Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 23.4./25.4./26.4./27.4.1839 (Blankenburg)


F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 23.4./25.4./26.4./27.4.1839 (Blankenburg)
(UBB 71, Bl 238-246, Brieforiginal 4 B+1 Bl 8° 17 S.)

Blankenburg am 23n April 1839.


M. t. L.


G. z. G.

Nach meiner Berechnung wirst Du wohl spätestens gerad am Sonntage
also ganz jüngst erst meine letzteren Mittheilungen nebst den Blättern
des Allgem. Anz. der Deutschen empfangen haben; dennoch weiß ich unter dem mehr-
fachen äußeren und inneren Drucke und doch auch wunderbar eigenthümlich mehr-
fach erregenden Verhältnissen in welchem ich mich gerad jetzt befinde nichts bess-
eres, d.h. nichts für mich erhebenderes zu thun, als Dir zu schreiben und eben von
diesem wunderbar verschlungenen Leben ein Bild zu machen, wie es sich nun eben
fügen will. Ich will Dir das Leben Chronikenartig vorführen.
In meinem jüngsten Brief habe ich Dir geschrieben, daß ich eine Einladung zu einer
Vorführung nach Saalfeld hatte. Ich fuhr deßhalb Montags 15. d. M. Mittags gegen 1 Uhr mit dem Nöthigen versehen
hier weg kam gegen 2½ Uhr nach Saalfeld und fing ohngefähr um
3 Uhr an in Gemeinsamheit mit Middendorff, Gygern auch den jungen Bock (Friedrich)
und Hartmann die Sachen auf 2 großen la[n]gen Tafeln zu ordnen an. Anfangs war
ich in großer Flucht da ich glaubte die Gesellschaft würde sich schon um 4 Uhr versammeln,
doch hörte ich bald zu meiner größten Freude daß vor 6 Uhr es nicht möglich werden
würde zu beginnen; dennoch hatte ich alle Hände voll zu thun um von jedem Spiele
einige Darstellungen in einem Zusammenhange aufzustellen, so daß ich kaum Zeit hatte
ein Glas Bier u etwas Butterbrot zu essen. Da mehrere Freunde mit mir geglaubt hatten
der Anfang würde früher seyn so umschwärmten mich viele während der Anordnung was für
mich sehr stöhrend und angreifend war. Endlich gegen 6 Uhr begann die Vorführung, mehrere
Frauen waren gegenwärtig und auch sonst schien die Versammlung in ihrer Art und für
Saalfeld sehr gewählt. Im Ganzen herrschte durchgehend während der Vorführung Aufmerk-
samkeit welche zu Zeiten und bey Einzelnen gesteigert war. Daß bald Licht gebracht wer-
den mußte war eben der Sache nicht günstig, da durch das Blenden desselben das
Schauen und Sehen von manchen Punkten aus verhindert wurde.- In einem Zeitraum
von ohngefähr 3 Stunden also bis gegen 9 Uhr führte ich das Ganze mit Einschluß
der Lege[-] u Bewegungsspiele vor; Du kannst Dir also denken in welcher Hast das
Ganze durchlaufen, ja durchrannt werden und wie sehr ich am Ende erschöpft seyn
mußte und dennoch war für mich die Anstrengung nicht vorüber; denn nun sollte
auch noch alles eingepackt werden; dabey helfen mir nun Middendorff, Gyger u
Hartmann treulich so daß um 11 Uhr alles wieder an seinem Ort war und wir
uns in unsere Fuhrwerke setzen konnte[n]. Nichts konnte ich zur Erfrischung haben
denn alles war schon zur Ruh - als einige Glas Bier für uns alle. So kam
ich nach einer fast 11 stündigen ununterbrochenen Beschäftigung, Erregung und An-
strengung durch einen Gegenstand und ohne eine eigentliche beruhigende u erfrischende
Zwischenpause um 12 Uhr nach Hause. Louise sagte mir am Morgen, daß ich
gar sehr angegriffen ausgesehen hätte. Ich schreibe Dir dieß damit Du siehest mit
welcher Mühe der Acker bearbeitet und der Saame ausgestreut werden muß.
Von einigen Punkten aus wurde mir freundlicher Dank besonders von Her[r]n u Fr.
Kammerherrin u Schloßhauptmännin von Pfaffenrath und irre ich nicht von einem
gewissen Diacon. Mireau (?) und die Versicherung daß die Vorführung und das Gesagte /
[238R]
hie und da Keimboden gefunden habe. Der Herr Pfarrer Korn sagte nur nun werde
es gewiß mit der vorhabenden Kleinkinderbewahrschule vorwärts gehen <u>
d[er] He. v. Pfaffenrath sagte mir, wir würden uns auch weiter über diesen Gegen[-]
stand besprechen, so wie, daß sie mich, - wenn ich in Blankenburg mein Vor[-]
haben begonnen habe - in Masse besuchen würden.
Im Ganzen war dieß wegen der großen vorhergehenden Erregung, der nachher
durch das Einpacken (was ich sonst nie sogleich zu thun genöthigt gewesen war) er-
folgten Anstrengung die angreifendste Vorführung die ich je gehabt habe;
dazu kam, daß ich keinen Wiederhall, keinen Reflex wahrnahm, wie
er mich besonders bey einigen Vorführungen in Dresden u Leipzig erwärmt, er-
hoben, ja gekräftigt hatte. Die Nacht war wegen der übergroßen Erregung für
mich ein höchst unruhvolle, so daß ich während derselben de einmal den Vor[-]
satz faßte nie wieder die Sache ohne das zugleich begleitende oder unmittel-
bar vorhergehende oder nachfolgende Leben der Kinder vorzuführen dann
mir es zur klaren Anschauung brachte - mich nie von dem leisen unbewußten
stillen Wunsch eines Eindruckes auf das Herz u Gemüthe der Menschen (als einer
Sache der Kinder) beschleichen noch von dem Wahne berücken lasse [sc.: zu lassen] als könne
nur einzig ein solcher Eindruck über den Werth oder Nichtwerth der Sache entscheiden,
sondern darüber nur den klaren Aussprüchen der lichten, in sich
einigen Einsicht zu folgen. Ich schreibe Dir dieß, damit Du wenigstens eine leise
Ahnung des gleichstarken Geistes- Gemüths- und Lebenskampfes bekommst, welchen
ich mit und für und in der Sache durchkämpfen muß. Läuft man Gefahr
nach diesen 3 Feldern zugleich den Kampfplatz räumen zu müssen, so droht
augenblicklich wahre Lebensvernichtung. Alles was mir nur irgend von Männe[r]n
und Menschen wie sie auch immer Namen haben wann und wo sie auch auch [2x]
gelebt haben mögen bekannt geworden ist, welche für einen Lebensgedanken auf[-] und eingetreten sind so kenne ich unter ihnen keinen, welcher
durch einen solchen
persönlichen und innern Kampf hat hindurch gehen müssen wie ich. Ich frage
mich oft: warum das?- Ist der Gedanke nicht wahr, ist er ein Wahn, warum
tritt er mit solcher Zähigkeit des Wahrheitsscheines auf?- Und ist er
in sich wirklich wahr, warum wird er dann in seiner Wahrheit erkannt
anerkannt und statt für seine Ausführung thätig und wirksam zu seyn, warum
nichts als Hemmnisse u Hindernisse und nicht nicht nur äußere, fremde, sondern
dann wieder und fast noch mehr lastende eigene, s persönliche?-
Warum hat mich des Lebens Kampf, Krieg u Streit erst so hinab, hinunter
müde und matt gekämpft mich so vieles leeres Stroh und Hülsen dreschen
machen und lassen so vergeblich meine Kraft wie z.B. in der Schweiz
in Burgdorf verbrauchen lassen, ehe sie mir den Punkt, den Weg, die <Kette>
zeigte wo ich mit jener Kraft wirken könnte?-- Also ins Leben
für That darum gieng ich gleich am darauf folgenden Dienstag also am 16 Apr
hier zu d[em] He. Sup. Örtel um mit diesen zunächst über das Lokale und den Garten
