Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Kreisschuldirektion zu Dresden v. 9.2.1839 (Dresden)


F. an Kreisschuldirektion zu Dresden v. 9.2.1839 (Dresden)
(BlM IX,10, Bl 115-126, 2 Entwürfe Bl 115-119, 119-126, der 2. datiert, insges. 6 B 4° 19 S., 124R-126R vakat, von Bogen 5 nur S. 1 und 2, von Bogen 6 nur die erste Seite beschrieben. Die Blätter tragen frühere Signaturen: III,47-52 und III,54-57. Tw. nicht F.s Handschrift, sondern andere Hand/Diktat)

a) 1. Entwurf

        An die p
Kreis-Schuldirection zu Dresden.

Der Gedanke einer zweckmäßigen Kinder-
führung und Pflege b u Erziehung besonders
durch Pflege ihres schaffenden Thätigk[ei]tstriebes
bis zum Alter der Schulfähigkeit wurde einigen
Familienvätern Dresdens durch die Glieder auf einer Erziehungsreise
meiner Erziehungsanstalt in Keilhau auf meiner der Zöglinge der Erziehung
einer erziehenden Reise mit ihren Zöglingen der Zöglinge meiner Erziehungs-
durch das Sächsische Erzgebirge u über anstalt zu Keilhau im Herbste vorigen J.
von deren Führern historisch mitgetheilt
Dresden u Leipzig zurück historisch mitgetheilt Dieser Gedanke
fand bey denselben solchen Anklang u freudige
Anerkenntniß für unmittelbare Anwendung,
daß ich mich dadurch veranlaßt sah diesen ihn denselben
Gedanken hier in seiner tieferen Begründung sowohl
als in seiner weiteren Entwickelung diesen
Eltern nicht nur sondern auch andern u wahren
Kinderfreunden zu Ende des vorigen Jahres
u im Beginn des laufenden Jahres zur weitern [Text rechte Spalte gestrichen]
Prüfung hier vorzulegen. Als das schönste Ergebniß Dieser durch die verschiedensten
dieser durch die verschiedensten Verhältnisse ver Verhältnisse hervorgerufenen
anlaßten u auf die mannigfaltigste Weise von u auf die mannigfaltigste Weise
mir zur Prüfung vorgelegten Spiel- u Beschäftigungsweise kleiner Vorführ Statt gefundenen Dar-
vorschulfähiger Kinder wurde mir nun nicht nur legungen dieser Spiel- u Beschäfti-
mehrseitig mündl. die Überzeugung ausgesprochen daß gungsweise kleiner Kinder war
dieselbe nicht nur wie überhaupt fast in allen Lebens[-] daß mir mehrseitig nicht nur mündlich
verhältnissen sondern auch so auch für einen großen Theil die Überzeugung aus-
gesprochen wurde, dieselbe für /
[115R]
[Text gestrichen bis ]
der Familien Dresdens einem wahren Bedürfniß
der solchen beachtenden Pflege des Kindheitlebens
entgegen komme u der Wunsch aus hierauf
gegründet der Wunsch ausgesprochen, daß es
mir gelingen möge diesen wesentl u begründenden
Theil d Kindererziehung hier in Dresden stationiren
zu machen; [Ab hier andere Schrift/ Diktat Fs.] sondern mir diese bestimmte
auf wahres Familien[-] und Ortsbe-
dürfniß von den gedachten Eltern
zur Bewirkung der Erfüllung ihres
Wunsches und Bedürfnisses in
welchen sie zugleich das Bedürfniß
und den Wunsch vieler anderer
Eltern ihrer Lage ausgesprochen
sahen schriftlich durch eigenhändige
Namensunterschrift wiederholt.[*]
Ich erlaube mir diese(s Gesuch und)
Aufforderung anliegend in der
Urschrift beizulegen. Da nun
dieser so ehrende als anerkennende
Wunsch und Gesuch meiner gleich
