Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Henriette Wilhelmine F. in Blankenburg v. 23./25.12.1838 (Dresden)


F. an Henriette Wilhelmine F. in Blankenburg v. 23./25.12.1838 (Dresden)
(Autograph nicht überliefert; ed. Rhein. Bl. 1878, 159-171. Der edierte Brieftext, S. 159-174, setzt sich aus zwei chronologisch inhomogenen Teilen zusammen. Offensichtlich wurden bei der Edition Blätter verwechselt. Im ersten Teil, S. 159-171, 1. Abschnitt, des Editionstextes befindet sich Middendorff bereits in Dresden, während im zweiten Teil, ab S. 171, 2. Abschnitt bis Briefschluß, Fröbel entschieden Middendorff zur Unterstützung anfordert. Der Text S. 171, 2. Abschnitt bis 174 gehört zum Brief vom 14.12.38 und stellt dessen zweiten abschließenden Teil dar. Er ist daher dem Brieftext vom 14.12.1838 beigefügt.)

Dresden, Sonntags 23. Christmonats ½ 3 Uhr Nachmittags 1838.


Meine theure Frau!

Zwar habe ich gestern Abend in Middendorffs Brief an seine Albertine einige Zeilen beigelegt, und ich hoffe, daß Du solche von Keilhau aus zur unscheinbaren Christfestgabe erhalten wirst; dennoch weiß ich meine ½ Stunde Freizeit hier zu Hause nicht besser zuzubringen, als entweder an Dich und durch Dich an unsre theueren Freunde in Keilhau oder an den treuen Langethal - dessen Ruhm mir auch schon wieder von Leipzig herüber nach Dresden tönt - zu schreiben; ich wähle zunächst das Erstere, weil ich an Letzteren die ersten Ergebnisse zu schreiben gedenke, die ich gleich in den ersten Tagen nach Weihnachten erwarte. Für Dich, für Deine verzichtleistende Hingabe jetzt nur das Hauptergebniß. - Es erscheint fast, als wäre hier alles zu meinem Erscheinen und auszuführenden Wirken vorbereitet: alles wickelt sich ruhig und still und fast wie von sich selbst auseinander, /
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und jeder von mir neu aufgenommene pflegende Punkt entwickelt sogleich aus sich eine weitere förderliche Thatsache. Doch ist es natürlich, daß es für alles dieses eines wirkenden Mittelpunkts, eines Vor- und Durchkämpfers, wenigstens eines Vor- und Vertreters, eines durchdringenden, kraftvollen Mannes bedarf. Das ist der Prof. Dr. Löwe, ein Mann, welcher, und ich glaube mit vielem Rechte, Frankenberg heute früh in Beziehung auf das hiesige Verhältniß mit Ris in Beziehung auf die Burgdorf'sche und Langethal'sche Wirksamkeit verglich. Dr. und Prof. Löwe ist gleichfalls ein Mann von ruhig kräftigem, entscheidendem Wirken, solchem Worte und solcher Sache, der in allen Beziehungen gleich zum rechten Punkt und Orte mit den kürzesten und entschiedensten Worten geht, darum ein Mann von vielen Personen- und Localkenntnissen und besonders von Kenntnissen der Verhältnisse der Menschen unter sich und zu den auszuführenden Gedanken. - Eine gute Sache, sagte er, darf nicht betteln gehen; allein er hat gestern den ganzen Morgen angewandt, um ihr die nöthigen Wege zu bahnen und sie zur Kenntniß der dafür wichtigsten Personen zu bringen. Man muß diesen Männern, sagte er, die Sache gleich aus den Gesichtspunkten des Ortes und des Landes zeigen, sonst denken sie gleich, der Sprecher sucht etwas für sich, und dann haben sie weder Mittel noch Verständniß, um die Sache zu fördern; jene Orts- und