für die hiesige Übungs- und Pflege Anstalt oder Spielschule zu sprechen. Es
machte sich daß ich hier zugleich mit d[em] He. Oberbürgermeister Witz zusammen
kam. Und so wurde denn sogleich eine Stube in dem sogenannten Keller-
gebäude - (schräg hinter der Kirche zwischen 2 Treppen die nach der Burg u
so auch nach Keilhau führen) - bestimmt und der schöne ebene Raum hinter /
[239]
demselben zum Spielplatz u Gartenraum. Du wirst diesen Platz kennen; ein Theil
desselben ist mit Platten bedeckt, zwischen diesem Platze, (welcher sich eigentlich
nach beyden Seiten der Stadt hinter der Mauer hinzieht), und dem Bergrande
geht ein nicht gar breiter Wandelweg hin welcher an einer Seite mit Obst-
bäumen besetzt ist. Früher stand auf dem hintern Ende des jetzt zum Übungsplatz
bestimmten Raume ein Hüttchen oder vielmehr Häuschen, was aber im vorigen
Jahre abgetragen wurde. Dieser Raum 121 Fuß lang und 26 F[u]ß breit ist also
zum Übungsplatze bestimmt; der mit Platten belegte Raum neben demselben
nach der Stadt zu ohngefähr 15 F[u]ß breit u 75 F[u]ß lang ist - weil die klein[en]
Kinder leicht darauf fallen u sich beschädigen könnten, zum Wandelplatz
für die besuchenden Eltern u Kinderfreunde bestimmt.- Unten werde ich auf
die Einrichtung zurück kommen. Beyde OberbürgerMstr u Sup: versicherten auch
daß sie alles zur Förderung der Sache thun würden und ich dabey keine Kosten
haben sollte. Abends machte ich den Plan zum Übungsplatze nach Maaßgabe
der Form u Größe des Raumes.-
Mittwochs am 17n ging ich nach Keilhau, theilte die Ergebnisse des Ganzen mit
und hier wurde bestimmt, daß wo möglich Mittwochs u Sonnabends Nachmit-
tags Middendorff von Keilhau hierher kommen und förderlich für die Sache
wirken solle.- Schon seit Weyhnachten hatten mich mehrfach persönlich un-
angenehme Geschäfte nach Erfurt gefordert ohne im Stande gewesen zu seyn diesen
Forderungen zu genügen endlich führte ich Freytags den 19n früh um 8 Uhr meinen
langen Vorsatz aus. Körperlich und geistig gehemmt legte ich den Weg in 11 Stunden
zu Fuß zurück. In Erfurt traf ich Christian an welcher ohngefähr seit 8 Tagen da-
selbst angekommen war. Es trat mir in dem ersten Blick, besonders wenn er
lachte eine ganz auffallende Gesichtsähnlichkeit mit Dir entgegen, ob er gleich
viel kleiner und dabey doch, besonders im Gesichte stärker ist.- Ich fand
in ihm noch ganz den alten treusinnigen Keilhauer im Charakter, Handlungen
Gesinnungen d.h. besonders Lebensansichten sehr viel ähnliches mit Ferdinand[.]
Also im Ganzen Interesse und auch wohl einen gewissen Antheil an einer Idee
an einem allgemeinen Lebensgrundgedanken ohne jedoch sich berufen und ge-
trieben zu fühlen dafür auf- und einzutreten. Jetzt brave, wackere auch
wohl sogar vielleistende, darum sehr geachtete und anerkannt wirkende
Männer in ihrer Stellung, ohne jedoch diese als klares Glied im großen Lebens[-]
ganzen zu erkennen und ohne so die übrigen Glieder als ein organisches Ganze
und zu einem solchen G pflegend in sich aufzunehmen. So liebe, gute
treue, selbst hingebende Menschen im gewöhnlichen Lebensverkehr ohne jedoch
in Bezug und Rückbeziehung auf Realisation einer großen allgemeinen Le-
bensIdee und solchen Menschheitsgedanken. So werden wir uns immer gern
begegnen und macht es sich eben, freundlich einander die Hand reichen. Was
ich sage wirst Du bestätigt finden wenn ich Dir ausspreche, daß er meinen
mich jetzt beschäftigenden Lebensgedanken, ohne dazu von mir aufgefordert
oder indirect angereizt zu seyn als Volks- und Menschheitswichtig erkannte
ja ganz klar u trocken aussprach, daß daraus ein edleres u höheres Men-
schenleben hervorgehen würde - und sich doch freute, daß er es (wie er sich
ausgedrückte) freute es durchgesetzt zu haben, wieder nach Jena zu gehen. /
[239R]
Nach meiner Ansicht seines Lebens, Wesens u Könnens, müßte er mich, wenn
er sich in der Gesammtheit desselben als ein Glied des großen Lebens- und Mensch-
heitsganzen erfaßte, bitten an der Ausführung meines, d.i. des jetzt allgemein
sich aussprechenden ersten Menschheitsgedanken Antheil nehmen zu dürfen
und um dieses Preises willen Schulzen und seine 400 Rth. und all seine
sonst sehr edlen und uneigennützigen Anerbieten lassen, denn jenes oder
dieses Wirken bleibt immer ein späteres ein abgeleitetes, bezieht sich auf das
Wirken schon selbstständiger, sich frey aus sich bestimmen könnender Männer;
alle diese haben jetzt Mittel und Wege genug sich aus und durch sich selbst helfen
zu können, und sie finden auch dazu, wie zu jedem besondern, späteren und
ausführenden Zweig des Lebens Menschen und Männer und selbst tüchtige
genug. Allein was ging und geht für alle diese Männer in der ersten Kind-
heit verlohren, was kein Schulze u kein Christian Langethal und keiner
von uns je ihnen wieder bringen kann. Dahin sollten wir unsern Blick
wenden und uns durch den Erfolg unserer Wirksamkeit bey Erwachsenen
und besonders einseitig Strebenden - wie natürlich in ihrem Fache mehr oder
minder anlagsvoll - nicht teuschen lassen; die Wirksamkeit
für die Erwachsenen für wichtiger und werthvoller zu halten; es ist rein
umgekehrt, das Hinwenden zur Kindheit ist überwiegend wichtiger, denn
dasselbe, die Rückkehr zu derselben ist ja nach dem Ausspruche des größten
MenschheitsErziehers und Menschenlehrers für die ganze Menschheit selbst
die Grundbedingung: - um zu einer neuen, der nächst höhereren [sc.: höheren]
Entwickelungsstufe der Menschheit empor zu steigen, der Entwickel[un]gs-
stufen wo nicht nur die Lebensgesetze und Daseynsbestimmung erkannt, sondern
derselben auch gemäß gelebt werde.

Am 25n Apr. So weit vorgestern Abends wo ich der Müdigkeit halber nicht weiter
schreiben konnte. Gestern war abermals, Du wirst bald hören warum, aber[-]
mals ein Tag der völligen Zernichtung; und so kann ich heut erst fortfahren; doch
will ich nun zum Schluße eilen. Die Stellung Deines Bruders zum Leben und zu
uns wird Dir nun klar seyn, ich habe nichts mehr darüber zu sagen. Unser Lebens
Grundgedanke, welchen wir, wenigstens ich als den Grund- und Lebensgedanken
d.i. den letzten und höchsten der Menschheit auf ihrer jetzigen Entwickel[u]ngsstufe
und als die unerläßliche Bedingung zur Erringung der nächsthöhern Entwicke-
lungsstufe der Menschheit halten, dieser Gedanke wird nie der seine
werden, wenn er ihn auch, warum und {weshalb / woher} auch? - achtend
anerkennen muß.-
Mit Reinthalern habe ich noch verkehrt; die Spiele müssen doch ir-
gend einen Werth als Erziehungs- und Lehrmittel haben, indem er sich
nicht nur die Fortsetzung von Zweyen, sondern sogar noch ein Drittes
geben ließ und sogleich bezahlte; auch für 2 Ex. S.Bl. die Fort-
setzung bestellte.
