Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 24.7./25.7./26.7.1839 (Blankenburg)


F. an Heinrich Langethal in Burgdorf v. 24.7./25.7./26.7.1839 (Blankenburg)
(UBB 75, Bl 258-261, Brieforiginal 2 B 8°, 6 ½ S.. Beim 2. Bogen ist die zweite Hälfte bis auf schmalen unteren Streifen abgeschnitten)

Blankenburg am 24 July .39


Mein theuerster Langethal
      Gott zum Gruß

Noch einige Worte heute Dir auf Deinen gestern empfangenen l.
Brief vom [Lücke] d. Monats.
1. Weiß ich wirklich nicht welchen Brief von Dir ich unbeantwortet gelassen
hätte ich habe seit Tagen nur wenige Briefe von Dir erhalten.
a. vom 22n April mit den Blumen, welchen ich bestimmt beantwortet.
b. vom 16 Mai (nach dem Tode. meiner Fr.) besonders an meine Fr: dann
       auf der Rückseite über Gyger war nicht weiter zu beantworten doch
       dünkt mich hätte ich den Empfang Dir bestimmt angezeigt.
c. den Brief vom 21 u 26 May, welcher erst nach dem andern Blankenburg
       ging und welchen ich so erst am 9ten erhielt[;] enthielt viel über Sidonien besonders
über die Bekanntschaft mit dem jungen Weber aus Zürich; dann Dein Brief
an Sprüngli auch diesen Brief habe ich beantwortet, was ja Dein gestern
erhaltener beweist. Freylich enthält er noch gar vieles rein Persönliches
von Dir und Deinen Ansichten worüber ich nichts zu sagen wüßte u noch nicht weiß.
d. Deinen vorigen Brief vom 10 Jun Postzeichen 18 Juny erhalten 25. Juny
Wegen Spieß jun.der 200 fl: Elementar Seminarien “ein gewisser Schritt”
Diesen Brief habe ich auch bestimmt beantwortet. So weiß ich also gewiß
nicht warum ich Dir noch Antwort schuldig wäre außer e) dem gestern erhalten[en] Postzeichen 18 July[.]
Ich dagegen habe folgende Briefe an Dich notirt
a. 12r May. Brief von Krämer. Brief aus Sillenberg an Ernesti[ne] rc.
b. 20 May. Tod u Beerdigung. – “Plan aus Dresden.”
c. 28 u 29. Juny “erziehende Orte”
Deßhalb muß ich Dich bitten mir die Punkte zu nennen welche Du noch unbe-
antwortet meynst, damit ich es weiter in den Briefen nachsehe.-
2. Das wegen Spieß jun. Du alles seinen ruhigen Gang gehen läßt, ist mir
gar sehr lieb, denn ich war schon gar nicht zufrieden, daß Barop so
unbestimmt darauf einging, doch darfst Du es ihm auch nicht übelnehmen
die 200 fl. schreckten gleich zu sehr. Die Sache mit dem jungen Franzosen aus Brüssel scheint sich zu
zerschlagen, wenigstens sind wir, so ernstlich auch
durch v. Leonhardi die Sache betrieben worden ist bis jetzt noch ohne alle Ant-
wort. Wären daher nicht Abhaltungen gekommen, welche ich nachher erwähnen
werde, so würde es durch die heutige Post schon gänzlich an v. Leonhardi abge-
schrieben
worden seyn. Von Frankfurt a/m (d.h. v. L.) ist uns zwar sehr
Unliebes über die Familie und Kindererziehung des HFrrn Pf. Spieß, und
besonders über den jüngeren Sp. zugeschrieben worden, allein wir und ganz namen[t-]
lich ich vertrauen ganz Deinem menschlich richtigen Gefühl und Takte; darum war und ist es
mir lieb, daß die Sache ihren Gang ging und gehen mußte und noch geht. Dem