Landeskenntniß können aber Sie (ich) nicht haben, und deshalb will ich (Löwe) die Sache einleiten und Sie (mich) bei diesen Männern einführen. So war er gestern zuerst bei dem Geheimen Kirchenrath Schulze (zu welchem ich, im Vorbeigehen gesagt, fast von allen Punkten aus hingewiesen worden war); Schulze ist für die Angelegenheit des Cultus im Ministerium des Innern [zuständig]. Das erste Ergebniß war, daß er mich auf heut zwischen 11 und 12 Uhr zu sich einladen ließ. Ich ging mit dem Schlag zu ihm, und schon hatte die Bedienung den Befehl, uns sogleich einzuführen. Bis ¼ auf 5 blieben wir, Frankenberg und ich, dort. Ich wollte mehrmals aufbrechen; allein er hielt mich immer zurück, indem er sagte, daß er heut Zeit habe. -/
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Weiter sprach er aus, daß er zwar ex officio, d.i. von Amtes wegen, nicht für die Sache wirken könne, indem die vorschulfähigen Kinder dem Landes-Erziehungs- und Schulgesetze noch nicht unterworfen, sondern den häuslichen Verhältnissen und den Wohlthätigkeitsvereinen, genug dem Privatwirken anheimgegeben seien; er werde jedoch der Sache, soweit es sein Amt und Geschäft erlaube, die größte Aufmerksamkeit widmen. Höchst merkwürdig war es mir, daß er eben in dem Augenblick, als ich zu ihm gekommen war, eine Anzeige meines Wirkens und Unternehmens in der allgemeinen Schulzeitung, die in Darmstadt herauskommt, gelesen hatte. Besser hätte ich für diese Verhältnisse und diesen Ort nicht zum zweiten Mal eingeführt und kurz vor meinem Eintritte ihm in seine Erinnerung zurück gerufen werden können. Er notirte sich sogleich meine Wohnung und die Zeit und Stunde, in der er unserm Spiel bei dem Herrn Regierungsrath Schaarschmidt beiwohnen könne; zugleich rieth er mir, mich dem Minister des Innern und des Cultus, Herrn v. Carlowitz, vorzustellen - bei welchem er mich selbst morgen bei Gelegenheit einer Sitzung vorläufig durch's Wort einführen werde. Ebenso empfahl er mir, den Herrn Director der Schule der Gesellschaft für Rath und That, deren Vorstand er, der Herr Geheime Kirchenrath Schulze selbst ist, - aufzusuchen, als einen jungen strebsamen Mann; zugleich empfahl er mir, doch ja auch den Herrn Oberconsistorialrat und Hofprediger Dr. von Ammon zu besuchen. Du siehst nun, meine theure Frau, wie sich das bestätigt, was ich gestern aussprach. Er wünsche der Sache den besten Segen und günstigsten Fortgang und, sagte er, eine Sache auf den Grund gebaut, welchen ich ihm andeutete, müsse beides zur Frucht haben. - Ebenso war ich gestern Abend spät noch bei unserm Herrn Dr. Peters, um ihm aus freundlichem Danke für seine fördernde Theilnahme den jetzigen Stand der Sache mitzutheilen; durch den Gang der Mittheilung veranlaßt, sagte er, daß er die Sache auch einer gewissen Frau Gräfin Vitzthum von Esenek, einer Vorsteherin im Frauenvereine und einer Dame von ganz besonderer Mildthätigkeit, /
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zur Beachtung empfehlen wolle; er habe in den nächsten Tagen Gelegenheit, mit derselben zu sprechen.-
