Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v.14.1./17.1.1839 (Dresden)


F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v.14.1./17.1.1839 (Dresden)
(UBB 68, Bl 221-229, Brieforiginal 4 B 8° 16 S. Falsche Paginierung: 221 muß 222V und 222=222R sein.)

[222 [=222V]]
[Bogen] a
Dresden am 14en Jenner 1839.


Mein theurer, lieber Langethal! Gott zum Gruß! Friede im Herzen,
Freudigkeit im Geiste u Frohsinn im Leben und Handeln
Dir und all den lieben Deinigen im
lieben neuen Jahre!

Ein später, später Neujahrwunsch! vielleicht der späteste und letzte welchen
irgend Jemand in diesem Jahre ausgesprochen hat. aber auch durchlebt und
durchfühlt in jedem Worte und so der reinste Abdruck des innersten Lebens
der Liebe, der Treue und des Dankes welches mein Gemüth mein Geist u mein
Geist Thun für Dich, für Deine Liebe, Deine Treue und Deinen Dank – Deine Ernestine als
ewig mit Dir wissend - durchdringt. – Es ist nun lange, lange her daß Du nicht
unmittelbar Nachricht von mir erhalten hast. Ich habe mich gar sehr gesehnt
Dir solche zu geben wie Du Dich gewiß auch gesehnt hast, selbige zuerhalten.
Doch wo beginne ich meine Mittheilungen an Dich? – Welch ein innerlich wie
äußerlich reiches Leben liegt vor mir! – Beginne ich mit der Vorführung
der Thatsachen und des Ganzen ihrer Entwickelung oder beginne ich mit den
Ergebnissen? – In den letzteren sind wir zwar noch nicht bis zum Schluß
<hin>gekommen so daß sich eigentlich noch nichts von der Beständigkeit unseres
Baues sagen läßt, doch will ich Ergebniß und Thatsache in Eins zusammen
fassen in einem Manne und Dir also allem zuvor sagen daß die Sache
hier einen Mann gefunden hat, einen in sich einigen Mann der [den] Gedanken
und die Ausführung, die Ausführung hier mit Umsicht, Einsicht, Kraft und
Ausdauer mit Kenntniß der Wege u der Mittel nicht nur in sich trägt
sondern auch äußerlich fördert, ja der insoweit es nur sein Amt oder
vielmehr seine beyden Ämter ( er ist auch Lehrer ) – und sein Leben es möglich
machen, ganz und zwar mit Gemüth Geist u Thatkraft lebt – es ist dieß,
ich habe Dir den Namen glaub ich schon aussprechen lassen, - der Professor
(der formalen Vorbereitungswissenschaften Logik, Mathematik, Sprache pp) Löwe.
Schon sein Name ist bedeutungsvoll und wirklich liegt viel von dem
Charakter dieses königl. Thieres in ihm. Kräftigkeit, Gutmüthigkeit, Umblick
Ruhe, Ruhen in sich rc. den Gegenstand fest im Auge behaltend. – Ich denke dabey
sehr oft an Deinen Herrn Ris, und Löwe ist hier dem Gedanken u dessen
Verallgemeinerung und Ausführung, das, was Dein Herr Ris Dir und allen
diesen in Burgdorf, für Burgdorf u vielleicht noch weiter ist; er ist [Lehrer der] deutsche[n] Sprache u <Denker>
wie HErr Ris Schweizer Bauer u Burgdorfer ist.
Aber er hat es in seinem Wirken für den Gedanken noch bey weitem schwie-
riger als Dein ehrenhafter u hochgeachteter Herr Ris; denn er hat noch nicht
die Ausbeute eines mehrjährigen Wirkens für sich wie Herr Ris [.] Die
Verhältnisse einer deutschen Residenz mit den vielen Abstufungen und Ver- /
[222 [=222R]]
zweigungen der Behörden und alles was damit zusammenhängt sind für den
Deutschen bey weitem schwieriger zu behandeln als für den Schweizer.
Genug ich [ge]denke Deines Herrn Ris bey meinem Herrn Löwe, dankbar und
freudig und habe es jenem noch ausgesprochen, wie auch Du L. Lgthl [Langethal]
vielleicht beydes thun wirst. Mich dünkt es ist für den Mann erhebend
über Berge u Thal in einem fernen Lande sein treues Gegen (- nicht Geg
Entgegen) sein treues Abbild (so weit dieß <Dir> mögl[ich] ist) zu wissen. So
geht es mir mit Dir in Beziehung auf Burgdorf – mit Barop in Be-
ziehung auf Keilhau ( und für [)] Löwe ist nun eine eben so diplomatische
oder besser Geschäftsnatur wie Barop. Wie ich nun ohne Barop z B
in Wartensee nicht durchgedrungen seyn würde u wie Du nicht ohne Ris, so
ich jetzt hier nicht ohne Löwe. Ich glaube es ist nöthig dieß hervor
zu heben um das unsichtbarsichtbare Band der Geister, der Männer
und der Menschen überhaupt zur Anschauung zu bringen. (: Dabey gedenke ich
auch noch nach einer andern Seite hin des Leonhardi in Beziehung auf Göttingen
rc rc, selbst des HE Pfarrer Ludwig in Beziehung auf Amerika :) Ich
gedenke dabey besonders des Ausspruches eines deutschen Dichters –
„Wen Gott lieb hat, den bereitet, weckt er im fernen Lande
in der fernen Stadt am fernen Ufer den Freund damit
in der Zeit der Gefahr, der Noth d.i. der Nothwendigkeit ihm
der Fr.[eund] u Unterstützung bereit sey.“
So können u dürfen wir allso auch alle in Beziehung auf den uns treibenden
Gedanken dadurch die Überzeugung in uns tragen, daß Gott den Grundge-
danken unseres Lebens lieb hat und daß er dessen Verwirklichung will.
Diese Geister- und GeistesEinigung ohne Band und noch weniger ohne Bund uns allen
recht bewußt zu werden, recht bewußt zu machen
daß [sc.: das] muß unser aller größte Sorge u Sorgfalt seyn; - dieß, dieß
dieß – ist das größte Ergebniß die größte Thatsache meines
und unser aller Wirken für Zeit u Ewigkeit; alles andere ist nur
Durchgangspunkt u Erscheinung ist Wandel. Dir mein l. L[an]gethal
wie unserm Barop in Keilhau, wie mir liegt jetzt dafür [sc.. viel daran] zu
wirken besonders die Verpflichtung auf wie alle Deinen mit uns
wahrhaft im Geiste geeinten Freunden, deren Namen zu vernehmen
Nebensache ist, ja deren Namen wie noch weniger Personen ich viel-
leicht nicht einmal zum 1/3 u ¼ all[e] kenne. Du wirst mir also gewiß ver-
zeihen daß ich das Finden Eines Geistes, eines Namens eines Gemüthes an die
Spitze aller Ergebnisse u Thatsachen stellte. Du
u Barop werdet diesen Gedanken gewiß treu pflegen; so Du dem
Ris u Spieß mittheilen; ich haben [sc.: habe] oder vielmehr wir haben durch dieses
dem Gedanken u dessen Verwirklichung und so Euch noch wohl 1 Duzzend Männer /
[223]
gewonnen die Euch als gleich vorwärts zum Ziele der Menschheit strebende
die Hand, des Freundes Hand reichen so bald sie eine Einung kommen hören.
