Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Dr. Rüte in Bremen v. 26.10.1839 (Blankenburg)


F. an Dr. Rüte in Bremen v. 26.10.1839 (Blankenburg)
(BN 617, Bl 5-6, datierter Entwurf 1 B fol 4 S., mit glättenden Umformulierungen ed. EGNF 13 (1885) 3, 5-7; in RB 1872 Teile v. 6VR sehr abwandelnd ed. als 2. Absatz des Briefs v. 18.10.1839 [!]; Teile von 6R auch bei Hanschmann 1874, 305f. - Beibrief zum Brief vom 18.10./23.10.1839)

Sr Wohlgeboren He. Dr. Rüte Lehrer am Gymnasium zu Bremen
Blankenburg am Thüringer Wald den 26 Oct. 1839.


        Wohlgeborner,
Hochgeehrtester Herr

Sie werden es gewiß gütig verzeihen, wenn ich, ein
ohne Zweifel Ihnen kaum dem Na ohne Zweifel Ihnen
nicht einmal vielleicht nicht ein dem Namen nach
bekannter Mann, ohne alle Vermittlung schriftlich
bey Ihnen einspreche, sobald Sie mir erlaubt haben,
mich Ihnen über die Veranlassung dazu auszusprechen.
Im Frühjahr verflossenen Jahres hatte ich machten mir wäh-
rend eines mehrtägigen Aufenthalts in Göttingen
dessen Zweck die Förderung meiner erziehenden Un-
ternehmungen war, meine dasigen Freunde die He. Dr.
von Leonhardi, Schuhmacher p[p] die Freude, auch Ihren
He. Bruder, den He. Doctor Rüte daselbst, kennen zu
lernen. Auch in diesem neuem geselligen Freundeskreis,
der mir so eröffnet wurde, war auch bald der Gegenstand
meine jetzige Unternehmung, - die allseitig zweckmäßige Pflege
des Kindes u seiner gesammten Thätigkeit von dem
erstern bis zu dem eigentlichen schulfähigen Alter, -
der Gegenstand des Gespräches der Mittheilung.-
Die Theilnahme, welche die Sache durch die vorgeführten
Thatsachen erhielt, weckten auch bald unter den Anwesenden den Wunsch,
daß dieselbe eine allgemein
fördernde Anerkennung finden möchte, und rief nicht nur die
Frage her oder viel hervor, wo dieß
wohl am besten geschehen könnte, sondern von einem
oder einigen zugleich den bestimmten Ausspruch:
daß wohl Ih Bremen wegen des noch darin herr-
schenden reinen Familien- und Kindheit achtenden
Sinnes ein Ort dafür sey.
Da ich nun schon seit länger als 30 Jahren von
meinem Aufenthalt bey Pestalozzi in Yverdon her
Bewohner Familien Bremens von ihrer - gründliche Erziehungsbe-
strebungen achtenden Seite kannte, /
[5R]
so machten jene Äußerungen einen tiefern Eindruck
auf mich, als es sonst wohl der Fall gewesen seyn würde,
u ich dachte wirklich mit Ernst daran, den mich beleben-
den Gedanken der frühesten angemessenen Kinder-
pflege u der dafür als nothwendig erkannten Mittel u Wege
vielleicht sogar persönlich dort zur Prüfung vorzuführen
wie ich gegenwärtig im Kleinen schon in Göttingen begonnen
hatte. Doch die schon früher angeknüpften Lebensver-
hältnisse bestimmten meine Thätigkeit im Laufe jenes
Jahres u bis jetzt anders. Allein merkwürdiger
Weise, immer von neuem wieder wurde ich von sehr
achtbaren Familien Personen welche Bremens Familien- u Kinder-
liebenden Sinn genau persönlich kennen, auf dies Bremen hinge-
wiesen u mehrfach bestimmt aufgefordert, den
mich beschäftigenden Lebensgedanken doch dort zur
Prüfung mitzutheilen. So entschloß ich mich endlich
besonders schon in diesem Frühjahr, in einem Briefe des
He. Dr. Schuhmacher in Göttingen von diesem u Ihrem He. Bruder
daselbst aufgemuntert, Ihnen darüber Mittheilun-
gen zu machen, indem mir dieselben aussprachen,
Sie würden dieselben nicht nur gütig beachten, sondern
auch förderlich pflegend aufnehmen. So entstand der
beyliegende Brief. Doch, ich weiß nicht durch welche
Veranlassung bestimmt, glaubte ich auch ich Ew. Wohl-
geboren in Bremen gleich Ihrem He. Bruder in Göttingen
als praktischen Arzt wirkend. Und so entstand die
Anknüpfungs- u Vorführungsweise, welche jener Brief
an sich trägt. Und jetzt erst da ich bey Schließung des Pakets
mich in des He. Dr. Schuhmachers Briefe nach der bestimmtern
Aufschrift umsehe, bemerke ich meine Irrung. Ich
erlaube mir aber dennoch jenen Brief hier
beyzulegen, weil in demselben manches ausgesprochen gesagt
worden ist, was ich in diesem nur anders entwickelt
u verknüpft ebenfalls gern aussprechen möchte,
wozu mir aber nun die Zeit zu kurz ist. Viel-
leicht können Sie auch in dem ansehnlichen Kreise /
