Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 7.5.1839 (Blankenburg)


F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 7.5.1839 (Blankenburg)
(UBB 72, Bl 247-250, Brieforiginal 2 B 8° 8 S. Der Brief wird in Briefliste Nr. 868 mit dem Brief v. 8.5.1839 als ein Brief gezählt. Der Briefanfang vom 8.5. zeigt aber, daß es sich um zwei Briefe handelt, die zusammen abgeschickt wurden.)

Blankenburg am 7 May 1839.


       M. tr. L.
       G. z. G.

Noch hat zwar der Tod meiner theuern Frau, des Ganzen treusinnige Mutter ver-
schont, aber dennoch, dennoch ist er ganz unerwartet über meine Schwelle ge-
treten und hat uns eine sehr werthe, meiner lieben Frau töchterlich verwach-
sene Person - unsere brave Louise wirklich - entrissen. Ja! mein lieber
Langethal! die, nach dem, Du weißt es, strengen Urtheile meiner Frau, wirk[-]
lich edelgesinnte Jungfrau, welche zur sorglichen Pflege meiner armen
kranken schwachen Frau gefunden zu haben - mir wirklich Lebenstrost
war - sie ruht seit dem 3n dieses Frühlingsmonats in der kühlen
Erde und mit dem Kommen desselben mit dem 1n früh 7 Uhr
gieng sie von uns einem bleibenden Frühling entgegen.- Hatte
schon, wie ich Dir irre ich nicht im vorigen Briefe schrieb das Krank[-]
werden Louisens höchst störende Folgen für den Gesundheits[-]
zustand meiner Frau - so würde die Nachricht von der erstern
Tod ganz ohne Zweifel auch den Tod der zweyten unmittelbar, mit
einem <wehen> Schlag zur Folge haben. Nun denke, zeichne Dir ei[n]mal
die Lage in der ich bin: Am Morgen ist fast meiner Frau erster Ge-
danke an Louise, und Erkundigungen nach ihrem Befinden die erste Frage
an mich wenn ich von draußen komme. Was soll ich ihr nun immer sagen?-
Der Arzt findet nicht einmal gut sie nur auf einen mögl Tod vor[-]
zubereiten, weil dieß meiner Frau eine bleibende Angst bringen
würde.- Als Louise schon einige Tage todt war, schlug ich meiner
Frau, um sie nur auf eine längere Entbehrung, ja Entfernung derselben
vorzubereiten vor, Louisen zu besserer Pflege (die Frau Löhn
war ihre Wartfrau)- in meine Stube bey Löhns bringen zu
lassen; allein meine Frau war über diesen Vorschlag ganz entrü-
stet indem sie sagte, wohin ich nur dächte, diese Wohnu[n]gsveränderung
und das Tragen über die zugige Brücke müßten nothwendig Louisens
Krankheit vermehren. So darf ich nun Niemand zur Erleichterung für
mich kommen lassen, denn meine Frau würde gleich fragen warum?-
und hauptsächlich wo kann, wo soll sie wohnen?- Überhaupt wüßte
ich auch nicht wo ich jetzt eine passende Person zur Pflege meiner
Frau herbekommen sollte. Dazu kommt, daß aber eigentlich - wegen
der unglaublichen Schwäche und wieder von den Anhäufungen des Wassers, kör-
perlichen Schwere, meine Frau kaum Minuten und diese nur immer mit
einer gewissen Angst allein gelassen werden darf. So bin ich denn
natürlich immer an das Krankenzimmer und an die unzähligen kleinen
Forderungen desselben gebunden. Letztres füge ich besonders hinzu, daß Du
nun nicht glauben solltst ich habe deßhalb um so mehr Zeit zu schriftlichen
Mittheilungen, ganz im Gegentheil; nur mit Mühe komme ich zu diesem /
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Briefe welchen ich schon am verfl. Sonnabend an Dich begonnen und am verga[n]gen[en]
Sonntage an Dich abschicken wollte, ich bin geistig u körperlich ganz müd
und gedrückt, so daß es mir ergeht, wie meiner armen Frau: ich möchte