Gestern früh - oder habe ich es Dir gestern schon geschrieben? - war der Herr Prof. Grahl, ein Maler, bei mir. Es ist derselbe, an welchen das förderliche Wohlwollen der Frau Prinzeß zu Schaumburg-Lippe dem Herrn Frankenberg Empfehlung gegeben hatte. - Als Frankenberg diese Empfehlung bei ihm abgab, traf es sich zufällig, (?) daß gerade die Erzieherin der Kinder des Prinzen Johann bei ihm war; schon damals sagte er, daß er sogleich Gelegenheit nehmen werde, mit dieser über die Sache zu sprechen und sie durch diese der Prinzlichen Familie nahe zu bringen. Jetzt sagte er mir, daß er selbst schon mit dem Prinzen Johann über die Sache gesprochen habe. Herr Prof. Grahl blieb mit einer kleinen Unterbrechung von 9 - 12 Uhr Mittags bei mir. Er ließ sich die Sachen bis zum 4. Spiele und auch sonst nach allen Seiten hin vorführen. Er sagte dann, daß er mehrere seiner Freunde für die Sache interessiren werde. Er selbst kaufte zunächst alle 4 Spiele nebst Beilagen. Der Hauptgedanke unseres Gesprächs war, daß es wünschenswerth sei, in Dresden dafür eine Normalbildungsanstalt zu errichten, da Dresden ein Ort sei, wo Natur, Kunst und Wissenschaft, wenn auch nicht vorzüglich, doch alle in gleichem Maße gepflegt werden. Er lud uns ein, zu jeder Zeit zu ihm zu kommen und mit ihm vorlieb zu nehmen. Zu dem oben ausgesprochenen eigenen Zusammentreffen gehört auch, daß Herr Valentin, bei welchem Middendorff wohnt, ein Blutsverwandter (2. Geschwisterkind) von Schaarschmidt ist; ob jedoch daraus weiter eine Frucht hervorgeht, wer kann es wissen.-

Am Christheiligenabend, Nachmittags nach 1 Uhr. Guten Morgen und guten Tag Dir zugleich, meine liebe Frau. Gott gebe nur, daß Dich dieser Brief in bleibend leidlichem Zustande antrifft. - Eben als ich gestern das Vorstehende Dir mitgetheilt hatte, trat Middendorff zu mir, um nach 4 Uhr gemeinsam nach dem Gewandthause (Gewandt = Tuch; Gewandthaus = Tuchhause) oder vielmehr nach dem großen Saale in demselben zu gehen, um dort eine Christbescheerung zu sehen, welche, wie /
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ich hörte, mehr als 1400 armen Schulkindern der Stadt gegeben wurde. Der Saal mag mehr als 200 Fuß lang sein; er hat 16 bis 18 Fenster Fronte - (ein Fenster und ein Schafft beträgt immer 12 Fuß) im Verhältniß war seine Breite vielleicht 50 und mehr Fuß. Auf zwei langen Tafeln längs des Saales und einer Tafel in des Saales Breite lagen die Geschenke: Christstollen, Äpfel, Kleider, Bücher, Spielzeug, alles, wie es schien, nach Bedürfniß des Empfängers, von den vielen Lichtern einer großen Menge von Christbäumen, welche in mäßigen Entfernungen auf den Tafeln einander gegenüber standen, und dann noch von besonderen Kronen- und Wandleuchtern erleuchtet. Ich überlasse die Beschreibung dem poetischen Middendorff, sage nur, daß die Feier in Ausführung von Instrumentalmusik, in Absingung eines Choralliedes, dann in einer Rede eines Geistlichen, dann wieder in Absingung eines gleichen Gesanges bestand, unter Anwesenheit mehrerer Hunderte von Zuschauern, obgleich der Einlaß 4 und 6 Sgr. kostete. Auch die Königin und andere vom Hof waren gegenwärtig. Es war rührend, die Freude der Kinder zu sehen, als sie unter froher Musik in den Saal und zu ihren Geschenken traten. - Daß ich vorher mit Frankenberg schon die Christbescheerung in den 3 hiesigen Kleinkinderschulen, wo in jeder wohl gegen 80 - 100 Kinder sein mögen, besuchte, habe