Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Henriette Wilhelmine F. in Blankenburg v. 28.1./29.1.1839 (Dresden)


F. an Henriette Wilhelmine F. in Blankenburg v. 28.1./29.1.1839 (Dresden)
(Autograph nicht überliefert; ed. Rhein. Bl. 1878, 246-259)

Dresden, am 28. Januar 1839
Guten Morgen und guten, guten Tag Dir, meine theure, geliebte Frau, und durch Dich allen denen, die der rein menschliche Lebensverkehr mit Dir in Verbindung bringt und welche herzlichen Antheil an Deinem, wie an meinem und so unserm und unser aller Leben nehmen. -
Es ist jetzt schon recht lange her, wenigstens dünkt es mich so, daß ich Dir keine Kunde von meinem hiesigen Leben und Wirken gegeben habe; es würde mir aber noch bei weitem länger gedünkt haben, wenn unser lieber und treuer, brief- und geschäftsfertiger Barop sich nicht veranlaßt gefunden hätte, in der Kürze mehrmals erfreuliche und befriedigende Nachricht von Deinem Befinden zu geben. Wie herzinnig danke ich Gott dafür! Ich glaube nun diesen Dank nicht besser bethätigen und aussprechen zu können, als wenn ich Dir sogleich die letztere und jüngste, und zwar eine sehr einfache und fast unscheinbare, aber doch die Gipfel-, die Blüthen- und vielleicht die eigentliche Fruchterscheinung meines hiesigen Lebens und Wirkens mittheile. /
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Ich führe Dich nicht in die Sprech- und Hörzimmer von Hochstehenden und Weitwirkenden, nicht in die Hörzimmer von Ministern und ihren Räthen, nicht in Vorführungs- und Hörsäle, selbst nicht einmal in die lieben und vertrauensvollen Spielkreise einzelner Familienvereine, sondern in das etwas schiefwinklige, darum sehr bescheidene, wenn auch sonst dem Morgenlichte zugekehrte, maigrün und goldfarbig umsäumte, also freundliche Zimmerchen Deines Mannes im Hause unseres lieben Freundes Löwe. Du findest ihn mit einem wohl noch um einige Jahre mehr als die Hälfte jüngeren aber ernsten Manne auf einem damaszirten Sofa mit dickem lila Grunde in rein menschlichem sich Gefundenhaben als lange und alte Lebensfreunde zusammensitzen, ob sie kaum noch eine Stunde sich kennen, obgleich der eine ein Deutscher, der andere ein National-Pole aus Warschau ist, obgleich der eine das Deutsche als seine Muttersprache, der andere es nur als eine angelernte und nur genau soweit spricht, um sich zwar vollständig und bestimmt, allein immer doch mit Nachdenken und steter Prüfung der zu wählenden Worte mitzutheilen; Du siehst vor ihnen einen mit zwei Flügeln versehenen Ausziehtisch (gleich dem im untern Hause zu Keilhau) stehen, welcher in Fülle die bekannten Spiel- und Beschäftigungsapparate Deines Mannes trägt. Gegenüber Deinem Manne sitzt Middendorff, welcher ihm freundlich reicht, was er bedarf, zur Rechten, Herr Prof. Löwe, welcher dem Gespräch mit einer gewissen Kritik und Commentirung folgt; zur Linken sitzt Frankenberg, der, wie ich vermuthe, für sich und uns die wichtigsten Gedankenfunken festhält, welche das kräftige Wechselgespräch hervorschlägt. Du hörst, mein geliebtes, theures Weib, diesen Mann sagen: - "Da ich Sie so beschäftigt finde und sehe (auf die vorliegenden Entwickelungsmittel zeigend, wie auf deren Geist und Zweck hindeutend) so habe ich solches Vertrauen zu Ihnen allen, als habe ich schon zwanzig Jahre mit Ihnen gelebt, (und doch ist der junge Mann wohl selbst erst vielleicht 25 Jahre alt); folglich heißen jene Worte: - "als habe ich von Kindesbeinen an mit Ihnen zusammengelebt". Was will nun aber dies von einem einfachen Manne auf eine ganz ruhige einfache, aber doch /
