Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Theophil von Nowosielsky in Warschau v. 13.10.1839 (Blankenburg)


F. an Theophil von Nowosielsky in Warschau v. 13.10.1839 (Blankenburg)
(BN 584, Bl 1-2; dat. Entwurf, 1 schmales Bl fol + 1 Bl 8° 3 S.; BN 584, Bl 3-4, Abschr. 1 B 4° 4 S.)

a) Entwurf (BN)

(He[.] v[.])

Blankbg d 13 Oct. 39.


Hochwohlgeborner Herr,
Hochgeehrtest[e]r Herr u[nd] Freund!


(He von Nowosielsky, Inspector
der Wohlthätigk[ei]tsanstalt in
Warschau.)

Was werd[en] Sie von mir gedacht
hab[en] u noch von mir denken
daß Sie nun fast seit 3/4 Jahr[e]n nichts
von mir gehört u auf Ihr[en] so
freundschaftl u lieben Brief [au]s Prag,
welcher mir leider in Leipzig et-
was verspätet zu Händen gekommen
ist, keine Antwort erhalten haben.
Allein seit jener Zeit bin ich in
ein solches Getriebe von Lebensfor-
derungen u ein Drängen von mich
fast aufreibenden Lebensschicksalen
gekommen, <wer> die mir, ob ich gleich
fast tägl Ihrer u meiner Verpflicht[un]g[en]
gegen Sie gedacht habe, doch gänzlich
un mögl machten, denselben entgegen
zu kommen. In obiger Beziehung
erwähne nur das, daß ich bey meine[r]
Rückkehr aus Dresden u Leipzig mein[e]
Frau u innigste Lebensfreundinn
so krank fand, daß nicht nur Ihre Ge-
nesung nicht mehr zu hoffen, sondern
Ihr Verlust un unterbrochen zu er-
warten war. Vor dem Eintritt
desselben aber, der am 13tn May
erfolgte, {hatten wir / traf uns} noch das
herbe Schicksal,
daß wir ihre töchterlich gesinnte
Pflegerinn 14 Tage früher ver-
loren. Diesem füge ich nur noch
hinzu daß dieß grade in die Zeit
traf, welche zur <der> Eröffnung d[er]
<erste> mit Ihn[e]n in Dresden be-
sprochen[e]n[en] Pflegeanstalt für Kind[er]
u Kinderführer bestimmt war.
Doch was hilft es mir, Sie durch diese
Darstell[un]g[e]n zu ermüd[e]n; es ist mi[r]
doch un möglich, Ihnen ein Bild <aus> [sc.: eines]
vereinzelten u verlassen[e]n Zustan-
des u den vielseitig gesteigert[e]n Anforderung[en] an mich zu geben, in den mich jener
doppelte Verlust in Verbind[un]g mit
mein[em] erziehenden Unternehmen [setzte].
Ich muß nur wiederhol[e]n, was ich
schon aussprach: un mögl war
es mir den Forde[run]g[en] meines Herze[n]s
zu genüg[e]n u Ihnen Nachricht von mir
zu geben. <Ihr Keil>
Jetzt aber will ich eine Gelegenh[ei]t,
welche sich mir unerwartet dazu
darbietet, nicht un genutzt vorüb[e]r-
gehen lassen.
Ein alter Freund der Keilhau[e]r
Erzieh[un]gsanstalt sagt mir so eben
d[a]ß Morgen [einer] aus sein[em] Kreise nach War-
schau reise. Ich benutz ergreife diese
Geleg[en]h[ei]t Ihnen ei[ni]ge Nachricht von
mir zu geb[e]n u Ihnen vor allem /
zur Nachricht u zum Gebrauch
für Sie ei[ni]ge Exemplar[e] der Anzeige von
der Anzeige der oben gedacht[e]n mit dem Monat
Juny hier eröffneten
Pflegeanstalt zu übersenden,
so wie einige Abschrift[e]n aus
öffentl[ichen] Blätte[r]n beyzufüg[e]n, welche
Ihnen eine klare Zeugschaft ableg[e]n
können, welch[e]n Fortgang mein
Wirken nam[en]tl[ich] in Dresden u
Frankfurt hat. Noch in <andern>
deutschen Blätte[r]n ist mehrer[es]
darüber erschien[en], auf welche
ich freylich mich nicht bezieh[e]n kann,
da diese Blätte[r] Ihr Vaterland
nicht betreten. Eines will ich
nur erwähnen, daß ein guter Auf-
satz darüber in der
vor Kurzem Allgem. Augsburger Zeit[un]g steh[e]n
soll, welchen ich aber selbst nicht
geles[e]n habe auch nicht einmal
