menschlich, freundlich, und so finden wir es auch. Am Abend fanden wir noch, daß der - nun wohl alte Nösselt in diesem Sommer auch hier logirt hatte. Dies machte uns das Haus auch lieb. Doch werden wir ein Stübchen besonders miethen, wenn sich unser Aufenthalt auf einige Tage ausdehnen sollte, wozu Herr Houpe um des billigen Lebens willen sehr gerathen hat; doch sollen wir hier auch in einem sehr billigen Gasthaus sein, welches noch das Gute hat, daß es sich mitten in der Stadt findet.
Unser nächster und erster Ausgang war nun zu dem noch unverheiratheten Chemiker Herrn Houpe. Er war aber ausgegangen, und wir wurden nach Tische wieder zu ihm beschieden. Durch seinen Beruf, sein Geschäft und seine Lebensverhältnisse eigentlich einem Wirken, wie dem meinen, ganz fremd, traf ich in ihm einen Mann von dem theilnehmendsten, allgemein menschlichen Interesse; dies erhöht steigend von Moment zu Moment mein Vertrauen zu ihm: ich theilte mich ihm offen nach Ziel und Zweck, Weg und Mittel mit, und er nahm alles so denkend und beachtend in sich auf, als beträfe es nur einzig sein Interesse. Wie von einem Berge herab überblickte er mit seiner allgemein menschlichen wie Lokalkenntniß das Ganze und suchte Ankergrund. Er fand ihn bald in der Familie und besonders /
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in der Person des Herrn Geheimen Regierungsrathes von Schaarschmidt, welcher eine ebenso zahlreiche wie liebe Familie und besonders eine selten mütterlich gesinnte Gemahlin habe, und sich mit dieser sehr der Sorge für seine Familie, seine Kinder, hingebe. Dieser arbeite mit dem Minister von Lindenau zusammen; so meint er werde das Ganze am besten eingeleitet. Sonst wurden die gesammten Verhältnisse Dresdens überschaut und für unseren Zweck zur Beachtung prüfend geordnet rc. rc. Er lud uns auf den Nachmittag 3 Uhr wieder zu sich ein, um gemeinsam mit uns eine Parthie nach dem großen Garten zu machen, wo Abends gegen 1 Sgr. Eintrittsgeld für den Mann ein sogen. Extraconcert von dem Musikchor des Leib-Regimentes gegeben wurde. Die Musik war schön, und schön besprach sich weiter das Ganze. Doch nachholen muß ich: ehe wir zum zweiten Male zu Houpe gingen, suchte Frankenberg zuerst Peters auf; ich wollte nicht gleich mitgehen. Frankenberg traf die Familie sehr erfreut über sein Wiederkommen, und wir sind nun für heut Abend 6 Uhr zu ihm eingeladen. Während Frankenberg bei Peters war, ging ich einige Straßen auf und ab, und als wir uns wieder fanden, gingen wir gemeinsam in die Blochmann'sche Anstalt, um zu hören, wenn [sc.: wann] der Herr Direktor zu treffen sei. Wir hörten, am besten heut früh zwischen 8 und 9 Uhr. Auf diese Zeit ließen wir uns nun von dem Hausmann bei ihm melden; denn Herr Blochmann war ausgegangen, und ich hatte auch jetzt nicht Lust, zu ihm zu gehen, weil uns die Glocke zu Herrn Houpe zurück rief. Zu diesem zurückgekehrt, ging es mit demselben, wie verabredet, in den großen Garten. Dort wurde, wie oben schon erwähnt, alles nochmals bei harmonischer Musik zu einem harmonischen Ganzen durch[ge]sprochen und von Herrn Houpe als das beste erkannt, daß ich gleich heut früh zu dem nur 3 Häuser von ihm entfernten, ihm persönlich bekannten Herrn Geheimen Regierungsrath v. Schaarschmidt ginge, daß er, Houpe, mich zu ihm begleite und wir ihn theils um Rath in der Sache, theils um die Erlaubniß bäten, mit seinen Kindern im häuslichen Kreise spielen zu dürfen. Ob uns gleich Herr Geheime Regierungsrath v. Schaarschmidt /
