Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Markus Hess in Frankfurt/M. v. 20.7.1839 (Blankenburg)


F. an Markus Hess in Frankfurt/M. v. 20.7.1839 (Blankenburg)
(BlM IX,6, Bl 49-50, zwei Abschriften 2 Bl fol 4 S., ed. Hoffmann in: Nachrichtendienst des Pestalozzi-Fröbel-Hauses Berlin 1940, 8-10, Nachdruck Hoof 1977, 124-127. Beide Abschriften sind textidentisch. Hier wird nur die erste Abschr. Bl 49 [1 Bl fol 2 S.] wiedergegeben.)

Aus einem Briefe Fröbels vom 20 Juli 1839 an Herrn Oberlehrer Hess in Frankfurt a/m.
Seit sieben Wochen besteht hier wirklich unter meiner unmittelbaren Leitung und aus- und durchgeführt
theils von einem meiner Freunde Herrn Middendorff, theils von einigen zur Kinderpflege auszubildenden
jungen Leuten, - eine Anstalt zur Pflege des Thätigkeitstriebes und des gesammten Lebens der Kindheit
durch Spiel und Beschäftigung
. – 40 - 50 Kinder aller Stände u. Klassen des kleinen Städtchens nehmen
zugleich daran Antheil, die Kinder der ersten Beamten, wie die Kinder ärmster Handwerker u. Tage-
löhner, Kinder von noch nicht einem und von etwas mehr als einem Jahre mit ihren Wärterinnen und
Müttern bis Kinder zu 6 Jahren. Aber auch einige Kinder bis zu 9, auch wohl 11 Jahren, Knaben so-
wohl als Mädchen, als Führer und besondere Spielgenossen ihrer jüngeren Geschwister, welche die Anstalt
besuchen, nehmen daran recht eingehenden, besonders das Leben ihrer jüngeren Geschwister innig pflegenden
Antheil. Das Kommen der Kinder ist um 3 Uhr Nachmittags festgesetzt. Bis sich alles ordnet, die
Anwesenden eingetragen sind u.s.w. mag es wohl bis gegen 3 ½ dauern; dann beginnt in vier
verschiedenen Hauptabteilungen das Spiel u. die Beschäftigung. Die Abtheilung der Kleinsten
zerfällt wohl wieder nach Umständen, in manche Unterabtheilung. Jeder Hauptabtheilung steht
ein Führer vor. In der Abtheilung der Kleinsten leisten schon einige ältere Geschwister, besonders
Knaben, dem Führer, wie er mich [sc.: mir] versichert, recht sinnig eingehend Hülfe. Ich selbst bin da, wo ich
glaube, daß für den Augenblick eben die Hülfe oder wenigstens meine Gegenwart am meisten
nöthig ist, oder ich deute Besuchenden das Einzelne wie das Ganze. Ganz die freie Wahl u. Selbstbe-
stimmung hat mir die Eltern wie deren Kinder zugeführt u. hält ihre Theilnahme fest, dennoch
habe ich Kinder, welche fast noch nie gefehlt haben. Gegen ½ 5 bis 3/4 5 wird nun gespielt im Kreise
der bis jetzt entwickelten Spiele, was die Umstände u. das Leben der Kinder eben hervorheben,
zwar von einem gewissen u. allgemeinen innern Gesetz geleitet, doch ohne allen Zwang, im
Gegentheil wird im Bereich der eingeführten Spiele dem Wunsche der Kinder so viel [als] möglich nach-
gegangen, damit sich der Charakter des Spieles u. der Freithätigkeit des Kindes so rein als
möglich erhalte. - Die Spiele selbst haben zwar eine gewisse Folge, allein innerhalb derselben
bleibt immer eine große Beweglichkeit, welche den Kindern freigegeben ist. Ja manche
Kinder müssen erst im Spiel, oft für sich ganz allein recht ausgespielt haben, ehe sie zu einem
andern überzugehen vermögen; andere Spiele haben wieder eine so allgemeine Lebens-
theilnahme, daß sich die Kinder fast immer darin bewegen, wie der Fisch im Wasser, die
ihnen dann auch gleichsam zu einem erfrischenden Luft- u. Wasserbade frei gegeben
werden. - Die Spiele, die bis jetzt noch gespielt werden, sind die Spiele der ersten, zweiten
und dritten Spielgabe
und der sich daraus persönlich für das Kind mit Nothwendigkeit
entwickelnden Bewegungs-, Lebens- und anderer, z: B: Zahl- u. Sing-, oder vielmehr
Tonspiele. Ob nun gleich der überwiegend größte Theil der Kinder solche Kinder sind, die
gleichsam von der Straße ins Spielhaus geführt wurden, d. h. solche, die, wenn sie hier
nicht spielen, sich auf der Straße oder vielmehr den Gassen des kleinen Städtchens
und sonst herumtreiben würden, Kinder zum Theil selbst mit noch ganz unentwickelter
Glieder- und Sinnenthätigkeit u. noch mehr unentwickelter Sprachfähigkeit, so bin sowohl
ich als auch Herr Middendorff mit dem bisherigen Erfolge zufrieden; ja selbst die jungen Leute
(die Seminaristen) werden oft von den Wirkungen der Spiele auf die Kinder überrascht.