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in tiefer Erregung ausgesprochene Wort, sagen? - Du hörst diesen Mann sagen, wie er von einem Vereine der ersten Familien und Häuser Warschau's, welcher auf eine rein menschliche unabhängige Weise, rein aus sich und um einem Bedürfniß und einer Forderung ihres Herzens und ihres Gemüthes zu genügen, zusammengetreten sei, um für die niedere und gewerbtreibende Classe der Bewohner Warschau's Kleinkinderschulen auf die entsprechendste Weise zu errichten, wie er von diesem Vereine - (dem Wohlthätigkeitsvereine zu Warschau, deren Mitglied er selbst ist) - nach Deutschland gesandt ist, um zunächst in Berlin, Dresden, dann in Prag und Wien, die bestehenden Kleinkinderschulen zu besuchen und aus diesen das Beste und Genügendste nach seiner Vaterstadt zu verpflanzen. Du hörst diesen Mann versichern, daß er ebensowenig in Dresden, - dieser doch im Rufe einer hohen menschlichen Culturstufe stehenden Stadt, als in Berlin zu seiner Verwunderung das, oder auch nur etwas von dem gefunden habe, was er gesucht und bedürfe, und daß er sich nun glücklich preise, gerade in der Zeit nach Dresden gekommen zu sein, wo ich hier war, und daß dieses Finden ihm ein Ersatz für seine Hierherreise und hiesigen Aufenthalt gäbe. Er sprach aus, daß er schlechterdings nicht begreifen könne, wie man in einer Stadt von solcher Bildungsstufe wie Dresden solche Bildungsmittel für die erste Kindererziehung und selbst der niederen Volks- und gewerbtreibenden Classe nicht nur nicht lebendig pflegend aufnehmen könnte, ja der Sache abhold sei und ihr sogar entgegen wirke. Wie man ihn selbst dagegen einzunehmen gesucht habe, indem man den Bann des Mystizismus darüber ausgesprochen habe, obgleich sich doch nur reine Thatsache und Anschauung, Anschauung der Sinne, wie reine geistes- d.i. mathematische Anschauung biete. Und nun fing er selbst an, gleich uns selbst aus den vor uns liegenden Sachen und Spielzeugen die Zweckmäßigkeit derselben eben und ausschließend für das Volk, die arbeitende und gewerbtreibende Classe und so für die Kleinkinderschulen vorzuführen, so lebhaft und tief und allseitig eingehend mir und uns vorzuführen, als wolle er uns selbst in das Wesen, in die Zweckmäßigkeit, Nützlichkeit, Nothwendigkeit /
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und Anwendbarkeit derselben einführen, uns selbst davon überzeugen. Du, mein geliebtes Weib! würdest Deine Freude gehabt haben, diesen Mann in seinem ruhigen und stillen Eifer zu sehen. Er glaubte, mich selbst noch auf mehrere Seiten der Anwendbarkeit dieser Spiel- und Beschäftigungsweise aufmerksam machen zu müssen, welche sogleich vor seine Seele traten und von welchen er in diesem Augenblick geistiger Erregung nicht schaute, daß ich sie notwendig wohl auch schon gefunden haben mußte. Ich ließ ihn nun auch mir und uns alles so ruhig und ohne alle und jede Unterbrechung vorführen, als sei die Sache mir wirklich selbst noch fremd. Er sagte, daß man dieser Beschäftigungsweise, oder wie er sie natürlich immer