Mit Deinem Bruder Gottlob kamen wir auch auf Reinthaler zu sprechen; er
sagte mir, daß die Erfurter wenig mit ihm (dem R.) zufrieden seyen, weil
er so viel unnütze junge Leute in die Stadt gezogen habe und daß aus wenigen derselben etwas Tüchtiges geworden sey. Dem sey wie
wie [2x] ihm wolle, so viel scheint /
[240]
scheint [2x] gewiß, daß es für die Menscheit im Ganzen mehr Gewinn gebracht haben
würde, wenn die gleichen Mittel und die gleichen Kräfte (denke nur welche
großen Mittel u großen Kräfte sowohl ehemals Falk als jetzt Reinthaler und
andere ähnliche auf die Einzelerziehung Verwahrloster verwandt haben und wie
gering die Früchte davon gewesen sind)- wenn also dieselben Kräfte u Mittel
zur Gesammterziehung der heraufwachsenden gesunden Volksmasse
verwandt worden wären . Es ist höchst merkwürdig daß der Mensch
lieber am Alten und Schadhaften herumflickt als das Junge pfle Gesunde
pflegt und entwickelt!-!- Denke Dir einmal l. L. daß Reinthalers und Falks
pp[.] Mittel sich zur Ausführung einer einzigen ächten ErziehungsIdee und
solchen Grundgedankens sich seit 10 und 20 Jahren geeint hätten, welch
ein Ergebniß teuscher [sc.: deutscher] Volksbildung jetzt da stehen müßte. So ist
alles und überall nur Stück- und Flickwerk, nirgends ein Erziehungsganzes als
lebendiges Gewächs. Diesen Gedanken m. th. Lgth! dünkt mich sollten wir recht
in uns festhalten und ausbilden und verbreiten wie und wo wir nur könnten.

Ein sich stetig aus sich entwickelndes, also in sich lebendiges
Erziehungsganzes
das zu schauen thut jeden Einzelnen, seyen es Eltern oder Erzieher, thut uns Deutschen
als einem Volke, thut dem jetzt lebenden Menschengeschlecht, thut der Menschheit
Noth - daran, dieß auszuführen dünkt mich th. Lgth! - soll man Leib u
Leben setzen und wenn ich die sich jetzt zeigenden Gesammtumstände erwäge
so will dieß auch die Menschheit, ja sie scheint es auch durch Umstände zu
fördern. Doch ich will dem Ganzen wie es sich mir in diesen Tagen entwickelt
nicht vorgreifen. Eines muß ich aber doch erwähnen:
Bey meinem Hinweg nach Erfurth begegnete mir zwischen Riechheim u Winschen[-]
holzen [sc.: Windischholzhausen] ein Mann. Eine Frage nach dem Weg die ich an ihn that und mein würfliches
Päcktchen auf der Achsel veranlaßte ihn zu fragen: - Habt Ihr Lesebücher zu verkaufen?
Ich mußte Nein! antworten und doch hatte ich wohl Bücher:
- die Spiele nemlich die ihm wohl hätten nützlich seyn können, doch der Text
war nicht für ihn. Ich dachte: hätte ich oder wir doch Zeit den Gegenstand volks[-]
thümlich zu behandeln und ich sah dieß fast als eine Anforderung dazu. Es
ist eigen l. Lgthl! welche eine Menge von Keim- und Anknüpfungspunkten
sich mir jetzt hier zeigen, und doch fehlt es mir an persönlichen Kräften und so
an Mitteln sie zu pflegen, zu entwickeln.-
Sonntags am 21' früh nachdem mir Christian die Pracht seiner Stadt, ihren Dom
und von dessen Thurme ihre reiche Gegend umher gezeigt hatte, begleitete er und
Gottlob nebst den beyden Knaben mich bis auf die Steiger Höhe vor Egstädt[.]
Sie ahneten nicht, daß sie mir einen Geburtstagsgruß brachten u mich reue-
te es nachher es ihnen nicht gesagt zu haben.- Nach abermals 11 Stunden Fuß-
weg war ich wieder in Blankenburg; ich will es gern gestehen, besonders durch
mein körperliches Befinden herbey geführt ziemlich stark erschöpft. In Blankenburg
fand ich ChristianFriedrich u Barop und einige Festgrüße, besonders einen Festgruß
von Keilhau einen Kranz von allen jetzt blühenden Frühlingsblumen, wozu
sämmtliche Zöglinge der Anstalt beygesteuert hatten und dabey folgende
Worte zwar von Lomatzsch aufgesetzt, allein, wie mir Barop sagte aus
dem Leben sämtlicher Kinder, Lehrer u aller Glieder des Kreises hervorgegangen:- /
[240R]
     "Gruß"
"vom Keilhauer Kreise"
"zum 21n April 1839."
-*-
Wie draußen des Lebens zarteste Keime
      Beym Wiederkommen des lenzes erstehn,
Und Gräser und Blumen und Blüthen der Bäume
      Erwachen vor seinem belebenden Wesen,
      Und alles in Liebe und Dank sich freut,
      Wenn der Lenz die Erde wieder erneut:
-*-
So brachtest Du uns erste Kindesleben
      das ach! solange ohne Führer war
Ein neues, schönes, reiches Frühlingsstreben
      Und um Dich sammelt sich der Kinder Schaar
Und glaubt an Dich des Lenzes ächten Sohn
Und dieser Glaube wird Dein Lohn
-*-
Nimm dann, was wir in diesem Sinne Dir bieten
Nimm an den Kranz von Kranz von frischen Lenzesblüthen;
      Sie sind ein freudiges Bild vom Auferstehn,
      Du wirst die duftgen Kinder nicht verschmähn
-*-
Ein blühender Rosenstock und Levkoyenstock nebst herzinnigen Worten be-
grüßten mich von meiner treuen Frau u.s.w.
Barop sagte mir nun mündlich, wie Lomatzsch gegen das Ende der vorigen Woche
von Berlin zurückgekehrt sey und zugleich einen Zögling in die Anstalt
e[i]ngeführt habe, einen Enkel von Schleyermacher einen gewissen Just
einen Knaben von glaub ich 10 Jahren. Noch sagte er mir daß Lomatzsch
gerad an dem Tage in Dresden gewesen sey als mehrere Eltern über das
Fortbestehen der Spiel-Übungsstunden bey Löwe berathen hätten. D[er] He[.]
Prof. Löwe hatte die Eltern dazu mit nachstehenden Worten eingela-
den:
"Die vorgerückte Jahreszeit und viele andere Umstände scheinen
"es wünschenswerth zu machen, über die Fortsetzung der Bethätigung
"unserer Kinder, nach Her[r]n Fröbels Methode zu einem letzten Beschluß
"zu kommen. Der Unterzeichnete erlaubt sich daher, mir im Interesse der
"Sache, s eine Versammlung der bey diesem Gegenstande betheiligten ge-
"ehrten Ältern für nächsten Sonnabend, den 13n April, Nachmittags
"von 2 Uhr an
, in Vorschlag zu bringen, und zwar in demselben Locale
"welches vom nächsten Dienstage an, sogleich von 9-11 und von 2-4
"Uhr für die Beschäftigung bestimmt ist. Der Beytritt zu diesem Vorschlage
"möchte gütigst auf diesem Blatte bemerkt werden."
Dresden den 6 April 1839
Dr Löwe. /
[241]
(:folgen nun die Unterschriften von 9 Eltern für 12 Kinder:)
In der im vorhergehenden gedachten Versammlung welche an dem festgesetzten
Tage wirklich statt fand wurde nun folgender Beschluß gefaßt:
"Dresden den 13' April 1839."
Fräulein Beyer, He. Secr: Vogel, Herr Hofgärtner Lehmann u dessen Gattin
Herr Cammermusic. Löwe und der Unterzeichnete; letzterer zugleich
im Namen der abwesenden Herren Dr <Hademus>, Dr <Franken>, <Finanzcalc:>
Weinberger und Dr Peters, beschlossen hinsichtlich der Fortsetzung der Be-
thätigung und Bildung ihrer Kinder nach Herrn Fröbels Methode, und un-
ter der Leitung d[es] He. Frankenbergs folgendes:
1. Das Anerbieten des Unterzeichneten, die bisher zur Versammlung
und Beschäftigung der Kinder benutzten Räume, nemlich ein geheiztes Zimmer
und einen Theil des daran stoßenden Gartens, auch fernerhin, und
besonders, so lange der Zuwachs an Theilnehmern und Kindern nicht die Miethe
eines größeren Locales nöthig macht, den Kindern der vereinten Familien
zu überlassen wurde angenommen.