die Nummer des Blattes weiß.
Der Aufsatz soll von einem sehr
gebildet[e]n u eingeh[en]d[e]n jung[en] Mann
(He v. Leonhardi z[u] Frankfurt
am Mayn) seyn, dessen Wirk-
samkeit u Wesen zur Kindheit[s]-
pflege, wenn ich es mir zu sagen
erlauben darf, viel ähnliches
mit dem Ihrig[e]n hat.
Auch benutze ich diese Geleg[en]h[ei]t
Ihnen die bis jetzt weiter
erschien[enen] 5 Num. des Sonntbl.
B. II. zu überschick[e]n indem
ich mich nicht erinnere, was u wie-
viel ich Ihn[e]n davo[n] in Dresden mit-
getheilt habe. Sobald ich Zeit
dafür ha gewinn[e]n kann, wird
die Fortsetz[un]g aller der von mir in
dieser Bezieh[un]g begonn[enen] Drucksach[en] erfolg[e]n.
So eben kommt mir in einem viel-
geles[enen] deutsch[e]n Blatt dem Allgem[einen]
Anzeiger d[er] Deutsch[e]n No 276 v.
10tn Octob ein Aufsatz, wie es
scheint vo[n] ein[em] Bewohner der Stadt
Blankenbu[r]g zu Gesichte, den ich
Ihnen gern abschriftl mittheilte
weil er Sie lebhaft in d[ie] Mitte
des hiesig[e]n Wirkens u[n]d dessen Erfolg
bey den klein[en] Kind[er]n der[e]n ich etwa
40-50 vom 1. bis 7tn Jahre habe
versetzen würde. Allein die Zeit ist
jetzt dazu zu kurz. Vielleicht ist ab[e]r
auch dieses Blatt in ein[em] Lesezirkel
Ihrer Vaterstadt, indem sein Inhalt
höchst allgem[e]in u es demnach auch
außer Deutschl[an]d sehr verbreitet ist.
Doch nun zur H[au]ptsache d[ie]ses Briefes.
Ich frage näml bey Ihnen an, ob Sie
noch wünschen zur Anwend[un]g in
Ihrer Wohlthätigk[ei]tsanstalt eine be-
stimmte Anzahl von Spiel[-] u Beschäftig[ung]s-
mitteln von mir zu erhalten.
Wie ich so eben höre, würde sich dieß
leicht durch das Handelshaus /
[2]
Georg Loth in Warschau vermitteln lassen. Ich möchte darüber
nun Ihre wiederholte klare Bestimm[un]g hören. Nach Abgang der Sach[e]n
von hier könnte die Send[un]g vielleicht innerhalb 2 bis 3 Wochen in Ihr[e]n
Händen seyn. Die deßhalb von Ihnen gewünscht[e]n Preisbestimmung[e]n
werde ich Ihnen, da jetzt die Zeit zu kurz ist, mit nächstem durch die
Post übersenden u Ihnen d[e]r Sicherheit halben eben vom Abg[an]g dieses Brie-
fes Nachricht geben; welcher Ihnen durch eine das genannte Handelshaus
auf dem Weg der persönl[ichen] Besorgu[n]g zukomm[e]n wird.
So wüßte ich nun nichts mehr zu sagen, als daß als den Wunsch auszu-
sprechen, daß Sie mir [nicht] gleiches mit gleich[em] erwiedern, sondern ich recht
bald einige Kunde von dem Fortgang u Stand Ihres Wirkens hab[e]n möchte[.]
Ich werde nicht ermangeln auf dem nun erkund[e]t[e]n Wege Ihnen von
Zeit zu Zeit ausführl Nachricht von mein[em] hiesig[e]n Wirk[e]n zukomm[e]n zu lass[en],
die ich von nun an stetig für Sie sammeln u bereit halt[e]n werde.
He Mid[den]d[or]ff wirkt hier mit mir ganz in demselb[e]n Geist u Eifer u
mit d[e]m Erfolg u Sorg[e]n bey d[en] Kind[er]n dem erkannt[e]n Ziele entg[e]g[e]n, welches Ziel
auch anfängt in all[e]n Ständ[e]n u Classen jetzt als das einzig zu erringend[e]
was uns allen noth thut erkannt zu werden, wofür ich mir
außer dem zuletzt gedacht[e]n noch ein[en] Beweis anführ[en] will, d[a]ß mir die hiesige
Stadt an mein[em] letzt[e]n Geburtst[a]g <das> als ein Zeichen der Dankbarkeit für
das von mir festgehalt[e]n[e] lebensziel das Ehrenbürgerrecht der Stad über-
reicht hat.- Unter der herzl Begrüß[un]g von He Mddff u mir u mit
der Versiche[run]g unveränd inniger Hochschätzu[n]g unverändert
        Ihr
freundschaftl ergebener.

