Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Konsistorialrat und Professor Schuster in Marburg v. <28.>.10.1839 (Blankenburg)


F. an Konsistorialrat und Professor Schuster in Marburg v. <28.>.10.1839 (Blankenburg)
(BN 646, Bl 1-2, hier: 2VR+1V, undat. Briefentwurf 1 B 8° 2 S. Der Entwurf findet sich auf den freien Seiten des Eingangsbriefs v. 18.9.1838 und sichert den Adressaten. Zur Datierung: Der Brief wurde, wie inhaltlich vermerkt, von Johannes Arnold Barop auf einer Reise von der Grafschaft Mark über Marburg nach Keilhau überbracht. Im Brief an Middendorff v. 27.10.39 weist F. auf diese unmittelbar bevorstehende Reise Barops hin. Im Brief an Langethal v. 5.11.39 berichtet F. von der Abreise Barops am 29.10. Der Brief kann also kurz vor dem 29.10. abgefaßt worden sein.)
(Verhältnis Originalzeile : Transkriptionszeile nicht 1 : 1)
Regest des Eingangsbriefs v. 18.9.1838 (BN 646, Bl 1-2, hier: 1VR)
Schuster nimmt Bezug auf die Empfehlung F.s durch Hermann von Leonhardi. F. sei durch sein "Institut" [= Blankenburg] und seine Zeitschrift [= Sonntagsblatt] als Fachmann für Erziehung in Kleinkinderschulen ausgewiesen. Schuster informiert F. anhand von beigelegten Schriften über den Stand der Entwicklung des Kleinkinderschulwesens in Marburg und bittet nach Möglichkeit um Erwähnung im Sonntagsblatt.

[2V]
Ew. Wohlgeboren haben mich auf die freundliche Veranlassung unseres Herrn von Leonhardi unterm 18en Septbr vor: Jahres mit einer gütigen Zuschrift und sehr erfreulichen Zusendung beehrt. Leider kam mir solche erst in den ersten Monaten dieses Jahres durch die sich etwas verspätete Buchhändler Gelegenheit in Dresden zur Hand und gerad in der Zeit als ich mit ei[n]igen meiner Freunde daselbst ganz in Anspruch genommen war um die sich mir als wahr und zweckmäßig entgegen drängenden Mittel und Weisen den sich so frühe äußernden Trieb der Kinder sich zu beschäftigen auf das genügendste pflegend entgegenzukommen mehrfach und auf verschiedenen W[e]gen der öffentlichen Prüfung vorzulegen. An die Fortsetzung meiner schriftlichen Darstellungen der Sache war unter diesen Umständen nicht weiter zu denken, die aber auch so lang unnütz schien bis sich öffentlich durch die Ergebnisse der Aus[-] u Vorführ[unge]n selbst u so als Thatsache nicht nur etwa blos die Angemessenheit der neu aufgestellten Kinderbeschäftigungsmittel u Wege als vielmehr deren tiefe Gegründetheit in der Kindernatur, in dem Kinderleben u Verhältnissen sich klar beurkundet habe. In soweit die Sache in Dresden angebahnt habend daß sie zunächst we[ni]gstens versuchsweise von mehren einig[e]n Familienkreisen u [-]vereine durch einen meiner Freunde u Mitarbeiter am der unsere[r] Erz[iehungsanstalt] Keilhau mit dem 2n mei[n]er Fre[un]de HE[rrn] M. festgehalten wurde, gieng ich im einen Monat Febr von Dresden nach Leip[z]ig um auch dort die Sache weitern Kreisen von Erziehern Lehrern und Eltern zur Prüfung vorzuführen, so hatte ich <wurde die> unausgesetzte prakti ausführende Wirksamkeit der Sache in Leipzig als ein Gegenst[an]d vielseitiger Theilnahme angebahnt als mich der schon bey meiner Abreise leidende nun aber hoff[nun]gslos verschlimmerte Krankheitszust[an]d meiner Frau sch eiligst nach Hause rief. Nur die sorglichste persönliche Pflege u Theilnahme konnte nun noch einige Wochen ein Leben erhalten mit des[sen] Scheiden mir wirkl die Hälfte meines langen Lebens starb. Dazu kam daß vor diesem harten Schlag uns auch der Tod die töchterliche Gehülfin meiner Fr[au] in unserm Hause <wohl> ganz unerwartet entrissen hatte. So stand ich mehrseitig g[an]z allein u es kostete Monate ehe sich mein Gemüth so erholen konnte, daß es wieder kräftig freythätig und wahrhaft fördernd [für] mein[en] Beruf erz arbeiten konnte. Doch die Lebensverhältnisse kamen mir dazu helfend entgegen indem ich die von mir in öffentl. Bl. gerad für diese Zeit angekündigte Bild[un]gsanstalt für Bildung <freyer> zu Erziehern der frühen Kindheit besonders bis zum schulfähigen Alter u die damit unzertrennl. in Verbindung steh[ende]n Kleinkinderbeschäftigungsanstalt hier eröffnen mußte. Allein dieß nahm nun wieder wegen des g[an]z Neuen was darzustellen war meine Thätigkeit so in Anspruch daß seit den 5 ersten Nummern des 2n B[an]des des S. Bl. keine Fortsetzung bis jetzt weiter erscheinen konnte. Ich theile erlaubte [sc.: erlaube] mir dieß Ihrer [ei]ngehenden Theilnahme an mein[em] Wirken so ausführl mitzutheilen damit Sie nicht glauben die Sache sey d[urc]h Laufend[es] rc bisher <so> ins Stocken gekommen.- Nun aber zeigt sich mir eine neue frohe Zeit und ich hoffe wie d[urc]h die That u den <bish erfolg> - welche sich nun Anerkenntniß verschafft hat wie d[ur]chs Wort, d[ur]ch die Presse für die Sache der K[in]dheit /
[2R]
der Menschheit in der Kindheit von neuem wiederkehrend zu wirken. Zu diesem Zwecke bin ich so frey Ew Wohlgeb. durch den Überbr[i]nger gehorsamst zu bitten: im Fall wiederum ein neuer Jahresbericht [{]von dem / über Ihren[}] verehrl Frauenverein erschienen sey mir solchen gütigst durch den Überbringer dieses zukommen zu lassen um mit Ihrer u dessen Erlaubniß [{]bei / an[}] seiner Schriftsendung daraus im Sonntagsbl. ein Wort über die hohe Bedeutsamkeit der Frauenverein[e] besonders als Pflegeanstalten der Kindheit anzuknüpfen[.]
