Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Henriette Wilhelmine F. in Blankenburg v. 16.2.1839 (Leipzig)


F. an Henriette Wilhelmine F. in Blankenburg v. 16.2.1839 (Leipzig)
(Autograph nicht überliefert; ed. Rhein. Bl. 1878, 328-334)

Leipzig, am 16. Februar 1839.


Gott zum Gruß und guten Morgen, guten Tag, theure Frau!

Endlich bin ich vorgestern Abends 5 Uhr mit dem Dampfwagen glücklich von Dresden hier angekommen und nun, wenn auch nicht sowohl in der Entfernung, als ganz besonders in der Zeit Dir um ein Bedeutendes näher, ja so nahe, daß ich schon die Zeit meines Wiedervereinens mit Dir in naher Ferne sehe, und so könnte ich wohl, wie sich die Sachen nunmehr hier zu gestalten scheinen, schon mit der Mitte oder doch spätestens mit dem Ende der nächsten Woche bei Dir eintreffen; wie ersehnt mein Herz diese Zeit und erfreut sich im Voraus dieser Zeit! - Hier, glaubte ich - indem ich seit so langer Zeit keinen Brief weder von Dir noch viel weniger von Barop erhalten habe - ganz bestimmt einen Brief bei Herrn Director Vogel von Blankenburg oder Keilhau zu finden, und doch ist meine Hoffnung nicht erfüllt worden. Fast möchte ich mich wohl darüber freuen, weil es mir wenigstens mittelbar sagt, daß Dein theuerer Gesundheitszustand nicht schlechter geworden ist. Möchte er sich doch noch gestärkt und verbessert haben! - Statt Briefen von Euch fand ich hier einen Brief von unserm treuen, und ich möchte sagen, unermüdlich thätigen Leonhardi aus Frankfurt a. M. vom 8. d. M. Ich lege Dir ihn in einer Abschrift unseres fleißigen Middendorff, ich hoffe zu Euerer aller Freude, hier bei.
Ehe ich Dir schreibe, wie, d. h. bis zu welchem Punkte der Entwicklung ich Dresden verlassen habe, will ich Dir zu allernächst schreiben, wie ich bis jetzt in Leipzig lebte. - Von Dresden in einer wahren Hast fortgerissen, so daß ich im wahren Sinne des Wortes keine Minute mehr Zeit hatte, wenn ich noch mit fortkommen wollte, ja keine Sekunde, indem wir bis zum letzten Augenblick für die Sache thätig waren - bedurfte ich gar sehr der Ruhe, als ich in Leipzig ankam; denn die Dampfwagenfahrt gibt sie aus vielen Ursachen nicht! Also erst gestern Vormittags 11 Uhr gingen wir, Middendorff und ich, zu /
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Herrn Director Dr. Vogel. Ich fand an ihm einen freundschaftlich, wenn Du willst herzlich eingehenden Mann; er begrüßte mich als Landsmann, als Stadtilmer. Bald zeigte es sich, daß er meinen ältesten Bruder Christoph in Griesheim sehr genau gekannt hatte, daß er sehr oft in dessen Haus gewesen war; ja daß er dessen Vorzeigung und Erklärung zu Fricks Naturgeschichte seine spätere Liebe und Neigung zur Naturgeschichte oder Naturwissenschaft verdanke, sprach er mir aus. Also schon ein Herzens-, Lebens- und Geistesband zwischen ihm und mir, und doch noch ein anderes sollte sich bald zeigen. Er, der Herr Dr. Vogel nämlich, ist der Pathe meines lieben, theueren Oheims in Stadtilm und trägt auch von diesem den Namen Christoph (wie mein Griesheimer Bruder). Ich erinnerte mich dagegen, wie mein Kommen zu den Eltern des Herrn Director Dr. Vogel immer menschlich erfreuend und ermuthigend auf mich gewirkt hatte. So war denn das Gespräch bald ein recht herzlich lebenvolles; es war mir, als sähe ich mich in jene frühere Jugendzeit zurück versetzt, und so mußte ich denn den Herrn Dr. Vogel recht innig an mein Herz und ihm einen Kuß auf seine Lippen drücken. Ob aber dieses gemeinsame Wiederkehren in die früheste Jugendzeit Erfolg für die