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- was ich auch ganz in der Ordnung fand - als Geschäftsmann sehr ruhig, kurz, ja etwa trocken empfing (es war aber auch schon Morgens nach 8 1/2 Uhr), so wurde er doch bald nach einigen Abern sehr eingehend, ja wurde für einen Moment recht still freundlich, als wir ihm auf seine Frage: - "Nun, was wollen Sie von mir? - (d. h. dem Ton und Sinne nach was wollen oder erwarten Sie, daß ich in und bei der Sache thun soll?)" - antworteten, daß, da wir wünschten, einer Familie zuerst das Ganze prüfend vorzulegen, er uns erlauben möge, 1/4 Stündchen oder mehr mit seinen Kindern spielen zu dürfen. Jetzt war sein Vaterherz getroffen. Er willigte gütig sogleich dazu ein und schlug vor, ihn schon heute Nachmittags 3 Uhr zu besuchen. Ich mußte dies ablehnen, weil ich die Spiele noch nicht in genügender Quantität hier habe. Er sagte: Nun gut, also Morgen Nachmittags 3 Uhr, und sind dann die Sachen noch nicht da, übermorgen. Er schlug vor, wenn dieser erste Versuch gelänge, dann einen Versuch mit einem größeren Kreise zu machen. So schieden wir schnell; er legte viel Gewicht auf das Urtheil von Blochmann. - Dies war mir, ich gestehe es offen, nicht ganz lieb; ich wollte lieber, er hätte seinem Vaterherzen und seiner gesunden Vernunft vertraut, wie dem Eindruck auf das Mutter- und Kindesgemüth und den Wirkungen in dem Kinderleben. - Nun besuchte ich zunächst mit Frankenberg eine Spielwaarenhandlung, besonders um angekündigte Baukasten von 5 Sgr. bis zu 5 Thlr. zu sehen, ebenso dergleichen Legespiele; dieses, um mit Kenntniß des Daseienden gerüstet zu sein.
Bald besuchte mich Herr Director Blochmann. Er war jovial, freundschaftlich, freundlich, glatt, gewandt; ich wollte, er wäre von dem allen weniger oder es wenigstens mit weniger Folie gewesen. Diese Folie zeigte sich mir aber so stark, daß ich in ihm vielleicht den verborgensten, aber bei der allgemeinen Achtung seines Urtheils den größten, vielleicht stillsten und hartnäckigsten Gegner fürchten muß. Eingehend eigentlich zeigte er sich bei allem Anstrich von Cordialität doch gar nicht: er lud mich auf morgen nach 11 Uhr und dann für künftigen Sonntag - "wenn ich noch hier sein sollte" - zum Mittag ein. Jener /
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Beisatz erschien mir fast wie ein Wunsch, daß es nicht mehr der Fall sein möchte. - Doch ich muß zum Schluß eilen.
Houpe sprach von einem Vortrag und unmittelbarer Vorführung der Spiele in dem pädagogischen Verein. Genug, wie die Sachen hier stehen, so habe ich den folgenden Wunsch: - Alles hängt von dem ersten Auftreten der Spiele und der Gewinnung der Kinderherzen und des Sinnes der Eltern ab; dazu scheine aber sowohl ich als Frankenberg in Beziehung auf die Ausübung zu schwach; daher wünschte ich nichts sehnlicher als daß Middendorff schon auf einer Reise hierher begriffen wäre; er müßte sich ganz unabhängig von mir und Frankenberg bei Valentin einlogiren (wenn es möglich wäre), damit wir persönlich der Vorführung mehr gewachsen wären. Hätte ich die Sache in Blankenburg gewußt, wie ich sie jetzt weiß - Middendorff hätte ich dann wohl zur Mitreise bestimmt. - Der einfache Geist muß jetzt allein alles wirken und der Geist der Wahrheit. - Jetzt will ich zu Gesell, morgen zu Valentin, heut Abend zu Peters. - Schreibe mir bald nur ein Wort. Adresse: Houpe, Chemiker, auf dem Antonsplatze oder Mariengasse Nr. 15. Die herzlichsten Grüße an Alle. Gott stärke dich. Morgen schreibe ich nach Keilhau.
Fr.