beständig nur schlafen; denn das häufige Unterbrechen der Thätigkeit
bey Tage und des Schlafes in der Nacht bringt eben jene Erschlaffung und
Müdigkeit des Geist u Körpers hervor.-
In dieser Zeit und Stimmung war mir nun Dein letzter Brief ein rechtes
Himmels- und Lebensgeschenk und ich erfreute mich Deines kräftigen
gesunden und eingewurzelten Lebens, wie man sich des Anblickes
einer jungen kräftigen Eiche in ihrer vollen Laubfülle erfreut. Ich
wollte mich darum sogleich setzen und Dir schreiben:- "Gott seegne
und behüte Dein Leben! warte und pflege Du es in Unwandelbarkeit
mit Deiner ganzen Kraft und nach Deiner besten Einsicht; Nichts greife
hemmend u stöhrend in die Fortentwickelung desselben ein!"- Und
dennoch mein theurer Lgthl! so aufrichtig und vollkräftig dieser mein
Wunsch ist, so nehme ich dennoch nicht im mindesten das, Dir in meinen
beyden letzteren Briefen, als meine Ansicht über Dein Leben u Wirken
ausgesprochene, nehme nicht im mindesten meine Dir Dir dort aus-
gesprochene Überzeugung von Deiner gesammten Lebensstellung zurück
doch ich muß wohl versuchen mich Dir darüber klarer auszusprechen
und meine Überzeugung nachzuweisen, und meine Ansicht tiefer zu
begründen, wenn ich hoffen will von Dir nicht mißverstanden zu
werden, so schwierig mir auch eine solche Mittheilung in diesem
Augenblicke wirklich wird.-
Jeder Gegenstand und jede Wirksamkeit hat ihre allgemeine, ganz allge[-]
meine u ihre besondere und besonderste Ansicht, und Rücksicht der Be-
trachtu[n]g und je nachdem man sich auf die eine oder die andere Seite
stellt sind die Ergebnisse der wenn auch auch an sich gleich strengen
und gleich eingehenden prüfenden Betrachtung ganz verschieden.-
Dieß ist nun ganz vor allem bey dem Erziehungs- und Unterrichtsgeschäfte
der Fall man kann dabey nur eine besondere, ja besonderste, man
kann aber dabey auch eine allgemeine, ja die allgemeinste Ansicht
und Rücksicht dabey im Auge haben.
Man kann nemlich Erziehu[n]g und Unterricht nur im Auge haben als Mittel
zur Lebensverbesserung der eben gerad Erzogenwerdenden und Unter[-]
richtetwerdenden und ihrer nächsten Umgebung; man kann aber auch
Erziehu[n]g und Unterricht, ja sogar zunächst nur die Pflege kleiner Kinder
der Kindheit nicht nur als erstes Mittel sondern als erste und Grundbedingung
zu der Lebenserhebung, zur Erhebung der Menschheit auf eine
und zu einer ganz neuen Entwickel[u]ngsstufe und Bild[u]ngsgrade
ihrer selbst betrachten. Im ersteren Falle kann man den Unterricht
und die Erziehu[n]g auf eine ganze Stadt oder selbst einen ganzen Staat
ausdehnen, er / sie behalten ohngeachtet dieser räumlich großen Kreise /
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doch stets den Charakter des beschränkten, abgeschnitten [{]begrenzten / besonderen} oder
wie ich mich, ich glaube in dem letztern Briefe ausdrückte des Topfge-
wächsartigen. Im zweyten Falle kann der Kreis so klein seyn, daß
er fast in einem Punkte zusammenfalle und dennoch kann er seine Wirksam[-]
keit weit u bleibend verbreiten wie ein Moschuskügelchen. In der Schweiz
trägt nun merkwürdiger Weise alle Bildu[n]g und alles was für Bildu[n]g geschiehet
gleich dieses Topfgewächsartige, prüfe was Du willst: Mit Pestalozzis Tod
ist sein Wirken in der Schweiz zerfallen wie ein Topfgewächs was abstirbt:
wie hat er gerungen sich und sein Wirken zur allgemeinen schweizerischen Anerkennu[n]g zu erheben.