Leonhardi wird, wie schon gesagt nun mit der nächsten Post das Verhält-
niß abgeschrieben werden, weil wir noch immer von ihm ohne Nachricht
deßselben sind und Du kannst selbst nachsehen wie lange Zeit es nun her
ist, seit er Dir einen Brief Middendorff[s] zugesandt hast. So bald Du also
wegen der 200 fl. Gewißheit hast, wirst Du auch wissen was Du zu
thun hast, sollte sich ja der Vater nicht dazu verstehen oder verstehen /
[258R]
können, so sehe ich nicht ein was Du anders thun kannst als daß Du, nach Rück-
sprache mit Sp. sen. deßhalb mit Bestimmtheit an Barop oder vielmehr an
die Anstalt nach Keilhau schreibst, weil ich nicht schaue,wie man wegen dieser
200 fl. so seine oder so bitter auch der Apfel sey darf - wie zumal das
Ganze jetzt steht – die Sache zurück gehen lassen darf. Ich habe es dem
Barop gleich gesagt und auch die von Dir gerügte Ungleichheit hervorgehoben;
Barop fürchtete sich aber fvor der Gewalt des äußeren Lebens; was läßt
sich dann sagen wenn das Festhalten des Grundgedankens nicht fester ist –

Am 25n Abends. So weit war gestern mein Brief an Dich fertig und ich hoffte
ihn eben wegen der darin erwähnten Hauptsache ganz gewiß noch abschicken
zu können als Middendorff sagt:- ”Wirklich da kommen sie schon!”- Am
Abend vorher (Dienstags) waren nehmlich gegen 6 Uhr 4 Lehrer von der ver-
einten Bürgerschule ihrem mir früher gegebenen Versprechen gemäß mit 7 jungen
Leuten, theils Schülern der Bürger- größtentheils aber Schüler aus der
Kaufmanns-Schule zu Leipzig zu besucht gekommen.- Ich hatte noch gestern am Abend
einen großen Spaziergang mit ihnen nach dem BeulwitzFelsen und Beul-
witz Denkmal gemacht und sie hatten frey aus sich gesagt, daß sie nächsten
Morgen (als[o] gestern früh) mir guten Morgen wünschen würden; doch
glaubte ich nach einem ihnen nach der Hunnenkuppe vorgeschlagenen Spa-
ziergang, sie kamen aber vor demselben. Die Lehrer sind Maj:[or] und
Dr. Lechner (Verfasser das Aufsatzes Fr. Fröbel im Leipziger Tages-
blatte. Dr. Kriegesmann, Dr. oder Maj. Hauschild und der Schreib-
lehrer Arnt.
Gestern am Abend sagte mir ersterer als wir ein wenig allein spazieren
giengen: Er habe vom Dir: Vogel den bestimmten Auftrag. Erstlich mich
herzlich zu grüßen dann mir zu sagen: daß ich ja nicht glauben sollte
meine Bemühungen in Leipzig seyen auf Stein und Weg gefallen, sondern
er und auch Großmann hielten die Sache in sich fest, daß aber die Leip-
ziger nicht zu den schnell zu Er[r]egenden gehörten, er aber (Dir Vogel) hoffe
noch bis zu Mich[aelis] einen jungen Mann als Bildling schicken zu können; doch
habe er bis jetzt noch keinen finden können; glaube aber doch, daß sich dieß
wohl noch finden werde. – Ich sagte ihm, daß ich es aus Rücksicht für
Leipzig wünsche, denn daß das Ganze sich Bahn brechen werde, nach sei-
nen vielen Anregungen daran zweifle ich fast nicht mehr, und dann
sollte es mir um Leipzig willen wirklich leid thun, wenn sie wenn es
nicht zu den ersteren gehöre”.
