Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Hermann von Leonhardi in Frankfurt/M. v. <vor> 7.11.1839 (Blankenburg)


F. an Hermann von Leonhardi in Frankfurt/M. v. <vor> 7.11.1839 (Blankenburg)
(KN 56,8, Abschriftfragment 1 B 8° 3 ½ S., nicht F.s Hand, Brieforiginal nicht überliefert. Tw. ed. Prüfer 1908, 17-20 u. Heiland 1998, 321-323. In Briefliste [Nr.914] wird dieser Brief nicht eindeutig bestimmt. Sehr wahrscheinlich ist der Brief an Hermann von Leonhardi gerichtet. Zur Quellenkritik (Adressat/Datierung) s. Erning/Gebel in: Heiland/Neumann/Gebel 1999, 97. - Dem Brief lag vermutlich eine Skizze des Übungsplatzes bei, wie sie bei Prüfer 1908, 18 abgedruckt ist. Diese Beilage ist wohl nicht erhalten. Gegen Prüfer 1908, 17 dürfte der Plan aber nicht von der Hand F.s sein, wie auch der Brieftext eindeutig kein Briefentwurf, sondern eine Teilabschrift ist. Prüfer datiert den Plan und damit indirekt den Brief auf 1839 oder 1. Hälfte 1840, da zwei Eichen noch nicht eingezeichnet sind. Die Verwendung von "Kindergarten" spricht für 1840 oder später, aber: "Kindergarten" (auch: "Kindergärtchen") steht hier für den konkreten Garten der Kinder, nicht für die Spiel- und Beschäftigungsanstalt in Blankenburg.)
(Verhältnis Originalzeile : Transkriptionszeile nicht 1 : 1)

Flüchtig hingeworfene Gedanken, welche der Anlage des Übungsplatzes für die kleinen Kinder Blankenburgs zu Grunde liegen. (Auszug aus einem Briefe)
Um nun Dich unsere lieben Frankfurter und alle die andern sonst förderlich Theilnehmende[n] Freunde an meiner jetzigen Unternehmung und Bestrebung immer mehr in den Geist, Zweck und das Ziel desselben einzuführen, lege ich hier den, irre ich nicht, Dir schon einmal versprochenen Plan des Uebungs- Beschäftigungs-Platzes für mehrere kleine Kinder Blankenburgs bei. Dieser Platz liegt über der Stadt oberhalb der Kirche. An der Seite gegen Nord führt ein schmaler an einer Seite mit Obst bepflanzter Spatzierweg an demselben vorbei. Von diesem Platze kann man dann zur Burg gelangen (der alten Ruine Greifenstein) aber auch auf den Weg nach Keilhau kommen. Vielleicht kannst Du Dich dessen erinnern.
A ist nun der eigentl. Bewegungs- oder Laufspielplatz. Er ist vorwaltend der Ausbildung des Körpers, des Leibes wie dessen Erstarkung und Bekräftigung, so dessen Gewandtheit bestimmt. Daran kränzt [sc.: grenzt]
B der gemeinsame Kindergarten. Wie die Pflanzenwelt durch den einigen Eindruck ihrer Schönheit und Einheit in sich besonders auf das einigende und innige Gefühl auf die Gesammtheit des Gemüthes in seiner ganzen Tiefe wirkt, und dadurch wieder so sittlich erregend, erhebend, stärkend, bildend rc., so ist dieser Platz seiner eigensten und ganz besondern Bestimmung nach vorwaltend der Bildung und Entwickelung des Gemüthes (des Herzens) gewidmet. Im Gemüthe des Menschen soll seine ächte Sittlichkeit tief gegründet werden; es muß aber eine doppelte Richtung oder Seite des Menschen ihre lebenvolle lebendige Einheit und Einigung finden, nämlich die Richtung und Seite nach dem Besondern, Einzelnen und Selbstständigen und nach dem Allgemeinen, Einigen, Gemeinsamen. Dem erstern und der Ausbildung des ersten entsprechen die besondern Spielgärn Spielgärtchen der einzelnen Kinder, in welchem es jedem Kinde und Kindchen verstattet ist um mit J[.] Paul zu reden, sein Infusionsgärtchen anzulegen und zu bebauen.
