Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an den Prediger und Konsistorial-Assessor Ludloff in Sondershausen v. 16./18.10.1839 (Blankenburg)


F. an den Prediger und Konsistorial-Assessor Ludloff in Sondershausen v. 16./18.10.1839 (Blankenburg)
(In BN 617, Bl 7 undat. Entwurfsfragment 1 Bl fol 1 S.; in BN 549, Bl 1-4 dat. Entwurf 2 B fol 8 S.; Abschriften dieses Entwurfs in KN 55,26 und BlM IX,12, Bl 55-57; im PFH Berlin Abschr. von fremder Hand, aber von F. unterschrieben und auf S. 2V erweitert. - Das Blatt des Entwurfsfragments ist in BN fälschlich der Korrespondenz mit Rüte zugeordnet (wohl wegen 7R). Es enthält:
- 1. Entwurfsfragment an Ludloff, wohl v. 16.10.1839 (7V)
- Briefnotiz für eine geplante Sendung an Anna von Mannsbach (7V)
- Briefnotiz für eine geplante Sendung an Jesaias Hochstädter (7V)
- Notiz ("Brief") für Herrn Berger mit der Bitte, Brief an Rüte abzuschreiben; das Blatt wurde offenbar als vorläufiger "Umschlag" für einen Rüte-Brief benutzt, den Berger abschreiben soll)

a) Entwurfsfragment (BN 617)

[7]
[Text 1:] In Beziehung auf die Verflechtung , auf die
der <frühe[n]> zweckmäßigen Führung u Beschäftigung kleiner
Kinder u besonders der frühen angemessen[en]
Pflege ihres Thätigk[ei]tstriebes der Kindht besonders
mit den bestehenden Einrichtungen des Elemen-
tarschulwesens u in Beziehung auf die Einführung
jener Kindh[ei]tspflege in d[ie] Familie u überhaupt
in das gesammte gesellige u bürgerliche Leben
scheint mir der Gedanke, und dessen Aus-
führung höchst wichtig: daß von den bestehenden
Erziehungsbehörden eines Landes in Beziehung
auf die Landesseminarien die Einrichtung
gestellt getroffen u d[ie] Forderung gestellt würde
daß alle diejenigen die sich dem Elementar-
schulwesen in Stadt u Land widmen wollten
einige Jahre der in Beachtung stehenden Kin-
derpflege gewidmet haben müßten, wodurch
gewiß wesentliches für das Schulwesen
jedes Landes gewonnen werden würde.
Ich erlaube mir nur diese Andeutung um
die Möglichkeit der Beantwortung der sich leicht
aufdräng[en]den Frage zu zeigen: "Wie ist nun
aber die Einführung dieser wohl an sich wichtigen
Sache unter den bestehenden Verhältniss[en]
u bey den sich gewöhnl[ich] nur vorfindend[en] geringen
Mitteln möglich?["]

[Text 2:] An die Frau von Mansbach zu senden
1, ihre bestellten Sachen
2, 1 Exemplar an unser deutsches Volk < ? > von der < ? >
3, 1 Exemplar Frankfurter u Dresdener Nachrichten
4. 1 Erziehungslehre ?

[Text 3:] An Hochstädter zu senden.
1 Abschrift aus dem allgem. Anzeiger der Deutschen
1 Erziehungslehre

[7R]
[Text 4:]
Herr Berger!
Seyn Sie so gefällig das Abschreiben des inliegenden Blattes morgen früh Ihre erste Arbeit seyn zu lassen. Mir ist es gleichgültig ob Sie die Abschrift auf Brief- oder auf Schreibepapier machen.
Fr Fr

Nach Bremen an den H. Dr Rüte bestimmt

b) Entwurf (BN 549)

[1]
Sr Hochehrwürden den Herrn Prediger u Consistorial-Assessor Ludlof[f] in Sondershausen