2. Ebenso der Vorschlag des Unterzeichneten, be seine Schwester, beson-
ders um der kleinsten Kinder und Mädchen, und um der Klassenein-
theilung der Kinder willen, als Gehülfin Herrn Fran[ken]bergs zur Seite
zu stellen.-
3. Das monatliche Honorar für jedes zur Theilnahme angemeldete
Kind, ohne Rücksicht auf den dann wirklich oder nicht erfolgenden Be-
such der Übungsstunden, soll vorläufig 1 rth. 8 sg für den Monat betragen
so daß für Herrn Frkenbrg wenigstens ein Gesammthonorar von 16 rth
auf den Monat gesichert sey.
4. Der Beschluß die Kinderbeschäftigungen fortsetzen zu lassen bezieht sich
nur auf den gegenwärtigen Monat April[.]
5. Jedoch soll angenommen werden, daß die Fortsetzung der Beschäftig-
ungen auch für den Monat May von allen denjenigen Ältern
und Theilnehmern gewünscht wird, welche bis zum 25. d. M. dem Unter-
zeichneten weder mündlich noch schriftlich ihren Austritt aus dem Kreise
der gegenwärtigen Verbundenen bestimmt angezeigt haben.
Dr Löwe.
Nachschrift zu Vorstehenden von Herrn Dr Löwe
"Wie in Frankreich ohne Ministerium, so fingen auch hier die Verhält-
"nisse ohne Comission an, locker zu werden, ich sahe mich daher genö-
"thigt einen Versuch zur Festhaltung der Sache auf eigene Hand zu machen
"Sie, werthen [sc.: werden], verehrtester Freund aus dieser Thatsache schon Schlüsse ziehen
"können. Abermals - auch ohne Brief - ganz der Ihrige Löwe
Dr 14/IV 1839"
Zugleich mit diesem hatte He. Lomatzsch noch folgenden Brief von Frkenbrg
mitgebracht. "Dresden den 13 April 1839." "Gott zum Gruß.
"Heute l. Fr. sind die Familienväter pp der Kinder versammelt gewesen
"und d[er] He. Prof. Dr Löwe hat mir unmittelbar die Resultate mitgetheilt.
"Die Mehrzahl der Eltern freylich er wartet auf die Comission und hofft, /
[241R]
"daß es bey größerer Anzahl der Kinder für den Einzelnen nicht so hoch
"komme. Die Comission kann nun freylich, da die Akte über das Ge-
"such endlich bis an das Ministerium des Cultus gelangt sind,
"möglicher Weise in nächster Woche erfolgen, geht es aber so, über
"alle Erwartung langsam fort wie bisher, so kann es auch noch
"viel länger dauern. Der Herr Prof. Löwe aber ist gesonnen die
"Sache jedenfalls festzuhalten. Er stellt sich mit uns in den Kampf
"mit den 10,000 Einwohnern von Dresden, und ist entschieden dafür
"wenn auch alle nicht wollten.- Löwe der die Absicht hatte Dir zu schreiben
"ist der Meynung, die Sache müsse nun, nachdem einmal so lange hier ge-
"wirkt sey, aufs äußerste getrieben werden; ich bin auch der Überzeug-
"ung: es darf kein Rückschritt geschehen (:und dennoch setzte der liebe Frkbg
mir im vorigen Briefe halb den Stuhl vor die Thür:) und werde nicht
"vom Posten weichen, bis meine Sendung erfüllt ist (:diese Versicherung
des lieben Frkbg hat nun bey der mir schon so oft bewiesenen Wetter-
wendischkeit seines Gemüthes ja seiner sogenannten Überzeugung gar
keinen Werth mehr für mich, und ist rein so gut, als stände sie gar
nicht da, denn, welchen Werth sollte sie für mich haben, da ich keine Bürg[-]
schaft durch sein Leben habe, daß er in der nächsten Folgezeit schon noch
ebenso denke:) u Fräulein Löwe nimmt sich fortwährend und mit größter
"Pünktlichkeit und Sorgfalt der Kinder und ihrer Besorgung an, was gewiß
"sehr wohltuend auf sie wirkt. Es machen sich auch die Spiele in diesem
"größeren Zimmer und unter mehreren Kindern weit besser munterer
"und erweckender, als früher, wo die Räume beschränkter, die Kinder
"weniger waren und sonst die Umgebung leicht störend wirkten. Die Kinder
"werden freudiger und wenn ich die Eltern besuche holen sie gleich ihre
"Spielsachen herbey und erinnern an die geübten Spiele und Liedchen.
"u.s.w. u. so w. Alle die freundlich Gesinnten ein Manitius, Va-
"lentins
, Lange, Peters, Löwe (der Cammermusic.) Reichenbach haben mir
"wieder freundliche Empfehlung aufgetragen. Auch Blochmanns, Schaar-
"schmidt nicht zu vergessen." In Liebe und Treue"
"Dein AFrkbg."
Ich habe Dir mein th. Lgthl! fast alles mit gutem Vorbedacht so ausführlich
und "wörtlich treu" mitgetheilt daß Du ein klares Bild von unse-
rem Gesammtleben in Deutschland von seinen wenn auch zarten doch
lebenvollen Verzweigungen nach allen Seiten hin bekommst, damit
Du ebenso klar in Dir das Ganze abwägen und Leben und Scheinleben aus
Leben und Lebenserscheinung vergleichen und so in Dir darüber zu einem
Ergebniß und Endurtheil kommen mögest.-
Noch fand ich bey meiner Rückkehr aus Erfurt am 21. Apr Abends
einen ziemlich langen Brief von Leonhardi vor. Das Ergebniß
aus demselben ist: - er will zu seiner freyen Lebensbestimmung
nicht länger auf die Entscheidung seiner Familien- und Erbschaftsangelegen-
heiten warten, sondern sich selbstständig im Wirken wie im Leben
machen d.h. er will sich mit seiner Braut Sidonien Krause verheyrathen
und wünscht zu diesem Zweck mit uns in ein Vereinleben zu treten. /
[242]
Später werde ich auf diesen Brief zurück kommen, wie ich denn auch nur
gegen Barop den Inhalt desselben im Allgem: erwähnen konnte. Auch
an Barop hatte Leonhardi einen Brief gleichen Inhalts geschrieben, so wie
daß wohl noch Einige es wären welche mit uns in bestimmtes Vereinleben, be-
sonders in Blankenburg zu treten wünschten z.B.
ein gewisser Dr <Bahrs> und ein Bruder von Dr Schumacher.
So fand ich das Leben nach Außen hin vielfach erregt, keimend und wir-
kend, wie aber fand ich es nun zu Hause selbst?- Die Frau fand ich
schwach, sehr schwach und Luisen ihre und unsere einzige Hülfe fand ich
lahm, so daß sie nur zu Bett eilen und ein Arzt herbey gerufen werden
mußte, wo sich als nächstes Übel die sog: Rose am Bein zeigte. So
müde und wirklich in mir schme[r]zvoll krank ich selbst war mußte ich
nun bey meiner Frau Luisens Stelle vertreten und durch den Zustand
beyder herbey geführt war die Nacht eine auf das Höchste gestörte, da
bey ich, wie gesagt selbst krank. So verließ ich am folgenden Morgen
am Montage am 22 Apr: wohl erst nach 7 Uhr das Bette. Barop
hatte mir gesagt, daß He. Gyger an diesem Tage nach Keilh. ab-
reisen wollte, und ich hatte demselben noch sein Zeugniß zu schreiben.
So mochte es wohl nach 8 Uhr Morgens seyn als ich eben mit dem
Schreiben des Zeugnisses beschäftigt war, da trat die kleine Auguste ins Zimmer
und sagte "es sey Jemand da welcher mich sprechen wollte." Ich hatte
wohl das Getrappel gehört und glaubte es sey Herr Gyger und einige
Keilhauer, ohne also aufzustehen und mich irre machen zu lassen
sagte ich: sie möchten mir ins Vorzimmer treten und schrieb ruhig
mein Zeugniß fertig und ohne eine andere Überzeugung oder viel-
mehr Erwartung zu haben als Keilhauer u Herrn Gyger zu treffen
trat ich mit Weste und Hemdsärmeln ins Vorzimmer siehe! da stehen
vier stattlich gekleidete Männer vor mir besonders einer in
Schwarz, Frack genug in feinster Amtsgalla gekleidet einen großen
Köcher oder lange Büchse fein verziert steht vor mir, mich sogleich
grüßend anredend: - der Herr Oberbürgermeister u[n]d Rath und
die Herrn Stadtältesten hätten gehört das [sc.: , daß] heut mein Geburtstag
sey (:während dieser Rede waren wir ins größere Zimmer getreten[:])
und sie überreichten mir hier nach dem Wunsche sämtlicher Bürger der
Stadt zur dankbaren Anerkennung meiner bisher und besonders in
der jüngsten Zeit bewiesenen wohlwollenden Gesinnung und Pläne zum
Gedeyhen und Wohle der Stadt - das Diplom als Ehrenbürger.