Eingangs dieß Angedeutete mei-
ner eigenen Überzeugung, so-
wie dem daraus nothwendig hervor-
gehenden Wunsch und Streben /
[116]
[Diktat] entspricht, daß der Eingangs dieses [Erweiterung Fs.] Nach dieser an mich
angesprochene Gedanke wirklich ergangenen schriftl Aufforderung,
im Leben Anerkennwendung und welche ich mir erlaube in
Ausführung gewinnen möge, der Urschrift bey zulegen glaube
so bin ich so frey hierdurch der <H> ich würde es überflüssig seyn
Kreisschuldirection zu Dresden das Bedürfniß einer solchen
geziemend das gehorsamste Anstalt für Dresden im Allgemeinen von
Gesuch zu gefälliger Prüfung mir u meinem Standpunkt
und hochgeneigter Erfüllung aus noch im Besondern nach-
vorzulegen: zu weisen u ich noch dieß
„Mir zu einerdem darge- noch aus dem doppelten Grunde:
„legten Zwecke und ange- weil das Bedürfniß der in
„deuteten Bedürfniße Frage stehenden Anstalt von
„entsprechenden Veran- Eltern, praktischen Erziehern
„staltung zur Pflege des u Kinderfreunden der verschieden-
„Thätigkeitstriebes in den sten Städte Deutschlands als
„Kindern von dem durch ein wichtiges unerläßl auszu-
„die Umstände bestimmten füllendes Bedürfniß für sowohl
„früheren Beginn bis zum für den mehr gebildeten u wohlhaben-
„erlangten Alter der Schul- den Einwohner wie für die mehr
werktreibenden Bürger aner-
kannt worden ist;
und dann für Dresden insbesondere
daß schon frühe daselbst schon der-
artige Anstalten versucht worden
sind welche <?> in die sich [sie] gesetzte
beschränktere Wirksamkeit sich
dennoch mehrseitigen und bestimmten
beyfalls u wahrhaftig nicht so erfreut haben/
[116R]
[Diktattext] „fähigkeit hochgeneigt die jetzt schon dort die weitere
„Erlaubniß und die dazu Ausbildung solcher Anstalten
„erforderliche oder daraus zunächst worden ist;
hervorgehende Concession als Bedürfniß erkannt worden
„ zu ertheilen.[“] ist, um den Eltern für die
Kinder dieser Entwickelungsstufe
Obgleich nun im Vorstehenden im zunächst zur Ausbildung nothwendige Befäh-
Allgemeinen wie durch das ge- igung für die sie bald erwartende Schule die
dachte hier anliegende Gesuch nöthige Hand bieten zu können.
mehrerer Familienväter (welche[s]
sehr leicht nachdem sich auf gleiche Was nun den Geist Zweck
Weise laut dafür ausgesproche- u Plan einer solchen Anstalt be-
nen Wunsche anderer Eltern, ob- trifft so erscheint er mir zwar
gleich sie nicht Zeuge praktischer im Vorigen angedeutet zu liegen
Vorführungen in ihren eigenen halte aber für Pflicht deßhalb
Familien waren um das Doppelte noch folgendes bestimmt auszusprechen:
und mehrfache hätte vermehrt Erstl daß diese bezweckte Veranstal-
werden können, und was wenn tung welche sich nicht genauer bezeichnen
es gefordert würde noch ge- läßt wie als eine Pflege des Thätig-
schehen könnte welcher aber bis jetzt keits- u Bildungstriebes d Kindh[ei]t
zurückgedrängt wurde um nur eben in d Jahren d Kindht bis zu[m]
rein das auf selbstbeobachteten schulfähigen Alter, also nach dem
Thatsachen besonders stimmfähiger / hiesigen Volksschulgesetz bis
nur bis zurückgelegten 6ten Jahre
umfaßt.
