Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Hermann von Leonhardi in Frankfurt/M. v. 27.10./2.11.1839 (Blankenburg)


F. an Hermann von Leonhardi in Frankfurt/M. v. 27.10./2.11.1839 (Blankenburg)
(Überliefert sind zwei Entwürfe. Der erste Entwurf, ein datiertes Fragment BN 539, Bl 5, 1 Bl 4° ½ S. stammt vom 27.10.1839, der zweite Entwurf BN 539, Bl 6-21, 7 B+2 Bl fol. 32 S. ist am 2.11.1839 begonnen worden. Dieser zweite Entwurf ist Grundlage der nicht erhalten gebliebenen Reinschrift. Bei dem im Briefentwurf erwähnten Anspach handelt es sich um A. G. Chr. Anspach, dazu Brief Middendorffs an A. v. 31.5.1839 (BN 742 vgl. 362).)

a) 1.Entwurf (Fragment)

Lieber Leonhardi.
Blankenburg am 27 8br 1839.

Du hast und alle Ihr welche Ihr mir und meinem Wollen u Streben so hohes Zutrauen schenktet habt ganz recht m.l.L. wenn ihr [sc.: Ihr] in Beziehung auf die Ansspachsche [sc.: Anspachsche] Handl[un]g[s]weise von mir eine möglichst klare Darstellung wünschet, denn nur
dadurch kann aus der an sich so faßlichen Sache für das Ganze der förderliche Gewinn hervorgehen dwelchen wir als über dem Ganzen
stehend zur Förderung aus demselben ziehen sollen. Auch ist leider Anspach keine isolirt stehende Person, sondern er ist nun einmal vielfach
mit unsern gesammten Verhältnissen u Wollen verknüpft, dieses aber erfordert eine klare Auseinanderleg[-] u Darlegung des Ganzen, während
wenn das erstere wäre man den Anspach lauf mit dessen in seinem Wahn u Eigendünkel laufen lassen müßte soweit als ihn seine Beine u seine
Willkühr trügen. Zwar will ich nun keinesweges etwa unter diesem Schilde Anspachs Charakter trüber darstellen als er sich durch sich selbst
giebt u sein Handeln mit wahrlich wenig in Grau zmalen als es d[urc]h sich selbst erscheint doch soll aber auch Anspach nicht etwa die Auf-
lösung des Ganzen von einem hohen Gesichtspunkte aus für eine Rechte Bescheinigung seines Handelns von seinen Standpunkte aus halten[.]
Diese beyden Ansichten u Beziehungen bitte ich scharf getrennt bey Beurtheilung des Ganzen u bey etwaiger Mittheilung meiner Darlegung der Sache
an ihn im Auge zu behalten; damit nicht abermals sein Dünkel u seine Eeinseitige Äußerlichkeit da Nahrung suche, wo sein Handeln sich als schlecht
ja hinterhältig boshaft erscheint. – Doch zur Sache[.]
Das Ganze läßt sich mir in dem Seyn in der richtigen Erfassung des Anspachschen Charakters u Strebens gegenüber des Lebens u
Grundgedankens für dessen Ausführung er mit eintrat [begründen] – Wie gesagt ich wünsche ihm in dieser Darstellung nicht im Geringsten
<er> etwas mehr zur Last zu seinem Nachtheil zu sagen als was er in u d[urc]h sich selbst ist, doch u ich möchte ihm darum auch nur Zeichen
sein wie er ist – Dieß dünkt mich nun aber auch nicht so schwer indem er sich leicht einem scharf <näßig> [sc.mäßig] prüfenden Auge dieß
zeigt wie er ist [bricht ab]

b) 2.Entwurf

[6]
1.[Bl]
Keilhau Blankenburg d 2 Novemb. 1839.


L. Leonhardi

Wie es Dich u die förderl theilnehmenden Freunde meiner Unter-
nehmung in Frankfurt a/Mayn auf das höchste verlangt hat,
eine klare Darlegung der Entwicklung Anspachs (einfacher und doch zu-
gleich wahrer kann ich die Thatsache nicht bezeichnen) aus den
hiesigen Verhältnissen von mir zu vernehmen, so sehr habe ich er-
sehnt Euch solche zu geben. Dennoch wollte es mir bey allen Be-
mühungen dafür, gebunden durch das Ganze, gar nicht möglich
werden. Und nun empfange ich gestern den hier in Abschr. beylie-
genden Brief Ansp. an mich d. d 29 Oct. 39, welcher eigtl
die ganze Sache völlig abschließt. Und so wäre die Sache eigtl.
abgemacht. Denn was läßt sich im Ganzen noch weiter darüber
sagen, wenn ein junger Mensch von 19, 20 Jahren sein Ich und
seinen Selbstzweck an die Stelle einer Idee und eines Grund-
gedankens setzt, zu deren Verwirklichung Ausführung im Leben zu wirken
mit ganzer Kraft u Hingabe zu wirken sich nicht nur anheischig macht
sondern auch eintritt, und der es nun zunächst unheimlich, dann unerträg-‚
lich findet, wenn er mit Ernst und klarer Bezeichnung sei-
nes Betragens auf das was er zu seyn sich anheischig machte,
hinge{führt/wiesen} wurde. Doch in mehrfacher Beziehung, einmal in Beziehung auf
die hochachtbare Gesammtheit der zusammengetretenen
Männer u Frauen Frankfurts zur Prüfung u Förderung entsprechender
Kindheitpflege; dann zur klärenden u belehren-
den Übersicht für mich, nicht minder dann zur klärenden belehrenden und
fördernden Übersicht für die unmittelbar mitarbeiten-
den Freunde möchte ich, daß ich das ganze Verhalten gesammte
Leben Anspachs in unserm beyderseitigen Wechselverhältniß
so ab<dazuweiseren> könnte, daß man, wie jetzt aus Berlin
berichtet wird, man die zartesten Gefühlszüge der Menschen
daran wahrnehmen, so auch mich klar in meinem Handeln
sehen könnte.
Es war in der Mitte des Tages am 29ten May, als
Anspach in mein Zimmer trat. Was ich dort über seinen
ersten Eindruck ausgesprochen habe, liegt vor, und ich nehme, ob ich mich
gleich das Wörtlichen dessen des Einzelnen davon nicht mehr erinnere, nichts davon zurück.
Eines muß ich jedoch nachträglich er-
wähnen, weil es mir als Äußerung des Brennpunk-
tes erscheint, aus welchem, so unscheinbar es auch sei ist,
mir doch, als leise u sprechende Äußerung des inner-
sten Wesens u Strebens Anspachs, seine ganze Handlungs-
weise hervorgeht.
Wir hatten kaum wenige Worte zusammengewechselt,
als er mich, was mich ich gestehe es gern, frappirte
sogleich auch aufforderte, Ihn Du zu nennen.,
was Ich wies dies jedoch mit der Hindeutung zurückwies, daß
die Zeit darüber bestimmen würde. Er drang aber
jedoch
bald wieder u mehr in mich ein, u ich lehnte es <rau-
her> ab. Als er aber am 2ten u 3ten Tag immer von
neuem in mich drang mich darum bat, so ging ich endlich nach u nach drauf ein /
[6R]
weil es mir eine Äußerung seiner Gutmüthigkeit erschien
welche ich nicht gleich vom Anfang [vorn]herein zurückstoßen wollte,
so wenig auch das Ganze in der Gesammtheit der Verhältnisse
lag; und Ich hätte dort, wie mehrmal in meinem Leben
der leisen Abmahnung meines Gemüthes nur folgen sollen, ich
würde mir, dem Ansp. u dGesammth[ei]t dVerhältnisse viel Un-
angenehmes erspart haben. Denn jenes Herandrängen Ansp.
zum Du hatte keinesweges wie nach den schärfsten seinen Grund
in rein kindl Gefühl u Bedürfniß seines Herzens Woher
hätte dieses ihm auch kommen sollen, da ich ihn natürl[ich] sehr ernst
ruhig u forschend empfing. Es hatte aber wie ich mir nicht anders
sagen kann in einem heran[-] u hervordrängen u in sich gleich-
stellen mit einem Gegenstand seinen Grund, welcher mit einer
äußern gewissen Anerkenntniß dasteht. Ich ließ mich doch am Ende <drauf ein>
dieß als eine Erscheinung seiner Gutmüthigkeit u des kindlichen
Herzens zu nehmen, was doch nur Forderung eines ihm
vielleicht noch selbst unbewußten Ehrgeizes, Eigensucht u
Dünkels war. Von diesem Augenblicke an, war <ernst>lich,
ohne daß es von uns beyden geahnt wurde, schon der Anfang
einer Entgegensetzung gegeben, die sich mir immer mehr zeigte
u mir für mich selbst die Last d Verarbeitung solcher eigen-
süchtiger Erscheinungen auf[er]legte.
Ich erwähne hier nur noch eines; was mich nun <aber> schon
zu enttäuschen begann. Wir hatten kaum 3 od[er] 4mal mit
den Kindern gespielt u mir selbst begann jetzt erst dGegen-
stand in seiner Bedeutung u Wichtigkeit so wie in seinen Forderungen
recht klar zu werden, als Anspach schon von mir verlangte
ich möchte ihm doch ganz allein die Ausführung übertragen,
indem er sagte: Sie müssen mir auch etwas anvertrauen.
Ich antwortete ihm darauf, Schon aus der Erfahrung schon wohl wissend wie
zu <zeiten> eine Mehrheit von Forderungen auf mich eindrängen: „das
wird nur leider zu bald geschehen müssen.“ Und so war es wirklich[.]
Er griff da aber bald gegen dGebühr oder ohne einen Grund u Erfassung
der Sache weiter; so dass ich ihm später einige u besonders
einmal einen derben Verweis geben mußte, wie er den Kindern ohne alle Vermittlung u also gegen
gegen den Geist des Ganzen ganz abgerissen nur auf meine unter
uns hin geworfene Äußerung: „ich werde nächstens die Kinder
in ein neues Spiel einführen“ – ihnen dasselbe übergab. Dieses
eigenmächtige und unbegründete Umsichgreifen Ansp. eben in
beziehung auf sich kann ja Dir, Leonh.[ardi] g[an]z einfach daraus hervor-
gehen, wie er auf eine von mir hingeworfene Äußerung, an
einen seiner Bekannten schrieb u denselben als 2ten Semi-
naristen ? vorschlug. – Du, L.L. [sc.: lieber Leonhardi] antwortetest mir dar[au]f sowohl in Beziehung
auf ihn als
daß der nicht von mir ge<lesne> Brief eine [sc.: ein]
knabenhaft geschriebner sey u daß das Verhältniß d Seminaristen
zu <J[u]g[en]dkreis mit S.> u zu ihren Lehrern ein sehr eigensüchtiges u compr[omi]ttir[en]des
sey. Da sich es mir Durch diese Andeutungen aus Ansp. Leben, Erschein[ung] [und] Betragen [Ergänzung Rand] fielen mir immer mehr die Schuppen ab u ich erschrack über das
was mir später werden könne, wenn Ansp. Wunsch erfüllt worden sey.