Du kannst Dir, mein th. Lgthl! denken, wie ich, auch an ganz und gar
nichts denkend ja auch nur im Leisesten ganz und gar nichts nur von
irgend einer ferneren Theilnahme ahnend, ich durch diese Übersch Er-
scheinung überrascht, erstaunt und wirklich tief gerührt werden mußte.
Ich konnte nur sagen, daß ich ganz und gar nicht wisse wodurch ich
solche Aufmerksamkeit und Ehre verdient habe. Allein ich will
es Dir auch offen gestehen bald nachher freute ich mich auch recht herz[-]
lich darüber, nicht um meinetwillen, denn was kann ich eigentlich
daran haben der ich dem Lebensverkehr so fern stehe - sondern um /
[242R]
des Gedankens willen, denn ich erkannte gar bald daß diese Be-
achtung oder wie Du es sonst nennen willst, eigentlich nicht mir per-
sönlich sondern unsern Lebensgrundgedanken, dem Gedanken der
Erziehung und so vor allem jetzt dem Gedanken der Kindheit Erzieh-
ung und so Euch allen und so auch wie jedem so auch Dir mitgelte.
Die Überreicher des Diploms waren der Syndicus der Stadt
Herr Tierroff - ein Gewisser Herr Schellhorn, Perlt und Bähring
ein Neffe von dem gewesenen Herrn Pfarrer Bähring in Eichfeld und
Bruder des jetzigen hiesigen Herrn Diacon Bähring. Den Inhalt
des Diploms in blau und dunkelrother Capsel (ich glaube den Farben
der Stadt) mit Goldleistchen verziert ist nachstehender:

Wir Oberbürgermeister und Rath der Stadt
Blankenburg
ertheilen hiermit für Uns und Unsere Nachfolger im Amte Ihnen dem Herrn
Professor Friedrich Wilhelm August Fröbel, in dankbarer Anerkennung der für
das Beste der hiesigen Stadt und deren Bürger so vielseitig gezeigten Gesinnungen
und Handlungen und in dem Betrachte, daß Sie dasselbe durch öffentliche Bekannt[-]
machung und Uns vorgelegte Pläne noch zu vermehren suchen, <-> das

Ehren - Bürger - Recht
der hiesigen Stadt, haben zu mehrerer Urkund dieses Diplom unter Raths
Hand und Siegel ausgefertigt und übergeben Ihnen dasselbe an dem heutigen
Geburtstage mit dem Wunsche:
daß Sie diesen Tag bey steter Gesundheit noch viele Jahre in Unserer
Mitte feyern mögen
und mit der Versicherung:
daß wir zu jeder Zeit dero Vorhaben möglichst unterstützen werden.
Signatum Stadt Blankenburg am 22 April 1839.
Oberbürgermeister und Rath daselbst
Friedrich Wilhelm Witz
Friedrich Wilhelm August Tieroff
Karl Christian Ludwig Tieroff
Johann Nicol Schellhorn
Wilhelm Perlt
Johann Ferdinand Bähring
[*Die wiedergegebenen Unterschriften sind eingerahmt durch die Zeichnung eines Dreiecks, dessen drei Eckpunkte mit "(B.S.)" (für "Briefsiegel" markiert sind und deren Verbindungslinien Heftschienen mit den Stadtfarben roth und blau darstellen sollen; an den Linien steht: "(Heftschiene) (mit den Stadtfarben roth und blau)".*]
Du siehst hieraus mein l. Lgthl! wie alles dahin zu weisen und zu wirken scheint mich
und uns zu einem größeren Vereinleben und zu einem größeren Lebensganzen, im
Geiste und Sinne wie dieß auch der Herr Pfarrer Springli, bey Zürich Dir aus-
gesprochen hat, ausbilden will; wenigstens lese ich es so. Doch davon
nachher, jetzt nur die weitere Vorführung der Lebensthatsachen.-
Während ich so mit der Beachtung dieser Deputation beschäftigt war bangte und
verlangte die Frau nach mir, welche wegen der großen Schwäche ununterbrochen
der Handreichung bedarf, denn unsere Luise war in dieser Nacht recht be-
denklich krank geworden und konnte selbst nicht nur das Bett nicht ver- /
[243]
lassen, sondern bedurfte selbst der sorgsamsten Wartung und wir hatten selbst zu
Besorgung der Küche u, wie Du weist, der vielen, vielen kleinen Besorgungen
Niemand im Hause als die ganz einfache und doch dafür wenig unterrichte[te]
Frau Wolfram und die kleine Auguste, so daß ich fast ganz an das Zimmer
meiner Frau und die ihr, besonders am Morgen, bey ihrer sehr großen Körper-
schwäche, nöthigen kleinen Hülfsleistungen gebunden war und bin, und wir kennen
alle die Ungeduld wie den Kranken überhaupt so besonders mancher <drohen[-]
ben [sc.: den] dazu mein eigener körperlich und zwar schmerzlich leidender Zustand, Du
siehst hieraus in welchem geraden Widerspruch jetzt mein häusliches u persönliches
Leben in seinen allseitigen nicht zu beseitigenden Hemmungen mit den regen For-
derungen des äußeren und allgemeinen Lebens steht; ich hebe ihn hier wegen
seiner Wichtigkeit, denn etwas muß er sagen sollen und zu bedeuten haben
heraus, ob ich ihn Dir gleich nicht so stark aussprechen und darlegen kann
wie er in der Wirklichkeit ist.
Jetzt kamen Middendorff und Barop, es mochte 10 Uhr seyn. Sie hatten sich von
der Herrn Gyger begleitenden Gesellschaft getrennt um uns gemeinsam über
die Herrn v. Leonhardi zu gebende Antwort zu berathen. Doch kaum hatten wir
den eigentlichen Punkt, um welchen es sich handelt, festgestellt als Gyger kam um
Lebewohl zu sagen. Meine Frau raffte sich in ihrer Schwäche auf um Dir und Ernestine
persönlich ihre herzlichen Grüße sagen zu lassen. Jetzt gingen jene drey fort und ich konn-
te jetzt erst mich ankleiden, hoffend sie noch d.h. Herrn Gyger im Chrysopras
zu treffen; doch so gut wurde es mir, als Wirthschafterin, welche ich nun seyn
mußte, nicht; auch kam noch ein Fremder ein Freund [von] Lomatzsch, welchen ich
demselben zu zuführen hatte. So erst traf ich sämtliche Keilhauer als sie
von der Begleitung zurück kehrten, hinter dem Chrysopras.- Lomatzsch
brachte mir nun persönlich seine Grüße von unsern Freunden, welche er in Dres-
den, Leipzig, Wittenberg, Berlin gesprochen hatte. In Leipzig von Dir Vogel, von seinem Oheim
dem Senator Barsch, in Wittenberg v. Luther; dieser
hat persönlich an Barop geschrieben; ich habe aber den Brief noch nicht gelesen
aus Berlin von der Mutter Schleyermacher (so drückte sich L. aus) von
einer Mehrheit seiner Bekannten so z.B. von einem gewissen Legationsrath
Usedom, welcher g[an]z wesentlich und ausführend und verarbeitend bey der jüngsten
Sendu[n]g in Rom beym päpstlichen Stuhl wirksam war) welcher nach Lomatzsch
Erzählungen von Keilhau besonders lebhaftes Interesse an den Strebungen
desselben genommen und ihn, den L.- gebeten hat ihm einen recht ausführlichen
Bericht darüber zuzuschicken.- Durch Georg L. (welcher sich jetzt wieder
ganz wohl befinden soll) besonders durch einen Brief veranlaßt hat
Herr Lomatzsch in Berl. auch unsern alten Bauer aufgesucht. Als er zugl[eich]
Grüße von Keilhau brachte - ich weiß nicht woher aufgetragen, hat Bauer
erwidert: Nach 12 (oder 12½) Jahren der erste freundschaftliche Gruß wieder
aus Keilhau. Er, Bauer, soll sich sehr theilnehmend geäußert und wieder
herzliche Rückgrüße anbefohlen haben.- Barop sagte mir nachher, daß L-
auf dieser Reise merkwürdiger Weise eine Menge von Menschen gespro-
chen und dieselben durch sein theilnehmendes, befriedigtes und lebendiges Ge-
müthe angezogen habe.- Siehst Du l. L.! und Du hast es ja ganz aus Deiner /
[243R]
eigenen Erfahrung: - so wirkt ein einfach eingehendes, ein vertrauend kind-
liches Gemüth - (:Nimm dagegen wieder ebenfalls aus dem Kreise unserer
eigenen Lebenserfahrung wie unbefriedigte, zweifelnde und in sich gestörte
Gemüther wirken; so siehst Du wie das Leben, des Lebens Keim u Wurzel
einzig im Gemüthe ruht, und wie so der Mensch in einer gewissen Beziehung <seye> und
wir so selbst unser Leben in unserer Hand d.i. in unserem Gemüthe
haben und tragen.[:]
Gern, sehr gern hätten mich nun Middendorff u Barop wieder auf mein
Zimmer begleitet um v. Leonh: Angelegenheiten ganz abzusprechen, wenn nicht Lomatzsch durch den Fremden gefesselt worden
und so noch eine besondere Führung bey dem Kreise d.h. der Begleitungsgesell-
schaft nöthig gewesen wäre.