nannte, "Methode", die Eigenschaft der "Vortrefflichkeit" beilegen müsse. (Wenn er ein solches Wort brachte, suchte und wählte er immer lange, bis er das, was ihm das entsprechendste schien, mit Bestimmtheit aussprach). - Du würdest, meine geliebte Frau, diesem Manne gesagt haben, daß wie diese Beschäftigungsweise so ganz angemessen, - wie er sagte, "handgreiflich", "betastbar", (denn das Kind müsse alles betasten, selbst die Mutter und den Vater, um seine Liebe ihm zu bezeigen und sich dafür deren Liebe anzueignen) für das Kind und das kleinste Kind sei, wie sie aber auch die ganze Philosophie in sich trage. - Du hörst diesen Mann sagen, wie er jetzt eine kleine Broschüre schreiben und darum von seiner bisherigen Reise und deren Ergebniß Rechenschaft ablegen müsse, wie er da dieser Methode ganz namentlich erwähnen und seine Aufmerksamkeit schenken werde. Er sagte, wie es ihm Pflicht sei, sie nicht nur auf seinen vaterländischen Boden zu verpflanzen, sondern auf und in demselben zu pflegen; wie er darum alles, was nur möglich sei (doch forderte die Nothwendigkeit, daß er manche Ausdrücke ändere, wie er sagte " mildere") in das Polnische übersetzen werde; doch, fügte er hinzu, um wahr zu sein, müsse er gleich sagen und gestehen, daß mein Name, wenigstens zunächst, zurück treten müsse. Durch dies Unterlassen werde der Sache mehr genutzt als geschadet werden. Ich zeigte ihm nun gleich thatsächlich, wie sich es bei mir nie um den Namen handle; denn keines der Spielschriftchen /
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trage meinen Namen. Er schien dies sehr zu beachten. Er sagte mir nun, wie er alle meine Sachen zu haben wünsche, sie bezahlen werde, wie er mit mir in Briefwechsel zu treten wünsche rc. rc. Weiter wurde der Nothwendigkeit gedacht, daß er Gehülfen, gleichsam Arme und Augen bekäme, welche unter meiner Leitung in diese Kinderführungsweise eingelebt und einzuführen seien. Das Wichtige davon wurde natürlich sofort weiteren und ausführlicheren Erwägungen unterzogen. -Dieser Mann kann nur noch wenige Tage hier bleiben; doch habe ich ihm gesagt, daß ich jeden Morgen von 8 - 12 Uhr ihm gehöre. Heute Morgen schon zu kommen, erkannte er gleich gestern Abend beim Weggehen (er war fast 4 Stunden von 3/4 3 an bei mir) als unmöglich, indem er mehrere Drucksachen von mir mitnahm, um sie durchzusehen. Heute Nachmittag sehen wir uns vielleicht in einem Familienkreise kleiner Kinder ( bei dem Herrn Kammermusikus Löwe, keinem Verwandten oder auch nur Bekannten von Prof. Löwe).
Siehe, meine treue Frau, das Finden dieses Mannes ist mir die Krone, die Blüthe und die Frucht meines hiesigen Wirkens, meines Hierseins, und dagegen fällt mir alles andere wie Knospenfülle, z.B. an den Kirschen, wie Kelchblätter (gleichfalls an den Kirschen und Pflaumen rc.) und wie die Kronen blätter an allen Fruchtbäumen, selbst wie die rosigen an der Apfelblüthe ab. Dieser Mann erscheint mir wie der Staubweg, der Befruchtungsleiter in den Blumen und Blüthen zu einem innersten, uns allen verborgenen unsichtbaren Lebenspunkt; alles - alles fällt ab oder schrumpft zusammen und verdorrt (wie der Kelch an Birn und Äpfel); allein die Frucht schwellt. Gott bewahre sie vor Wurm und Wespenstich und schenkte ihr Reife, Reife zur Gesundung, zur Heilung, zum Heil für Viele.