Du wirst Dich auch erinnern, daß ich Dir darüber <auch> sogleich an Dich schrieb, u Du
mich fragtest ob diese Äußerungen in dem Betragen Ansp. ihren Grund habe[.] Die
Zeit erlaubte mir dortmals nicht darauf weiter einzugehen. Doch von jetzt an trat mir
nicht minder auch dem Midd[endor]ff die Erhebung u Ent Sichselbst Überhebung
u die Tadel hins.[ichtlich] Ansp. immer mehr hervor, wovon nur 2 Beweise (Oberweißbach u Saalfeld) /
[7]
2. [Bogen] An Leonhardi Hinsicht Anspachs
Zuerst trat zeigte sich dieses in Beziehung auf seinen mehrfach
schwächeren Mitgenossen hervor, ohne daß er dabey der Er brachte bey seinem Urtheil
u behandeln desselben die Verschiedenartigkeit der durchlaufenen Bildungsstufen,
wie die ursprünglichen verschiedenen Anlagen nicht in Anschlag; brachte u von so machte er
den aus schnell aburtheilende Schlüsse auf ein ihm fern-
stehendes Ganze machte; die wenigstens für ihn seine
hiesige Stellung u nach in Beziehung auf das Streben hier, wo es um Hervorbildung
eines ganz Neuen aus einer ursprünglichen Einheit sich
handelte, ganz unstatthaft waren, und nun seinen Alles besser wissen
wollenden Sinn daramatirten [sc.: dramatisirten]. Ferner anstatt nun aber – wie es im
Leben
im Geiste u Streben unseres Lebganzen lag, zu dessen
Genossen, (ich dürfte wohl sagen, Gliede er von mir u wie
ich glaube, von Middendorffen) stillschweigend doch ihm gewiß fühlbar, anerkennend aufge-
nommen
geachtet wurde
für die vollkommnere Darstellung und Ausbildung des Ganzen mit
u
auf die Ausbildung seines Mit
Genossen mitzuwirken nahm er im Gegentheil
von diesem leicht die Fehler u Nachlässigkeiten an, welche
an diesem gerügt wurden, besonders auch die Fehler
der Nachlässigkeit, Bequemlichkeit u ich bezeichne es gewiß
nicht zu hart, wenn ich sage Gemeinheit. Die Sache wird er-
klären was ich meine. So fand ich sie Am Morgen fand ich sie gewöhn-
lich statt unmittelbar nach dem Aufstehen sich gehörig ge-
säubert zu haben nachlässig in schmutzigen Hemden, oft nicht
einmal Pan etwas an den Füßen habend in der Arbeits-
stube sitzen, ob ich ihnen Natürlich mußte dieß gerügt u besonders
an Anspach gerügt werden seines oft bezeichneten Sinnes wegen
gerügt werden, und weil zumal da ich ihm ausgesprochen hatte, er
könne in Beziehung auf die Reinlichkeit jede Woche 2 Hemde[n] an die ihm angewiesene Wäsche-
rin abgeben. Da nun
aber dadurch dem Dasitzen in Hemdsärmeln nicht abgeholfen war,
u ich meinte er thue dieß um seinen leicht schadhaften Rock
zu schonen, so gab ich ihm meine eigene noch ganz gute Turn-
jacke die ich selbst noch besaß, und dieß wie ich mich genau
erinnere, nicht nur mit äußerer sondern wahrhaft innerlicher
Väterlichkeit, wie ich ihm denn auch aussprach, dass wenn
ihm etwas wesentliches mangele, er es nur sagen möchte /
[7R]
indem weder meine, noch die Meynung des Vereins zu Frank-
furt sey daß er in etwas Wesentlichem Mangel haben solle
wie ich denn auch, (nicht etwa um einen Werth darauf
zu legen sondern die Sache nur in ihrer Wahrheit darzu-
stellen,) als es ihm an Sommerbeinkleidern zu fehlen schien
ihm ein Paar beynahe noch ganz neue Beinkleider von <Nanquin>
gab, um seine Winterbeinkleider so schonen zu können
daß ich dieß that beweist genug, daß ich ihn in jeder Hinsicht
anerkannte u ihn wegen dem was er mir erschien
gern unterstützte. Die Art wie ich es that, kann ich freylich
hier nicht schildern, mich dünkt aber sie muß dem wahren Menschen-
kenner aus dieser einfachen Thatsache hervorgehen. Daß übrigens
Ansp. darauf selbst einen Werth legte geht daraus hervor daß er die
Beinkleider mitgenommen hat; denn wenn er einmal so rein
u klar meinem Wirken den Rücken kehrte u mein Handeln ihm
unstatthaft schien hätte er es auch da beweisen sollen wo es
ihm zu Gunsten war.
Ebenso tadelte er wohl die Bequemlichkeit seines Mit-
genossen; allein er zeigte sich nicht weniger bequemlich
wo es ihm eben zusagte. So konnte er z.B. wenn er mit
den Übrigen A[uszu]bild[enden] zur Leitung des freyen Spiels der Kinder
auf den Spielplatz gesendet wurde u sich eben nicht unter
der Controlle glaubte mit seinem Genossen zu einer
persönlichen Unterhaltung zusammentreten, ohne sich
eben um die Kinder zu bekümmern, welches besonders
auch von M[id]d[endor]ff (ihm) bemerkt wurde. EbenSo konnte
er selbst unthätig in den eigentlichen Spielstunden
seyn, wenn er meynte dass andere seine Wirksamkeit
wohl übertrügen indem er wie und er machte dann
wohl mit bestimmtheit das wie hier zur

oder was sich besonders dann zeigte,
wenn Fremde da waren u durch einen von uns beyden
die Leitung des Ganzen übernommen wurde u er dann glaubte
in seiner Persönlichkeit nicht so hervortreten zu können;
und er wurde dann wohl ganz launisch, man möchte sagen stätisch
[sc.: störrisch] u man mußte in solchen Fällen
wie es nicht blos mir sond.[ern] namentl[ich] <auch> M[id]d[endor]ff gieng, der
dieß merkwürdiger Weise zuerst u am stärksten be-
merkte, sorgsam seyn um nicht durch eine von ihm nicht un-
aufgenommene Aufforderung die Ausführung eines
Spielganzen nicht scheitern zu machen. indem er in sich
wie wenig nun jener Mangel auf äußere Acht-
samkeit den
So schien er den bequemen Wahn pflegte beste
auch nur zu gern <-> zu pflegen, Anlage zum /
[8]
Spiele sey auch schon Sicherheit u Richtigkeit, Gewandtheit
zu Darstellung derselben u ersetz[t]e schon den zu von bey der von mir
aufgestellten Spielweise so nothwendigen Überblick über
dGanze, wie die erziehende Erfassung u Pflege der augenblicklichen
Forderungen sowohl eines in Bezug auf das Kind als von den gegebenen
Umständen aus.
Wie wenig nun auch jener Mangel an
äußerer Achtsamkeit, wie sich dieser vielseitig auch zB. bey
Tische aussprach, so wie dieses persönliche leicht zur
wahren Eitelkeit führende Hervordrängen, wie
ich auf eine sehr nachtheilige Weise schon einige
Monate vorher an einer andern Person in Beziehung
auf dieses begonnene Wirken erfahren hatte, für die wahren Erzieher,
besonders wie wir ihn [sc.: die Achtsamkeit] alle für die erste Kindheit nicht nur
wichtig sondern nothwendig halten, passend ist, so ist
es natürlich, daß ich dieß, und bey Anspachs falschen
Ansicht davon, und – wie ich schon aussprach bey
seinem ganzen innern Stehenzu sich und zu andern
so wie der von mir übernommenen Verpflichtungen
gemäß, ernst, auch wohl scharf rügen mußte.
Ich suchte ihm dieses Müssen von meiner Seite
so wie die von mir an ihn deßhalb gemachten For-
derungen in ihrer durch die Sache selbst gegebenen innern
Begründung bey jeder Gelegenheit so erschöpfend als möglich
nachzuweisen, um nicht den Glauben bey ihm Eingang
zu lassen daß dieß aus Persönlichkeit oder sonst eigensüchtigen
Absichten von mir aus geschehe, sondern daß er vielmehr
darin ein Zeichen meiner Anerkenntniß seines in
ihm schlummernden bessern Wesens, was sich nur
aus der innern Unvollkommenheit hervorkämpfen
müsse, finden möge. Doch weil dieß Anspach gegen
seine eigenste Persönlichkeit gerichtet fand, so meinte
er sich dadurch auch berechtigt zu seyn zu glauben, daß es
von mir aus u in mir nur Persönlichkeit zum
Grunde habe. Es ist dieß für keinesweges eine neue
sondern in meinem Wirken <für> Erziehung auf
Erwachsener sehr oft da gewesene Thatsache. Nur
will ich offen meine Schuld gestehen, daß ich glaubte
Anspach mache hierbeyvon bey dem Grade seines Eingehens
daßs er am Anfange zeigte, was ich eine Ausnahme. Fälschlich für /
[8R]
wie sich später zeigte <anlies>, hatte ich dieß für ächtes Interesse an der Sache
allein genommen hatte da es doch nur mehr in einer ihm schmeichelnden
Hoffnung, dadurch seinem schlummernden Ehrgeiz zu dienen, ihren
Grund hatte. Wie nachtheilig dieß aber wirkt
u wie leicht dieß erkannt wird, war zeigte mir die Äußerung
einer gebildeten besuchenden Frau, welche, als wir das Spielzimmer
verließen, merkwürdig, indem sie unvorbereitet sich zu
mir wandte u sagte: „HE Anspach hat eine gute Stimme
allein er scheint es auch zu wissen.“ Wie wenig aber
dieses Wissen persönlicher Vorzüge Anlagen u das Hervor-
treten u noch weniger Geltendmachen derselben in eine
Spielstube taugt, das hätte ich früher schon u stärker noch
durch einen für diese Sache wirkend eintretenden Gehülfen
gefunden, der aber dadurch, wie ich später erfuhr mir
der Pflege eine neue zur Pflege dKindh[ei]t angebahnte
Wirksamkeit in ihrem Entstehen wieder auflöste.
So sehr ich nun Anspachs innern Bildungstrieb achtete
u anerkannte, so sehr ich aber auch diese sich äußernde
falsche Richtung nicht billigte u ihr entgegen zu wirken suchte;
so suchte ich ihm auch die Mittel zu verschaffen ersterm
zu genügen u das zweyte zu (bewirken) beseitigen. Das erste war
daher, daß ich ihm
Sogleich, schon dem Tag nach seiner Ankunft
suchte ich ihn darum in meinen Bildungskreis zu Keilhau nicht nur etwa
blos äußerlich sondern im Gegentheil recht innerlich
einzuführen suchte. Dazu sollte mir die Musik die Hand
bieten. Ich fragte ihn daher suchte mich daher sogleich über
Ich erkundigte mich daher sogleich nach
seiner Kenntniß darin u über das nach dem <Moterante> der Ausführung
d.h. ob die Noten die nach seinen Noten Ich wählte daher sogleich zu seiner
musikalischen Einführung in Keilhau welche er bey sich hatte
u
leitete es in Keilhau so, daß er mit HE Kohl einem sehr
kunstvollen Musiker es zur Ausführung brachte, so wie auch
daß er singend auftreten konnte. Ich bahnte sogleich mehrfach
die Verknüpfung zu seinem musikal. Verkehr mit Keilhau an, wozu
man ihm u mir als einem Zögling Blankenburgs gern entgegen kam. /
[9]
3) [Bogen] An Leonhardi wegen Anspach.
Warum hielt er nur so eingeführt das Ganze zu seiner musikal[ischen] Fortbildung
nicht fest? Allein der Himmel weiß ich weiß nicht
wie ich das, was ihn in sich daran verhinderte,
ob Pedanterey oder anders bezeichnen soll. Genug er
nahm das, was in Keilhau in Rücksicht auf mich wie aus
Liebe u Achtung gegen das Ganze mit Freundlichkeit ihm sich
sich ihm darbot, wie ge nicht pflegend in sich auf u ich mußte mir
zum eigenen Leid immer eine Art von <Gebet> ansetzen
wenn ich ihn mit Keilhau in Verbindung bringen wollte.
Natürlich brachte diese immer mit einer Art von
Repräsentation verbundene Erscheinung in Keilhau
daselbst ebenfalls keine ihm günstige Wirkung hervor.
So wurde für ihn u mich ein Bildungsmittel be
genommen, worauf ich so sehr zählte; obgleich auch
selbst M[i]d[den]d[or]ff sich auf seine Weise wirklich recht herz-
liche Mühe gab das von mir angebahnte bewirkte gewünschte lebenvolle
Verband durch ihn hervorzurufen. So war Anspach
überall der, der Trennung setzte, wo ich, nicht etwa blos
allein, sondern in Einigung und Übereinstimmung mit meinen
Freunden Einigung suchte, mich nun und doch nun auch was sich jedoch aber aus
einer höhern Lebensansicht erklären läßt sonderbar
genug als das Trennende setzte mich, der ich Ich aber bin mich
nur eines einzigen Gefühls, des der Achtung, u der Aner-
kenntniß u Pflege seines Bildungstriebes ja einer
gewissen Zuneigung zu ihm bewußt bin allein auch des sehr
entschiedenen Gefühls, daß die Art seines Auftretens
dafür nicht nur nicht die rechte sondern geradezu
an mehreren Stellen der rechten entgegengesetzt die fehlerhafte sey. Hierdurch
mußte freylich sehr oft, statt der von ihm gewünschten
Gleichstellung eine etwas strenge Entgegensetzung erscheinen, u ihm
so das Gefühl seiner Persönlichkeit verletzt werden.
Doch doch dieß noch mehr zu nähren sollte sich bald
Doch hierzu sollte sich bald noch eine besondere u eigenthümliche Gelegenheit zeigen finden.
