Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Amalie Müller in Blankenburg v. <vor> 25.11.1839 (Blankenburg)


F. an Amalie Müller in Blankenburg v. <vor> 25.11.1839 (Blankenburg)
(BN 576, Bl 5-6, undatierter Entwurf 1 B fol 4 S. - Datierung: Der Bildungskurs des Winterhalbjahrs hat bereits begonnen. Die Schlußseite des Bogens enthält abschriftlich einen als "Antwort" überschriebenen Brief von Johanne Fischer an Amalie Müller v. 25.11.1839, dieselbe Angelegenheit betreffend. Fischer dürfte die Freundin in Cahla sein, der Amalie Müller die Inhalte des Briefs F.s mitgeteilt hat. - Mglw. wurde der Brief nie ins Reine geschrieben, da Amalie Müller zu diesem Zeitpunkt F.s Haushälterin in Blankenburg war. Briefliste Nr. 901 datiert irrig "25.11.1839".)
(Verhältnis Originalzeile : Transkriptionszeile nicht 1 : 1)

An Malchen Müller.

Kahla betreffend

Damit Du liebes Malchen, die an Dich geschehene Frage wegen Ausbildung eines Kindererziehers oder einer Kinderführerinn am bündigsten beantworten kannst, will ich Dir hier, daß Du mich nicht mißverstehest, die Hauptpunkte schriftlich mittheilen.
Erstlich: Wenn für den genannten Zweck obigen allgemeinen und für den besondern Zweck der Führung oder Mitwirkung an der Kl einer Kleinkinderschule von Kahla aus Jemand hierh zur Ausbildung dafür hierher geschickt werden sollte, so müßte dieß möglichst unmittelbar bewirkt werden, weil nun schon der neue Bildungscurs für dieses Winterhalbjahr, an welchem schon zwey junge Männer, und zwey zu Kinderführerinnen bestimmte junge Mädchen aus Blankenburg Theil nehmen, begonnen hat; dieß umso mehr, weil es so wohl für den Bildling (den einstigen Kinderführer) als für mich und die Anstalt nichts weniger als förderlich ist, wenn neben dem Hauptcursus, welchem alle Kraft gewidmet ist, Jemand noch bey her ausgebildet werden soll. Es bewirkt dieß Stückwerk aus dem immer nur Stückwerk hervorgeht.
Zweytens: Die zu sendende Person kann ein junger Mann oder ein Frauenzimmer seyn. Beydes hat seine Vorzüge. Doch zur neuen Begründung einer Anstalt, nach der von mir angebahnten Spiel- und Beschäftigungsweise der Kinder, wäre wohl ein junger Mann vorzuziehen; und zwar aus dem Grunde, weil selbst eine verheyrathete Frau wohl nur schwierig mit den so höchst lebelustigen und kräftigen Knaben, deren Muth u Kraft man wohl leiten aber nicht zerbrechen /
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darf, auskommen kann. Doch kann natürlich dieß nur beziehungsweise gesagt werden. Denn es giebt manche Frauen, die hierin mehr Sicherheit und Gewandtheit besitzen als mancher junger Mann.
Drittens: Die Eigenschaften die eine solche Person besitzen muß, sind nicht nur Liebe u Neigung zu den Kindern, sondern wirkliche Achtung derselben so wohl als einstige Glieder der menschlichen Gesellschaft sondern wie als Träger des reinen Menschheitswesens. Ein in jeder Hinsicht Beziehung reiner sittiger Charakter wird als in der Sache selbst liegend vorausgesetzt, weil ja einer nichts pflegen und entwickeln kann was er nicht selber ist[.]
Als besondere Anlagen und Fertigkeiten muß einige Kenntniß im ausübenden Gesange, d.h. leichte Auffassung der Melodien u und möglichst klares Singen derselben, im Bereiche des Kinderlebens, gefordert werden.
Anstelligkeit und Gewandtheit zum Kinderspiel wie Freude daran liegt ebenfalls in der Natur der Sache und braucht wohl kaum hervorgehoben zu werden.
Viertens: Die Dauer des Aufenthaltes hier müßte mindestens bis Ostern seyn, wo dann doch immer eine stetig festgehende innere Verknüpfung mit der hiesigen Anstalt nothwendig wäre, um im Geiste derselben wirksam zu seyn und sich fortzubilden; weil das Feld ein so reiches ist, daß selbst in einem halben Jahre di nur ein bestimmter Theil davon durchlaufen werden kann. Doch ist ein solcher Zeitraum auch wohl hinlänglich, um daß bey /
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Fleiß u Hingabe an den Gegenstand u unter der eben ausgesprochenen Bedingung und bey des Wechselverkehrs mit hier, der bey der geringen Entfernung Kahlas von Blankenburg doch nicht schwierig ist eine Person für den gedachten Zweck sich ausbilden kann, indem dadurch der bil-
Fünftens
: dende Wechselverkehr zwischen beyden Anstalten leicht ist u besonders. Was die Führung einer solchen Anstalt im Sommer durch Garten- u Gewächspflege, durch Naturbeachtung fordert würde die hiesige Anstalt gern mit besondern Rath an die Erf Hand gehen würde[.]
Fünftens. Was nun die Kosten für eine solche Person betreffen, so glaube ich würden sie dann von dem geringsten Betrag seyn, wenn sich eine solche Person hier bey einer ordentlichen u achtbaren Familie in Quartier u Kost gäbe. Im vorigen Jahre weiß ich zahlte ein junger Mensch hier dafür, jedoch ohne das Waschen, 1 rth 16 <gr> wöchentlich, oder monatlich 6 rth 16 <gr>. Freylich sind jetzt die Preise von den Lebensmitteln theurer, u ich kann nicht behaupten, ob jetzt nur ebenso wenig gefordert werden würde.
Sechstens: Was den Unterricht betrifft, so kannst Du, liebes Malchen Deiner Freundinn schreiben, daß ich in mir den Entschluß gefaßt hätte, der ersten von den benachbarten Städten welche zur Einführung dieser Kinderpflege u Spiele in ihre Familien eine eigene Person zur Ausbildung dafür hierhersenden würde den Unterricht frey geben wolle. Würde nun Kahla diese erste Stadt seyn, so hätte sie auf die Erfüllu[n]g dieses stillschweigend von mir gegebenen Wortes Anspruch. /
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Siebtens[:] Es versteht sich übrigens zur Ausbildung dieser Person von sich selbst, daß dieselbe nicht nur nicht willkürlich sondern fest bestimmt an den täglichen Spiel- und Beschäftigungsstunden der hiesigen Kleinkinderanstalt unausgesetzt Antheil nehme, u dabey gleich mir u den übrigen Führenden mitwirkend auf die Erfüllung der Forderung sehe, die eine solche Anstalt in u außer dem Spiele macht.
Grüße Deine liebe Freundin recht freundlich u durch sie ihren He Bruder d[en] He Bürgermeister recht achtungsvoll, u möchte ihm sagen, d[a]ß er <sein> wenn auch dieß zu keinem Ergebniß führen sollte, mich recht bald besuchen möchte um sich durch den Augenschein von dem Stand der Sache zu überzeugen. <unterrichten>
Achtens: Außer der Theilnahme an der stets wie Du weißt unmittelbar von mir oder mein[em] mitarbeitenden Freund geleiteten Spielschule besteht der die Ausbildung noch besonders in 1 od. 2stündigen Unterricht noch vormittags u den daraus privat hervorgehenden Privatarbeiten und Übungen.
Wenn Du willst kannst Du auch noch beyliegendes Druckblatt mit überschicken.