Also nachdem wir uns guten Morgen gesagt und einen Tages Plan gemacht
hatten worinn bestimmt wurde daß sie bis Nachmittags hier bleiben und
heut nur noch bis Schwarzburg gehen wollten, gingen sie nach dem in
Keilhau angeregten Wunsche alle in die Schwarza ins Bade wo Mid-
dendorff
eine wohl gegen 20 F[u]ß tiefe Badestelle gefunden hat. - Nach
dem Bade wurde bey mir ein kleines Frühstück eingenommen und nun
ging es ins Arbeitshaus - hier trug ich ihnen die Erscheinungen der
selbstthätigen (dynamischen) Mathematik vor, vom Würfel
ausgehend mit Anschauungen an diesem wie an Stäbchen und Fäden- /
[259]
Fädenkörpern. Von da stieg ich zu den Spielen nach und nach abwärts
und zeigte wie die im vorigen angedeuteten und auch nachgewiesenen
Wahrheiten schon in den ersten von mir aufgestellten Kinderspielen an-
gebahnt würden; er [sc.: Lechner] war wirklich gespannt aufmerksam und erkannte
es, sprach es auch aus, welche große Wirkung aus der Einheit eines solchen
Unterrichtes hervor gehen müßte. Ich dagegen sprach ihm aus, daß aus
der Anwendung und Ausführung dieses Gedankens in einer so umfassenden
wenigstens großen Anstalt wie ihre Anstalt in Leipzig sey nothwendig
eine Welthistorische Wirkung hervorgehen würde. Nun er warf oder
schob zwar den Gedanken nicht zurück; allein Gott weiß es diese
Deutschen sind für großartige allgemein durchgreifende Menschheits
Ideen gar nicht zu durchglühen. Ich wär in meinen 20-30[ten] Jahren
rein verbrannt wenn mir Jemand so etwas gesagt, ja auf eine
so augenfällige Weise wie ich [es] thue nachgewiesen hätte. Denke Dir
aber der Director Vogel macht jetzt eine Reise nach dem Rhein wird
über Gotha, wo sein Vater lebt, zurück kehren vielleicht sogar Arn-
stadt besuchen und kommt nicht einmal hierher; ich nachdem ich die
Wirkung des Vorgetragenen an Dr. Lechner bemerkt hatte sagte
ich, er möchte doch, da er in einigen Tagen nach Gotha zu Vogels
Vater komme, wohin dieser Vogel der Dir. erst später kommen würde, an diesen
dem Dir: einige Zeylen zurücklassen, daß er doch
über hier reisen und sich die Sache an Ort u Stelle ansehen möge. Dr.
Lechner sprach es zu thun; was geschieht, wer kann etwas sagen ja
nur erwarten. Dr. Kriegesmann soll zu Middendorff geäußert haben:
er sey Schüler von Dr.Plochmann in Dresden, habe dort auch Mathematik
getrieben aber daran nicht die mindeste Frucht im Leben erfahren, hier
aber lerne er es anders ahnen und schauen.
Nach dieser Vorführung bestiegen wir zusammen die Huhnnenkuppe
oder die Spitze der Hunnenjungfrau (zwischen dem Wirra[-] und Schwarza-
thal am Eingang in dasselbe). Manches Wort fand sich auch da noch.
In Keilhau war leider Barop nicht anwesend gewesen, indem der-
selbe seiner Mutter und jüngsten Schwester bis Cassel entgegengereist war und heut Abend
oder auch erst morgen zurück kommt. Ich höre die Lehrer und Zöglinge
wollen ihnen eine Ehrenpforte hier im Hofe bauen.
Künftigen Sonntag – dieß will ich doch gleich hier anschließen – wird in
Keilhau ein sehr großes Fest, - das Fest ”Aller Geburt” , oder das
Geburtsfest aller Zöglinge und Lehrer, vielleicht aller Glieder der An-
stalt gefeyert, weil das einzelne Feyern der Geburtstage besonders
dem Hauswesen so beschwerlich vfiel und die Zöglinge doch die Feyer
Iihrer GeburtsTage nicht ganz schwinden lassen wollten. - Die
Feyer soll Morgens früh 8Uhr mit einer religiösen Rede von Kohl
und mit Gesang und Überreichung kleiner Kränze mit Denksprüchen an Jeden fbeginnen, dann sich durch den öffentlichen Gottesdienst erhöhen;
Nachmittags das Naturleben am Colm damit verwoben und Abends durch
Aufführung des Schauspieles –”Der dankbare Sohn von Engel” sich dem /
[259R]
häuslichen und geselligen Familienleben mittheilen, so höre ich als
Programm.
Frau von Ahlefeld, welche vielleicht schon seit 5 Wochen hier in
Blankenburg auf dem Chrysopras oder Schwarzburger Hof wohnt.
wird als dann auch noch hier seyn.
Frau von Ahlefeld scheint mit Christianfriedrich ganz zu[-]
frieden zu seyn, dagegen ist sie es weniger mit Wilhelm, weil
dieser ihr so sehr lange nicht geschrieben hat überhaupt nie eher
schreibt bis er Geld braucht.