Also Pflege, treue Pflege der in Gott u durch Gott sinnig einigen
           Geistes- u LebensEinigung u LebensEinheit [.]
Das Gemüth das wirkl[iche] Gemüth tritt in der Erscheinung in seinen
Wirkungen scheinbar zurück; doch auch dafür hätte ich lebenvolles
in den verschiedensten Lebenskreisen anzuführen; es gleicht dem
stillen Pflegen der mütterlichen Erde; während der Gärtner mehr
sichtbar entgegen tritt. Jetzt ruft mich schon wieder meine Arbeit [.]

Dienstag am 15en Jenner Aben[d]s 7 Uhr. Seht, einunddreyßig Stunden nur sind ver-
flossen seit ich voriges niederschrieb und wie lange, lange ist mir die Zeit ge-
worden ehe ich wieder in Wort zu Dir mein theurer Langethal und durch Dich
mit allen andern Lieben und Geliebten sprechen kann. Ich kann Dir gar
nicht aussprechen wie ich mich sehne wieder mit denselben zusammen und
dadurch wieder in meinen alten ursprünglichen Verhältnissen zu allen und
so auch zu Dir zu seyn. In Blankenburg war es mir gar nicht als wäre
ich von Dir entfernt, hier ist es mir aber als wäre ich auf einer Insel
weil meine hiesige Wirksamkeit weder zu Dir und der Schweiz noch
zu Keilhau und Blankenburg in einem directen Verhältniß steht. Nur
durch Leipzig geht die Verbindung, wie sich auch von Dresden nach Leipzig
und umgekehrt wohl eine Art lebendiges Verhältniß zeigt wovon ich
früh in und so von Deiner weiter und auch hierher wirkenden früheren Thätigkeit in
Leipzig ein recht schlagendes und merkwürdiges Bey-
spiel hörte, was [ich] nicht hörte sondern lebendig empfand. Da drückte ich
Dir dann recht dankbar Deine Hand für Deine kräftige bestimmt u klare
thatsächliche Wirksamkeit in Leipzig und thue es noch. Also zunächst
wenigstens nach Leipzig sehne ich mich - denn dann würde ich das Ge-
fühl haben, wie unsere Reisenden im vor: Herbste, daß ich auf dem
Heimweg begriffen sey. Allein ich kann und darf wenigstens unter
10 Tagen noch nicht von hier fort; doch wenigstens die Aussicht eines
Endes. Es ist ein ganz wunderbaarunerklärlicher Zug der mich nach
Westen u Südwesten oder Nordwesten und so zunächst wieder nach
meiner Heymath treibt. Und dennoch werde ich hier so fest gehalten
daß ich gar nicht fort kann bis wenigstens die Entscheidung klar
vorliegt ob die Sache hier in das Walten in die Familien des Bür-
gers
eingreifen und von ihnen und ihm wirklich fest-pflegend und
fortbildend fest gehalten wird. Daß es so sey und so werde han-
delt Löwe wie ein Löwe dafür ohne Ruhe u ohne Rast. So ein Mann
ist mir außer unsern Kreise noch gar nicht in Beziehung auf den Grund[-]
gedanken vorgekommen. Heut wo wir etwas – was ich noch in diesem /
[223R]
Briefe erwähnen werde – (nämlich daß ich persönlich zum Publikum ein
Paar Worte sage) – errungen hatten sprach er: - „Nun werde ich
diese Nacht doch etwas mehr ruhen könnten; in voriger Nacht konnte
ich gar nicht schlafen.“ Früher nach einem mehrstündigen Vortrag [sc. Rede] von
mir hat er zu Middendorff in Beziehung auf dieselbe und deren Wirkung
auf ihn geäußert – [„]Wissen Sie Sie (nämlich wir 3 als ein Einiges) haben
mich ganz wund gemacht; alles früher[e] was ich längst glaubte daß ich
es in mir zum Schweigen gebracht hätte all meine höchsten Lebens Streben
haben Sie wieder in mir geweckt.[“] Löwe gehört seinem innersten
Gemüthe Geist und Leben, wie in und mit seinem reinsten Streben gleich jedem
von uns zu uns und jeder von uns soll ihn im Geiste so begrüßen. Er
hat auch des Lebens Ernst u Tiefe hart u theuer erkaufen müssen. Drey
seiner Kinder deckt schon die Erde u der 4e ein Engelskind in der Er-
scheinung blauäugig und heiteren Antlitzes lockenköpfig von 5-6 Jahren
ist fast ganz taubstumm. Löwe hat auch vor einigen Jahren, je-
doch glaub ich gerade in einer Ferienreise Keilhaus Grund u Boden
betreten und sein Geist u Gemüth hätte[n] ihn d[urc]h den Krauseschen;
oder meinen diesen vorhergegangenen Aufsatz getrieben diesen
Boden zu betreten. Früher hatte er längere Zeit in einem sehr
vertrauenden Verhältniß als Erzieher in einer Familie in Schaffhausen
also auch in der Schweiz gewirkt. Lauter Bänder also. Auch ist
er ein alter Freund des Valentinschen Hauses; welche Freundschaft
durch Middendorffs u mein Dazwischenkommen neubelebt worden ist.
Von Morgen oder Übermorgen an werden wir in seinem d.i.