Fellenberg sey wie er wolle, er ist für die Schweiz und nun
da seine Blüthe- und Fruchtzeit vorüber ist, auch für das übrige Europa
wie ein Topfgewächs; selbst die beyden Universitäten Bern u Zürich stehen
wie zwey Topfgewächse einander gegenüber; alles wie die Kantone
selbst. Von der Schweiz aus, was wir auch früher selbst darüber in frommen
w Wünschen als das Quellland des Rheines aussprachen, - von der Schweiz
aus wird weder Deutschland noch der Menschheit das Heil kommen; es fehlt
in der Schweiz der kindlich, herablassend, menschheitliche, allgemeine Sinn;
dennoch aber wird der Schweiz Heil von Deutschland kommen und ist ihm schon
viel gekommen. Ganz anders ist das ächt deutsche Leben und der deutsche
Charakter ich will ihn nicht der Schweiz gegenüber zergliedern u hervorheben
aber eines sehe u fühle ich täglich: - wir selbst sind in unserm Vaterlande
und Volke in unserer Heymath Fremdlinge, wir kennen unser Volk gar
nicht, nicht seinen Geist, nicht sein Streben nicht seine Kraft, nicht seinen Adel u
seine Würde wir verkehren mit ihm nur von der Canzel, vom Catheder u
vom Schulmeisterpulte, nur d[urc]h Bücher oder Zeitschriften mit todten Buchsta-
ben auf leblosem Papiere; aber gemeinsam mit ihm schaffen, thun, handeln
müssen wir, dann zeigt es sich uns ganz anders, dann versteht es uns und
wir verstehen es; dazu zeigt sich mir und uns nun jetzt in Blankenburg
auf eine seltene Weise die günstigste Gelegenheit. Daß ich gehindert werde
bis jetzt demgemäß selbstthätig einzugreifen das wird sich auf einer höheren
Stufe der Einsicht lösen; vielleicht eben damit ich und durch mich wir auf-
hören sollen unsere Erziehung nur als blose Kindererziehung, Pflege, Übung
sondern vielmehr als den Beginn einer neuen Stufe der Menschheits-
entwickelung anzugehen. Zu einem solchen Beginn, Anfangs- und Keimpunkt
einer neuen Stufe der Menschheitsentwickelung kann sich aber Burgdorf
und wenn Du Dich Langethal vervielfachtest nicht erheben warum? ­
der Geist seines Entstehens u Bestehens verhindert es; es ist der Geist
der Gesondertheit u Abgegrenztheit, dessen Kreise ihr wohl vergrößern
und E erweitern könnt z.B. die ganze Insassenschaft u Einwohnerschaft
mit einzuschließen, diese räumliche u Zahlgröße führt aber nicht
zur Allgemeinheit. Burgdorf ist schon etwas zu bestimmtes, es hat schon
zu viel, darum fürchtet es bey jedem Schritte etwas zu verliehren, deshalb
schreitet es so mühsam vor - Blankenb[ur]g hat noch nichts u ist noch nichts, ahnet
hofft aber nicht nur materiell, sondern wirkl. geistig etwas zu werden /
[248R]
wenigstens an Achtung zu gewinnen und so bietet es gern und willig die Hand.
Es kann Blankenburg gleich von vorn herein gar nicht in den Sinn kommen
meine und unsere Wirksamkeit für sich behalten auch nur in Anspruch
nehmen zu wollen, im Gegentheil erreicht Blankenburg um so mehr
seinen Gesamtzweck wie seine Einzelzwecke wenn und in dem Maaße
als meine Wirksamkeit allgem: menschlichen Umfang gewinnt, also
ist auch dazu gleich von vorne herein hier das Fordernde, wie dort
das Hemmende dazu gegeben.