Zweytens: daß diese Anstalt sich
ganz wesentlich von jeder eig[en]tl
Schul- Unterrichts- u Lehran-
stalt auch der Elementarschule
in ihrem allerersten Beginn auf
ihrer ersten Stufe /
[117]
[Diktat]
[Fröbels Erweiterungstext]
Eltern [beruhende Gesuch] sprechen zu lassen ganz wesentlich unterscheidet
im Besondern das Bedürfniß einer wiedurch, daß bey diesen die Be-
solchen Anstalt ins besondere auch handlung Auffassung u Behandlung
für Dresden klar ausgesprochen liegt, ich könnte überhaupt sagen
so glaube ich mir in Beziehung das Nehmen [sc.: Nähren] des Kindes von
auf die Darlegung desselben noch dem ihm mitzutheilenden Gegen-
dieses ebenfalls sowohl im All[-] stand und dessen Wesen abhängt
gemeinen als für Dresden ins daß aber diesen völlig entge-
Besondere aussprechen zu gengesetzt u g[an]z umgekehrt
dürfen daß überhaupt solche An- bey der von mir aufgestellten
stalten wie die angedeutete für Pflegeanstalt für d Kindheit
die Wohlhabenden und Gebildeten der Gegenstand der gemeinsamen
wie für die mittlere Klasse der Beschäftigung, das Auffassen Be-
Bürger noch in keiner Stadt handeln u Nehmen desselben
Deutschlands so weit mir bekannt ganz wie von dem Wesen
ähnliche Anstalten durchgeführt sind. des Kindes im Allgem und seiner
Obgleich nicht vergessen werden menschl Entwickelungsstufe im
darf daß vor einiger Zeit wieder einige Allgemeinen, so von dessen Indiv-
Spielanstalten mit ähnlichem Zweck aber dualität Eigenthümlichkeit u besonderen Bildung
u Entwickelungsstufe im
beschränkterer Wirksamkeit Besondern abhängt. In ersterer
entstanden sind, wovon aber die Beziehung wird dadurch jeder
Eine, soviel mir bekannt, zu einer Gegenstand nicht nur etwa ein-
wahren Lehranstalt heraufgebildet / seitig die verschieden[en] Bildungs-
Gegenstände u mittel u <?> nicht
nur etwa einseitig, einige
blos zur Bildung des Geistes
andere blos zur Bildung d Herzens
u wieder andere blos zur Bildung
seiner Körperkraft - sondern
jeder Gegenstand wird zu-
gleich in d[ie]ser 3 fachen Beziehung
aufgefaßt, wodurch /
[117R]
[Diktat]
so seegensreich u mit Anerkennung (anerkannt) sie erreicht wird daß der Mensch
auch auf ihrer ersten Stufe gewirkt nicht nur in der Einigkeit
hat, wodurch aber eben das Bedürfniß seines dreyfachen Wesens
einer solchen Anstalt für Dresden umso sprechen- entwickelt werde, sondern
der hervorgetreten ist. Was wodurch auch vermied[en] wird
nun den Geist und Zweck und den daß keiner d Menschen u zunächst
daraus hervorgehenden Plan der d Kind umgebende Gegenstand
beabsichtigten Veranstaltung nur einseitig u fortgerissen
betrifft, so ist derselbe zwar aus dem ganzen Lebenszusam-
auch im Vorstengehenden ange- menhange aufgefaßt u so
deutet, doch möchte es vielleicht zerstückelt behandelt würde[.]
nothwendig seyn darüber noch In ersterer Beziehung wird
folgendes Wenige auszusprechen: daher ferner eine solche von
1. Bezweckt derselbe nur die mir bezweckte Anstalt die
angemessene Beschäftigung der wahre stetige Entwickelunganst[alt]
Kinder und der eigentlichen des Menschen zur richtigen u voll-
Kindheit in Beziehung auf das kommenen Auffassung aller ihn um-
besondere Individuelle des Kindes gebenden Gegenstände; in der[-]
und das Wesen des Menschen im <artiger> Beziehung für wird es für das
Allgemeinen wie auf die besonderen, Kind eine wahre Spiel-That
namentlich auch späteren Verhältnisse <freythätigkeits[-]> und so geistig gemüthl
des Kindes zu Schule und Leben u körperliche nicht etwa
mit Ausschluß alles Eigentlichen / blos einseitige Entwickelungs-
sondern eine wahre Stärkungs-
u Bekräftigungsanstalt für
das gesammte Kind, daß
es dadurch fähig wird, die nächsten
<ernstere[n]> Forderungen der Schule
nicht nur ohne Nachtheil für sich
genügen, sondern sie auch freudig
zu erfüllen: denn das allseitig
gesunde Kind ist stets jedem u für einen
klar vor ihm liegenden Zweck mit Ernst /
[118]
[Diktat]
Schulunterrichts, nur geknüpft an u Ausdauer thätig.