Anspachs Mitgenossen, obgleich wegen seines gesammten schwä-
chern Stehens als Anspach, viel milder als dieser behandelt /
[9R]
war jedoch der stetige Ernst wenn auch wirklich mit Vor-
bedacht schonend gemildert, zuletzt doch wohl ein wenig, wie
sich durch seinen überge vom Vater vermittelten ruhigen
Austritt bewies, ein wenig zu lästig u bey auf einer Ver-
anlassung die ich nicht mehr kenne, als ihn Anspach seine
halbjährigen Seminarzeugnisse vorwies u ihm sagte:
daß er nicht allein zu einer Schullehrer Stelle wahlfähig
sondern diese auch ohne Zweifel besetzen würde wenn er nicht in
dieß Verhältniß eingetreten wäre, äußerte derselbe: „Ja
wenn dieß bey mir auch so bey mir der Fall wäre, dann
würde ich nicht hierher zu diesem Bildungscurs gehen;
und auch ich nehme es auch nur nebensächlich, weil es mir
nicht eben Nachtheil bringt.“ Ansp. erzählte dieß mir
selbst bald darauf, wo übrigens auch sein <-> Genosse noch
dabey gegenwärtig war, um mich auf das wenige
Erziehen desselben aufmerksam zu machen, vielleicht
auch um sein Verdienst u seine Person bey mir in
wahres Licht zu stellen. Genug dieses Urtheil eines
jungen Menschen, den er in seiner Bildung weit unter
sich setzte, mag wohl der erste Anstoß gewesen seyn
sich in seinen eignen Augen in seinem Werth nicht nur
anzusehen sondern auch festzuhalten. Wenigstens
zeigte sich von jetzt an, so sehr er sich auch in seiner Mit-
theilung an mich über die Äußerung seines Genossen erhaben
hingestellt hatte, daß doch eine wesentliche Veränderung in
seinem Stehen zu mir u zu seinem ganzen hiesigen Leben
vorgegangen sey was wohl noch mehr durch folgenden
Vorfall bewirkt wurde, welcher sich wie ich glaube
nicht lange vor Enslins Ankunft hier, also ungefähr
nach u bis sechs Wochen ereignete.
Wie ich bald nach Eintritt Anspachs mitgetheilt habe
war die Zeit von Morgen bis zum Frühstück zu ihren
Privatarbeiten u zur Nachholung des am vorigen Tage
da gewesenen, bestimmt. Einige Tage nach einander hindurch
wo eben HE Mddff durch Unwohlseyn abgehalten wurde
auch während des Nachts u so auch Mor am Morgen hier zu seyn hatte /
[10]
ich mich nun erkundigt, was sie in dem gleich jenen Früh-
stunden gearbeitet hätten, u siehe, es war immer nichts geschehen.
Sie hatten die schönen Sommermorgen bis tief hinein ver-
schlafen. Ich hatte dieß sehr ernst gerügt u ihnen zu zeigen
gesagt wie sehr sie sich selbst schadeten, daß ich mich gar nicht
auf sie und auf die Erfüllung des von mir Bestimmten ver-
lassen könnte; auch ihnen ausgesprochen, daß es wenig
<ge>fordert sey, wenn sie wenigstens von 6 Uhr an Morgens
bey der Arbeit wären.
Einstmals hatten wir in Beziehung auf unsern Zweck und mit
unsern Kindern einen sehr reichen Tag erlebt. Wir
sprachen am Ab[en]d sehr erfreut darüber u ich sagte ihnen
daß es Morgen ihre erste Sorge seyn sollte, das Nöthige dar-
über aus ein ander zu setzen; und sehr freundlich u väter-
lich beym Weggehen am Abend ihnen die Hand bietend
sagte ich mild u bittend zu ihnen, mich besonders an
Anspach wendend: „Morgen steht aber ja früh auf,
eure Arbeit zu machen, u thut es mir ja nicht zu Leide
wieder so lange zu schlafen, daß ich es nicht wieder um so hart rügen
muß.“ Sie gingen auf mir die Hand reichend u auf eine
Weise fort, welche mir die gewisse Erfüllung meiner Forderungen
hoffen ließ. Ich wollte darum, um ihnen u mir die Freude
zu machen, am Mor andern Morgen recht früh zu ihnen gehen;
konnte aber doch wegen Abhaltung erst frühestens um 7 ½
Uhr, ich glaube fast es war noch später, aus meiner Wohnung
wegkommen. Es kam unter den obwaltenden Umständen gar
kein anderer Gedanke in meine Seele, als daß ich sie bey ihrer
Arbeit finden würde. Diese Gewißheit erhöhte sich mir noch als
ich an das Arbeitszimmer trat u dasselbe ganz stille fand,
mir nun gewiß sagend daß sie so mit Ernst arbeitend an dem
Tische säßen. Ich sah sie im Geist schon wirklich vor mir sitzen
u wiederholte in mir die Paar freundlichen Worte, die ich ihnen
deshalb sagen wollte. Aber wie erstaunte ich als ich bey Eröff-
nung der Stube diese g[an]z leer fand. Ich trat an die gemeinschaft-
liche Schlafkammer; auch diese war g[an]z stille. Allein wie
wurde ich entrüstet als mir bey dem Eröffnen der Thür Anspach auf-
gähnend die Arme entgegenstreckte. /
[10R]
Unwillkührlich von dieser mir ganz unerwarteten Erscheinung
ergriffen (es war ja Mitte des Sommers u die Sonne schien
schon so hoch herab in das Schlafzimmer) [(] auch trat mir, daß
es nicht das erstemal sey, so wie was wir gestern Ab[en]d darüber
verhandelt hatten im Nu entgegen) sagte ich in tiefster Entrüstung:
“Was ist das aber auch für ein Betragen von Euch; Ihr wärt
werth daß ich euch gleich auf der Stelle fortschickte.“ Sie arbeiteten
sich ohne etwas zu sagen aus ihren Betten hervor u ich ging fort.
Dieses ihr Betragen, nun verglichen mit meinem Vertrauen
was ich ihnen bewiesen u mit der Väterlichkeit mit welcher ich bisher
zu ihnen gesprochen hatte, bewirkte nun in mir, wie soll ich es
genau genug bezeichnen, besonders bey dem Scheine von Selbsttrieb
für die Sache welchen Anspach bisher geäußert hatte, ein tiefes
Trauern in mir über das gestörte (durch sie selbst) gestörte Ver-
trauen was ich ihnen nun nicht mehr beweisen konnte u durfte.
<Weyler> [sc.: Vogler] fühlte dieß die Forderungen, die ich vermöge des Ganzen
an ihn machen mußte, waren für seine moralische Kraft
zu stark, er ging verwechselte dieß mit der physischen und
er sprach mir aus, daß er zur Hers sich krank fühle u zur
herstellung seiner Gesundheit nach Hause kehren müsse. Wir
schieden lösten auf dem Wege des gegenseitigen Verständnisses nach
Rücksprache mit dem Vater das Verhältniß, wie es sich an-
geknüpft hatte wir waren alle zufrieden daß sich das Verhältniß so
gelöst hatte besonders sprach sich M[idden]d[or]ff sehr bestimmt er-
freuend darüber aus, da sich so noch zur rechten Zeit entschied,
was er habe nur vermuthen können bey ihm besorgt hätte
als doch geschehen werdend von ihm vermuthet worden.
Auch Mit Anspach schien sich die Sache auszu-
gleichen; besonders suchte er sich dadurch einen Schein der bessern
Einsicht zu geben, daß er den Austritt Voglers mit Worten
nicht billigte, sondern vielmehr stets dessen der Sache fremd-
stehen durch mancherley Äußerungen von demselben darlegen
wollte. Doch jetzt bald trat wieder mit dem sta schon Statt
gefundenen Eintreten Enslins ein neuer Kampf ein, welcher
schon früher Middendorffen entgegen getreten war, in dem
in derselbe nur wenige Zeit vor dem Abgange Voglers
wo von der Aufnahme Enslins auch als Schlafgenosse
der übrigen im Arbeitshause die Rede war aussprach: es sey sehr
dabey Achtsamkeit nöthig, damit es nicht unter den
jungen Leuten zu einer Complotirung führe, (wozu ihm
Enslin geneigt schiene oder) wozu ihm in Enslin die An-
lage zu liegen schien. Wie sehr nun M[i]d[den]d[or]ff, welcher /
[11]
4. [Bogen] Brief Fr. an Leonhardi über Anspach u Enslin
überhaupt die jungen Leute genau beobachtete,
u ganz namentlich bey Enslins Betragen u Auftreten
wie er später bestimmt aussprach, immer ein Miß-
behagen gefühlt hatte nun Recht gehabt hat, geht aus dem Erfolg [sc.: Folgenden] hervor.
Dieß war Als nun aber nach mehreren einige Wochen
seit nach Voglers Abgang Middff bemerkte, daß Anspach
was bisher nie der Fall gewesen war, den Enslin
Du nannte, so sprach er sich aus mußte er sich aus-
sprechen: nun ist Anspach [sc.: Vogler] weg, d. hatt[e] fast nun
nun ist seine moralische Kraft in ihm gebrochenwichen, Enslin
hat ihn auf sein niederes Stehen mit u zu sich hinunter-
gezogen. Der Erfolg zeigt wieder, daß er Recht hatte.
Nach dieser Zeit trat ein Vorfall mit Enslin ein,
dessen Veranlassung im Einzelnen ich mich nicht bestimmt
erinnere von dem ich aber nur so viel weiß, daß ich er bey einer
mir sehr ernsten moral[ischen] Sache spöttisch lächelte weßhalb
ich ihn gehörig ansah, u ihm sagte: „ich wisse gar nicht
wie er sich für eine Sache bestimmen könne, welche er doch in
sich gar nicht achtend anzuerkennen schiene; ich so wisse ich auch
gar nicht, wie er sich unter diesen Umständen, da er doch
ein ordentliches Handwerk gelernt habe, so rüffeln lassen
könne; er scheine mir daher bey seinem vorgegebnen innern
Streben blos äußere Zwecke im Auge zu haben; er möge
darum doch lieber seinem achtbaren Berufe treu bleiben,
dem zufolge ihn ja auch gar nichts bey mir hielte, der Zimmer-
mann habe in meinem Hause 2 u mehr Thüren gelassen;
Ich wollte auch bey dieser Veranlassung ihm offen aussprechen
warum ich Anstand genommen ihn ins Haus zu nehmen, weil ich
eben mich gar sehr fürchte in ihm mir eine Ruthe aufzubinden. Darauf
fand ich am andern Morgen anliegendes [Schreiben Enslins] auf meinem
Tisch wovon ich Dir schon einen Theil mitgetheilt habe.
Da es mir durchweg Grundsatz ist, wie es in meinem
ganzen Charakter liegt u ganz eine bestimmte Eigenthümlichkeit meiner von mir
Persönlichkeit ist, daß ich bey der Beurtheilung Anderer besonders
der jungen namentlich und sich mir als Strebende zeigenden jungen Leute
zeigenden Beurtheilung meine eigenthümliche Persönlichkeit
in diesem Alter u hier namentl[ich] meine dortmaligen
eigenen Übereilungen u Fehler aber auch das feste u ernste
Streben nach einem ganz bestimmten moralischen Ziele /
[11R]
und Menschheitszweckes mit in Anschlag bringe, so bestimmten
mich die gedachten Äußerungen Enslins auch von Neuem
zu ihm Muth zu fassen u die bisherigen Unannehmlichkeiten
in mir ganz zurücktreten zu lassen. Ich faßte daher (in mir)
wegen seiner Zukunft einen bestimmten Plan den ich auch
Dir wie ihm mittheilte, nämlich den, daß er bis zu einer
errungenen bestimmten Entwicklungsstufe u Klarheit über
sich bey mir bleiben solle. Zur Deckung seines Unterhaltes pp-
solle er täglich eine bestimmte Zeit industriell im Papier[bereich] p[p]
für die Anstalt wirken; ein anderer Theil der Zeit [der Lebenskosten] solle
er durch seinen Gönner u Beschützer in Frankf. wo möglich
herbeygeschafft werden. Diesen Gedanken brachte ich auch
für so gleich in Ausführung, indem ich ihm solche derartige Arbeiten
zb zunächst Ausstechbücher zu fertigen übergab. Da-
gegen sollte er wie mit Anspach den Unterricht behalten, auch sich
in Hinsicht auf seine vermeintliche Tauglichkeit zu Klein-
kindführung täglich in der Anstalt weiter prüfen. So lag
der Plan mit ihm den ich ihm oben so offen ausgesprochen hatte klar vor.
Nur Mangel an Zeit und eine
stille Fur unbestimmte Furcht bey immer wiederkehrenden
Persönlichkeiten[störungen] Enslins in mir wieder aufgeweckte stille un-
bestimmte Furcht vor einem gänzl[ichen] Rückfall hinderte mich
dieß eben so klar seinem Gönner u Beschützer dem Herrn
Oberlehrer Schäffer auszusprechen. Aber auch dieses beydes
vorenthielt ich dem Enslin nicht. Er wußte also ganz ge-
nau wie er, und daß er auf einem Wege mit mir stand
der ihn bey nur einiger wirkl[icher] Kräftigkeit u <sichern> Ausdauer
zum Ziele hätte leiten können.
Auch mein fortgehendes bestimmtes Urtheil über Anspach
abzugeben zu dem Du mich bestimmt auffordertest abzugeben hinderte
mich das schwankende Stehen Anspachs und seine unklaren
Äußerungen darüber über ihn abzugeben. In dieser Zeit mag
es fallen, wo ich Dir, um nur einigermaßen Deinen u den übrigen
vertrauenden Frankfurter Erwartungen entgegenzukommen, mit 2 Worten /
[12]
in Deinem [sc.: meinem] Briefe andeutete: Ich habe mit der hervortretenden
eigensüchtigen Persönlichkeit beyder viel zu kämpfen oder wie ich
es sonst kürzer gesagt habe, was ja in Deinem Briefe vorliegt.