Einzelnes in dieser Beziehung anzuführen kann zu nichts dienen, indem es abgerissen
aus dem Zusammenhange und getrennt von dem Kinde selbst, seine eigentliche u. höhere
Bedeutung verliert. - Bisher haben wir die Spiele immer noch in sehr geräumigen,
luftigen und kühlen Zimmern ausgeführt, weil einmal der Spielplatz im Freien mir
noch nicht ganz geeignet, dann, weil mir die Gesamtheit der Kinder dazu in sich
noch nicht ganz gesammelt erschien. Jedoch wird nach Beendigung der
eigentlichen Spiel- u. Beschäftigungsstunde unter Gesang immer ins Freye, d.i. auf
den Spiel- und Gartenplatz und auf demselben herumgezogen, u. endlich wie vor-
her und Anfangs das Ganze mit einem Begrüßungsliedchen begonnen wurde,
so wird nun das Ganze mit einem Schlußliedchen geendet. - Zwischen 7 u. 8 Uhr
Abends versammelt sich dann von den Kindern, wer noch Lust zum Spiel oder
wer sein Gärtchen zu pflegen hat, wieder auf dem Spiel- und Gartenplatze.
Jetzt ist völlig freies Kührspielen d.i. Spielen nach willkührlicher Wahl
eines Jeden; doch werden nun auch mit den Größern wohl kleine Gesänge
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und auch Kanons gesungen; merkwürdig ist da, wie die Kleineren an den Größeren
sich emporranken, ja Kinder zwischen drei und vier Jahren die Singweisen
leichter u. reiner halten, als wohl Erwachsene u. so müssen wir vielseitig die
traurige Erfahrung, allein auch die zur Thätigkeit u. Ausführung auffordernde machen
- daß das Heraufwachsen der Kinder ohne Beachtung u. Pflege nothwendig Verbil-
dung [Hoffmann: Verwilderung] u.s.w. mit sich zieht. Zu Zeiten benutzen wir auch die Spielstunden, um ins Freie
zu gehen, wo wir dann die Kinder auf eine dem Geist u. Charakter des Ganzen
angemessene Weise in die Natur einzuführen suchen. - Im Geiste der von
mir mehrfach dargelegten Grundsätze besteht diese Anstalt nur gehalten und
getragen von diesem Geiste u. mit Hoffnung segensreicher Früchte. Zwar von mir
ins Dasein gerufen steht diese Anstalt doch auch mit mir [in] einer gewissen allge-
meinen u. öffentlichen Anerkennung u. ich möchte sagen, förderlichen Schutze da,
und ist also keine vom allgemeinen u. öffentlichen Leben geschiedene Privatsache;
denn jedes Kind jedes Bürgers des kleinen Städtchens, welches das angemessene
Alter hat, kann unter der Bedingung möglichster Reinlichkeit in Kleidern u.s.w.
daran Antheil nehmen, u. der Stadtrath hat mir auf mein einfaches Ansuchen
in einem öffentlichen Gebäude einige Zimmer u. auf dem sogenannten Wall selbst
ein Stück Land dazu eingeräumt. Die Anstalt steht also eingewebt in das
öffentliche, wie in das Familienleben der einzelnen Bürger da. Doch ist, nochmals
gesagt, nichts, was die Anstalt trägt u. hält, als rein ihr Geist, wie denn auch
nichts sie hervorrief, als eben auch ihr Geist. - Es ist dieß der Geist der
Einheit u. Einigung, es ist der Geist, welcher das Kind wie von allen Punkten
aus in sein eigenes Wesen so in das Wesen der Dinge ein- u. zu dem
Urquelle derselben hinführt. Der Zweck des ganzen Bildungsganges ist also weder
leere Phantasie[-] und Gefühlsbildung, weder trockene Verstandes- und Erkennt-
niß- oder Wissensbildung; noch bloß äußerliche Productenhervorför-
derung, noch eitles Nähren einer leicht verrauschenden Lebenslust, son-
dern es ist allgemeine, allumfassende Pflege des Wesens der Menschheit
im Kinde
. Also da alles Leben u. alle Thätigkeit, aller Lebens- u.Thätigkeits-
trieb nur in der Quelle alles Lebens, nur in Gott seinen Ausgangs- wie seinen
Rückbeziehungspunkt hat, so ist wahrhaft Gotteiniges Leben der letzte Bezie-
hungspunkt aller meiner Pflege des Lebens- u. Thätigkeitstriebes im Kinde
. - Es ist
auf das Höchste beachtungs- und prüfungswerth, wie alle an, durch u. von
einer Einheit, dem Balle, dann der Kugel u. dem Würfel, aus entwickelte[r]
Gesammtthätigkeit des Kindes zu dem höchsten Einigen u. der höchsten
Einigung hinführt, wie alle auf das Innere eines Umkreises senkrecht
gezogenen Linien nothwendig nach der einigen Mitte zeigen u. in derselben
zusammentreffen. Es ist auf das Höchste der Beachtung u. Pflege
werth, wie die so entwickelte Thätigkeit des Kindes sein Leben, das
Leben des Menschen überhaupt durchdringt, er- und umfaßt. Es ist leider schwer,
dieß durch das schriftliche immer in einer gewissen Beziehung erst wieder
lebendig zu machende Wort lebenvoll u. anschaulich darzustellen;
es ist nothwendig nicht allein, daß man es selbst sieht, sondern,
daß man es selbst darstellt u. hervorruft, begleitet von
dem lebendigen deutenden Worte.