die Selbst- und Freythätigkeit des daß Drittens ist auszusprechen, daß von
Kindes, also statt mit dem Aus- dem Zwecke einer solchen
druck und Charakter des Spiels, den ganzen Menschen von
wenn auch in höheren und ernste- frühe an in der Mitte
ren Lebensbeziehungen, nicht so- u d Gesammtheit aller seiner
wohl bloß zur Entwickelung der Lebensverhältnisse erfassenden
Körperthätigkeit als auch der Anstalt auch die Natur in
Gemüths[-] und Geistesthätigkeit. ihrer stillen u doch so
Die Mittel dazu sind das das Kind sprechenden Wirksamkeit
entweder im Allgemeinen umgebende, als ein unerläßlich noth-
oder besondersdazu zur stetigen wendiges Glied mit auf-
Ausbildung seiner selbst besonders genommen werden müsse liegt
dazu bearbeitete Normal Räumliche. [Diktatende] zwar in der Natur dem Wesen der Sache
sollte aber damit nichts über[-]
sehen würde noch besonders er-
wähnt werden, so daß also
mit einer solchen Anstalt
in ihrer vollend[et]sten Ausbildung
zugleich wie ein angemessen[er] Hof- u
Spielraum so noch
besonders ein zweckmäßig wohlgeordneter Garten verbunden seyn müsse,
welcher dem Kinde zu günstigen Zeiten die Regungen Lust
u Stärkungen der ungehemmten Bewegung in fr der freyen Natur
so wie Freude u Seegnungen, wie sinnige Beachtung und
Pflege der Natur, besonders der so wohlthätig wirkenden
Pflanzenwelt herbeyführen.
Viertens. Da endlich viertens d Zweck dieser Anstalt
ist keinesweges die Kinder den Seegnungen bildungsfähigen Einwirkungen Wirkungen der häus-
lichen älterlichen u Familienverhältnisse und den For-
derungen derselben zu ent-, sie vielmehr dafür zu er-
ziehen und auszubilden u zwar so, daß jedes Kind
durch die eine oder einigen Stunden, welche es nach /
[118R]
Umständen u Bestimmungen der Eltern täglich in dieser Anstalt lebe
(oder vielleicht auch einte, sein Auge> in dem häuslichen Kreise selbst beschäf-
tiget werde) mit nur mit einem sorgsam beachtenden u entwickelnden
Sinn für Alles das in sein Haus u Familie zurück kehre, was ihm dieß so wohl
an Mitteln als an zu leistenden Forderungen zu seiner Ausbildung reiche.
Zur allseitigen Pflege dieses wahren häuslichen u ächt bürgerlichen Fa-
miliensinnes den Grund zu bieten liegt es ferner in dem Plan dieser
Anstalt, daß den Ältern u besonders d Müttern ja nach Umständen den
ältern Geschwistern u besonders hier wieder älteren Schwestern
ja auch selbst den andern erziehenden u pflegenden Personen der Familien
welche ihre Kinder dieser Anstalt anvertrauen gestattet seyn u werden
soll, bey den Spielen mit den Kindern beachtend gegenwärtig seyn zu dürfen
um das durch sie u mit ihnen Angebahnte in dem Hause fortpflegen zu
können. -Endlich u zuletzt was die Mittel u den Weg betrifft, durch welche die
oben angedeutete Entwickelung der Kind[er] bewirkt werden soll
so bestehen sie zunächst einmal in der allgemeinen Entwickelung d Sinnen[-] u Glieder[-]
thätigkeit des Kindes als Or- Das schönste Ergebniß dieser durch die verschieden-
gane des Geistes u Gemüthes, sten Verhältnisse hervorgerufenen u auf die
wie als Weg zu denselben <-> mannigfaltigste Weise Statt gefundenen Darlegungen
so wie die richtige Behandlung d war, daß mir nicht nur mehrseitig die
Erfassung, Behandlung u endl Durch- Überzeugung ausgesprochen wurde ein[e] solche
dringung alles das Kind um geben- Spiel[-] u Beschäftigungsweise sey wahres Bedürfniß
den zunächst des Sinnlichen u Räum- für eine große Anzahl von Familien Dredens
lichen, besonders der Natur u sondern sogar schriftlich mit dem Gesuch der
des sich daraus u darin kundthuenden bestimmten Aufforderung wieder[-]
sowohl allgemein als besonders Gesetz- holt wurde, ich möchte bey der betreffenden Behörde
mäßigen u überhaupt Geistigen dafür wirken, daß diselbe hier stationär würde.