eigentlich seiner Schwiegermutter Hause wohnen; in dem ohne Zweifel
auch wenn ich u Middendorff abreisen[n] Frankenberg zunächst als
Colonist hier bleiben und sehen wird ob für die Gedanken hier
fester Fuß zu fassen ist. Doch wozu diese Einzelnheiten besser
ist es ich führe Dir die Sachen im Zusammenhange vor. Und ebenso
werde ich sagen was brauche ich Dir nun noch Einzelnes zu sagen
in dem Vorstehenden ist der ganze Stand der Sache ausgesprochen
und Du wenigstens kannst ihn darinne lesen. Denn wer in einer
Stadt für einen Lebensgedanken einen eingehenden Manne gefunden hat
welcher ihn als seinen eigenen Lebensgedanken pflegt, der kann
auch hoffen daß er für diesen Gedanken wenn er zu seiner Darlebung Zeit, Raum, Ruhe Stoff, Ar-
beiter u Mittel findet, auch zu seiner
Zeit die Stadt selbst gewinnt. Und Dresden ist in aller Beziehung
ein ganz eigenthümlicher Ort, alles pflegt er in sich obgleich nichts
vorherrscht. – Doch was ist den[n] eigentlich nun hier von uns
geschehen? - - Und wie steht es eigentlich jetzt? - /
[224]
[Bogen] b)
1. daß ich gleich am zweyten Tage nach meiner Ankunft veranlaßt wurde in dem
Hause d. H. Geh.R. Rth Schsch. [sc.: v. Schaarschmidt] mich mit dessen Kindern zu beschäftigen und daß diese
Beschäftigung unterbrochen [und] fortgesetzt wird habe ich Dir schon geschrieben; und
ich glaube auch daß er aber auch erklärt hat, daß er unmittelbar und weiter [nichts]
als daß er sie [sc.. die Spielmittel] pflegend in seine Familie genommen habe abe[r] nichts für die Sache und
den Gedanken dessen weiteren Beförderung thun könne, weil man es ansehen
würde als handle er selbst- und eigensüchtig. So klein sagt Löwe sind diese
Menschen daß sie es nicht wagen für einen Gedanken selbstthätig u selbstständig
einzutreten welchen sie doch nicht allein gut, sondern sogar seegensreich für ihre
Familie erkennen müssen. (daß in)
2. daß in diesen Kreis auch die 2 Kinder eines gewissen Dr Peters kamen habe
ich Dir auch geschrieben allein diese, ich und die Sache haben wirklich einen
großen Verlust erlitten indem dieses liebliche 2-3jährige Engelskind [Julie]
nach wenigen Tagen Krankheit an dem Scharlachfieber gestorben ist;
dadurch ist der schöne Kinderkreis gleichsam gesprengt, indem, und, um
Anstrengung zu vermeiden, auch das ältere 5jährige Mädchen [Sophie Peters] nicht mehr
zum Spielen kommt. Die Sache u ich habe[n] zwischen mir und dem Publikum
- ein eigenes Geschick – den Vermittler verlohren, indem er [Dr. Peters] aus
dem oben genannten Grunde und gebeugt vom Schmerze in keinem meiner
Vorträge seyn konnte; vonwo aus er gern der Referend für ein größe-
res Publikum geworden wäre. - -
3.) daß ich Sonnabend am 5 Jenner wurde ich unerwartet von dem Vizedirector des hiesigen Pädagogischen Vereins Dr. Blochmann zu einer Darlegung
des Zusammenhangs meiner aufgestellten Spiel- und Beschäftigungsmittel
aufgefordert wurde; auch dieß wird man Dir von Blankenburg aus viel-
leicht gemeldet haben. Gegen 100 Personen mochten versammelt seyn und
je länger je mehr ich höre war die Wirkung dieser Darlegung bleibend
für die Sache förderlich indem ich noch nicht gehört habe, daß auch
nur eine einzige Stimme aus dem Vereine u von den Anwesenden [dagegen gesprochen], wohl
aber mehrere und vor allem der eigentliche Director des Vereines
zugleich Director des hiesigen Schullehrerseminariums [Otto] sich sehr bestimmt
für die Sache erklärt habe. Dieser soll (so sagt Middendorff [)] so aufmerk-
sam gewesen seyn daß ihm auch nicht ein Wort entgangen seyn soll.
Und Löwe sagte von diesem Manne, daß wenn er einmal etwas
erfasse er es auch bis auf den Grund durcharbeiten müsse.
4. Sonntag war ich Mittags und Nachmittags bis gegen 6 Uhr bey HE R. R. Schsch [v. Schaarschmidt] zu
Tische. Ich erwähne dieß nur um Dir zu zeigen
wie immer allseitig meine Zeit in Anspruch genommen wurde, so daß
ich kaum meinen Vortrag für den kommenden Tag ausarbeiten
konnte, was auch gewiß unmöglich geworden wäre wenn mir /
[224R]
Middendorff als Redactor nicht zur Seite gestanden hätte. Überhaupt
wenn aus meinem Hierseyn ein bleibendes Ergebniß hervorgehen
sollte, so verdanken wir es nur unserm vereinten Zusammenwirken, denn
jeder von uns hat sein ganz eigenes Wirken und seine Sphäre gehabt und
jeder hat an seiner Stelle tüchtig gearbeitet. Nur war ich der welcher nach der
Arbeit die meiste Zeit zur Ruhe und Erholung in Anspruch nahm. Fran-
kenberg
hat sehr viel Freyheit und Freudigkeit und s.w. im Spiele entwickelt,
so daß man ihn allgemein sehr lieb gewonnen hat. Er hat sich für die
Darstellung und Ausführung des Gedankens sehr hingebend treu bewiesen
wie er aber auch dadurch in sich sehr befreidigt erscheint.
5. Mondtags Nachmittags 5 Uhr war endlich die Hauptvorlesung im
Zwinger. Irre ich nicht so waren 4-500 Zuhörer da. Natürlich mit
sehr verschiedenen Erwartungen und so waren auch die Befriedigung[en]
sehr verschieden. Es war von mir gefordert worden die Vorlesung
in einer Stunde zu beendigen, was wohl auch ohne Vorzeigung
möglich gewesen wäre. So aber dauerte sie von punkt 5 bis 5 Mi-
nuten vor 7 Uhr. Nur einige We[n]ige hatten den Saal verlassen.
Und sehr viele blieben noch indem besonders die Königin Majestät
auch ¼ Stunde blieb um sich die Gegenstände genauer zeigen zu
lassen. Dieß machte nebst ihren eingehenden und anerkennenden
Äußerungen einen besonders wohlthätigen Eindruck auf das Publikum
und verwischte das Unangenehme des langen Vortrags. – Doch
der Gegenstand war mir frisch u lebenvoll aus der Feder geflossen
der Geist desselben hatte mich tief in seiner Wahrheit nach allen
Seiten hin ergriffen, so sprach ich in mir so frey als ich zu einfach
sprechen würde. Auch mit der Form der Rede wie mit dem
Inhalt mußte und muß ich noch zufrieden seyn. Hofrath Reichen-
bach
welchem ich [vo]n der Vorlesung einen großen Theil des Anfangs
wie das Ende vorlas war gleichfalls aufrichtig damit zufrieden
[Randergänzung*-*] [*] u zeigte seine bestimmte Freude [*].