Zwei Bemerkungen nur, liebe Frau, erlaube mir oder vielleicht gleich drei. Erstlich finde ich darin eine Erfüllung unserer menschlichen Gesinnungen, welche lange unser Herz und Gemüth still pflegte und welche sogar während meiner Abwesenheit in der Schweiz aber auch früher schon einmal als sogenannte Aufführung in Gestalt hervortrat. Darum waren und sind mir solche /
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Darstellungen aus dem innersten Leben des Ganzen immer so wichtig und überwiegend wichtiger gewesen als von außen angeeignete Darstellungen, so herrlich sie auch immer sein mögen, wie z.B. die jetzt zu Weihnachten: "Der dankbare Sohn von Eigel". Barop soll doch dies ja beachten. Freunde, welche Früchte kann jener unscheinbare Same tragen? -
Zweitens finde ich zwischen dem Erscheinen dieses Mannes, des Herrn Theophil (Gottlieb) von Nowosielsky und dem früheren von Xaver Schnyder von Wartensee eine merkwürdige Übereinstimmung; ja es geht mir dadurch ein Stern der höheren Bedeutung unseres Lebens auf. -
Drittens, und das wird Dir, geliebtes Weib, das Liebste sein, fühle ich mich durch diese Erscheinung innerlich beruhigt; ich habe in ihr nun mit Bewußtsein zum zweiten Male gefunden, was mein Herz ersehnt. Und Dresden hat mir so ein Zwei-, vielleicht ein Dreifaches gereicht, namentlich außer dem Genannten, auch mehr innere Vollendung. - Gedenke dabei des Anfangs meines ersten Briefes an Langethal von hier. -

Donnerstag, am 29. Januar, Morgens. Ein heiterer Wintermorgen, eine leichte Morgenröthe begrüßte durch einen von Häusern freien Blick vom fernen Gesichtskreis her den jungen Tag, als dessen friedliche Führerin jetzt die klare liebe Sonne heraufsteigt. Möchte doch auch Dich, Wilhelmine, der neue, der heutige Tag kräftig, heiter und wohl finden. - Und nun eile ich, Dir ferner von meinem hiesigen Leben und Wirken Kunde zu geben; denn Du kommst nun gewiß auch mit folgenden naheliegenden Fragen: - Was ist denn eigentlich das Ergebniß Deiner und Eurer Thätigkeit in Dresden und was wird der fernere Erfolg davon sein? - Ohngeachtet nun aller der mehr im Stillen und Verborgenen schleichenden, wie der einzelnen bestimmten und öffentlichen Entgegnungen, als deren Grund man entweder, (aber doch wohl nur höchst einzelne, vielleicht gar nur einige) persönliche feindliche Oppositionen sieht, oder Dämagogenriecherei vermuthet oder - (was und weil es jetzt hier in Dresden und noch ganz kürzlich das alles erregende Ferment (Gährungsstoff) war) - als Anschuldigung des Mysticismus sich ausspricht; /
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Trotz alledem und alledem scheint der Gegenstand hier immer mehr in der mittleren und rechtlichen Volksklasse durch Gewerbs- und Geschäftstreibende und untergeordnete Beamte Wurzel zu fassen, Ankergrund und Keimboden zu finden. Es ist etwa nicht nur Einer, nicht etwa blos der Herr Prof. Löwe, sondern es sind deren einige und alles einfache, biedere, rechtliche, gemüthliche, mündliche und äußerlich freistehende Männer, welche sich die Einführung dieser Elternklasse in das Wesen der Sache und die Belehrung über den Gegenstand derselben zur Aufgabe machen, und es scheint ihnen allen so wie unserm Wirken in einzelnen Familienkreisen (z.B. bei dem Herrn Hofgärtner Lehmann, bei dem Hrn Kammermusikus Löwe, bei dem Hrn Dr. Peters rc.), dies schon in so weit gelungen zu sein, daß sich der Gedanke und der Wunsch, daß diese Kinderpflegweise nicht nur in den Familien und für die Familien Dresdens gesichert bleibe, sondern daß sich auch hier eine ganz besondere Anstalt dafür und zur Bildung für Pfleger und Pflegerinnen oder, wenn Du lieber willst, Erzieher und Erzieherinnen für die ersten 6 Kinderjahre bilden möge. - "Gut Ding aber will Weile haben, will sie besonders bei den Dresdnern haben", ruft man mir von allen Seiten entgegen. Um nun dem nach meiner und unser aller Überzeugung guten Dinge diese Weile zu geben, ist unsere Lebensanordnung die folgende: - Wie ich Dir oben schon aussprach, würde ich - wenn nicht hier noch Einiges persönlich zu pflegen wäre - so z.B. unser Herr von Nowosielsky Beachtung