b) Abschrift (BN)

Herrn von Nowosielsky, Inspector der Wohlthätigkeitsanstalt in Warschau

Blankenburg bey Rudolstadt am Thüringer Walde den 13ten
October 1839.


         Hochwohlgeborner Herr,
Hochgeehrter Herr und Freund!

Was werden Sie von mir gedacht haben und noch von mir denken, daß
Sie nun seit fast 3/4 Jahren nichts von mir gehört und auf Ihren so freund-
schaftlichen und lieben Brief aus Prag, welcher mir leider in Leipzig etwas ver-
spätet zu Händen gekommen ist, keine Antwort erhalten haben. Allein seit jener
Zeit bin ich in ein solches Getriebe von Lebensforderungen und ein Drängen von mich fast
aufreibenden Lebensschicksalen gekommen, die mir, ob ich gleich fast täglich Ihrer und
meiner Verpflichtungen gegen Sie gedacht habe, doch gänzlich unmöglich machten,
denselben entgegen zu kommen. In obiger Beziehung erwähne ich nur, daß ich bey
meiner Rückkehr aus Dresden und Leipzig meine Frau und innigste Lebensgefähr-
tinn so krank fand, daß nicht nur i Ihre Genesung nicht mehr zu hoffen, sondern ihr
Verlust eine lange Zeit hindurch ununterbrochen zu erwarten war. Vor dem Eintritt
desselben aber, der am 13ten May erfolgte, traf uns noch das herbe Schicksal, daß
wir ihre töchterliche Pflegerinn 14 Tage früher verloren. Diesem füge ich nur
noch hinzu, daß dieß grade in die Zeit fiel, welche zur Eröffnung der mit
Ihnen in Dresden besprochenen Pflegeanstalt für Kinder und Kinderführer be-
stimmt war. Doch was hilft es mir Sie durch diese Darstellungen zu ermüden.
Es ist mir doch unmöglich, Ihnen ein Bild meines vereinzelten und verlassenen
Zustandes und der vielseitig gesteigerten Anforderungen an mich zu geben, in den
mich jener doppelte Verlust in Verbindung mit meinem erziehenden Unternehmen
setzte. Ich muß nur wiederholen, was ich schon aussprach: unmöglich war es mir /
[3R]
den Forderungen meines Herzens zu genügen und Ihnen Nachricht von mir
zu ertheilen. Jetzt aber will ich eine Gelegenheit, welche sich unerwartet
mir dazu darbietet, nicht ungenutzt vorübergehen lassen.
Ein alter Freund der Keilhauer Erziehungsanstalt sagt mir so eben, daß
Morgen einer aus seinem Kreise nach Warschau reise. Ich ergreife diese
Gelegenheit Ihnen einige Nachricht von mir zu geben, und Ihnen vor allem
zur Nachricht und zum Gebrauch einige Exemplare der Anzeige von der
obengedachten mit dem Monat Juny hier eröffneten Pflegeanstalt zu
übersenden, so wie einige Abschriften aus öffentlichen Blättern bey-
zufügen, welche Ihnen eine klare Zeugschaft ablegen können, welchen Fort-
gang mein Wirken namentlich in Dresden und in Frankfurt a/M hat.
Noch in andern deutschen Blättern ist mehreres darüber erschienen, auf
welche freylich ich mich nicht beziehen kann, da diese Blätter Ihr Vaterland
wohl nicht betreten. Eines will ich nur erwähnen, daß ein guter
Aufsatz darüber vor Kurzem in der Allgemeinen Augsburger Zeitung
erschienen seyn soll, welchen ich selbst aber nicht gelesen habe, und wovon ich auch
nicht einmal die Nummer des Blattes weiß. Der Aufsatz soll von einem
sehr gebildeten und eingehenden jungen Mann (He von Leonhardi zu