Ebenso ist sie nicht gerad zufrieden mit Karl Cl[emens] theils wegen
seiner Äußerungen bey Christians Wilhelms Berufswechsel wo-
zu er ganz wahnvolle äußere Gründe z.B. Wegescharren
könne doch nicht das Geschäft eines Gebildeten seyn rc anführt
dann weil er seit einiger Zeit immer sehr geheimnisvolle Äuße-
rungen nie an Sie [sc.: F. v. Ahlefeld], sondern [an] Christian schreibt. z.B. er würde
ausführlicher schreiben und schon längst für Fr. v.A. Niederge-
schriebenes überschicken wenn Etwas in seinem Leben antworte
oder sich entscheide. Ich habe aber auch wirklich geglaubt daß sich
Karl. Cl. in ein würdevolleres Sohnesverhältniß zur Fr. v.
Ahlefeld gesetzt habe. Fr. v. A. sprach mir einmal aus und
wie es schien als gleiche Angelegenheit von sich wie von Karl:
daß Karl sehr wünsche Keilhau einmal wieder zu besuchen.
Ich sagte ihr: Davon hielt ihn Niemand ab und es hinge dieß auch
von Niemand als von ihm ab, er müsse sich nur in das rechte Ver-
hältniß zu Keilhau stellen nicht aber in ein burschikoses nicht-
achtendes sich überheben. – Ich hätte selbst dieß dem Karl genug
zu verstehen gegeben, er habe aber dazu eine sehr schöne Gelegenheit
vorbey gehen lassen wo Wilhelm an seine Frau [Mutter], seine
Pflegemutter selbst geschrieben Carl aber, der doch zu der Zeit
gerad in Kirchberg gewesen – nur grüßen lassen.-
Doch weßhalb verliehre ich über diese Sache so viel Zeit u Papier?-
Nun nächst der Spießschen Angelegenheit zur Hauptsache dieses Briefs.
Vor einigen Tagen, ich glaub Mittwoch vor 8 Tagen besuchte mich
ganz unerwartet mein Bruder aus Keilhau in meiner Spielschule.
Er schien mit dem, was er wahrnehmen konnte sehr zufrieden, doch
bey dem Nachhausegehen brachte er das Gespräch auf Ferdinand
und dessen Stehen in Willisau – was nach einem Briefe welchen
Elise Sonntag vor 14 Tagen von Ferdinand erhalten hatte – so
gut als aufgelöst zu betrachten sey: Diese Lage Ferdinands schien
mir nun die Hauptveranlassung zu meines Bruders Besuch gewesen
zu seyn theils um sich die hiesigen Verhältnisse anzusehen, theils
um seine u seiner Mutter [sc.: Frau] Wünsche, der Rückkehr Ferdinands
auszusprechen: Ich sagte darauf dem Bruder – wenn Ferdinand
eine Wirksamkeit, wie ich ihm solche in meinem Verhältniß sie
ihn [sc.: ihm] bieten könne angenehm sey so möchte er sich nur darüber mir /
[260]
aussprechen. Ich legte nun den Plan mit Blankenburg wie ich ihn in
meinem Gemüthe trage dem Bruder im Umrisse vor, worauf
er mir sagte: ich möchte dieß doch schriftlich ebenso gegen den Ferdinand
thun. Ich erwiederte ja wenn es Ferdinand wünsche und mich darum
anspräche so wolle ich es gern thun; vorher aber hielt ich es für
besser sich mündlich mit Dir, auf dem Grund meiner Briefe an Dich -
welche meinen Lebensplan ausführlicher enthielten als ich es selbst
jetzt ihm dem Bruder mitgetheilt habe – [zu] besprechen. Um den Ferdi-
nand j nun zu beyden, sowohl zum mündlichen Besprechung mit Dir
als zum schriftlichen mit mir zu veranlassen; wurde Middend.[orff]
von dem Bruder und mir beauftragt nach Rücksprache mit Barop
an Ferdinand zu schreiben. Nach diesen Bestimmungen hielt ich es doch
für gut besonders wegen Ferdinands freundlichen Gedenken[s] meiner
Frau ein Paar Worte an denselben zu schreiben und ihm ganz kurz
alles so eben erwähnte auszusprechen gz besonders aber zu einer
mündlichen Besprechung mit Dir über diesen Gegenstand zu veranlassen.
