Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Henriette Wilhelmine F. in Blankenburg v. 3.1.1839 (Dresden)


F. an Henriette Wilhelmine F. in Blankenburg v. 3.1.1839 (Dresden)
(Autograph nicht überliefert; ed. Rhein. Bl. 1878, 239-242)

Dresden, am 3. Januar 1839.


Gott zum Gruß. Gemilderten Leidenszustand Dir, theure Frau,
und Freudigkeit des Herzens als schönsten Wunsch im neuen
Jahr!

Du wirst Dich recht gewundert, ja vielleicht Dich sogar geängstigt haben, weil jetzt im neuen Jahre noch keine Zeile von mir erfolgt ist; allein ich bin bis jetzt und diesen Augenblick so ununterbrochen, freilich wohl ein paar Mal auch ohne Noth und Erfolg, in Anspruch genommen worden, daß ich mir nur mit Mühe und Entsagung höherer Genüsse, z.B. sogar herrlicher Predigten in diesen Festtagen, (anderer mehr äußerlicher, z.B. /
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der Theatergenüsse, gar nicht zu gedenken) nur einige freie Zeit für mich zur ruhigen Sammlung erringen konnte. - Wie innig sehnend denkt mein Herz stets Deiner; ich habe diese Sehnsucht noch nie, so wie jetzt, in meinem Leben empfunden - so daß ich, wenn es der Stand der Sache erlaubte, sogleich jetzt aufbrechen und zu Dir eilen möchte. Doch einmal muß nun die Sache durchgefochten werden, und noch nie hat sich dazu alles so vereinigt, wie jetzt: alles hat sich im Publikum auf eine wirklich wunderbare Weise zu einer solchen Theilnahme aber auch Spannung entwickelt, daß ich wirklich in Beziehung auf die Sache sagen möchte, es geht zum Siege oder Tode. Es werden - ich glaube nicht im Mindestens zu viel zu sagen - es werden wenige Menschen von einiger Bedeutung in diesem Lebenskreise hier in Dresden sein, denen nicht die Sache schon bekannt ist oder denen ich sie, selbst gleichsam vom Schicksale und den Umständen an der Hand und am Arme geführt, noch persönlich bekannt machen muß. Erlasse mir jetzt das Namensverzeichniß - alles dies ist nichts und zerfließt wie eine Seifenblase in nichts, wenn die Vorführung des Ganzen auf künftigen Montag, den 7. Januar, in dem Saale für Naturwissenschaft (Hofrath Reichenbachs Hörsaal), zu welcher ich aufgefordert bin und die nun schon im öffentlichen hiesigen Anzeiger angekündigt ist, zu keinem günstigen Ergebnisse führt. Das Schicksal der Sache hängt scheinbar zunächst nur für Dresden, aber gewiß auch für Leipzig und so für ganz Sachsen, ja vielleicht für ganz Deutschland - bei der sich hier zeigenden Theilnahme an derselben und durch die Umstände dafür erregten Spannung - von dem Erfolge und Ergebnisse derselben ab. Möge Gott dazu seinen Segen geben! Doch auch wenn der Erfolg verneinend sein sollte, ist mir der Verlauf lieb, indem die Sache doch nun einmal wenigstens einem stimmberechtigten und stimmfähigen Publikum zur Prüfung vorgelegt worden ist. - Könnte es mir gelingen, bei einem großen Publikum, in einer großen Versammlung die Theilnahme, das Eingehen zu wecken und steigernd zu pflegen, wie es mir in mündlicher gesprächsweiser Mittheilung hier - ich darf wohl sagen - ganz allgemein gelingt, so wäre für die anerkennende Veröffentlichung /
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die Bahn gebrochen. - Doch warum Dich erst mit diesen Wenn's und Möglichkeiten unterhalten? Künftigen Montag, Abends 6 Uhr, und vielleicht schon in der Mitte zwischen 5 - 6 Uhr, ist für meine Sache das Loos gefallen. - Gern, sehr gern hätte ich bis dahin gänzlich geschwiegen, wenn ich Dich nicht dadurch unnöthig in tiefe Sorge gebracht hätte. Sogleich, Dienstag, hörst Du etwas Bestimmtes darüber und vielleicht - wenn ich schlecht gesprochen und gefochten - reise ich sogleich Dienstag, spätestens Mittwoch über Leipzig wieder von hier ab. - Käme es nicht so, sollte man über die unvollkommene Darstellung nicht die Sache aus den Augen verlieren, so wird sich mir dann doch wenigstens mit Entschiedenheit zeigen, was ich ferner zu thun habe. - Warum muß im jetzigen Leben alles durch so feste, geschlossene Formen hindurchgehen, ehe man es in seiner Wahrheit, ich will nicht sagen erkennt, allein ehe man ihm das Siegel der Wahrheit aufdrückt! - Warum bedarf es erst einer so abgemessenen, geschlossenen Rede vor einer so abgemessenen, geschlossenen Versammlung, um die Wahrheit einzusehen, oder vielmehr um die Wahrheit zu besiegeln und zu bestätigen, zu bekräftigen, die jeder Einzelne vorher eingesehen, bestätigt und bekräftigt hat? - Doch das Warum hilft mir nicht durch - geschehen muß es. - Und so darum auch kein Wort weiter von mir darüber und über mein Wirken hier; denn alles war und wird und ist nichts, wenn der gehoffte Erfolg ausbleibt.
Darum das Wichtigste und Liebste Dir, meinen dankbaren Gruß für Deine lieben, lieben Zeilen. Sie haben mich zu Thränen, ja zu Thränen der Liebe, des Dankes, der Treue gerührt. O! möchte doch der allmächtige Gott, der alles, alles kann, welcher auch in den Schwachen mächtig ist, Dich doch nur etwas in Deiner Schwachheit stärken. O! du mein Gott, erhöre doch mein Gebet. - Lebe wohl auf baldiges, freudiges und dankbares Wiedersehen. Ich muß jetzt wieder an die Arbeit. Herzliche Grüße an alle. - In der edlen und lieben Familie des Herrn Prof. Löwe wurde ganz still zwischen ihm, seiner Frau und Schwester und mit uns Dreien der Eingang in's Neue Jahr gefeiert; die herzlichsten Glückwünsche für Dein Wohl wurden mit klarem, /
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sinnigen Klang begleitet. Den folgenden Abend ebenso mit Middendorff in der einfachen Familie Valentins - von wo die Worte gleich eilenden Wolken, Seglern der Lüfte, in die Ferne, in mein Heimathland, hin zu Dir gesandt wurden, Dich freundlichst und herzlichst zu grüßen. - Auch gestern Abend - welche drei schöne Abende nach einander! - bei dem alten ehrwürdigen 86jährigen Tiedge, bei welchem uns der herzlich wohlwollende Reichenbach einführte - gedachte ich Deiner im sinnig herzlichen Gespräche, welches er mit mir führte. Als ich von ihm ging, reichte er mir die Wange zum Kuß und sagte: Wir sehen uns schon noch wieder. Im Laufe des Gespräches sagte er einigemal ohngefähr: Sie thun und führen aus, was ich thun wollte und noch möchte; Ihr Wirken ist mehr als das meine; natürlich behauptete ich das Gegentheil. Betrachte dies alles als einen kleinen, kleinen, Neujahrsgruß. Reichenbach hatte früher gesagt: Wir treffen darin zusammen, ein anderer alter Greis, ein Jurist: die Sache ist aus dem inneren Leben des Menschen gegriffen.
D. Fr. Fr.