Und nach einem Besuche welchen ich heut Nachmittags bei einem
Geistlichen dHE Consistorialrath Dr. theol. Wahl machte; welcher
bey der Vorlesung gegenwärtig war sehe ich wenigstens daß mich
die Herren Geistlichen hier wenigstens nicht <ans> Kreuz schlagen
werden weil ich – „die Natur zur Grundlage der Menschen[-]
und Kindererziehung“ machte freylich suchte ich vorher durchweg
die Natur in ihrer Göttlichkeit d.i. als Sach[-] u Thatoffenbarung
Gottes zu zeigen. Wie verschieden auch die Urtheile seyn mögen -
von welchen mir jedoch nur wenige zu Gehör kommen, und die alle
nicht die Sache u das Wesen derselben ergriffen – so war der Vortrag
gewiß in dem großen Ganzen unseres Wirkens an seinen Platz. Nun ich /
[225]
bin sehr erwartungsvoll was man in Blankenburg und in Keilhau darüber sagen
wird, es war hier schon davon die Rede sie [sc.. den Vortrag] drucken zu lassen doch habe
ich noch nicht Zeit dazu gehabt. Jedenfalls gedenke ich im Sonntagsblatte
davon Gebrauch zu machen. Vorher will ich aber doch hören was Vogel
in Leipzig dazu sagen wird? Jetzt hat das Manuscript Löwe und 5
Bogen lassen sich nicht sogleich abschreiben sonst schickte ich die Abhandlung
sogleich mit. –
6. Nach dem Vortrage wurden sogleich die Fäden enger zusammengezogen
und die Ausübung festgehalten. Außerdem daß die p vorläufigen
Spielübungen in der Kleinkinderschule auf der Viehweide (Friedrichstadt)
fortgesetzt würden, hielt ich Middendorff einige Vorführungen
in einer zweyten Kleinkinderschule in der Antonsstadt (: Böhmische
Gasse :). Die Übungen waren immer wie die Ergebnisse und die Kinder dabey
sehr lieb u freundlich. An prüfenden Anwesenden Geistlichen Lehrern
Eltern rc Mitgliedern des Frauenvereines fehlte es nie und man
schien mit dem Gedanken und der Anwendung desselben sehr zufrieden; ganz
besonders eingehend waren die eigentlichen unmittelbaren Pflegemütter
und die Untervorsteherinnen, welche den unmittelbaren Gewinn da-
von - indem sie sich persönlich mit den Kindern beschäftigen müssen,
klar einsehen. Die Obervorsteherinnen hatten aber – weil sie
die dadurch bewirkte Veredlung der Kinder, (die jedoch die Pflegemütter
und Untervorsteherinnen tief erkannten und anerkannten) – mit Ver[-]
Überbildung und [Überbildung] verwechselten und noch verwechseln einen Punkt des
Anstosses gefunden an welchem die Sache denn jetzt vor der
Hand auf den Sand gelaufen ist, bis sie wieder flott wird.
Die Vorsehung ist dadurch meiner schwachen und unser aller beschränk-
ten Kraft zu Hülfe gekommen; indem wir – da uns die Pflege und
Hervorrufung von Familienvereinen ganz besonders am Herzen
liegt – das Ganze in dieser Thätigkeitsanstrengung, da die Orte der
Wirksamkeit mehr als ½ Stunde auseinander lagen, nicht hätten
durchstehen können. Denn es bildete sich nun wirklich der zwar
längst schon besprochene allein jetzt erst ins Leben getretene Spiel-
kreis und zwar um mehr als 20 Minuten näher bey dHE Hofgärtner
Lohmann dem sich jetzt schon ein HErr Prof. Franke (Lehrer der Mathem[atik])
und ein Prof. Rietschl (Bildhauer) anschließt [sc.: anschließen.]
7. Bald nach der Vorlesung im Saale der Naturwissenschaften
sprach sich der Wunsch aus daß ich – weil die Sachen einmal geord-
net ausgelegt seyen für einige Freunde des Gedankens noch einige
ganz freye Mittheilungen besonders über den Fortgang und
geknüpft an unmittelbare Nachweisung machen möchte. /
[225]
Dazu lud ich mit folgenden Worten ein:
“Zu einer weiteren wissenschaftlichen Darlegung des Zusammenhanges
der am 7en d.M. bereits vorgeführten Kinderbeschäftigungsmit-
tel besonders mit Naturwissenschaft u Mathematik welche
Sonnabends am 12en d.M. Nachmittags von ½ 5 Uhr an
im Zwingerpavillon Statt finden wird ladet...............ein.
FrFr“
Wohl 40 solcher Karten alle in Umschlägen mit Aufschriften
schrieb[en] Middendorff Frankenberg u ich, viele auch als Ehren- und Höf-
lichkeitsbezeugungen, ob wir jedoch wußten daß z.B. mehrere Geistliche
weil es Samstag war nicht kommen konnten; dennoch war ohngefähr
die ½e [sc.: Hälfte] der Eingeladenen da und 6-7 [Herren - ] HErr geheim Kirchenrath Dr.
Schulz – HErr Kirchenrath Dr. Wahl Käufer - Herr Seminardirector
Otto – HErr Prof. der Math. Franke – HErr Schuldirector Langguth [-]
bald hätte ich den HErrn Diacon Mag: Lange vergessen [-] Herr Professor Löwe hielten bis nach 6 Uhr aus d.h. wurden so lange gefesselt
so daß ich erst gegen ½ 7 also nach mehr als 4 Stunden erst wie-
der in meine Wohnung kam. Die Wirkung davon war gewiß außer[-]
ordentlich Middendorff meynte einige waren tief gerührt gewesen.
Wem ich ins Gesicht sahe von dem strahlte mir auch hohe Freude ent-
gegen. Löwe sagte als ich zu Ende war: Kommen Sie, lassen Sie sich
einen Kuß geben! Otto hatte früher gesagt: Fröbel ist ein unergründlicher
Schacht Später d.h. beydes in derselben Vorführung: Fröbel ist wie
der Carlsbader Strudel. [sc.. Sprudel]. Otto ein einfacher biederer Kornmann
(auch von der praktischen Theologie zur Pädagogik herabgestiegen) war
wirklich glücklich in sich. Früher ich glaube ein oder 2 Tage vorher
als ich ihm mit Frankenberg einen Besuch machte hatte er mir schon
gesagt: - Die Sache ist gut, ist tüchtig, sie muß durchgehen. Gut sagte
ich geben Sie mir die Hand darauf, ja sagte er, indem er mir
die Hand reichte, wenn ich gefragt werde wegen der Anwendbar-
keit und Anwendung, werde ich nie anders antworten – So also
ein Seminariendirector (nächst Vogel der 2e) ein Seminariendirector
welcher bey seinem Seminar auch eine Übungsschule ich glaub von
4-500 Kindern hat. Da der Mann (zugleich geseegneter Familienvater
durch schon größere Kinder) wie Hinsichtlich seiner Leistungen so als Mensch
sehr geachtet wird, so gilt sein Urtheil viel, Welche Wirkung es
jedoch für unsere Sache haben wird, wird der Erfolg zeigen. Jetzt
steht alles in der Welt so, daß man nie das Bestehen und Durchgehen
einer Sache glauben kann bis sie durchgegangen ist und bis und so
lange sie steht. - /
[226]
[Bogen] c)
8ens. In den Zeitungen sind nur unbedeutende Erwähnungen geschehen. Wovon
mir eine nun welche vor der Vorlesung im Zwingerpavillon geschahe
dadurch geschadet hat, daß, weil die Sache so voreilig besprochen und ins
Publikum gebracht worden war keine jenem Referenten nachgehen
wollte.“Der Sammler“ Ich glaube, besonders ein hiesiges Stadtblatt, sagt
fast das Gleiche. Die Leipziger allgemeine Zeitung soll einen weitgehenden,
und spöttelnden Artikel haben in welchem es heißen soll: Ich wolle die Kinder
an dem Würfel lehren, dasselbe ließe sich auch an einem Dresdner
Weck (einem Stadtgebäck) oder an einem Leipziger Wetzstein lernen.