Fortentwicklung unserer und meiner Bestrebungen haben wird, ist noch nicht vorauszusehen (ob ich gleich jenes dreifache Band von Bruder, Oheim und seinen Eltern aus zu beleben suchen werde), indem es darauf ankommt, erstlich wie der Herr Dr. Vogel selbst solche Lebensthatsachen und Erscheinungen achtet und pflegt, dann aber auch, wie tief oder oberflächlich, wie schwer oder leicht er überhaupt mein ganzes Unternehmen nimmt, worüber ich wirklich, nachdem ich ihn gesehen und gesprochen, noch gar kein Urtheil habe; denn es giebt Menschen, welche mit der Leichtigkeit der Lebensbehandlung doch eine Tiefe und einen Ernst des Lebens verbinden. Doch kann und darf ich dies in Beziehung auf den Herrn Director Dr. Vogel noch nicht verbürgen. So viel scheint aber gewiß, daß er für die Sache, für die Unternehmung sehr thätig ist, wenn er die Materialien dazu verarbeitet bekommt. So hat er z. B. den Aufsatz von Langethal sogleich nach Berlin an den Seminar- /
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director Dr. Diesterweg
gesandt, damit dieser denselben in einer pädagogischen Zeitschrift "die Rheinischen Blätter" abdrucken lasse; so hat er sogleich dafür Sorge getragen, daß der Aufsatz von Nowosielsky in dem Beiblatte zu der Leipziger allgemeinen Zeitung Nr. 41, (10. Februar 1839) abgedruckt worden ist. Ob nun gleich Du, Barop und Ihr, alle diesen Aufsatz schon schriftlich kennt, und ob wir gleich bald bei Euch einzutreffen hoffen, so halten wir, Middendorff und ich, doch für gut, wenn ich Euch solchen sogleich in einem Abdruck sende, damit besonders Barop sogleich, wenn es die Umstände fordern, zur Förderung der Sache davon in Rudolstadt Gebrauch machen könne. Auch an Leonhardi haben wir - in Beziehung auf dessen obengedachten, hier in Abschrift beiliegenden Brief an mich - sogleich ein Exemplar dieses Blattes beigelegt, damit er davon zur Gegenwirkung gegen die früheren aus Dresden und Leipzig ausgegangenen Artikel und zur Förderung der Sache in Darmstadt und Karlsruhe Gebrauch machen könne. Wenn Du meine theuere Frau und Barop, wenn Ihr nämlich die Ergebnisse der Leonhardi'schen Bemühungen in Frankfurt a. M. - Darmstadt - Karlsruhe, mit den Ergebnissen unserer Arbeit in Dresden zusammenstellt, so fragt es sich: wo soll nun eigentlich die Pflegeanstalt zunächst der deutschen Kindheit und die Ausbildung von jungen Männern und Jungfrauen dafür geschehen: ob, wie sich jetzt die Wahl zeigt - in Blankenburg oder in Dresden? - Middendorff und ich halten es für gut, wenn diese Frage vor meiner Ankunft, d. h. vor meiner Zurückkunft in Rudolstadt an gewissen Orten angeregt würde. Daß unser Herz, Gemüth und ganzes Leben für Blankenburg stimmt, ist natürlich; allein wie oft muß unser Herz und ganzes Leben schweigen, wenn das Schicksal höhere Forderung an uns macht. Darum geben wir Euch die Sache so früh zu bedenken, als das Schicksal selbst uns diese Frage vorlegt. Ja, ja! wäre Rudolstadt Sondershausen, so wäre gar keine Frage vorhanden; ja hätte Blankenburg uns zweckmäßige Gebäude zu bieten, so wäre wieder keine Frage da; selbst an Schwarzburg haben wir gedacht, läge es nicht inmitten eines Wildgartens. Nun, ich übergebe alles /
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dies Deiner und Barops stiller, sinniger Pflege. Selbst unsere Geschäftsfreunde Stauch in Volkstädt und Stark in Weida soll Barop bei seiner Prüfung der Sache in sich mit in stille Beachtung ziehen. Ich habe dabei die Forderung im Auge und die Äußerungen, welche Leonhardi in seinem Briefe macht.