ich Dir schon gemeldet, sowie daß bei jeder dieser Bescheerung[en] die Prinzeß Johann gegenwärtig war, welche die Kinder immer noch besonders beschenkte, die Knäbchen mit einem Bilderbuche, die Mädchen mit Taschen. Du siehst, meine liebe Frau, daß hier ein eigner Kinderpflegesinn herrscht, wie er mir weder von Frankfurt a. M., noch von Berlin bekannt ist. So ist auch hier die eigne Sitte, daß in mehreren Privatschulen den Kindern und Schülern gemeinsam bescheert wird. Die Eltern senden die Geschenke für ihre Kinder dahin, hoffend, denselben durch die Gemeinsamkeit die Freude zu erhöhen; auch vermuthe ich, daß die beschenkenden Eltern selbst dabei gegenwärtig sind, sowie gestern die Lehrer und Lehrerinnen, aus deren Schulen die Kinder beschenkt wurden. Jeder Lehrer oder Lehrerin führte immer ihre Schüler an. Von da aus gingen wir, jedoch jeder einzeln, da uns das Leben /
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geschieden hatte, zu einer großen musikalischen Akademie, welche zum Besten der hiesigen Armen im Theater gegeben wurde. Das Theater war gedrängt voll, weil ein bis jetzt noch unübertroffener Pianist auf dem Fortepiano, ein gewisser Thalberg, sich hören ließ. Auch darüber lasse ich Middendorff referiren, sage nur, daß bei unglaublicher Fertigkeit sein Spiel einfach, oft höchst einfach, sehr klar, ich möchte sagen durchsichtig, sehr bestimmt und vor allem aber vorzüglich gesangreich war; es war oft gar nicht, als wenn man ein Saiteninstrument hörte, und bei den schnellsten Läufen, wo es schien, als glitte der Finger über die Tasten, konnte man doch jeden Ton unterscheiden. Doch wie gesagt, Middendorff wird es ausführen. Weiter traten eine Sängerin mit Altstimme, ein Tenorist und 3 Bassisten auf. - (Jetzt muß ich, es ist 2 Uhr, zu dem Herrn Consistorialrath Walch).

Am lieben ersten Christfest.
Wie auch an diesem lieben theuern Christfest nach der Seite der ersten Kinderpflege hin Keimboden, Ackerland und Ankergrund sich zu finden scheint, wie auch eine Ahnung und ein Schatten der Möglichkeit heraufdämmert, daß durch meine jetzige Gegenwart hier mein schönstes und höchstes Streben: - die Pflege, die sorgliche und zusammenhangsvolle Pflege der ersten Kindheit zu einer gesammten, gemeinsamen Lebensaufgabe Vieler und ganzer Vereine, ja Städte zu machen - erfüllt werden könne, - so ergreife ich dennoch die Feder mit Wehmuth, weil ich dieses liebe Christfest nicht auch im äußeren Leben geeint mit Dir, und so wir vielleicht gemeinsam mit den lieben Keilhauern, verleben kann. Weil ich solchen Entsagungen mit solchem Gehorsam gegen das Gebot der Nothwendigkeit entgegen gehe, so ahnet Niemand, noch weniger weiß und glaubt wohl gar Jemand, welches stille Leid sie mir machen, und mit welcher wehmuthsvollen Sehnsucht sie mein Herz erfüllen. Ja, ich möchte wohl wünschen, daß recht Viele, Viele mit mir fühlten und erkenneten, welche Entbehrung und Entsagung, welche Mühe und Arbeit es kostet, einem noch nicht erkannten, wenigstens einem noch nicht allgemein anerkannten Lebensgedanken, von dessen Wahrheit ich nicht lassen kann, ja /
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welcher mit meinem Sein verwachsen ist, im Leben allgemeine Anwendung zu verschaffen.