Blankenburg bey Rudolstadt am
Thüringer Walde den 16ten October 1839
Herr Barop welcher auf seiner jüngsten Reise mit
Zöglingen d[er] Keilhauer Erziehungsanstalt durch Sondershausen
das Vergnügen hatte, sich mit Ihnen und dem Prinzener-
zieher He. Döbeling über Gegenstände der Erziehung
zu besprechen, hat mir bey seiner Rückkehr mitgetheilt,
wie Sie sich gegenwärtig mit der Ausführung einer
Kleinkinderanstalt in Sondershausen, so wie
überhaupt mit einer durchgreifenden Verjüngung des
Erziehungs- u Unterrichtswesens, im Einklange mit
allen dabey betheiligten Personen u Verhältnissen,
beschäftigen, u mich aufgefordert, mit der ge-
wissen Versicherung, daß es Ihnen keinesweges
nicht unangenehm seyn würde, aufgefordert, Ihnen
offen und frey meine Ansicht darüber mitzu-
theilen.
Ich selbst bin nun zu tief von der Wichtig-
keit des Gegenstandes durchdrungen, u He Barop hat mir
so viel Erfreuliches von den Gesammtverhältnissen
in u unter welchen Sie wirken, ausgesprochen, als daß
ich nicht Anstand nehmen sollte darf der Aufforderung des-
selben zu genügen folgen. Von diesem Standpunkte
aus bitte ich Sie das Nachstehende prüfend auf-
zunehmen u nach Ihrem besten Ermessen im
Bereich Ihrer Wirksamkeit davon Gebrauch
zu machen.
Um für meine Mittheilung eine bestimmte
Unterlage zu gewinnen haben, ist es wohl nur nöthig halte ich es zweckgemäß
uns gegenseitig Nachstehendes auszusprechen. /
[1R]
Erstlich sind wohl alle diejenigen, welche den gegen-
wärtigen Bildungszustand des Menschengeschlechtes
ungeschwächt und denkend,
in Beziehung auf seine Ursachen und Folgen, auf sich einwirken lassen überwiegend
zum größten Theil der Überzeugung, daß das Bildungs
Erziehungs- u Unterrichts-, d.i. das gesammte Bildungs-
wesen des Menschen in allen Lebensverhältnissen
und Ständen, einer durchgreifenden Verjüngung
und Erneue[r]ung bedürfe.
Zweytens daß diese aus der Gesammtlage
der Lebensverhältnisse mit Nothwendigkeit hervor-
gehende Erziehungs-, Bildungs- und Lebensverjüngung
gleich von dem frühesten Lebensalter des Menschen,
gleich mit den ersten Jahren des Kindes beginnen
müsse.
Drittens daß aber das was für den Menschen in den
diesen frühern Jahren, in der Zeit seiner Kindheit (für das Kind
u die für die Kindheit in dem frühern Lebens-
alter
geschehen müsse, keinesweges vereinzelt
u zusammenhangslos mit den übrigen Entwick-
lungs- u Bildungsstufen u den gesammten Lebensver-
hältnissen des Menschen, noch weniger aus denselben
herausgerissen u vereinzelt, dastehen dürfe, vielmehr in
dem innigen und allseitigen Lebenszusammen-
hange beachtet u pflegend ausgeführt werden
müsse.
Viertens daß der Mensch zwar gleich von seinem
ersten Auftreten von seinem Geborenseyn an, als Vernunftwesen
u zur Vernünftigkeit bestimmt betrachtet u be-
handelt werden müsse, daß er aber gleich von seinem
ersten Erscheinen, von seinem Geborenseyn an als