Ganz anders aber als ich mir dennoch das persönl[iche] Wesen
dieser beyden jungen Leute gedacht habe, muß es dennoch in ihnen
Statt gefunden haben, daß ein solches, wenn auch sehr <ernstes>
u besonders auch von Middff sehr mild und brüderlich gepflegtes
Leben keinen <[ge]sunden> Zustand im Innern hervorbringen
konnte. In dieser Zeit war nun auch mein gegen-
wärtiger Geschäftsführer HE Berger eingetreten, welcher
jedoch auch wie Enslin in einem Gasthofe aber in einem andern Gast-
hofe
noch aus dem Hause schlief u überhaupt mit
beyden gar nichts zu theilen hatte. Ich berühre dies
nur wegen des folgenden.
Auch HE Dr. Weil war jetzt eingetreten, wie sich überh[au]pt
nun alles zur Entwicklung eilt. Die Anordnung war in
völliger Übereinstimmung mit dem Ganzen die, daß HE
Dr. Weil von 7 bis gegen 9 Uhr, wo dann bey mir ge-
frühstückt wurde, von mir Unterricht erhielt. Von
9 bis 12 nach dem der Zeit nach dem Frühstücke
bis gegen die Mittagszeit (12) um 12 bekamen die jungen Leute
zum großen Theil u <Gyger> bis gegen Mittag bestimmten Unter-
richt von mir, woran auch der Anordnung nach u nur
durch Umstände in einzelnen Tagen verhindert M[idden]d[or]ff bestimmten Antheil nahm.
Vor Tische ging Mdff während der Zeit von beinah ein Stunde wenn es die Witterung gestattete
mit ihnen sowohl der in die nahe Schwarza <Schwimmübg> ins Bad
was für ihre Reinlichkeit eben so nöthig als die Schwimmübungen ihnen lieb waren
u wo die Hin[-] u Herwege gewöhnlich zu klärenden, ernsten u erheiternden Gesprächen
über das vorliegende Leben gewöhnlich dienten benutzt wurden. Die
Zeit nach Tisch e bis zum Spiel wurde weil so bey mir
spät zu Mittag gegessen wurde entweder der bestimmten
Vorbereitung zum nächsten Spiele oder auch wohl sonst zur
Erholung u freyen Mittheilung frey gegeben das M[idden]d[or]ff
gleichfalls mit ihnen theilte wenn ihn nicht dringende Geschäfte abh[ielten].
Von 3 bis 5 ging es bekanntlich zum Spiel.
HE Hochstädter der jetzt auch eingetreten war, gab
ich nun von 3 bis 5 7 Ab[en]ds discursiven Unterricht,
damit schlechterdings die mir anvertrauten Bildlinge
nichts verlieren möchten. Denn nach dem durch die Spielzeit etwas
später eintretende früh ab nachmit Vesperbrod /
[12R]
und außer daß Mittwochs u Sonnabends eine Stunde Gesangs[-]
übungen waren traten besonders Arbeiten ein bis zu der Zeit ein, wo
es bis zur Beachtung u Leitung der sich zum freyen Spiele und zur
Pflege ihres Geistes wieder einfindenden Kinder die Zeit rief
nach dessen Schluß meist leicht vor ½ 9 gewöhnlich zw. 8 u 9, der Tag auch geschlossen
wurde u dann gemeinsam gegessen wurde.
Durch die Gegenwart
So verletzte ich eben so wenig äußerlich mein dem Verein gegebenes
Wort u übernommene Verpflichtung als die jungen Leute
in sich dadurch durch den Besuch dieser Männer nicht nur nichts verlohren sondern vielmehr
noch gewannen, indem sie nicht nur der sinnigen lebhaften Gespräche über
den Gegenstand waren, wie ich sondern daß ich auch dadurch, daß ich ihnen auch sogleich alles dasjenige aus Liebe zu ihnen für sie wie aus Interesse für dG[e]g[en]st[an]d Sache
mittheilte, was mir selbst in meinen Pflegestunden
die beyden jungen Männer, der Scharfsinn u die Critik
des Einen, wie das ganz vertrauende und gemüth[-]
volle u fordernde Eingehen des Andern mir selb zum schönen Lohn
meiner ihnen zugewandten Zeit mir selbst oft höchst
unerwartet, brachten. Und ich der ich doch die Spiele
mit vielem Fleiß u Allseitigkeit selbst bearbeitet habe,
muß sagen, daß mir das was sie mir so brachten nicht
unbedeutend war; wie vielmehr hätte also diese
rege Theilnahme zwey solcher Männer an d[em]G[e]g[en]st[an]d
auch ihre wahre Theilnahme wenn solche wirkl[ich] in
Ihnen lag gelegen erwecken u pflegen sollen! Denn Zu diesem
Ende theilte ich ihnen hatte ich wie gesagt ihnen alles dieß
mitgetheilt.
In den spätern Zeiten waren sie selbst Zeugen davon wohnten sie jenen Mittheilungen selbst bey.
Nach dem ich eine lang näml[ich] eine längere Zeit
hindurch um HE Hochstädter in der bestimmten kurzen Zeit
möglichst seinem Ziele entgegen zu bilden [mich] zugleich mit
den jungen Leuten in der meinem neben unsrer gemeinsamen
Arbeitsstube befindl[ichen] Geschäftszimmer beschäftigt hatte
indem so daß ich von dem einemn zum dem andern ging, ließ ich um /
[13]
5. [Bogen] Brief an Leonhardi
den HE Hochstädter in der <-> da er [bei] <der> durchlaufenen Vorführung d Spiele auf zu
der Stufe vorgerückt war, wo Anspach u Enslin
standen, ebenfalls an ihrem Unterrichte Antheil
nehmen, wodurch also nochmals gesagt für keines-
weges irgend etwas verloren sondern sie nur ge-
(winnen mussten) wonnen haben. HE Hochst. unbe-
fangenes Urtheil mag darüber selbst entscheiden.
HE Hochst. trat aber mit 26ten August in die Anstalt
ein. Wie können nun diese wahnwitzigen Menschen
sagen, während 6 Wochen keinen bestimmten Unter-
richt gehabt zu haben. Ich weiß mir dabey gar nicht
anders zu denken u ihre Reden gar nicht anders zu
deuten, als daß sich ihre Ehrsucht dadurch gekränkt ge-
fühlt hat, daß sie erst diesen Unterricht nicht mehr
allein theilten hatten, und daß ich mich während des Unterrichtes
des vorliegenden Zweckes wegen wohl oft besonders (pfle-
gend) zu HE Hochstädter hinwandte, der woraus
sie aber nur Gewinn für sich hätten ziehen sollen indem
das dabey Ausgesprochene nun sogleich eine besondere
praktische Beziehung erhielt. Daß ich aber in meiner
oben ausgesprochenen Muthmaßung wohl nicht Unrecht
habe, geht aus einer Äußerung Anspachs hervor, welche
ich später erwähnen werde. Genug beyde, jedoch
hebe ich hier nur Anspach hervor, theilten diesen
die bestimmteste Anwendung im Auge habenden Unterricht
so, dass sie dabey wie mein Schatten an meine Person
geknüpft waren, so daß ich sie Anspachen hätte dieß, seine
Verpflichtung gegen seinen Gönner im Auge habend, nur lieb
seyn können, wie ich ihm ja auch aussprach, daß es ihm müsse es lieb
seyn müsse, daß HE Hochstädter vor ihnen dort den Acker
bebaue u er so schon ein vorbereitetes Feld bey seiner
einstigen künftigen Wirksamkeit finden also leichter zu be-
ginnen haben würde.
[13R]
Um in gar nichts meine Verpflichtungen gegen Anspach
oder eigentl[ich] gegen die Beytragsunterzeichner zu
verletzen, nahm ich beyde auf einer kleinen Reise nach
dem Thüringer Walde mit welche HE Hochstädter um
ebenfalls nichts an Mittheilungen zu verlieren in meiner
Gesellschaft zu machen wünschte, wie ich sie später auf
eine solche so kleine Reise nach Jena mitnahm (wovon nachher).
Wie sehr ich überhaupt in allen Beziehungen außer
dem bisher Erwähnten das für Anspach Vortheilhafte stets
im Auge hatte geht auch aus folgendem hervor. – So wenig
auch HE Hochst. Anlage zum Gesange in sich haben mag, so wünschte
er doch in kleinen fo Umfange in Beziehung auf d Forderungen die
das Spiel mit den Kindern macht, sich damit bekannt zu
machen u sich somit als mögl[ich] davon anzueignen. Ich sprach
diesen Wunsch des HE Hochst. Ansp. mit dem doppelten Beysatze aus:
daß ich mich freue mich daß er dadurch einen kleinen Beytrag zur
Deckung seiner bish Ausgaben bekommen erhalten würde, daß er u er möge sich deßhalb ohn-
geachtet der dHE geringen GesangsAnlagen d. HE Hochst. sich mit dem-
selben möglichst Mühe geben möge u daß ich in allen
diesen Beziehungen
ich würde ihm zu diesen Übungen ihm die eine Stunde am Morgen
bis zum Frühstück für die seine Dauer v HE Hochst. Aufenth. Frey
geben wolle. Dieß das eine. Das andere ist das: HE Hochst. kam nun bald selbst
zu mir u sagte: daß die beyden jungen Leute hätten wohl Lust zur Al-
gebra hätten u er käme gern ihrem Wunsche ihnen dabey
behülflich zu seyn entgegen käme, wenn ich’s erlauben wollte.
Auch dieß that ich, obgleich ich später wohl HE Mdff manchmal öfters
bemerkte daß sie zur Befriedigung dieser Neigung außer der ihnen gegebenen manche Zeit an-
wandten die eigentl[ich] der laufenden vorgesteckten Beschäfti-
gung gehört hätte.
Wie wirkte nun aber diese Freundlichkeit Hochst. gegen sie auf
dieselben zurück? Dieß dünkt mich ist für den moral[ischen] Zust[an]d
ihres Innern ein klar[er] Beweis. u wie wenig eigentl Wie wenig aber selbst Anspach zur rechten Kin-
derpflege, worin die Hinführung zur Dankbarkeit ein wesentliches
Ziel ist, wenig <-> geeignet war, welche äußern Anlagen, die /
[14]
ich ihm nicht absprechen will sondern wohl nur zu oft
u zu bestimmt ihm zugestanden habe, u ohngeachtet
seiner Gewandtheit zur Lehre er hatte, geht mir daraus
noch sprechender u unläugbar als aus seinem Ver-
halten gegen mich hervor. HE Hochst. war näml[ich]
wegen des etw. längern Außenbleibens eines Briefes
von seinen Verwandten ängstl[ich] in sich besorgt. Der Brief
kam an u wurde bey mir abgegeben, nachdem HE Hochst.
schon von mir in sein Gasthaus gegangen war. Ich machte
da es eben Vesperbrod Zeit war die Anordnung, daß d Brief
durch Enslin von beyden dahin gebracht wurde u gab Enslin
dazu den bestimmten Auftrag indem mit dem Zusatz, daß HE Hochst.
sehr mit an diesem Brief gelegen sey so daß er durch den Überbringer
desselben 2 Menschenfreunde machen würde HE Hochst. der ihn
erwarte und sich selbst der ihn überbringe. Ich ging eben mit Mdff
ausging und kehrte in der bestimmten Hoffnung kehrte ich später zurück.
Es war nichts geschehen. Ausflüchte dBesorgung waren natürl[ich] in Menge da.
<-> Ich trug obgleich brachte ob es gleich schon spät am
Abend war, keinen mehr in mir mehr dazu werth achten-
den Brief selbst in HE Hochst. Gasthaus. Später mußte
ich nun hören daß Eigensucht das Auslüften beyder für daß Anspach
beym Weggehen aus meinem Hause geäußert habe, er habe nicht
die Verpflichtung des stinkenden Juden Bedienter zu seyn. Möget
Ihr mir u HE Hochst. den diese Niederungen <A’s> nicht berühren kann
diese unverschleyerte Mittheilung verzeihen. Ihr Sie war
nöthig um Ansp. moral[isches] Wesen u sein weniges moral[isches] Geschicktseyn
zur ächten Kinderführung kund zu thun.
Es geht dieß noch aus einem zweyten, ja aus einem dritten hervor.