<gesteht>[sc.: besteht] nun <mit> die Ein-
gangs erwähnte schriftl. Auf-
forderung an mich welche ich mir
erlaube in dUrschrift bey zu legen u der <daran angestrengten freudigen> Darlegung des Geistes u Plans einer Anstalt wie die gedachte nach Mittel u Zweck welche ich aus hoher Achtung
bei der pp Kreisschuldirection u Bürgerschaft [einreichen] zu dürfen glaubte erlaube ich mir nun pp /
[119]
[völlig gestrichen]
Obgleich nun im Vorstehenden im Allgemeinen
wie das hier anliegende Gesuch mehrere
das Bedürfniß einer solchen Anstalt im
Allgemeinen, wie durch das hier anliegen-
de Gesuch mehrerer Familienväter das-
selbe für Dresden insbesondere klar aus-
gesprochen liegt: so glaube ich in Beziehung
darauf noch erwähnen zu müssen, daß
vor einiger Zeit selbst eine oder zwey Spiel[-]
anstalten mit ähnlichen aber beschränktern
Zwecken entstanden sind, wovon aber die eine
so viel mir bekannt zu einer wahren Lehranstalt
sich heraufgebildet hat[,]
das Seegensreiche einer solchen Wirksamkeit
auch in ihren ersten Versuchen schon von
Vielen anerkannt, u das Bedürfniß einer
Veranstaltung zu wah entsprechender
Kinderpflege für Dresden um so sprechender
hervorgetreten ist.
Darum würde es leicht gewesen [sein] die An-
zahl der Namen achtbarer Einwohner Dres-
dens, welche von dem Bedürfniß einer solchen
Spiel[-] und Beschäftigungsanstalt ihrer Kinder
vor dem schulfähigen Alter tief überzeugt sind /
[119R]
und darum den Wunsch sicherer Ausführung
in sich tragen um das Doppelte u weiter
zu vermehren, wenn es sich nicht darum
gehandelt hätte, dem mir überreichten
Gesuche
.

b) 2. Entwurf

Abschrift v Fröbels Gesuch eingereicht bey der
                hohen
18 9/II 39 An die wohllöbliche Kreis-Schuldirection
zu Dresden

Der Gedanke einer zweckmäßigen Kinderfüh-
rung u Erziehung, besonders durch Pflege ihres
schaffenden Thätigkeitstriebes bis zum Alter
der Schulfähigkeit wurde einigen Familien[-]
vätern Dresdens von einigen Lehrern meiner Erziehungsanstalt
zu Keilhau, welche im Herbst vorigen Jahres mit
ihren Zöglingen dieselben auf einer Reise hierher
durchkamen auf einer Erziehungsreise
der Zöglinge meiner Erziehungsanstalt zu
Keilhau von deren Führern im Herbste vorigen
Jahres
historisch mitgetheilt. Dieser Gedanke
Er fand bey denselben solchen Anklang u Aner-
kenntniß für unmittelbare Anwendung,
daß ich mich veranlaßt sah zu Ende des vorigen
u im Laufe des laufenden Jahres den Ge-
danken in seiner tiefern Begründung u in
seiner tiefern höhern Entwicklung auch diesen Eltern /
[120]
nicht nur sondern auch andern u wahren
Kinderfreunden zur nähern näheren Prüfung vorzulegen.
Das Ergebniß dieser, durch die verschiedensten
Verhältnisse hervorgerufenen und auf die
mannigfaltigste Weise Statt gefundenen
Darlegungen war, daß mir die Überzeugung nicht nur mehr-
seitig ausgesprochen wurde
,
eine solche Spiel- und Beschäftigungsweise
sey wahres Bedürfniß für eine große An-
zahl von Familien Dresdens nicht nur mehrseitig mündlich ausgesprochen sondern so gar
schriftlich mit der bestimmten Aufforderung welche ich mir erlaube hier der Anlage beyzufügen
wiederholt wurde, ich möchte bey den be-
treffenden Behörden die geeigneten Schritte
thun, daß dieselbe hier stationär würde[.]