Heut vor 8 Tagen nun kam Middendorff wieder und brachte selbst ein
paar Zeilen vom Vater an Ferdinand mit. Diese und mein Brief
und Middendorffs größerer Brief gieng[en] nun gleich am darauf fol-
genden Freytag also morgen vor 8 Tagen von Rudolstadt ab. Noch
an demselben Tage Abends – am Freytage – besuchte uns Barop und
sagte uns daß auch er von seinem Standpunkte und seiner Ansicht
aus dem Ferdinand geschrieben und daß so seyn Brief zugleich mit
den unseren an ihn abgegangen seyen [sc.: sey]. Wenn Du nun diesen Brief
bekommst wird er mehrere 4 Briefe – (des Vaters – den meinen –
Middendorffs und Barops) auch erhalten haben. Ich wünsche nun
gar sehr, daß Du den Ferdinand ebenfalls ganz bestimmt veranlassest
über diese seine Angelegnheit auf dem Grund unserer Briefe an ihn
und des morgigen an Dich – besonders über mein hiesiges Wirken,
dessen Geist und Zweck recht aufrichtig, ohne den leisesten Hinterhalt,
zu besprechen. Ferdinand scheint mir jetzt an dem wichtigsten Wende-
punkt seines Lebens zu stehen, wo Klarheit, Um- Über- und Durch[-]
sicht alles gilt, ganz besonders aber wenn er mein hiesiges Wirken für
sich und seine Theilnahme daran, der Beachtung wert hielt[e]
denn ein ächt seegensreicher, fried- und freudvoller Verein zwischen [uns]
könnte nur wie in der Ehe auf der klaren u reinen Erfassung des
Lebensgrundgedankens und der hingebenden Pflege an demselben beruhen
sonst würde Ferdinand bey einem etwa doch erfolgenden Zusammentreten
wohl ein Arbeiter, allein kein Mitarbeiter und noch weniger ein
Mitgenosse des gemeinsam zu pflegenden Lebens werden. Deßhalb
empfehle ich Dir und ihm das Ganze zur ernstlichsten und rein mensch[-]
lichen Berathung.
Nun noch etwas für Dich und mich ganz und gar allein. Wenn
Ferdinand die Schweiz verlassen sollte u müßte, wie steht es mit
den Zahlungen in Sursee an die Druckerey u die an Marie in Wartensee /
[206R]
wirst Du nicht die Entscheidung deßhalber abwarten müssen, ehe Du Geldsen-
dung an mich machst? – Zwar glaube ich daß alle Forderungen an
Willisau auf das Vollkommenste gedeckt werden, wenn die von
uns d.i von der Anstalt (nicht vom Verein angeschafften Bette
Matrazzen auch Möbel z.B. eine Commode wenigstens u. s. w. verkauft werden. Die Quittungen müssen alles
ausweisen. Mein oder
vielmehr meiner Frau Bette sollen keinesweges verkauft werden,
weil ich diese, sollte sich das Ganze hier erweitern, selbst sehr nothwen-
dig bedarf: Doch der erste Punkt soll rein und einzig nur zwischen Dir
und mir zunächst verhandelt werden.
Heut habe ich nach Erfurt geschrieben und Deinem Bruder Dein und
all der Deinen Wohlseyn gemeldet. Auch ich und wir alle haben uns
über diese Nachricht innigst gefreut. Allen die freundlichsten Grüße
besonders auch von der treusinnigen, unermüdlich fleißigen und für
mich besorgten Malchen. Ich danke Gott daß ich sie jetzt habe, sonst
glaube ich, ich ginge jetzt wenn ich mich auch um die Küche und das
Haus im Einzelnen bekümmern müßte ganz zu Grunde. -
Deiner lieben Frau meinen besonderen Gruß u Dank. Sie wird
ohne Zweifel bald Erwiderung auf ihre lieben Zeilen von mir erhalten.
Die von Dir gewünschte Sendung solle das erste seyn was ich besorgen
werde.
In Keilhau ist alles wohl, diese Woche war große Wäsche, in
der vorigen hat Elise Malchen auf 2 Nächte und 1 Tag besucht.
Hier in Blankenburg will sich jetzt alle 14 Tage Mittwochs von
1-4 Uhr Nachmittags eine Schullehrer Conferenz bilden, wozu ich
mit meinen Seminaristen eingeladen bin und woran auch Keil[-]
hauer Lehrer z.B. HErr Kohl rc Antheil nehmen werden. Gott
möge geben daß etwas Tüchtiges und Bleibendes daraus hervor-
gehe, unser hiesiger HErr Superint. - welchen Du ja kennst ist
natürlich an der Spitze.