Anspach hatte wie erwähnt HE Hochst. Unterricht im
Gesang gegeben. HE Hochst. zart fühlend u den Ansp. nicht
dafür wie einen Taglöhner ablöhnen wollend, hatte demselben
nicht gleich nach Beendigung der Stunde bezahlt, es auch nicht
einmal persönl[ich] thun sondern um die Zeit seiner Abreise
durch mich besorgen lassen wollen. Anspach hatte HE Hochst.
höchstens <18> Stunden Unterricht gegeben u ihm dann noch
ein Paar kleine Büchelchen mit Spielgesängen abge-
schrieben. Nach Rücksprache mit mir u Mddff fanden
wir es sehr anständig wenn ihm dafür 4 preußTh[a]ler
also 7 Gulden rheinisch bezahlt würden. Und als ich dem
Ansp. kurz vor dem Weg<gang> des HE Hochst das Geld
auszahlte, fühlte er selbst das Anständige dieser Vergütigung /
[14R]
doch Ehe aber dieß geschehen war hatte ihn genau war er gefragt
worden: was er für die gegebenen Stunden erhalten habe, worauf
er geantwortet: es wird wohl wieder Hof[-] oder Frohndienst seyn;
woraus also hervorgeht, wie er in sich zum Ganzen, welches stets
nur die Erreichung des vorgesteckten rein menschlichen Zieles
vor Augen hat, sich stellte, und wie er in sich das nahm, was
nach unser aller Beyspiel wie auch nach Mddffs festen
Überzeugung durch welcher alle die Forderungen welche
er bey seinem „auch wieder“ ein[en] Sinn haben könnte
fast nur einzig durchging – unzertrennbar zu <Seyn>
u zu einer demselben entsprechenden Ausbildung unzer-
trennlich gehörten. –
Wie wenig er aber um des Ganzen willen des Einzelnen achtete
u wichtig erkannte, geht noch aus einem dritten hervor.
Ich habe schon oben erwähnt, wie beyde u g[an]z nam[en]tl[ich] Anspach
neugierig u unstatthaft nach jedem eben Vorliegenden [ver]fuhren
und wie es mir erging ging es auch andern mit ihnen.
Ich hatte nun HE Berger dem Geschäftsführer aufge-
tragen einen Brief für mich abzuschreiben. Obgleich
dieß nun in meiner Geschäftsstube geschah, so hatte ich doch
wegen des persönl[ichen] Inhalts gebeten, ihn nicht offen her-
um liegen zu lassen. HE Berger nun, welcher die
gleiche Erfahrung gemacht hatte daß sie ihm beym Abschreiben
unbefugter Weise in die Briefe geschaut hatten, wollte
dieß jetzt, wo ich eben nicht im Arbeitshause gegen-
wärtig war, mit Bestimmtheit vermeiden; und schloß
daher die Thür zur Geschäftsstube, in welcher weder Ansp.
noch Enslin das Geringste zu thun hatten, zu, worin
Sie kamen jedoch beyde zum öftern kamen herein um gegen mein
Wort u zu meinem großen Verdrusse in meinen dort auf[-]
gestellten Büchern p zu stöbern. Ohne Zweifel in gleicher
Absicht kommen sie jetzt wieder an die Thür, finden dieselbe
verschlossen. Was thut nun Anspach? – Nachdem sie ihm
auf sein Anfordern nicht geöffnet wird, tritt er
schimpfend an die Thür u wirft gegen den übrigens
sehr ruhigen jungen Manne, den Geschäftsführer Berger, mit /
[15]
6) [Bogen] Brief an Leonhardi Anspach betr
“dummen Jungen“ u.s.w. um sich. Es mag hier
sich
Es mag hieraus hervorgehen (entscheiden) ob ich Recht hatte warum
noch eins Es spricht sich hieraus
sowohl in Anspach als in Enslin und be-
sonders in dem erstern eine tiefliegende Gemeinheit die aber eben deßhalb verborgen hinter einer
äußern Geschmeidigkeit erst spät hervortrat. Welche
aber
Gewiß ist sie aber eine der wesentlichsten Fehler eines Klein[-]
Kinderführers ist alles Ernstes weshalb ich <-> ihr so wie ich sie nur
leisest ahnete, allen Ernstes entgegentrat.
Dieses sich nun gänzliche von mir Durchdrungensehen von mir
So wie aus nun, gegen welchen Anspach zuletzt nach keiner
Seite hin den Schein tiefgegründeter Tüchtigkeit
und eines dem hohen Zwecke rein hingegebenen Strebens
mehr retten konnte, und dagegen wieder von ihm dieses
äußere Festhalten wollen auch des äußern Scheines unein-
gebeschränkter Tüchtigkeit – dieß scheint eig[en]tl[ich] seinem
ganzen Stehen zu mir so wie dem Charakter seiner
Äußerungen über mich ihren Grund gegeben zu haben,
indem er sich, wozu ich ihm doch auf alle mir
mögliche u wirkl[ich] oft mit Sorgfalt gewählte
Weise die Mühe Aufforderung gab, sondern den Schein aufgeb[en]d
das Scheinen aufgeben sollend nicht zum
Seyn erheben konnte. Dieß sein Scheinen ist aber
immer ewig was er gegen mich geltend zu machen sucht
wogegen natürl[ich] ich ihm immer die Forderung des Seyns
die freylich ihm als Selbstsüchtigen u Eigendünkligen
weder mir aber u noch weniger dem Mddff der sie viel-
mehr ganz in der Natur der Sache gegründet fand,
schwer schien wohl aber ihm als Selbstsüchtigen u
Eigendünkligen.
Doch ein wichtiger Punkt ist noch zu erwähnen
u dieser hat vielleicht zur gemeinsamen Handlungs-
weise Anspachs u Enslins zuletzt den Ausschlag
gegeben. – Ich habe schon mehrmals erwähnt, /
[15R]
wie Anspach sowohl als Enslin unberufen u unbefugt
in allem Herumliegenden u namentlich in den Büchern zu meinem
großen Unwillen stö[ber]ten Verdruß u widerstrebenden Gefühle stöberten,
weil mir dieß immer vorkam wie das Naschen eines
Laien aus den Büchsen eines Apothekers, und dießmal
mag sich leider dieß mich stets begleitende unerfreuliche Gefühl
bestätigen.
Zu Anfang des Monats September mag es gewesen seyn
als bey meiner Anwesenheit von mir in Keilhau d[urc]h Brp [sc.: Barop] auf
Jung Stillings Leben aufmerksam gemacht wurde. Er hob
besonders den ersten Theil als beachtungswerth hervor, auf den 2ten
Theil jedoch weniger Werth legend; Jedoch nahm ich beyde auf diese
Veranlassung mit mir nach Blankenb[ur]g weil sie eben vor mir
lagen. Durch die Umst[än]de bestimmt nahm ich dLesen derselben sogleich
vor, und wie alle solche <-> Bücher lag mir auch dieß es mir
zur Hand, und Anspach unterließ da nach seiner gewohnten Weise
bey seinem Eintritt in mein Zimmer nicht darin zu blättern. So widrig
u unheimlich mir dieß nun auch schon im Allgemeinen war, so hatte
ich doch schon soweit
Da mir dieß wie immer sehr widrig u dabey sehr unheimlich
zu Muthe war, so suchte ich beydes los zu werden und
dem Handeln Anspachs in mir einen gewissen Anstrich des Verstat-
tetseyns zu geben, indem ich ohngefähr zu ihm sagte: Ja dieß Buch kannst du lesen,
da wirst du sehen, welche Entsagung u Ausdauer ein streb[en]der junger
Mensch von Streben üben muß, wenn es ihm mit jenem demselben seinem Streben ein Ernst ist[.]
Denn nur soweit hatte ich das Buch gelesen, daß
mir besonders diese Seite daraus entgegentrat. Die Erlaub-
niß dazu wurde mit einer eigenen Heftigkeit ergriffen,
so daß sie mich bald in dem Lesen überholt hatte, indem
sie jeden Augenblick ergriffen sich den Inhalt des Buches,
wobey besonders Enslin wie ich bemerkte
sehr thätig war, sich gegenseitig
abzuhaspeln. Ich kann es zwar nicht anders bezeichnen, ich könnte
auch wohl sagen: den Inhalt sich herschnatterten, so unheimlich war das
Gefühl in mir als ich einmal vernahm mit welcher Hast u Aus-
drucks<fleiß> Enslin dem Anspach daraus vorlas. Ich sagte mir
dabey: „Nun daraus wird noch kein großer Gewinn fürs Leben
hervorgehen.[“] Später konnte ich mit Stillings unklarer Handlungs[-]
u ebenso unklarer Darstellungsweise seines Lebens, besonders der
daraus, wie es mir schien, mit einer großen Gewalt gezogenen /
[16]
Ergebnisse aus seinem Leben nicht zufrieden seyn, zumal nam[en]tlich
da nicht, als er aus einem seiner Verhältnisse seinen
Bündel schnürend u zum Fenster hinauswerfend durch
die Hinterthür entweicht; da ihn ja soviel ich mich er-
innere nichts gehindert hätte, mit bestimmter u klarer
Willenserklärung frey durch die Vorderthüre aus seinem
Verhältnisse auszutreten. Ich würde darum um dieser
einzigen Erscheinung in Stillings Leben willen, hätte ich sie
früher gekannt, das Buch schwerlich den jungen Leuten in
die Hände gegeben haben. Jedoch tröstete mich darüber wieder
die Aufrichtigkeit Jung Stillings, mit welcher er im letzten Band offen bekennt,
daß die Haupttriebfeder seines Strebens Eitelkeit, Ehrsucht,
u Ehrgeiz gewesen sey. So mag es ohngefähr gegen die erste
Hälfte des Monats September gewesen seyn, als ich bey einem
sehr nebligen Abend, wo man kaum vor sich sehen konnte,
von Keilhau kam. Kaum vor dem Geschäftl Arbeitshaus vor-
bey gegangen, hörte ich kurz vor mir sprechen, u bemerkte bald
daß es Enslin u Anspach sey[en]. Enslin führte das Wort was ich <-> von
dem Gespräche nun seitwärts abbiegend wahrvernehmen konnte,
war, daß Enslin auf den Grund u dFolie von Jung Stillings Leben
in äußerlicher Hervortretung eine Art von Vvorab gegenseitiger
Verabredung u Entschluß, der Beystimmung Anspachs in sich gewiß,
aussprach, gemeinsam einig u kräftig ihr Ziel zu verfolgen
und so einer sichern Zielerreichung gewiß zu seyn. Das letzte
verhallte mir, indem der Weg mich nöthigte abzubiegen.
Dieß von mir Vernommene läßt sich so u so deuten. Doch
drückte sich mir darin nur Äußerlichkeit des Zieles ohne
innerliches Fundament aus, und ich legte darauf weiter keinen
Werth, ob ich gleich in Beziehung auf beyde u selbst in Bezug auf
Anspach erkannte, daß sie über den Punkt von wo aus u die
Art wie sie die Entwicklung ihres Lebens erfassen sollten noch in
sich unklar seyen, was mir nach dem Vvielen zwischen uns dar-
über Ausgesprochenen, ich möchte sagen, ein Räthsel war.
Später fragte HE Mddff, als sie ich glaube, mir das Buch
zurückgaben, die beyden jungen Leute: Was hat euch denn nun
in diesem Buche am besten gefallen? Sie antworteten ohngefähr[:]
die Folgerung u Resultate, die Ergebnisse u Gesetze, welche /
[16R]
Jung Stilling aus seinem Leben gezogen hat.
Ich habe das Buch später nicht wieder gelesen, glaube
aber mich erinnern zu können, daß dieß wenigstens von
meinem Standpunkt aus, nicht die klarste u <selt[en]ste>
Stelle im Buche war.
Genug, so wie nun die gesammte H[an]dlungsweise der beyden
jungen Leute vor mir liegt, so glaube ich, ich weiß es nicht
schärfer u besser zu bezeichnen: „Sie haben auf den
Grund, auf die Darstellungsweise von Jung Stillings Leben, u auf die
Ergebnisse, die er aus demselben zieht, ein bischen Gottver-
trauen spielen wollen, und haben geglaubt diesem
Knabenspiele würde ihr lieber Gott sogleich den Ernst des
Lebens mit seinen Forderungen unter u in seinem noth-
wendigen Entwicklungsgang unterordnen. Nur von diesen
mindestens gesagt thörichten in mancher Beziehung man könnte
man wohl sagen wahn bey der Äußerlichk[ei]t des innern Stehens
u Strebens wahnwitzigen Lebensansicht läßt sich nun für
mich das Ganze sehr leicht erklären, So oft so wie das
betr der äußern Erscheinung nach versch. Betragen u <Erfolg> v beyden
bey Anspach der trotz u bey Enslin der verzweifelnde
Kleinmuth.
Ich gebe was ich habe u wie ich es sehe, ohne jedoch
über das Leben selbst u dessen innere Beweggründe
zu entscheiden. Ich bestehe auch nicht darauf, Recht zu haben
im Gegentheil würde es mir in dem vorliegenden Fall
Freude seyn, wenn ich es nicht habe.
