Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Oberlehrer Schäffer in Frankfurt am Main v. 10.3.1839 (Blankenburg)


F. an Oberlehrer Schäffer in Frankfurt am Main v. 10.3.1839 (Blankenburg)
(Brieforiginal/Reinschr. 1 B 4° 4 S. priv. Prof. Dr. Andreas Flitner, Tübingen, Fotokopie KN 55,19, mglw. Handschrift Wilhelmine F.s, von F. unterschrieben. Adressat könnte Oberlehrer Schäffer in Frankfurt/M. sein, an den F. auch am 22.10.1840 schreibt.- Der lt. Briefliste angebliche Entwurf in BN ist eine Abschrift v. unbekannter Hand [BN 183, Bl 33-35] und wurde zur Ergänzung der Seitenränder der Reinschrift herangezogen.)

Blankenburg am Thüringer Walde 10te März 1839.


Hochgeehrtester Herr und Freund!

Nachdem Sie so menschlich eingehend den Gedanken der ersten Kindheitpflege, wie
er von mir zur Sprache gebracht worden ist, beachtet und für dessen Anerkennung
und Einführung ins Leben so thätig gewirkt haben: so ist es nun wohl nach Monaten
auch einmal Zeit, daß ich dagegen auch bey Ihnen unmittelbar etwas von mir und
dem Fortgange meiner Bestrebungen hören lasse. Ich zweifle zwar nicht, daß Sie durch
unsern gemeinsamen und hochachtbaren Freund, Herrn Kosel, so wie mittel- oder unmittel-
bar durch HE von Leonhardi bis zu Ende des vorigen Monats von dem Stande u Fortgange
unserer Gesammtunternehmung in Kenntniß gesetzt worden sind. Doch soll mich dieß nicht
von der Erfüllung der Dankespflicht entbinden, Ihnen das Ganze, wenn auch nur in leisen
Umrissen unmittelbar auszusprechen und vorzuführen.
Während der Zeit als im Septbr vorigen Jahres HE Middendorff u. Herr v. Leonhardi in
Süd- und Westdeutschland, namentlich in Frankfurt a/Mayn, und ersterer besonders
auch in Rheinwestpfahlen für die Verallgemeinerung u. Anerkenntniß des Grundge-
dankens der frühesten Thätigkeitspflege der Kindheit wirksam waren, wurde dieser
Gedanke auch auf einer Reise der Keilhauer Erziehungsanstalt durch das sächsische Erzge-
birge in Dresden mitgetheilt; und er fand augenblicklich solchen Anklang, daß man
wünschte, es möchte sogleich einer von den begleitenden Erziehern zur Ausführung dieses Ge-
dankens in Dresden bleiben. Da dieß aber nicht ausführbar war, so entschloß ich mich in
der Mitte Decembers mit jenem Erzieher (HE Frankenberg) nach Dresden zu gehen, um mit
demselben gemeinsam der Pflege u. der Darlegung jenes Gedankens dort weiter zu leben.
Später reiste auch Middendorff, durch mehrfache Umstände bestimmt, dahin.
Das Ergebniß einer fast 9wöchentlichen Wirksamkeit der verschiedensten besonders aber
praktischer Art, durch Lehre und Ausführung, war, daß von mehreren Punkten, nament-
lich von den Eltern, deren Kinder seit Wochen vor ihren Augen beschäftigt worden, schriftlich
mir der Wunsch ausgesprochen wurde, eine solche Pflegeanstalt möchte in Dresden
stationär werden, und ich deßhalb die geeigneten Schritten bey der betreffenden Behörde
thue. Gestützt auf diese Aufforderung reichte ich in Dresden gehörigen Orts ein ent-
sprechendes Gesuch mit dargelegtem Plane ein. Dieß geschah unmittelbar vor unserer
Abreise, die nun mit Nothwendigkeit gefordert war. HE Frankenberg blieb jedoch zur
Pflege der angeknüpften u begonnenen Wirksamkeit in Dresden zurück.