aber als ein einiges, Gan ungetheiltes Ganze u nicht zu /
[2]
trennendes Ganze in Hinsicht auf sein Fühlen
Denken u Thun, als in Beziehung auf sein physisches, moralisches -religiöses
u intellectuelles Wesen behan (durch welches dreyes geeint
sein religiöses Seyn sich tief im u durch den Menschen das Religiöse sich ausspricht u ausspricht und aussprechen
soll) behandelt werden müsse.
Fünftens daß der Anknüpfungs- vielmehr
der Ausgangs-, der Quell- u Keimpunkt dazu
der sich gleich mit dem Erscheinen des Kindes sich in
ihm äußernde Lebens- Thätigkeits- u Bildungs-
trieb sey.
Sechtens daß der Lebens-, der schaffende
Thätigkeits- der Beschäfti-
gungstrieb des Menschen
bedingt ist in der Einheit
alles Lebens, in der Quelle
aller Kraft.
Sechstens Siebentens, daß dieser Lebens-, Thätigkeits- Beschäftigungs u Bil-
dungstrieb wir wie im einzelnen Kinde u Menschen
von der ersten ihm unbewußten Äußerung an
bis zur vollen Erfassung mit Bewußtseyn
u Selbstbestimmung, so auch in der Gesammtheit
der verschiedenen menschlichen Verknüpfungen
u des Familien-, geselligen u bürgerlichen Lebens-
verkehres, überhaupt zur u für
Darstellung reines
Menschheitslebens in allen
Verhältnissen festgehalten werden müsse.
Können wir uns nun über diese hier aus-
gesprochenen Punkte vereinigen, oder noch besser
sind wir gleich unmittelbar, nachdem sie nur
ausgesprochen sind, über ihre Wahrheit einverstanden,
so wird es uns auch sogleich entgegentreten, wie
wichtig die Einrichtung u Ausführung einer Pflege-
anstalt der Kindheit, eine obgleich unrichtig so genannte Klein-
kinderschule, eine Anstalt
zur Pflege des Thätigkeitstriebes der Kinder,
für alle weiteren gegenwärtigen u künftigen
Lebensverhältnisse sey u wie nur schon der
Gedanke an dieselbe das gesammte Menschen-
leben in seinen verschiedenen Entwicklungsrichtungen
und -Stufen umfassen müsse, u daß darum auch
eigentlich der Gedanke an die Ausführung einer Klein- /
[2R]
kinder-Pflege- u -Bethätigungs-Anstalt gar nicht
gedacht werden dürfe, ohne zugleich die Gesammtheit
der Lebensentwicklung dabey fest im Auge zu haben;
denn das Errichten u Auftreten einer ächten
u dem Zwecke ganz genügenden Kinder-Pflege- u
Bethätigungs-Anstalt greift höchst merkwürdiger Weise
tiefer in das Fam als alle an-
dern Lehr- und Bildungs-Anstalten für die Jugend
in das Familien-, in das Schul- und bürgerliche
Leben ein, und ist dies ist auch schon als ein Dawider öffentlich aus-
gesprochen worden. Allein eben dieß sollte keinesweges
nicht als ein Dawider, sondern vielmehr als ein
Dafür sollte dieß aufgenommen u bezeichnet werden;
denn eben das ist es ja, was wir nach so viel-
seitigen, u lauten abermaligen u wiederkeh-
renden Äußerungen so oft hören daß es dem Leb[en] fehlte
als dem Leben fehlend hören: Verjüngung u Erneuung, Klärung u Veredelung genü-
gender Familien- und Lebensverhältnisse.
So nun wird es klar seyn, in welcher hohen
Wichtigkeit ich mir die Errichtung von einer oder
einiger ja mehrere solcher Kinderpflege[-] u Bethäti-
gungsanstalten in einer Stadt, noch vielmehr in
einem Lande oder Staate denke, u in innigem Zu- u. im innigsten
Zusammenhange mit demselben, so klein sie eine solche Anstalt auch er-
scheinen mag. , denke, ähnlich wie So steht im Herbste,
wo Blätter und Früchte von dem abgelebt u fast
erstorben scheinenden Baume sinken, doch die
kleinste Knospe am kleinsten Zweige im innigsten
Zusammenhange nicht nur mit dem Leben des
gesammten Baumes, sondern mit der ganzen Erde,
ja mit der ganzen Natur steht, so daß sich durch, und durch sie entfaltet
sich mit dem wiederkehrenden Frühlinge gleich-
sam eine neue Welt eine neue Schöpfung,
eine junge Welt entfalte. /
[3]
[links oben:] 2.[Bogen] He. Ludlof[f] in
Sondershausen
Errichtung einer Kinderpflege-
anstalt betreffend daselbst
Möchte dieses Bild in seiner Einfachheit u Wahr-
heit sich recht lebenvoll vor Ihnen gestalten! so
dürfte ich hoffen in dem Nachfolgenden von
Ihnen nicht miß- sondern zur eingehenden
Mitwirkung gerade recht lebenvoll verstanden
zu werden.
Wie nun die kleinste Knospe an einem Baume
sich an demselben nicht ohne inniges Zusammenleben
u Wirken mit ihrem Zweige, an welchem sie sitzt,
mit dem Aste u Stamme, zu welchem sie gehört,
mit der Erde, in welcher dieser Baum steht, mit
der Atmosphäre, die ihn umweht, mit der Sonne
die ihn erwärmt u belebt u mit der gesammten
Natur, in welcher er gewächst wächst u gedeiht -
wie diese kleinste Knospe an einem
Baum <sage> ich, nicht
ohne das innigste Zusam-
menwirken mit diesem
Ganzen sich

