Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Henriette Wilhelmine F. in Blankenburg v. 4.2.1839 (Dresden)


F. an Henriette Wilhelmine F. in Blankenburg v. 4.2.1839 (Dresden)
(Autograph nicht überliefert; ed. Rhein. Bl. 1878, 322-327, Edition vermerkt fehlenden Briefschluß)

Dresden, am 4. Februar 1839

Guten Abend und gute, gute Nacht, meine theure geliebte Frau! Es ist nach 10 Uhr und Du ruhest, so Gott giebt, nun im sanften Schlafe, Gott möge Dir ihn segnen, daß er Dich stärke, mein Herz. Endlich ist wieder des Tages Betriebe vorüber; doch ist heut Wesentliches gefördert worden. Die Unterzeichnung ist in Umlauf gesetzt worden, und bis jetzt haben 4 der bedeutendsten Väter unterzeichnet. Du findest hier alles in der Anlage, und die Unterschriften, welche mir noch bekannt werden sollten, werde ich bis zu Abgang des Briefes noch hinzufügen lassen.
Heut habe ich wieder viel mit unserm Herrn v. N. verkehrt. Ich habe ihm heut eine kleine Auswahl von Spiel- und Beschäftigungsmitteln rc. zum Belege für seine Angaben ausgesucht. Er war darüber sehr erfreut, und manches bedeutungsvolle Wort wurde dabei gewechselt. Ich würde glücklich sein, wenn Du dies hören würdest: es fließt wie klares Wasser ohne Gemüthserregung und Geistesheftigkeit und doch warm, licht- und lebensvoll /
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aus seinem Munde. So sagte er z.B. heute: "In Ihrem Leben ist gar kein Zufall, alles ist Nothwendigkeit und Gesetzmäßigkeit." So äußerte Herr v. N. weiter den eigenthümlichen Gedanken: meine Lehr- und Spielweise sei eine wahrhaft witzige; denn die Grundlage derselben sei zugleich die des Witzes, d.i. der schnellen Vorzeichnung. Ich dachte dabei an Schnyders Sonett. So sagte er weiter ein andermal ganz ruhig, wobei nur sein Gesicht freudig leuchtete und sein Auge glänzte: "Sie könnten 200 Jahre leben und könnten doch nicht alles aussprechen, was ihren [sc.: Ihren] Geist bewegt". - Es ist merkwürdig, es ist ihm jetzt fast so ergangen, wie mir früher (1805) in Frankfurt: er war kürzlich auch noch in Warschau Schatzbeamter und er wurde zur Förderung dieses Erziehungszweckes durch einen seiner ersten Freunde gerufen, einen berühmten Fabeldichter seiner Nation, besonders für Kinder, ohne daß seine Seele daran dachte, und nun findet er sich darin ganz heimisch, wie dazu geboren. Mehrere waren zu dieser Sendung nach Deutschland in Vorschlag; allein sein Freund hatte ihm gesagt: "Niemand taugt dazu wie Du". - In 3 Jahren hofft er wieder - wenn erst das Werk in Warschau fest gegründet ist - Deutschland und dann auch Keilhau zu besuchen. - Es war ihm ungemein erfreulich, noch so lange in Dresden haben bleiben zu können, bis sich alles zu einem klaren Ziele entwickelt hat, um das, was er für die Sache zu sagen und zu thun willens ist, sogleich durch den Erfolg und die Thatsachen belegen zu können. So hat er sich wirklich die mir bestimmte Aufforderung der Eltern und ihre Unterschriften abgeschrieben, und wahr ist es, wichtig und wesentlich kann dies für die Sache immer werden, zumal da ein Mann als Unterzeichner an der Spitze steht, welcher als vortragender Rath unmittelbar im Ministerium sitzt. Sage und bitte unsern Barop, er möchte diese Unterzeichnung sogleich abschreiben lassen und zwar 2 mal, um solche möglichst schnell an Langethal und an Kosel oder Schäffer nach Frankfurt a. M. zu senden. Denke Dir (und es kann dem Langethal immer gelegentlich ausgesprochen werden) wie sein Wirken während seiner letzteren Anwesenheit in Deutschland fortwirkt! So hat Ackermann /
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in Frankfurt a. M., welcher einen Bruder hier in Dresden hat, von Langethals Wirken in Frankfurt a. M. erzählt; dieser hiesige Ackermann nun hat es einem seiner hiesigen Freunde, ich glaube dem Herrn Secretär Vogel mitgetheilt, welcher nun schon für die Sache gestimmt war, ehe er noch etwas davon gesehen hatte, und nun nichts mehr wünscht, als daß sich in der Nähe seiner Wohnung auch ein Spielkreis bilden möge, an welchem sein Sohn auch Antheil nehmen könne. So wirkt die That und das Wort fort; allein es muß auch lebensvoll und unausgesetzt gepflegt werden. Du siehst, wie die Sache ganz im Stillen sich fortentwickelt, wie die Saat im Winter unter der Schneedecke wächst und grünt.