Die Entscheidung der betreffenden Behörde erwartend, wovon jedoch noch kein Resultat
bekannt geworden, reisten wir Mitte Februars nach Leipzig, nachdem vorher die /
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obigen Eltern, von der Nothwendigkeit u Zweckmäßigkeit einer solchen vorschulmäßigen
Beschäftigung ihrer Kinder [überzeugt,] den Entschluß ausgesprochen, jedes Hinderniß zu beseitigen
was sich der Ausführung dieser für die Pflege ihrer Kinder so wichtig erkannten Anstalt
entgegenstellte.
In Leipzig fanden wir beym Eintritt, in der Allg. Leipz. Zeitung vom 10ten Februar d.J., den Aufsatz von
HE von Nowosielski, den Sie wohl durch HE Kosel kennen
werden. Das Bekanntwerden mit diesem Mann, welcher den größten und förderlichsten
Antheil an meinem Gesammtunternehmen nahm, muß ich noch zu den Ergebnissen und
Früchten meiner Dresdener Reise rechnen. Er ist der Inspector an der Wohlthätigkeits-
anstalt zu Warschau, und von dieser gesandt, die wichtigsten Kleinkinderschulen
Deutschlands zu bereisen, um mit dem Besten ausgerüstet, eine Anstalt in der Haupt-
stadt seines Landes zu gründen. Er wurde von meiner Erziehungsweise so ange-
zogen, daß er, statt, wie er erst wollte, nur einige Tage Zeit in Dresden zu verweilen
vierzehn Tage blieb, und sich während derselben fast ausschließend diesem Gegenstand
widmete, in welchen ich ihn darum auch mit Hingabe immer weiter einführte.
Wie er es für Pflicht gegen die Sache erkannte, seine gewonnene Ansicht und
Überzeugung von dieser Erziehungsweise öffentlich auszusprechen, so tritt er nun
mit der That dafür ein, so wohl um ihr Anerkenntniß zu verbreiten als sie selbst
ins Leben einzuführen. Nach dem letzten Briefe aus Prag hat er 12 Exempl. von
jedem Spiele, ihm für Warschau zu senden, gebeten.
In Leipzig wurde ich sogleich nach meiner Ankunft persönlich von dem Director der
vereinigten Bürgerschulen daselbst, HE Dr. Vogel aufgefordert, seinen sämmtlichen
Lehrern u den damit (35 an der Zahl) und einigen damit verbundenen Freunden
die Grundsätze meiner frühesten Kinderpflege darzulegen und die sich darauf gründen-
den Beschäftigungsmittel und Spiele im Zusammenhang vorzuführen. Das Er-
gebniß dieser Vorführung werden Sie aus einem Aufsatz in dem Leipziger Ta-
geblatt vom No 51 20. Febr. ersehen, das Ihnen ohne Zweifel durch HE von Leonhardi
mitgetheilt ist.
Ich will Sie jedoch, hochgeehrter Herr u Freund, nicht weiter durch die Aufzählung
meiner einzelnen Wirksamkeiten ermüden. Genug ich wurde noch zweymal aufgefordert
mich über diesen Gegenstand öffentlich auszusprechen, und ihn zur Prüfung in seinen Ein-
zelheiten vorzuführen; wie ich mich mehrseitig veranlaßt sah, [mich] sowohl gegen Einzelne
als in ganzen Kreisen, und in ersterer Beziehung namentlich gegen die ersten geistlichen
und weltlichen Behörden der Stadt u des Kreises Leipzig über diesen Gegenstand mit mög-
lichster Klarheit, Wärme, Bestimmtheit und geknüpft an Anschauungen, auszusprechen.
Das Ergebniß des Ganzen war fast noch um einen Schritt weiter als in Dresden.