(Mir Schreibe d.) ist auffallend daß wie ich das Buch mit
ihnen zu ihrer Freude zu lesen anfing, sie mir später kein nicht
nur keine Aufforderung gaben, noch auch sich darüber näher
mittheilten u sich über die Ansichten u Selbstbemerkungen wie
das sonst zu gescheh mit allem übrigen zu geschehen pflegt mit
mir nicht besprachen – wie überhaupt sie in d letzten Zeit immer
weniger mittheilend wurden – was aber alles sich nun leicht erklärt,
daß ich jedoch wohl leider Recht habe scheint mir aus <->
Äußerungen pp Enslins frühem Briefe an HE Oberlehrer
Schäffer
hervorzugehen, wo derselbe, um es auf
das gelindeste zu bezeichnen, von mit einer /
[17]
7. [Bogen] Brief an v. Leonhardi Anspach Enslin betr.
gewissen Art Heftigkeit von HE Schäffer die Thaterfüllung
einer sich auf die Hoffnung der Festhaltung des innern Lebensstrebens
sich stützenden gewissen Äußerung seiner freundschaftl Lebenstheil-
nahme fordert. Es scheint mir in E[slin]s jüngsten Betragen damit
eine gewisse Parallelisi[run]g seines sich gemachten Verhältnisses
zu Gott zu liegen, indem er nun meynt u pocht
Gott müsse ihm nun auch auf die schwache Äuße-
rung hin, die er zu einem edlen Streben gegeben
haben, auch schon mit seiner ganzen Macht u Kraft
gleichsam gnädig seyn.
Wenn ich dieß auch alles
in sich selbst dahin gestellt seyn lasse, wohin es gehört,
und mich aller Erklärung der jüngsten Erscheinung
in Anspachs u Enslins Leben begebe, vielmehr die That-
sachen reden lasse, was sie nun eben aussprechen, so
erscheint mir doch so viel für mich unbezweifelbar gewiß:
Beyde haben in sich einen gewissen Willen, eine Art Wollen,
dessen Grund ich nicht weiter erörtern will, tüchtig zu
werden zu wollen (was ich ihnen nicht keinesweges
absprechen will, so wohl für sich als für Andere u g[an]z
namentlich für mich schon die Bedeutung u das Gewicht
der That geben wollen und sich durch ein umso mehr
ernstes Dringen von meiner Seite auf Verwirklichung
Ausführung u That in ihrem verletzt gefühlt in dem Wahn
schon durch den Willen
etwas zu gelten und so der That überhoben zu seyn, zu werden, verletzt
u beleidigt gefühlt
; gar nicht einmal zu erwähnen,
daß doch, namentlich bey dem Erzieher, die Gesinnung die Reinheit der Gesinnung aus
welchem das Wollen hervorgehe – ganz
wesentlich mit in Anschlag komme. Diese Handlungsweise
beyderseits g[an]z klar im Widerschein in einer Geschichte
die mir so eben aus der Schweiz gemeldet wird: Eine
Lehrerstelle wird, wie es in der Schweiz heißt ausgeschrie-
ben und die sich zur Annahme derselben fähig halten
auf einen Tag zur Prüfung vorbeschieden. Es er-
scheinen deren mehrere, unter andern auch einer mit
vorzüglichen Zeugnissen versehen. Als nun die Prüfung
beginnen soll, weigert sich dieser in das Examen ein-
zutreten, nicht nur weigernd sondern sagend: durch die
Vorzüglichkeit seiner Zeugnisse der Prüfung überhoben zu
seyn. Die ehrlichen Schweizer antworten g[an]z einfach /
[17R]
darauf: sie zweifelten nicht an der Wahrheit der Zeugnisse
allein er dürfe ihnen doch auch nicht übel nehmen, daß sie
auch gern von der darin gerühmten Lehrertüchtigk[ei]t ein
kleines Pröbchen sehen wollten. Genug, ein anderer, der
nicht nur wohl gleich geltende Zeugnisse bey zubringen hatte
sondern von dem auch den Prüfenden ein mehrjährig zu
beachten
in dieser Beziehung tüchtiges Wirken zur Einsicht vorlag
trat dennoch in die Prüfung, u das Ergebniß war natür-
lich für ihn. Bild u Sache erklären sich durch sich selbst.
Kann es mir nun wohl verübelt werden, dass ich
bey dem immerwährenden Dringen auf ihre Meynung
von sich das reinste u beste Streben in sich zu tragen,
zuletzt selbst daran zu zweifeln begann, da mir
mindestens die Achtung, der Ernst u g[an]z vor allen die
hingebende Ausdauer in dErscheinung mangelte, die
nur davon Zeugniß geben konnte. Gegen diese
meine Anforderung scheinen sie sich in Schillers mit jenem
Ausspruche in Schillers Distichen zu verwahren:
„Gott sieht das Herz an“ vergessend daß
vergessend daß ich als Mensch durch auch d Forderung habe
„Nun so mach, daß auch ich etwas erträgliches sehe.“
Genug nun über das Allgemeine. Jetzt noch
ein Paar Worte über der beyden wirklichen Austritt Entwicklung und
besonders die lügenhaftige Aussage u derartigen Brief
von Anspach.
Um ihnen nichts von dem allgemein erziehenden
Leben, was sich um mich u mit mir bewegte u zu
dessen Pflege u Entwicklung sie mit wirken sollten, vor zu
entziehen, nahm ich sie wie schon erwähnt auch auf
eine Reise nach Jena mit. Da HE Hochstädter
wünschte, daß wir keine der noch übrigen wenigen Stunden zu
gegenseitiger Mittheilung verlieren möchten, forderte er mich
auf mit ihm zu Post nach Jena zu fahren. Ich traf
also die Anordnung daß sie mir u noch an demselben Tage
da es gutes Wetter war, zu Fuße nachfolgen möchten u wenigstens, wegen /
[18]
des günstigen Wetters, denselben Weg auch zurücklegen
möchten. Sie kamen aber den andern Tag erst spät
nach Jena und (bey meiner Zurückkunft mußte ich zu
meinem Verdruß hören, daß sie erst in der Nacht noch, da
eben in Blankenburg Noch Kirmeß war, sich auf den
gewöhnlichen Tanzboden herumgetrieben hatten) In
Jena konnten wir nicht zusammenwohnen da HE Hochst.
u mir die Wohnung auf HE Prof. Langeth. Zimmer, der per-
sönl in Keilh sich in Keilhau befand, eingeräumt wor-
den war. Ich brachte sie also in den Gasthof unter
wo die Keilhauer Anstalt auf ihrer letzten Reise im
allgemeinen zur Zufriedenheit logirt hatte. Am Morgen
traten sie mir nun schon auf meine Nachfrage mit
Klagen über ihren Gasthof entgegen, was mir ich ge-
stehe es sehr auffallend war. Da ich in Jena durch
früher schon angeknüpfte u sich jetzt erweiternde Theil-
nahme so in Anspruch genommen wurde, daß ich ihnen per-
sönlich gar nicht leben konnte, so mußte ich mich damit
begnügen ihnen die die Andeutungen zur besten Benutzung ihres
Aufenthalts daselbst zu geben, von welchem sie jedoch
trotz best gemeinten sie jedoch gar nicht ben gebrauchten benutzten
gar keinen Gebrauch machten. Statt daß nun wie ich erwartet
hatte, daß das rege Leben Theilnahme welche sie von der Sache her
ebenfalls ihnen Freude machen würde, indem dadurch
ihrem einstigen Wirken auch vorgearbeitet wurde, so
schien im Gegentheil der Aufenthalt in Jena ihnen un-
erfreulich zu seyn, u ich eilte darum selbst aus Jena fort
Am Tage Früh am Morgen der bestimmten Abreise hielt ich es
doch für nöthig, wie ich glaubte bloß einen Anstands[-]
besuch bey den HE Hofrathe Prof. Schulz[e], dem Unter-
nehmer u Director eines landwirthschaftl Academicum
zu machen. Das Gespräch entwickelte sich aber
aus langjähriger wenn auch noch unpersönlicher Be-
kanntschaft u gegenseitiger wirkender Achtung u Anerkennung sehr
lebhaft u er bat mich den Mittag bey ihm zu bleiben
u Nachmittag mit einer Anzahl kl. Kinder, die zur Feyer
eines Geburtsfestes <die Prinzen> besuchen würden, eig[n]e
Kinderspiele auszuführen. /
[18R]
Da ich nun Enslin u Anspach durch fühlte glaubt[e], dass es ihnen
unangenehm sey mein Leben in Jena so wenig getheilt
zu haben, so benutzte ich die sich mir hier darbiethende Gel[e]g[en]h[ei]t
HE Hofrath Schulz[e] gradzu zu bitten die beyden jungen
Leute mit mir bringen zu dürfen, was dann auch ge-
schah. Wir spielten, u spielten sehr schön zu allgemeiner Zu-
friedenheit. HE p Schulz[e] erkundigte sich natürl[ich] nach den
beyden jungen Leuten u freute sich besonders über die schon
gewonnene errunge Spielfertigkeit Anspachs. Ich be-
nutzte dieß HE Schulz[e] ein Paar freundl Worte über diesen zu sagen
auszusprechen u bey unserm Weggang sagte er ihm noch be-
sonders: „Halten Sie aus, es ist etwas Großes oder
Tüchtiges für was Sie thätig sind.“ Es war mir diese
Äußerung schon dort auffallend, da ich kaum Veranlassung sah, wod[urc]h
eigentl[ich] HE Schulz[e] zu dieser Äußerung derselben hatte bewogen werden können.
Es ist mir dieß noch jetzt ein Räthsel u ich möchte es als eine
Äußerung mütterliche Weisung der Vorsehung ansehen, welche den Menschen
auf die stille u sorgliche Beachtung seiner innersten u geheimsten
Gedanken aufmerksam zu machen sucht. Denn jetzt ist mir
klar u ich glaube es mit Bestimmtheit annehmen zu dürfen
daß Anspach u Enslin schon <dieß> damals über dPlan ihres Weggangs ge-
brütet haben, ja daß er bis auf die Ausführung schon klar bestimmt in ihnen
lag. <-> Wenn ich zu jener Zeit auch dieß mit einer solchen Bestimmtheit <nun ohne>
nicht von ihnen ahnte wie es wirkl[ich] der Fall gewesen seyn mag, so war mir doch die
innere Unzufriedenh[ei]t <-> nicht unbekannt; darum hob nahm ich bald
im Beginn unsers nach Hauseweges die mir so auffallende Äuße-
rung des HE Hofrathes hervor wieder auf, sie dadurch noch hervorhe-
bend, daß ich auf das Großartige d Wirkens des p. Schulz[e] aufmerk-
sam machte u zeigte wie ungeachtet dessen er dennoch die Wirk-
samk[ei]t für die erste Kinderpflege so ganz in hoher Wichtigk[ei]t anerkenne.
In Beziehung auf Enslin u gegen denselben erwähnte ich noch wie doch von p
Schulz[e] mir die Wünsche u Streben mitgetheilt habe werde daß eine ächte Kinder-
pflegeanstalt auf dem Lande so auszuführen, so dass sie auf u in
die folgende Entwicklung u in das spätere Leben der Kinder eingreife;
auch mir zur Ausführung dieses Planes schon den Ort und die
Verhältnisse, unter welchen dieß geschehen kann mitgetheilt habe <-> dort in der Nähe
Jena’s von seinem Fenster aus gezeigt habe - /
[19]
8. [Bogen] Br an Leonhardi Ansp. u Enslin betr.
und wie er nur wünsche u suche, einen dafür
recht eingehenden, der Sache sich ganz hingebenden anstelligen jungen Mann
zu finden. Ich deutete dem
Enslin mit Bestimmtheit an, wie das eine
solche Wirksamkeit es wohl sey, die ihm einmal
zusagen könne. Ich hebe dieses mit Fleiß so bestimmt
heraus, um zu zeigen, wie ich den jungen Leuten
wo sich nur Geleg[en]h[ei]t <bot> u alle mögl Weise gezeigt habe,
(daß) wie ich ihr Leben achtend u pflegend in mir getragen.
Und das legt denn doch wohl auf planen Grund vor, daß ich bey sol-
chen Mittheilungen u Perspectiven die ich ihnen zeigte, auch
von meiner Seite die Mittel u dZweck klar im Auge haben
mußte, sie durch ihr Leben u Wirkung mit mir einem
solchen Ziel u Wirken entgegen zu bilden.
Doch wie es geht wenn der Mensch einmal in sich gestört <ist>,
Mittheilungen die bestimmt sind ihn zu klären u wieder auf den
richtigen Weg zu bringen, wirken dann das G[e]g[en]theil, besonders
wenn dabey nicht vermieden werden kann, Störungen u Trübungen
durch sich selbst zu rügen. So möchte dieß auch in Beziehung
auf die beyden jungen Leute mit den erwähnten, so mit
andern Mittheilungen während d Weges v Jena bis Rudolst[a]dt dFall seyn.
Dieß trat besonders hervor als wir Rudolst[a]dt im Rücken hatten.