Nach dieser an mich ergangenen schriftlichen Auf diese an mich ergange-
Aufforderung, wird es nicht nicht überflüssig sein seyn ne schriftlichen Aufforderung
das Bedürfniß einer solchen Anstalt für Dresden glaubte ich mir um so mehr Rück[-]
vor meinem Standpunkt aus nachzuweisen. sicht nehmen zu müssen
Im Allgemeinen ergiebt es sich daraus, weil als von den Eltern u
das Verlangen nach einer solchen Anstalt von praktischen Erzieher aus
Eltern, praktischen Erziehern und Kinderfreunden den verschiedensten Städten
in Frage stehende Deutsch[-]
lands eine solche Anstalt,
als ein wesentlich auszu[-]
füllendes Bedürfniß mir bezeichnet worden ist, und, wie ich vernommen habe, auch
in Dresden selbst schon früher derartige Anstalten versucht worden sind, welche eines
bestimmten Beyfalls sich zu erfreuen hatten /
[120R]
der verschiedensten Städte Deutschlands als
ein wichtiges u unerläßlich auszufüllendes
Bedürfniß so wohl für den mehr gebildeten u wohl-
habenden Einwohner als für den gewerbtreibend[en]
Bürger anerkannt worden ist; im Beson-
deren, weil für Dreden ergiebt spricht es
sich für Dresden auch darin aus daß schon früher
daselbst derartige Anstalten versucht worden
sind, welche auch (in der) sich (gesetzten beschränkten
Wirksamkeit dennoch mehrseitig) auch bestimmten
Beyfalls u nahmhafter Früchte sich zu erfreuten haben hatten
(so daß schon dort die weitere Ausbildung solcher
Anstalten gewünscht worden ist, damit) und die El-
tern für die Kinder dieser Entwickelungsstufe
zunächst zur erwünschten u erforderlichen Befähi-
gung der sie bald erwartenden Schule die nöthige
Handbietung zur richtigen Vorbereitung der Kinder für die dieselbe erhielten leisteten.
Was nun den Geist Zweck u Plan einer Ehe ich jedoch das durch
solchen Anstalt betrifft, so erscheint er mir jene Aufforderung be-
zwar im Vorigen angedeutet zu liegen, halte dingte Gesuch einer
aber für Pflicht deßhalb noch folgendes bestimmt Hohen Kreisdirection vor-
auszusprechen: lege, halte ich es für Pflicht
über Geist, Zweck u Plan
einer solchen Anstalt folgen-
des bestimmt auszusprechen. /
[121]
Erstlich daß umfaßt diese bezweckte Veranstaltung
welche sich nicht nun genauestens bezeichnen läßt eine
wohl als eine Pflege des Thätigkeits- und Bildungs-
triebes der Kindheit bezeichnen läßt aber nun näher die Jahre
der Kindheit bis zum schulfähigen Alter,
also nach dem hiesigen Volksschulgesetz nun
bis zum zurückgelegten 6ten Jahre umfaßt,
odurch also diese Anstalt und würde sonach mit keiner der
bestehenden Anstalten collidirt collidiren würde geht hiermit hervor.
wenn der allgemeine
Charakter dieser Anstalt
ist der: Angemessene
Beschäftigung der
Kinder sowohl in Bezug
auf das Individuelle
des Kindes u d Wesen des
Menschen als auch auf die späteren
Verhältnisse des Kindes zu
Schule u Leben mit Aus-
schluß jedoch der als eigentlicher Schul-
unterrichtes hier geknüpft
an die Selbst- u Freythätigkeit des
Kindes, also stets mit dem
Ausdrucke u Charakter
des Spieles, wenn auch
in höhern u ernstern Lebens-
beziehungen; und
wozu
als Mittel benutzt wird
im Allgemeinen die gesammte
alles das Kind Umgebende;
im Besondern aber die das für die
stetige Ausbildung der Hände des Kindes bed-
sondern an Kindern das für die
stetige Ausbildung des Kindes
im Besondern aber die das für die
stetige Ausbildung der hand be-
sonders bearbeiteten Nor-
mal Räumlichen Körper
hieraus ist klar
dieses näher ausgeführte
ergiebt sich
Hieraus geht hervor
Zweytens, geht hiermit hervor, daß diese Anstalt sich ganz wesent-