Wir konnten also blos bestimmen 1) daß nach v. Leonh: Wunsch demselben
wenn nicht mehr doch wenigstens vorläufig heut noch (dieß war Montags[)]
geschrieben werden sollte. 2) Als Hauptpunkt der Antwort wurde erkannt
daß ihm, dem Leonh: von unserer Seite ganz und gar nichts seinem Verein[-]
leben mit uns entgegen stehe, daß es aber etwas ganz anderes mit dem
Zusammenfinden der Frauen und ganz namentlich auch mit dem nicht in unserer
Gewalt stehenden Wohnraum sey. In letzterer Beziehung nun Leon ihm, theils
wegen dem Wachsthum der Anstalt als wegen der Vergrößerung der Familien
keine Hoffnung zum Wohnen in den Gebäuden der Erz: Anstalt gemacht werde.
Doch fände sich dazu wohl Gelegenheit im Dörfchen, die Hauptsache sey aber
der erste Punkt, daß [sc.: das] sich Zusammenfinden der Frauen, und des Lebens Er-
fahrungen haben uns gelehrt, daß dieß bey weitem schwieriger sey als daß [sc.: das]
der Männer, ja daß die Zufriedenheit u Einigung der Männer durch die
Unzufriedenheit der Frauen nicht nur leicht gestört sondern sogar bald
sich auflösen könne, denn der Mann müsse doch zuletzt der Frau nachge-
ben, nachgehen und nachleben. Das Beispiel Herzogs wurde hier beson-
ders hervorgehoben. Daher wurde festgesetzt, daß er nicht nur das Ganze
vorher, ehe er Bestimmungen aus sich mache, mit seiner Braut überlegen
möge, dann aber daß es wohl jeden falls das Gerathenste sey, daß
er mit seiner Braut oder vielmehr Frau, erst auf einige Zeit in Keilhau
Versuchsweise wohnen möchte ehe er deshalb eine entscheidende Bestimm-
ung treffe.
So schieden wir unterhalb der Burg uns aussprechend, daß eigentlich ganz unge[-]
mein viel und am Ende alles von dem Bildungszustande der Frauen abhänge;
Ich will einmal annehmen, was meine Frau wirklich einmal dachte und
mir auch zu glauben nicht ganz ferne stand, daß an Statt Sidonien K.- Mathilde Kr
die Braut v. Leonhardi's sey, so wäre alles Hemmende und Stöh-
rende nicht nur aufgelöst und besonders mein hiesiges Wirken {schien / würde} dadurch
das Stammfamilienleben zu erhalten, welches es so sehr bedarf[.]
So hängt denn eigentlich und am Ende die lebenvolle Entwickelung meines hier
wieder begründeten Wirkens, von einem, dem Grundgedanken meines Lebens
besonders in seiner jetzigen Einfachheit und Kindlichkeit - wie ein Kind,
pflegend in sich aufnehmenden Frauengemüthe ab. Ich möchte wohl wissen
wie sich Mathilde Kr in sich dazu stände. Damit Du und Deine Ernestine
den Gegenstand in seinem innersten Kernpunkte erfassen möget, spreche ich alles dieß aus. /
[244]
Der übrige Montag Nachmittag, der ganze Dienstag u Mittwoch war blos der
Beachtung und Pflege der Kranken gewidmet und der damit zusammenhängenden
Besorgungen der kleinen Häuslichkeit. Denn Luise war so ernstlich krank geworden,
daß ihr nicht nur eine besondere Wärterin, die Fr. Löhn bestellt werden
mußte, sondern, außer dem, in diesem Falle sehr erfahrenen, Wetzel
hatte auch <Opotowsky> aus Saalfeld gerufen werden müssen, welcher seit
dieser Zeit alle Tage zu Luisen gekommen ist, so daß ich an jedem Tage zugleich
zwey Ärzte bey uns sahe. Das Mädchen hat nemlich, durch eigentlich un-
vorsichtige Erkältung die mon: R. unterbrochen, was, besonders da
sie nicht gleich den Grund ihrer Krankheit angegeben hatte, leicht hätte
Lebensgefährlich werden können. Doch jetzt (heute Freytags am 26 April)
ist sie wohl außer Gefahr, mag aber wohl wie d[er] He. Dr Op. sagte noch
<ein> 14 Tage das Bett hüten müssen. Nun denkt Euch meine Lage!- Allein
ich will nun kurz meinen chronologischen Bericht beendigen. Mittwochs
wollte ich meinen dankenden Gegenbesuch bey sämtlichen Herrn vom Rathe
machen konnte mich aber vom Hause nicht loswinden. Nachmittags am
Mittwoch (dem 24n Apr.) kam Middendorff er sagte mir, daß er gleich
am Dienstag Montag Nachmittag auf die oben angegebene Weise an v. Leonhardi
nach Frkf. geschrieben habe. Sonst theilte er mir hinsichtlich d.
Anstalt nichts Wesentliches mit, als daß Herr Lomatzsch nach gemeinsamer
Berathung an einen gewissen Candid. Kohl geschrieben habe um zur Ersetzung
von Herrn Gyger nach Keilhau zu kommen, indem Middendorff sowohl als
Barop ganz durch Stunden gefesselt sind. Middendorff würde, selbst
wenn das Französische wegfiele wöchentlich noch 30 Stunden zu geben haben,
was bliebe dann noch und mit welcher Kraft für Blankenburg übrig?-
Am Donnerstag (dem 25 Apr) am Morgen ganz früh gelang es mir endlich be-
vor meine Frau aufstand meine Ehrenbesuche abzustatten. Ich überreichte
dem Herrn Oberbürgermeister den Plan zu dem Beschäftigungs Raum ohngefähr so:

Übungsplatz für kleine Kinder zu Blankenburg
[*Zeichnung des Platzes mit
  Angaben:*
Bank          Bank
E. Mit Platten bedeckter Platz für besuchende Eltern u Kinderfreunde
                  Bank
A. Laufspielplatz. B. Kinder-Garten C. Bauspielplatz
Bank          Bank
Allgemeine Beete u Pflanzungen mit den
Gärtchen für die einzelnen Kinder
zur Selbstbesorgung auch <Selbst? >
Arten von Feld- und Gartenfrüchten < ? ? >
Linde (steht schon)
Spielbank f. d. Kdr
*) Dieß ist natürlich, wie überhaupt die Form des Ganzen, zufällig gegeben.
Erklärung: Die Beete a) sind damit sie die Kinder von beyden Seiten bis zur Mitte er-
reichen können 2½ Fuß breit.
Die Ueberwege b) sind damit wenigstens 2 der kleinen Kinder zugleich gut
nebeneinander Raum haben 3 Fuß breit.
Der Mittel- oder Hauptweg c, zugleich lange Laufbahn ist 4 Fuß breit.
Der Gedanke des Ganzen ist weiter:
A, B u C. Umfaßt des Kindes, das Kinderleben: A Körper-, B Gemüths-, C. Geistes- (Denk-) leben.