zur Vollendung
entfaltet: so kann auch ohne ein inniges Zu-
sammenwirken aller Lebensverhältnisse
selbst
aus den nur nebensächlich erscheinen-
den Kleinkinderbewahranstalten, sogenannten
Kleinkinderschulen, so sehr wir es auch ahnen und
erwarten, ohne ein inniges Zusam-
menwirken aller Lebens-
verhältnisse doch kein der Menschheit genügendes
Ergebniß, keine derselben entsprechende[n] Blüthen
u Früchte, daraus hervorgehen.
Freylich muß Alles der einzelne Mensch erst selbst in sich selbst pflegen
entwickeln u darleben, dann in Lebenseinigung,
es gehe diese rein vom Geiste aus oder aus dem durch die
Natur bedingten Familienverhältnisse hervor hervor. Daher
ging mein Streben vor allem zunächst dahin, mir
selbst <vorerst> über d[en / ie] Grundgedanken und Gegenstand
meines Lebens möglichst klar zu werden, dann mich zur Ausfüh-
rung desselben mit mir mir gleichgesinnte
Männer u Freunde zu einen, dann Familien dafür
zu erwecken u zu beleben, endlich ganze Gemein-
sammheiten, Orte und Städte dafür zu gewinnen, /
[3R]
u ich läugne es nicht verhehle, denn warum sollte ich es auch
daß ich wohl wünschte, zunächst den Wunsch nicht, es möchte wenigstens
die Regierung Eines ganzen Landes, Ein Staat eines
deutschen Landes, Eines Staates, eines deutschen
Staates auf
seine Aufmerksamkeit auf diesen Gedanken, aus Gründen die in seiner Geschichte liegen Gegenstand hinwenden.
Denn wie der Landwirth oder Gärtner erst ein
Gewächs, oder eine Pflanze, allgemeiner pflegt von
deren Nutzbarkeit er sich überzeugt hat, erst im
engern Raume zum Nutzen und [zur] Nachahmung für
Andre pflegt: so möchte ich, daß eine u wohl am zweck-
mäßigsten nicht zu umfangreiche deutsche Stadt
in der Gesammtheit der menschlichen Lebensver-
hältnisse den Gedanken ächter Kindheitpflege
durch Pflege Beschäftigung ihres Thätigkeitstriebes beachtend
pflegend u schützend, gleichsam als Muster einer
wahrhaft erziehenden Stadt, in sich aufnähme, ähnlich, wie im Einzelnen Familien
oft ganz der Kunst u ihrer Darstellung
wie im ersten Fall (Familien
oft in ganzen der Kunst

