Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Henriette Wilhelmine F. in Blankenburg v. 9.1.1839 (Dresden)


F. an Henriette Wilhelmine F. in Blankenburg v. 9.1.1839 (Dresden)
(Autograph nicht überliefert; ed. Rhein. Bl. 1878, 242-246)

Dresden, am 9. Januar 1839


Meine theure, geliebte Frau!

Du wirst mir, mein einziges Weib, diese erste Einkehr bei Dir im lieben, frohen Neujahr verzeihen; wohl ist ein solcher Eintritt ernst, und er fordert darum auch des Ernstes Erscheinung im Äußeren; auch war wirklich mein Leben in diesen Tagen sehr ernster Art; denn entscheidend nach jeder Seite hin und in die Zukunft wie nach der Vergangenheit zurück lagen und liegen die Folgen vor mir, welche aus meiner jetzigen Wirksamkeit, aus meiner Wirksamkeit gerade in den ersten Tagen des Jahres, hervorgehen werden, hervorgehen können. Allein auch bunt, bunt ist mein Leben, wie die Bilder dieses Briefbogens und fast an jedem Gegenstande, den sie bezeichnen, eilt mein flüchtiger Fuß täglich mehrmals vorüber, wenn ich dem Beruf folge und die Wege gehe, welche die Förderung des Werkes fordert. Da Du nun so gern mit mir lebst, darum auch die /
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bunte Ausstattung des Briefes, welche Du mir deshalb gewiß gern verzeihen wirst. -
Der 7. Januar und mit ihm mein Vortrag in dem Saale für Naturwissenschaften ist vorüber, und Du wirst ebenso gern das Ergebnis derselben wissen wollen, als es mich drängt, Dir mitzutheilen.
Denke Dir: Als ich meinen Vortrag niedergeschrieben hatte und er von Middendorff mittelgroß, 2/3 brüchig abgeschrieben war, (in welcher Abschrift er gerade fünf Bogen betrug) war es weder mir noch Middendorff möglich, denselben nochmals durchzulesen; ja ich mußte mir in dem Augenblicke, als ich mich ankleidete und während dieser Zeit zugleich etwas aß, mir nur einen Theil desselben von Middendorff vorlesen lassen, um mir nur einigen Inhalt des Vortrages wieder zu vergegenwärtigen. So ging es im raschen Fluge und mündlich mit Middendorff noch Verabredungen treffend - (Frankenberg hatte uns verlassen müssen) - zum Zwinger. In lautem Gespräche mit Middendorff erkannte mich ein Mann im großen Mantel, an welche ich vorübergeeilt war, mich anredend oder vielmehr zurufend: "Um Gotteswillen, liebster Herr Director, wo bleiben Sie? - (ich hatte nur noch 5 Minuten Zeit bis zum Schlag) - die Königin kommt mit dem Schlag; Sie müssen solche an der Treppe empfangen, und ich muß Sie derselben vorstellen [“]. Ich: "Ja das hab' ich nicht gewußt."
Ging es vorher schnell, so ging es nun geflügelt vorwärts; noch 3 Minuten mochten wir im Nebenzimmer Zeit haben als ich, ich möchte sagen instinctartig und fast zu hastig Middendorff als meinen ersten und 25jährigen treuen Freund vorstellte. Sogleich erwiderte er, ich werde Herrn Middendorff zugleich Ihrer Majestät mit vorstellen; er erkundigte sich noch nach Herrn Frankenberg, welcher aber noch nicht angekommen war. Und kaum war alles dies beendigt, und mein Gemüth so eben beruhigt, als die Thür geöffnet wurde und es hieß, die Königin komme. Sogleich ergriff der Herr Hofrath Reichenbach meine Hand, und nach ½ Minute stieg die Königin wirklich königlich die Treppe herauf. Er stellte mich ihr sogleich vor. Sie sagte mir /
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einige freundliche Worte. Unsern Middendorff stellte er Ihr als meinen 25jährigen alten Freund und treuen Mitarbeiter vor. Rasch ging es vorwärts; der Mantel hob sich flugs von den Schultern, und wir traten in einen gedrängt vollen Saal. Wie ich nachher erfuhr, so waren von 200 Sitzplätzen noch 1 oder 2 übrig geblieben und wohl gegen 300 Karten zu Stehplätzen ausgegeben worden. Der Hofrath Reichenbach hatte mir vorher gesagt: "Sie haben ein auserlesenes Publikum, d.h. sehr Gebildete unter den Zuhörern." Eine Stunde war mir eigentlich nur gegeben, damit die Abonnenten des Theaters unter den Zuhörenden noch das Theater besuchen könnten. Selbst der Wagen der Königin war um 6 Uhr bestellt. Dies alles hatte besonders Frankenberg gemerkt. Als es 6 Uhr war, erinnerte mich Frankenberg, welcher als Assistent zum Vorzeigen zu meiner Linken, wie Middendorff in gleicher Beziehung zu meiner Rechten stand; ich sah nach meiner Uhr, und sie war erst ½ 6 oder wenigstens