Nun noch von Leipzig dies. Gestern Abend führte uns der Herr Dir. Vogel in den polytechnischen Verein, worin von 7-9 Uhr sehr interessante Vorträge und Mittheilungen gemacht wurden. Nach 9 Uhr nahm er uns mit nach Hause zum Abendbrod; in Gesellschaft von den Buchhändler Barth und Roß waren wir bis 12 Uhr beisammen. Barth ist ein geborner Frankfurter, ein wahrhaft selbsterziehender Vater. Die Gespräche theilten sich zwischen meinem und Pestalozzi's Wirken und Leben. Es wurde bestimmt, daß wir heute Vormittag von 10-12 Uhr zu Vogel kommen sollten, dann, daß ich morgen Vormittag nach der Kirche, von 10-12 glaube ich, eine Vorführung des Ganzen in einem Saale der Bürgerschule vor einem kleinen, gewählten Publikum, bestehend aus den Lehrern des Herrn Dir. Vogel und einigen seiner Freunde, geben soll. Auch Frauen sollen dabei gegenwärtig sein. Nach Middendorffs und meinem Gefühl erwarten wir jedoch von dem Eingreifen in das Leipziger Familienleben nichts. Es erscheint hier alles dazu zu leicht beweglich, zu geglättet und zu befriedigt oder gesättigt in sich. - Es ist ganz auffallend, wie verschieden zwischen hier und Dresden der Grund und Boden ist, den ich unter mir fühle, wie verschieden die Umgebung, die ich um mich sehe. Ich möchte fast sagen: dort Steifheit und Härte des menschlichen Lebens als eines Kunstwerkes, aber wenn auch ungebildete, ja rohe Natur, doch menschlich sinniges Leben in einzelnen Familien, die sich aber einander frei und fremd stehen. Hier sehe ich mich (gleich wie die Leipziger Umgebung) in einem gepflegten Kunstgarten des Lebens, wo sich die Menschen frei und fröhlich, aber auch leicht nebeneinander bewegen. Der Herr Dir. Dr. Vogel sagte ohngefähr: daß ich mir und der Sache die höchste Probe und Aufgabe gestellt dadurch, daß ich in Dresden begonnen habe, denn dort sei das Schulwesen wie die Privatbildungsanstalten rc. noch auf /
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sehr untergeordneter Stufe. Er gebrauchte noch härtere, aber auch bezeichnendere Ausdrücke, welche ich mir gar nicht zu wiederholen erlaube. Genug, ich freue mich, daß mir das Schwerste zuerst zu lösen gestellt wurde, als ich mit ganzer Kraft und vollem Feuer aus Blankenburg kam; jetzt, glaube ich, würde ich - was man auch sagen möge - jene Massen nicht bewegen, sie nicht zu beleben, zu erwärmen vermögen. -
Gestern Nachmittag ging ich, um die Frau Pastorin Richter und ihre Schwester, die Frau Günther, aufzusuchen. Ich fand sie bald; doch die erstere lag noch so hart krank zu Bette, daß ich sie weder sehen noch sprechen konnte. Zweimal seit ihrer Rückkehr von Blankenburg war sie dem Tode so nahe gewesen, daß nur der schleunigste Gebrauch lebenerregender Arznei sie noch davon zurück gehalten hat; jetzt geht es jedoch etwas besser, und sie hofft, mich künftigen Montag sprechen zu können. Auch ihre beiden unverheiratheten Schwestern, also auch die, welche wir kennen, sind eine nach der andern im letzten Viertel des vorigen Jahres krank gewesen; ebenso auch der Herr Dr. Floy in Göttingen. Diese beiden Schwestern waren höchst erfreut, mich zu sehen, und senden Dir viele Grüße.