hingegeben Familien oder sind u alles sie
im zweyten Fall (Stadt) wie Umgebende darauf beziehen.
Wäre eine solche Stadt zugleich der Mittelpunkt
eines entsprechenden Landes und wären die übri-
gen Verhältnisse nicht nur nicht entgegen, son-
dern wirklich fördernd; so dünkt mich, müßte es
möglich seyn, sogar das Höhere zu erreichen: das
Muster eines erziehenden Landes; wie in den Staaten besonders
des griechischen Alterthums
namentlich bey ihren öffentlichen
Spielen u Festen alles auf
die Darstellung einer höchsten,
der ihnen am höchsten stehenden,
Lebensidee bezogen wurde; und dieß scheint um
so mehr als sein so eher ausführbar zu seyn
in einem Staate, dessen äußerer Umfang vielleicht nur
mäßig ist: Denn hierbey müßte zum Wohle der Menschheit
nicht das räumliche oder materielle sondern das
geistige Maaß, das Maaß ächter Vernünftigkeit,
der Grad der errungenen, und die Darlebung reiner Menschheit,
u die hier möglich dafür mögliche innigere Verknüpfung [sein].
So Hier hätte ich mich nun Ew Hochehrwürden im
Vorstehenden klar ausgesprochen, was ich hier, in
Blankenburg,
freylich in der Ausführung noch immer
sehr unvollkommen, für Blankenburg u durch dasselbe
für andere Punkte, Stadt oder Land, erstrebe. /
[4]
Mich Ihnen weiter im Einzelnen darüber auszu-
sprechen, würde besonders nach dem was bisher
in dieser Beziehung geschehen ist, wenig möglich noch
auch nöthig seyn. Was sich zur ersten allgemeinen
Beurtheilung und Würdigung der Sache aussprechen
läßt, habe ich bereits in mehrern Druckschriften gethan,
wovon ich mir erlaube, Ihnen die wesentlichsten
hier mitzutheilen, gethan.
im Sonntagsblatt, in der
1 u 2ten Gabe des Spiel-
ganzen (bei Dörf[f]ling in Leipzig in Commission) u.s.w. gethan habe,
wovon welche ich mir erlauben würde, Ihnen zuzusenden, wenn ich nicht
Hoffnung hegen zu können glaubte
daß Sie die Prüfung der
Sache durch unmittelbare
Anschauung vorziehen würden
was ohne Zweifel, zumal
hier, kürzer und sichere[r]
Zum Entscheid führen
wird.
Daß den von mir angebahnten Spiel- u Be-
schäftigungsweisen ein dem Wesen der Meschheit [gestr.: wenig-]
u besonders ihrer jetzigen Entwicklungsstufe genü-
gende Erziehungsidee zum Grunde liegen
müsse, geht schon aus dem Vorstehenden hervor.
Doch erlaube ich mir [gestr.: auch] in dieser Beziehung
Ihnen einige [gestr.: meiner] frühere kleine Druckschriften
zuzusenden.
Ferner lege ich Ihnen In Beziehung auf den Stand
der Pflege, welche der von mir angeregte Gegen-
stand anderswo genießt, lege ich Ihnen dasjenige abschriftlich
bey, was mir eben theilweise zur Hand ist.
Sollten Sie nun nach diesen Mittheilungen
den Gegenstand für wichtig genug geeignet genug halten, den
Erzieher des Prinzen Herrn Döbeling, sollten
Sie
mit diesem gemeinsam den Gegenstand für wichtig
genug finden, die respe[ct.] Behörden ja vielleicht selbst Ihren
Durchlauchtigsten Fürsten, von welchem uns
die öffentlichen Blätter so viel
Achtungswürdiges bekannt machen darauf auf-
merksam zu machen, u sollten Sie gemeinsam hierauf
wünschen mit demselben u seiner Ausführung im
Einzelnen zu deren weiterer Prüfung genauer bekannt zu werden, so könnte ich
dazu zu der näheren Prüfung nur den den oben schon berührten berührten Vorschlag thun, daß Sie einen
oder einige Paar erfahren hierfür urtheilsfähige Männer veranlaßten
sich mit dem Stande der Sache hier an Ort und Stelle
selbst bekannt zu machen. Ich würde mir Mühe /
[4R]
geben, die deßfalls nöthigen Mittheilungen
u Vorführungen in möglichst kurze Zeit zusammen-
zu drängen u dennoch die Entscheidung herbey zu
führen daß ob der Stand der Sache es wirklich wünschens-
werth mache, daß ein oder einige entsprechende junge Männer
auf angemessene Zeit hierher gesandt würden um
sich an Ort u Stelle theo-
retisch u praktisch zur Errichtung solcher Anstalten auszubilden.
In Beziehung auf die Verflechtung der zweck-
mäßigen Führung u Beschäftigung kleiner Kinder u besonders
der frühern angemessenen Pflege ihres Thätigkeitstriebes
besonders mit den bestehenden Einrichtungen des Elementar[-]
schulwesens u in Beziehung auf die Einführung jener
Kindheitspflege in die Familien u überhaupt in das gesammte
gesellige u bürgerliche Leben scheint mir der Gedanke,
u seine Ausführung höchst wichtig: "daß von den bestehenden
Erziehungsbehörden eines Landes in Beziehung auf die
Landesseminarien die Einrichtung getroffen und die Forderung
gestellt würde, daß diejenigen, die sich dem Elemen-
tarschulwesen in Stadt u Land widmen wollten, einige
Jahre der in Beachtung stehenden Kinderpflege gewidmet
haben müßten" wodurch gewiß wesentliches für das Schulwesen
jedes Landes gewonnen werden würde.
Ich erlaube mir nur diese Andeutung, um die Möglichkeit
der Beantwortung der sich leicht aufdrängenden Frage zu
zeigen: Wie ist nun aber die Einführung dieser wohl
an sich wichtigen Sache unter den bestehenden Verhältnisse[n]
u bey den sich gewöhnlich nur vorfindenden geringen Mitteln möglich?
Empfangen Sie die Versicherung wahrer
Hochschätzung mit welcher ich bin
Ew Hocherwürden
         ergebenst. [keine Unterschrift]

c) Abschrift

[1]
Hochehrwürdiger,
Hochgeehrtester Herr!

