Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Henriette Wilhelmine F. in Blankenburg v. 3.2.1839 (Dresden)


F. an Henriette Wilhelmine F. in Blankenburg v. 3.2.1839 (Dresden)
(Autograph nicht überliefert; ed. Rhein. Bl. 1878, 314-319)

          Dresden, am 3. Februar 1839.


Guten Morgen, meine geliebte theure Frau!

Zwar habe ich gestern Abend vor sechs Uhr schon einen Brief an Dich auf die Post gegeben, so daß ich hoffe, daß er nun schon in Leipzig und künftigen Mittwoch Abends spätestens in Deinen Händen sein wird; auch hoffe ich, daß Du wenigstens vielleicht 4 oder 6 Tage früher, als jetzt schon, indem ich dies schreibe, einen Brief unter Kreuzstreifen von unserm Barop erhalten, sowie noch andere Nachrichten von demselben bekommen haben wirst. Dennoch beeile ich mich, Dir schon wieder heut, wenn auch nur ein Wort der Liebe und des Dankes zu sagen; denn Dein lieber, lieber Brief, welchen ich gestern Abends, nachdem das Treiben des Tages vorüber war, in Ruhe und Frieden gelesen und wieder gelesen habe - denn dieser Dein mir Dein ganzes tiefes Gemüth und volles Leben zeigender Brief hat mich tief gerührt; ich hätte in dem Augenblick zu Dir fliegen mögen, wie ich es noch jetzt möchte, wenn es möglich wäre. Doch ich bin jetzt ganz allein; die Freunde sind durch Freunde eingeführt nach dem Kunstverein gegangen, woselbst die an ihn abgelieferten Gemälde wöchentlich einigemal, so z. B. Sonntags von 11 bis 1 Uhr, für Mitglieder und durch dieselben eingeführte Kunstfreunde zu sehen sind. Ich habe dieses Vereins schon früher erwähnt, in den wir von dem Sohne einer andern Mitgliedsfamilie eingeführt worden waren. Auch unser Herr v. N. - den ich nach dessen Aufsatz von ihm und seiner Pflege meines Lebensgrundgedankens - (was Dir nun alles bekannt ist) wohl mit Recht unsern Freund im höheren und vielleicht im höchsten Sinne des Wortes nennen kann - unser Herr v. N. ist ebenfalls in Gesellschaft der Übrigen, Herrn Prof. Löwe eingeschlossen. - Als Herr /
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v. N. jetzt in's Zimmer getreten war, brachte er mir ein sehr liebes Geschenk für Dich, und so bekommt denn dadurch dieser mein Brief an Dich um so mehr seine rechte Bedeutung. -
Am Abend nach 10 Uhr. Dachte ich doch heut recht viel für Dich und an Dich zu schreiben, und nun - wo ist der Tag hin? - wie wurde er mir fast geraubt! - Eben als ich Dir sagen wollte, daß Herr v. N. mich für Dich zum Geschenke, nämlich in einer Zeichnung gebracht habe, trat derselbe schon wieder mit seinem Begleiter, Herrn Prof. Löwe, zu mir in's Zimmer. Es war gleich Zeit, um zu Mittag zu essen, so gingen wir beide gemeinsam zu Tisch (- Herr Middendorff speist gewöhnlich bei Herrn Valentin und Frankenberg war bei Herrn Advokat Krause ausgebeten). - Ehe wir gingen, wurden wir, Herr v. N. und ich, zu Herrn Prof. Löwe zum Kaffee gebeten. Kaum war ich zu demselben in's Zimmer getreten, als das Mädchen meldete, daß 2 Damen mich zu sprechen wünschten. - Ich habe in dem Drange der vielartigen, wichtigen Mittheilungen vergessen, daß bald nach meiner Vorführung in der Schule zu Rath und That eine alte Dame zu mir gekommen war, - (sie hatte der Vorführung in der gedachten Schule beigewohnt) - welche sich genauer mit den von mir aufgestellten Spiel- und Beschäftigungsmitteln bekannt machen wollte. Sie kündigte sich mir als eine hier für einige Zeit lebende Fremde, als eine Schwedin an, welche zwar selbst keine so kleinen Kinder, allein in Schweden Enkel habe, um derentwillen sie nähere Kunde von der Sache zu haben wünschte. Sie nahm damals die beiden ersten Spiele nebst Beschreibung zur Einsicht mit sich. Diese Dame nun war es, welche jetzt, wie ich nachher erfuhr, mit ihrer unverheiratheten Tochter und ihrem 7jährigen Enkel vor mir stand. Im Laufe des Spieles mit dem Kleinen nun zeigte es sich, daß sie in der Schweiz, so z. B. über den Simplon, gereist sei und sich längere Zeit in Lausanne und selbst in Yverdon bei Pestalozzi aufgehalten habe. Ist es nicht merkwürdig, wie dieser Mann immer wiederkehrend entweder geradezu mit Menschen verbindet oder doch später die Bande näher bringt und fester zieht? Ich gestehe gern, daß ich, als /