verdiente - spätestens schon heut von hier nach Leipzig abgereist sein; allein ich durfte eins doch nicht unterlassen, nämlich dies Pflegen des Ausgestreuten und Begonnenen. So war ich gestern Abend von 4 - 5 ½ mit Middendorff wieder in der gar lieben und einfachen Familie des Herrn Kammermusikus Löwe. Beide Eltern, wie oft zuschauende Fremde, sind immer gegenwärtig, so z.B. gestern eine Frau Secretärin mit ihrem Töchterchen und unser Pole. Die Kinder waren außerordentlich lieb und spielten ächt kindlich schön. Der Gegenstand zog sehr bald mich und den Herrn Nowosielski in's Gespräch, und Middendorff pflegte still das Leben der Kinder. So geht es gewöhnlich, wenn ich mit diesem bei- /
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sammen bin. Gewöhnlich wende ich mich dann mit andern, mehr allgemeineren Beziehungen an die Eltern, wozu die Spiele und das Spielen der Kinder, der stets bereite Faden ist, oder ich spreche mit der Mutter in Beziehung auf die kleinsten Kinder, lasse mir besonders gern von sinnigen Müttern, wozu die Frau Kammermusikus Löwe so ganz gehört, Bemerkungen über das früheste Leben ihrer Kinder und Äußerungen derselben aus dieser Zeit erzählen und benutze am Ende alles dies zur Begründung und Darlegung der von mir aufgestellten Spiele und Spielweise. Gestern Abend begleitete uns unser Herr v. Nowosielsky nach Hause, und ob wir gleich schon um 6 Uhr ausgebeten waren, so kamen wir doch fast erst gegen 7 Uhr aus dem Hause. Ich theilte Herrn v. Nowosielski aus der Isis, welche noch bei mir liegt, das mit, was ich in derselben als Beantwortung der Frage: "Warum und zu welchem Zweck nennen wir uns die allgemeine d.[eutsche] Erz. Anst.?" - hatte abdrucken lassen. Ich sagte ihm, daß am Ende jeder sein Volk, wenn es ein europäisches sein [sc.: sei] und eine Ur- und Quellsprache spreche, auf eine ähnliche Weise betrachten könne und müsse, so z.B. er auch das seine. - Weiter theilte ich ihm das Stück der Isis mit, in welchem der consistoriale Bericht von Zeh steht. Heut am Morgen brachte er mir beide Hefte mit vielem Dank zurück, sagend, daß er sich sehr viel Notizen und Bemerkungen aus demselben ausgezogen habe. Doch vorher noch zum gestrigen Abend.
Wir alle drei waren zum Oberlehrer Baumfelder in seine Familie eingeladen. Wie oft habe ich da Deiner gedacht; wie würdest Du Dich in diesem [sc.: dieser] lieben, stillen, sanften, kinderreichen, aus frohen [Menschen bestehenden] , in dieser, in jeder Hinsicht so ganz einfachen und gemüthvoll vertrauenden Familie wohl befinden! Er, der Mann, kam uns gleich mit dem vollen Ausdruck der Freude, daß wir Wort gehalten hatte, entgegen, sie mit dem Bemerken (indem es schon etwas spät war), daß sie fast gefürchtet habe, wir hätten die Einladung vergessen. - Das Gespräch wurde bald in jeder Hinsicht lebhaft, und bald kamen noch zwei andere Directoren: ein Director eines 2. Seminariums, Herr Steglich, jetzt erster Vorsteher des pädagogischen Vereines (indem Herr Seminar- /
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director Otto nach dem Gesetz ausgetreten ist) und ein sogen. Schuldirector, d. i. Vorsteher einer eigenen Privatschule, jetzt Secretär des pädagogischen Vereines, hinzu. Der Herr Director Blochmann war auch eingeladen, allein der Besuch einer seiner Verwandtinnen aus Schlesien hatte denselben zurückgehalten. Die Gespräche waren sehr lebhaft und berührten im Allgemeinen wie im Besondersten das Wichtigste. Das Leben und der Gegenstand wurde an dem Höchsten geprüft. - Nachmittags 2 Uhr. So hätte ich Dir nun eigentlich nach diesem, wie es mir scheint, Gipfel- und Blüthenpunkt meines Dresdner Lebens und Wirkens eigentlich nichts Wesentliches und Wichtiges mehr von hier aus zu schreiben. Das Dresdner Leben und Wirken ist zu seinem Ziele und durchgeführt; der Same ist ausgestreut; er kann nun, wenn er nicht ausfriert, unter der winterlichen Schneedecke vielleicht selbst schon keimen und Wurzel schlagen. Ich konnte und würde demnach schon heut von hier abgereiset sein, um der Entfaltung hier Zeit und Muße zu lassen, wenn nicht noch nachträglich dies und jenes zu pflegen wäre.