Herr Barop, welcher bei seiner jüngsten Reise mit den Zöglingen der Keilhauer Erziehungs-
anstalt durch Sondershausen das Vergnügen hatte, sich mit Ihnen und dem Prinzenerzie-
her, Herrn Döbeling, über Gegenstände der Erziehung zu besprechen, hat mir bei seiner Rück-
kehr mitgetheilt, wie Sie Sich gegenwärtig mit der Ausführung einer Kleinkinderanstalt
in Sondershausen, so wie überhaupt mit einer durchgreifenden Verjüngung des Erzie-
hungs- und Unterrichts-Wesens, im Einklange mit allen dabei betheiligten Personen und
Verhältnissen, beschäftigen, und mich aufgefordert, mit der gewissen Versicherung, daß
es Ihnen nicht unangenehm sein würde, offen und frei meine Ansicht darüber mitzutheilen.
Ich selbst bin nun zu tief von der Wichtigkeit des Gegenstandes durchdrungen und
Herr Barop hat mir so viel Erfreuliches von den Gesammtverhältnissen, in und
unter welchen Sie wirken, ausgesprochen, daß ich nicht Anstand nehmen darf, der Auf-
forderung desselben zu folgen. Von diesem Standpunkte aus bitte ich Sie, das Nachste-
hende prüfend aufzunehmen und nach Ihrem besten Ermessen im Bereiche Ihrer Wirk-
samkeit davon Gebrauch zu machen.
Um für meine Mittheilung eine bestimmte Unterlage zu haben, halte ich es zweckge-
mäß, uns gegenseitig Nachstehendes auszusprechen.
Erstlich sind wohl alle diejenigen, welche den gegenwärtigen Bildungszustand des Men-
schengeschlechtes ungeschwächt und denkend in Beziehung auf seine Ursachen und Folgen, auf sich einwirken lassen, der Überzeugung, daß das Erziehungs- und Unterrichts-, d.i. das gesammte /
[1R]
Bildungswesen des Menschen in allen Lebensverhältnissen und Ständen einer durchgreifenden Ver-
jüngung und Erneuung bedürfe.
Zweitens, daß diese aus der Gesammtlage der Lebensverhältnisse mit Nothwendigkeit her-
vorgehende Erziehungs-, Bildungs- und Lebens-Verjüngung von dem frühesten Lebensalter des Men-
schen, gleich mit den ersten Jahren des Kindes beginnen müsse.
Drittens, daß aber das, was für den Menschen in diesen früheren Jahren, in der Zeit seiner
Kindheit geschehen müsse, keinesweges vereinzelt und zusammenhangslos mit den übrigen Entwi-
ckelungs- und Bildungs-Stufen und den gesammten Lebensverhältnissen des Menschen, noch weniger
aus denselben herausgerissen und vereinzelt dastehen dürfe, vielmehr in dem innigen und all-
seitigen Lebenszusammenhange beachtet und pflegend ausgeführt werden müsse.
Viertens, daß der Mensch zwar gleich von seinem ersten Auftreten, von seinem Geboren-
sein an als Vernunftwesen und zur Vernünftigkeit bestimmt betrachtet, aber als ein einiges und
nicht zu trennendes Ganze, in Hinsicht auf sein Fühlen, Denken und Thun, in Beziehung auf sein phy-
sisches, moralisches und intellectuelles Wesen, durch welches geeint sich im Menschen das Religiöse
ausspricht und aussprechen soll, behandelt werden müsse.
Fünftens, daß der Anknüpfungs-, vielmehr der Ausgangs-, der Quell- und Keim-Punkt dazu
der gleich mit dem Erscheinen des Kindes sich in ihm äußernde Lebens-, Thätigkeits- und Bildungs-Trieb sei.
Sechstens a daß dieser
Lebens- u Bildungs-
trieb im bedingten
Zusammenhange mit
der Quelle aller
Kraft u alles Le-
bens stehe[.]
Sechstens, b daß darum dieser Lebens-, Thätigkeits- und Bildungs-Trieb, wie im einzelnen Kinde und
Menschen von der ersten ihm unbewußten Äußerung an bis zur vollen Erfassung mit Bewußt-
sein und Selbstbestimmung, so auch in der Gesammtheit der verschiedenen menschlichen Verknü-
pfungen des Familien-, geselligen und bürgerlichen Lebensverkehres, überhaupt für Darstellung
reinen Menschheitslebens in allen Verhältnissen festgehalten werden müsse.
Können wir uns nun über diese hier ausgesprochenen Punkte vereinigen, oder noch besser,
sind wir gleich unmittelbar, nachdem sie nur ausgesprochen sind, über ihre Wahrheit einverstanden,
so wird es uns auch sogleich entgegentreten, wie wichtig die Einrichtung und Ausführung einer
Pflegeanstalt der Kindheit, eine obgleich unrichtig so genannte Kleinkinderschule, einer Anstalt zur
Pflege des Thätigkeitstriebes der Kinder für alle weiteren gegenwärtigen und künftigen Le- /
[2]
bensverhältnisse sei und wie nur schon der Gedanke an dieselbe das gesammte Menschenleben in
seinen verschiedenen Entwickelungsrichtungen und Stufen [sc.: -stufen] umfassen müsse, daß darum auch eigent-