Der Gegenstand wurde überall als eine Sache der öffentlichen Wichtigkeit betrachtet /
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und vor allem wurde erkannt, daß durch die von mir angeregte u angebahnte
und in der Art ihrer Ausführung nachgewiesene Pflege der kleinen Kinder die
so nothwendige Entwicklung sämmtlicher Schulen nach Unten d.i. die angemessene Pflege
und Behandlung der Kinder vor dem schulfähigen, d.h. von dem ersten bis zum zurück
gelegten 6ten Jahre gezeigt wäre. Da Leipzig in der Mitte Monats May das 300-
jährige Jubelfest der Einführung der Reformation in Sachsen feyert, so machte ich
darauf aufmerksam, daß es nach meiner Überzeugung keine würdigere Feyer
dieses Festes geben könne, als die Begründung einer Pflegeanstalt in diesem Sinne
für die Kindheit, welche bey Beachtung und Heilighaltung des Familiensinnes
die Erziehung der Kinder für Schule und Leben im Auge habe. Da dieser von mir
mehrseitig ausgesprochene Gedanke auch mehrseitigen Anklang fand so ward ich
aufgefordert, zur Ausführung einer solchen Anstalt eine Skitze zu entwerfen,
und zunächst, zum Privatgebrauch jedoch, an die Person der ersten betreffenden
Instanzen in Leipzig abzugeben. Ob ich nun zwar nicht weiß, welche Wirkung
daraus hervorgehen wird, so würde ich mir doch erlauben, Ihnen diese Skitze
wenn es die Zeit gestattete, jetzt gleich abschriftlich beyzulegen, wie ich bestimmt
erwarte, daß Ihnen HE von Leonhardi meinen zur Ausführung einer solchen Pflege-
anstalt in Dresden skitzirten Plan mitgetheilt haben wird. Denn mich dünkt die Be-
achtung und Pflege (keinesweges aber Beschulung) der Kinder vor dem schulfähigen
Alter und in inniger Übereinstimmung und Wechselwirkung mit dem
Familienleben, ja zur Pflege desselben, sollte ein Gegenstand der größten
Aufmerksamkeit für unser öffentliches Erziehungs[-] und Schulwesen werden, so daß
ich Sie, hochgeehrtester Herr und Freund, auf das eindringlichste ersuchen möchte,
diesen Gegenstand doch ja mit allen Ihren und unsern erziehenden Freunden in Frank-
furt a/Mayn, und namentlich mit unserm He. Dr. Bagge, als Director der Frankfurter
Bürgerschulen oder Musterschule zu besprechen! Ich glaube, daß dieser Gegenstand über
alles wichtig, und dessen Ausführung, wie tief in der jetzigen Stufe der Menschenent-
wicklung begründet, so dessen Ausführung durch die jetzt bestehenden Lebensverhältnisse
allseitig gefordert wird. Ist jedoch nur erst der Gedanke allseitig und lebenvoll an-
erkannt, so werden sich Plan und Mittel zur Ausführung leicht ergeben. Ich glaube
hier nur herausheben zu müssen, daß wie Plan und Gedanke in mir liegen, dadurch
etwa keinesweges der Familiensinn und das Familienleben noch mehr in den Hinter-
grund gedrängt, sondern vielmehr in seiner innersten Wurzel genährt und gepflegt
werden soll. Wie ich das meyne, liegt zwar schon in den beyden Plänen angedeutet, kann
aber eigentlich nur, da es sich um die innerste Erfassung der Kindesnatur und des Ge-
sammtlebens handelt, nur in der Ausführung allseitig dargelegt werden.
Ob nun die Ausführung einer solchen Pflegeanstalt für Frankfurt am Mayn /
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nicht nur ebenso wünschenswerth als auch möglich sey, möchte ich wohl von Ihnen hören; und es
wäre auf den Fall, daß Sie mit Ja antworteten, wohl schön, wenn Frankfurt a/M wie früher
schon durch seine Musterschule, so jetzt durch eine solche ächte, die schon bestehenden eigentlichen Schul-
anstalten gleichsam unterbauenden, oder vielmehr ihre Wurzeln tiefer in die Menschheit senkenden
Pflegeanstalt für die Kindheit der öffentlichen Erziehung Deutschlands musterhaft vorangienge.