Die praktische Vorführung in dem Saale der Gesellschaft zu Rath und That hat, wie Du aus dem beiliegenden Druckzettelchen siehst, am Sonnabend auch stattgefunden. Die Versammlung war ziemlich zahlreich; doch hätten noch mehrere Personen Raum gehabt. Die Anwesenden waren außer dem allgemein theilnehmenden Publikum besonders zweierlei Art: einmal wie ich nach dem bestimmten Ausspruche des Herrn Cultusministers v. Carlowitz, - welchem ich einige Tage vor der Vorführung meine Aufwartung machte - zu glauben Ursache habe, bestimmte, von dem Ministerium des Innern beauftragte Räthe - ebenso auch aus der Kreisdeputation des Dresdner Kreises, (z.B. Herr Superint. Heymann), - dann diesem gegenüber mehrere Mütter mit ihren Kindern. Die Vorführungen waren außer einigen einleitenden Worten rein praktisch; zuerst Vorführungen der Spiele mit dem Ball in der Kinderstube zwischen der Mutter und dem kleinen Kinde, - dann Vorführung der Spiele in Kinder- und Familienvereinen an einer und durch eine Mehrheit von Kindern. Nach diesem wurden einige Übungen /
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mit der Kugel und dem Würfel vorgeführt und in ihrer Anwendung auf sinnige gemeinsame Kinderspiele durchgeführt. Endlich wurde einiges von dem nach allen Seiten hin einmal getheilten Würfel gezeigt und des in 8 Bauklötzchen getheilten Würfels nur vorübergehend erwähnt. Es war jetzt die Dämmerung so stark eingetreten, daß nichts mehr gesehen werden konnte und darum geschlossen werden mußte. Dies geschah durch das dreimalige Singen unseres Schlußliedchens von unserm aus 14 Kindern bestehenden Spielkreis:
"Unser Spiel ist nun geschlossen,
Froh ist uns die Zeit verflossen,
Drum zum schönen Schluß!
Einen heitern Abschieds[-]Gruß"
(Mit Verbeugung gegen die Versammlung).
Wir hatten mit diesen Kindern vorher im Ganzen 10 Stunden gespielt; sie führten aber die Sachen sehr gut aus. Besonders sangen sie die Liedchen sehr lieblich, z. B. gleich das Eröffnungs- und Begrüßungsliedchen: "Ich neige mich, ich neige mich und wünsch' Euch einen guten Tag! guten Tag! guten Tag!", so daß man doch wirklich wahrnehmen konnte, wie die Anwesenden davon erregt, ja ergriffen wurden. Doch unser Pole, welcher auch dabei gegenwärtig war, war damit noch nicht zufrieden gewesen; auf ihn hatte der Eindruck der Kinder, ihres kindlich ruhigen, sinnigen Erscheinens so wohlthuend gewirkt, daß er sich in förmlich schwärmerischen Ausdrücken erging. Er konnte nicht begreifen, wie doch wirklich gebildete Mütter und Frauen davon nicht noch mehr hatten ergriffen werden können. Diese Verwunderung wurde später selbst von dem Herrn Oberlehrer an der Schule zu Rath und That (welcher stets und fast immer mit seiner Gattin und seinen 3 Kindern an den Vorübungen und Spielübungen Theil genommen hatte), von Herrn Baumfelder ausgesprochen. Er sagte mir, man könne daran sehen, wie sehr die Mütter ihrem eigenen innersten Mutterleben und dem innersten Leben ihrer Kinder entfremdet wären. Ob uns nun gleich noch kein allgemeines und öffentliches Urtheil über die Vorführung zu Gehör /
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gekommen ist - (einige Meinungsverschiedenheiten sollen sich gleich im Saale stark und bestimmt gegenüber gestanden haben) - so war doch außer der klaren und bestimmten Durchführung - die wohl 3 Stunden, wenigstens 2 ½ Stunde[n] gedauert haben mag (wobei natürlich die Kinder während der allgemeinen Vorführungen oft lange Pausen zum Ruhen hatten) - dies eine sehr freundliche Erscheinung, daß dennoch Leute wohl noch fast 1 Stunde dablieben, theils um sich einiges noch einmal, theils um sich anderes weiter vorführen zu lassen. Unter diesen, welche bis ganz zuletzt