lich der Gedanke an die Ausführung einer Klein-Kinder-Pflege- und Bethätigungs-Anstalt gar nicht
gedacht werden dürfe, ohne zugleich die Gesammtheit der Lebensentwickelung dabei fest im Auge
zu haben; denn das Errichten und Auftreten einer ächten und dem Zwecke ganz genügenden Kinder-
Pflege- und -Bethätigungs-Anstalt greift höchst merkwürdiger Weise tiefer als alle anderen Lehr-
und Bildungs-Anstalten für die Jugend in das Familien-, in das Schul- und bürgerliche Leben ein.
Dieß ist auch schon als ein Dawider öffentlich ausgesprochen worden; allein, nicht als ein Dawider,
sondern vielmehr als ein Dafür sollte dies aufgenommen und bezeichnet werden; denn eben das ist
es ja, was wir nach so vielseitigen, lauten und wiederkehrenden Äußerungen, als dem Leben
fehlend, hören: Verjüngung und Erneuung, Klärung und Veredelung genügender Familien- und Lebens-
Verhältnisse.
So wird es klar sein, in welcher hohen Wichtigkeit ich mir die Errichtung einer oder einiger
solcher Kinder-Pflege- und Bethätigungs-Anstalten in einer Stadt, noch vielmehr in einem Lande
oder Staate denke, und im innigsten Zusammenhange mit demselben, so klein eine solche An-
stalt auch erscheinen mag. So steht im Herbste, wo Blätter und Früchte von dem abgelebt und
fast erstorben scheinenden Baume sinken, die kleinste Knospe am kleinsten Zweige im in-
nigsten Zusammenhange nicht nur mit dem Leben des gesammten Baumes, sondern mit der
ganzen Erde, ja mit der ganzen Natur, und durch sie entfaltet sich mit dem wiederkehrenden
Frühlinge gleichsam eine neue Schöpfung, eine junge Welt.
Möchte dieses Bild in seiner Einfachheit und Wahrheit sich recht lebenvoll vor Ihnen gestalten, so
dürfte ich hoffen, in dem Nachfolgenden von Ihnen nicht miß-, sondern zur eingehenden Mitwir-
kung gerade recht verstanden zu werden.
Wie nun die kleinste Knospe an einem Baume sich an demselben nicht ohne inniges Zusam-
menleben mit ihrem Zweige, an welchem sie sitzt, mit dem Aste und Stamme, zu welchem sie
gehört, mit der Erde, in welcher dieser Baum steht, mit der Atmosphäre, die ihn umweht, mit
der Sonne, die ihn erwärmt und belebt, und mit der gesammten Natur, in welcher er
wächst und gedeihet,- zur Vollendung entfaltet: so kann auch aus den nur nebensächlich erschei- /
[2R]
nenden Kleinkinderbewahranstalten, sogenannten Kleinkinderschulen, so sehr wir es auch ahnen und
erwarten, ohne ein inniges Zusammenwirken aller Lebensverhältnisse doch kein der Menschheit
genügendes Ergebniß, keine derselben entsprechenden Blüthen und Früchte hervorgehen.
Freilich muß alles der einzelne Mensch erst in sich selbst pflegen, entwickeln und darleben,
dann in Lebenseinigung, es gehe diese rein vom Geiste aus oder aus dem durch die Natur be-
dingten Familienverhältnisse hervor. Daher ging mein Streben vor allem zunächst dahin, mir selbst
über den Grundgedanken und Gegenstand meines Lebens möglichst klar zu werden, dann zur
Ausführung des selben mir gleichgesinnte Männer und Freunde zu einen, dann Familien dafür
zu erwecken und zu beleben, endlich ganze Gemeinsamheiten, Orte und Städte dafür zu gewin-
nen, und ich verhehle, denn warum sollte ich es auch, den Wunsch nicht, es möchte wenigstens
die Regierungs eines Landes, eines deutschen Landes, eines Staates, eines deutschen Staa-
tes, auf diesen Gedanken, aus Gründen, die in seiner Geschichte liegen, seine Aufmerksam-
keit hinwenden. Denn wie der Landmann oder Gärtner ein Gewächs, eine Pflanze, von
deren Nutzbarkeit er sich überzeugt hat, erst im engeren Raume zum Nutzen und Nach-
ahmung für Andere pflegt: so möchte ich, daß eine, und wohl am zweckmäßigsten nicht zu umfang-
reiche deutsche Stadt in der Gesammtheit der menschlichen Lebensverhältnisse den Gedanken
ächter Kindheitpflege durch Beschäftigung ihres Thätigkeitstriebes beachtend, pflegend und
schützend, gleichsam als Muster einer wahrhaft erziehenden Stadt, in sich aufnähme, ähnlich,
wie im Einzelnen Familien oft ganz der Kunst und ihrer Darstellung hingegeben sind und
alles sie Umgebende darauf beziehen. Wäre eine solche Stadt zugleich der Mittelpunkt eines
entsprechenden Landes und wären die übrigen Verhältnisse nicht nur nicht entgegen, sondern