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ich dies hörte, eine wahre Herzensfreude hatte; es war mir, als sehe ich eine verwandte und bekannte Person aus der Zeit meines Aufenthaltes bei Pestalozzi: ich mußte ihr die Hand wie zum erneuten Freundschaftsbund reichen, ob ich gleich bis jetzt noch nicht weiß, weder wer sie ist, noch wie sie heißt, noch ob wir in gleicher Zeit in Yverdon waren. Sie verließ uns bald und ließ Tochter und Enkel bei mir, sagend, daß diese jünger seien und zur Auffassung des Ganzen besseres Gedächtniß hätten, und sie auch von Umständen abgerufen werde; vorher fragte sie mich, ob ich hier nicht eine in diesem Geiste fortgehende Schule oder Erziehungsanstalt errichten werde. Ich sagte ihr, daß mir schwerlich, wenigstens zunächst, länger als bis zum 7. Jahre die Beschäftigung der Kinder auf diese Weise erlaubt werden würde, daß ich aber für Eltern, welche für die künftige Erziehung ihrer Kinder nicht an Dresden gebunden wären, eine Erziehungsanstalt bei Rudolstadt besäße, welche nach Erfordern die jungen Leute selbst bis zur Universität fortbildet. Sie sagte: Wenn der Vater ihres Enkels genau von dem Geiste und den Leistungen der Anstalt unterrichtet wäre, so könnte er sich vielleicht später wohl entschließen, seinen Sohn auch weiter nach der Mitte von Deutschland hin zur Erziehung zu geben. - Du siehst, wie gleichartige Gedanken mehrfach auftauchen. Barop soll nun auch immer streben, den reinsten, edelsten und freiesten menschlichen Geist in der Anstalt walten zu lassen; auch soll er mich durch möglichst zweckmäßige Nachrichten von den Eintrittsbedingungen in den Stand setzen, die Nachfragen der Eltern genügend beantworten zu können. Ich habe schon einigemal durch Middendorff und Frankenberg darum bitten lassen; denn selbst hier wünschte ein Vater, ich glaube ein Apotheker, Auskunft darüber. Der kleine Schwede - ein wirklich von schwedischem Vater in Schweden geborner - hat mir außerordentlich gefallen: es war ein geistesthätiges, kräftiges, doch sehr mildes Kind. Er wird vielleicht von morgen an einen unserer Spielkreise besuchen. Ich wünschte, er wohnte nicht so sehr weit von hier; es würde mir große Freude machen, mich besonders mit diesem lieben Knaben zu beschäftigen. Die Tochter sagte mir /
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später, daß ihre Mutter eine geborne Curländerin sei, daß sie, so wie ihr seit 7 Jahren, glaube ich, verstorbener Vater große Liebe zum Erziehungsgeschäft habe, so daß dieser auf seinem Gute in Schweden eine Freischule nach Lancasters Methode gegründet habe. Es ist wohl möglich, daß mich diese Familie noch einmal besucht. Ich hätte gewünscht, Du wärst gegenwärtig gewesen, es würde Dich erfreut haben, wie selbst die Augen der (vielleicht 20jährigen) Tochter leuchteten, als sie in dem, was ich ihr über Zeichnen, Malen, Mathematik vorführte, die Mittel einer freien und selbstthätigen Entwickelung fand. - So hatte ich vor einigen Tagen noch einen anderen eigenthümlichen Besuch einer Mutter eines Mädchens von 3 Jahren. Es war die leibliche Schwägerin von dem griechischen Minister von Rudhard, d.h. die Gemahlin dieses ist ihre Schwester. Sie kam wegen ihres Töchterchens zu mir. Es scheint aber, daß die ihr für dasselbe vorgeschlagenen Spielkreise nicht zugesagt haben: sie hat später nichts wieder von sich hören lassen.