Doch jetzt zur Hauptsache: warum ich, außer dem seelenvollen Gruß an Dich, dies Blatt ergriff. Du hast mir etwas in Beziehung auf die 3 Clemense ausgesprochen, was mich, besonders auf die beiden jüngeren und ganz namentlich in Beziehung auf den mittleren, unserm alten treuen Wilhelm -- denn so steht er noch immer vor mir - in der jüngsten Zeit wesentlich beschäftigte. Ich hatte nicht Zeit, mich nur Dir, geschweige dem Herrn Langethal darüber auszusprechen, was ich doch so sehr gerne gethan hätte. Ich habe nämlich die feste Überzeugung, daß eine neue Tochterwirksamkeit hier in Dresden, und zwar schon mit Beginn des Frühlings mit einer größeren Ausdehnung, zwar nur im Bereiche der vorschuligen Kinderjahre d. i. bis zum zurückgelegten sechsten Jahre (so sollte es in dem Rundschreiben heißen) sich bilden wird. Doch wer kann wissen, nach welcher Richtung der Entwicklung sich hier der Geist Raum und Mittel schafft, wie Wege bahnt; doch wir wollen nur das Erste ganz streng festhalten. So ist die Pflege der Gewächse durch die Kinder wenigstens im Bereiche, d. i. in der Umgebung der Kinder, damit unzertrennlich verbunden, so wie, wie es sich fast nicht anders denken läßt, auch die Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern für die ersten Jahre der Kindheit. - Nun weißt Du, in welche nahe Beziehung ich Naturbeachtung, so auch Garten- und Gewächspflege mit der Menschenerziehung setze und welchen größeren Plan ich deshalb seit Langem in meinem Gemüthe trage. /
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Du erinnerst Dich vielleicht manches pflegenden und erweckenden Winkes, welchen ich in dieser Beziehung mit und zu unserm Wilhelm C. sprach. Du erinnerst Dich nun auch wohl, wie er mir von Eisenach aus schrieb, auch in Keilhau später aussprach, wie er ersehne, später zur Förderung und Erreichung meines Lebenszweckes mit mir zu wirken. Die bestimmten Worte sind mir in diesem Augenblicke nicht gegenwärtig. Siehe, nun zeigt sich durch die hier neu angebahnte Wirksamkeit wirklich die Möglichkeit einer Aussicht, daß jenes, wenn auch leise, doch mit warmem Herzen und seelenvollem Gefühle ausgesprochene Wort erfüllt werden könnte, zumal, da jetzt Wilhelm ganz besonders auch erziehend angeregt ist. Siehe, meine gute, geliebte Frau! eine Wirksamkeit, wie sie hier, wenn auch nur noch im vorborgensten Keime ruht, fordert mehrseitig gegliederte, doch eine in sich geeinte Kraft; in sich einige Kraft; eine Kraft drei innig einiger Brüder unter der treuen Pflege eines liebenden und erfahrenen Vaters könnte zunächst und schon für längere Zeit wenigstens vielleicht diesen Forderungen genügen. - Nun hast Du mit stets treuem Muttersinn für die drei Brüder stets gewünscht, daß ich mich so väterlich nicht nur zu ihnen fühlen, sondern auch bethätigen möchte. Wie wäre es nun, wenn man erst einen, dann vielleicht einen zweiten und endlich, wenn er sich bewährte, den dritten der 3 Brüder in die hiesige Wirksamkeit einführte, damit er (sie) die Forderungen derselben kennen lernte (n) und sich so jeder nach und nach und so endlich alle 3 sich zu deren Erfüllung ausbildeten, so daß sie alle 3 als 3 innig geeinte Brüder das