wirklich fördernd, so, dünkt mich, müßte es möglich sein, sogar das Höhere zu erreichen, das
Muster eines erziehenden Landes; wie in den Staaten besonders des griechischen Alter-
thumes namentlich bei ihren öffentlichen Spielen und Festen alles auf die Darstellung einer
höchsten, bei ihm am höchsten stehenden Lebensidee bezogen wurde. Dieß scheint um so eher
ausführbar zu sein in einem Staate, dessen äußerer Umfang vielleicht nur mäßig ist;
denn hierbei mißt zum Wohle der Menschheit nicht das räumliche oder materielle, sondern das /
[3]
geistige Maaß, das Maaß ächter Vernünftigkeit, der Grad der errungenen und die Darlebung
reiner Menschheit und die hier dafür mögliche innigere Verknüpfung.
So hätte ich mich nun Ew Hochehrwürden im Vorstehenden klar ausgesprochen, was ich hier,
freilich in der Ausführung noch immer sehr unvollkommen, für Blankenburg und durch dasselbe
für andere Punkte, Stadt oder Land, erstrebe. Mich Ihnen weiter im Einzelnen darüber aus-
zusprechen, würde besonders nach dem, was bisher in dieser Beziehung geschehen ist, wenig
möglich noch auch nöthig sein. Was sich zur ersten allgemeinen Beurtheilung und Würdigung
der Sache aussprechen läßt, habe ich bereits in mehreren Druckschriften gethan: im Sonntags-
blatte, in der 1sten und 2ten Gabe des Spielganzen (bei Dörffling in Leipzig in Kom[m]ission), welche
ich mir erlauben würde, Ihnen zu zu senden, wenn ich nicht Hoffnung hegen zu können glaubte,
daß Sie die Prüfung der Sache durch unmittelbare Anschauung vorziehen werden, was ohne
Zweifel, zumal hier, kürzer und sicherer zum Entscheid führen wird.
In Beziehung auf den Stand der Pflege, welche der von mir angeregte Gegenstand an-
derswo genießt, lege ich Ihnen das abschriftlich bei, was mir eben theilweise zur Hand ist.
Sollten Sie nun nach dieser Mittheilung den Gegenstand für geeignet halten, den Erzieher
des Prinzen, Herrn Döbeling, sollten Sie mit diesem gemeinsam den Gegenstand für wichtig
genug finden, die resp[ect.] Behörden, ja vielleicht selbst Ihren Durchlauchtigsten Fürsten, von wel-
chem uns die öffentlichen Blätter so viel achtungswürdiges bekannt machen, darauf aufmerk-
sam zu machen, und sollten Sie hierauf wünschen, mit dem selben und seiner Ausführung im
Einzelnen genauer bekannt zu werden, so könnte ich zu der näheren Prüfung nur den oben
schon berührten Vorschlag thun, daß Sie einen oder ein Paar hierfür urtheilsfähige Männer ver-
anlaßten, sich mit dem Stande der Sache an Ort und Stelle selbst bekannt zu machen. Ich würde
mir Mühe geben, die desfalls nöthigen Mittheilungen und Vorführungen in möglichst kur-
zer Zeit zusammen zu drängen und dennoch die Entscheidung herbei zu führen, ob der Stand
der Sachen es wirklich wünschenswerth mache, daß ein oder einige entsprechende junge Män-
ner auf angemessene Zeit hierher gesandt würden, um sich theoretisch und praktisch zur Er-
richtung solcher Anstalten auszubilden. /
[3R]
In Beziehung auf die Verflechtung der zweckmäßigen Führung und Beschäftigung klei-
ner Kinder und besonders der früheren angemessenen Pflege ihres Thätigkeitstriebes beson-
ders mit den bestehenden Einrichtungen des Elementarschulwesens und in Beziehung auf die
Einführung jener Kindheitspflege in die Familien und überhaupt in das gesammte gesellige und
bürgerliche Leben scheint mir der Gedanke und seine Ausführung höchst wichtig: "daß von den
bestehenden Erziehungsbehörden eines Landes in Beziehung auf die Landesseminarien die
Einrichtung getroffen und die Forderung gestellt würde, daß diejenigen, die sich dem Ele-
mentarschulwesen in Stadt und Land widmen wollen, einige Jahre der in Beachtung stehenden
Kinderpflege gewidmet haben müßten", wodurch gewiß Wesentliches für das Schulwesen jedes
Landes gewonnen werden würde.
Ich erlaube mir nur diese Andeutung, um die Möglichkeit der Beantwortung der sich
leicht aufdrängenden Frage zu zeigen: "Wie ist nun aber die Einführung dieser wohl an sich
wichtigen Sache unter den bestehenden Verhältnissen und bei den sich gewöhnlich nur vor-
findenden geringen Mitteln möglich?"
Empfangen Sie die Versicherung wahrer Hochschätzung, mit welcher ich bin
Ew Hochehrwürden

        ergebenster
        Friedrich Fröbel.

Blankenburg bei Rudolstadt,
        am 18ten Oktober 1839.