Frankfurt a/M) seyn, dessen Wirksamkeit u. Stehen zur Kindheitspflege
wenn ich es mir zu sagen erlauben darf, viel ähnliches mit dem Ihren hat.
Auch benutze ich diese Gelegenheit Ihnen die bis jetzt weiter erschienenen 5 No des
Sonntagsbl. Band II. zu überschicken, indem ich mich nicht erinnere, was und
wieviel ich Ihnen davon in Dresden mitgetheilt habe. Sobald ich Zeit gewinnen kann,
wird die Fortsetzung aller der von mir in dieser Beziehung begonnenen Druck-
sachen erfolgen. /
[4]
So eben kommt mir in einem vielgelesenen Blatt den [sc.: dem] Allgemeinen Anzeiger
der Deutschen No 276 vom 10tn Octob. d. J. ein Aufsatz, wie es scheint, von einem
Bewohner der Stadt Blankenburg zu Gesichte, den ich Ihnen gern abschriftlich mit-
theilte, weil er Sie lebhaft in die Mitte des hiesigen Wirkens u dessen Erfolg bey den
kleinen Kindern, deren ich etwa 40 bis 50 vom 1tn bis 7tn Jahre habe, versetzen
würde. Allein die Zeit ist dazu zu kurz. Vielleicht ist aber auch dieses Blatt in einem
Lesezirkel Ihrer Vaterstadt, indem sein Inhalt höchst allgemein, und es demnach
auch außer Deutschland sehr verbreitet ist.
Doch nun zur Hauptsache dieses Briefes. Ich frage nämlich bey Ihnen an, ob
Sie noch wünschen, zur Anwendung in Ihrer Wohlthätigkeitsanstalt, eine be-
stimmte Anzahl von Spiel[-] und Beschäftigungsmitteln von mir zu erhalten.
Wie ich eben erfahre, würde sich dieß leicht durch das Handelshaus Georg Loth
in Warschau vermitteln lassen. Ich möchte darüber nun Ihre wieder-
holte klare Bestimmung hören. Nach Abgang der Sachen von hier könnte die
Sendung vielleicht innerhalb 2 bis 3 Wochen in Ihren Händen seyn. Die deß-
halb von Ihnen gewünschten Preisbestimmungen werde ich Ihnen, da jetzt die
Zeit zu kurz ist, mit Nächstem durch die Post übersenden, und Ihnen der Sicherheit
halben, eben vom Abgang dieses Briefes Nachricht geben; welcher Ihnen durch
das genannte Handelshaus auf dem Wege der persönlichen Besorgung zu kommen
wird.
So wüßte ich nun nichts mehr als den Wunsch auszusprechen, daß Sie
mir nicht gleiches mit gleichem erwiedern, sondern ich recht bald einige
Kunde von dem Fortgange u Stande Ihres Wirkens haben möchte. Ich würde
nicht ermangeln, auf dem nun erkund[e]ten Wege Ihnen von Zeit zu Zeit
ausführliche Nachricht von meinem hiesigen Wirken zukommen zu /
[4R]
lassen, die ich für Sie von nun [an] stetig sammeln und bereit halten werde.
He. Middendorff wirkt hier mit mir ganz in demselben Geist und Eifer
und mit dem Erfolg und Seegen bey den Kindern dem erkannten Ziel ent-
gegen, welches Ziel auch anfängt in allen Ständen u Classen jetzt als das ein-
zig zu Erringende, was uns allen noth thut, erkannt zu werden, wofür
ich mir außer dem zuletzt gedachten noch den Beweis anführen will, daß mir
die hiesige Stadt an meinem letzten Geburtstag als ein Zeichen der Dank-
barkeit für das von mir festgehaltene Lebensziel, das Ehrenbürgerrecht
überreicht hat.
Unter herzlicher Begrüßung von He Middendorff und mir und
mit der Versicherung inniger Hochschätzung unverändert
Ihr

freundschaftlich ergebener
Friedrich Fröbel.