Ganze, und so lange ich noch lebte, unter meiner Mitwirkung, nach meinem Scheiden einst aber in inniger, brüderlicher Gemeinsamheit, führen könnten. Es wäre dies, so tritt es mir in diesem Augenblicke vor die Seele, wie zunächst die schönste Wahrmachung aller unserer in Beziehung auf sie ausgesprochenen Worte und Überzeugungen, wie das schönste Siegel aller unserer Handlungen in Beziehung auf diese 3 Brüder, so wie endlich - und sei dies immerhin zufällig, d. h. ohne unsere bestimmte Absicht und als die schönste Zugabe der Vorsehung zu unserm Leben, - das schönste Denkmal, das wir unserem /
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Leben, Wirken, dessen Ziele und Zwecke setzen könnten. Und weil sie sich, und besonders Wilhelm, nicht minder aber auch Christ[ian]f[ri]edrich aus und durch sich selbst für diese, für die erziehende und lehrende Wirksamkeit, bestimmt haben, so würden sie ihr dann vielleicht auch um so reiner und in ihrem innersten Wesen treu bleiben. Überdies böte Dresden alle Mittel zu ihrer weiteren Ausbildung in Vollkommenheit dar, besonders auch für Wilhelm und Carl hinsichtlich ihres Kunsttalentes. - Schon vor Weihnachten, als ich den ersten Brief von Langethal erhielt, worin er mir den bestimmten Entschluß Wilhelms mittheilte, Lehrer zu werden, wollte ich dem Langethal von dieser meiner Absicht schreiben, und ihm Weiteres überlassen; doch die Zeit wollte es mir bisher nicht erlauben, obgleich es mir gleich lieb gewesen wäre, wenn Langethal meine Ansicht gehört hätte, bevor Wilhelm wirklich in seine Lehrerwirksamkeit eingetreten wäre. Nun fürchte ich aber, daß Wilhelm - eben als ein in der Entwickelung und Selbstbildung begriffener Jüngling - nicht eben lange in jener Stelle bleiben wird, welches Verbleiben ihn aber auch vielleicht nicht eben besonders fördern könnte; deshalb wünschte ich, daß dem Langethal vielleicht nur mit ein paar Worten durch Dich oder durch Barop ausgesprochen würde, daß er besonders das Leben Wilhelms, doch auch nicht minder das Leben Carls in Beziehung auf den oben angedeuteten Zweck pflegend beachten möchte - denn siehe
den Langethal wird Burgdorf und der Kanton Bern nicht lassen;
der Ferdinand wird sich um so mehr in Willisau und im Canton Luzern festsetzen, je mehr sich Langethal in Burgdorf und wir uns in Deutschland ausbreiten. Ich werde, auch dies zu bewirken, an Langethal schreiben;
der Barop wird Keilhau nicht verlassen mögen;
der Frankenberg scheint mir für ein Wirken, wie ich mir das hiesige in der Entwickelung denke, nicht stark, nicht geistestief genug; auch glaube ich, fordert ihn einmal sein ganzes, inneres Wesen nach Amerika, damit ihn die Nothwendigkeit lehre, was er jetzt nicht mit Freiheit und Selbstbestimmung ergreift; /
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Middendorff dünkt mich noch zu höheren, zunächst wandernden Zwecken berufen; auch ist ja seine Frau in Keilhau, wie ich höre, wie geankert; überdies ist ja auch nicht daran zu denken, daß vor Zurücklegung noch vieler Jahre die Clemense werden selbstständig wirken könne. Es handelt sich nur darum, sie zu einem tüchtigen Wirken wirklich tüchtig zu machen. [Schluß fehlt].