Ich hatte Hier hatte ich nämlich ein Geschäft abzumachen, das mich
von den jungen Leuten trennte. Ich trug ihnen auf während dieser
Zeit nach dPost zu gehen u Briefe für mich abzuholen wozu
ich ihnen Geld gab, mit d Beysatze, dann bey d H[au]ptwache auf
mich zu wachen, wo ich ihnen dann im Fall dGeld ausreiche selber
das übrige geben würde. Ich kam zu Fuß dann zum Zusammen-
treffen bestimmten Platz u fand niemand. Ich glaubte nun
sie würden vielleicht die H[au]ptwache mit d Thorwache ver-
wechselt haben u eilte dorthin, um sie zu finden, wo ich sie aber wieder nicht
traf. Ich kehrte eilte zur H[au]ptwache zurück um mich bey
dem wachesteh[en]den Soldaten zu erkundigen ob junge Leute die
ich ihm bezeichnete, für einige Zeit gewartet hätten. Er sagte
mir, Nein; u erst nach vieler Mühe konnte ich erkun-
digen daß sie vorausgegangen seyen. Als ich sie fand
zeigte ich dUnstatthafte ihrer Handlungsweise, /
[19R]
Enslin suchte dSache, wie es ja in allen solchen Fällen gar
leicht ist, zu bemänteln. Doch Anspach sprach mit so <ernstl[ich]>
innerstes Stehen u d<Grund> der missbilligten Handlung g[an]z klar aus;
er habe nicht dort stehen u sich von den Leuten begaffen lassen
wollen. Ich zeigt ihm nun nicht nur das Unangemessene dieser
Äußerung sond.[ern] auch dUn(statthafte)wahre gegründet diese[r] Ansicht, indem jetzt
<hunderte> wie wir in Anzüge gleich uns <ruhten> u daß
dieß nicht weniger als auffallend sey. Übrigens habe ja auch
das Angeschautwerden d[er] [sc.: durch] Neugierigen gar nichts auf sich.
Und nun zeigte ich ihm, wie er in dieser seiner Handlungsweise
wieder ein klares Bild seines innern Stehens finden
könne, einmal nur des steten Ruhens auf dem Äußerlichen
u dann das [un]unterbrochen Im Auge Haben seines lieben
<Selbsts>; wenn er dagegen die an sich ihn gemachte Forderung
u dGanze im Auge behalten hätte würde er weder zu einer
solchen Handlungsweise noch weniger zu einer solchen Äußerung
darüber sich haben erlauben können. Sie blieben von
nun an zurück u ich eilte nach Hause. Diese hin- <-> u
anweisende Rüge wie vorher schon eine in Beziehung auf den F vorgestellten war
soga mach ihn wohl etw stark getroffen haben u wohl der letzte
Grund zu ihrer Bestimmung Entscheidung gewesen seyn.
Gleich bey meiner Heimkunft Sonntag gegen Abend erfuhr ich, daß schon am Sonnabend
die Frau von Mannsbach eine Nichte der Frau Staatsräthin v. Struwe
welche sich eben auf Besuch bey ihrer ihrer Frau Tante, der Frau Staatsräthin
von Struwe in Jena befand, durch meine Spielvorführung in Jena
veranlaßt, schon am Sonnabd aus Interesse für die Sache
angekommen sey. Weil sie nun gar sehr wünschte sich nicht nur
mit den Spielen ihrem Zusammenhange nach als sond[ern] besonders auch
ihrer Ausführung und nach so wie in Beziehung ihrer Wirkung auf die Kinder genau kennen
zu lernen, so wurden sogleich für den Montag schon wie am
Schlusse der Spielstunden nach 8 Tagen Ferien
der Anfang der Spiel-
stunde, wie am Schlusse derselben ausgesprochen war, festgehalten u
bestimmt, obgleich es noch nicht weiter möglich gewesen war,
deßhalb irgend eine Vorkehrung zu treffen.
Anspach u Enslin wurden nun am Vormittag von mir be-
auftragt dahin zu wirken, daß die Kinder am Nachmittag /
[20]
versammelt seyen. Und so begann nahm am Nachmittag zur gewohnten
Zeit um 3 Uhr in Gegenwart su ich möchte sagen sogleich unter
Mitwirkung der Frau von Mannsbach nur nach Unterbrechung
von einer jungen Waise <Frauen>, die Spiel- und Beschäftigungsstunden
nun wieder pünktlich ihren Anfang eines bestimmt vor
Die Spiele waren gleich wieder sehr schön die Fr. v. M[ann]sb[ach] bezeugte
sich auch gütig besonders anerkennend gegen Anspach (wenngleich ich
seine Spiele nicht so besonders eingehend finden konnte)
Ich bemerke dieß bloß damit Du u Ihr seht, daß er keineswegs
etwa zurückgedrängt wurde, sondern alles erhielt was er nur billiger
Weise fordern u wirken konnte. Allein er konnte in sich so gar
eine Art von Vorstellung <fordern> welche doch selber einmal
im Spiel gar nicht [paßt u sogar] Middendorff widersteht, u sich sogar unanständig
kann ich ihn bezeichnen wenn ihm [sc.: Middendorff?] dieses widersteht
[.]
Durch Middendorff welcher aus Keilh. zu diesem Anfang
herübergekommen war, erfuhr ich, daß dHE Prof. Langethal
ehemaliger Zögling, noch in Keilhau sey. Da ich nun gar
sehr wünschte mich mit ihm vor seiner Rückkehr nach Jena über den
daselbst von mir angeknüpften Lebensverkehr zu besprechen
u ich dabey doch auch für dForderung Blank[en]b[ur]gs ganz nam[en]tl[ich] in
Hinsicht auf die Größeren auch wohl eine Stunde zu versamm[eln]
wünschte, so entschloß ich mich noch Abends nach Tisch mit M[idden]d[or]ff
nach Keilhau zu gehen, heut meine Sache dort noch abzumachen
u morgen g[an]z früh nach Bl[an]k[en]b[ur]g zur beginnenden Stunde zurück
zu kehren. Doch in Blankenburg Keilhau fanden wir schon alles zu Bette, ich
konnte also meinen Vorsatz heute nicht, nicht ausführen, son-
dern sahe mich genöthigt noch am andern Morgen einige Stunden
dort zu bleiben. Gegen 11 Uhr kehrte ich zurück. Das erste, was ich im Hause
vernahm war: Anspach u Enslin seyen diesen Vormittag schon einige mal da
gewesen u hätten mit der Bemerkung nach mir gefragt: daß sie nichts zu thun
hätten, oder daß sie nicht wüßten was sie thun machen sollten. Diese <ungegründete> Äußerung verdroß mich nun sehr im hohen Grad, indem ehrstlich schon über-
haupt festgesetzt war, daß jede Erscheinung unsers Lebens und so nament-
lich die Erscheinungen unserer Reisen in unse Beziehung auf unsern Zweck
festzuhalten wären seyen. Anspach war nun so schon aber mit den Bemerkungen
über seine jüngste Reise nach dem Thüringer Walde in Rückstand, worü-
ber er sich schon bey Middend. mit den Worten entschuldigt hatte, daß er
die Sache nicht nur niederschreiben, sondern sogar als ein[e] P[h]ylos[oph]ische
Ausarbeitung behandeln wolle, u Middff hatte ihm auch, wie ich nachher
erfuhr, Tags vorher diese <jenige> Reiseausführung in mehrfacher <-> Rücksicht als bestimmte Aufgabe gegeben machte noch darauf aufmerksam wie diese Arbeit selbst <v.h.
seit> die Jungen ernst genommen würde u ihnen 8 Tage zur ununterbrochnen Ausarbeitung dafür
angemessen w[äre.]
Überdieß siehst Du u [müßt] Ihr alle einsehen, daß ein so reiches Leben
wie das unsrige einen solchen Vorrath von Arbeiten giebt, daß man we-
nigstens nie über Mangel an denselben klagen kann. Ich fühlte je-
doch das Trübe dieser Äußerung durch u um auch den Scheingrund dazu
zu vernichten, wollte ich sogleich nach dem Geschäftshause gehen, als mir
beyde wie ich in dieser Absicht über die Schwarz[a]brücke gegangen war, die Straße
vom Schwarzburger Hof herkommend entgegentreten. Darüber in mir
freylich verwundert sagte ich zu ihnen:“ Wo kommt ihr denn her?[“]
Anspach nahm das Wort u erwiederte: von dem Chrysopras (Schwarzb.
Hof) wir haben Sie dort gesucht um Ihnen zu sagen, daß wir, weil wir
doch jetzt nichts zu thun, und keinen Unterricht haben beyde nach Frank-
furt reisen möchten. Wie diese Äußerung nun auf der offenen Straße /
[20R]
und nach allem bisher Euch Mitgetheilten, wo wir sogar unsere Reisen
nach Möglichkeit für unsern Zweck benutzt hatten, auf mich wirken mußte,
kannst Du u Ihr alle leicht fühlen. Ich sagte jedoch nur (den Enslin im
ersten Augenblick auf gleiche Stufe mit Anspach setzend) daß ich ihnen
dieß nicht erlauben könne, ohne daß ich dazu die bestimmte Erlaubniß durch
Dich. Leonhardi, von den betreffenden Personen in Frankfurt erhielte.
Anspach erwiederte hierauf: daß er Dir schon d[urc]h HE Hochstädter geschrieben
und seine Ankunft gemeldet haber! Nun gut sag ich, wenn das ist, so warte
ab, was HE v Leonhardi darauf antwortet. Indem mir klar mir jetzt
auch klar entgegentrat dass Enslin gar nicht in Kathegorie von Anspach ge-
höre sagte ich:“Was aber dagegen Enslin beträfe, so hätte ich ja demselben
schon mehrmals ausgesprochen, daß ihn nichts bey mir hielte u er gehen könne,
wann er wolle [“]. Enslin schwieg, wie er überhaupt während dieser gan-
zen Handlung nur durch seine Miene sprach. Anspach nahm dagegen wie-
der das Wort u sagte: Es wäre jetzt die beste Zeit zum Reisen, weil sie
ja jetzt nichts zu thun hätten. Ich erwiederte: wie er das sagen
könne, da ja gestern die Arbeit (des halben Jahres) von neuem begon-
nen habe. Er entgegnete hierauf: Seit 6 Wochen habe er keinen Unter-
richt bekommen! Diese freche Behauptung mußte mich nun empören da er durch
diese Wochenzahl grade die Zeit bezeichnet hatte, wo die beyden jungen Männer
Weil u Hochst. hier waren u sicher durch ihre Veranlassung wirkl[ich A. u. E.] sehr viel
auf jeden Fall aber in gar mancher Beziehung eben durch die schon vor-
gerücktere Bildungsstufe dieser beyden Männer mehr bekommen hatten als ohne dieß
(mögl[ich] gewesen) der Fall gewesen (seyn würde) Ich erwiederte darauf: Nun
wenn das war, so möchte er es doch nur einfach nach Frankfurt schreiben
ich würde schon darauf zu erwiedern wissen. Er entgegnete darauf: Er
wolle das lieber mündlich thun. Ich: Dagegen habe ich auch nichts wenn
er das bey Dir u Euch verantworten könne. Er: Das wolle er schon. Ein
Instrument, wozu ihm doch Hoffnung gemacht worden, sey auch nicht da.
Ich: Ich: Er wisse selbst welche Mühe ich mir gegeben habe, eins leihweise zu
bekommen, er selber sey dafür thätig gewesen u wisse auch, dass ich sogar ein
neues Instrument bestellt habe an welchem jetzt gearbeitet würde.
Auch besitze ja der hiesige HE Cantor ein Instrument welches zu benutzen
mögl[ich] wäre u wie ihn ja sogar unser hiesiger HE Organist zum öftern
Orgelspielen eingeladen u aufgefordert habe. Er, darauf nicht weiter
eingehend, fuhr fort: Auch keinen botanischen Unterricht habe er in diesem
Sommer gehabt. Ich: Welchen botan. ich ihm denn eigentl[ich] versprochen habe?
Ob wir ihm nicht u ganz namentl[ich] Mdff mit allen u jeden Pflanzen, die uns
auf Spatzirgängen u bey Beschäftigungen in dM[on]at[e]n u Spielen im Freyen vorgekommen u von irgendwem bemerkt wären [vertraut gemacht hätten.]
Da er auch da nichts weiter entgegen konnte, sagte er ohngefähr: Er wisse
so nicht was er eig[en]tl[ich] noch länger hier thun solle; ich habe ihm ja so aus-
gesprochen, daß er es in 3 Jahren nicht dahin bringen würde, wohin Weil u Hochst.
in Hinsicht auf die Einsicht der Sache ständen. Ich erwiederte daß ich mich nicht
grad erinnern könne dieß gesagt zu haben u wie. Allein ohne Zweifel wenn
ich es gesagt habe, so habe ich es ohne Zweifel besonders auf ihr [W./H.] sich hingebendes,
u inneres Erfassen der Sache gesagt. Er: Ja, das sey es eben, ich traue ihnen [A./E.] gar nichts
zu. Ich: Daß ich ihm genug u nur zu viel zuweilen zutraute, habe ich ihm, glaube
dächte ich hinlänglich bewiesen. Daß er sich aber von der Ehrsucht dem Ehrgeiz u dem
Eigendünkel hinreißen ließe, u so aber die Sorgfalt u d[urch] Festhalten seiner lieben
Person dAllgemeine aus den Augen verliere, das könne ich unmöglich /
[21]
9. [Bogen] Br. an Leonhardi Anspach u Enslin betr.
an einem jungen Mann gutheißen u dulden, welcher sich der ersten
Kinderführung hingeben wolle. Und zum Beweis des ersten führte ich ihm
sein gestriges Betragen (in Rudolst.) vor, u die Urtheile <Keilhaus> über ihn vor.