Merkwürdig tritt es mir in diesem Augenblick entgegen, daß, wie ich die Begründung des jetzigen hiesigen Wirkens durch die Entbehrung des Weihnachtsfestes erkaufen muß, ich mir so mein Wirken in der Schweiz durch die Entbehrung der Hochzeit von Barop und Emilien erwerben mußte. Möchte das Ergebniß des letzteren von guter Vorbedeutung für das erstere und jetzige sein!-
Also mein Christfest in der Seele und mit Sehnsucht mit Dir, liebe Frau, und mit Euch allen in Keilhau und Blankenburg feiernd, will ich nun in der gestern abgebrochenen Erzählung fortfahren. Es war also 2 Uhr, und ich suchte den Herrn Consistorial- oder Kirchenrath Walch auf, unter welchem das ganze Schulwesen des Distrikts oder Bezirks von Dresden steht. - Ich muß hier doch einer kleinen Sonderbarkeit erwähnen, welche mir mit diesem Manne begegnete. Als ich am Vormittag ihn aufsuchte, waren auf dem Vorplatz 2 Klingeln; ich wählte ich zur linken, weil mir die zur rechten unmittelbar in die Zimmer des Herrn Walch zu führen schienen und ich so unmittelbar dort nicht einzutreten wünschte. Kaum hatte ich aber an der Glocke gezogen, als er im Nu, eben zum Ausgehen fertig, vor mir stand; darum wurde ich zu einem zweiten Besuche Nachmittags 2 Uhr bestellt; jetzt nun zog ich - glaubend es recht gut zu machen, um nicht so unmittelbar bei ihm einzutreten, an der zweiten Klingel rechts, das Vorzimmer öffnet sich, und siehe der Herr Consistorialrath stand im Hauspelz vor mir, was ihn selbst etwas unangenehm zu berühren schien. - Jetzt möchte ich es fast so deuten, daß wir dadurch aufgefordert werden sollten, uns frei und unbefangen, gleich ausschließlich auf die Sache das Auge richtend, entgegen zu treten, und so war es denn auch. Er war im Allgemeinen sehr eingehend, versprach der Sache seine Aufmerksamkeit zu schenken und ehestens in den Beschäftigungsstunden bei Schaarschmidt gegenwärtig zu sein, und mehr suchte ich ja nicht; ja ich suchte eigentlich dies nicht einmal, sondern ich wollte blos durch meinen Besuch eine Forderung erfüllen, die sich mir /
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in den Verhältnissen aussprach. - Von diesem kommend und um eine Ecke biegend, sehe ich unerwartet Director Dr. Blochmann vor mir; ich weiß nicht, war es eine Folge der unerwarteten Zusammenkunft, oder war es bewußte Absicht; genug, er lud mich sogleich auf heute (½ 1 Uhr) zu Mittag mit Frankenberg ein.
Als ich nach Haus zurück kam, hörte ich, daß Herr Ruck aus Würzburg nach mir gefragt habe und daß er nach 2 Uhr wieder hierher kommen werde. Er kam mit Alphons, und da bald darauf auch unser Middendorff - von welchem ich gar nicht glaubte, daß ihn Herr Ruck kannte, in's Zimmer trat, war letzterer ganz erstaunt; denn er hatte ihn ja kaum vor 8 Tagen in Keilhau verlassen. Um 3 Uhr sollte ich den Herrn Kammerherrn von OByrn (so schreibt er sich) sprechen, wurde aber auf heut 2 Uhr wieder beschieden. Herr Ruck, zu welchem ich nun in meinen Gasthof zurück gekehrt war - kannte auch Herrn Schaarschmidt und Herrn Theodor Holl, - eigentlich Winkler geheißen, an welche er Freimaurergrüße von Consistorialrath Nonne in Hildburghausen hat; er hoffte dadurch Gelegenheit zu haben, am nächsten Logentage - am 28. d. Mts. - gegen diese genannten Herrn auch sein Verhältniß zu uns und Keilhau und seine Zufriedenheit mit selbigen erwähnen zu können. Theodor Holl ist Herausgeber der hier und in Deutschland vielgelesenen Abendzeitung. So greifen die Verhältnisse, besonders hier, sehr vielfach ineinander. - An gutem Willen wenigstens fehlt es Herrn Ruck gewiß nicht; wenigstens sagte er mir: - "Nun Sie sollen die Wirkung davon bald sehen!" Wie nun dem auch sei, so bleibt immer die Gesinnung achtungswerth. Wir saßen noch mit Ruck zusammen; Frankenberg war ausgegangen, als Herr Wilhelm Krause, Advokat hier, zweitältester Sohn des Herrn Prof. Krause, kam und eigentlich wohl Frankenberg - da er aber diesen nicht fand, auch mich und Middendorff zur Abendbescheerung bei seinem 16-monatlichen Kleinen einlud. - Ich sahe hier viele Einzelnheiten und Erscheinungen des Kinder- und Kindheitslebens, welche mir Aufforderung waren, den betretenen Weg der Kindheitspflege ferner allen Ernstes zu verfolgen./
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Middendorff und Frankenberg gingen von 11 - 12 Uhr in der Mitternacht in die Christmette der katholischen Kirche, wie auch ich und Middendorff früher als Frankenberg von Krauses gegangen waren - ich blieb wegen der rauhen Luft zur Schonung meiner Brust zu Hause.