E. Stellt das Familien- das häusliche, das allgemein rein menschliche
Leben und Auge dar, welche das Leben des Kindes schützend überwacht.
F.- F. ist ein öffentlicher Spaziergang und stellt gleichsam das prüfende Auge
der Öffentlichkeit dar, welchem der Mensch stets ausgesetzt ist.
So ist das Ganze in sich wieder ein Lebensorganismus dessen Sinn und weitere
Ausführung Du nun leicht weiter fortbilden kannst.- /
[244R]
Eins will ich nur noch bemerken: Die Gewächse werden Vergleichs- oder Familien[-]
weise nebst einander gepflanzt, damit das Kind sie vergleichungsweise
von ihrem Entstehen (Keimen) bis zu ihrer Reife beachten kann.
z.B. Waizen, Korn, Gerste, Hafer, Dinkel oder Schneeglöckchen, Tulpen, Sternblümchen[.]
D[em] He. Oberbürgermeister schien auch das G[an]ze zuzusagen. Ich sprach ihm weiter aus
daß ich ihm jederzeit die Pläne und Anordnungen zum Gebrauch mittheilen
würde, damit er selbst Rechenschaft darüber geben könne. Er freute sich
darüber und sagte es seye gut; weil er doch von mehreren Orten z.B.
in Rudolstadt darüber befragt worden werde (:Ich habe Dir schon gesagt,
daß er jetzt als Landstand für Blankenburg u Leutenberg gewählt worden
ist, sey dieß auch weiter nichts als in gewisser Hinsicht ein lebendiges
Wochenblatt wenigstens für die Zeit der Zusammenkünfte[.]:) Er fragte mich
wann ich zu beginnen gedächte, weil man vorher das Zimmer noch etwas her-
richten, besonders die Fenster in Ordnung bringen lassen wolle. Ich sagte mir
käme es in dieser Beziehung nicht auf 8 Tage an nur würde ich nächsten
Sonnabend mit Herstellung des Gärtchens beginnen. Er fragte auch
ferner ob es für mich störend seyn würde, wenn man dasselbe Zimmer
Sonntags Nachmittags zu einer Sonntagszeichenschule für Lehrlinge
rc benutzen wollte, was jetzt im Werke sey indem sich einige in Bl.
erboten hätten daran [sc.: darin] Unterricht zu geben, und sich bey und unter den
jungen Leuten dazu Bedürfniß und Trieb zeige.- Ich theile Dir dieß mit
damit Du siehest nach wie vielen Seiten hin, hier die Volksbildung in
meine und unsere Hände kommen könnte; denn Du wirst leicht einsehen
daß man sich freuen würde, wenn auch ich und wir direct oder indirect
förderlich dafür mitwirken könnten.

Gestern Nachmittags und heut Freytags den 26' bin ich wieder ununterbrochen
an Haus u Stube gebunden. Meine Frau scheint mir wird täglich schwächer;
heut hat sie erst Nachmittags aufstehen können, und ist sie auf so sinken
ihr die Augen zu, und sie schlummert so beständig hin; es ist nur gut, daß,
außer dem, wohl auch drückenden Gefühl der Schwäche, sie keinen oder
wenig anderen Schmerz zu haben scheint.-
Du siehst aber auch leicht ein, wie diese gesammte Lebenslage hemmend u drückend
auf Gemüth, Geist und besonders Thatkraft einwirken muß, und findest es in
und an diesem Brief welcher nur eine breite und weitschweifige Aneinanderreihung
von Lebensthatsachen ohne einen eigentlichen Licht[-] u Lebenspunkt, einem Herzpunkt
in demselben; allein Du siehest doch auch aus dieser kahlen Aneinanderreihung,
daß die Gesammtlebensverhältnisse zur endlichen Ausführung meines und nun
unseres gemeinsamen Lebensplanes so stehen, wie sie Er noch nie ge-
standen haben und wie sie nach billigen Forderungen und Erwartungen
nur stehen können; denn eine öffentliche Meynung bildet sich für uns
aus unsern Lebensgrundgedanken und eine Gemeinsamkeit ein
Lebensganzes, eine Wahrheit, eine Commune, wie man sagt, nimmt denselben
pflegend in sich auf; doch führe Dir lieber das Ganze, Langethal! in
seiner Lebensfülle aus den Dir mitgetheilten Lebensthatsachen selbst vor
als daß ich Dir es durch den todten Buchstaben als einen todten Gliedermann
zeichne.- Da nun aber alle Lebenserscheinungen ihre nothwendigen Gesetze /
[245]
da alle ihren guten zunehmenden Grund wie ihre nothwendigen am Ende heilsa-
men und für das G[an]ze erspriesliche u wohlthätige Folgen haben müssen,
so fragt es sich mit Recht was ist denn eigentlich nun der Zweck oder
die Absicht der Vorsehung, daß bey der äußerlich für das Ganze und dem
Ganzen so förderlichen Verhältnisse, Umstände und Lebenserscheinungen -
welche also doch eine Begünstigung der Ausführung meines Lebensgedan-
kens von der Vorsehung ausdrücken, was ist nun bey diesen äußerlich
günstigen Verhältnisse, der Zweck und die Absicht, oder der Grund meiner
innern d.i. meiner persönlichen Hemmnisse, ja Fesselung. Diese Er-
scheinung muß doch auch erstlich ihren guten, nothwendigen u zureichenden
Grund haben, eine weise Absicht muß ihr doch, nach unserm Glau-
ben wie nach unserer Erkenntniß und Einsicht zum Grunde liege d.h.
zum Ziele u Zwecke vorliegen und zweytens diese Absicht, dieser Zweck
muß doch nothwendig für uns, als zum Bewußtseyn und zur Selbst-
bestimmung berufenen Wesen erkennbar und einsichtig, wenigstens der
Ahnung nach einsichtig seyn; welches ist nun aber dieser Grund, diese Ab[-]
sicht, dieses Ziel, dieser Zweck?-- Sage, deute mir ihn, ich will
ihn gern hören. Sonst wollte man aus dem Stande der todten Sterne
das Schicksal der Menschen nach Ursache u Folge erkunden, sollte es nicht
vielmehr möglich seyn, die Absicht einer Gesammtheit von Lebensthat-
sachen aus den lebenvollen LebensErgebnissen erkennen zu können?-
Ich kann mir darüber nichts anderes sagen: als das [sc.: daß] erstlich einmal
der Gegenstand immer gründlicher u tiefer in seiner lebenvollen Einheit
erforscht, erkannt und im eigenen Inneren vor allem dargelebt werde
und zweytens in Hinsicht auf die äußere Erscheinung, daß es nun Forderung
des Schicksals und der GesammtmenschheitsEntwickelung ist - daß
nur das bisher und jetzt im Leben und Wirken Getrennte, wieder ein im Leben und Wirken
Geeintes werde.- Wie gesagt l. Lgthl!
sage und deute Du mir des Lebenserscheinung und Verhältnisse auch aus
dem Innern Deines Lebens und dem Schatze Deiner Lebenserfahrungen.
Eine Überzeugung, eine Lebensanschauung kann ich bis jetzt und in diesem
Augenblick nicht zurück drängen, sondern muß sie vielmehr völlig uneingeschränkt als
wahr erkennen, - nemlich die: - wärst Du
und Ernestine jetzt hier, so würde sich unser Leben in völliger Einheit
und Einigkeit nicht nur zu einem großen vaterländischen und volksthümlichen, sondern
sogar zu einem ächt menschheitlichen entwik-
keln. Welche gar nicht auszudeutende, noch weniger auszusagende
Wichtigkeit nur ein Einziger, wie vielmehr noch 2 Einige Menschen
für die Entwickelung der Menschheit haben, wenn sie am rechten Orte
zur richtigen Zeit, und auf die angemessene E entsprechende Weise
in das Leben eingreifen; möchte der Mensch doch davon nur eine Ahn-
ung bekommen wie ganz anders würde es mit der Menschheit, mit
jedem Volke, mit jeder Familie, ja mit jedem Einzelnen stehen!---

Sonnabend am 27 April Abends nach 10 Uhr. Wie viel hätte ich Dir m: th. Lgthl!
nur schon wieder von dem heutigen Tage, ja nur von diesem Nachmittage zu schreiben[.]