Aber wohin habe ich mich verirrt? - Siehe, so geht es auch im Leben, und ich wollte Dir doch nur von meinem Geschenke sprechen! Vorgestern Nachmittag sagte nämlich unser Herr v. N., daß er gar zu gern ein sprechendes Andenken unserer mannichfachen Mittheilungen rc. haben möchte, daß er mich in dieser Hinsicht bäte, ihm zu erlauben, mich zu zeichnen; so eine natürliche Abneigung ich dagegen von jeher gehabt habe, so glaubte ich es ihm doch nicht abschlagen zu können, und in fast weniger als einer Stunde war die Skizze fertig. Löwe, Middendorff und Frankenberg, alle erkannten sie sogleich als ein Bild meiner; nur meinte ersterer, daß es etwas zu mager gezeichnet sei. Natürlich kann ich am wenigsten darüber urtheilen; doch fand ich im Gesichte Züge und im Auge einen Blick, welchem wenigstens der Gedanke meines Lebens nicht ganz fremd war. Gestern morgen nun erhielt ich Deinen lieben Brief; ich sprach es sogleich aus. Er sah Deine Schriftzüge und äußerte etwas über ihre Kräftigkeit rc. So fand ich mich auf der Aufschrift veranlaßt, als ich Deinen Brief gelesen hatte, ihm selbst die Stelle aus demselben mitzutheilen, wo Du etwas über Kleinkinder-/
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schulen sprichst. Er äußerte darauf er möchte Dich wohl kennen. Und Middendorff, der, wie Du weißt, gern seinen Freunden Freude macht, auch wohl hierin manchmal etwas keck und vorlaut ist, rückte sogleich mit der Anforderung hervor: - "Hören Sie, Sie könnten der Frau Fröbel eine Freude machen, wenn Sie ihr eine Skizze von Herrn Fröbel - - [".] Ich wies natürlich die Anforderung zurück, und auch er schien sie nicht fest zu halten; doch heut morgen, wirklich ohne die leiseste Ahnung von meiner Seite, brachte er das Bild, bedauerte nur, daß ihm die Zeit so beengt sei (er denkt nämlich in den nächsten Tagen abzureisen) und bat, Dich von ihm als einem Unbekannten auf das Achtungsvollste zu grüßen rc. Ich sagte ich, daß Du vielleicht in diesem Augenblicke, durch meinen jüngsten Brief an Dich, seine Bekanntschaft machtest und bei ihm eingeführt würdest. - Du wirst der Zeichnung leicht ansehen, daß sie Copie von einer anderen Zeichnung ist, so z. B. ist die Oberlippe in der Originalzeichnung für mich entsprechender. Doch dem allem sei, wie ihm wolle - wenn Du Dich meiner nur etwas zu Deiner Freude dabei erinnerst; es soll weder eine vollendete Zeichnung und noch weniger ein zum Sprechen getroffenes Gemälde sein. Zwei Umstände haben mich erfreut: die Bestimmtheit, mit welcher er gleich die Zeichnung entworfen, mit welcher Liebe er sie gefertigt und mit welcher Schnelligkeit er sie beendigt hat. Siehe, meine geliebte Frau, so reist nun Dein Mann in den nächsten Monaten, freilich nur im Bilde, von hier nach Prag, von da nach Wien, Krakau und Warschau, also nach Orten, die er nie sah, und von welchen wenigstens einige zu sehen er sich freuen würde.- Zur Gegengabe lasse ich Herrn v. N. nun meinen, im Saale der Naturwissenschaft gehaltenen Vortrag abschreiben. Dir und unseren Freunden hoffe ich recht bald, ihn mündlich mittheilen zu können. -
Was ist nun heute noch geschehen? - Gegen Abend sandte unser zwar durch den Verlust seines lieben Töchterchens, der herzigen 3jährigen Sophie, tiefgebeugter, aber unserer Sache noch immer von Herzen treu ergebener Dr. Peters dem Herrn Prof. Löwe das Circular der Eltern, welche wünschen, daß meine Spielweise rc. in Dresden stationär (so heißt der Aus- /
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druck) werden möge, zur Einsicht. Schon hat ihn ein Pflegesohn des Herrn Prof. Löwe abgeschrieben. Morgen Nachmittag wird er circuliren, und vielleicht schon Dienstag, spätestens Mittwoch Abends werde ich mein Besuch um Concession bei der Behörde um Errichtung von Spielkreisen und Spielschulen einreichen. Während dann die Sache hier reift, werde ich zu Euch reisen.
Merkwürdig ist, daß, während Du mir schreibst: - "möchte sich doch hier ein ganz angehender, junger Mann finden[“], sich Herr v. N. mit ganzer Seele der Pflege und der Ausführung meines Lebens-Gedankens, so wie vor allem zuerst der reinsten Aneignung desselben sich hingiebt. - Herr Prof. Löwe sagte, ich glaube vorgestern: "Wenn Ihre Reise hierher kein anderes Ergebniß hätte, als das Gefundenhaben dieses jungen Mannes, so wäre dies schon eben die Reise wert". - Gute Nacht.