Doch dieß mein theurer Langethal! soll Deine Ansicht von Deiner Stellung in
Burgdorf nicht im mindesten stören noch Dich zu einer andern Handlungs-
weise bestimmen als Du mir in Deinem jüngsten lieben Briefe ausgesprochen
hast ein jeder von uns wirke da und auf die Weise wie er sich in seinem
Innern und durch die Gesammtheit seiner Bildung, Kraft u Mittel be-
stimmt fühlt, so wird wenn wir uns noch überdieß freundlich förderlich
die Hand reichen der Menschheit Zweck nicht nur nicht gehemmt sondern so-
gar gefördert, wenn auch mehr mittel- als unmittelbar. Doch da ich
nun Deine völlige Freyheit u Selbstbestimmung anerkannt habe, so erlaube
mir mich auch Dir wiederkehrend von mir aus auf das bestimmteste
auszusprechen:- Ich dagegen halte jetzt Blankenbu[r]g in seiner Klein[-]
heit in seinem Nichts aber hinsichtlich des Geistes der hier Grund u Boden
zu Wurzelung und Nahrung zum Wachstum bekommen soll so wichtig, daß sie mir die Wirksamkeit
von drey Burgdorf
nicht aufwiegen
kann, deßhalb meine Anwendu[n]g von Schillers Wort darauf: -
"Im kleinsten Punkt, sammle die größte Kraft" und andere
Worte Schillers. Deßhalb habe ich aber auch noch gestern zu
Barop in Beziehung auf sein Wohnen u Wirken in Keilhau gesprochen
wie ich zu Dir in Beziehung auf Burgdorf geredet habe; Du siehest
also daß ich unpersönlich bin und mir es einzig um die Ausführung und
Darlebung des und eines für die Menschheit wichtigen Grund- und Lebens-
gedankens zu thun ist. Ob nun gleich Keilhau aus meinem ganzen
Leben hervorgegangen ist und es aus meinem Blute und meiner Kraft
unser aller Leben, Blute u Kraft erbaut ist und eigentlich auch und
dadurch bis jetzt noch fortwächst u besteht, so kommt doch Keilhau
was es jetzt ist, ja auch was es in seiner höchsten Blüthe und Fruchtung
war gar nicht mit Blankenburg in Vergleich und 3 Keilhau gebe
ich für ein Blankenburg, denn letzteres zeigt u bahnt mir den Weg
zum Herzen und Leben des Volkes meines Volkes und so zur
Menschheit rc. Fragst Du in letzterer Beziehu[n]g wie und wodurch -
so will ich es gleich kürzlich zu beantworten versuchen vorher aber will
ich noch aussprechen - Ohngeachtet der Wichtigkeit welche ich auf
mein u unser Wirken in Blkbrg lege, so glaube darum nicht daß ich
dessen Entwickel[un]g erzwingen werde; ja daß es stöhrend oder trübend
in Mein Leben eingreifen würde, wenn ich es nicht erreiche. Mein
Trost u meine Berufung liegt in meiner Gesinnung in meinem Streben.- /
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In Beziehung nun auf die oben ausgesprochene Frage: wie und wod[urc]h Blkb
die angegebene Wichtigkeit habe, mag Dir dieß Wenige Andeutung seyn.
Du wirst Dich mein l. L. erinnern daß ich Euch, als ich der Erziehungsanstalt vor
meiner Abreise nach der Schweiz mein Petschaft als Siegel
der Anstalt zurück ließ - dessen Signatur dahin deutete: - daß das
Grundgesetz, daß der Gr[un]dgedanke auf welchem die Ausführung von
Keilhau, als einer allgem. deutschen (rc.) Erziehungsanstalt beruhe
eine Wahrheit und Allgemeinheit in sich trage, welche durch das ganze Welt-
all, d.h. die uns sichtbare und unserem Geist ahnbare Welt gehe. Es lag dieser Deutung eine tiefe
Ahn[un]g, eine unmittelbare Wahrnehm[un]g,
Anschauung des Geistes zum Grunde, wenn sie auch noch nicht in allen
Einzelheiten nachgewiesen werden konnte. Doch mein Herabsteigen
zur ersten u frühesten Kindheit, zur Kindheit des einzelnen Menschen wie
der Menschheit, hat mir die Wahrheit jener Ahnu[n]g auch zunächst in allen
wesentlichen Richtungen erkennbar gemacht; so wie beyde Ahnung und
Grundgedanke aus jeder Prüfung, welche[n] ich sie ununterbrochen unter-