Möchte es mir gelingen nichts zu vergessen und doch alles auch zusammen zu fassen[.] /
[245R]
Diesen Nachmittag war Middendorff, Grimme (ein deutscher Jüngling) u Christian[-]
Friedrich hier, sie haben in freudiger Gemeinsamkeit unter sich und mit Fried-
rich Bock
und einem Tagelöhner den Kindergarten des Übungsplatzes für hiesige
kleine Kinder umzugraben begonnen, wie ich Dir solches auf einem der vorstehenden
Blätter angegeben habe. Ob ich gleich nur 2mal und jederzeit nur ein paar
Minuten gegenwärtig seyn konnte, weil mich meine Kranke an das Haus fes-
selten (:Louise hat diesen Nachmittag aus ihrer Kammer wegen steigender Krankheit
in unsere zweyte Stube, in [we]lcher Du gewohnt hast gebettet werden müssen[:])[.]- Also
ohngeachtet der Kürze meiner Gegenwart ohngeachtet ein Frühlingsregen das
Geschäft ein wenig schwierig machte, und es kam gleich weil es der Darstellung
einer ächten Lebensidee galt auch gleich wieder Leben hervor, so hat z.B[.] Christian[-]
Friedrich geäußert, "dieß müßte das Beste und Vollkommenste von allem
von uns Dargestellten werden zum Muster für ganz Deutschland." - so er-
zählte mir Middendorff welcher nachher noch einen Augenblick bey mir
war. Könnte ich nur wieder mit derselben Kraft oder wie vor 15 und 20
Jahren in Keilhau, oder wenigstens Du bleibend der Führer des Ganzen
seyn, so sollte bald das alte rege ächt deutschsinnige Leben nun wirklich
als ein wahrhaft allgemein deutsches Leben dastehen. Grimme ist ein gar
braver, gemüthvoller, werkthätiger und kenntnißreicher deutscher Jüngling und auch Xti[a]n[-]
Friedrich siehst Du aus obigen beginnt einen Lebensgrundgedanken zu ahnen[.]-
Und Middendorff hatte ihm gleich gesagt: halte das in dir fest. Du siehst es muß
sich nur wieder ein ächter Lebensgedanke nicht nur Luft machen, sondern auch dar-
stellen er fängt schon und greift um sich. Ich selbst kann jetzt persönlich auch g[an]z
und gar nichts für die Verwirklichung eines Lebensgrundgedankens thun
als höchstens ihn aussprechen, hingeben und dann seinem Schicksale überlassen.
Ja wärst Du hier, oder könnte doch wenigstens Middendorff Deine Gedan-
ken ganz leben so wäre es doch noch etwas. Allein vielleicht eben dieser
Lebensdrang, dieß Lebensgefühl, daß keiner von uns, daß auch nicht ein
mal ich an die Spitze und als Führer hervor treten kann, macht die Sache
um so eher zu einem Gemeinsamen Werke, als wenn ich frisch und kräf-
tig vorangehend noch dastände; dann würde sich vielleicht jeder auf
mich verlassen und mich so wirklich verlassen denkend: nun Fröbel wird
sich schon Hülfe schaffen und durcharbeiten; da aber ein jeder sieht daß mir
dieß unmöglich ist so greift jeder, gleichsam von einer gewissen Nothwen-
digkeit getrieben zu und ich sehe; der Mensch ergreift selten das abso[-]
lut beste aus reinem freyen Willen und Entschluß, sondern er muß
immer mit einer gewissen Nothwendigkeit dahin getrieben werden, diese
Nothwendigkeit aber dann aus sich mit Freyheit ergreifen.- Durch alles
dieß veranlaßt sprach ich Middendorffen aus, was ich noch gegen Nie-
mand geäußert hatte, daß es wohl gut wäre wenn Du hier wärest.
Er sagte mir nun für mich das Merkwürdige; daß er schon in Dresden
diesen Gedanken gehabt und daß er Dir denselben, irre ich nicht noch
in seinem jüngsten Briefe an Dich mit Bestimmtheit ausgesprochen
habe, es muß also doch etwas Wahres an dem Gedanken seyn, weil
er sich so ganz von einander unbhängig in zwey verschiedenen Personen /
[246]
ausspricht. Ich bin gar sehr begierig zu hören wie der Gedanke Dich und
Euch und wie Du und Ihr ihn gefunden habt. Middendorff führte gleich
die Sache noch weiter durch und sagte: ["]untergehen und ins Stocken kommen
"dürfte aber darum das in Burgdorf begonnene nicht und er meynte
"Ris sey wohl der Mann der es durchführen könnte und es wäre wohl
"gut wenn auch er mit einer gewissen Nothwendigkeit zu einer ernste-
"ren und tieferen Beachtung der Spiele hingetrieben würde"; auch
Spießes erwähnte Middendorff d.i[.] dem ältern, Burgdorfer. Ja von einem
einzigen, kleinsten Punkte muß jetzt das Ganze ausgehen aber mit der
größten und einigsten Kraft. Die beachtenden Blicke sind jetzt schon
genug auf ihn hingeleitet; so schreibt v. Leonhardi, daß wie er aus
Göttingen höre Dr und Prof Rüte wie <Both> (der Wiener) den Vorsatz
hätten ihre Frauen für diesen Sommer hierher zu bringen um sich durch das
Landleben und die Landluft zu stärken. In Beziehung auf Dein Wirken
in Burgdorf muß ich Dir doch noch den Gedanken und die Ansicht von mir
aussprechen: - so wohl es Dir auch in Burgdorf gehen mag und so sehr
man Dich auch wirklich in Deinem Wirken unterstützen mag, so kommst
Du mir doch in der Gesammtheit Deines Lebens und Wirkens wie ein
Topfgewächs, wie eine Zimmerpflanze vor die man zur Zierde des Zimmers
oder sonst eines bestimmten Raumes auf das sorglichste pflegt, die aber
über ihren Topf hinaus keine weitere Verbreitung, kein Fortwachsen
möglich macht, anders ist es mit der rankenden Erdbeer und jedem im
Freyen wurzelnden Gewächs. Ich gebe Dir dieß alles - mit in der Sache
selbst liegenden Uneigennützigkeit zu bedenken; denn mein Bedürfniß
ist augenblicklich - dem kannst Du aber jetzt keinesweges abhelfen; die
Hülfe die ich jetzt bedarf, muß also nothwendig anders woher kommen
und wer weiß ob ich noch nach einem Jahre ein Lebender, also ein Hülfe[-]
bedürfender bin. Doch ist der Gedanke und die Sache wahr, so muß
sie an sich ohne Rücksicht auf Person wahr seyn.
Gern theilte ich Dir noch mehreres wörtlich aus von Leonhardis Brief
mit allein es ist heut unmögl[ich] denn es ist gleich Mitternacht. Es dünkt
mich auch Du weißt zunächst genug. Ehe sich ein Vereinleben mit
ihm realisirte wünschte ich uns in uns selbst noch kräftiger und
selbstständiger, sein Eintritt zumal mit seiner Braut, dann als
Gattin dünkt mich, jetzt noch ein zu junger Gährungsstoff.-
- Meine arme kranke Frau hat gestern nur kurze Zeit, heut gar nicht
das Bett verlassen können. Für Louisen mußte unser einziges Fremden[-]
zimmer wie gesagt als Krankenzimmer eingeräumt werden.- Merk-
würdig ist es mir und ich habe es heut Middendorff ausgesprochen, daß
ich immer die Schuld tragen d.h. leiden muß wenn andere mir nicht
folgen, so hatte ich Luisen wegen des schlechten Wetter[s] von diesem Wege
abgerathen, doch der <Putz> der besorgt werden sollte zog mehr; so sagte
ich meiner Frau sie möchte als Louise krank und bettlägerig wurde, nicht
in die Küche gehen, doch sie zwang sich und nun hat, sie sich auf das größte
geschadet vielleicht auf Wochen zurück gebracht, wenn sich nicht gar
so überboten, daß gar keine Erstarkung mehr möglich ist - So der Mensch!!!
Nun will ich aber doch schließen, schreibe mir recht bald. Grüße alle besonders auch den treuen Ferdinand. D. und E. a. FrFr.- /
[Rand 238V]
(Nachschrift:)
Antworte - ich bitte - recht bald.-