Endlich mit meiner Berichterstattung nach Dresden zurück. - Das Gesuch der Eltern an mich habe ich Dir schon nebst Unterschriften mitgetheilt. - Am 12. Februar habe ich mein Gesuch um Concession bei der Kreisschuldirection Dresden eingereicht. Gern hätte ich es sogleich für Dich und Barop in Abschrift mitgetheilt; doch die Zeit ist dazu jetzt zu kurz. Zur Fortführung von 3 Familienspielkreisen (bei Lehmann, Kammermusikus Löwe und Dr. Peters) ist Frankenberg zurück geblieben. Die Entscheidung der Kreisschuldirection wird auch über den längeren und bleibenden Aufenthalt Frankenbergs in Dresden entscheiden. Jedoch werden sich die Eltern nicht sogleich bei einer abschläglichen Antwort beruhigen, wenigstens zweifle ich, ob Peters und Prof. Löwe. Wenigstens höre ich, daß man jetzt Unterschriften sammelt, um, wenn die Einsicht und Stimmfähigkeit der früheren Unterzeichner nicht durchdringt, die Masse der Unterschriften es dann zu bewirken suchen solle. /
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Uebrigens fassen Peters, Löwe, Manitius, Otto die Sache auf das Kräftigste in's Auge. - Wir sollen jedoch nicht erst den Erfolg meines Gesuchs abwarten, sondern sollen die Sache so behandeln, als beruhe alles nur einzig auf uns und auf Blankenburg. In dem kleinsten, lebensvollsten Punkte die höchste Lebens- und Thatkraft zu einen, soll unser Ziel und Streben sein. Wie wir in Deutschland Blankenburg und Keilhau fest im Auge haben, so soll Barop, wenn er Zeit hat, möglichst bald alles in Abschrift nach Burgdorf an Langethal abgehen lassen, damit dieser für Burgdorf und die Schweiz so handle, als beruhe die lebensvolle Fortentwickelung meiner jetzigen Bestrebungen einzig auf Burgdorf und der Schweiz und auf einer einstigen Vereinigung aller Kräfte dort.
Barop soll ja das ganze Leben nach jeder Seite hin auf das sorglichste pflegen. Wenn wir auch von dem Wo noch nichts sagen können, so heißt es doch in Beziehung auf die Zeit: "Jetzt oder nie!" - Doch hast Du, theure Frau, auch recht, wenn Du mir zurufst: "Eile mit Weile!" oder: "Zum Laufen hilft nicht Schnelljagen!" - Ich freue mich recht darauf und sehne mich darnach, mit Dir, theure Frau, mit Barop und auch dem Bruder das ganze Leben wieder in der Beachtung und Betrachtung, wieder in einem Brennpunkte zu vereinen.
Professor Löwe handelt, ich möchte sagen, wie ein alter Freund; er sprach mehrmals aus: - "Warum lernte ich Ihr Leben nicht 10 Jahre früher kennen?" - Ob er gleich sehr, sehr beschäftigt und in Anspruch genommen ist durch sein Amt, so wird er doch das Literarische, also das Sonntagsblatt, als sein Pflegekind zunächst fest halten. Ich halte das Finden Löwe's als eine Bereicherung und Vervollständigung unseres ganzen Lebens, und wenn wir nichts als dies Wirken errungen hätten. Das Finden Nowosielski's - das Finden Löwe's - unsere eigene Vervollkommnung in Beziehung auf die Ausführung unserer Bestrebungen - und die innere Reinigung und Einigung im Kreise selbst, besonders in Hinsicht auf Frankenberg, - durch alles ist schon Großes für das Ganze gewonnen; dazu die größere Besprechung, ja Verunglimpfung der Sache, wenn auch /
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sonst in Beziehung auf Dresden gar kein örtliches Resultat hervorginge. Gott befohlen, theure Frau. Ich darf nicht mehr sagen, schreibe mir doch das Nöthigste, theile mir doch Tieferes noch mit, weil ich gar nicht weiß, wann ich von hier scheiden kann.
D. Fr. Fr.