Heut früh erzählte mir Frankenberg folgenden Vorfall, welcher sich einige Stunden nach unserem Weggang in dieser Familie zugetragen hatte, und zeigt, wie nahe den Menschen immer der Tod umschwebt. - Gegen 10 Uhr kommt ganz ängstlich die Magd in die Stube und ruft, doch leise, Herr Krause nach der Gegend hin, von woher man soeben den vorher so frohen Knaben hatte schreien hören; ein dicker Qualm, vor welchem selbst die Männer zurückprallten, trat ihnen sogleich bei Eröffnung einer Thür entgegen, und nun ergab es sich: das Kindermädchen hatte in der Stube, in welcher das Kind allein schlief, an den Ofen, in welchem noch das Feuer brannte, eine Decke über einen Nachttisch zum Trocknen gehangen; beide, Decke und Nachttisch waren angebrannt und schon die Thürpfoste im beginnenden Brennen, so daß das liebe Kind - nach seinem väterlichen Großvater Carl genannt - nahe dem Ersticken gewesen war. Ein Gefäß mit Wasser beseitigte jedoch bald die Gefahr. Unmittelbar vor diesem Vorfall hatte ein Anwesender vom Feuer gesprochen. - So erzählte mir heut Mittag Frau Dr. Peters, daß gestern, als sie mit dem Christfest beschäftigt gewesen, ihre liebe Julie (glaub ich) kopfüber vom Sopha gefallen sei, was ihr aber gar nichts geschadet habe. -
Weil ich heut morgen in mir sehr beschäftigt und erregt, die Luft aber gar sehr rauh war, so blieb ich zur Pflege für mich zu Haus und überließ den Freunden die geistigen Genüsse, welche v. Ammons Predigt und die Musik in der katholischen Kirche ihnen bot. (Herr v. Ammon soll über die Beachtung des Kinderlebens gesprochen haben).
Mittags ½ 1 Uhr gingen Frankenberg und ich zu Blochmanns, wo große Lehrer-Versammlung war. 2 Uhr ging ich zu Herrn Kammerath v. OByrn, wo ich die Nachricht erhielt, daß die Prinzeß Johann K. Hoh. ihre Erlaubniß gegeben, in den /
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Kleinkinderschulen, die unter ihrem Schutze stehen, weitere Versuchsanwendungen zu machen. Morgen früh 9 Uhr soll ich nochmals zu Herrn OByrn kommen. Nachmittags besuchte ich Middendorff bei Valentin, welcher sich in dieser höchst einfachen bürgerlichen Familie bei der darin herrschenden Gemüthlichkeit sehr wohl befindet. - Abends bis 7 Uhr waren wir hier beisammen und arbeiteten. Jetzt ist Middendorff zu Haus, um der Familie etwas vorzulesen. So, meine geliebte theure Frau, liegt mein Leben und Weben bis zu diesem Augenblick klar vor Dir. Jetzt will ich nun noch in meine Erinnerung zurück zu rufen und auf dem Papiere fest zu halten suchen, was heute meinem Geiste und Gemüthe über die Einzelausführung und über den inneren Zusammenhang und die weitere Fortentwickelung der Spiele entstiegen ist. Meine einzig geliebte Frau! - und wenn aus meinem Aufenthalt in Dresden, also meiner Reise hierher äußerlich auch Nichts, rein gar Nichts hervorginge, so ist der Gewinn, den ich in mir in Beziehung auf die innere Fortentwickelung und Ausbildung des Grundgedankens, dessen unmittelbare Anwendung auch auf das Einzelnste hin habe, von solcher großen Wichtigkeit, daß wenn ich dies sogleich dem Langethal in der Schweiz mittheilen könnte, ich den 10fachen Preis dafür, welchen die Reise kostet, für nicht zu viel hielte. Jetzt, meine geliebte Frau, habe