Gelesen habe ich es nicht; doch ist dieß gar zu platt als daß es der Sache
Nachtheil bringen kann; bewirkt es ja etwas, so ist es eher möglich
das Gegentheil.
9ens. Nun komme ich endlich zum heutigen Tag. Es ist heut beschlossen worden daß
ich in Beziehung auf eine neue darstellende Vorführung in dem Saale
des pädagogischen Vereines zugleich mit spielenden Kindern, selbst zum
Publikum sprechen mögte und sogleich ist noch Vormittags die An-
zeige in die Druckerey des hiesigen Anzeigers gefördert worden. Morgen
½ 11 sollen wir sie bekommen, dann lege ich sie wohl hier noch bey. -
Auf diese Veranlassung machte ich heut zwey Besuche. Der erste war
bey dHE Kirchenrath Dr. Wahl (: bey der Kreisdirection wirkend: )
derselbe war ganz ungemein wohlwollend und aufrichtig einfach
bieder: Er sagte mir wie man in jener ersten Vorlesung vorher praktische
Vorführungen erwartet hätte (: etwas, wie ihr [sc.: Ihr] wohl einseht mir in solcher
Zeit u bey einem so zahlreichen Auditorium wobey noch überdieß die
Königin gegenwärtig war nicht möglich war) Er sagte mir nun weiter
wie sehr es ihm leid gethan habe an diesem dem Sonnabend nicht nochmals
gegenwärtig seyn zu können – (: Montags war er also gegenwärtig ge-
wesen :) – allein er sey3 Tage in Leipzig gewesen. Dort habe ihm
der Buchhändler Barth meine beyden ersten Schriftchen gezeigt und -
- was mir höchst merkwürdig war – der Director Vogel sey gegen
wärtig gewesen welcher den Ball, die Kugel u den Würfel sogleich
praktisch an den Kindern Barths vorgeführt geführt [sc.: habe.] Ja in und
bey dieser Vorführung da könne man der Sache seinen Beyfall nicht versagen.
Der Mann war ganz davon entzückt, trug mir sogleich auf in seinem
Namen zu dem HErrn Präs: der Kreisdirection dHE geheim Rath von
Wirtersheim Excellenz zu gehen und diesem zu sagen daß er künftigen
Mo Donnerstag mit ihm in und von dieser Sache sprechen werde.
Trug mir zugleich auf die Verfügung zu treffen daß er ja nicht vergesse
in der nächsten praktischen Vorführung im Saale des pädagogischen
Vereines (oder vielmehr der Gesellschaft zu Rath u That) gegenwärtig zu seyn[.] /
[226]
10. Du und Ihr erinnert Euch vielleicht daß ich Euch von meinem ersten
Besuche bey dHE geheimen Kirchenrath Dr. Schulz erzählte, daß
mir dieser nach wenigen Eintrittsworten sagte: - [„] So eben habe
ich die allgemeine ‚Schulzeitung’ ihres [sc.: Ihres] Unternehmens bestens er-
wähnt gefunden.[“] So scheint wirklich die Vorsehung augenscheinlich
für die Herbeyführung mindestens einer geeinten Prüfung zu
wirken und gleichsam dazu alle Aufmerksamkeiten auf einen
Punkt zu leiten. So habe ich auch was mir nicht minder merkwürdig
ist durch HErrn Prof Löwe hier in einer Lesebibliothek alle
die Jahrgänge u Hefte gefunden in welchen etwas über Keilhau
steht, so unter anderm ganz namentlich die Hefte in welchem
mein Aufsatz: Warum und zu welchem Ende nennen wir uns die
allgemeine deutsche Erziehungsanstalt? – dann: - Die Erwiederung
darauf von Prof. Krause - endlich: den Bericht von Zeh an
das Konsistorium. Jetzt hat dieß alles – wie auch meine Ab-
handlung der Prof Löwe; wozu weiß ich nicht, kann es auch ei-
gentlich nach seinen Äußerungen nicht errathen. Wenn ich die
Hefte aber wieder bekomme so werde ich wenigstens den mit
dem Zehschen Aufsatz [dem] einen oder den andern Kirchenrath z.B.
auch dem Konsistorial[-] oder Kirchenrath Dr. Wahl [geben.]
Nun gute, herzlich gute Nacht Dir und Euch allen ihr Lieben welche
Ihr diesen Briefe fort[-] oder leset und vor allem Dir meine
theure Frau. Hoffentlich schlaft Ihr alle schon in süßer Ruh
holt Euch im erquickenden Schlaf neue Stärke für den neuen
Tag – denn eben schlug es Zwölfe – Gott sey mit uns allen!

Am 16en Morgens nach 8 Uhr. Guten Morgen, mit Innigkeit Euch allen einen
guten, freundlichen Morgen, einen so klaren frischen gesunden Morgen als die
klare frische Schneedecke welche Natur u Flur endlich deckt. –
11. Was hätte ich Dir mein l. L. doch zunächst und vor der Hauptsache die mir im
Sinn liegt zu schreiben? – das – daß sich von allen Seiten innere Beziehungen
nach der Schweiz zeigen wie z.B. {durch Löwe / durch Blochmann} so aber auch durch einen zwischen
Diaconus Lange, welcher in zwey Heften, veranlaßt durch
Fellenberg den er in der Schweiz besucht hat, ein Werk über Spatenkultur d.i.