lich von jeder eigentlichen Schul-, Unterrichts-
u Lehranstalt, auch der Elementarschule, auf
ihrer ersten Stufe, unterscheidet, und zwar dadurch,
daß bey diesen die Auffassung
und Behandlung, (man könnte überhaupt sagen
das Nehmen) des Kindes von dem ihm mit-
zutheilenden Gegenstande u dessen Wesen
abhängt; daß aber diesem völlig entgegen-
gesetzt und <??> bey den von mir
aufgestellten Pflegeanstalten für die Kindheit,
der Gegenstand der gemeinsamen Beschäftigung
das Auffassen u Behandeln (u Nehmen) desselben /
[121R]
ganz wie von dem Wesen des kindlichen Alters Kindesalters kindlichen
(seiner menschlichen Entwickelungsstufen)
so von dessen Eigenthümlichkeit und besondern
Bildungsstufe abhängt. Zuerst in Beziehung
Es werden darum die verschiedenen Gegenstände
u Mittel der Entwicklung nicht etwa ein-
seitig, nämlich einige bloß zur Bildung des
Geistes; andere bloß zur Bildung des Herzens
u wieder andere bloß zur Bildung der Körper-
kraft, - sondern jeder Gegenstand wird in
dieser dreyfachen Beziehung zugleich aufge-
faßt, wodurch erreicht wird, daß der Mensch
nicht nur in der Einigkeit (seines Dreyfachen)
aller seiner Lebenskräften entwickelt werde, sondern
wodurch auch vermieden wird, daß keiner den
Menschen u zunächst das Kind umgebende Gegen-
stand nur einseitig und herausgerissen aus dem
ganzen Lebenszusammenhange aufgefaßt und
so zerstückelt behandelt werde. (In der erstern
Rücksicht) Es führt daher wird daher ferner eine solche von mir
bezweckte Anstalt <?> um den Menschen zu
einer wahre[n] stetige[n] Entwickelungs
(anstalt des Kindes u Menschen) zur richtigen, vollkommenen
Auffassung aller ihn umgebenden Gegenstände und /
[122]
Auffassung aller es ihn umgebenden Gegenstände sondern sie und gewährt
(in zweyter Rücksicht wird es zugleich für das Kind eine dem Kinde gewährt sie durch
(wahre) Spiel- und Freythätigkeits- und so geistig- Spiel u Freythätigkeit
gemüthlich u körperlich nicht etwa bloß einseitige nicht für Geist- Gemüth-
Entwickelungs- sondern eine wahre Stärkungs- u Körper ruhig[e] Entwickelung
und Kräftigungsanstalt für das gesammte Kind [allein] sondern auch für
sein gesammetes
Leben
so daß es und durch Spiel und Freythätigkeit gewährt sie dem Kinde gewährt sie
für Geist, Gemüth u Körper
nicht nur die ruhige Ent-
faltung, sondern giebt
ihm für sein ganzes
Leben wahre Stärkung
und Kräftigung;
dadurch wird es fähig den nächsten ernsten
Forderungen der Schule nicht nur ohne Nachtheil
für sich zu genügen, sondern sie auch mit Freudigkeit
zu erfüllen: Denn das allseitig gesunde Kind
ist stets gern und für einen klar vor ihm liegenden
Zweck mit Ernst u Ausdauer thätig.
Es liegt nun zwar drittens ist ausgesprochen längstens <schon> in dem Wesen der Sache
daß eine solche
den ganzen Menschen von frühe an in der Mitte
und Gesammtheit aller seiner Lebensverhält-
nisse erfassende Anstalt auch die Natur
in ihrer stillen u doch so sprechenden Wirksamkeit
als ein unerläßlich nothwendiges Glied der Bildungsmittel mit
aufnehmen müsse; liegt zwar in dem Wesen
der Sache, soll aber, es soll das jedoch damit nichts übersehen würde wird
noch besonders erwähnt werden, so daß also mit
einer solchen Anstalt in ihrer vollendeten Aus-
bildung zugleich, wie ein angemessener Hof- /
[122R]
u Spielraum so auch ein zweckmäßig wohlge-
ordneter Garten verbunden seyn müsse, wel-
cher den Kindern die Lust u Stärkung der un-
ungehemmten Bewegung im der Freyen, so wie
die Freude u Seegnung einer sinnigen Beach-
tung u Pflege der Natur, besonders der so wohl-
thätig wirkenden Pflanzenwelt herbeyführe.