Und so war denn endlich das letzte Gesammtergebniß meiner Reise nach Dresden u Leipzig die bestimmte
mehrseitige Anforderung an mich, für Ausbildung junger Leute beyderley Geschlechts, zur Pflege der
Kindheit von dem frühesten bis zum schulfähigen Alter nach meiner Überzeugung wirksam zu
seyn. Diesem gemäß ist nun mein ernstester Entschluß und Vorsatz mit diesem Frühjahr, wo möglich
schon mit dem Monat May eine Anstalt zur Pflege zunächst junger Männer zur angemessenen Behandlung
Entwicklung und Pflege der Kindheit zu errichten. Langethal u Leonhardi haben mir nun geschrieben, daß
durch den verehrlichen Zusammentritt des des [2x] verehrlichen Frauenvereins in Frankfurt a/M. bestimmt wor-
den sey, 2 junge Männer zunächst für das Bedürfniß der Kleinkinderbewahranstalten zu Frankfur[t] a/M
unter meiner unmittelbaren Führung und Anweisung ausbilden zu lassen. Sämmtlich meine Freunde
haben mir nun ausgesprochen, wie besonders auch Sie, verehrtester Herr und Freund, zur Verwirklichung
dieses Gedankens thätig gewesen sind. Ich bin darum nun so frey, Sie freundschaftlich zu ersuchen, mir mit
Bestimmtheit und wo möglich in Auftrag der das Ganze leitenden Personen möglichst bald zu melden
wie weit wirklich die desfallsigen Bestimmungen in Frkfurt a/M. gediehen sind, um darnach hier mit Be-
stimmtheit meine Einrichtungen treffen zu können.
Als einen kleinen 2ten öffentlichen Beweis, daß der Gedanke angemessener Beachtung der Kindheit, be-
sonders durch Pflege ihres Thätigkeitstriebes, in Leipzig Anerkenntniß gefunden, lege ich einige Zeilen
bey welche das Leipzig. Tagebl. No 60 von 1te März d. J. enthielt. Die darin geschehene Aufforderung meine
Vorträge zu vervielfachen wurden mir auch mehrseitig mündlich ausgesprochen. Doch konnte ich der-
selben dießmal nicht nachkommen. Ihrer so thätig förderlichen als innig freundschaftlichen Theil-
nahme an meiner Bestrebung muß ich es doch noch aussprechen, daß mir in Leipzig eine hohe erfreuliche
Gabe wurde. An dem Sonntage nämlich, wo ich in dem großen Saale der vereinigten Bürgerschulen Leipzig
eine Vorführung vor einem ansehnlichen gemischten Publicum hielt, überreichte mir vor dem Beginn
derselben der Buchhändler HE Otto Wigand mit Grüßen von Ruge und Echtermeyer in Halle No 55-58
der Hallischen Blätter für Kunst und Wissenschaft (vom 5 bis 8 März), welche eine Beurtheilung meiner
Unternehmung von HE Prof. Bairhoffer in Marburg enthalten. Wie sehr ich mich freue, dieß Alles
Ihnen aussprechen zu können, werden Sie mir leicht glauben, indem auch Sie nun als einer der er-
sten Verfechter der Sache nicht mehr allein stehen, sondern sich Männer von Einsicht, Kraft u Muth
mit Ihnen für die Pflege der Kindheit zusammenschaaren. Sollte Ihnen hochgeehrtester Herr u
Freund, sonst wo, noch etwas der Art zu Gesicht kommen, so ersuche ich Sie es gefälligst zu notieren
und mir es gelegentlich zukommen zu lassen, da mir der Verkehr mit den litterarischen u anderen
Tagesblättern sehr erschwert ist, bey der Zurückgezogenheit <in mir> u bey der Masse jener Schriften.
Um den angegebenen Zweck der Lehrer- od. Pflegerbildung zu erreichen, wird, wie Sie voraussetzen werden, eine Pflege-
anstalt für solche kleine Kinder selbst hier in Ausführung kommen; so auch der Gedanke, daß sich Ende Juli
oder Anfang August mehrere erziehende Freunde, um sich über diesen wichtigen Gegenstand zu besprechen
hier im Schwarzburger Thale zusammenfinden werden. Schön wäre es, wenn auch Sie und die Freunde
von Frankfurt, die ich sämmtlich u jeden namentlich mit meinen Freunden hier hochachtungsvoll grüße
dabey gegenwärtig wären.- So wüßte ich Ihnen nun nichts mehr zu sagen, als in dem Gegenstand nicht nur eine
Lebensverbesserung sondern eine wirkliche Lebenserneuung und Verjüngung mit ganzer Überzeugung an Ihr Herz zu legen.
Mit vorzüglicher Hochachtung Hochgeehrtester Herr und Freund Ihr dankbar ergebener
Friedrich Fröbel