über Veredlung u Erziehung des Menschen durch Gartenbau ganz besonders für Arme unter dem Titel
geschrieben hat: - Feldgärtnerei, Kolonien oder
Ländliche Erziehungsanstalten für Armenkinder zur
gartenmäßigen
Betreibung des Ackerbaues als das allerwohlfeilste, zweckmäßigste und
durchgreifendste Mittel gegen das [sc.. die] Überhandnehmung
der Armennoth
2 Theile. Dresden u Leipzig in der Arnoldschen Buchhandlung 1836. Lange wird
ohne Zweifel künftiges Frühjahr zum zweytenmal dann mit seinen Kindern die Schweiz /
[227]
dort besonders Schäfer in Suniswalde – Dich in Burgdorf – und auf der Rück-
reise Keilhau besuchen. Middendorff hat darüber ausführlicher an
Barop geschrieben ich habe diesen bitten lassen, dieß sogleich für Dich abschrei-
ben zu lassen. Nun dann so zu
12. Langethal! Deutschland ist ein schönes Land, bewohnt von edlen umsichtigen
Menschen, von gemüthvoll erziehenden Menschen aber Freund! wenn es
zum Handeln kommt, zum Handeln Thun Ausführen Darstellen dann bezieht
sich einer auf den Andern keiner traut sich Kraft dazu zu. Jeder sagt ich
hülfe gern aber vermöge meiner Stellung, meiner Verhältnisse, Lage
nein da kann ich nicht. – Denke Dir so sagte klar vor ein Paar Tagen
der geheime Kirchenrath Schulz, einer der denken[d]sten bewußten Männer
ein Mann, der im Ministerium nächst dem Präs: Carlowitz; welcher bis
jetzt krank ist – die erste Stimme hat: „Die Kinder vor dem schulfähigen
Alter liegen außerhalb des Landesvolksschulgesetzes, sie sind den Eltern
mit demallgemeinen Wohlthätigkeitssinn besonders den Frauen den Frauenvereinen anheim
gegeben, wir haben nur eine ganz allgemeine Über-
sicht denn der Staat giebt zu diesem Behuf nichts“ – Kommst Du nun zum
Frauenverein so sagt dieser: - [„] Ja wir dürfen nichts ohne das Cult-Ministerium
thun“ so schiebt eines die Sache hin und her und doch wird daraus
nicht wie bey dem Weber zuletzt ein Erzeugniß worin man die Sache
kleiden könne. Dieß muß anders werden, dieß muß theurer Langethal
von Dir aus in der Schweiz u in Burgdorf anders werden. Dort muß sich
den Gedanken mußt Du fest halten ein umfassendes menschliches
Erziehungsganzes bilden. Von der Schweiz muß es herabfließen u einfließen
nach Deutschland und wie die edlen Forellen und Lachse hinaufsteigen
in die Quellen der Seitenthäler durch den Donau Maynkanal sich
in Verbindung setzen mit g[an]z Deutschland, mit dem ganzen Lande deutscher
Zunge. M. Lange ist ein thatkräftiger Mann dem es gelungen ist mehrere
Glieder seiner Familie, zwey Nichten und 1 Neffen in der größten Entbeh-
rung, d.i. freywilligen Einfachheit für seinen Gedanken zu erziehen. Er
würde sich freuen, ihn mit uns in der Schweiz oder in Deutschland rein
durchzuführen. Wäre ich im Stande ein solches Erziehungsga[nze] in
Blankenburg durchzuführen gleich wäre ich dabey u ich auch pflege den
Gedanken doch auch Du mußt ihn pflegen – mußt ihn Ris mittheilen
denn dann könnte die Sache großartig menschlich u menschheitlich um-
fassend werden wenn sich mein u unsere schaffende Werkhtätigkeit
unsere Pflege des schaffenden Thätigkeitstriebes damit verbände.
Unsere Kraft muß sich nothwendig einmal wieder durch, in u
mit der Natur einen. Überlege die Sache im Stillen mit Ris, und
Spieß, vorher in u mit Dir: Deutschland sieht nur wunderbar – ich möchte /
[227R]
es d.i. seine Bewohner mit den edlen Forellen u Lachsen vergleichen immer nach der Schweiz;
gehen wir auch in dieser Beziehung der Natur
nach, wie ja alle Cultur von den Bergen, selbst beym Beginne
des Menschengeschlechtes in Asien von den Bergen herab stieg. Mein
Leben Weben u Wirken gehört dahin wo der Gedanke ächter ur-
sprünglicher Menschheitpflege gedeiht. In Burgdorf könnten wir
dann bey dem sich jetzt anbahnenden Männer[-] und Geisterverein da-
selbst dann so in und mit und durch die Natur ge- und begründet <erwarten>
was wir längst anstrebten. Eine stetig fortgehende Fortbildung
des Menschen bis zur Universitäts-Reife, d.i. bis zu der Reife
wo der Mensch als ein Selbst - als ein Ganzes – als ein Selbstner
wie ich einmal den Studenten, den Hochschüler nannte – das Welt[-]
und Lebensganze, das Welt- und Geistes- und Lebens Universum
umfaßt. – Wer hindert Burgdorf seine Artisten[-] und Laborator[ium-]
schule bis zur ächten Polytechnischen Anstalt, bis zum ächten
Gymnasium bis zum Lyzeum ja zur Akademie zu erheben????
Meine Kraft gehört gleich der Ausführung des Gedankens und ich will
gern dabey immer Kinderpfleger u Kindheitpfleger bleiben. Viel-
leicht ließe sich das Gut „im Mons“ bey Burgdorf dazu [in] Verbindung
setzen. – Wie ich Dir theurer Langethal dieß zur ernstesten Be-
achtung vorlege – so lege ich es mir selbst zur Beachtung vor – auch
dem Barop lege ich es hiermit, ja Barop ich lege diesen Gedanken
auch Dir für Keilhau u der Blankenburg zur stillsten ernstesten
Beachtung vor. Middendorff beachtete es auch: allein keiner
von uns denke – nur der andere kann es besser u leichter als ich
keiner denke mit so vielen Schwierigkeiten hat keiner zu kämpfen
{als ich als ich} Nein! jeder denke auf mir ruht das Ganze – Gott hat mich
dazu berufen! Jeder denke keiner von allen ist dazu in
so günstigen Verhältnissen als ich, keiner hat mit weniger mehr Schwie-
rigkeiten zu kämpfen. Dann wird wie wir alle ein Herz und
eine Seele sind, so auch [sich] ein höheres und höchstes gemeinsames
Ganzes bilden. Langethal und Barop u Du Bruder und alle Alle:
- die Axt ist nun einmal dem Baume der Menschheitsübel
des Menschenschlechten an die Wurzel gelegt, der Baum
des Menschenbösen muß fallen – wie Zeh in seinem Bericht
so herrlich sagt: -„trotz der Erbsünde!“ Du Barop mußt
Zeh von neuem zu beleben zu erwärmen suchen. Mußt ihm
zeigen wie sein Wort – auch eine große That seit ich glaub
13 oder wie viel Jahren noch immer fort u immer von neuem wirke.