Viertens Der Zweck dieser Anstalt ist keines-
endlich Viertens keinesweges, die Kinder den wohlthätigen Wirkun-
Einwirkungen der häuslichen, älterlichen u
Familienverhältnissen und den Forderungen
derselben zu entziehen fremden, sondern sie vielmehr dafür zu er-
ziehen und für sie auszubilden, und zwar so, daß
jedes Kind durch eine oder einige Stunden
welche es nach Umständen u Bestimmungen
täglich in dieser Anstalt lebt, oder vielleicht
auch unter ihren den Augen der Eltern in dem häuslichen Kreise
selbst beschäftiget würde wird um mit einem
sorgsam beachtenden u entwickelndten Sinn
für alles dasjenige, was das Häusliche reicht u von
ihnen fordert, in seine Familie
zurückkehre
für alles dasjenige ihm naheliegenden Gegenstände in sein Haus u seine Familie wirkt bes
was für ihn gegeben u vor ihm gefordert wird was ihm <hier> sowohl ein Mittel als eine zu
leistende Forderungen zu seiner Ausbildung
näher entgegentritt.
/
[123]
Zur allseitigen Pflege dieses wahren
häuslichen und bürgerlichen Familiensinnes
liegt es ferner in dem Plane dieser Anstalt,
daß den Eltern u besonders den Müttern,
ja nach Umständen den ältern Geschwistern
und besonders hier wieder älteren Schwestern
ja auch selbst den andern erziehenden u pfle-
genden Personen der Familien, welche ihre
Kinder dieser Anstalt anvertrauen, gestattet
seyn u werden soll, bey den Spielen mit den
Kindern beachtend gegenwärtig seyn u
dürfen um das durch sie und mit ihnen
Angebahnte in dem Hause fortpflegen zu
können.
Endlich und zuletzt fünftens was die Mittel u
u den Weg betrifft, durch welche die eben an-
gedeutete Entwickelung Bildung der Kinder bewirkt
werden soll, so bestehen sie einmal in der
allgemeinen Entwickelung der Sinnen- und
Gliederthtätigkeiten der Kinder als der Organe
des Geistes u Gemüthes, wie u als ein Weg zu den-
selben, so wie in der richtigen Erfassung, Be-
handlung u endlichen Durchdringung alles dessen /
[123R]
was das Kind Umgebenden umgiebt, zunächst des Sinnlichen
und Räumlichen, besonders der Natur und
des sich daran u darin kundthuenden (sowohl
allgemeinen als besonders)
Gesetzmäßigen
und überhaupt Geistigen.
Gestützt nun auf die Eingangs er-
wähnte schriftliche Aufforderung an
mich, welche ich mir erlaube in der Ur-
schrift beyzulegen, und auf die daran ange-
knüpfte Darlegung des Geistes u Planes einer
Anstalt wie die gedachte, nach Mittel u Zweck,
welche ich aus hoher Achtung für die hohe ver-
ordnete
Kreis-Schuldirection nicht kürzer
abfassen zu dürfen glaubte, erlaube ich
mir hier durch hoch hohen derselben Kreisschuldirection
zu Dresden
geziemend das gehorsamste
Gesuch zur gefälligen Prüfung u hoch-
geneigter Erfüllung vorzulegen:
„“Wie zu einer dem dargelegten
„Zwecke u angedeuteten Bedürf-
„nisse entsprechenden Veranstaltung
„zur Pflege des Thätigkeits- /
[124]
„triebes in den Kindern von
„den durch die Umstände bestimm-
„ten frühen Beginn bis zum
„erlangten Alter der Schulfä-
„higkeit hochgeneigt die Er-
„laubniß und die dazu erfor-
„derliche Concession mir zu ertheilen“[.]
Es würde bey dem in Dresden für diesen Gegen-
stand vielseitig regen Interesse leicht möglich
gewesen gewesen seyn, die Anzahl der Unter-
schriften wohl um das Doppelte zu vermehren,
wenn es sich nicht darum gehandelt hätte, hier
nur Unterschriften der besonders solcher stimmfähigen
Eltern und Kinderfreunde aufzunehmen, die durch zugleich bey
wiederholten, ja bis jetzt Übungen mit den Kindern
selbst Zeuge von den Wirkungen dieser Beschäf-
tigungsweise gewesen waren sind.
In geziemender Erwartung hochgeneigter
Erfüllung meines gehorsamen Gesuches verharre
ich ehrerbietig
der hohen Kreis Schuldirection zu Dresden
Dresden ganz gehorsamster
Dipoldiswalder Platz Friedrich Fröbel, Begründer
Am See No 493 Eigenthümer u Vorsteher
Am 9 Febr 1839. der Erziehungsanstalt zu Keilhau bey Rud. im Schwarzb[urgischen]