ich alles zur Erfassung des Kindes, zur bildenden Darreichung dessen, was das Kind bedarf, gefunden, was ich, mir selbst unbewußt, suchte; ich habe aber überwiegend mehr gefunden, als ich geahnet, und alles auf die einfachste kindlichste Weise. Siehe, meine liebe Frau, das macht die Anforderung zur Anwendung und Ausführung, - das macht die Menge und die Vielartigkeit des Materials und die große Zahl und die verschiedene Art der Kinder, welche man vor sich hat. Gar oft entquillt es meinem Geiste in einem solchen Umfange, daß ich es für mich selbst kaum bis in's Einzelne hin allseitig bearbeiten kann. Und doch stehe ich immer nur noch beim Balle. Zu Hause hat es mich gar oft erdrückt, wenn ich gar nicht ausführen und anwenden konnte, was sich in mir bewegte. Jetzt weiß ich, was ich will und was ich jetzt gewollt /
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und weiß, wie ich es soll. Middendorff war und ist auch hocherfreut, und mehr noch über das Fortgeschrittene in unserem einfachen Spiele, was ihm davon Frankenberg mitgetheilt hat, und doch weiß dieser von dem, was ich in den letzten Tagen so wie heute gefunden habe, noch gar nichts. - Wenn Gott seinen Segen giebt, daß diese Beschäftigungs- und Spielmittel in einer großen Stadt, z.B. Dresden, allgemein angewandt würden, es müßte wenigstens im 3. Gliede eine neue Generation von Menschen daraus hervorgehen. Wie lieb mir die Kinder bei diesen Spielen erschienen sind, wie ruhig, sinnig, kann ich Dir gar nicht sagen, wie kleine Engel; und doch weißt Du, daß sie aus nichts weniger als engelhaften Verhältnissen hervorgegangen sind. Damit Du mich ohngefähr in Beziehung auf die Spiele verstehst, will ich Dir eine kleine Reihenfolge von Liedchen, die sie begleiten, hersetzen. Der von mir beabsichtigte Bildungsgang wird sich Dir daraus ergeben.
Der Ball als Gegenstand: "Das Bällchen ist doch gar zu schön, ich möchte es wohl einmal besehn." Hieraus schon entwickelt sich ein ganzes Gewächs von Spielen, z.B. 1) "das Bällchen, das will wandern aus einer Hand zur andern." 2) "1 Theil: "Das Bällchen möchte gern wandern von einem zu dem andern." 2. Theil: Und wünschen einen guten Tag! guten Tag! - 3) 1. Theil: Das Kindchen will auch wandern, (2. Theil:) und wünschen einen guten Tag, guten Tag! Die Kinder antworten: guten Tag! rc. 3. Theil mit Handbietung. 4) Das Kind muß von seinem Wandern etwas erzählen, jedes zu dem es kommt, fragt es, was bist Du: die Elbbrücke, der Christbaum, die Allee, ein Thier? Hat nun das Kind gewandert, so heißt es: wer wandert, muß auch zu erzählen wissen, was er sah: dadurch - Achtsamkeit, Gedächtnis, Erinnerung rc. Beim Guten-Tagbieten und Handreichen sittliche Beziehungen.
Mensch als Gegenstand oder Theile von ihm. 1) 1. Theil: „Auch meine Hand ist zu beachten, will sie doch einmal betrachten," (2. Theil) ist sie klar und rein, soll mir's Freude sein rc. Das Thun als Gegenstand der Beachtung. 2) Auch was ich thu', will ich beachten; find ich es dann recht oder wahr oder gut oder schön und reine, hohe Freude soll mir's sein. /
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Ebenso weiter: mein Denken, mein Sprechen, meine Freude, mein Fühlen rc. rc. Meine Besinnung, mein Herz.