blieben - (nachdem nämlich unmittelbar nach der eigentlichen Vorführung Licht gebracht worden war) - zeigten besonders zwei sehr hohes und lebenvolles Interesse, es waren dies der oben genannte Herr Superint. Heymann und der Director der Freimaurer-Schule Herr Manitius; diesen beschäftigte die Sache besonders um seiner Familie willen. Er war mit den vielen Entgegnungen bekannt, mit der die Einführung zu kämpfen habe, sprach aber aus, daß unser Werk ganz bestimmt aus-, durch- und eingeführt werden müsse. Es müsse nur dazu die jetzt allgemeine Erregung benutzt und die Sache betrieben werden, eben weil sie noch warm sei. Ich erwiederte, dies sei nun Sache der Eltern und Väter; diese müßten zusammentreten und ihre Wünsche bestimmt aussprechen. Beide Herren zu besuchen, war ich willens, hatte aber bis jetzt noch nicht Zeit. -
Herr Baumfelder, ein herzensguter, gemüthvoller, lieber, freundlicher, junger, aber dabei sehr gründlich prüfender Mann, hatte sich eine ganze Menge, ich möchte sagen: Nußfragen aufgeschrieben, mindestens zum Theil im Gedächtniß aufgespeichert, um mir dieselben zum Lösen vorzulegen. Er freute sich ordentlich, wenn er, nachdem ich eine Aufgabe gelöset hatte, sagen konnte: "Nun, ich bin noch nicht fertig, und endlich: jetzt kommt aber erst die Hauptsache". Ich kämpfte mich, aber wie ein ehrsamer Kriegesmann mir stets den Rücken frei haltend, wacker durch, so daß er endlich sagen mußte: - "Nun, ich sehe, Sie stehen fest!" - Daß die Gegenstände das dem Menschen und Christen Wichtigste betrafen, versteht sich von sich selbst; denn wer würde nicht sicher /
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sein, mit solchen Bomben und Granaten leicht Bresche zu schießen. Middendorff mußte bald, d.i. 10 Uhr, fortgehen, und noch im Aufbrechen nahm er in seiner heiteren Gemüthlichkeit das Wort: "Nun ich bin noch nicht fertig!" mich selbst dadurch beim Worte nehmend. Ich hatte nämlich einmal in seiner Gegenwart und kurz vorher etwas Ähnliches gesagt: daß nämlich alle Spiele und Beschäftigungsmittel der Kinder in den von mir aufgestellten Spielmitteln enthalten, d.h. daraus und dadurch abzuleiten seien; er habe nun ein ganzes Register von Spielen und Kinderbeschäftigungsmitteln aufgeschrieben und wünsche nun von mir zu hören, wie ich sie alle abzuleiten gedächte. Nun gut, sagte ich, zufällig sehend, daß seine zu meiner Linken stehende Frau strickte, daß sie ein durchnäßtes Häubchen trug - nun gut: das Stricken gehört doch wohl auch am Ende später zu den Kinderbeschäftigungsmitteln, wenigstens der Mädchen. Es ist aber nichts als ein gesetzmäßiges, immer in sich selbst Verschlingen einer biegsamen geraden, d. i. stets gleich gerichteten Linie (gleichsam eines Stricks). So ist das Nähen weiter nichts, als das Entgegengesetzte durch eine stets in sich geschlungene Linie sich nahe zu bringen und zu verbinden. - Das Sticken ist weiter nichts, als die schönsten der erfundenen Figuren oder Gestalten zum Schmucke für sich selbst herauszuheben und gleichsam ausstechend darzustellen - oder auch wohl (in der Weißnäherei und Stickerei) gleichsam die reinsten Ideen und Gedanken der Blumen- und Gewächswelt stets auf eine gleiche Weise darzustellen. Man lachte. Ich sagte: Auch der Schuhmacher mit seinem krummen oder rundlinigen Sohlenschneiden und der Weber mit seinem steten Verbinden entgegengesetzter senkrechter und wagrechter Linien zu einer Fläche sei meinen Spielen nicht fremd. So schieden wir fröhlich, und die Frau sagte noch an der Schwelle: Schade, daß Sie schon gehen, man hörte gar zu gern noch länger zu. - Es war nämlich auch von der Entwickelung unseres Lebens, der Gründung von Keilhau rc. rc. die Rede gewesen.