Also eigenstes und innerstes, stilles, seelenvolles, ungestörtes Gemüthsleben und dessen Ausbildung in sinniger Pflanzenpflege. Diese Kindergärtchen umgiebt der allgemeine und allgemeinsame Garten. Allgemeinsam in /
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seinen Blüthen und Früchten wie in der Pflege und Arbeit die er erfordert eine ächte res publ[i]c[a]. Also tiefe Begründung der Achtung und Pflege des Gemeinwohls schon im zartesten Kindergemüthe. Einigung der gemeinsamen Kräfte und Thätigkeit zu einem einigen gemeinsamen Werke im einigenden Gemüthe und in sich vollendet einigen Erscheinungen und Ergebnissen, wie dieß jede Pflanze ja wieder herabsteigend jeder einzelne Theil derselben, jede Knospe, Blüthe jedes Blatt ist, und doch alle aufsteigend immer <einender> Glieder und so ächte Gliedganze bildend mehrere Blätter einen Zweig, mehrere Blüthen eine Blüthentraube rc ‑ mehrere Zweige einen Ast; mehrere Äste einen Baum pp ein Gewächs. So erscheint der Mensch in seiner ganzen Gemüthseinheit und Gegliedertheit, als ein ganzes Gemüthsgewächs. Wie nun alle Theile an einer Pflanze immer Gliedganze von Gliedganzen höherer Ordnung sind, so ist die Pflanze selbst, obgleich abgeschlossen in sich, ein Gliedganzes verschiedener Ganze <wieder> höherer Ordnung. zB. [sc.: Z.B.] der Weizen ein Gliedganzes des ganzen Getreides; das Getreide wiederum Gliedganzes der ganzen höhern Ordnung, Gräser. Das Kind zu dieser Anschauung jedes Einzelnen zu erheben, um so zuletzt und einmal selbst den Menschen und sich als Gliedganze verschiedener Ganze höherer Ordnung z.B. der Menschheit rc rc. zu erkennen und zu schauen, deßhalb sind mehrere Gewächse vergleichungsweise neben einander gestellt z.B. wie oben gedacht die Getreidearten, die Oehlgewächse rc rc[.] Alles zur beachtenden freyen, zufälligen d.h. spielenden, vergleichenden Beachtung ihrer Entwickelung, vom ersten Keimen bis zur vollendeten Reife der Frucht (die Pflanzen wechseln in einem Cyclus von 2 Jahren so daß vom 2ten bis 7ten Jahre des Kindes jedes Gewächs dreimal betrachtet:)[.]
An B grenzt unmittelbar C. Es ist dies der Platz zu dem in der Kindeswelt so einheimischen Lebens-, zu der Nachahmungs- zu den Darstellungs-, den Bauspielen. Hier fordert es nicht nur Beachten und Bemerken der Dinge zu und für Anwendung, Ausübungen und Gebrauch, sondern auch Vergleichung, Urtheil, Schluß. Also ist hier Erfassung des Kindes in seiner intellectuellen in seiner geistigen Sphäre, als denkendes Wesen. Hier findet zugleich Einführung in das praktische Leben und dessen Kreise durch die Nachahmung der Handwerksspiele rc Statt.
Die Übung auf jedem dieser drei Plätze in sich wieder Ein Ganzes, Einen Platz bildend, hat gleichfalls diese doppelte Eigenschaft, daß jeder derselben einmal das Kind als Einzelnes als ein für /
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sich bestehendes, dann aber auch wieder als Einzelnes, als ein für sich bestehendes, dann aber auch wieder als Glied eines höhern, eines gemeinsamen Ganzen auffaßt, und es so lebend, schaffend, thuend ‑ fühlend empfindend wahrnehmend ‑ so denkend, erkennend, sich schauend und findend macht, wie angedeutet wird in dem Garten, so angedeutet bey den Nachahmungs[-] und den Handwerksspielen, so in und bey den Bewegungsspielen z.B. Beim Ball, Paarlaufen, Schwarzen Mann rc rc das Stehen, Kämpfen, Handeln sind Einer für Alle und Allen für Einen.
Die andere Seite, die jeder Platz zur Beachtung noch darbietet, ist die, daß jeder Platz wieder die drei Richtungen aller Uebungen in sich schließt, so daß die Uebung, Stärkung und Bekräftigung des Körpers und Leibes zugleich die Uebung des Gemüths (d[urc]h Beherrschung der Lust und Leidenschaft) wie die Bildung des Geistes, des Denkens fordert.
Die Gartenthätigkeit vorwaltend achtet auf Bildung und Übung des Gemüthes u. nimmt nicht minder den Körper, den Leib wie den Geist das Nachdenken in Anspruch.
Die Thätigkeit auf dem Platze der Lebens[-] und Nachahmungsspiele nimmt wie das Denken vorwaltend, so auch das Gemüth und den Körper bildend und entwickelnd in Anspruch.
Hieraus geht also ganz klar hervor daß durch die Uebung auf den drei Plätzen (denn ein langer Laufweg, wie der lange Lebenslauf, verknüpft innen alle 3 Plätze) das Kind auch in der Dreieinigkeit oder in der Dreyheit seines in der Erscheinung einigen Wesens ganz erfaßt, entwickelt und ausgebildet, geübt wird und zwar D wieder in der Einigung mit der Familie mit dem älterlichen, väterlichen und mütterlichen Leben mit dem erziehenden menschheitlichen Leben überhaupt. Denn der Platz D ist der Wandelplatz für die besuchenden Eltern und Kinderfreunde, so lebt und bewegt sich das Kind stets unter den Augen derselben, auch wenn sie für den Augenblick nicht gerade gegenwärtig sein sollten. Der Eltern einmalige Gegenwart wird durch die Erinnerung des Kindes eine Bleibende und schon der für die Anwesenheit der Eltern und Verwandte[n] bestimmte Platz läßt sie sich in der Gegenwart derselben fühlen, leben, handeln. Doch der Platz ist noch vollständiger ja allseitig genügend dem Leben des Kindes. Nur drei Andeutungen müssen genügen. Durch den öffentl. und doch einsamen Spatziergang EEE bildet sich das Kind zugleich unter dem stillen und sinnigen /
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Auge der Öffentlichkeit, in FFF liegt die Stadt vor dem Kinde, also das Kind steht auch beachtend, auf kindl. Weise, über den [sc.: dem] öffentlichen Leben, nach Süden nach GGG gewährt der Platz die Aussicht in das Schwarz[a]thal, auf dessen Berge und einigt so wieder das Kind mit der Natur[.]
Auch das jetzt noch fehlende Wasser, das Element des Kinderlebens, wird später noch dazu kommen.
[Text bricht ab]