worfen habe und unterwerfe, wie geläuterter so befestigter und mit
bewirkter gesteigerter Überzeugung hervorgehen. Hier forderte ei-
gentlich die Mittheilung über diesen Gegenstand das unmittelbar aus dem
Geiste und Gemüthe hervorquellende lebendige Wort. Nun ich will ich
es versuchen ob ich einen Weg angeben kann, daß es Dir aus Deinem
eignen Geiste und Gemüthe lebenvoll entgegen fließe.- Du hast mich und
uns auf die Zeitschrift Braga aufmerksam gemacht, hast den 1n Heft
im vorigen Jahre uns selbst zum Geschenk gebracht; irre ich nicht so hast
Du uns auch schon auf die folgende[n] Hefte aufmerksam gemacht, hast sie also
schon gelesen. Ich habe diese Zeitschrift auch bis zum 4n Hefte incl. mit
steter prüfender u vergleichender Rückbeziehung auf mein Wirken und Streben, und ganz besonders
in Beziehung auf die von mir ganz jüngst ange[-]
bahnte Pflege und Übung der Kindheit gelesen. Und was habe ich da ge-
funden?- Zwar Läuterung, Klärung durch das im Braga ausgesprochene scharfe
scheidende Wort, allein ich habe auch gefunden und klar erkannt, daß das was
der Braga fordert nicht nur einzig der Menschheit dem Menschengeschlecht
und zunächst unserem Volke nur auf dem von mir betretenen lebendigen
Wege und zwar eben darum in bey weitem höherer u lebenvollerer Weise
gegeben wird als es der Braga selbst ahnet. Der Braga stellt seine Wahrheiten
nur als Sätze Dogmata auf, er sucht sie nun zwar auf seine Weise nachzuweisen
allein er zeigt nicht wie der Mensch von Frühe an der Erkenntniß u Anerkenntiß
dieser Wahrheiten entgegen erzogen werden soll. Er leitet seine Wahrheiten
aus einem Erfahrungssatze oder aus mehreren ab: dem der Gegensätze u[n]d dem
daß das Gute aus dem Übel hervorgehe; es mag nun dieß wohl zur Wahr-
heit leiten allein es bleibt immer einseitig. Die Gegensätze aber gehen aus der
Einheit hervor denn nähere nur die Gegensätze schon räumlich immer mehr
so daß sie endlich zusammenfallen so lösen sie sich in der Ausgleichung oder
Einheit auf: z.B. 1 2 3 4 5 6 7 0 6 5 4 3 2 1 [*Zeichnung: Zahlenstab*]. Ferner schreibt er und /
[249R]
setzt wirklich das Übel ganz der deutschen Sprache zuwider = Böses als das schaffende des Guten
Übel aber ist das Mittel zum Üben zur Übung
(wie Mittel das helfende ist um zur Mitte, d.i. zum
Wahren zum Rechten zu erhalten [sc.: gelangen])[.]
Der Canon sagt: - "Nur Übung (= Übel) stählt (,stärkt, steigert
erhöht) die Kraft["], (ja weckt sie[)] ist das aber etwas Böses?-
Ferner hat er wieder keine genügend erschöpfende Ansicht von
dem Guten, von dem was Gut ist. Er sollte wieder die Sprache
die deutsche, die Lebens- Geistes- und Wahrheitssprache fragen.
Gut - hängt mit gehen, mit gahn, mit geht, mit gaht, mit hervor[-,]
herausgehen zusammen und läßt sich so auch auflösen in g | ut d[.]i[.]
geh aus d.i[.] geh aus dem Wesen, der Einheit U hervor; gut
sey ist also und bezeichnet stets eine Thätigkeit wenn auch eine ruhe[n]-
de wie z.B. stehen, li[e]gen, drücken (Stuhl, Lug, Druck) und zwar
die Thätigkeit der Einheit, des Lebens an sich; daher sagt Jesus nur
Gott ist gut. D.h. alle dessen Thätigkeit geht aus seiner Einheit seinem
innersten Wesen hervor.
Wir sollen, oder also auch im Gebet Jesu sagen: Erlöse uns vom Bösen, d.i[.]
zertheilenden Niederziehenden, allein nicht erlöse uns vom Übel, denn
sind wir vom Übel, d.i. vom Üben i.e. Gebrauch unserer Kraft los
so sind wir auch vom Leben los rc. rc[.]
Doch dieß als Nebensache und nur als zufällige Andeutungen daß alles
was der Braga aufstellt unsere Kindheit Übung, schon unsere erste
Kindheit Pflege g einiger u lebenvoller, genügender aufstellt giebt.