Du mußt ihm zeigen wie hier die ersten Geistlichen von der Sache ergriffen und für
sie sind nicht um ihn zu beschämen, Gott behüte! sondern ihn zu erheben, ihm sein Recht zu
geben – zu sagen: Siehe Du hattest recht was Du vor 13 u mehr Jahren aussprachest rc.rc. /
[228 d)]
[Langethal]! Bruder! Barop und Alle, alle. – Es muß ein großes Geistes-
[Gemüths-] und Lebensein werden ohne allen Bund und ohne alles Band
[Nur] das was in Gott, was in Geist u Gemüth u Leben durch Gott
ruht, das ist es worauf es ankommt, keiner fühle sich in Geist, Gemüth
und Leben allein stehend, keiner stehe im Geiste, Gemüth u Leben im
Leben und Wirken allein; alle in Gott eint einiges und innig dafür
dieß, damit es werde wie ich an dem - noch nicht in seiner Tiefe
und Bedeutung erkannten Tauffeste Wilhelm sagte:
„Nun wir haben alle treu gewoben
Wohl wird’s Werk der Vater loben!“
Du mein treuer lieber Barop könntest ein Paar Schreiben 12 ?, 3, 4
z.B. Christianfriedrich - den <Grimm> - vielleicht Lommatsch anstellen
und jedem aus jedem Bogen das Wesentlichste für Leonhardi ab-
schreiben zu lassen; er könnte es über Frankfurt a/m durch Kosel
erhalten oder noch besser Du Langethal besorgtest eine Abschrift
des Wesentlichsten dieses Briefes für Kosel, Schäfer rc nach Fr[an]kfurt
und Du Barop für Leonhardi, so daß der Geist gleich still
an mehreren Punkten wirke; doch dürfte dadurch der Brief be-
sonders nicht übrig lange Zeit in Keilhau verweilen.
Noch wollte ich Dich Langethal, ja nicht minder Dich Barop darauf auf-
merksam machen wie Du jetzt in Keilhau u Du Lgethl [Langethal] jetzt in Burgdorf
doch ihr beyde, und so der äußern Thatsache nach, zunächst Du Lgethl
auch hier in Dresden, gerade jetzt in und bey meiner Anwesen-
heit hier und zwar Du Lgethl durch und über Blankenburg u Leipzig
hier, wirkt, Barop dagegen unmittelbar hier vorgebahnt u ange-
bahnt hat durch seine Reise und durch u während seines Aufent-
haltes hier, seht so ist alles im Geiste ein Ganzes: Keiner ist der Erste
und Keiner ist der Letzte Niemand kann in Wahrheit sagen wer das <Meiste>
und Beste gethan hat und so ist es recht; denn denkt Euch viele Bauen
mit großer Anstrengung ein Gewölbe, was kostet der Grundbau
Mühe und die Arbeit fällt im Klumpe wenn der Grund wankt
- doch die Arbeit fällt auch in Grun Klump wenn die Widerlagen
die Aufmauern vernichten – Allein die Arbeit fällt auch dann
noch in Klump wenn der Schlußstein nicht tüchtig eingesetzt
ist – wer that nun das Meiste am königl. Bau – der der den Grund
sorglichst legte – oder der, der achtsam aufbaute, oder
der, der den Schlußstein einfügte? – Gleiches läßt sich im
Bilde eines Baumes durchführen – der der ihn in der Saat und in
der Veredlungsschule gut pflegte – der der ihn sorglichst verpflegte
allein auch der der ihn sorglich anband, jeder that das seine, so sind
wir alle gleichwerthige (oder auch unwerthige) Gärtner am Mensch- /
[228R]
heitsbaum Gottes, lasset uns gleichwerthige Arbeiter seyn keiner
sey der Erste keiner der letzte wie im Kreise und auf der Kugel[-]
fläche kein Punkt als der erste u einzige hervorragt, (alle aber
ruhen in der unsichtbaren Einheit in Gott) jeder Punkt ist der
erste u oberste wie er eben der Lage nach es seyn muß, allein
er ist auch gern wieder der Unterste wie es die unsichtbare ge-
sammtbestimmung fordert. Vom Baum läßt sich dasselbe sagen -
werden nicht die Zweige zu Wurzeln und die Wurzeln zu Zweigen
wenn man sie umdreht? – Sagt es nicht auch unser Würfel:
Stets bin ich ein Halb verschleyertes Ding
Doch willst Du auch das Verschleyerte sehen
So mußt Du im Schleyer das des Sichtbarn sehen.
Ist nun das Sichtbare oder das Verschleyerte das Wichtigere? – denn
das Sichtbare spannt oft ab; allein das in Dunkelgehüllte, ver-
schleyerte weckt und reizt mit die Forschung darum sollten ganz
zufällig u beyläufig gesagt meine Freunde nicht so gar unzufrie-
den seyn daß ich etwas dunkel u schwerfällig schreibe und nicht
so ganz klar daß es Jedermann leicht wie Reisbrey ist – ein
zur Selbstthätigkeit geweckter Punkt ist mehr als viele die
ohne Selbstthätigkeit nachtreten – doch auch die letzteren sind wichtig
denn der Mensch ist zugleich ein [schaffendes und] ein nachahmendes, ein die Nachahmung
liebendes Wesen.
So mein lieber Langethal und meine Theuren in Blankenburg
und Keilhau alle bin ich zu Ende mit der Relation bis zum
16n Mittags 11 Uhr. – Soeben bekomme ich die Dresdner Anzeige
und ich werde ein Exemplar beylegen. Barop kann es Dir wenn er es
gelesen hat senden: - In 3 Blättern liegen also bey A B, C und D. -
Erwähnen wollte ich noch habe es aber oben wo es hin gehört vergessen
Löwe kam diesen Morgen wie gewöhnl v. 8 Uhr zu mir: ich er[-]
zählte ihm was ich gestern gethan, so auch von meinem Besuche
bey dHE Kirchenrath Wahl: „Sehen Sie (sprach er) sagte ich nicht
das [sc.. daß] der Wahl ihr [sc.: Ihr] Anker werden würde.[“] Wenn wir nun
den Ankergrund verfolgen seht Barop u Langethal, so kämen
wir bis nach Keilhau bis nach Burgdorf; das wollte ich
noch sagen; darf ich noch weiter gehen, bis nach Blankenburg [.]
Was heißt das nun? – Der sicherste u beste Ankerpunkt
und Ankerplatz mit Ankergrund ist im eigenen Gemüthe, im
eigenen Denken, im eigenen Handeln; allein immer u immer weiter [:]
Mein Denken, mein Empfinden, die Kraft meines Handelns habe ich
und haben wir uns nicht gegeben, also – der beste Anker[-]
grund und Ankerpunkt ist in Gott u d[urc]h Gott, wie es heißt: in Gott leben wir pp.