Heute Morgen, als ich kaum den Brief an Dich begonnen hatte, kam schon unser Herr v. Nowosielski wieder, wie ich schon /
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erwähnte. Er wünschte nun, statt, wie ich glaubte, neue Einzelheiten zu erhalten, lieber das Ganze vom Ball und dessen ersten Begründung von der Kugel und dem Würfel von Neuem nochmals aus meinem Munde zu hören; er nahm sich Feder und Papier zur Hand, sich das Wesentlichste der Mittheilung zu notiren. So wogte das Gespräch bald wieder nach allen Seiten, stets an einem starken sichern Faden sich bewegend. Herrliche Lebensfunken wurden bei dieser Gelegenheit hervorgeschlagen, lichtend - leuchtend – rc. erwärmend. Unter anderm sprach er mir zuerst aus, wie eigentlich das alles, was sich jetzt so vor und in uns bewege und gleichsam durch die Vorführung der Spiele rc. rc. hervorgefördert werde, schon seit seiner frühesten Kindheit in ihm gelebt habe. Er führte zum Belege Thatsachen aus seinem Leben vor, versichernd, daß ihm jetzt alles klar werde, in Zusammenhang komme und Bedeutung erhalte. Ich dachte dabei an Barop, und ich bitte Dich, meine liebe Frau, dies ihm mitzutheilen, wie ich unserm Herrn v. Nowosielski dasjenige vortrug, was mir über seine Ahnungen früher Barop mitgetheilt hat. Ich sagte ihm, dem Herrn v. Nowosielski, unter anderm weiter, wie eben mein Streben dahin gehe, dem Menschen seine frühesten und reinsten Lebensahnungen wahr zu machen, und wie sie so wahr würden. In diesem Ideengang fortgehend, wurde ich auch veranlaßt, ihm auszusprechen, wie seine Nation in reinsten rücksichtslosesten [sc.: rückhaltlosesten] Beziehungen mir (und uns) stets sehr lieb und theuer gewesen sei und noch jetzt sei. Er antwortete mir darauf tief gerührt, was sein Auge sagte und seine bewegten Lippen bezeugten: " Ich danke Ihnen im Namen meiner Nation", rc. Ja, meine Wilhelmine, es liegt etwas ungemein Großes darin, aus tiefgefühltem Bewußtsein so sagen zu können, aber - auch etwas unendlich Großes und Erhebendes darin, im Dienste einer großen, nach meiner Meinung für die Menschheit äußerst wichtigen Sache hoffen zu dürfen, ahnen zu können, daß es möglich sei, sich einen solchen Dank einst noch einmal in größerem Umfange verdienen zu können. - Doch genug für diesen Gegenstand. Denke Dir, bis gegen 2 Uhr dauerten unsere, vielmehr meine Mittheilungen, von vielleicht 9 Uhr an. Ich war recht /
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müde und recht hungrig. Er schien aber beides nicht zu sein. Nun zum Schluß. Morgen bin ich Nachmittags und Abends zur Feier des Jahres- und Stiftungsfestes des Pädagogischen Vereins des Herrn Blochmann eingeladen. So viel von Geschäften dieser Woche. Freitags muß ich noch eine wichtige Mittheilung durch Löwe im Gewerbverein abwarten. Spätestens Sonntag geht es nach Leipzig. Dorthin meine Briefe an Vogel. Barop weiß es. Frankenberg bleibt hier. In 2 bis 3 Wochen denke ich wieder bei Dir zu sein. D. Fr. Fr.