Ich weiß nun nicht wie es [sc.: unser Gespräch] weiter darauf kam, dass Anspach sagte: Ja wenn
so ein Leben hier wie in Keilhau wäre, so ließe er sich’s gefallen. Ich: Ob
denn das Keilh. Leben in einem andern seinen Grund habe als in miru ob es ein anderes Leben sey als das meine; dann ob er glaube daß das Keilh.
Leben seinen Gliedern immer ein so anstrengungsloses sey, als er an den Fest-
tagen, wo er gern als Gast gegenwärtig gewesen u als solcher es in sich aufgenom-
men habe. Er habe doch wohl sonst Gel[e]g[en]h[ei]t gehabt zu hören u zu bemerken,
welchen ernsten u anstrengenden Lebensforderungen alle dort oft unterworfen wären.
ihn selbst in jenes Leben ihn einzuführen sey mir ja durch seinen gewöhnl[ichen] Dünkel nicht mögl[ich]
geworden, dem man auch dort gleich bemerkte entgegengetreten sey. – Er kam
nun hier nochmals auf seine Reise nach Fr[an]kfurt zurück, und ich sagte:
Er möchte die Sache nun bis Mittag überlegen, wo wir weiter drüber sprechen
würden. Zu Enslin sagte ich: Ich würde ihn dann, wie ich versprochen,
das ausgelegte Kostgeld für die erste Zeit, wo er in dem Gasthofe [war] zurück
zahlen (2 rth <8 ggr>) hatte ich ihm laut Quittung u dann, irre ich nicht, 8 od
12 <gl> ohne Quittung Schlafgeld bezahlt). So ging ich u sie auch, [ich] jedoch in der ge-
wissen Erwartung, daß sie Zu Tisch kommen würden.
Wer aber nicht kam, war Anspach u Enslin. Es kam mir aber wun-
derbarer Weise dennoch nicht in den Sinn, daß sie abgereist seyn könnten
überzeugte mich jedoch davon als ich nach Tisch ins Arbeitshaus ging.
Allein ich dachte immer noch nicht daran, daß wenigstens Anspach mit Sack
Sack u Pack abgegangen sey. Erst am Ab[en]d, als dGeschäftsführer HE Berger
zurück kam, sagte er: wie Ansp. u Enslin meine gestern abendliche
u heute morgende Abwesenheit benutzt hätten um alle Sachen nach u
nach aus dem Hause zu schaffen, u wie es nun [zu] geschehen pflegt, wusste
man nun eine Menge Unangenehmes zu erzählen; so außer dem schon oben
erwähnten auch, daß Enslin <schon> oft nicht wie <außer> Dich wovon
Dir ja vermutlich in Bezug auf Enslin Middffs Briefe schon
etwas wie was schon früher mitgetheilt
ist gar nicht ins Quartir gekommen ist daß Enslin wie Middffs Briefe <zeigen>, nicht ins Quartir gekommen, wie <ja> daß Enslin wie schon anders wo nicht ins Quartir Nachts gegangen ist, u sich doch das Schlafgeld, wie es scheint; sich von mir hat bezahlen lassen.
Man fügte hierbey hinzu daß sie u ohne Zweifel nam[en]tl[ich] Enslin gefürchtet haben möchten für einen derben Verweis weil nun [die] Sache zu Tage gekommen sich vor einen derben Verweis gefürchtet haben möchte, u um dem zu entgehen so eilig abgegangen sey auch meinte man, dass schon d[urc]h Voglers Betragen dieser Wankelmuth in Anspach geweckt, daß aber seine
jetzige Handlungsweise wohl g[an]z besonders d[urc]h die Einwirkungen Enslins hervorgerufen worden seyen, wozu sich auch wohl in meiner Vorführung eine Hinweisung findet [.]
Wie kann nun nach diesem Allen Anspach so lügenhaft seyn und
wie er in seinem Dir mitgetheilten Briefe thut sagen, daß er gleichsam
durch diese letzte Unterredung erstlich zu seinem Davonlaufen bestimmt
worden sey, da er schon alles vorbereitet hatte denn wie ich fast
vermuthe sind sie gleich nach Beendigung dieses Gespräches aufgebrochen.
Wie wäre dieß denn mögl[ich] gewesen wenn nicht Anspach der doch einen Man-
telsack hatte, alles dazu besorgt gehabt hatte. Doch dem sey nun wie
ihm wolle. Mit welcher Indignation mich dieß Betragen erfüllt
mag ich mir nicht wiederholen.
Daß nun aber in beyden der ernstl[iche] Grund dieser Handlungsweise ge-
wesen sey liegt wohl klar am Tage
wohl nichts als anderes als zurück[-]
gedrängte oder bekämpfte Selbstsucht u [-]dünkel gewesen sey liegt
wohl klar am Tage. Allein mir liegt auch noch das bestimmtere
näml[ich] die Zeit u die Veranlassung dieses Gekränktfühlens vor.
Anspach bezeichnet sie scharf u hebt sie bestimmt hervor: seit 6 Wochen
sagt er, hätten sie keinen Unterricht gehabt, u doch wurde grade in
dieser Zeit für sie u mit ihnen gearbeitet. Allein bis dahin /
[21R]
hatte Anspach das Primat der hiesigen Anwesenden besessen und
solches auch den beyden andern durch seine Äußerungen über sie gehörig
fühlen lassen. Bis hierher war meine g[an]ze Kraft u Zeit u wohl mehr
als es mir Pflicht gewesen, aus Interesse für dSache nur einzig ihnen
u unter diesen wieder überwiegend dem sich eingehend zeigenden Anspach
gewidmet gewesen. Jetzt aber seit dem Eintritt dieser beyden [Weil / Hochstädter] hatte er nicht
meine Kraft u Wirksamkeit theilen müssen, ja durch die Kürze dZeit u damit durch die
Größe u Zweck bestimmt den die beyden jungen Männer hatten als auch wie schon bemerkt durch den Scharfsinn dEin[en] u d gemüthvoll hingegebene Eingehen dAndern waren wohl
die in beyden so verschied[enen] <Vorzüge> sonst in unsern Tagesgesprächen meine Mittheilungen viel an diese ge-
wandt. Dieß alles scheint der Dünkel oder wie soll ich es sonst nennen oder
die von sich Eingenommenh[ei]t namentl[ich] Anspachs nicht heben u ertragen können,
wodurch wohl eine Art von Eifersucht in ihm erweckt worden seyn mag
was mir wozu mir ein Beweis in der unwürdigen Äußerung über HE
Hochstädter liegt, welcher doch so freundlich gegen ihn war u er von uns allen
mit so großer vorzügl[icher] Achtung behandelt wurde.
[Hier Erweiterung *-* mit Hinweis: “Siehe Bogen 8, letzte Seite, Rand“]
[*] Es ging aber überhaupt in Anspachs Charakter stetig durch daß er jeden Gegenstand, welcher nicht durch seine Größe schlagend imponirte, herabzuziehen sich bemühte. Als wir z.B. auf unsrer Reise nach Oberweißbach p das in seinen kleinsten Punkten bebaute Thal u eben so den bis zu seinem Gipfel hinauf <recht weiten> hohen Kirchberg bestiegen, was aber jetzt alles im Grau der Morgendämmerung in Eins gefüllt vor uns lag, sprach er sich sogleich in gewisser Beziehung weg werfend aus als wenn es gar nicht der Mühe werth wäre, eine so kalte u unfruchtbare Gegend zu besuchen. Wie nun aber die Sonne heraufgestiegen war u den Menschenfleiß bis in dem kleinsten Punkte sich kund that, mußte er darüber selbst erstaunt über sein voreiliges Urtheil zurücknehmen. Ich sagte ihm: Sieh, so bist du in allen deinen Sachen. So war es als wir in Saalfeld das wirkl[ich] in einem edlen einfachen Styl erbaute fürstliche Schloß betrachteten. Er sagte: Wie kann man nur so ein Gebäude ein Schloß nennen. Ich sagte ihm: Ein Schloß mache nicht in Allem seine Größe allein sondern die Beziehungen nach denen es erbaut worden sey aus, u grade dieß Gebäude schien <-> diesen Beziehungen seinen Localverhältnissen nach grade zu entsprechen. – [*]
Wenn ich mir nun die Mühe genommen habe dieß Dir u Euch
so einfach wahr u klar als es in mir selbst liegt vorzuführen,
u auch freyl[ich] auch wieder Dir u den andern die Mühe gemacht habe
dieß zu lesen, so geschahe beydes nur aus Anerkennung des so thätigen
förd Antheils den Ihr an der Sache zu ihrer möglichsten Förderung u Ver-
breitung genommen habt, u aus der hohen Achtung die ich gegen alle in mir
empfinde, welche im Kreis mir Dir lieber Leonhardi in Frankf.
gewirkt haben. Ich habe aber auch deßhalb die Sache so ausführlich Euch vor-
geführt, daß Ihr nicht blos aus einem Räsonnement u Schlusse sondern
durch die Anschauung d Sache selbst zu der Überzeugung gelangen magt, daß
es für uns alle, wie für die ihm anzuvertrauende Idee u Kinder
wesentlich gut u der Vorsehung nicht genug zu danken ist daß sie dieß
Verhältniß jetzt schon u so löste. Denn wir würden nicht im Stande
gewesen seyn Anspachs steigenden Ehrgeiz u Dünkel zu befriedigen, u selbst
die Sache wie er jetzt ja bewiesen hat würde ihm nicht heilig
genug gewesen seyn, sie jenem [nicht] zu opfern. Und hätte er sie auch
wirklich
Ja wäre er auch wirkl[ich] für sie eingetreten, so wäre dieß, dieß
das scheint mir unbezweifelbar klar am Tage zu liegen, nur aus
Äußerlichkeit u um äußerer Zwecke willen geschehen. Und dieß hätte aber noth-
wendig
unsere junge Pflanze in ihrem ersten Beginn krebsartig anstecken
müssen. Ich will es Dir u Euch allen g[an]z offen gestehen, daß mir bey den
dafür sprechenden Äußerungen Anspachs, die meinem Gemüthe nicht entgehen konnten
oft sehr gebangt hat. Darin mag nun aber noth auch, was ich nicht läugnen will
die unerbittl[iche] Strenge, ja Schärfe ihren Grund haben, mit welcher ich jenen Dünkel, der
noch über dieß zu Zeiten mit Gewicht gepackt war oder wenn dieß Wort
Dir zu stark ist, mit Gewöhnlichkeit gepaart war, ins Feld trat. Wegen
der lügenhaften Äußerung Anspachs, daß ich ihn hinter seinem Rücken bey Euch
verläumdet habe, brauche ich wohl kein Wort zu sagen, da ja
Alles was ich über ihn aussprach Euch vorliegt u Ihr es nun mit den Thatsachen selbst vergleichen könnt. Im Gegentheil habe ich mich ja gehütet über beyde voreilig etwas auszusprechen, weil ich immer hoffte die Folgezeit möchte ein immer erfreulicheres Ergebniß bringen. Wie ich nun nach diesem Allen das von Anspach gewünschte Zeugniß nicht anders ausstellen konnte, als wie geschehen, ich gethan, wirst Du mit den Übrigen einsehen, wenn ich nicht zu vielseitigen Mißdeutungen hätte Veranlassung geben wollen, die ungeachtet aller bey zufügenden Einschränkungen nicht zu vermeiden waren. Auch kann er ein solches Zeugniß von mir nur in Beziehung auf Euch verlangen, u dieß dünkt mich habe ich erschöpfend genug in diesen Bogen gethan <worden>. Denn am Ende handelt es sich ja doch bey mir u uns, als Erzieher u Führer kleiner Kinder ganz vor Allem um die Darlegung bestimmte Darlegung reinmenschlicher u in Beziehung auf den Zweck kindlich hingebende Gesinnung. Solche reine Gesinnung nun, wie dieser unser Zweck fordert, glaube ich hat nun Anspach nicht bewiesen u kann bis jetzt auf den Besitz derselben in sich nicht Anspruch machen. Dieß dünkt mich nun aber entscheidet auch hinlänglich über ihn als Erzieher wie als Beförderer des von uns ihm vertrauen wollenden Menschheitszweckes. Dies[e] weitere Beurtheilung liegt Euch nun Schlußurtheil bleibt Euch nun überlassen.
Dein u Euer FrFr.