[6]
Ihrer Bekanntschaft von dem Briefe selbst für die
Sache förderlichen Gebrauch machen, indem der Arzt
es ist, der jetzt in vielen Familien einen wesentlichen
Einfluß auf die Erziehungsweise der Kinder in denselben hat.
Freylich für Ew. Wohlgeboren als Lehrer an einer
gelehrten Schule bedürfte es einer andern Nachweisung
um den Blick von dem vor Ihnen liegenden entwickel-
ten Ganzen auf den unscheinbaren Punkt der ersten
Kinderbeschäftigung hinzuleiten, obgleich man wohl im
Allgemeinen schon darüber einverstanden ist, daß in
ihm das ganze künftige Leben, wie ein genau bestimmtes
Gewächs wie im Keime ruht. Um eine solche Verknü-
pfung Ihrer Wirksamkeit u der meinigen wo möglich
herbey zu führen, will ich mir ohne zu fürchten von Ihnen
mißverstanden u im Ausgesprochenen gemißdeutet zu
werden, erlauben die von mir erkannten Entwicklungsstufen
des Kindes, des Menschen mitzutheilen, worin jede
folgende mit Nothwendigkeit schon in der vorhergehen-
den u in jeder vorhergehenden liegt, ohne dem
Wesen -
(sondern nur der Erscheinung) nach ein späteres zu seyn
wie z.B. die Blüthe schon in der Knospe, und die Frucht
schon gegeben u bestimmt ist
. Doch muß ich mich jetzt
mit dieser Hinweisung auf diese allgemeine Be-
merkung begnügen.
Sollte der Gegenstand selbst durch sich schon Ihre
Theilnahme u Ihre förderliche Mitwirkung zu gewinnen
im Stande seyn
zu dessen allgemeiner Benutzung zu ge-
winnen im Stande seyn, so werde ich später jeder Auf-
forderung gern nachkommen, von den durch mich aufgestellten Kinderspielen
u Beschäftigungsmitteln u Weisen den nothwendig för-
derlichen Zusammenhang mit dem gesammten Einwicklungs-
gange des Kindes, des Menschen u den Forderungen seines
Lebens nachzuweisen, gern nachkommen.
Jetzt erlauben Sie mir nur noch die Mittheilung
nachstehender Thatsache. Seit den ersten Tagen des
Monats Juny beschäftige ich täglich durch die als wesentlich
erkannten Spielmittel u Beschäftigungsweisen /
[6R]
gewöhnlich 30 bis 40 oft auch 50 Kinder
aus allen Ständen, Bildungsstufen von aus der ärmsten
wie aus den wohlhabendsten Familien u von einem
Alter von nicht noch nicht einem Jahre bis zu 6 u 7
Jahren. (Mit den kleineren Kindern unter 2 Jahr
finden sich auch wohl ältere Geschwister von 14
Jahren u abwärts, auch wohl selbst zu Zeiten die
Mütter ein[.]) Alle Kinder werden ihrer Indivi-
dualität nach erfaßt u entwickeln sich derselben
gemäß freythätig. Sie erstarken sichtbar wie an Leib
so an Geist u nehmen zu wie an Sinn für äußere
Ordnung u Reinlichkeit, so an Sinnig- u Sittlichkeit,
obgleich nichts anders auf sie bestimmend ein-
wirkt, als nur das Wesen u der Geist der Sache
selbst. Nirgends wird dem Scheine gehuldigt, sondern
nur die freye Entfaltung u Erstarkung des Lebens nach dem
in ihm selbst liegenden höhern Gesetze u der höchsten Forderung
gepflegt. Die erhebenden u erfreuenden Wirkungen welche
daraus hervorgehen sind <fast> bey der reichen Zahl aller den
Beachtenden gleich u sie sprechen sich alle insgesammt, wenn auch
auf die mannigfachste Weise modificirt, in dem Wort der Frau
Erbgroßherzogin der Fr von Meklenburg Schwerin aus, welche
jüngst mit drey ihrer erlauchten Schwestern ganz
unerwartet die Anstalt auf während fast 2 Stunden
besuchte, aus: "ich möchte alle Tage hier seyn".
Ich führe dieses an, nicht um durch Autorität
das Urtheil über die Sache vorher zu bestimmen sondern
nur um die Thatsache mitzutheilen: daß geord-
nete u gepflegte Kinderthätigkeit auch in ihren noch
sehr unvollkommenen Äußerungen selbst schon
die
die menschlichen Forderungen selbst schon des edelsten Frauen-
gemüthes befriedigen können.
In allem übrigen mit den weitern Vorführungen
wie mit meinen Zwecken u Wünschen muß ich mich
ganz auf den erwähnten anliegenden beygefügten Brief u die
zu ihm gehörigen Anlagen beziehen.
Es wird mich sehr freuen, wenn auch nicht anders durch Ew. Wohlgeboren Güte zu erfahren, ob der Gegenstand in Bremen
u im Kreise Bereiche Ihrer Bekanntschaft, Anklang gefunden habe und welchen?
Empfangen Sie von mir die Versicherung vorzüglicher Hochachtung mit welcher ich bin
Ew. Wohlgeboren
ergebenster [Unterschrift fehlt]