[Fußnote*-*, gehört zu S. 228V, Mitte: Barops Reise nach Leipzig]
[*] und von seinem Zusammentreffen mit Dir.[ector] Vogel rc in Leipzig [*] /
[229]
In Beziehung auf d.HE Diacon: Lange und dessen nicht minder edles und
rein menschliches Streben muß ich noch sagen: - daß wie es scheint
ein höchstes Lebensgesetz ist: - daß die Güter die der Menschheit als
ein Ganzes und Einiges [zu]kommen, durch die Opfer der Einzelnen, durch die
Verluste, durch die Prüfungen der Einzelnen erworben gleichsam im Einzelnen durch mehrere Christi erworben werden müssen so hat der Mag: Lange frühe seine Frau
die er als einen wahren Engel hinsichtlich ihres
Lebens u Seyns schildert verlohren. Dieser Verlust hat ihn geistig und leiblich
fast vernichtet; er hat sich nicht anders zu helfen gewußt als den Rath
seiner besten Freunde zu befolgen als eine Reise nach der Schweiz zu machen
Dort kam ihm der Gedanke welcher jetzt sein Lebensgedanke ist, dessen
Ausführung alle die seine Geistes- und Lebenskraft gilt, die sein ist d.h. die
nicht sein Amt forderte. Ich glaube sogar er hat auch Kinder verlohren;
Von Löwe sagte ich Euch das Gleiche. Nun bitte ich Euch nun blickt in unser
Leben! – Wer und was gab und brachte uns, und durch das der
Menschheit immer das Höchste? - ? - ? Verluste! – Entbehrung rc rc.
Reichen wir uns darum alle wir durch Gott so Geprüfte, allein
auch so durch Gott Einige u Geeinte nicht nur die Hand sondern
einiges Leben im Geist Gemüth und Leben sey unser aller Einiges.
*
Ja es wird eine Heerde und ein Hirt d.i. ein in Gott u durch Gott einiges
nicht etwa blos Menschheits- wie wirkliches {einzelnes/einiges} Menschen-
leben werden!!!
*
Nachmittags 4 Uhr. So eben haben wir wieder mit 12 frischen Kindern in der Schule
zu Rath u That eine Art Curs begonnen und zwar für den Zweck der Vorführung
in dem Saale daselbst. Es sind dieß dem Alter nach zwar schon vorgerücktere
Kinder von wohl 7-9 Jahren doch waren sie ihrem Leben nach noch ziemlich kindlich
und hatten zum Theil auch gutes Gehör u besonders 2 auch gute Stimme; doch trat
dieß beydes gegen die bey weitem kleineren Kinder der Viehweide [Anstalt] sehr zurück.
Weil doch Jedermann seine schwache Seiten hat u wohl haben muß, so muß ich doch
auch ein Urtheil von der Fr: V. [Valentin] – der Gattin von Middendorffs Freunde, welche
den HErr Pr. [Professor] L – [Löwe] sehr genau zu kennen scheint, Dir und Euch über ihn schreiben: -
„Sie wünsche nur hätte sie zu M. – [Middendorff] gesagt, daß der hinkende Bothe nicht
hinterdrein komme, denn L. – habe einen ungemessenen Ehrgeiz.[“]
Nun mich dünkt wir können seinem Wirken gern Raum geben -
Will er Dresden für sich – so räume ich es ihm gern wenn er in dem ächten
Geiste darin wirkt; will er den Kreis oder Distrikt Dresden; so
habe ich auch nichts dagegen und will er g[an]z Sachsen im ächten Geiste der
Sache, nun so habe ich auch nichts dagegen; mir und uns allen bleibt
noch Raum des Wirkens genug – Wenn er nur den Geist bewahrt u er ist edel. /

[229R]
Am 17en Jenner. Ja meine theuern Freunde und Lebensgenossen, das Sich-
finden aller menschlich denkenden Geister, aller menschlich empfindenden Ge-
müther, aller menschlich Handelnden in einer freyen und offenen Einigung zur
Erhöhung des Menschen, der Menschen; oder was ganz gleich ist zur Darstel-
lung
reiner Menschheit das ist mein Ziel und Streben; das Sinnbild dieser
ächten Einigung im Geiste und durch den Geist ist – der Ball, die Kugel;
jeder Einzelne Punkt an ihrer Umfläche, oder noch genauer in ihrer
räumlichen Gesammterscheinung, stellt auf eine bestimmte eigen-
thümliche Weise sein (des Balles) ihr (der Kugel) unsichtbares Inneres
das unsichtbare Wesen derselben dar, wie die Kugel oder der Ball
selbst wieder als ein Ganzes (: jenes der einzelne Mensch, dieß die Mensch-
heit :) – so soll also gestrebt werden daß jeder einzelne Mensch auf
seine ihm eigenthümliche Weise die ganze unsichtbare Menschheit, in
sich, durch sich u an sich, so wie die ganze Menschheit die ewige Ein-
heit darstelle.- Ich schrieb Dir lieber Langethal schon vor länge-
rer Zeit – es wird nun wohl ein Jahr her seyn - : Ich bin glücklich, ja ich
bin in mir freudig, froh, befriedigt, seelig könnte ich sagen, daß ich
der Menschheit, dem einzelnen Menschen, ja schon dem Kinde – (: zur
Sich-selbst-findung und zur Findung des Lebens Einigem :) – den
Ball, oder die Kugel (: mit diesem Bewußtseyn und Zwecke :) in die
Hand gegeben habe. Nun sterbe ich gern, denn es werden und würden
auch wenn ich augenblicklich stürbe nach mir schon Menschen und Geister
kommen welche diese Kindesgabe – diese kindliche, ja einfache und einfältige
Gabe als eine Menschheitsgabe und menschheitliche Gabe, als eine All-
fache und allfältige Gabe d.i. als eine Gabe finden würden in wel-
cher Alles, was der Mensch zunächst als ein Weltballbewohner
sucht, - sich einigt, einig daraus hervorgeht als einem Sinnbilde. Ihr alle und Du selbst
wirst dazu redlich das Deine ferner wie bisher beytragen.
Nachmittags 3 Uhr. Soeben gehen Frankenberg u Middendorff in die Schule zu
Rath u That. Ich habe mit Ihnen [sc.: ihnen], wie immer, vorher einen klaren Plan [als]
Programm ausgearbeitet. Nur einen Augenblick eilte ich in die Schule, und siehe statt 12 hatten
sich 15 eingefunden, so hatten sie ihre Lehrer gebeten daran Antheil nehmen zu dürfen
2 saßen noch lächelnd in der Nähe. – Auch muß Frankenberg noch überdieß ein
Tagebuch über unser Thun führen – Dir lieber Barop sage ich, daß die Kiste
diesen Morgen angekommen ist, gerad zur rechten Zeit, doch noch nicht geöffnet.
Dir lieber Langethal schreibe ich, daß ich in der Arnoldschen Buchhandlung
hier den Auftrag gegeben habe Dir unter Deiner Adresse, durch Lang-
lois
das obengenannte Buch von Lange zu schicken, doch mußt
Du es dort (versteht sich nach hergebrachtem Rabbat) bey Langlois bezahlen
es ging nicht anders. In cca 8 Wochen meynte man würdest Du das
Buch bekommen. Schreibe mir lieber Langethal recht, recht bald über
Blankenburg oder Keilhau. Die herzlichsten Grüße an alle DFrFr [.]