3) Was ich will, will ich beachten, immer soll mein Wille sein, recht und wahr und klar und rein. Was willst Du? – rc. rc.
Du siehst, wie durch die Reinheit, Klarheit, Einheit rc. rc. des Balles und von derselben ausgehend das ganze Leben des Kindes ergriffen und veredelt wird.
Ein andermal: 1) Das Bällchen leicht beweget sich: bim baum, bim baum rc. 2) Auch ich gar leicht bewege mich, bim baum! rc. (gleichsam von einem Fuß auf den anderen schaukelnd). Mein Arm, mein Bein, weiter meine Hand: hin und her oder auf ab. Mein Auge leicht bewegt sich hin her! rc. Was siehst und sahst du? - Mein Geist, mein Denken leicht bewegt sich rc. rc. Was dachtest du? -
Dies, theure Frau, Dir zum Weihnachtsfest; Du wirst mich in diesen Andeutungen verstehen! -
Die Frau von M.[Minkwitz] ist zwar besser, doch noch nicht ganz wohl; so war ich also vorbereitet, nach Abgabe des Empfehlungsschreibens ruhig entlassen zu werden; doch alles wurde anders. Nach wenigen Minuten trat der Bediente heraus, nahm die Mäntel ab, führte uns in's Vorzimmer, sagend, daß auch der Herr v. Miltiz [sc.: Minkwitz] zu Hause sei und sogleich nebst Gemahlin erscheinen werde. Sie erschien zuerst, führte uns in's Aufnahmszimmer, und bald erschien auch ihr Gemahl; sie stellte uns ihm als die von der Frau Prinzeß von Schaumburg-Lippe Empfohlenen vor. Eine Frage nach dem Befinden derselben machte den Eingang. Um Beweise für ihr Wohlbefinden zu geben, erzählte ich, wie sie kürzlich in Keilhau gewesen und wie sie selbst in gewisser Beziehung der Grund und die Ursache meines Hierseins sei, nämlich ihre allgemeine Theilnahme an der Erziehung der Kinder, besonders auch der kleinen. So waren wir in der Mitte des Ganzen, welche das höchste Interesse nicht minder von ihm, als von ihr erhielt. Denke Dir, eine kleine Stunde schenkten sie uns, und das Ergebniß war gleich: Was ist für die Prüfung der Sache und wie ist es für sie zu thun? wie und wann ist sie dem Prinzen Johann /
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und der Königin, die die Beschützerin fast aller Frauenvereine in Sachsen, besonders im Gebirge ist, wie ist die Sache diesen Personen nahe zu bringen? wie sind sie zu veranlassen, vielleicht die Sache sich selbst vorführen zu lassen? wie ist einzuleiten, daß eine prüfende Anwendung gemacht werde? wo sind dazu die besten Lokale zu erhalten? Rc. rc. rc. Du siehst, mein geliebtes Weib, hier wurde nirgends die Zeit mit Aber und Wenn rc. rc. verloren, alles ging sogleich auf die Erreichung des Zweckes hin. - Morgen früh werde ich einige Exemplare Spiele als Gaben an den Frauenverein senden. Diese Gaben werden (oft zu hohen Preisen) verkauft. Ich werde hinzufügen, daß, wenn der Käufer entsprechende Kinder habe, ich mich erböte, persönlich den Gebrauch der Spiele zu zeigen. Es war mir dies auszusprechen auch von Houpe gerathen worden, und auch hier erhielt dieser als Beisatz Beifall. Dann werde ich morgen noch 1 Exemplar Spiele, 1. und 2. Gabe, ja auch wohl 3. Gabe, nebst einem Exemplar "Sonntagsblatt" bei Herrn v. Miltiz [sc.: Minkwitz] abgeben, damit er es dem Prinzen Johann vorlege. -