Vor ein Paar Tagen hat mir HErr Cant.[or] Karl geschrieben und mich
gebeten ihm für die nächste Conferenz der Schullehrer der Hildburg[-]
hauser Diözes[e], deren Führer er HErr Carl ist, folgende Fragen zu
beantworten:-
“1. Bey welchen Lehrgegenständen ist der synthetische, und bey welchen der
“analytische Lehrgang anzuwenden.
”2. Wann ist der Unterricht wissenschaftlich und wann ist er elementarisch?-
“Bey der zweiten Frage würde freylich nöthig seyn zu erklären, was heißt
elementarisch, und was heißt wissenschaftlich”? - u.s.w.
Wie wäre es L. wenn Du mir gelegentlich doch nicht zu spät auch Deine
Ansichten mittheiltest; vielleicht auch den Ferdinand zur Beantwortung, dieser
Frage[n] einlädest, ich theilte Dir auch die Andeutung zu meiner Beantwortung
mit, so könnte dieß gleich besonders für Ferdinand ein Punkt und Gegenst[an]d
zu gemeinsamer Verständniß werden u.s.w. u.s.w.
Von Dr. Bahrs aus Groß[-]Lafferde bey Hildesheim, welchem ich auf Veranlassung /
[261]
von Dr. v. Leonhardi, die Dir bekannte ‘Lebenserneuung’ zuschickte erhielt ich vom
12n d. M. folgende Antwort: ”Hochgeehrtester Freund!” So darf ich Sie
ja wohl nennen, da wir durch ein Gleiches Streben, und die gemeinsame Verehrung
des größten Weisen unseres Zeitalters [:Krause] [Einfügung Fs] im Geist u Herzen längst vereint
sind, wenn auch äußerlich getrennt. Auch Sie haben mir durch Mittheilung der Be[tr]achtung
über Erziehung und vorzüglich des nur für Freunde bestimmten Manuscriptes “Le-
benserneuung” den Beweis gegeben, daß ich Ihnen kein ganz Fremder mehr bin. Aus dem
allen sehe ich, daß es Ihr Streben ist, Ihre Erziehungsanstalt in eine große Familie
zu verwandeln, Sie erreichen dadurch; je mehr sie sich ausbreitet, um so mehr
die Lösung des wichtigsten Problems der Erziehungswissenschaft, die so lange ver[-]
geblich versucht ward, die Vortheile der öffentlichen und häuslichen Erziehung
zu verbinden, und bereiten einen noch umfassenderen innigeren Verein,
“den Menschheitsbund fvor, dessen Darstellung im äußeren Leben sich vielleicht einst
”an die verschiedenen Pflanzstädtten Ihrer Anstalt knüpfen könnte.” - u.s.w. /
[261R]
Ich theile Dir dieß auch für Ferdinand mit, Du und Ihr seht daraus wie viel-
seitig sich jetzt hier u in Deutschland das Leben regt, allein ich stehe im Inner-
sten meines Wirkens noch viel zu allein zu wenig mit absolut eingehenden
mitwirkenden Kräften umgeben da, als daß ich alles nach Würden u Werth
Bedeutung und zum Keimen, Wachsthum, Blüthe u Frucht pflegen könnte. Ich hätte
noch einen wichtigen Punkt aus Dr. Bahrs Brief, “über Erziehung zur Wesen[-]
schauung” heraus heben können, doch Zeit u Raum ist zu klein. Bearbei-
tet nun Ferdinands Leben recht und sucht Euch recht bestimmt klar zu machen;
- was nach dem gesammten Stande der Lebensverhältnisse und Ferdinands
eigenem innersten Stehen u Streben nothwendig zu thun ist: -
Gott befohlen; ich muß schließen. So eben geht auch ein Brief von Midden-
dorff (u. wie eingeschlossen) an. v. Leonhardi. Von Frankenberg liegt einer auf
der Post den die Bothin vergessen hat.- Warum noch kein 2r Seminarist
gefunden?- Es macht die Sorge ums äußere Leben[s] und Lieben in einer gewissen
Carriere herauf zu humpeln als selbst sich sein Leben zu bilden.-      D. u. E. Fr. Fr.

Geschlossen am 26 July 39