schien es mir so; ich ging also gar nicht auf Frankenbergs wiederholtes Zuflüstern "es ist 6" - "es ist schon weit über 6" - "Du mußt schließen" gar nicht ein, sondern las festen Muthes fort, wie wenn ich unter Freunden die Sache vortrüge, wurde wohl auch ein paar mal selbst sehr warm, mußte auch einmal eine Periode von neuem lesen rc. rc. Genug, aus 6 war 5 Minuten vor 7 geworden. Kaum Einige, wie ich nachher erfuhr, hatten den Saal verlassen. Die Königin - wie es hier immer heißt "die Majestät selbst" - hatte statt einer Stunde, mir zwei Stunden, wie Middendorff bemerkt haben will, sehr aufmerksam und mit dem Ausdruck der Theilnahme, ja wohl auch freudiger Befriedigung zugehört; - dennoch, dennoch - schenkte Sie mir, d. h. der Vorführung einzelner Gegenstände noch eine halbe Stunde, ja - dies glaube ich nach meiner festen Überzeugung sagen zu dürfen, wie für mich die Umstände bestimmt zeugten, - ja sie würde noch einige Zeit huldvoll sich die Sachen in ihrem Wesen haben vorführen lassen, wenn ich nicht selbst wirklich etwas durch das Ganze, und besonders durch das lange Sprechen, angegriffen gewesen wäre; ich selbst mußte das Gespräch, d. h. die Mittheilungen abbrechen und schweigen. Sie richtete mehrere /
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Fragen an mich, wollte besonders wissen, wie ich die im allgemeinen dargelegte Wahrheit wohl im Gemüth, Geiste und Leben der Kinder erregen könne. Ich sagte, daß die Einfachheit und Stetigkeit des Unterrichtes viel wirke, und wenn es Majestät erlaubten so würde ich das Ganze in dieser Beziehung noch zur Prüfung vorlegen; sie antwortete mir beistimmend. Ich hatte dabei, ich leugne es gar nicht, den mir jetzt in mehrfacher Beziehung selbst unstatthaft und spießbürgerlich erscheinenden Gedanken, als wenn man nur die Sache der Königin so übersenden könnte. Genug, die Königin zog sich mit der mehrmaligen Äußerung zurück: daß es für die Kinder und für die Zukunft derselben gewiß von den besten Folgen sein werde, auf diese Weise von frühe an gepflegt zu werden u.s.w. Erwarte von mir die wörtliche Wiederholung nicht: ich könnte der Königin oder mir unrecht thun.
Für das Publikum und als Erfolg meiner Vorlesung war es nun, wie man mir mehrseitig ausgesprochen hatte, ein großer Glanzpunkt - daß die Königin, nachdem sie schon statt einer Stunde 2 Stunden mir zugehört, mir noch mehr als eine halbe Stunde ihre Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Der Herr Hofrath und ich waren nun der Königin wieder bis zur Treppe gefolgt, wo sie sich umdrehend, uns nochmals grüßte. In den Saal zurückgetreten, traf ich Ruck, unsern Ruck an der Thür: - "Gratulire! gratulire!" Also Herr Ruck kann in Keilhau mündlich referiren. Der Erfolg wird für mich und die Sache das Sprechende sein. Barop kennt das Lokal, Saal wie Gallerie.
So war dieser Tag beendigt. - Middendorff war der Vortrag klar erschienen. Das Einzelne selbst in einem nächsten Briefe - noch geht alles stetig, freudig, frisch, fröhlich, frei und fromm in seiner Entwickelung fort.
Heute früh war ich bei dem Herrn Obersthofmeister von Minkwitz (nicht Miltiz), ihm meinen Dank für seine Verwendung zu sagen, dann ihn zu bitten, meinen ehrfurchtsvollen und tiefgefühlten Dank zu den Füßen der Königin Majestät zu legen für die huldvollste und höchste Aufmerksamkeit, welche sie meiner Vorführung und besonders den Grundgedanken derselben geschenkt /
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habe und zugleich auszusprechen, daß ich die Befehle der Majestät erwarte, wenn Sie befehle, die Sache in ihren Gemächern Ihr darzulegen. - Der Obersthofmeister, sehr gütig, sagte, daß er der Königin Majestät meinen Wunsch aussprechen, und mir dann weitere Nachricht geben werde.
Kann ich, so schreibe ich morgen weiter. Das Wichtigste als Erscheinung ist hier weiter, daß der Mittelpunkt des Erziehungswesens hier, der Seminardirector Otto, ganz mir zuneigt. Er ist eine freisinnige deutsche Natur und sagte mir gestern Abend: "Alles steht gut, und die Sache muß durchgehen." - Auf das Urtheil dieses Mannes sehen hier aber sehr viele, welche weiter ein Wort zu sagen haben.
Mögen Dich diese Zeilen freuen, Dir ein freudiges, gesundes Neujahr bringen! Grüße an alle, - ich kann nicht mehr schreiben.
Ewig D. Fr. Fr.