Nun siehe! was erwartet er alles von der Einführung seiner Lebens-
Ansicht ins Leben für die Menschheit - Welch eine Wirkung muß nun
erst für die Menschheit - für das jetzige und die nächsten und alle künftigen Menschengeschlechter
zunächst für unser Volk aus einer durch-
geführten Kindheitübung wie die von mir nachgewiesene hervorgehen?-
Ließ nun in diesem prüfend vergleichenden Sinn noch einmal den
Braga und sage dann was Dein Gemüth zu Dir redet, Dein Geist zu
Dir spricht!- Wirst u kannst Du mir dann verdenken, wenn ich
unsere besten Kräfte in unseren kleinsten Punkt einen möchte, damit
endlich das lang Ersehnte u Erstrebte daraus hervorkeime, wachse,
blühe, fruchte?--
Doch dieß soll alles auch nicht auf das leiseste Bestimmen einem Rufe wie
der meinige war und ist zu folgen, wenn es Dich und die Deinigen nicht un-
widerstehlich aus Dir und Euch treibt Euch unwiderstehlich zieht zum Gan-
zen dann bleibt u wirkt in Gesundheit Kraft u Fülle, wo Ihr
Euer Leben befriedigt findet, wo Ihr mit Freude wirkt, denn beydes
ist am Ende bey seegensreichem Wirken das Wesentlichere. Aber damit
Du mich ganz findest wie ich jetzt bin u denke! nicht allein Dir möchte
ich so zurufen, sondern selbst dem Spieß; denn ich sehe diesen
doch bey all seiner Kraft noch mindestens - versauern.- /
[250]
Doch nochmals, alles dieß soll keinesweges auf die Bestimmung einer örtlichen
Veränderung Deiner Thätigkeit einwirken, allein es soll dahin wirken
Dich mit Deinem Erkennen u Handeln recht in die Mitte der Forderungen
zu versetzen welche der gegenwärtige Stand u Stufe der Mensch-
heitsentwickelu[n]g an den Menschheitserzieher, an den Erzieher der
Kindheit der Menschheit macht. Denn wie schon im vorigen Briefe
gesagt: ehe Dein Leben u Wirken unmittelbar u persönlich in das hiesige
bestimmend eingreifen könnte muß u wird sich das hiesige Leben schon
in seinen wesentlichsten Punkten entwickelt u gestaltet haben.-
Dahin scheinen sich auch nun bald die Keilhauer Verhältnisse zu neigen.
Barop ist mit einem gewissen Cand: Kohl, aus dem Erzgebirge,
einen sehr vertrauten Freunde von Lomatzsch in Verhältniß getreten
und hat eine Verbindung mit demselben abgeschlossen; dadurch wird
nun sowohl Barop als ganz besonders Middendorffen für Blkbrg
mehr frey, besonders wenn ein Lehrer der französischen Sprache käme
wodurch Middendorff wöchentl. gleich 6 Stunden frey würde. Genug,
das [sc.: daß] Middendorff der Ausführer für Blkbrg werden soll wird nun
fest gehalten; es geht auch nicht anders. Middendorff geht sonst
zu Grunde u reibt sich in wenigen Jahren gänzlich auf in Keilhau
steht er zwischen 2 und mehr Feuern zunächst zwischen Barop und
dann seiner Frau, dieses Verhältniß durch sich u sein Handeln zu lösen
ist er gar nicht im Stande. Durch eine solche Meinungs Differenz und Hand-
lungs Entgegnung zwischen Barop u Albertine herbey geführt, liegt nun
Middendorff schon einmal wieder seit Freytags zu Bett u auf der
Nase; diese schwächlichen u unmännlichen Lebenserscheinungen sind mir so widrig
daß ich gar nichts mehr dazu sagen mag. Nicht einmal aus sich selbst
vermag der Mann, Mann zu seyn. Wahrlich die Erziehung hat
noch große Räthsel zu lösen.