Herr Barop Führer u Dirigend unserer Erziehungsanstalt zu Keilhau, welcher auf seiner Rundreise aus seiner Heymath (der Grafschaft Mark) nach dem Ort seiner Wirksamkeit Keilhau seinen Weg über Marburg nehmen wird, wird und welcher so zu gl[eich] der gefällige Überbringer dieser Zeilen seyn wird, wird Ew Wohlgeb wie ich wünsche ungeschwächte Theilnahme an meinen besonders jüngsten Erziehenden Unternehmen über den Fortg[ang] derselben zwar alle die von Ihnen gewünschten Mittheilungen machen. Um Als jedoch bestimmt[en] Anknüpfungspunkt dazu erlaube ich mir Ihnen abschriftl. ein Paar Blätter mitzutheilen welche eben vor mir liegen, woraus hervorgeht daß nicht nur die Sache in Dresden ihren guten Fortgang sondern auch in Frkfurt a/m einen kräftigen Beginn genommen hat. Was aber den Fortgang und den gegenwärtigen Stand der hiesigen jungen Anstalt betrifft wird er Ihnen mit Ihrer gütigen Erlaubniß gern dasjenige Ihnen mittheilen was er als Thatsache Ihnen darüber mitzutheilen vorzulegen im Stande ist wenn Ihnen solches nicht vielleicht schon aus irgend einer der Zeitschriften worinn der Gegenstand d[ur]ch Erzieher u Kinderfreunde zur öffentlichen Mittheilung gel[an]gt ist z.B. aus der allgemei[nen] (Darmstädter Schulzeitung) aus No 90 276 rc aus dem musikalischen Anzeiger, aus dem Möchte Ihnen und dann d[ur]ch Ihre gütige Mitth[eilung] Ihrem verehrlichen Frau[en]verein die Überzeugung komm[en] daß die Sache der Kindheit, der Menschheit in der Kindheit - freudig u frisch Wurzel zu schlagen ja schon sogar Sprosse zu tr[e]iben beginnt.
Herr v. Leonhardi schreibt nun schon unterm 8 7br v. J. daß d[ur]ch Ew: Wohlg. Vermittel[un]g es vielleicht mögl wäre die <Reg[ierung]> oder die <Geme[i]nde> zu bestimmen junge absolvirte Seminaristen auf einige Zeit zu Bildlingen für KlinderErziehung [sc.: Kleinkindererziehung] u Beschä[f]t[i]g[ung] hieher nach Blanken[burg] in die dafür errichtete Erzieh[un]gs Anstalt zu schicken, sollte sich der Ausfüh[run]g dieses Gedankens Leonhardi[s] vielleicht etwas thun lassen, so bitte ich Sie gehorsamst an Her[r]n Barop welcher g[an]z mit mein[em] Streben vertraut ist alle dafür nöthigen Fragen zu thun.-
Besonders wichtig wäre es junge Frauenzimmer dafür zu gewinnen sollte dieß vielleicht von Frankfurt Marburg aus leichter mögl seyn?- Welche <innig eingehende> u fortgehend förderl pflegende Theilnahme edelster Frauen auf länger[e] u lange bis auf kürzere u vorübergehende Zeit sich die hiesige Kinderbeschäftigungsanstalt aus den verschiedensten verschiedenen Gegend[en] Deutschlands wie aus der nächsten Nähe erfreut davon wird Ihnen Herr Barop gern Kunde geben.- Ja daß sogl einige ge[schätzte] Freunde mit den Gedanken umgehen auf [ei]nige Zeit mit ihren Kindern hier zu leben. Doch ich muß abbrechen um Sie nicht zu ermüden.- Versichern Sie dem verehrl Frauenverein in seinen Vorstehern wie in <seinen> Gliedern meine hohe Achtung und bitten Sie denselben als ein G[an]zes u in sein[en] einzelnsten Gliedern mir zur Förderung der wichtigsten Sache der Menschheit die helfende mitwirkende Hand /
[1R]
Geist u Gemüth zu reichen indem ich tief von dem Ausspruch Schillers [sc.: Herders] in Beziehung auf die Menschen erziehende Wirksamkeit der Frauen: "sinnet O erzieht ihr könnt es allein" tief in mir überzeugt sey.
Wollen Sie vielleicht die Güte [haben] Her[r]n Barop wenn es ihm die Zeit verstattet in diesen verehrl. Verein einzuführen u ihn mit den hochachtbaren Gliedern diese[s] z.B. Fr. <Oberins[p]ector vereh Krüger> bekannt zu machen.
Doch ich muß fürchten Ew Wohlgeb d[urc]h [mei]nen l[an]g[en] Brief lästig zu fal[l]en so viel ich auch noch im Interesse des Gege[n]st[an]d[e]s mit Ihnen verhandeln möchte.-
Empfangen u genehmigen Sie [Text bricht ab]