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Da es uns allen um allseitige Lebensklarheit zu thun ist so er-
laube mir Dir ein Urtheil unseres wirklich edlen Freundes Leon-
hardi
über Dich mitzutheilen was er mir in seinem jüngsten Briefe
bey Gelegenheit der Charakterbesprechung seiner Braut und ohne
Zweifel nun bald Frau ausgesprochen hat: - "Daß sich meine Braut
"in Burgdorf nicht gemüthlich befunden kam theils daher von der angedeu-
"teten Gemüthsspannung her, theils daher, weil sie, wie Langethal und
"wahrscheinlich auch dessen Frau solche Naturen sind, die sich wohl vermit-
"teln lassen, aber nicht selbstthätig vermittelnd sind, die zu innerlich
"sind, als daß sie, ohne daß eine fremde Individualität ihnen vermittelt
"werde, die Innerlichkeit des Andern, aus seiner, der ihrigen fremdem Äußer[-]
"lichkeit herausfinden.- Dieß ist in Betreff Lgethls, das Urtheil aller
"seiner hiesigen Freunde, und er wird daher wo es Zusammenwirken
"mit Anderen gilt immer weniger brauchbar seyn als Middendorff
"so wacker er auch in seinem individuel[l]en Kreise ist. Ein Zeugniß /
[250R]
"dafür ist auch der wenige Umgang den er mit Burgdorfern hat, und der
"nicht von Mangel an Zeit oder Berührungspunkten herkommt.
"Auch Mathildens Urtheil ist dieß.- Aber Dir wird, glaub ich,
"Langethal immer näher stehen als Middendorff, weil dieser sich mehr
"selbst mit ganzer Seele hingiebt, jener aber gar nicht dazu kommt,
"da er von Natur ganz hingegeben ist, und nur als solch hingege-
"bener da ist. [Für] Middendorffen repräsentierst oder trägst Du das
"Allgemeine. Für Langethal hat das Allgemeine seinen Werth
"besonders in Dir, und durch Dich."- (:Dieß verstehe ich nicht <Fröbel>:)
Mich dünkt über und bey solchen Urtheilen: - Die Menschen zerzaußen
und zerknausen das Leben und <den> Leben und kommen dabey weder
zum Leben noch weniger zum ächten Handeln. Ich denke immer:
"Hier ist Arbeit, frisch daran!
"Einen wackeren Schaffer liebt Jedermann.-["]
Wozu die lange Küftel- und Düfteley.

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Du l. L. hast doch Friedrich <Böds [sc.: Bocks ?]> Brief an Carl Clemens besorgt?
Ich habe Dich schon einmal deßhalb gefragt Du aber hast mir nicht
geantwortet. Ich könnte es nicht billigen wenn Du den Brief
nicht besorgst und an seine Bestimmung abgegeben hättest.-

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Hat Du noch keine Nachricht wegen Spießes Bruder?-
Oder Kunde von einem andern Sprachlehrer?-
Barop ist gar nicht zufrieden daß weder Du noch Ferdinand sich
nicht nach Yverdon gewandt habt. Middendorff hat Dir deßhalb
schreiben sollen, die Adresse des jungen Mannes würdest Du
in einem Briefpacket gefunden haben mit der Anschrift:
"Dienst- oder Lehrerverhältnisse und Gesuche betreffend." Durch Nie-
derer
der ihn uns vorschlug hättest Du auch seinen Namen erfahren
können.

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Wenn Du an mich schreibst erwähne den Tod Louisens in dem Haupt[-]
briefe nicht; Höchstens in einem Beyblättchen, ob ich gleich aus
vielen Gründen fürchten muß, daß Dein nächster Brief
meine theure, viel bewirkte Frau nicht mehr lebend mir
zur Seite treffen wird. Die Wasseranhäufungen - ohne bedeutenden
Abgang sind in Beinen, Schenkeln, Unterleib zu gewaltig als
und die Körperschwäche zu unbeschreiblich groß als daß es
der Körper noch länge[re] Zeit aushalten kann. In den letzten
Tagen habe ich sie schon einigemal besonders um die Zeit des Schei-
dens der Sonne vor todt in meinen Armen gehalten. Gott
wolle uns und mich in dieser Zeit stärken, besonders aber meiner
treuen Frau als ersten Lohn für ihren treuen ausdauernden Lebens-
kampf ein friedliches schmerzloses Ende, einen Schlummertod schenken.
DFrFr. /

[247V]
(Nachschriften an den Rändern:)
Dein oder Ernestinens Sträuschen hat meine Frau gar sehr, sehr erfreut; doch die blaue Gentiana war nicht dabey-
Vom beykommenden Brief an Ernestine habe ich den Umschlag genommen; daß ich von dem Brief nichts gelesen, werdet Ihr Euch so sagen. DFrFr.